Individualisierung Differenzierung by sig87V

VIEWS: 27 PAGES: 2

									Martin & Anja Becker www.seminar-becker.de          Seite 1        FRS –L-    „Individualisierung“06.03.2012

Individualisierung und Differenzierung als Basis eines integrativen
Unterrichts und Voraussetung des Inklusionsgedankens(in Arbeit!)
Lit.:
1. A. Helmke, Unterrichtsqualität – erfassen – bewerten – verbessern, IFB 2003, S.72 ff
2. J. Hüholdt, Wunderland des Lernens, Lernbiologie, Lernmethodik, Lerntechnik, vdf, 2001
3. M. Becker, www.seminar-becker.de  Materialien  Pädagogische Skripte
4. H. Klippert: Methoden-Training , Übungsbausteine für den Unterricht, 1994

Aus der Heterogenität der Schüler resultiert die zentrale Herausforderung zur
Individualisierung.
Diese bezieht sich auf:      - Methodenvielfalt / Sozialformen
                             - Lernmaterialien
                             - Lerninhalte
                             - Lernzielniveaus
                             - Motivierungstechniken
                             - Lernstrategien (die innere Methode des Schülers)
                             (siehe hierzu auch Homepage „Päd. Skripte“)
In herkömmlichen Unterrichtsmodellen wird die Individualisierung oft als eine quasi
selbstverständliche Unterrichtsform thematisiert, ohne die Wechselbeziehungen und die
systemischen Bedingungen zu berücksichtigen. In welchem Rahmen und unter welchen
Bedingungen soll das Lernen unter welcher pädagigischen Zielsetzung stattfinden und welche
Vorerfahrungen, Einstellungen, Motive, Lernstrategien usw. sind beim einzelnen Schüler in
welcher Form vorhanden und im Einzelfall zu berücksichtigen? Dabei soll auch die
Prozesshaftigkeit berücksichtigt werden.
 „Ein wahrhaft herkulisches pädagogisches Problem ..“ (Weinert, 1997b, S.51/52 nach Helmke 2003)

In welcher Form kann nun ein FöLAA, aber auch Schüler dieser komplexen Aufgabe gerecht
werden? Hierzu entwickelte Hüholdt (2001) S.305 unter den zentralen Begriffen „Motivation“,
„Lernbiologische Grundlagen“, „Lerntechniken“ und „Kreativtät“ wesentliche
Bestimmungsfaktoren für Lernen unter Berücksichtigung neuerer hirnphysiologischer
Erkenntnisse.
Erkenntnisgewinn und Denken in komplexen Strukturen kann nur dann gelingen, wenn
bewusstes und unbewusstes Lernen in seiner Wechselbeziehung erkannt wird.

Wenn wir nämlich Auto fahren, überlassen wir einen Großteil unserer Operationen dem
Unbewussten. Wir können uns nebenbei auf ein Gespräch konzentrieren, dabei Musik hören,
eine Zigarette anzünden oder sogar telefonieren, gleichzeitig nehmen wir vorweg, dass wir
schneller fahren müsssen um bei Grün noch die Ampel überqueren zu können, besonders
achtsam die Schülergruppe an der Bushaltestelle beobachten (Beinmuskulatur wird aktiviert,
um ggf. sofort bremsen zu können) und wir wissen am Ende der Fahrt auch noch, dass der
„Copi-Shop“ an der Ampel ein Angebot macht für farbige DIN A 3 Ausdrucke. Es läuft alles
wie von selbst. Aber es läuft nur, weil wir die Technik des Autofahrens (Blick zurück zur
ersten Fahrstunde!) früher bewusst gelernt haben und jetzt die Regeln (Verkehrsregeln) und die
Strukturen (Infrastruktur) unbewusst abrufen können. Dadurch wird das Denken frei für die
zusätzliche Verarbeitung der aktuellen Situation. Fahren wir ein anderes Fahrzeug (Automatik,
Kleinlaster) oder bewegen wir uns in einem unbekannten Gebiet (andere Stadt, anderes Land,
unbefestigter Weg) müssen die automatisierten Anteile ggf. wieder bewusst gemacht werden,
um adäquat (sinnvoll angepasst) handeln zu können.

So müssen die einzelnen Differenzierungsmöglichkeiten (Methoden usw.) erlernt werden und
in ihrer Wechselwirkung (strukturell und prozesshaft) erkannt und erfahren werden um effektiv
Unterricht gestalten zu können.

