mafia facharbeit by 30D6i7

VIEWS: 0 PAGES: 25

									                                    Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung .................................................................................... 2

2 Definition von organisierter Kriminalität .................................. 3

3 Sizilien ......................................................................................... 3

  3.1 Die Geschichte Siziliens ......................................................................... 4
     3.3.1 Traditionen, Werte und Mentalität in Sizilien ................................................. 7
  3.2 Politik in Sizilien ...................................................................................... 9
  3.3 Wirtschaft in Sizilien ............................................................................... 9
     3.3.1 Die Südfrage .............................................................................................. 11
4 Organisierte Kriminalität in Sizilien ........................................ 13

  4.1 Geschichte der Cosa Nostra ................................................................ 15
     4.1.1 Mafia in der konstitutionellen Monarchie..................................................... 15
     4.1.3 Mafia im Faschismus.................................................................................. 16
     4.1.4 Mafia und die alliierte Militärverwaltung ...................................................... 17
     4.1.5 Wandlung zur Neuen Mafia in der parlamentarischen Demokratie ............. 17
     4.1.6 Mafia in Zeiten der Globalisierung .............................................................. 19
5 Mafia und die Politik ................................................................. 20

  5.1 Aspekte der Ökonomie der Mafia ......................................................... 20
  5.2 Politische Macht der Neuen Mafia ....................................................... 21
  5.3 Exkurs: Chancen der Antimafia-Bewegung ........................................ 22
6 Anhang ...................................................................................... 24

  6.1 Literaturverzeichnis .............................................................................. 24
  6.2 Versicherung der selbstständigen Erarbeitung .................................. 25
  6.3 Veröffentlichungseinverständnis ......................................................... 25




                                                                                                                       1
                                          1 Einleitung

Sizilien ist mit 25.703 km2 die größte Insel des Mittelmeeres und eine autonome
Region der Republik Italien. Sie liegt südwestlich der Stiefelspitze Italiens, ihr
markantestes Merkmal ist der Vulkan Ätna. Im Norden begrenzt das Thyrrhenische
Meer, im Süden die Straße von Sizilien und im Osten das Ionische Meer die Insel.
Sizilien hat rund fünf Millionen Einwohner. Provinzhauptstadt ist Palermo und mit
670.000 Einwohnern gleichzeitig die größte Stadt der Insel. Die Liparischen Inseln,
sowie die Ägadischen Inseln gehören zu Sizilien.1
Die vorliegende Facharbeit soll einen Überblick über das organisierte Verbrechen in
Sizilien vermitteln. Um zu einem umfassenden Verständnis der Problematik zu
gelangen, muss eine Analyse der Mentalität und Werte in Sizilien, die eng mit der
bewegten Geschichte der Insel zusammenhängen, vorangestellt werden. Aus dieser
Analyse erschließt sich der Schwerpunkt meiner Arbeit, nämlich die Verankerung der
Mafia in der sizilianischen Gesellschaft und damit die Möglichkeit zu ihrer uneinge-
schränkten Entfaltung und Allgegenwart.
Die Entscheidung für dieses Thema ist mir leicht gefallen. Schon länger interessiere ich
mich für das organisierte Verbrechen, speziell in Italien. Erschreckend ist die karge
Informationslage in Deutschland und die „lasche“ Umgehensweise der deutschen
Behörden mit dem Thema. Schon seit Jahrzehnten tangieren die Machenschaften der
italienischen Mafia die Bundesrepublik, doch noch bis vor wenigen Jahren wurde die
sie in Deutschland offiziell als Mythos behandelt. Die fortschreitende Globalisierung hat
zur Folge, dass die Mafia ihre Tätigkeiten immer mehr auf das „ignorante“ Deutschland
ausweitet. Die Beschäftigung mit dieser Form der Kriminalität ist dringend nötig.
Der Besuch der Landesbibliothek in Hannover hat die Quellensuche deutlich erleichtert
und gute Einblicke in das zielgerichtete Forschen nach Quellen gewährt. Deren
Gewichtung jedoch bereitete mir einige Probleme.
Die intensive Beschäftigung mit den Quellen hat mein Wissen über die Cosa Nostra
deutlich erweitert und das Verständnis vertieft, die inhaltliche Bearbeitung der
Facharbeit war insgesamt sehr interessant.
Als großes Problem stellte sich lediglich die Suche nach einer Verbindung zwischen
dem sizilianischen Naturraum und der Entstehung der Mafia heraus.




1
    Vgl. „Brockhaus Multimedia 2005“ ; Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG

                                                                                        2
          2 Definition von organisierter Kriminalität

Als organisierte Kriminalität bezeichnet man allgemein Gruppierungen und
Organisationen, die ihre Ziele planmäßig und unter Anwendung krimineller Druckmittel
zu erreichen versuchen.
In Deutschland wird die organisierte Kriminalität wie folgt definiert: „Organisierte
Kriminalität ist die von Gewinn- und Machstreben bestimmte planmäßige Begehung
von Straftaten, die einzeln oder in ihrer Gesamtheit von erheblicher Bedeutung sind,
wenn mehr als zwei Beteiligte auf längere oder unbestimmte Dauer arbeitsteilig – unter
Verwendung gewerblicher oder geschäftsähnlicher Strukturen, unter Anwendung von
Gewalt oder anderer zur Einschüchterung geeigneter Mittel oder unter Einflussnahme
von Politik, Medien, öffentlichen Verwaltungen, Justiz oder Wirtschaft
zusammenwirken.“1


                                           3 Sizilien

Sizilien ist mit 25.703 km2 die größte Insel des Mittelmeeres und ist eine autonome
Region der Republik Italien. Sie liegt südwestlich der Stiefelspitze Italiens, ihr
markantestes Merkmal ist der Vulkan Ätna. Im Norden begrenzt das Thyrrhenische
Meer, im Süden die Straße von Sizilien und im Osten das Ionische Meer die Insel.
Sizilien hat rund fünf Millionen Einwohner. Provinzhauptstadt ist Palermo und mit
670.000 Einwohnern gleichzeitig die größte Stadt der Insel. Die Liparischen Inseln,
sowie die Ägadischen Inseln gehören zu Sizilien.2
Die überwiegend hügelige Landschaft der Insel ist ideal als Rückzugsgebiet für
Gesetzesbrecher geeignet und die Lage als Insel verhindert schnelle
Eingriffsmöglichkeiten von außen.
Der Naturraum hat im Vergleich zur Geschichte der Insel allerdings nur wenig
Relevanz für das Entstehen der Cosa Nostra.




1
    Vgl. http://www.bmj.bund.de/files/-/2720/RiStBV%20Stand%202008-01-01.pdf; 06.03.2008
2
    Vgl. „Brockhaus Multimedia 2005“ ; Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG

                                                                                           3
3.1 Die Geschichte Siziliens

Wie kaum eine andere Weltgegend ist Sizilien während großer Teile seiner Geschichte
von fremden Völkern beherrscht und geprägt worden. Dies ist vor allem durch die
zentrale Lage im Mittelmeer zu erklären. Für Seefahrt und Handel hatten die
sizilianischen Küstenstädte stets eine große Bedeutung. Aus diesem Grund wurde die
Insel in ihrer Geschichte immer wieder von neuen Eroberern eingenommen und
besiedelt. In jeder Epoche floss so etwas Neues aus vollkommen unterschiedlichen
Kulturen ein und sei es nur das Erbgut roter Haare oder blauer, „schwäbischer“
Augen.1 Äußerst selten und wenn auch nur für kurze Zeit war Sizilien politisch
selbstständig. Den Großteil seiner Geschichte verbringt die Insel als Enklave oder
„Kolonie“ von entfernten Reichen oder Staaten.2
Die ältesten Bewohner Siziliens waren die Sikaner, vermutlich mit nordafrikanischer
oder iberischer Abstammung. Sie wurden gegen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. von
den Sikulern, von denen der Name „Sizilien“ abgeleitet ist, in den Westen der Insel
verdrängt. Gleichzeitig siedelten sich aus Kleinasien stammende Elymer an.3
Im 14. bis 11. Jahrhundert v. Chr. lag Sizilien im Mittelpunkt der phönizischen
Handelverbindungen im Mittelmeer. Die Phöniker errichteten Handelsniederlassungen
an der Westküste der Insel, unter anderem Panormos, das heutige Palermo.
Die bedeutende Geschichte Siziliens beginnt jedoch mit der Ankunft der griechischen
Kolonisatoren in der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr.. Die Griechen kamen im
Gegensatz zu den Phönikern nach Sizilien, um Land zu erwerben und einen neuen
Lebensraum zu finden. Allein um das Jahr 600 soll es im gesamten Mittelmeerraum
250 Städtegründungen griechischer Emigranten gegeben haben. Die, besonders aus
heutiger Sicht, wichtigsten Städtegründungen auf der Insel waren Syrakusai (Syrakus),
Katane (Catania) und Zankle (Messina). Sizilien wurde zum westlichsten Mittelpunkt
griechischer Kultur.
In der Folgezeit gab es immer wieder Konflikte, besonders im Westen der Insel, der im
Besitz der Karthager war.
Diese Auseinandersetzungen wurden erst durch die drei punischen Kriege, die das
aufstrebende Rom gegen Karthago führte, beendet und Sizilien wurde erstmals
römische Provinz. Die Insel galt als Kornkammer Italiens. Bis auf die beiden
„sizilianischen Sklavenkriege“ am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. erlebte Sizilien bis
zum Zerfall und Untergang des Weströmischen Reiches eine neue Friedensära.


