DIE EVANGELISCHE ANDACHT by 164657vW

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									DIE EVANGELISCHE ANDACHT                                                     Paper von Karsten Dittmann
                                                                                        www.holmespeare.de
Gottesdienst und Verkündigung                                                                   Januar 2003
Literatur:   Wolfgang RATZMANN, Kleiner Gottesdienst im Alltag. Theorie und Praxis evangelischer Andacht,
             Leipzig 1999


                                   1. Zum Begriff der Andacht
Das Wort Andacht ist mit Andenken verwandt und heißt ursprünglich: an etwas Denken.1 Es gibt zwei
Grundbedeutungen:
                                                 z.B. Sammlung der Gedanken (im Gebet),
a) Andacht ist eine innere Haltung
                                                 säkularisiert als inneres Sich-sammeln
                                                 z.B. ein kurzer (Gebets-)Gottesdienst, eine
b) Andacht ist eine Veranstaltung
                                                 Hausandacht
                                                                         Anm.: im Engl. wird unterschieden
                                                                         zwischen devotions, prayers und short
                                                                         services.
Beides ist aufeinander bezogen: Die äußere Form zielt auf die innere Haltung, die innere Haltung
bedarf äußerer Formen. Bei der Andacht handelt es sich um eine kleine liturgische Form – im
Unterschied zur großen Form des Gottesdienstes.

                                      2. Zur Andachtsgeschichte
                           a) Andachtsgeschichte ist Frömmigkeitsgeschichte.
                      b) Andachtsgeschichte ist Sozialgeschichte der praxis pietatis.
Der Wandel der Andachtsformen steht in Beziehung zum Wandel des jew. historischen Kontextes.
Ursprünglich waren Andacht und Gottesdienst komplementäre Formen christlicher Gemeinschaft: In
den ersten Gemeinden versammelte man sich im großen Gottesdienst, aber auch in kleinen Gruppen
die ganze Woche hindurch. Ausgehend vom Osterereignis waren Hauptelemente der
Frömmigkeitsstruktur waren die Sakramente (Taufe und Abendmahl), die Nächstenliebe und das
Gebet. Mit dem Ausbleiben der Parusie, dem Einrichten im Alltagsleben und der zunehmenden
Akzeptanz in der spätrömischen Gesellschaft wandelte sich die christliche Frömmigkeit. Erste Kloster
entstehen, die
                  1. Orte des stellvertretenden andauernden Gebetes und
                  2. Andachtszentren sind.
In den Orden erhält die praxis pietatis eine präzise Ordnung. Einen Höhepunkt der Andachtskultur
erlebte das Christentum im Hoch- und Spätmittelalter: Sämtliche Bereiche des Alltagslebens sind von
religiösen, nicht nur christlichen Elementen durchdrungen. Ausgangspunkt ist die Passion Jesu
(„Schmerzensmann“). Ausdrucksformen sind Marienfrömmigkeit, Heiligenkulte und eucharistische
Frömmigkeit.
       Ordnung einer Schriftmeditation           LUTHER wendet sich sowohl gegen die äußeren Formen
  in der klösterlichen         bei Luther        wie gegen den Glauben, das Erreichen einer bestimmten
         Praxis                                  inneren Haltung sei anzustreben. Zum Ausdruck kommt
   1. lectio                   1. lectio         dies z.B. in der Veränderung der Ordnung von
   2. meditatio                2. oratio         Schriftmeditationen bei Luther.
   3. oratio                   3. meditatio      Ausgangspunkt von Luthers Frömmigkeitsverständnis
   4. contemplatio             4. tentatio       ist die Sündenerkenntnis und die Erfahrung der Gnade
                                                 Gottes. Die Bibel und die Predigt haben die Aufgabe, zu
beidem anzuleiten. Die Sakramente sind wirksame und erfahrbare Zeichen der Gnade Gottes. Eine
besondere Rolle kommen Katechismus und Kirchenliedern zu. Der Katechismus ist Schul- und
Meditationsbuch. Die Kirchenlieder sind zunächst deutsche Übersetzung liturgischer Lieder, werden
gesammelt und die Gesangbücher bekommen die Funktion von Andachtsbüchern. Oft sind ist das
Gesangbuch das einzige Buch im Haus. Um die Gebetspraxis aus den Klöstern in die Gemeinde
zurück zu holen, werden Wochengottesdienste (Kurze Gottesdienste in der Woche am Morgen, Mittag
und Abend) installiert – die aber eher ideal denn praxis pietatis sind.

