Zu diesem B�chlein

Shared by: HC120219002950
Categories
Tags
-
Stats
views:
2
posted:
2/18/2012
language:
pages:
20
Document Sample
scope of work template
							Diese Download-Ausgabe entspricht im Wesentlichen der gleichnamigen Broschüre, die im Verlag Erika
Roch erschienen ist (3. Auflage 2001).
Um den Ausdruck mit unterschiedlichen Textverarbeitungen zu ermöglichen, wurde darauf verzichtet, die
Seiten zu nummerieren. Sie müssen also entweder vor dem Ausdruck die Nummerierung Ihrer
Textverarbeitung einschalten oder die ausgedruckten Seiten per Hand durchnummerieren.




Erika Roch:


Warum es gut ist, ein Baby zu tragen



1. Vorbemerkungen

Babys weinen, manche häufig, manche selten. Weinende Babys brauchen etwas. Wenn sie
Hunger haben, brauchen sie Nahrung. Wenn es ihnen kalt und nass ist, brauchen sie frische,
warme Bekleidung. Wenn ihnen etwas weh tut, muss versucht werden, die Schmerzen zu
lindern. Was aber, wenn wir nicht wissen, was los ist? Schreiende Babys nerven ihre Eltern.

Die meisten Babys beruhigen sich, wenn sie fest im Arm gehalten, getragen, rhythmisch
geschaukelt und mit beruhigender Stimme getröstet werden. Das ist es, was sie brauchen:
Körpernähe, rhythmische Bewegung, Trost, Stimme, Atem und Körpergeräusche von Vater oder
Mutter oder einem anderen Menschen, der das gerade geben kann.

Viele Beobachtungen bestätigen dies. Beispielsweise schlafen viele Babys beim Stillen an der
Brust ein. Aber wenn man sie ablegt, in ihr noch so schönes Bettchen, weinen sie wieder.

Mit diesem Büchlein möchte ich Eltern Mut machen, ihr neugeborenes Kind so oft wie möglich in
den Arm zu nehmen, es zu streicheln, eine Trageform zu finden, mit der sie es soviel wie
möglich in ihrer körperlichen Nähe haben können ohne selbst allzu belastet zu sein.

Ein junger Vater, liebevoll besorgt um das Wohlergehen seines vier Monate alten Töchterchens,
fragte mich: »Ich habe eine Reise nach Afrika gemacht, ich habe dort kein Baby so viel weinen
gesehen, wie hier. Dabei sind die äußeren Verhältnisse viel ärmer, die jungen Mütter müssen
viel anstrengender arbeiten. Was muss ich denn noch alles tun, damit mein Kind zufrieden sein
kann?« Am liebsten hätte ich ihm gesagt: »Tu gar nichts besonderes. Nimm dein Kind mit zu
dem, was dir gut tut! Trag es einfach bei dir, wenn du einkaufen gehst, durch einen Park
bummelst, einen Waldlauf machst oder auf dem Sportplatz bist (es zur Arbeit mitzunehmen, ist
ja leider nicht möglich)«. Diese Broschüre will aufklären, warum ein solches Verhalten eine gute
Voraussetzung ist, Ausgeglichenheit und Ruhe in ein Babyleben zu bringen. Ganz so gut, wie
den afrikanischen Müttern wird uns das hier in Mitteleuropa nicht gelingen, denn unser
Erwachsenenleben ist von einer grundlegenden größeren Hektik gekennzeichnet, aus der sich
nur wenige Menschen ganz heraushalten können.
Und so bin ich dazu gekommen, dem Tragen im Leben von Babys eine große Aufmerksamkeit
zu widmen: Ich lade Eltern und ihre Babys zu Wochenenden oder mehrtägigen Seminaren in ein
Tagungshaus ein. Bei langen Spaziergängen tragen die Eltern ihre 1, 2 oder 3 Monate alten
Babys im Tragetuch. Dabei haben wir gemerkt: Babys, die viel und lange getragen werden,
brauchen nicht sofort Nahrung, wenn sie einmal kurz wach werden. Sie melden sich, spüren
offensichtlich die sanfte Bewegung und das gleichmäßige Schaukeln, hören eine beruhigende,
tröstende Stimme und schlafen im Tragetuch wieder ein. Von den Wanderungen zurückgekehrt,
tranken sie kräftig, waren kurze Zeit hellwach, um dann ausgiebig in ihren Betten weiter zu
schlafen. Zeit für die Eltern zu Gespräch und Muße und um den eigenen Interessen
nachzugehen. Manche Eltern berichten, dass sie diese Gewohnheit auch zu Hause beibehalten.
In den oft unruhigen Abendstunden mit dem Baby gehen sie spazieren: durch Wald, Wiesen,
Parks, auch mal bummeln im Einkaufszentrum. Sie selbst bekommen dabei ausreichend
Bewegung und Erholung nach einem arbeitsreichen Tag. Die Babys werden im Laufe der Zeit
ausgeglichener, ruhiger, zufriedener. Sie kommen in einen Rhythmus, mit dem die Eltern gut
zurecht kommen. Offensichtlich bekommen sie das, was sie brauchen.




2. Die Mehrzahl der Babys auf der Erde wird getragen
Ausgangspunkt für meine Überlegungen waren größere Reisen nach Tansania, Kenia und
Indonesien. Auf diesen Reisen habe ich mir noch einmal richtig klargemacht, was ich schon
lange wusste: es ist das Normale, dass Babys im ersten Lebensjahr getragen werden. Die
Mehrheit aller Babys in der Welt wird auch heute noch getragen! In Afrika, Asien, Südamerika.
Millionen Babys sind lange Zeit in einem sehr intensiven Körperkontakt mit ihrer Mutter. Dabei
sind die Mütter nicht so, wie wir es hier tun können, ständig um ihre Babys bemüht. Sie gehen
meistens einer Arbeit nach: in ihrem großen Haushalt, auf dem Feld, auf den Märkten. Wenn
das Baby Nahrung braucht, meldet es sich. Ohne viel darüber nachzudenken wird die Mutter
sehr sensibel für die Signale ihres Kindes: in Tansania, wo die Babys keine Windeln tragen, weil
es viel zu heiß ist, habe ich beobachtet, wie die Mutter rechtzeitig merkt, wann das Baby pinkeln
muss. Sie hält es dann weit von sich, damit der Urin auf den Boden fließt und nicht in ihre
Kleidung.