1
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 65
2
  Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S. 47
3
  Vgl. „Brockhaus Multimedia 2007“ ; Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG


                                                                                          4
Im Jahr 440 n. Chr. wurde Sizilien von den Wandalen in Besitz genommen, ihnen
folgten etwa 50 Jahre später die Ostgoten. 535 n. Chr. begann für die Insel die Zeit
unter byzantinischer Herrschaft, in der sich Sizilien abermals zu einem zentralen
Handelsplatz im Mittelmeer entwickelte.
Nachdem die Insel in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts unter mehreren Raubzügen
der Araber zu leiden hatte, fiel Sizilien faktisch 831 n. Chr. an dieses Reich, obwohl
Byzantiner Syrakus noch weitere 50 Jahre und einige Festungen im Norden sogar bis
in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts halten konnten. Die Araber brachten neue
Bewässerungstechniken nach Sizilien, wodurch die Landwirtschaft einen Aufschwung
erlebte. Der Versuch der Araber, ihre Religion und Gewohnheiten in Sizilien zu
etablieren, indem sie etwa christliche Kirchen in Moscheen umwandelten, schlug
jedoch fehl.
1061-91 eroberten die Normannen unter Roger I. Sizilien. Im Gegensatz zu den
Arabern verfolgten die Normannen nicht das Ziel der Besiedlung Siziliens und so war
es vielen Arabern möglich, weiter auf Insel zu wohnen. 1130 wurde das Königreich
Sizilien unter Roger II. ausgerufen.
Es folgte die Zeit der Staufer als Herrscher Siziliens. Heinrich VI., Sohn Friedrich
Barbarossas, erhob 1189 im Namen seiner Frau Konstanze, der Erbin des
Königreiches Sizilien, Anspruch auf das Normannenreich. Er musste diesen Anspruch
militärisch durchsetzten. Sein Sohn Federico II. (Friedrich II.) installierte nach seiner
Krönung zum König Siziliens 1198 einen straff organisierten Verwaltungsapparat mit
hauptamtlichem Personal³. Palermo, inzwischen wichtigste Stadt der Insel, und Sizilien
waren damit historische Vorreiter in Hinsicht auf Organisation der Herrschaft.
Die Herrschaft der Staufer endete vor allem bedingt durch den Streit zwischen
papsttreuen Ghibellinen und kaisertreuen Guelfen, der damals Städte und Staaten der
italienischen Halbinsel spaltete.
Durch ein Abkommen mit Papst Urban IV. und den darauf folgenden Krieg im Jahr
1266 nahm Karl I., Graf von Anjou und Bruder des französischen Königs Ludwig IX.
das Königreich Sizilien in Besitz. Die Franzosen verloren allerdings 1282 die Insel
durch einen der wenigen großen Aufstände in der Geschichte Siziliens, die
„sizilianische Vesper“. Der von Palermo ausgehende Aufstand ist der
Geschichtsschreibung nach spontan verlaufen, es wurden zahlreiche Franzosen
getötet, die restlichen vertrieben. Dem Aufstand folgte aber keine Machtübernahme
durch Sizilianer, vielmehr übernahm das spanische Herrscherhaus Aragon die
Herrschaft. Damit war eine wichtige Vorraussetzung für den späteren Aufstieg
Spaniens zur Weltmacht geschaffen.




                                                                                            5
Bis dahin hatte die zentrale Lage im Mittelmeer Sizilien als Handelsstützpunkt
begehrenswert gemacht. Durch die portugiesischen Entdeckungen entlang der
afrikanischen Küste bis hin zum Kap der Guten Hoffnung wurde die herausgehobene
Stellung Siziliens allerdings relativiert: Die Welthandelsrouten wurden durch die
spanische Expansion gen Westen und die Weltumsegelung Magellans neu bestimmt,
Europas ökonomischer Schwerpunkt verlagerte sich nach und nach und das
Mittelmeer und mit ihm Sizilien als dessen Drehscheibe verloren an ökonomischer
Bedeutung.1 2 3
Nachdem die Freischaren Giuseppe Garibaldis Sizilien eingenommen hatten, kam es
1861 zur Vereinigung der Insel mit dem neuen Königreich Italien. Allerdings hatte die
Regierung nur wenig Verständnis für den Süden. Den neuen Staat dominierten die
Regionen, die sich nördlich, europäisch orientierten und in denen bereits die
industrielle Revolution einsetzte. Folgerichtig entwickelte sich auch die italienische
Steuerpolitik in Richtung Begünstigung von Handel, Gewerbe und Industrie, während
gleichzeitig die Landwirtschaft erheblich benachteiligt wurde. Das agrarisch dominierte
Sizilien war dadurch natürlich besonders betroffen, was zu Spannungen und vereinzelt
sogar zu kleineren Aufständen führte, die aber sofort niedergeschlagen wurden.
Sizilien mit seinen kulturellen Einflüssen aus Nordafrika und dem Orient wurde faktisch
zu einem kolonieartigen Anhängsel mit anderer Geschichte, Bevölkerung, Kultur,
Mentalität und wirtschaftlicher Struktur. Heute noch fühlen sich viele Sizilianer primär
als Sizilianer und nicht als Italiener.4 5
In der Folgezeit wurde die wirtschaftliche Kluft zwischen Nord und Süd immer größer,
was schließlich eine starke Auswanderungswelle ab dem Ende des 19. Jahrhunderts,
besonders in die USA auslöste.6
1922 übernahm das faschistische Mussolini-Regime die Macht in Italien. Ziel war das
Errichten eines italienischen Imperiums, es gelang aber auch den Faschisten nicht,
den wirtschaftlichen Rückstand des Südens zu beseitigen.
1943 wurde auf der Insel das Ende des Regimes eingeläutet: Am 10. Juli begann
unter dem Codenamen „Operation Husky“ eine alliierte Invasion in Sizilien, die den
Auftakt des alliierten „Italienfeldzuges“ bildete. Noch im Sommer desselben Jahres
wurde Mussolini als Regierungschef abgesetzt.7
Ein Jahr nach Kriegsende erhielt Sizilien wirtschaftliche und kulturelle Autonomie, um
den immer lauter werdenden separatistischen Bestrebungen entgegenzuwirken. Die
1
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 65-73
2
  Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S. 47-52
3
  Vgl. „Brockhaus Multimedia 2007“ ; Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG
4
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 77-78
5
  Vgl. HENNER HESS: Mafia; S. 49
6
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 78
7
  Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S. 289-305

                                                                                           6
folgenden Jahrzehnte sind weiter vom wirtschaftlichen Niedergang und Armut in
Sizilien geprägt. Norditalien, die USA und seit den 50er Jahren auch die BRD werden
immer öfter Ziele von Emigranten, die der misslichen Lage zu entgehen versuchen.
Von 1951 bis 1971 wanderten vier Millionen Sizilianer nach Norditalien und ganz
Europa aus, um Arbeit zu finden. Seit Mitte der der 70er Jahre stagnierte die
Abwanderung jedoch und entwickelte sich in der Folgezeit sogar rückläufig, weil viele
Gastarbeiter zurückkehrten, um ihr im Ausland verdientes Geld nun in der Heimat,
etwa in ein eigenes Haus zu investieren.1
Auch in den 80er Jahren nimmt das Nord-Südgefälle trotz beträchtlicher Investitionen
in die „Südkasse“ noch weiter zu, worauf ich aber genauer in 3.3.1 eingehen werde.
Allgemein ist Sizilien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, besonders seit den
späten 70er und frühen 80er Jahren, von Korruption, Erpressung, Angst und der
Allgegenwart der Mafia geprägt. Sie verhinderte entscheidend die Annäherung der
Insel an den Norden, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell.2
Somit ist Sizilien, mehr noch als der übrige Süden des Landes, immer noch eine
rückständige Region.