Weinert (1997b, S. 51/52) identifizierte vier Reaktionsmöglichkeiten auf die vorfindbaren
Lern- und Leistungsdifferenzen, die auf dem Hintergrund ihrer grundsätzlichen Bedeutung
von Helmke im vollen Wortlaut zitiert werden.
Martin & Anja Becker www.seminar-becker.de   Seite 2      FRS –L-   „Individualisierung“06.03.2012

    1. Ignorieren der Lern- und Leistungsunterschiede
                Passive Reaktionsform
Manche Lehrer verwenden als Bezugssystem für die Gestaltung ihres Unterrichts unbewusst
einen fiktiven oder auch realen Durchschnittsschüler, dessen Lern- und Leistungsfortschritte
zum Maßstab für die Schnelligkeit und Schwierigkeit des Lehrens werden. Dass durch
Nichtstun auch etwas bewirkt wird, ist allerdings eine Illusion. Zwei Effekte sind nämlich
wissenschaftlich gut belegt. Zum einen ist die Qualität des Unterrichts nicht nur von der
Persönlichkeit und Kompetenz des einzelnen Lehrers abhängig, sondern wird z.B. auch vom
durchschnittlichen Niveau und der Variationsbreite kognitiver Lernvoraussetzungen der
Schüler in einer Klasse beeinflusst. Zum zweiten bewirkt die Ignorierung individueller Lern-
und Leistungsunterschiede im Unterricht, dass die guten Schüler besser und die schlechten
schlechter werden. Das gilt insbesondere dann für einen offenen, schülerzentrierten Unterricht,
wenn sich der Lehrer nur als Moderator autonomer Lerngruppen versteht. Unter diesen
Umständen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der individuelle Lernfortschritt eine direkte
Funktion der persönlichen Lernvoraussetzungen ist.

    2. Anpassung der Schüler an die Anforderungen des Unterrichts
                Substitutive Reaktionsform
Neben einigen stark umstrittenen schulorganisatorischen Maßnahmen zur Homogenisierung
von Schulklassen (Zurückstellung vom Anfangsunterricht, Klassenwiederholung, Modi der
äusseren Differenzierung) gibt es viele psychologische Programme zur systematischen
Intelligenzförderung, zur Gedächtnisschulung, zum Erwerb des Lernenlernens und zur
Motivationssteigerung. Die damit verbundenen Hoffnungen auf eine leistungswirksame
Verbesserung der Lernvoraussetzungen schwacher Schüler haben sich i.d.R. aber nicht erfüllt.
Nur die systematische Verbesserung der Lernvorkenntnisse, das gezielte Schließen von
Wissenslücken, die damit verbundenen Möglichkeiten der Vermittlung wirksamer
Lernstrategien (metakognitive Kompetenzen) und die Beeinflussung der Lernmotivation
(durch attraktive Lernanreize, durch differenzielle Bekräftigung und durch ein angstfreies,
stimulierendes und aufgabenorientiertes Klassenklima) versprechen eine Reduzierung
unerwünschter Leistungsunterschiede zwischen den Schülern einer Klasse.

   3. Anpassung der Schüler an die lernrelevanten Unterschiede zwischen den Schülern
                Aktive Reaktionsform
Mit dem Konzept des adaptiven Unterrichts wurde die illusionäre Hoffnung überwunden, man
könne durch Verwendung von ein und derselben Lernstrategie oder von zwei kontrastierenden
Lehrmethoden (z.B. induktives und deduktives Verfahren) bei allen Schülern gleiche
Lernleistungen erzielen. Adaptiver Unterricht ist demgegenüber der realistische Versuch, mit
Hilfe einer differenziellen Anpassung der Lehrstrategien bei möglichst vielen Schülern ein
Optimum erreichbarer Lernfortschritte zu bewirken und dadurch auch den
leistungsschwächeren Schülern die subjektive Überzeugung persönlicher Selbstwirksamkeit
(wieder) zu vermitteln.

   4. Gezielte Förderung der einzelnen Schüler durch adaptive Gestaltung des Unterrichts
                    Proaktive Reaktionsform
Im Bewusstsein der Tatsache, dass durch Unterschiede in den individuellen
Lernvoraussetzungen nicht alle Schüler alles lernen und Gleiches leisten können, kommt es im
Unterricht darauf an, dass Lehrer die Lernmöglichkeiten, aber auch die Leistungsgrenzen ihrer
Schüler möglichst realistisch diagnostizieren und optimistisch interpretieren (Schrader, 1997).
Dabei gilt die Erfahrungsregel: Lernende können unter günstigen pädagogischen Bedingungen
mehr an Können und Wissen erwerben als ihnen oft vorschnell zugetraut wird. Voraussetzung
dafür sind differenzielle Lernziele (Basiscurricullum fundamentale Lernziele für alle
Schüler und differenzielles Aufbaucurriculum für Schüler mit unterschiedlichen
Lernvoraussetzungen und Interessen), ein adaptiver Lehrstil (mit betonter Individualisierung
während ausgedehnter Stillarbeitsphasen) und genügend nachhelfende (remediale) Instruktion
zur Realisierung der basalen Lernziele.

								
To top