Dass in Europa die Kinder weniger getragen werden als in anderen Erdteilen, liegt natürlich
auch an unserem Klima. Hier in Europa, in Deutschland gibt es nun einmal Zeiten, wo man nicht
mit dem Baby nach draußen gehen kann, wo man es warm einhüllt und wo es dann eben auch
»unhandlicher« ist. Aber das erklärt nicht alles. Im Haus und in der Wohnung könnte ein Baby
sehr viel getragen werden, egal ob draußen die Sonne scheint oder ein Schneesturm tobt. Ich
glaube einfach, dass wir nicht daran denken, wie wichtig es ist, denn wir haben doch
Kinderwagen, Wippe, Bett und Kinderzimmer. Das genügt (meinen wir).
3. Das Menschenkind - ein zu früh geborener Nestflüchter

Die Biologen haben gefragt: was ist der neugeborene Mensch, der zu den Säugetieren
gerechnet wird, für eine besondere Art? Gehört er zu den Nesthockern, also den Tieren, die
nach der Geburt noch ganz unfertig in einem Nest hocken und dort von Vater und Mutter mit
Nahrung versorgt werden? Später hat man die Sinnesorgane des Menschen genauer untersucht
und hat gesagt: Der Mensch ist aufgrund der Entwicklung seiner Sinnesorgane als ein »zu früh
geborener Nestflüchter« einzuordnen. Er wäre eigentlich erst reif geboren zu werden, wenn er
etwa 9 Monate alt ist. Erst dann wäre er in der Lage, zur Brust der Mutter zu krabbeln und, wenn
er genug getrunken hat, wieder wegzukrabbeln. Er kann dann auch schon nach etwas greifen
und sich die Nahrung selbst zum Mund führen.

In der Entwicklungsgeschichte des Menschen gibt es eine Erklärung für dieses »zu früh
geboren«. Als unsere Vorfahren begannen, sich aufzurichten, wurde das Becken der Frauen
enger. Gleichzeitig wuchs unser Gehirn und so wurde es unmöglich, zum normalen Reifetermin
geboren zu werden.

Die Soziologen sagen: Der Mensch braucht deshalb einen »sozialen Uterus« (Gebärmutter).
Damit ist gemeint, dass die körperliche Geburt nur eine Unterbrechung auf dem Weg zur
eigentlichen, sozialen Geburt ist. Ein neugeborener Mensch braucht nach der Geburt noch
einmal für etwa die gleiche Dauer wie die Schwangerschaft einen »sozialen Uterus«, ein
Eingefangensein und Festgehaltenwerden außerhalb des Bauches, aber ganz in seiner Nähe.
Die Völker, die heute noch ihre Kinder tragen, sind da näher an der Natur des Menschen und
machen es in diesem Sinne »richtiger«. Aber auch hier habe ich einen Kinderarzt sagen hören:
»Lassen sie ihren Kinderwagen im Keller stehen. Neun Monate im Bauch, neun Monate auf dem
Bauch - und dann ab in die Welt!«




4. Das Menschenkind - ein Tragling
Interessant ist es auch, zu fragen, wie denn die nächsten biologischen Verwandten des
Menschen, also die Menschenaffen, mit ihren Babys umgehen. Dabei ergibt sich noch eine
andere Sichtweise. Man stellte fest: Außer den Nesthockern und Nestflüchtern gibt es noch eine
dritte Art von Neugeborenen, das sind die »Traglinge«. Dazu gehören alle Affen, (aber auch zB
Känguruhs - die den »äußeren Uterus« ja tatsächlich bei sich tragen). Das besondere bei den
Traglingen ist, dass sie aktiv dazu beitragen, ihren Platz am Körper der Mutter nicht zu verlieren.
Forscher sagen: Der Mensch ist ursprünglich so ein Tragling. Angeborene Reflexe deuten
darauf hin. Man kann ein Neugeborenes an eine Leine hängen und es hält sich durch den sog.
Klammerreflex dort fest und fällt nicht herunter. Das Neugeborene verfügt auch über Lage-
Reflexe. Je nachdem wie es gehalten wird, kann es automatisch seine Lage so verändern, dass
es ihm gut geht. Sein Gleichgewichtssinn ist schon bei der Geburt sehr gut ausgebildet, so dass
es sich verschiedenen Bewegungen beim Auf- und Abnehmen und beim Tragen gut anpassen
kann. Seine Haltung in der Rückenlage (Spreizen und Anhocken der Beine) zeigt, dass es
genau darauf eingerichtet ist, auf die Hüfte oder den Bauch des Erwachsenen gesetzt zu
werden.
Es nimmt diese Erwartungshaltung schon ein, wenn Vater oder Mutter sich nähern. Es beruhigt
sich, wenn es getragen wird. Getragene Babys sind meist zufriedene Babys. Alle diese
Beobachtungen und Forschungen sprechen dafür, Neugeborene als Traglinge und nicht als
Wegleg-linge zu behandeln - sie also möglichst viel zu tragen und in der Nähe zu haben. Und
zwar mit dem Ziel, dass dies ihre Entwicklung und Eigenständigkeit am besten fördert. Im
nächsten Abschnitt werde ich noch genauer darauf eingehen.



5. Wie das Baby darauf vorbereitet ist, getragen zu werden
Wenn wir uns ein neugeborenes Baby genauer anschauen, können wir einiges beobachten, was
darauf schließen lässt, dass es ein Tragling und nicht ein „Liegling“ ist.

Wenn es ausgezogen auf dem Rücken liegt, hält es die Beine gebeugt und recht weit gespreizt.
Die Füßchen liegen dabei mit der Ferse auf der Unterlage auf, aber schon nach wenigen
Wochen werden sie aktiv in der Höhe gehalten. Wir können uns gut vorstellen, wie die Kinder in
dieser »Anhock«-Haltung genau die Hüfte der tragenden Person umschließen. Die Arme des
Babys bilden in Brusthöhe einen Teil eines offenen Kreises, die Fäuste sind meistens
geschlossen, gehen aber bei zärtlicher Berührung auf und wieder zu. Auch hier ist es gut
vorstellbar, wie sich die Babyarme um einen Busen herumkuscheln. Wenn wir ein liegendes
Baby aufnehmen, geht das Baby automatisch in die Anhockhaltung und behält diese aktiv bei,
wenn es längere Zeit vor dem Erwachsenen gehalten wird. Liegende Babys nehmen diese
Haltung schon ein, wenn sie hören, dass die Eltern sich nähern. So zeigen sie an: Jetzt erwarte
ich, dass du mich hochnimmst!