3.3.1 Traditionen, Werte und Mentalität in Sizilien
Dass es regionale Unterschiede von Mentalität, also Geisteshaltung und
Werteorientierung gibt, steht fest. Es besteht jedoch immer die Gefahr von
ungerechtfertigten Generalisierungen. Die Mentalität einer bestimmten Gruppe ist
niemals allgemeingültig zu beurteilen. Zu groß sind individuelle Unterschiede von
Einstellungen und Handlungsmustern. Unter Berücksichtigung dieser Einschränkungen
lassen sich jedoch Tendenzen hinsichtlich der Werteorientierung und Verhaltensmuster
erkennen.
Wenn man sich mit der Demoskopie in Sizilien beschäftigt darf man Danilo Dolci nicht
außer Acht lassen. Er stellte in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts
Studien zur Werteorientierung einfacher Sizilianer an.
Ein zentrales Themen Dolcis Studien ist die Gewalt in sozialen Beziehungen und deren
Anerkennung als soziales Regulativ. Gewalt, so wurde es Dolci von seinen Interview-
Partnern vorgetragen, galt als normales Mittel der Interessendurchsetzung. Der
Gebrauch von Gewalt und Einschüchterung war, wahrscheinlich durch die schwierige
und von Unterdrückung geprägte Geschichte Siziliens bedingt, Teil der regionalen
Kultur geworden. Die Fähigkeit, mit physischer Gewalt Zwang auszuüben, wurde als
Wert an sich geschätzt. Diejenigen, die sich in dieser Hinsicht hervortaten, genossen


1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 92
2
    Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S.407-412

                                                                                        7
den größten Respekt. Den dazu passenden Grundsatz formuliert Raimondo
Catanzaro: „Es existieren keine institutionalisierten Kanäle der sozialen Mobilität,
der einzige Ausweg bestand darin, auf Gewalt zurückzugreifen.“
Ähnlich wie die Akzeptanz der Gewaltanwendung verhielt sich die Vorstellung vom
Wert eines Menschenlebens. Ein Interview-Partner Dolcis stellt es wie folgt dar: „Gold,
um ein Beispiel anzuführen, stellt hier für alle Menschen einen Wert dar; ein
Mann aber gilt nur für seine Verwandten, seine Freunde oder die Freunde seiner
Freunde. Den übrigen Menschen bedeutet er gar nichts.“
Ferner muss erwähnt werden, dass im ländlichen Sizilien Bildung bis weit in die 1950er
Jahre hinein einen sehr niedrigen Stellenwert hatte, der mit den heutigen Verhältnissen
nicht gleichgesetzt werden kann. Mittelalterliche Züge fanden sich im gesamten Süden
Italiens noch zu der Zeit, in der der Italien-Tourismus bereits anlief.
Weitere wichtige Untersuchungen stellte 1954 auch der Amerikaner Edward Banfield
an. Er ging im selben Jahr für neun Monate in ein kleines Dorf in der Provinz Lucania,
dem er das Pseudonym Montegrano gab: Eine Gemeinde von 3400 Einwohnern, die
meisten von ihnen arme Bauern und Arbeiter, ein Drittel Analphabeten. Sein Ziel war
es, die kulturellen, psychologischen und moralischen Bedingungen des
Zusammenlebens in der Gemeinde zu analysieren. Seine Untersuchungen belegen vor
allem den hohen Stellenwert persönlicher Bindungen und Loyalitäten, die in einer
Gesellschaft, in der Gewalt ein anerkanntes Mittel ist und häufig die Rechtssprechung
ersetzt, den einzigen Schutz vor Unterdrückung bieten.
Das Verhalten der Montegranesen beschrieb Banfield mit dem Term „amoralischer
Familismus“, was nicht mit unmoralisch gleichzusetzten ist. Amoralisch beschreibt die
Unabhängigkeit vom Wertesystem und nicht dessen Verletzung. Die Quintessenz
dieser Untersuchung ist die These, dass niemand im Interesse einer Gruppen oder
Gemeinschaft handelt, wenn es nicht seinem privaten Vorteil dient. Christliche
Wertmaßstäbe spielen für konkrete Handlungsentscheidungen keine Rolle. Das wirkt
sich natürlich auch auf die Politik aus, da Amtsinhaber folgerichtig ihren persönlichen
Interessen einen höheren Stellenwert geben werden als den kollektiven Bedürfnissen.
Zielstrebiges Zusammenarbeiten mit einem gemeinsamen Ziel wird so zur Utopie.
Daraus resultiert das wohlbekannte Misstrauen der Sizilianer in den Staat und seine
Verwaltungsorgane, das sich die Mafia zu Nutze macht. Das gesamte Leben der
Sizilianer beruht auf Misstrauen gegenüber dem Staat und macht es den Behörden,
deren Vertreter nicht selten aus Norditalienern rekrutiert wurden, schwer, das Volk für
sich zu gewinnen.1



1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 120-133

                                                                                          8
Überwiegend denken viele Sizilianer primär an ihren eigenen und den Vorteil ihrer
Familie, was in ihrem sozial schwierigen und häufig gewalttätigen Umfeld tatsächlich
einer gewissen Schutzfunktion gleichkommt und nicht etwa mit „Egoismus“ zu
verwechseln ist. Auf diesem „psychologischen Fundament“ ist es der Mafia möglich,
sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen bestens zu entwickeln.


3.2 Politik in Sizilien

Das Verständnis der politischen Verhältnisse und Strukturen in Sizilien ist immens
wichtig, um ein Gesamtverständnis der Organisation Cosa Nostra und deren
Machtgewinnung zu erlangen. Die Mafia kann nur existieren, indem sie die Politik
durchdringt und sich damit sowohl Macht als auch Schutz vor strafrechtlicher
Verfolgung sichert.
Sizilien ist eine autonome Region innerhalb des Staates Italien, das heißt, die Insel hat
ihr eigenes Parlament, eine Regionalverfassung und eine größere Autonomie bei der
Gesetzgebung. Sitz des sizilianischen Parlaments und gleichzeitig Hauptstadt der
Region ist Palermo. Seit dem 29. Mai 2006 ist der höchst umstrittene Salvatore Cuffaro
Präsident Siziliens. Die Insel ist in neun Provinzen untergliedert, die wiederum in 390
Gemeinden unterteilt sind.1
Auf die Verstrickungen zwischen Mafia und Politik werde ich in Punkt 5.2 eingehen.


3.3 Wirtschaft in Sizilien

Sizilien ist wie der gesamte Mezzogiorno im Vergleich zu Norditalien und auch im
Vergleich zu den meisten übrigen EU-Staaten wirtschaftlich unterentwickelt. Oft wird
dieser Umstand mit dem Term „Südfrage“ beschrieben.
Den größten Anteil an der sizilianischen Wirtschaft nimmt der Dienstleistungssektor
ein. Etwa 70% aller Arbeitsplätze fallen in diesen Bereich. Vor allem der seit den 70er
Jahren des letzten Jahrhunderts stark wachsende Tourismus trägt einen großen Teil
dazu bei. Auch die Landwirtschaft ist in Sizilien im Vergleich zum Norden Italiens
wirtschaftlich sehr bedeutend. Der industrielle Sektor nimmt eine untergeordnete Rolle
ein.2
Im wasserarmen inneren Hügelland wird extensive Landwirtschaft betrieben (Weizen-
und Bohnenanbau, Weidewirtschaft), in den Küstenlandschaften werden intensiv vor
allem Zitrusfrüchte, Oliven, Wein, Mandeln und Baumwolle angebaut. Dazu ist eine


1
    Vgl. „Brockhaus Multimedia 2007“ ; Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG
2
    Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S.331

