�Unter dem Zeichen der Verantwortung� by xH2qVkCh

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									  Biotechnologie: „Unter dem Zeichen der Verantwortung“
  Heinrich Böll Stiftung in Brasilien initiiert Debatte zu Ethik in der Biopolitik

                        von Caroline Ausserer/Rio de Janeiro


"Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben", erkannte Heinrich Böll
seinerzeit. In die laufenden Debatten zur Biopolitik mischte sich das brasilianische
Büro der Heinrich Böll Stiftung Anfang September ein. Mit einem zweitägigen
Symposium mit dem Titel „Unter dem Zeichen der Bios - Technologie, Ethik, Politik
und Gesellschaft“ kamen am 2. und 3. September 2004 im traditionsreichen Hotel
Gloria in Rio de Janeiro kritische Stimmen aus Zivilgesellschaft, Universität und Politik
zu Wort.

Töne aus verschiedenen Lagern

„Wir wollen aufzeigen, dass es neben den drei Prioritäten der aktuellen Regierung ,
nämlich Wachstum, Wachstum und noch einmal Wachstum, durchaus andere
fundamentale Themen gibt, über die bisher wenig diskutiert wurde“, umreisst Thomas
Fatheuer, Direktor der Stiftung in Brasilien, das Ziel des Symposiums, das in
Zusammenarbeit          mit        zwei           feministischen     brasilianischen
Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Ser Mulher („Frau-Sein, Studien- und
Aktionszentrum der städtischen und ländlichen Frau“) und Criola (Vereinigung
schwarzer Frauen), vorbereitet wurde. „Den Charme dieses Symposiums machen die
Töne aus verschiedenen Lagern aus, das Zusammenkommen von NGOs, Umwelt-
und feministischen Gruppen, die selten ist“, fügt Fatheuer hinzu.
Über Neue Technologien, geistiges Eigentum, natürliche Ressourcen und
traditionelles Wissen, sowie Biotechnologie und deren Auswirkungen auf die
Menschen diskutierten WissenschafterInnen, JournalistInnen und VertreterInnen von
NGOs, sowie zahlreiche BesucherInnen des Symposiums.

Gegen partiale Lösungen

Marcelo Leite, renommierter Wissenschafts-Journalist und Kolumnist der Folha de
São Paolo, fordert mehr Respekt in der Wissenschaft. Für ihn sind einige
Anwendungen der Nanotechnologie in der Medizin durchaus vielversprechend, doch
wäre es allgemein wichtig, mehr über die Auswirkungen von Forschungen auf die
Umwelt zu wissen. „Partiale Lösungen für globale Probleme genügen nicht,“ pocht
Leite auf ein gemeinsames Handeln der Länder.
Eine gemeinsame Front der armen Länder gegen den „Riesen Pharmaindustrie“,
fordert Cícero Gontijo, Professor am Getúlio Vargas Institut und Berater am Institut für
Sozioökonomische Studien in Rio de Janeiro. Gontijo kämpft gegen das „ungerechten
Abkommens TRIPS“ (Trade Related Aspects on Intellectual Property), einem
Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum. Es
handelt sich dabei um eine Art Globalisierung des US-Patentgesetzes, die Macht und
Profit der Multinationalen Konzerne auf Kosten der Entwicklungsländer maximieren
werde. Gontijo zeigt auf, wie das Monopol beim Patentschutz, insbesondere bei
Medikamenten für die Behandlung von Aids „eine Frage zwischen Leben und Tod“
darstellt.


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Biopiraterie als moralische Beleidigung

Schuld an einer „kranken Welt“ sind für Marcos Terena die Multis. Der indigene
Vertreter des Instituts für traditionelles geistiges Eigentum beklagt das Fehlen eines
ethischen Codes in der Weltwirtschaft. „Wir Indigenen haben keine Möglichkeit, unser
traditionelles Wissen patentieren zu lassen“, weist Terena auf die ständige Gefahr der
Biopiraterie hin. Wie realistisch diese Gefahr ist, zeigt David Hathaway, Wirtschaftler
und Berater zahlreicher NGOs im Bereich der Biotechnologie auf. „Es gibt keine
Möglichkeit, Biopiraterie zu kontrollieren. Trotz Konventionen und Abkommen, zeigen
zahlreiche Beispiele, dass es immer wieder zu Diebstählen von genetischen
Ressourcen kommt.“ Dass diese nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine
soziale Dimension haben, steht für Hathaway fest: „Biopiraterie ist eine moralische
Beleidigung.“