Es ist gut vorstellbar, dass ein Neugeborenes in aufrechter Haltung, auf der Hüfte der Mutter
oder des Vaters gut festgebunden, mit weit gespreizten Beinchen einen vorzüglichen Platz hat.
Beobachtungen und Messungen an Becken, Hüfte und Taille von Frauen zeigen, dass sie
passend darauf eingerichtet sind, ihr Baby in dieser Haltung zu tragen. Die Maße der weiblichen
Hüfte entsprechen genau der Anhockhaltung der Babys!
Von unwissenden Leuten hören Frauen, die ihr Baby im Tragetuch tragen, oft: Das Rückgrat
des Babys wird krumm! Ein erwachsener Mensch bekäme in der Tat Rückenschmerzen, wenn
er in dieser Haltung längere Zeit auf einem Stuhl säße. Beim Baby ist das anders: es ist alles
rund an ihm, wenn es geboren wird. Und so wie man seine Beine nicht vorzeitig strecken muss,
damit sie gerade wachsen, so braucht man auch den Rücken des Babys nicht vor der Zeit zu
strecken. Immerhin hat das Kind monatelang rund zusammengerollt im Mutterleib verbracht.
Ganz allmählich, im Verlauf seiner motorischen Entwicklung im ersten Lebensjahr, mit
zunehmender Kräftigung der benötigten Muskulatur »streckt« sich das Kind. Zuerst hält es den
Kopf, weil es etwas sehen will. Dann lernt es, seinen Oberkörper aufrecht zu halten. Mit dem
aufrechten Stehen um ein Jahr herum hat seine Wirbelsäule die Form des aufrechtgehenden
Menschen gefunden. Ein straff sitzendes, doch in sich etwas elastisches Tragetuch unterstützt
diesen Prozess auf natürliche Weise.



6. Tragen - ein Baustein für Sicherheit und »Grundvertrauen«
Versetzen wir uns in ein Baby: Neun Monate lang war es im Bauch seiner Mutter. Dort war es
warm und weich, es gab keinen Hunger und keine Atemnot. Es war sicher und geborgen. Ein
gleichmäßiges Tönen von Herz und Darm der Mutter war um es herum, manchmal vielleicht
auch besondere Geräusche, die aus der Außenwelt zu ihm drangen. Wenn die Mutter sich
bewegte, wurde es geschaukelt, durch die enger werdenden Wände der Gebärmutter wurde es
massiert.

Das Tragen verlängert den Zustand, der schon vor der Geburt vorhanden war. Insofern ist
ausgiebiges Halten und Tragen des Kindes nach der Geburt Voraussetzung für eine gute
»Grundsicherheit«. Natürlich gehört noch mehr dazu, ein dauerhaftes Sicherheitsgefühl zu
entwickeln, z.B. ausreichende Nahrung und Hilfe bei Unwohlsein. Aber die Chance, dass ein
Kind, das viel in den Armen gehalten und getragen wird, gar nicht so viele Unwohlzustände hat,
ist sehr groß. Wenn so ein Baby schon sprechen könnte, würde es wahrscheinlich sagen: »Da
war zwar dieser unangenehme Übergang aus der Geborgenheit im Bauch meiner Mutter in
diese Welt, aber jetzt scheint doch für mich alles wieder im Lot und geordnet zu sein«. So ist
das Tragen ein wesentlicher Baustein für eine gute Grundstimmung des Kindes, für Vertrauen
und Sicherheit.
7. Tragen - ein Baustein für eine gesunde körperliche Entwicklung
Das Baby ist beim Tragen nicht passiv. Durch die Bewegungen der Mutter werden alle seine
Nervenenden in der Haut, den Muskeln und Gelenken angeregt. Der bei der Geburt schon gut
ausgebildete Gleichgewichtssinn steuert aktiv beim Tragen mit und hilft dem Baby, sich den
Bewegungen der Mutter so anzupassen, dass es ihm immer optimal gut geht. Es wundert uns
deshalb nicht, dass Babys, die viel getragen werden, im Tragetuch schnell einschlafen und
ausgiebig schlafen. Ihre körperlichen Kräfte werden aktiv angefordert und auch altersgemäß
genutzt. Dementsprechend werden die Babys müde.
Jede unrhythmische Bewegung der Mutter verursacht beim Baby einen besonderen
Bewegungsausgleich, ein vertieftes Atmen und damit auch gute Durchblutung aller Organe. Die
Darmtätigkeit des Kindes wird ähnlich wie bei einer Massage unterstützt, Blähungen
verschwinden. Damit entfällt ein wichtiger Grund, warum viele Babys in den ersten 3 Monaten
weinen müssen. Das sich entwickelnde Immunsystem erhält anregende Impulse durch Atem,
Bewegung und Berührung. So ist ein ausreichendes Tragen des Kindes nicht unwesentlich an
einer gesunden, kraftvollen Entwicklung beteiligt.

Beim Tragen auf der Hüfte befinden sich die Beinchen des Kindes in einer anatomisch richtigen
Spreizstellung für die gesunde Entwicklung der Hüftgelenke. Für den tragenden Erwachsenen
heißt das, dass er immer wieder darauf achten muss, dass das Baby die Beinchen weit
gespreizt hat. Durch Nachfassen unter den Po des Kindes kann man es immer wieder in eine
gute Tragehaltung bringen. Wenn es so in der natürlichen Anhockstellung auf der Hüfte des
Erwachsenen hockt, trifft der Gelenkkopf des Oberschenkelknochens genau in die Mitte der
Hüftgelenkspfanne und sorgt für gute Ausbildung der Wölbung, die den Gelenkkopf umschließt
und der sie darin festhaltenden Bänder und Sehnen. Bei Völkern, die ihre Babys ohne viel
Nachdenken auf der Hüfte tragen, kennt man kaum eine verzögerte Hüftgelenksentwicklung
oder Hüftgelenksverformung. Wir machen diese vorbeugende Haltung künstlich nach, in dem wir
den Babys eine Spreizhose verordnen. Die Spreizhose wäre in vielen Fällen überflüssig, wenn
das Kind von Anfang an im Hüftsitz getragen wird.