                                                                                          9
intensive Bewässerung nötig. Die Güter aus der Landwirtschaft werden vor allem in
den reichen Norden des Landes „exportiert“.1
Die Fischerei hat in Sizilien eine lange Tradition, spielt aber wirtschaftlich keine große
Rolle. Folgende Gründe erklären warum: das warme Binnenmeer bringt zwar einen
sehr großen Artenreichtum hervor, es fehlt aber die große Individuenzahl. Der relativ
geringe Sauerstoffgehalt des warmen Wassers hat eine Nährstoffarmut zur Folge und
schränkt den Lebensraum der Tierwelt ein. Die durch den Planktongehalt messbare
biologische Primärproduktion beträgt in den Küstengebieten Siziliens im Schnitt
18mg/m³ - dazu im Vergleich in der Nordsee 57 mg/m³. Dennoch wird Fischerei
betrieben, für die Blaufische (vor allem die Sardine), die meist zu Fischmehl und
Hühnerfutter verarbeitet werden, die Grundlage bieten. Auch Speisefische wie z.B. der
Rote Thunfisch, der vor Siziliens Nordküste gefangen wird, sind sehr begehrt. Dazu
kommt der Fang anderer Meerestiere, vor allem Hummer, Langusten, Seeigel,
Schnecken, Muscheln und Tintenfischen, die auf heimischen Märkten vergleichsweise
günstig angeboten werden, aber auch an exklusive Abnehmer aus ganz Europa
verkauft werden. Insgesamt erwirtschaftet Sizilien 30% des gesamtitalienischen
Fischfangs und sogar 70% des Fangs von Krustentieren.2
Die einzigen Industriegebiete haben sich um die größten Städte der Insel (Palermo,
Catania, Syrakus, Ragusa und Messina) an der Küste entwickelt. Schwerpunkt sind die
petrochemische Industrie, der Maschinen- und Schiffbau und die Erdöl- und
Erdgasförderung. Auffällig ist die unregelmäßige Wasserverschmutzung rund um
Sizilien. Während das Meer am Großteil der Küstenlinie so gut wie keine über den
Durchschnitt des Mittelmeeres hinausgehende Verschmutzung ausweist, bilden die
Gewässer vor den genannten Industriegebieten kleine Enklaven: Hier ist die
Verschmutzung sehr hoch und hat bereits einen bedenklichen Grad erreicht.
Schutzmaßnahmen werden erst seit den letzten Jahren vorrangetrieben.3 Eine
Ausnahme im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung der Insel bildet die Stadt
Catania. Hier haben sich in den 1990er Jahren mehrere Hochtechnologieunternehmen
angesiedelt, das wichtigste ist sicherlich der schweizerische Elektronikkonzern
STMicroelectronics, der 4600 Mitarbeiter im Bereich Forschung und Produktion
beschäftigt. Der Schwefelbergbau, der bereits in der Antike nördlich und östlich von
Agrigent im Dreieck „Sciacca-Enna-Gela“ betrieben wurde und in dem Sizilien mit bis
zu 90% Anteil an der gesamten Weltproduktion noch bis ins frühe 20. Jahrhundert
führend blieb, kam vor allem durch billigere Konkurrenz aus den USA in den 80er
Jahren des letzten Jahrhunderts vollständig zum Erliegen.

1
  Vgl. „Brockhaus Multimedia 2007“ ; Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG
2
  Vgl. Hausarbeit: Die physische Geographie Siziliens; S. 6
3
  Vgl. Hausarbeit: Die physische Geographie Siziliens; S. 6

                                                                                         10
Eine dazu gegenläufige Entwicklung zeigt der für Sizilien enorm wichtige Tourismus. In
den ersten Jahrzehnten des in den 1950er Jahren anlaufenden „Italientourismus“
wurde der gesamte Mezzogiorno noch überwiegend außer Acht gelassen, bzw.
touristisch nicht erschlossen. Der Anreiseweg mit dem Auto, für die breite Masse
damals praktisch die einzige Anreisemöglichkeit, war zu weit. Dies änderte sich
schrittweise seit den 70er Jahren. Die Erschöpfung der üblichen Reiseziele wie z.B.
Rimini, die immer breiter werdende reiselustige Mittelschicht und nicht zuletzt die
Ausweitung des Flugverkehrs und dessen Erschließung für den „normalen Bürger“
trugen dazu bei, dass Süditalien als Reiseziel immer beliebter wurde. Viele Touristen
reisten nun anstatt nach Rom nach Neapel oder Palermo. Auf den ersten Blick
erscheint es merkwürdig, warum ausgerechnet Süditalien, speziell Sizilien mit einer
enorm hohen Mord- und Verbrechensrate und einem allgemein schlechten Ruf als
Mafialand, zum Reiseziel wurden. Dies hat einen einfachen Grund. Die Cosa Nostra
schützt die Touristen, weil der Fremdenverkehr für sie eine wichtige Einnahmequelle
darstellt und man auf die Touristen folgerichtig angewiesen ist. Diebstahl oder sogar
der Mord an Touristen wird von der Mafia nicht selten mit dem Tod bestraft. Die häufig
überzogene Herzlichkeit, die blonden Menschen in Sizilien entgegengebracht wird, hat
durchaus nichts mit der Vorliebe für die helle Haarfarbe zu tun, sondern viel mehr mit
dem Druck, den die Mafia auf die Bevölkerung ausübt, nämlich jeden Touristen ohne
Ausnahme höflich und zuvorkommend zu behandeln. Die Zufriedenheit der Urlauber
und damit die günstige Entwicklung des Tourismus auf der Insel ist eines der primären
ökonomischen Ziele der Mafia.
Trotz des florierenden Fremdenverkehrs bleibt Sizilien eine unterentwickelte Region
innerhalb Italiens, was sich wohl auch in absehbarer Zeit kaum ändern wird.


3.3.1 Die Südfrage
Die Südfrage ist seit mehr als hundert Jahren eines der zentralen Themen und
Probleme in der italienischen Politik. Oft wird die Südfrage als Grund für die häufigen
Unstimmigkeiten zwischen Nord- und Süditalien ausgeführt.
Zum Zeitpunkt der nationalen Einigung 1861 bestand schon ein wirtschaftliches
Ungleichgewicht zwischen dem Norden und dem Süden Italiens. Es wuchs weiter an,
weil im Norden des Landes im Zuge der industriellen Revolution die ökonomische
Expansion fortschritt, während der Süden noch durch die Grundstrukturen des
Feudalismus bestimmt war.1




1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 66-67

                                                                                          11
Bis in die heutige Zeit bleibt der Süden des Landes mit den Inseln Sizilien und
Sardinien unterentwickelt, was in 50er bis 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zu
starken Abwanderungswellen führte.
Der Süden hat sich seit Kriegsende zweifellos entwickelt. Das Nord-Südgefälle nahm
und nimmt aber immer noch weiter zu, weil die Wirtschaft des Nordens schneller
wächst als im Süden: Das Wirtschaftswachstum in den 80er Jahren des 20.
Jahrhunderts hat sich vorwiegend auf den Arbeitsmarkt der Mitte und des Nordens von
Italien positiv ausgewirkt. Von 1985 bis 1988 ist die Arbeitslosenquote in Mittel- und
Norditalien von 8,4% auf 7,7% gesunken, während sie in Süditalien im gleichen
Zeitraum von 14,3% auf 20,6% stieg. Dies liegt auch an der demographischen Struktur.
Im Süden wächst die Bevölkerung im Gegensatz zu Norditalien immer noch an. Der
Mezzogiorno hat im genannten Zeitraum zwar 11.000 Arbeitslätze hinzugewonnen,
gleichzeitig ist aber die Zahl der Arbeitslosen um 151.000 angewachsen.1
Folgende Tatsache hilft, das Ausmaß des Nord-Südgefälles zu veranschaulichen: Die
Fläche des Mezzogiorno beträgt 41% der Gesamtfläche Italiens, aber nur 35% der
Bevölkerung leben dort. Diesen Menschen steht im statistischen Mittel für den privaten
Konsum nur halb so viel Geld pro Kopf zur Verfügung wie denen im Norden. Noch
drastischer wird das Ausmaß der Problems, wenn man eine Studie von 1989
betrachtet: Verglichen wurde in dieser Studie das jeweilige Pro-Kopf-Einkommen pro
Jahr in einigen norditalienischen Kommunen (24,57 Millionen Lire bis 35,06 Millionen
Lire / 34.000 bis 47.000 DM) mit dem einiger Gemeinden in Süditalien (3,5 Millionen
Lire bis 4,37 Millionen Lire / 4.800 DM bis 6.400 DM).2
Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, dass in dem Jahrzehnt nach dem Zweiten
Weltkrieg im Mezzogiorno verhungernde Kinder an der Tagesordnung waren. In der
heutigen Zeit, besonders seit den letzten 20 Jahren, leben die Menschen im Süden
nach den gleichen Wohlstandsmustern wie im Norden. Doch immer noch leben viele
Familien in Armut.3 Alle Beispiele und Studien gelten gleichermaßen für Sizilien.
Schon vor der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert gab es erste, kleinere Projekte
Regierung zur Entwicklungshilfe für den Süden, die jedoch kaum Wirkung erzielten.
Erst mit der Einführung der sogenannten „Südkasse“ („Cassa per il Mezzogiorno“³ oder
kurz „Cassa“ oder „Casmez“), die die italienische Regierung im Jahr 1950 einrichtete,
kamen die ersten Erfolge. In der ersten Phase des Projektes wurde vor allem in die
Infrastruktur des Südens investiert. In den 60er Jahren wurden dann Industriezentren
errichtet und in den 70er Jahren wurde wieder in die Infrastruktur aber vor allem in die
Landwirtschaft und den Tourismus investiert. 1984 jedoch löste der erste sozialistische

