Einf�hrung in die Literaturwissenschaft

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3/6/2012
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German
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							   Einführung in die
Literaturwissenschaft
                Themenübersicht

• Literarizität: Was unterscheidet literarische Texte von
  anderen sprachlichen Äußerungen?
• Zeichen und Referenz: Wie stellen literarische Texte
  den Bezug sprachlicher Äußerungen auf ›Wirklichkeit‹
  dar?
• Rhetorik: Was sind ›sprachliche Mittel‹?
• Narration: Wie entstehen Geschichten?
• Autorschaft und sprachliches Handeln: Wie greift
  Schreiben in Wirklichkeit ein?
• Intertextualität und Intermedialität: Wie beziehen sich
  literarische Texte auf andere Texte / andere Medien?
                Prüfungsleistung


Klausur, eineinhalbstündig
bestehend aus:
4 Fragen, von denen 3 beantwortet werden müssen

(Ort, Zeit: 7.2.2010, 16-18h, Audimax)

Voraussetzung: regelmäßige Teilnahme
                     Tutorien
       (Beginn: zweite Vorlesungswoche)
• Mona Jasmin Auth
  & Wiebke Meeder         Di 18:00-20:00
• Katrin Becker
  & Steffen Blum          Do 10:00-12:00
• Marlen Freimuth
  & Florian Stolle        Di 16:00-18:00
• Juliane Heucke
  & Josephine Seyfahrt    Mi 12:00-14:00
             Themenübersicht

1   Literarizität

2   Zeichen und Referenz

3   Rhetorik

4   Narration

5   Autorschaft und sprachliches Handeln

6   Intertextualität und Intermedialität
1          »Literarizität«

    Was unterscheidet literarische Texte von anderen
    sprachlichen Äußerungen?
1          »Literarizität«

    Was unterscheidet literarische Texte von anderen
    sprachlichen Äußerungen?

    Diese Frage läßt sich nicht allgemein beantworten. Die
    Differenz zwischen literarischer Sprache und
    nichtliterarischer Sprache ist von Epoche zu Epoche und
    von Kultur zu Kultur verschieden.

    Unser heutiges Verständnis von der Besonderheit der
    Literatur unterscheidet sich etwa von dem, was noch im
    18. Jahrhundert als eigentümliche Beschaffenheit lite-
    rarischer Texte verstanden wurde.
»Zeitalter der Aufklärung« (18. Jh.)


Im 18. Jahrhundert sind die Ansprüche an die
Literatur andere als die, die wir heute an sie
stellen.
Literatur sollte die Sinne ansprechen und
erfreuen und zugleich eine Wahrheit vermitteln,
die dem Leser zu moralischer Einsicht und zur
Selbsterkenntnis verhilft.
   »Zeitalter der Aufklärung« (18. Jh.)

Beispiel: Die Fabel


Die Aufgabe der Fabel ist es, »eine Lehre ganz
  durchsichtig zu machen«.
(Johann Jacob Breitinger: Critische Dichtkunst.
  Worinnen die Poetische Mahlerey in Absicht auf die
  Erfindung im Grunde untersuchet und mit
  Beyspielen aus den berühmtesten Alten und Neuern
  erläutert wird. Zürich 1740, S. 169f.)
Johann Rudolf Schellenberg:
  Kupferstich zu Magnus
  Gottfried Lichtwers Fabel
  'Der Fuchs' (1777)
»Poetische Mahlerey«: Der Fuchs liest seine
Geschichte UND sieht sein Bild.
   »Zeitalter der Aufklärung« (18. Jh.)
Beispiel: Die Fabel


»Wenn es der menschlichen Seele eine eigene,
 fortwährende Beschäftigung ist, sich Bilder zu
 schaffen, sie aus dem Chaos der Naturgestalten zu
 sondern, ihre Wirkungsart zu bemerken und solche
 mit einem Namen, den ihr der anschauende Sinn
 gab, zu bezeichnen: so konnte es unmöglich fehlen,
 daß nicht bald auch die äsopische Fabel entstehen
 mußte.«
(Johann Gottfried Herder: Über Bild, Dichtung und
  Fabel. In: Sämtliche Werke XV. Berlin 1888, S. 539)
       Die Rolle der Dichtung im 18. Jh.