Das Tragen bedeutet also, ohne viel nachzudenken, dem Kind optimale Bedingungen für ein
gesundes Wachsen zu ermöglichen. In der Pflege frühgeborener Babys macht man sich dies
neuerdings, so oft es möglich ist, zunutze. Die winzigen Persönchen werden Vater oder Mutter
an den Körper gelegt, um dort so natürlich wie möglich nachzureifen. Als ich darüber in einer
Gruppe junger Frauen sprach, sagte plötzlich eine Teilnehmerin: »So macht meine Mutter das,
wenn ein Hühner- oder Entenküken besonders schwach ist. Sie steckt es sich in die Bluse, dort
gedeiht es prächtig«.
8.Tragen - ein guter Anfang für die intellektuelle Entwicklung
Neben der seelischen und körperlichen Entwicklung ist das Tragen von Babys auch ein guter
Grundstein für seine geistige, intellektuelle Entwicklung. Die sichere Nähe und Geborgenheit ist
eine gute Ausgangsbasis für Neugier und Kontaktaufnahme. Die Augen des Babys bekommen
vieles zu sehen, seine Ohren kriegen alles mit, was die Erwachsenen reden, seine Händchen
haben es täglich mit unterschiedlichen Bekleidungsstoffen zu tun, sein Gehirn bekommt durch
die aktive Beteiligung an der Bewegung und die angeregte Atmung reichlich Sauerstoff - alles in
allem ganz viele Entwicklungsreize für einen wachwerdenden Geist.




9. Bindung - Nähe - Ablösung
»Ist das nicht viel zu viel an Nähe?« fragen die Kritiker des Tragens.
Zwischen Mutter und Neugeborenem entsteht, von der Natur vorbestimmt, eine sehr intensive
Bindung. In unserer Zeit der individuellen Freiheit ist die Angst vor zuviel Bindung sehr groß.
Das verhindert oft, dass Frauen ihre Babys aufnehmen und viel mit sich herumtragen. Ist diese
Angst vor Bindung nicht auch berechtigt? So ein Kind behindert die Mutter ja auch wirklich, und
das angesichts einer großen Freizügigkeit, die Frauen heute gegenüber früher haben. Es gibt da
viel verborgene Angst vor diesem totalen Voneinander-abhängig-sein. Denn, wenn es so läuft,
wie die Biologie es vorgesehen hat, ist nicht nur das Baby von der Mutter abhängig, sondern
auch die Mutter vom Kind. Wenn sie das Kind stillt, ist es ganz wichtig, dass das Kind
regelmäßig die Brust leertrinkt, sonst geht es der Mutter nicht gut. Diese Abhängigkeit hält
immerhin etwa 9 Monate an.

Die Mutter, die in viel Körperkontakt mit ihrem Kind ist, achtet sehr aufmerksam auf seine
Signale. So merkt sie sehr genau, wenn das Kind anfängt, sich für die Umwelt zu interessieren,
für Gegenstände, für andere Menschen. Wenn sie es trägt, wird es sich nach außen wenden, ihr
z.B. deutlich anzeigen, dass es auf den Fußboden möchte, um ein buntes Spielzeug zu
erreichen. Jetzt ist die Mutter angefragt, es loszulassen. Schon halbjährige Kinder zeigen
deutlich: ich will nicht länger auf deinem Arm sein.
Es ist sehr interessant zu beobachten, wie Mütter in anderen Kulturen darauf achten. Auf der
Insel Sumatra (Indonesien) tragen die Mütter ihre Babys fast ständig im Tragetuch. Nachts oder
wenn sie auf dem Markt sitzen und die Kinder schlafen, hängen die Mütter das Tragetuch mit
dem Baby an einen Haken in der Decke oder über den Ast eines Baumes, bis das Baby sich
wieder meldet. Dann schaut die Mutter: Genügt es, das Kind ein bisschen anzustossen, damit
es ins Schaukeln kommt und weiterschläft oder muss ich es jetzt herausnehmen und ihm etwas
zu trinken geben? Wenn die Frauen unterwegs sind, haben sie das Kind immer im Tragetuch
dabei. Wenn sie irgendwo sitzen - auf dem Markt, im Bus oder im Bistro -, lockern sie das Tuch.
So ist das Kind nicht ganz fest an sie gebunden, es liegt auf ihren Beinen und kann sich für eine
Zeit frei bewegen, seine ersten Weg-bewegungsversuche machen. Immer wenn es möglich ist,
versuchen die Mütter, den Kindern Raum zur eigenen Entfaltung zu geben.

Im allgemeinen kann man sagen, dass Kinder, die sich gut gebunden fühlen, auch recht aktiv
und neugierig auf die Umwelt zugehen. Wenn die Mutter wenig Bindung zulassen konnte,
wendet sich das Kind unsicherer seiner Umwelt zu, möchte das, was an Kontakt zur Mutter da
ist, nicht verlieren, »hängt an ihrem Rockzipfel«. Nicht selten wird das Kind lebenslang dabei
bleiben, dem nachzulaufen, was es in der frühen Kindheit nicht so gehabt hat, wie es das
biologisch gebraucht hätte. Bei schwer gestörten Kindern und Jugendlichen versucht man
deshalb durch die »Festhalte-Therapie«, die durch Dr. Jirina Prekop bekannt wurde,
Versäumtes nachzuholen.
10. Was Mutter oder Vater davon haben, ihr Baby zu tragen
Wenn dieses Büchlein bewirkte, dass Vater oder Mutter ein schlechtes Gewissen bekommen,
weil sie ihr Baby nicht allzuviel tragen wollen, dann hat es seinen Sinn verfehlt. Ich möchte nur
Interesse, Neugier und Spaß an diesem Vorgang wecken. Und das ist nur gegeben, wenn
Mutter und Vater auch selbst etwas davon haben, dass sie sich aufs Tragen einlassen. Alles
Tragen »weil es im Buch steht« oder nur »um des Babys willen«, ist wirkungslos.

Wie aber sollte diese »Last« dem Vater oder der Mutter zugute kommen?
Zunächst einmal: Diese Last ist eine wunderbare Nähe zu einem ganz neuen, liebebedürftigen
und liebevollen Wesen. Und jede Stunde, die sich ein Erwachsener darauf einlässt, erfährt er
mehr darüber, was »Liebe« bedeutet und wie intensiv er lieben kann. Es ist, wie wenn alle seine
bisher noch verborgenen Schätze sichtbar und spürbar werden. Fürsorglichkeit und
Liebesfähigkeit werden geweckt. Nie wieder im Leben bekommen wir so stark das Gefühl,
gebraucht zu werden. Und eine Ahnung von Zusammengehörigkeit und Verantwortung: »Ich bin
der Vater, ich bin die Mutter dieses Kindes!«