1
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 66-67
2
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 68
3
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 68

                                                                                         12
Regierungschef Italiens nach 1948, Bettino Craxi, die Südkasse auf. Er gab die
außerplanmäßige hohe Verschuldung als Grund an. In den 34 Jahren, in denen in den
Süden investiert wurde, wurden nennenswerte Erfolge erzielt: Mit 150 Billionen Lire,
etwa 244 Milliarden DM, die in Rahmen des Projektes investiert wurden, wurden 1,1
Millionen Hektar Land urbar gemacht, 450.000 Hektar Wald aufgeforstet, 18.000
Kilometer Straßen neu gebaut und 22.000 Kilometer modernisiert, 22.800 Kilometer
Wasserleitungen und 60.000 Kilometer Abwasserkanäle gelegt, 40.000 Kilometer
Stromleitungen gezogen, 1.600 Kindergärten und Grundschulen, dazu 244
Kleinkrankenhäuser und einige Industrieanlagen, z.B. chemische und petrochemische
Industriegebiete im Südosten Siziliens, errichtet.1
All dies hat sicherlich die industrielle Entwicklung des Südens vorangetrieben und auch
zur Verbesserung der Lebensqualität im Süden Italiens beigetragen, konnte aber die
Lücke zum Norden bei weiten nicht schließen und die weit verbreitet Armut der
Menschen nicht entscheidend eindämmen.
Für die Cosa Nostra waren die Südkasse, bzw. die Subventionen die nach Sizilien
flossen, eine wahre Goldquelle. Dadurch, dass die riesigen Summen ohne
übergreifende Planung an private Unternehmer vor Ort flossen, konnte die Mafia den
Geldfluss nahezu uneingeschränkt kontrollieren. Noch dazu verlief der Transfer über
sizilianische Banken, die keinerlei Kontrolle durch die italienische Zentralbank
unterliegen, was den Missbrauch noch begünstigte. Die Subventionen, gepaart mit den
riesigen Bauaufträgen entwickelten sich in den 1960er Jahren zur primären
Einnahmequelle der Cosa Nostra in Sizilien.2
Damit war der erste Schritt zur neuen Mafia bereits getan.


             4 Organisierte Kriminalität in Sizilien

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Thesen oder Erklärungen zur
Enstehungsgeschichte der Mafia auf Sizilien. Die eine, ältere und am weitesten
verbreitete sieht die Ursprünge der Mafia auf dem Land, als Produkt der sogenannten
„bravi“, privaten Schutzarmeen, die Großgrundbesitzer zum Schutz ihrer Ländereien
aufstellten.3 4 Dazu aber gleich mehr.
Im Laufe ihrer Geschichte stand die Insel Sizilien fast durchgehend unter
Fremdherrschaft, wurde aber nur selten als wirkliches Siedlungsgebiet genutzt,
sondern eher als abgelegene Provinz gesehen. Der Feudalismus prägte die Insel bis


1
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 69-75
2
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 178
3
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 123-124
4
  Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S.47-48

                                                                                       13
weit ins 19. Jahrhundert hinein. Er wurde in Sizilien durch ein 1812 in Kraft getretenes
Gesetz schrittweise bis 1841 abgeschafft. Die Auflösung der Bindung an Grund und
Boden war von vielen Spannungen geprägt.1
Am Ende des 19. Jahrhunderts verlegten die mächtigen Großgrundbesitzer Siziliens
häufig ihre Wohnsitze nach Palermo oder Neapel. Zum Schutz ihrer Ländereien
gründeten sie private Schutztruppen, die „bravi“. Die Ländereien wurden oft von
verarmten Bauern bedroht, die nach der Abschaffung des Feudalismus häufig
rebellisch wurden. Durch die Einführung des Privateigentums entwickelte sich im
späten 19. Jahrhundert auch ein immer stärker werdendes Banditentum, das sowohl
die Bauern als auch die Großgrundbesitzer bedrohte. Durch den Schutz beider Seiten
erlangten die Schutztruppen, besonders im Dorf eine hohe Reputation. Bald
entwickelte sich das sogenannte „pizzu“, ein Schutzgeld, das die Bauern zu zahlen
hatten, um eine Sicherheit für den Absatz ihrer Erzeugnisse zu gewährleisten.
Bald stiegen die Führer solcher „bravi“ zur Schicht der Großpächter (Gabelotti) auf. Sie
pachteten das Land für eine jährliche Pachtsumme vom Großgrundbesitzer und
verpachteten es dann weiter an die Bauern vor Ort. Infolge der Abwesenheit der
Großgrundbesitzer konnten die Großpächter ihre Stellung als informelle Herrscher
festigen. Nach nur kurzer Dauer dieses Zustandes begannen die Großpächter ihre
formellen Herren, die Großgrundbesitzer, mit Gewalt unter Druck zu setzten und sie zu
zwingen, ihre Ländereien zu verkaufen. Da allein die Großpächter über genügend
Kapital verfügten, waren sie folgerichtig auch die einzigen Käufer.2 3
Aus diesen Schutztruppen ist nach der am weitesten verbreiteten These die Cosa
Nostra hervorgegangen. Schon damals weisen sie für die heutige Mafia typische
Verhaltensmuster und Vorgehensweisen auf.
Die zweite These entstand in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde vor
allem vom Mafiaforscher Diego Gembetta geprägt. Er sieht die Ursprünge der Mafia
bei den kleinen Grundeigentümern reicher Agrargebiete und den damit verbundenen
Märkten. Hiernach ist Mafia eher ein städtisches Phänomen. Die Vorgänger der Cosa
Nostra vermittelten zwischen mehreren Kartellen und Berufsverbänden, die das
Wirtschaftsleben monopolisierten. Die frühen Mafiosi vermittelten die Vereinbarungen
und wendeten bei Widerstand auch Gewalt an.
Diese zweite These findet heute kaum noch Beachtung und ist bei Experten sehr
umstritten.




1
  Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S. 50-52
2
  Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S. 52-60
3
  Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 124-126

                                                                                       14
Was beide Thesen verbindet ist der Grundgedanke, dass die Mafia nur entstehen
konnte, weil der Staat nicht in der Lage war, für privaten Besitzt genügend Schutz zu
gewährleisten.


4.1 Geschichte der Cosa Nostra

Die Geschichte der Cosa Nostra ist nur schwer zu verstehen. Zuerst müssen die
Mentalität und die tatsächlichen Werte auf Sizilien verstanden werden. Dazu kommen
die wirtschaftliche Unterentwicklung und die Unfähigkeit des Staates für Sicherheit zu
sorgen. Auf der Grundlage dieser Missstände konnte sich die Cosa Nostra in Sizilien
als mächtigste Institution durch- und nun schon über hundert Jahre festsetzten. Hierzu
eine These des 1992 von der Cosa Nostra ermordeten Antimafia-Staatanwaltes
Giovanni Falcone: „Die Mafia schloss die Lücke, die der Staat mit seiner
fehlenden Präsenz aufriss und verhinderte lange Zeit den Zerfall und die völlige
Versumpfung der sizilianischen Gesellschaft. Als Gegenleistung verlangte sie für
ihre „Dienste“ eine Art Steuer (pizzu).“