Im 18. Jahrhundert war Literatur in besonderer Weise auf
das menschliche Erkenntnisvermögen bezogen.
Es galt als die Funktion der poetischen Sprache, alle
unzulänglichen Abstraktionen zu vermeiden und uns die
Wahrheit anschaulich, klar, einleuchtend und einprägsam
vor Augen zu führen.
Dichtung wurde verstanden als »poetische Mahlerey«, als
ein Denken in Bildern.
So ist auch einleuchtend, warum die Fabel bei den
Aufklärern so beliebt war. Sie veranschaulichte eine Moral,
die zugleich auch als Klartext ausgesprochen und der
Erzählung hinzugefügt werden konnte.
       Viktor Šklovskij (1893-1984)

• russischer Literatur- und Kunstwissenschaftler,
  Schriftsteller
• Mitbegründer des russischen Formalismus

Aufsatz: »Die Kunst als Verfahren« (1916)

Ausgangsfrage: Ist Kunst Denken in Bildern?
Šklovskij: »Die Kunst als Verfahren« (1916)

zwei Grundannahmen, die nach Šklovskij FALSCH sind:

1.   daß Literatur etwas durch Bilder unserem Verständnis
     nahebringen will

2.   daß es Literatur darum geht, das Denken auf dem
      leichtesten Wege zu einem gewünschten Begriff zu
      bringen

Šklovskij behauptet, daß Literatur WEDER Anschaulichkeit
NOCH Eingängigkeit anstrebt – im Gegenteil!
Šklovskij: »Die Kunst als Verfahren« (1916)

Grundirrtum 1: Bildlichkeit
»Viele meinen also immer noch, das Denken in Bildern [...]
sei das Hauptmerkmal der Dichtung. Folglich müßten diese
Leute erwarten, die Geschichte dieser, wie sie sagen, ›bild-
lichen‹ Kunst werde aus der Geschichte der Abwandlung
des Bildes bestehen. Es erweist sich aber, daß die Bilder
fast unbeweglich sind; unverändert wandern sie von Jahr-
hundert zu Jahrhundert, von Land zu Land, von Dichter zu
Dichter. [...] Die Bilder sind vorgegeben, und in der
Dichtung gibt es weit mehr Erinnerung an Bilder als ein
Denken in ihnen.« (S. 5)
Šklovskij: »Die Kunst als Verfahren« (1916)

Grundirrtum 2: Eingängigkeit
»Das Gesetz von der Ökonomie der schöpferischen Kräfte
gehört ebenfalls zur Gruppe der allseits anerkannten
Gesetze.« Es besagt: »›Der Wert eines Stils besteht
namentlich darin, eine möglichst große Anzahl von
Gedanken in eine möglichst kleine Anzahl von Worten zu
fassen.‹« (S. 9, 11)
Šklovskij: »Die Kunst als Verfahren« (1916)

Grundirrtum 2: Eingängigkeit
»Der Gedanke von der Ökonomie der Kräfte [...] ist
möglicherweise richtig in einem Sonderfall der Sprache,
nämlich bei der Anwendung auf die ›praktische‹ Sprache.
Weil man sich über den Unterschied zwischen den
Gesetzen der praktischen und der dichterischen Sprache
nicht klar war, hat man diesen Gedanken auch auf letztere
ausgedehnt.« (S. 11)

Nach Šklovskij sind also Alltagssprache und
Literatursprache voneinander zu unterscheiden!
Šklovskij: »Die Kunst als Verfahren« (1916)

›praktische‹ Sprache ist wie alle Alltagshandlungen
gekennzeichnet durch:

-   Routine
-   Automatisierung
-   Unaufmerksamkeit
-   Unbewußtheit
  Tagebucheintrag von Tolstoj vom 29.
            Februar 1897
»Ich war dabei, in meinem Zimmer aufzuräumen, und als
ich bei meinem Rundgang zum Sofa kam, konnte ich
mich nicht mehr erinnern, ob ich es saubergemacht hatte
oder nicht. Weil diese Bewegungen gewohnt und
unbewußt sind, kam ich nicht darauf und fühlte, daß es
unmöglich war, sich noch daran zu erinnern. Also, wenn
ich es schon saubergemacht hätte und hätte es
vergessen, d.h. wenn ich unbewußt gehandelt hätte,
dann wäre es ganz genau so, als wäre es nicht
gewesen. Wenn [...] das ganze komplizierte Leben bei
vielen unbewußt verläuft, dann hat es dieses Leben
gleichsam nicht gegeben.«
Šklovskij: »Die Kunst als Verfahren« (1916)
»So kommt das Leben abhanden und verwandelt sich in
nichts. [...] Und gerade, um das Empfinden des Lebens
wiederherzustellen, um die Dinge zu fühlen, um den Stein
steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennt.
Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu
vermitteln, als Sehen, und nicht als Wiedererkennen; das
Verfahren der Kunst ist das Verfahren der ›Verfremdung‹
der Dinge und das Verfahren der erschwerten Form, ein
Verfahren, das die Schwierigkeit und Länge der Wahrneh-
mung steigert, denn der Wahrnehmungsprozeß ist in der
Kunst Selbstzweck und muß verlängert werden; die Kunst
ist ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben; das
Gemachte hingegen ist in der Kunst unwichtig.« (S. 15)
           Tolstoj, »Leinwandmesser«
»Die Worte ›mein Pferd‹ bezogen sich auf mich, ein
lebendiges Pferd, und erschienen mir so seltsam wie die
Worte ›meine Erde‹, ›meine Luft‹, ›mein Wasser‹. Aber diese
Worte hatten auf mich einen ungeheuren Einfluß. Ich dachte
unaufhörlich daran, und erst lange nach den allerverschie-
densten Beziehungen zu Menschen verstand ich endlich die
Bedeutung, die von den Menschen diesen seltsamen Worten
zugeschrieben wird. Sie bedeuten folgendes: Die Menschen
lassen sich im Leben nicht von Handlungen, sondern von
Worten leiten. Sie lieben nicht so sehr die Möglichkeit, etwas
zu tun oder nicht zu tun, wie die Möglichkeit, über verschie-
dene Gegenstände die zwischen ihnen ausgemachten
Wörter zu reden.«
          Tolstoj, »Leinwandmesser«

»Zum Beispiel die Wörter: meiner, meine, meines, die sie
von verschiedenen Dingen sagen, von Wesen und
Gegenständen, sogar von Erde, von Menschen und von
Pferden. Für ein und dieselbe Sache vereinbaren sie, daß
nur einer sagt: mein. Und wer von der größten Anzahl von
Dingen nach diesem unter ihnen ausgemachten Spiel sagt:
mein, der wird von ihnen für den Glücklichsten gehalten;
weshalb es so ist, weiß ich nicht, aber es ist so.«
 Konsequenzen aus dem Verfahrensbegriff

• Tolstojs Pferd macht seine Beobachtungen, daß
  »Menschen über verschiedene Gegenstände die
  zwischen ihnen ausgemachten Wörter reden«, weil er
  diese Wörter nicht versteht.
• Nichtverstehen wird damit zur entscheidenden
  Herausforderung des literarischen Textes.
• Es geht darum, nicht länger von dem auszugehen, was
  sich von selbst versteht.
• Anstatt zu fragen: »WAS will der Autor damit sagen?« ist
  zu fragen: »WIE verfährt der literarische Text?«
Texte und Folien im Netz unter:


 www.uni-erfurt.de/literaturwissenschaft/
(jeweils ab Dienstag nach der Vorlesung)

         Paßwort für die Texte:

						
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