1
 Das kann auch das Denken an sich selbst sein. Deshalb hat Andacht z.B. bei Luther eine stark negative
Bedeutung. Andacht heißt dabei soviel wie Dünkel. Dieser Wortgebrauch ist heute unüblich, spielt aber für
Luthers andachtskritische Haltung eine wichtige Rolle.
2. Bibel o. Katechismus
     Elemente der          Die Weiterentwicklung bis zum Beginn des 19. Jhd. ist durch das
   lesen
     Hausandacht:          Aufkommen von Erbauungsliteratur, die Entstehung der ev. Hausandacht
1. Singenund Vaterunser
3. Gebet geistlicher       und der Entdeckung von Alltagsereignissen als Gegenstand religiöser
   Lieder                  Andacht geprägt. Im Pietismus werden Gemeindeveranstaltungen neben dem
                           Gottesdienst eingeführt – was zum Konflikt mit den Kirchen führt.
                           Frömmigkeit wird reformiert und intensiviert. In der Aufklärung wird
                           ‚Andacht’ nicht mehr als Gebet, sondern als ‚Denken an Gott’ verstanden –
                           und sukzessive säkularisiert.
 Im 19. Jhd. entwickeln sich drei Hauptandachtsformen, die bis heute prägend sind:
        1. die selbständige liturgische Andacht (mit Wechsel von Gesang, Lesung und Gebet;
           ‚niedrigschwelliges’ Angebot für Leute ohne Gottesdiensterfahrung)
        2. Andacht als Teil einer kirchlichen Veranstaltung
        3. Andacht als selbständige Form biblischer Besinnung (Bibelstunden; weiterentwickelt zu
           Bibelwochen, Gesprächskreise etc.)
 Im 19. Jhd. geht die Praxis der Hausandacht und des Tischgebets allmählich zurück. Was von vielen
 beklagt wird und zu Reformversuchen motiviert. Allerdings schlagen diese Reformen fehl. Parallel
 dazu findet ein billiges Andachtsbuch weite Verbreitung vor allem bei den Armen: die Herrnhuter
 Losungen.
                             Im 20. Jhd. kommen als Neuentwicklungen D. BONHOEFFERS Konzeption
Für BONHOEFFER gehören 3 des Gemeinsamen Lebens mit der Andacht als Teil des Lehrens und
Elemente zu einer Andacht:
1. das Wort der Schrift
                             Lernens von Gebet und Schriftlesung. Ein zweiter Punkt sind liturgische
2. das Lied der Kirche       Erneuerung, wie sie z.B. die Ev. Michaelsbruderschaft (Berneuchener) und
3.     das     Gebet    der Taizé repräsentieren. Es kommt zu einer Wiederentdeckung des
Gemeinschaft                 Stundengebets, was sich auch im EG niederschlägt.

3. Aspekte der Ev. Andacht
Andachten sind kleine Gottesdienste im Alltag. Ihre Protagonisten sind vor allem die Fachleute für
den Alltag, die theologischen Laien. Dazu gehört, dass
     Andachten in der Regel im Alltag stattfinden und kurze Unterbrechungen bedeuten.
     Sie sind ohne feste Liturgie und eignen sich besonders für liturgische Kreativität und
        Experimente.
     Sie sind kleine Gottesdienste, die einen Aspekt des großen Gottesdienstes herausgreifen
        (Gebet, Verkündigung, Segen etc.)
Andachten sind Orte ev. Spiritualität und Frömmigkeit. Beide Begriffe sind synonym zu gebrauchen,
haben aber unterschiedliche Nunancen:
     Spiritualität als die ‚etwas andere Frömmigkeit (ganzheitlich, ökumenisch, konfliktorientiert,
        plural) verweist auf die Wirksamkeit des Geistes
     Frömmigkeit als Denken und Handeln umfassendes Leben im Glauben
Die Bedeutung von Andachten wird zunehmen, weil
     das Bedürfnis nach liturgischer Begleitung da ist, aber nur zu bes. Anlässen gewünscht wird
     angesichts schwindender Mitgliedzahlen, vergrößerter Parochien und weniger PfarrerInnen
        die geistliche Besinnung in kleinen Gruppen (angeleitet von Laien) zunehmen wird

4. Formen der Andacht
Zu reflektierende      Die Grundform des EG     Hauptformen der Andacht sind
Rahmenbedingungen sind ERÖFFNUNG            UND     Textauslegung
     der Raum          ANRUFUNG                    Textkombination
     die Zeit          Eingangswort                Bildbetrachtung
     die Gruppe        Lied                        Symbolische Aktion
     der Anlass        Psalm
                                                    Musikauslegung
                        VERKÜNDIGUNG
                                                    Liturgischer Wechselgesang
                        Lesung
                        Auslegung
                        Lied                    Andere Formen
                        GEBET UND SEGEN             getanzte Andacht
                        Gebet                       Gebete nach der Zeitung
                        Vaterunser                  Andachten zu Themenkreisen
                        Segen                       ...

								
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