4.1.1 Mafia in der konstitutionellen Monarchie
Seit der Entstehung der Mafia bis zur Machtübernahme Mussolinis war das Verhältnis
zwischen dieser und dem Staat durchaus gut. Der Staat sah die Mafia als Institution,
die half den status quo beizubehalten, für die öffentliche Ordnung zu sorgen und das
gesellschaftliche Konfliktpotential zu senken. Vom Staat nicht anerkannte Personen,
wie Prostituierte, Landstreicher, Homosexuelle aber vor allem Banditen wurden von der
Mafia erbarmungslos bekämpft.
Auf der anderen Seite sah die Mafia in der Annäherung an den Staat eine Möglichkeit
ihre informelle Macht noch zu stärken. Eine sicherlich unbeabsichtige Begünstigung
erfolgte mit der Erweiterung des Wahlrechtes. Die Patronen einer großen Klientel
konnten nun immer mehr Einfluss auf den Wahlausgang nehmen und waren somit in
der Lage direkten Einfluss auf die Entscheidungen der Politiker zu nehmen.
Die Zeit vor dem Faschismus in Italien wird allgemein als Blütezeit der Mafia
angesehen, da sie ihren Einfluss ständig erweiterte und es weder Konflikte mit dem
Staat noch innerhalb des Systems gab. Dazu muss jedoch gesagt werden, dass die
Mafia ihre heute hochkomplexe Struktur damals bei weitem noch nicht erreicht hatte.
Es wurde hauptsächlich unabhängig voneinander agiert.1




1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 140-151

                                                                                        15
4.1.3 Mafia im Faschismus
Eine schwere Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg und Unruhen der
Landbevölkerung in vielen Teilen Italiens führten in den 1920er Jahren zu einer
Radikalisierung der italienischen Politik. Davon profitierte die von Benito Mussolini
geführte faschistische Bewegung, die vom Militär, der Polizei, der Verwaltung und der
Justiz unterstützt wurde. Schon 1922 gelang es Mussolini nach dem „Marsch auf Rom“
die Macht in Italien zu übernehmen.
Im Wesentlichen verlief das Verhältnis zwischen Faschisten und Mafia in drei Phasen.
In der ersten Phase – von 1922 bis 1925 – mussten die Faschisten ihre Macht noch
festigen und waren, besonders in Sizilien, wo sie einen schweren Stand hatten, auf die
Wählerstimmen der Klientel der Patronen angewiesen. Es herrschte aber trotzdem
eine tiefe Abneigung zwischen beiden „Parteien“, die verbal auch heftig geäußert
wurde.
Die zweite Phase begann nach 1925 und wurde durch ein Missgeschick eines Mafia-
Potentanten ausgelöst. Allerdings wäre es sicherlich auch ohne dieses Missgeschick
zur radikalen Bekämpfung der Mafia gekommen, da die Faschisten keine zweite Macht
im Staat -und sei es nur lokal- dulden konnten. Zu diesem Zweck wurde der berühmte
Cesare Mori nach Sizilien entsandt, der mit eiserner Hand gegen die Mafia vorging.²
Viele Mafiosi flohen in die USA, eine weitere Anlaufstelle war Tunis, wo es damals eine
große italienische Gemeinde gab.
Die dritte Phase des Konfliktes wurde 1927 erreicht, nachdem Mussolini den Kampf
gegen die Mafia für erfolgreich beendet erklärte hatte. Von 1927 bis 1943 durchlief
Sizilien eine Ruhephase, die für die Bauern einen bis dahin nicht gekannten Wohlstand
mit sich brachte. Doch die Mafia war nicht vernichtet. Ihre offene Präsenz wurde
lediglich unterdrückt und mit Gewalt Ruhe im Land hergestellt. Viele Mafiosi entgingen
der Verfolgung, indem sie der faschistischen Partei beitraten.1
Man könnte sagen, es zeichnet die Mafia aus, dass sie auch diese schwere Phase
ohne größere Auflösungserscheinungen überstanden hat, indem sie ihr Talent bewies,
sich Veränderungen erfolgreich anzupassen.




1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 153-160

                                                                                        16
4.1.4 Mafia und die alliierte Militärverwaltung
Ein wichtiger Meilenstein, der zur Machtentfaltung der Mafia in Sizilien beitrug ist
sicherlich die Zusammenarbeit der Cosa Nostra mit den Alliierten bei der Eroberung
Siziliens 1943.
Am 10. Juli 1943 begannen die Alliierten bei Gela an der Südküste Siziliens die
Invasion Italiens, fünfzehn Tage vor Mussolinis Sturz. Innerhalb weniger Wochen war
die Insel erobert, nachdem schon vor den eigentlichen Kämpfen die wichtigsten Städte
bombardiert worden waren. Die Verwaltung Siziliens lag im Anschluss daran in den
Händen der Militärregierung AMGOT, bis im Jahr 1944 die Herrschaft einer
provisorischen italienischen Regierung übertragen wurde.
Zur Vorbereitung und Hilfe bei der Invasion holte sich der Geheimdienst der US-Navy
Hilfe bei hochrangigen US-Mafiosi, am bekanntesten sicherlich Lucky Luciano. Die
Invasion verlief, vor allem durch die Hilfe und Einflussnahme der sizilianisch
stämmigen US-Mafiosi, weitgehend reibungslos. In der Folgezeit stützen sich die
Alliierten bei der Verwaltung auf einflussreiche Einheimische. Hochrangige Mafiosi wie
Calogero Vizzini alias Don Calo und der aus den USA zurückgekehrte Vito Genovese
(nach ihm ist die New Yorker „Genovese-Familie“ benannt), dienten der AMGOT als
Berater, wobei die Alliierten faktisch von ihrer Hilfe abhängig waren. Das politische
Machtvakuum, was nach dem Sturz der Faschisten entstanden war wurde nun häufig
mit Mafiosi aufgefüllt und so errang die Cosa Nostra erstmals auch formelle politische
Macht.1 2


4.1.5 Wandlung zur Neuen Mafia in der parlamentarischen Demokratie
Nach dem zweiten Weltkrieg musste sich die Mafia, während sich
Gesellschaftsstrukturen grundlegend änderten und viele Reformen durchgeführt
wurden, zwangsläufig auch umgestalten.
Mitte 1944 übergab die Militärverwaltung der Alliierten die Herrschaft in Italien an eine
provisorische Regierung, die noch auf der Basis der alten Verfassung agierte. 1946
entschieden sich die Italiener per Volksabstimmung für eine Republik, wobei gesagt
werden muss, dass die Mehrheit der Bevölkerung Süditaliens für eine Monarchie
stimmte. Die Republik wurde noch im selben Jahr proklamiert, die neue Verfassung trat
1948 in Kraft.
Durch die Bodenreform, die den Wegfall der alleinigen Verfügung über
Produktionsmittel bedeutete, wurde der Mafia ihr wichtigster Stützpfeiler genommen.
Eine Umorientierung war von Nöten. Der boomende Bausektor und die Abzweigung


1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 161-165
2
    Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S. 311-317

                                                                                        17
von Geldern aus der Entwicklungshilfe, vornehmlich aus der Südkasse, boten einen
Ausweg. Diese Umorientierung wurde der Mafia durch eine günstige Fügung
erleichtert. Kurz nach dem Rückzug der Alliierten, als die Zukunft Italiens sehr unsicher
war, tauchte in Sizilien eine heftige, kurzlebige Separatismus-Bewegung auf. In Rom
sah man sich gezwungen, Sizilien den Status einer autonomen Region zuzugestehen,
um die Unabhängigkeitsbestrebungen zu dämpfen. Die Folge dieses Zugeständnisses
war der weitgehende Verlust von Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten der nationalen
Regierung in Rom auf die Regionalregierung in Palermo, noch dazu litt die
Bankenaufsicht erheblich. Der Korruption waren Tor und Angel geöffnet.
Auch die Mentalität innerhalb der Mafia begann sich zu verändern, hierzu Edmund
Lewis: „Die Mentalität der alten Mafia hatte sich in ihrer feudalen Vergangenheit
gebildet, als es genug Leben gab, und konnte sich von ihrer Philosophie der
kontrollierten Teuerung nicht trennen. Nun stellten sich ihr die jungen
unternehmungslustigen und kapitalistischen Mafiosi entgegen, die zu
ungeduldig für die früheren, den Fortschritt hemmenden Praktiken waren. Die
alte Mafia hatte es verhindert, dass Dämme gebaut wurden, weil hundert
schläfrige Schurken sich ein angenehmes Leben dadurch machten, dass sie die
artesischen Bauern im Lande kontrollierten, aber die neue Mafia stimmte dafür,
weil sie im Rahmen der Verträge zur Errichtung der Dämme Riesenprofite
erzielen ließen.“ Der Bausektor und die Abzweigung und Veruntreuung öffentlicher
Gelder entwickelten sich zur wirtschaftlichen Grundlage der Mafia. Durch die enormen
Einnahmen war es der Cosa Nostra möglich, ihre politische Macht immer weiter
auszuweiten und so weitgehend der Strafverfolgung zu entgehen.
Auch die Funktion der Gewalt änderte sich im Laufe der Neuorientierung der Mafia. Sie
diente fortan nicht mehr als primäre Machtressource, deren Verfügbarkeit Zugang zu
weiteren Machtfaktoren bewirken konnte. Die Gewalt diente nun mehr als
Sanktionierungsmaßnahme.1
Die Struktur der Mafia musste sich aufgrund immer neuer Interessensbereiche auch
ändern, um schlagkräftig und handlungsfähig zu bleiben. Die alte Mafia war familistisch
geprägt. Die neue Mafia, die den Drogenhandel ausweitete und großen Profit auf
illegalen Märkten anstrebte musste den engen Kreis der Gefolgsleute in höherem Maß
institutionalisieren, denn ohne definierte Kompetenzen und Aufgaben sind Probleme
von Transaktionen im internationalen Geschäft nicht möglich.2 Auf die genaue Struktur
soll hier nicht näher eingegangen werden.
Zwei große Mafiakriege in den Jahren 1962-63 und 1969, sowie 1981-83 wälzten die
Macht innerhalb des Systems, das inzwischen eine hochkomplexe Struktur entwickelt
1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 178-185
2
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 179