Gleichzeitig wird uns bewusst, an welchem Leben wir dieses Baby teilhaben lassen. Wir lernen,
das, was wir tun, auch mit den Augen unseres Kindes zu sehen.
Manchmal kann es praktisch sein, das Baby zu tragen, statt es im Kinderwagen umherzufahren:
Im Kaufhaus kann man geschickt durch enge Gänge gehen und die Rolltreppe benutzen. Im
Park oder Wald locken schmale Trampelpfade, die für den Kinderwagen unzugänglich sind. In
der Wohnung sind die Hände frei, um Staub zu saugen, Geschirr wegzuräumen oder die
Blumen zu pflegen. Wenn der große Bruder zum Kindergarten gebracht werden muss, braucht
sich niemand zu sorgen, ob das Baby zu Hause wachgeworden ist. Wenn das Kind
abwechselnd mal auf der rechten, mal auf der linken Hüfte getragen wird, zwischendrin auch
einmal auf dem Rücken, tagsüber von der Mutter, am Abend vom Vater (ich nehme diese
Zeiten, weil sie immer noch in den meisten jungen Familien so aussehen), dann ist die
Belastung für die Erwachsenen nicht übermäßig groß. Im Gegenteil: Ich erlebe immer wieder,
wie diese Anforderung auch bei den Erwachsenen Kräfte mobilisiert.
Als eines der größten Hindernisse, ein Baby mit Freude zu tragen, erlebe ich immer wieder
dieunpassenden Hinweise der Verwandten und Nachbarn: »Ihr verwöhnt das Kind! Es wird sich
daran gewöhnen und immer mehr davon haben wollen. Es wird keine Leistung bringen, sondern
immer nur gehätschelt werden wollen!« Aber das ist nicht so! Wenn man einem Baby gibt, was
es braucht, kann man es nicht verwöhnen. Wenn es Nähe braucht, braucht es Nähe. Wenn es
Hunger hat, braucht es Nahrung. Wenn es getragen werden möchte, braucht es
Getragenwerden. Wird einem Kind der Körperkontakt, den es braucht, vorenthalten, bekommt
es Angst. Angst macht nicht stärker, sondern schwächer!

Verwöhnen ist etwas ganz anderes. Verwöhnen bedeutet: dem Kind etwas abnehmen, was es
schon allein für sich tun kann. Wenn das Kind Hunger hat, kann es dies deutlich durch die
Qualität seines Schreiens anzeigen. Wenn es schon die Brust bekommt, sobald es nur die
Augen aufmacht, wird ihm abgenommen, Hunger deutlich zu signalisieren. Wenn es seinen
Kopf alleine aufrecht halten kann, brauche ich ihn nicht mehr durch eine Hand zu stützen. Wenn
es sich vom Bauch auf den Rücken drehen kann, muss ich es nicht mehr herumlegen. Wenn es
sich nach einem Spielzeug recken und strecken kann, muss ich es ihm nicht mehr in die Hand
geben. Wenn es seine Körpertemperatur regulieren kann, brauche ich es nicht mehr so warm
einzupacken. Wenn es Brot aus der Hand essen kann, braucht es nicht nur pürierten Brei. Beim
Verwöhnen nehmen wir einem Baby die altersangemessene Anstrengung ab. Das Baby gerät
dabei oft in einen »Teufelskreis«: es muss sich nicht genug anstrengen, dadurch wird es nicht
entsprechend müde - es »ningelt« mehr und wird anstrengender - und so schaukelt sich das
Ganze auf. Beim Tragen wird das Baby altersangemessen herausgefordert. Es ist immer aktiv
beteiligt.

Es geht nicht darum, wieviel Stunden ein Kind getragen wird. Eltern, die sich darauf einlassen,
die sicher sind, sich und dem Baby damit Gutes zu tun, werden für ihre Situation das jeweils
richtige Maß finden. Ein Baby, dass in einem guten Kontakt mit seinen Eltern ist, wird sogar
verstehen, wenn sie eines Tages sagen: »Heute müssen wir die Umzugskartons packen. Du
bleibst in deinem Bettchen und kannst uns zuschauen und zuhören.« Wichtig ist hierbei die
Ansprache und das Vertrauen in die kindlichen Fähigkeiten. Wer genug bekommen hat, kann
auch verzichten.



11. Was man braucht, um ein Baby zu tragen und wo es Beratung gibt
Es gibt viele Arten, ein Baby zu tragen. Die zwei bewährtesten Methoden, wie das Baby vor dem
Bauch oder auf der Hüfte getragen werden kann, werde ich anschließend beschreiben. Es ist
nichts dagegen einzuwenden, wenn sie andere Trageweisen bevorzugen, z.B. die »Wiege«
oder eine Form des »Auf dem Rücken-Tragens«. Weiter unten erfahren sie, wo sie dazu
Bindeanleitungen bekommen.

Das Wichtigste ist: Wer sein Kind längere Zeit im Tuch trägt, muss selbst ein gutes Gefühl dabei
haben. Einmal muss das Baby richtig fest und kräftig eingebunden sein (meist erlebe ich, dass
die Kinder zu locker an der tragenden Person hängen), zum anderen darf der/die Tragende
keine Schmerzen im Rücken haben oder sich allzusehr verspannen. Wenn es Lust macht, mit
dem Baby im Tuch zu tanzen, dann sitzt es meistens richtig. Wenn es nach mehreren
Versuchen zu mühevoll erscheint, das Kind zu tragen, ist es besser, nach wie vor den
Kinderwagen zu benutzen.
Tragetücher (original aus Ländern, wo es noch ganz selbstverständlich ist, die Babys zu tragen)
gibt es in Eine-Welt-Läden zu kaufen. Allerdings sind die dort zu erhaltenden Tücher (Länge bis
3 Meter) nur für den Hüftsitz geeignet. Andere Tragemethoden, z.B. Bauch- oder Rückentragen,
erfordern längere Tücher (4,5 bis 6 Meter).
Sie können auch ein mittelfestes Baumwolltuch als Meterware kaufen. Der Stoff ist meist 1,40 m
breit und muss dann noch einmal der Länge nach geteilt werden.

Besonders gut fürs Tragen geeignete Tücher in schöner, farbiger und aufs Tragen abgestimmter
Webart erhält man bei folgenden Firmen:

           DIDYMOS®, Erika Hoffmann
           Alleenstr.8 , 7 16 38 Ludwigsburg
           Tel: 0 71 41 / 92 10 24, Fax: 07141 / 92 10 26
           Internet: www.didymos.de


           bebina, Patrizia Lauer, Postfach 1211, 26002 Oldenburg
           Tel: 0441 / 4085870, Fax: 0441 / 4085872
           Internet: www.bebina.de


Alle Firmen bieten die Tücher in verschiedenen Größen an. Beim Bestellen eines Tuches
werden Bindeanleitungen mitgeliefert. DIDYMOS und Lana geben zusätzlich die Adressen von
Frauen an, die in der Nähe der jungen Eltern wohnen und ihnen zeigen können, wie das
Tragetuch gehandhabt wird.