Kollektive Verantwortung

Inwiefern sich die Neuen Biotechnologien negativ auf Menschenrechte auswirken,
welche Werte die Bioethik behandelt und welche politischen Strategien es für eine
Gegen-Kultur gibt, sind die zentralen Fragen des zweiten Tages des Symposiums.
„Wir können nicht unendlich viele Seinsformen kreieren“, insistiert der
Universitätsprofessor Carlos Plastino darauf, die Grenzen der Natur und des
Verstandes anzuerkennen, sowie den Menschen als Teil der Natur statt als
Beherrscher derselben zu sehen. Plastino fordert dazu auf, die „menschliche
Kreativität unter das Zeichen der Verantwortung“ zu stellen. „Kollektive
Verantwortung“ ist auch das Stichwort für Jean Pierre Leroy, dem Vertreter von FASE
(Federação de Órgaos para a Assistência Social e Educacional), der die Existenz
einer tiefen ethischen Krise beklagt. „Wie müssen zu den Grundwerten unserer
Humanität zurückkehren.“ Leroy fordert eine „neue Ethik als politische Aktion, die in
die Zukunft weist um ein Projekt der Menschheit zu gründen“.

Forderung einer neuen Ethik

Das derzeitige Projekt der Menschheit läuft auch für Jurema Werneck in die falsche
Richtung. Die Vertreterin der NGO Criola zeigt mit einem Rückblick auf die Geschichte
der Eugenik auf, dass Wissenschaft nie neutral war. Die neuen Technologien hätten
lediglich die Möglichkeiten erweitert, mit welchen bestimmte Menschen als
minderwertig eingestuft werden könnten. „Früher war es die schwarze Haut oder das
schwarze Blut, heute geht es direkt in die Zelle.“ Werneck prophezeit, dass in naher
Zukunft bereits „genetisch höher entwickelten Menschen“ von anderen, sogenannten
„natürlichen“ unterschieden werden könnten. Eine „neue Ethik“ fordert auch Rubens
Onofre Nodari, Vertreter der Arbeitsgruppe der nationalen Kommission für Bioethik
(siehe Interview). „Bereits Bertholt Brecht hat bei zunehmendem Fortschritt eine
Abnahme an Menschlichkeit vorhergesehen,“ zitiert Nodari den deutschen Poeten.
Dass wissenschaftliche Fortschritte soziale Auswirkungen haben und daher von der
Gesellschaft und nicht nur von den WissenschafterInnen diskutiert werden sollten,
darauf weist André Marcelo Machado Soares hin. Bioethik ist für den Professor für
Ontologie und Vertreter der Ethik-Kommission in der Forschung „die Tochter der
modernen Vernunft, die in den Abgrund der Postmoderne fiel.“



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Alternativen existieren

Das Symposium zeigte für Alejandra Rotania, einer der Organisatorinnen und
Vertreterin der NGO Ser Mulher, dass es eine Bewegung in der Welt gibt, die eine
Gegenkultur sucht und Widerstand zeigt. Alternativen aufzuzeigen zum herrschenden
Status Quo, war auch ein Anliegen Thomas Fatheuers, der das Symposium nach
zweitägigen intensiven Debatten, die die Neuen Technologien politisierten, mit den
lateinischen Worten „ex confusione claritas“ beendete. Verwirrung sei notwendig, um
mit falschen Gewissheiten zu brechen, so der Direktor des Böll Instituts. Es liege in der
Tradition der Grünen, zu hinterfragen und zu misstrauen, sowie einen lebendigen
Skeptizismus zu leben. „Wir haben keine fertigen Konzepte zu verkaufen, wir wollen
Debatten beleben“, beschloss Fatheuer das Seminar und kündigte an, dass die
Ergebnisse des Symposiums veröffentlicht und weitere Veranstaltungen zum Thema
folgen werden.


Information/Bestellung:
Heinrich Böll Stiftung, Rua da Glória 190/701, 20241-180 Rio de Janeiro, Brasilien,
Tel/Fax: ++55 21 3852 1104, Email: boell@boell.org.br, www.boell-latinoamerica.org




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