                                                                                      18
hatte, grundlegend um. Am Ende steht der Clan der Corleonesi² unter Führung Toto
Riinas an der Spitze.
In den „Jahren des vielen Bluts“ wurde auch erstmals das öffentliche Interesse an der
Mafia laut; man konnte sie nicht mehr für einen Mythos erklären, wie es lange versucht
wurde, als die Straßen Palermos einem Schlachtfeld glichen. Es steht fest, dass die
offene Gewalt der Mafia ein klarer Rückschritt war und den vielleicht gefährlichsten
Gegner der Mafia, die Öffentlichkeit, wachgerüttelt hat.
Großes Aufsehen und vor allem die ersten groß angelegten öffentlichen Proteste
gegen die Mafia erregten 1992 die Morde an den bekannten Antimafia-Staatsanwälten
Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Zusammen mit Leoluca Orlando waren sie
wohl die wichtigsten Gegner und Bekämpfer der Mafia. Durch die Ermittlungen
Falcones und die Aussagen sogenannter „pentiti“1, vor allem Tomasso Bruscettas, kam
es zu den berühmten Mammutprozessen Ende der 1980er Jahre, in denen hunderte
Mafiosi verurteilt wurden.2
Insgesamt hat sich die Mafia durch die Anwendung roher Gewalt wohl selbst in eine
schwierige Lage gebracht, die ohne interne Konflikte und spektakuläre Morde sicher
nicht entstanden wäre.


4.1.6 Mafia in Zeiten der Globalisierung
Wahrheiten über die Mafia der letzten zehn bis fünfzehn Jahre lassen sich nur schwer
formulieren. Einige Experten gehen davon aus, dass die Cosa Nostra ihre zentrale
Machtstellung innerhalb Siziliens verloren hat, andere behaupten, sie wäre mächtiger
als je zuvor, was sich unter anderem darin zeige, dass man es, bis auf wenige
Ausnahmen, nicht mehr nötig habe öffentlich Morde zu begehen.
Persönlich tendiere ich eher zur zweiten, pessimistischeren Variante, obwohl
sicherlich, besonders in den letzten drei Jahren wichtige Schritte zur Bekämpfung der
Cosa Nostra getan wurden und auch nennenswerte Erfolge erzielt wurden. Bedenklich
ist jedoch, dass die Mafia in Sizilien nahezu alle profitablen Wirtschaftzweige, vor allem
das Bau- und Finanzwesen, unterwandert hat. Topmanager großer Unternehmer
gehören der Cosa Nostra an und richten die Unternehmensstrategie auf den Profit der
Mafia aus. Aufträge werden gezielt an von der Mafia kontrollierte Bauunternehmen
vergeben. So schafft es die Cosa Nostra, die riesigen Summen, die der internationale
Drogen-, Menschen- und Waffenhandel teilweise reinzuwaschen.
Trotzdem stellt die Mafia für die Sizilianer nicht mehr die unmittelbare Bedrohung dar,
wie sie es noch in den 1980er Jahren war. Spektakuläre Verhaftungen, z.B. vom


1
    Abtrünnige; man bricht die Omerta und läuft zum Staat über – sagt gegen Mafiosi aus
2
    Vgl. JOHN DICKIE: Cosa Nostra; S. 331-351 / 407-427

                                                                                          19
obersten Boss der Cosa Nostra Bernardo Provenzano oder seines Nachfolgers
Salvatore Lo Piccolo zeigen, dass die Mafia nicht mehr unantastbar ist. Auch wenn
diese Männer an der Führungsspitze umgehend ersetzt werden, ist es doch ein
schwerer Schlag für die Mafia.
Dazu kommt, dass der öffentliche Widerstand, der noch vor wenigen Jahren undenkbar
gewesen wäre, immer mehr zunimmt. Man traut sich offen gegen die Mafia zu votieren,
es gibt öffentliche Proteste und immer mehr Neugründungen von „Antimafia-
Organisationen“. Dies alles zeigt den Fortschritt in Sizilien, man darf aber nicht
vergessen, dass die Mafia die Wirtschaft und auch teilweise noch die Politik komplett
unterwandert hat. Sie könnte sich die allgemeine Annahme, dass sie ihre starke
Stellung verliere, zu Nutze machen und noch weiter in den Untergrund abtauchen.
Insgesamt ist in Sizilien ein klarer Fortschritt zu erkennen, wenn auch auf brüchigem
Fundament.


                         5 Mafia und die Politik

Seit der Entstehung der Mafia besteht ein enges Verhältnis zwischen ihr und der
Politik. Ohne ihren Einfluss in der Politik hätte sich die Mafia nicht entwickeln können,
hier trifft man also auf eine Grundlage für ihr Bestehen. Im Folgenden sollen
grundlegende Aspekte zur Ökonomie der Mafia und zu ihrer politischen Macht
aufgezeigt werden.


5.1 Aspekte der Ökonomie der Mafia

An dieser Stelle soll auf die Ökonomie der neuen Mafia eingegangen werden.
Anders als traditionelle Mafiosi erreichen die neuen Mafiosi nicht ökonomische Macht
durch sozialen Aufstieg, sondern erkämpfen sich diese vor allem durch wirtschaftlichen
Erfolg. Geld und Reichtum gelten als Maßstab für Anerkennung. Hierzu Pino Arlacchi:
„Die Bedeutung des Reichtums für die Mafiosi noch wichtiger als für die anderen
Bevölkerungsgruppen, weil für die das Geld und dessen Akkumulation die
einzige Möglichkeit war, Macht und Ansehen zurückzugewinnen.“
Durch die Umstrukturierung von Gesellschaft und Wirtschaft in Italien nach dem
Zweiten Weltkrieg entstanden neue Entfaltungsmöglichkeiten für die Mafia. Im
wirtschaftlichen Wettbewerb haben Mafiosi gegenüber normalen Unternehmern klare
Vorteile. Sie zeigen naturgemäß eine hohe Freude an riskanten Geschäften, wenig
Skrupel und sind hoch motiviert, weil die Möglichkeit zu sozialem Aufstieg (über
ökonomischen Erfolg) besteht – die originäre und einzige Motivation für die Mafia. Die


                                                                                        20
„normalen“ Unternehmer hingegen unterliegen legalen und kulturellen Grenzen, die sie
im Vergleich zu Mafiosi entscheidend ausbremsen.
Ein wichtiges Mittel zum ökonomischen Erfolg der Mafia ist die Einschüchterung der
Konkurrenz. Die einfachsten Mittel sind Drohungen. Wenn diese nicht zum nötigen
Erfolg führen, verüben Mafiosi Mordanschläge sowie Attentate auf Sachen und
Einrichtungen. Aufsehen erregende Zwischenfälle sind jedoch dysfunktional, da sie
häufig öffentliches Ärgernis erregen und die Justiz mobilisieren. Am effektivsten ist die
potentielle Wirkung von Gewalt: Es genügt häufig, dass ein Konkurrent um die
Bereitschaft zur Gewalttätigkeit seines mafiosen Rivalen weiß. Auf diese Weise wurden
in Sizilien nach dem Zweiten Weltkrieg die Wald- und Weidewirtschaft, Steinbrüche,
Grundstücksgeschäft und Bauwirtschaft, Landwirtschaft, Handel, Industrie und
Dienstleistungen nahezu komplett von Mafia monopolisiert. Die riesigen Gewinne, die
aus dem illegalen Sektor erzielt werden, werden in diesen Unternehmen „gewaschen“.
Die größten Einnahmen der Mafia gehen aus folgenden Geschäftszweigen hervor, auf
die hier jedoch nicht erläuternd eingegangen werden soll: Schutzgelderpressung, die
Bauwirtschaft und Öffentliche Arbeiten, die Entführungsindustrie, das Drogengeschäft
und das Waffengeschäft.1
In jüngster Zeit, bedingt durch den Irak-Krieg und zahlreichen Bürgerkriegen in Afrika,
stiegen die Einnahmen aus dem Waffengeschäft stark an.
Insgesamt konzentriert sich die Mafia auf den illegalen Zweig, der legale Sektor dient
primär der „Geldwäsche“. Die Profite, die auch im legalen Sektor entstehen,
erscheinen im Vergleich zum Erlös der illegalen Geschäfte verschwindend klein.