Eine gute Beratung, wie das Baby in richtiger Haltung getragen wird, geben die
Gruppenleiterinnen des Prager-Eltern-Kind-Programms (PEKiP®). Über den

           PEKiP e. V.
           Am Böllert 7
           47269 Duisburg
           Telefon: 02 03 / 71 23 30, Fax: 0203 / 71 23 95
           Internet: www.pekip.de

ist zu erfahren, wo es am jeweiligen Wohnort solche Eltern-Baby-Gruppen gibt.

Auch bei Familienbildungsstätten und Zentren für Geburt und Familie finden sich Menschen, die
zeigen können, wie Tragetücher gut gebunden werden. Manchmal empfehlen es schon die
Hebammen, die in den ersten Wochen nach der Geburt die Familien besuchen.



12. Die Technik des Hüfttragens
Das Baby hockt dann richtig, wenn

        - die Oberschenkel des Kindes mindestens bis zum rechten Winkel angezogen sind
        - die Beinchen in dieser Haltung weit gespreizt sind und sich an der Taille der Mutter
          festschmiegen
        - der Rücken des Kindes leicht gerundet ist und in dieser Haltung fest durch das Tuch
          gehalten wird.
Die Arme des Babys liegen in leichter Beugehaltung nach oben, das größer werdende Kind hält
sich mit ihnen aktiv an der Mutter fest.
Der Kopf des Kindes kann sich ab der 2./3. Woche aufrichten, sodass das Baby umherschauen
kann.

In dieser Reihenfolge kommt das Kind ins Tragetuch:

1. Hänge das Tuch mit der Mitte über eine deiner Schultern

2. Auf der gegenüberliegenden Hüfte verknotest du die beiden Enden mit einem Kreuzknoten
   (Abb. a) so, dass das Tuch locker deinen Körper umschließt. Der Kreuzknoten, auch
   Weberknoten genannt, ist recht flach und wird dann auf den Rücken der tragenden Person
   geschoben, damit er beim Tragen des Kindes nicht drückt.

3. Das Baby wird auf die Hüfte gesetzt, über der das Tuch liegt. Du schaust dein vor dir
   liegendes Kind an, erzählst ihm, daß es jetzt ins Tragetuch gesetzt wird. Dann nimmst du es
   auf, hebst es recht hoch (nackte Babys würden jetzt die Anhockposition einnehmen) und
   setzt es von oben ins Tuch auf deine Tragehüfte (Abb. b und c). Die eine Hand hält das Baby,
   mit der anderen hilfst du am Tuch nach, damit das Kind hineinrutschen kann (Abb. d).
4. Wenn das Baby bis auf deine Taille gerutscht ist (der unterste Teil seines Beckens sitzt auf
   deiner Hüfte, die gespreizten Beinchen schließen sich um deine Taille), nimmst du den Teil
   des Tuches, der an deinem Hals liegt und ziehst ihn mit einem Ruck weit über deine Schulter
   (Abb. e). Jetzt musst du das Gefühl haben, dass das Kind ganz fest an dir hockt. Wenn nicht,
   mach den letzten Handgriff rückgängig und bitte jemand, den Knoten in deinem Rücken noch
   einmal zu lösen, evtl. einzelne Seiten des Tuches fester zu ziehen oder die ganze
   Tuchschlinge noch enger zu knoten. Du hast dabei nichts anderes zu tun, als das Baby fest
   an dich gedrückt zu halten.

5. Wenn du das Gefühl hast, jetzt ist das Kind ganz fest an dir, fast wie angewachsen, dann
   kannst du es durch einen Griff unter seinen Po immer wieder zurechtruckeln (Abb. f), wenn es
   z.B. durch tieferen Schlaf allzu sehr zur Seite hängt, oder wenn es die Beinchen nicht weit
   genug spreizt. Du kannst den oberen Rand des Tuches auch über seinen Hinterkopf ziehen,
   dann ist es ganz abgeschirmt von außen und hat es warm. Wer ein sehr langes Tuch hat, holt
   die Enden nach vorn und bindet sie dort noch einmal. Das gibt dem Tragenden eine gute
   Stütze. Im Winter kann der Tragende über dem Baby eine weite Jacke tragen, die oben offen
   bleibt. Unten wird die Jacke zugeknöpft, das gibt noch einmal doppelten Halt. So ist das Baby
   auch im Winter warm genug (in normaler Hauskleidung) und dem Erwachsenen wird durch
   das Kind warm.

6. Achte dann beim Stehen und Gehen gut darauf, dass du möglichst gerade gehst, dich nicht in
   der Taille und Hüfte verspannst. Du kannst ruhig einige Lockerungs- und Dehnungsübungen
   machen, auch Hüft- und Schulterkreisen.Merke: Das Baby ist darauf ausgerichtet, sich dir
   anzupassen. Es ist sehr wichtig, dass es dir beim Tragen so gut wie möglich geht, sonst
   verlierst du die Lust daran. Bei längeren Spaziergängen wäre es für die Tragende gut, die
   Trageseite einmal zu wechseln. Dafür muss das Baby aus dem Tuch genommen werden, das
   Tuch über die andere Schulter gelegt, sodass das Kind dann auf der anderen Hüfte des
   Erwachsenen zum Hocken kommt.

7. Und so wird das Baby aus dem Tuch herausgenommen: Überschlag über der Schulter
   zurückschlagen, dann das Baby nach oben aus der Schlinge heben. Der Knoten bleibt immer
   zu, wenn das Tuch einmal die richtige Weite hat. Er muss erst erneuert werden, wenn das
   Kind größer wird, also die Tuchschlinge zu eng wird oder wenn es ein Mensch trägt, der
   größer und fülliger ist als der, an dem der Knoten angepasst wurde.

8. Nach einer längeren Tragezeit braucht der Tragende ein genüssliches Dehnen der eigenen
   Glieder, vielleicht auch eine kurze Entspannung im Liegen. Insgesamt kräftigt sich auch der
   Körper der Tragenden. Das Tragen bleibt zwar eine Leistung, wird aber keine Überforderung.
13. Eine Bauchtragetechnik
Diese Tragetechnik, auch X-Trage genannt, ist besonders gut geeignet für die ersten
Lebenswochen des Babys. Das Tragetuch muss mindestens 4,5 Meter lang sein.
Du nimmst die Mitte des Tuches hinten in dein Kreuz, führst die beiden Enden nach vorne (Abb.
a) kreuzt sie dort und schwingst sie über die jeweilige Schulter wieder nach hinten (Abb. b).




Dort werden die Tuchteile noch einmal gekreuzt (Abb. c), nach vorne geführt und vor deinem
Bauch geknotet (Abb. d).
Das Baby kommt jetzt von oben in das Tuchkreuz vor deiner Brust, seine Beinchen sind weit
gespreizt, das Köpfchen kann es nach rechts oder links auf deiner Brust ablegen (Abb. e).
Jetzt ziehst du die überkreuzten Tuchbänder so breit über dem Baby auseinander, dass es eine
wohlige Mulde hat, und soweit über sein Köpfchen, dass es dir gut geschützt erscheint und tr
trotzdem noch viel Luft zum Baby kommt (Abb. f).



14. Wie lange darf ein Baby getragen werden, wann wird es zuviel?
Ich halte diese Frage für überflüssig. Kein Baby in unserer Region wird zu lange getragen. Wir
sitzen viel und es bringt weder dem Kind noch Vater oder Mutter etwas, das Kind in dieser Zeit
an sich zu binden. Wenn es Schlafenszeiten hat, werden wir es immer in sein Bettchen legen.
Wir brauchen diese Zeit ja auch für uns, zum Ruhen, zum Essen oder um einer Beschäftigung
nachzugehen oder Arbeiten zu erledigen, bei der das Baby keinesfalls dabei sein soll.
Angenehm finden Tragende, dass sie in der Zeit, in der das Baby an sie gebunden ist, einen
großen Teil der Haus- und Gartenarbeit erledigen können, dass sie Spaziergänge machen oder
zum Einkaufen gehen können. Die gekauften Waren finden dann im Kinderwagen Platz und sind
so gut zu transportieren



15. Und bis zu welchem Alter soll ein Kind getragen werden?
Das ist nicht festzulegen. Wie an anderer Stelle beschrieben, zeigen Babys sehr genau, wann
sie lieber für sich sind, sich auf dem Fußboden eigenhändig fortbewegen wollen, und wann sie
(etwa ab 8 Monaten) beim Essen mit den Erwachsenen im eigenen Hochstuhl »dabeisein«
möchten. Wenn sie dann krabbeln oder laufen können, wird das Tragetuch immer überflüssiger.
Kinder ab etwa einem Jahr sitzen noch mal gern in einer Rückentrage oder auf der Schulter des
Vaters, wenn es nach draußen geht. In Krankheitstagen bleibt das Tragetuch bis weit ins 2.
Lebensjahr hinein eine Hilfe, dem Kind Nähe und Sicherheit zu geben, wenn es ein Bedürfnis
danach verspürt.
16. Worauf beim Tragen besonders zu achten ist
Stell dir vor, du wärst ein Baby. Du bist darauf eingerichtet, dich an einen weichen Körper
anzuschmiegen, geschaukelt zu werden, dich an Bewegungen anzupassen. Und dann kommst
du in Rückenlage in ein festes Bett. Fast immer liegst du dort, bis auf diese kleinen, so kurz
erscheinenden Momente, wo Mama dich im Arm hält und dir etwas zu trinken gibt und du frische
Windeln bekommst. Schnell kannst du dich im Moment des Ausgezogenseins einmal räkeln.
Wenn du im Bett die Augen aufmachst, siehst du eine helle Decke, manchmal blickst du in ein
grelles elektrisches Licht, im günstigsten Fall schaukelt ein kleines buntes Spielzeug über dir,
sodass du versuchen kannst, deine Augen darauf auszurichten.

Oder: Du sitzt etwas aufgerichtet in einer Wippe/einem Autoliegesitz. Deinen Beinen kommt
diese künstliche Anhockstellung zwar entgegen, aber es gibt keine Möglichkeit, die Beine frei zu
bewegen, so wie es dir gerade zu Mute ist, Stunde um Stunde nicht. Du döst ein und wirst wach
und willst dich räkeln - aber es geht nicht, die Form der Wippe schreibt dir genau deine Haltung
vor.

Wer so sich vorzustellen versucht, wie ein Baby, ein Tragling, sich in der jeweiligen Lage fühlt,
wird schnell verstehen, was für ein Kind passend ist und was nicht. Eltern werden ihr Baby
weiterhin zum Schlafen ins Bett legen, aber wenn es wach wird, werden sie es herausholen und
ihm eine andere Lage anbieten. Sie werden verstehen, dass es auch in der Schlafenszeit nachts
wach wird und einfach einmal herumgedreht oder auf die andere Seite gelegt werden will -
solange es das noch nicht alleine kann. Eine Wippe/eine Autoliege muss kurzzeitig benutzt
werden, wenn das Baby im Auto transportiert wird, - aber niemand, der sich in ein Baby
eingefühlt hat wird glauben, dass diese künstlichen Aufenthaltsmöglichkeiten für längere Zeit der
rechte Platz für ein Baby sein können.

Im Handel gibt es eine große Anzahl sogenannter Tragehilfen. Die meisten bringen das Baby in
keine gute Hockhaltung. Zum Beispiel dieses Kind: es muss seinen Kopf viel zu weit in den
Nacken legen, um seine Mutter anzuschauen und seine Beine sind nicht genügend gespreizt,
um eine gute Entwicklung der Hüftgelenke zu gewährleisten.
Alle Tragehilfen und Tragearten für das erste halbe Lebensjahr sind daran zu messen: hockt
das Baby mit rundem Rücken angelehnt an den Tragenden und mit weit gespreizten,
angezogenen Beinchen während des Tragens? Wird es durch kein Band oder eine Schnalle
gedrückt und kann die Tragende es immer wieder zurechtrücken?
Für die Erwachsenen ist wichtig zu wissen: alle Trageformen vor dem Körper und mit einzelnen
Bändern belasten die Rückenmuskulatur der Tragenden mehr als der Hüftsitz des Kindes im
Tragetuch.



17. Was Großeltern, Freunde und andere Leute tun können
Viele Paare glauben, sie könnten die neue Situation, Eltern eines Neugeborenen zu sein, ganz
alleine meistern. Meistens wird das auch von der Umgebung erwartet. Die junge Familie
bekommt lediglich ganz viele Ratschläge, wie alles denn nun perfekt zu meistern ist - und teure
Geschenke: Spielsachen, Wäsche u.a. Was wirklich gebraucht werden könnte, wäre dies: eine
Weile Zeit, um der jungen Mutter das Baby zu halten, während sie sich eine wohltuende
Entspannungsgymnastik und ein schönes Bad gönnt. Dem Vater zu vermitteln, dass er es gut
macht mit dem Baby, auch wenn es auf seinen Armen zunächst einmal etwas mehr
»knöttert«. Einen Großeinkauf oder das Fensterputzen erledigen und Ähnliches.