5.2 Politische macht der Neuen Mafia

Die Mafia und die Politik sind in Sizilien sehr eng verknüpft.
Die Mafia verfolgt vorrangig die Neutralisierung der Justiz, eine Lockerung der
Devisenbeschränkung, sowie die Verhinderung von Transparenz bei Bankgeschäften
und bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen.
Der Schlüsselbegriff der Beziehung von Mafia und Politik ist der Klientelismus.
Allgemein wird mit dem Begriff des Klientelismus ein ungleiches
Abhängigkeitsverhältnis beschrieben, dass in der italienischen Politik eine lange
Tradition hat. Einflussreiche Mafiosi treten als Patron auf, der über ein großes,
wahlberechtigtes Klientel verfügt. Will nun ein Politiker diese Wähler für sich zu
gewinnen, begibt er sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu dem mafiosen Patron,



1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S.218-224

                                                                                       21
indem er ihm für die Zusicherung der Wählerstimmen bestimmt Leistungen und
Vergünstigungen verspricht.1
Mit den großen Gewinnen aus dem Drogengeschäft seit den 1970er Jahren war es der
Mafia nun möglich, ein immer größeres Klientelnetzwerk aufzubauen und somit die
Regierung faktisch zu beherrschen.
Erst mit der Entsendung von Politikern aus dem Norden nach Sizilien und in der Zeit
von Giovanni Falcone entstand langsam der Versuch einer Loslösung der Politik von
der Abhängigkeit. Bis heute ist diese jedoch bei weitem nicht erreicht, vor allem weil
immer noch eine große Angst vor Vergeltung der Mafia herrscht und es für Sizilianer
typisch ist, zunächst auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein.
Immer wieder wird versucht, primär von Rom ausgehend, wichtige Politiker, die in
Verbindung zur Mafia stehen zu überführen, was einerseits selten gelingt, andererseits
keinen großen Fortschritt bringen wird, wenn die Mafia auf lokaler Ebene die faktische
Macht inne hat.
Insgesamt darf bezweifelt werden, ob es in absehbarer Zeit gelingen wird, die Mafia
aus der Politik zu verbannen. Zu fest verankert ist die Abhängigkeit der Politik von der
Mafia.


5.3 Exkurs: Chancen der Antimafia-Bewegung

Seit das Problem der Mafia auch in der Politik zur Debatte steht, wird darüber
diskutiert, wie die Mafia zu bekämpfen und zu besiegen sei. Den Umfang dieser
Aufgabe beschrieb der Sozialwissenschaftler Fritzsche 1987 wie folgt: „Wollte man
die Mafia besiegen, müsste man mehr tun, als nur eine bestimmt Organisation zu
eliminieren. […] Man müsste eine ganze Kultur verändern.“
Diese These erscheint mir hinsichtlich des angestrebten Zieles eher kontraproduktiv zu
sein. Eine ganze Kultur zu verändern, um ein Ziel zu erreichen, impliziert die
Unerreichbarkeit jenes Zieles und ist somit realitätsfern. Die Annahme, dass die
Bekämpfung der Mafia unrealistisch ist und ein Sieg nicht erreicht werden kann, stärkt
deren Position noch und demotiviert die Bevölkerung. Realitätsnahe Zielsetzungen zur
Bekämpfung der Mafia müssen darauf ausgerichtet sein, die grundlegenden
Machtressourcen von Mafiosi abzubauen, so schwer dies auch sein mag.
Die Öffentlichkeit ist der gefährlichste Gegner der Mafia. Wenn das Bewusstsein und
die Achtsamkeit seitens der Bevölkerung gegenüber dem Problem Mafia noch weiter
wächst, so ist dies auch der Verdienst von Publizisten, von Akteuren der offenen
Antimafia-Bewegung. Hier sind insbesondere zu nennen der Christdemokrat und Autor


1
    Vgl. PETER MÜLLER: Die politische Macht der Mafia; S. 81-83

                                                                                         22
Leoluca Orlando, der Schriftsteller Michele Pantaleone und eine Vielzahl von
unabhängigen Journalisten, die immer wieder auf das Problem der Mafia aufmerksam
machen. 2005 machte der neapolitanische Schriftsteller Roberto Saviano mit seinem
Buch „Gomorrha“ auf das Problem der Camorra1 in Kampanien aufmerksam. Das Buch
erweckte aufgrund seiner drastischen Schilderungen und der namentlichen Nennung
von hochrangigen Mafiabossen große Aufmerksamkeit. Außerdem ist es spannend
geschrieben und dürfte allein deswegen breite Leserschichten erreichen.
Die größte staatliche Organisation zur Bekämpfung der Mafia ist die Direzione
Investigativa Antimafia (DIA). Sie untersteht dem italienischen Innenministerium und
setzt sich aus der Polizei, den Carabinieri und der Guardia di Finanza zusammen. Die
DIA ist unter anderem für die Verhaftung von Bernardo Provenzano verantwortlich.
Insgesamt stehen die Chancen der Antimafia-Bewegung in Italien in den letzten Jahren
so gut wie selten zuvor. Besonders der immer größer werdende Widerstand der
Bevölkerung hat entscheidend dazu beigetragen. Trotzdem wird es wohl nicht möglich
sein, die Mafia ganz aus Sizilien zu verbannen, ihre offene Präsenz jedoch und die von
ihr ausgehende unmittelbare Gefahr könnten besiegt werden.




1
    Kampanisches Gegenstück zur Cosa Nostra – in den letzten Jahren enormer Profit- und Machtzuwachs

                                                                                                  23
                                 6 Anhang

6.1 Literaturverzeichnis

1.   AHL, SUSANNE UND SCHMIDT, GERHARD (1999); 2000 Jahre Weltgeschichte:
     Menschen / Epochen / Kulturen; Serges Medien

2.   DICKIE, JOHN (2004); Cosa Nostra: Die Geschichte der Mafia; S. Fischer


3.   HESS, HENNER (1986); Mafia: Zentrale Herrschaft und lokale Gegenmacht;
     Heidelberger Sociologica

4.   MÜLLER, PETER (1992); Die politische Macht der Mafia; Beiträge zur
     Politikwissenschaft

5.   ORLANDO, LEOLUCA (2002); Ich sollte der nächste sein: Zivilcourage – die
     Chance gegen Korruption und Terror; Herder

6.   STILLE, ALEXANDER (1997); Die Richter: Der Tod, die Mafia und die italienische
     Republik; C. H. Beck

7.   „Brockhaus Multimedia 2007“ ; Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG




                                                                                  24
6.2 Versicherung der selbstständigen Erarbeitung

Hiermit versichere ich, dass ich die Arbeit selbstständig angefertigt, keine anderen als
die angegebenen Hilfsmittel benutzt und die Stellen der Facharbeit, die im Wortlaut
oder im wesentlichen Inhalt anderen Werken entnommen wurden, mit genauer
Quellenangabe kenntlich gemacht habe.



Holzminden, 07.3.2008


                                      Moritz Mosel


6.3 Veröffentlichungseinverständnis

Hiermit erkläre ich, dass ich damit einverstanden bin, wenn dir von mir verfasste
Facharbeit der schulinternen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.



Holzminden, 07.3.2008


                                      Moritz Mosel




                                                                                       25

								
To top