Es ist nützlich, sich nicht mit »weisen« Reden einzumischen, wenn die Eltern das Baby viel
herumtragen - wie sonst sollten sie das Kind gut kennenlernen und ihre elterlichen Fähigkeiten
entwickeln! Ab und zu mal nachfragen: »Fehlt dir etwas? Kann ich etwas für dich tun?«, kann
teilnehmend sein und als Hilfe angenommen werden. Großeltern sollten nicht erwarten, dass die
Kinder mit dem Baby sie besuchen. Es sollte genau umgekehrt sein: Die Großeltern melden sich
für einen Besuch an.




Manchmal genügt es schon, dem jungen Elternpaar zuzuhören, wie angestrengt sie sind (ja, es
ist eine anstrengende Arbeit, sich auf ein Baby einzustellen!), wie viel leichter sie es sich
vorgestellt haben (ja, es ist etwas völlig Neues, das kostet viel Kraft!).
Wenn man als Freundin, Großmutter oder Onkel das Baby zum Halten bekommt, dann geht es
nur darum, es zufriedenzustellen, durch singende Worte, Schaukeln, Tragen. Es geht nicht
darum, der Mutter zu beweisen, dass man besser mit dem Baby umgehen kann. Manchmal
beruhigt sich ein Kind, das sehr geweint hat, wenn es auf den Arm einer anderen Person
kommt. Ich glaube, da ist ein bisschen Neugier dabei, »ah, wo bin ich denn jetzt, wie fühlt sich
das an?«, und auch, dass der fremde Mensch oft ruhiger und gelassener sein kann. Es ist ja
nicht sein Kind, er ist nicht 24 Stunden täglich mit ihm zusammen.

Es ist hilfreich, alles zu unterlassen, was den jungen Eltern Angst macht: Das Kind wird nicht
verwöhnt, wenn es getragen wird! Es will nicht immer im Elternbett liegen, wenn es die ersten
Wochen über dort zufrieden ist! Es wird kein Tyrann, wenn die Eltern in der Zeit, in welcher der
»soziale Uterus« gebraucht wird, sich mühen, das Baby zufrieden und glücklich zu machen.




18. Zum Schluss
Ich danke allen jungen Eltern mit ihren Babys, die mit mir die Freuden und Lasten ihres neuen
Alltags besprochen und das Tragen ausprobiert haben. Auch all denen, deren Babys ich für
einige Stunden mir zur Freude tragen durfte.

Ich bin sicher, unsere Zukunft wird nur dann gelingen, wenn wir unsere Wege mit der Natur und
nicht ohne oder gegen sie gehen. Das fängt beim Zusammenleben mit unseren Kindern an.
Alles, was ihrem Gedeihen dient, ist natürlicherweise angelegt und steht uns (fast) kostenlos zur
Verfügung. Das Tragen der neugeborenen Kinder ist dafür ein Beispiel. Wir können davon
ausgehen, dass viele ihrer Grundbedürfnisse durch ausreichendes Tragen gestillt werden.
Kinder, die auf diese Weise ein positives Lebensgefühl sowie Vertrauen in sich und die Umwelt
bekommen, haben gute Startbedingungen für ihr weiteres Leben.

Ich wünsche allen, die dieses Büchlein lesen und den ihnen anvertrauten Kindern Freude am
Zusammensein und eine gute Zukunft.

Meinem Mann danke ich herzlich für seine Hilfe beim Zusammentragen der Texte, beim Layout
und für die Zeichnungen in diesem Heft. Mein besonderer Dank gilt Susanne Fischer,
Tragetuch-Fachfrau und PEKiP-Gruppenleiterin aus Zürich, für die Anregung, die Bauchtrage
(X-Trage) in diese Neuauflage aufzunehmen.


Iserlohn, im August 2001                                             Erika Roch
        Literaturverzeichnis

        B.Brazelton/B.Cramer: Die frühe Bindung, Klett-Cotta, Stuttgart 1991

        Iris e. V. (Hg.): Ein Jahr zu früh geboren, Halle 1994

        E.Kirkilionis: Der menschliche Säugling als Tragling,
        Dissertation, Freiburg 1989

        E.Kirkilionis: Ein Baby will getragen sein, Kösel, München 1999.

        A. Manns / A. Ch. Schrader: Ins Leben tragen. Entwicklung und
        Wirkung des Tragens von Kleinstkindern unter sozialmedizinischen
        und psychosozialen Aspekten, VWB-Verlag, Berlin 1995

        A. Montagu: Körperkontakt, Klett-Cotta, Stuttgart 1974

        J. Prekop: Der kleine Tyrann, Kösel, München 1981

        F.Renggli: Angst und Geborgenheit. Soziokulturelle Folgen der
        Mutter-Kind-Beziehung im ersten Lebensjahr. Ergebnisse aus
        Verhaltensforschung, Psychoanalyse und Ethnologie. Rowohlt,
        Reinbek 1976.




Diese Download-Ausgabe der Broschüre „Warum es gut ist, ein Baby zu tragen“ dürfen Sie nur
benutzen, wenn Sie eine Lizenzgebühr in Höhe von 2,50 EURO pro ausgedrucktem bzw
vervielfältigtem Exemplar an den Verlag Erika Roch überwiesen haben. Sollte dies noch nicht
geschehen sein, überweisen Sie den genannten Betrag bitte umgehend auf das Konto Nr. 189826-
435 bei der Postbank Essen (BLZ 360 100 43), Kontoinhaberin: Erika Roch.
Sie verschaffen damit sich selbst ein gutes Gewissen und geben uns die Möglichkeit, unsere
Materialien weiterhin im Internet anzubieten.
Alle Rechte an Text, Illustrationen und Aufmachung verbleiben beim Verlag Erika Roch, Iserlohn.

						
Related docs
Other docs by HC120219002950
Lanzarote. El caballero del lago sagrado
Views: 14  |  Downloads: 0
CRONOGRAMA DE ACTIVIDADES - Download as DOC
Views: 237  |  Downloads: 0
Tema 3: La melod�a (Cont.)
Views: 1  |  Downloads: 0
Convocatorias Comunicaciones finales nov12
Views: 3  |  Downloads: 0
Instrumentos Musicales Zona Norte1
Views: 317  |  Downloads: 0