Martin P by 5Gxcej0g

VIEWS: 7 PAGES: 37

									                                    Martin P. Rubeau
                                       Diplom-Psychologe
                      Marschnerstraße 22, 12203 Berlin, Tel. 030-832 031 88
                     martinrubeau@finkenwerderhof.org www.martinrubeau.de



  Sei dem treu, der du bist- radikal deinem inneren Wesen treu und es wird für alles
                                      gesorgt sein.
                                       Joko Beck


                           Annehmen, was ist!
                       Akzeptiere Dich wie Du bist -
                  und Du fängst an, Dich zu verändern!

       Das Therapeutische Paradoxon der Humanistischen
                       Psychologie

Einige Gedanken zuvor, einiges zu meiner Geschichte.
So um das Jahr 1978 habe ich als Assistent an der Pädagogischen Hochschule
ein Seminar angeboten mit dem obigen Titel, das war damals mehr als
risikoreich. Dazu habe ich ein Seminarpapier erstellt, wovon das vorliegende die
Rohfassung war.
Trotz vieler Veränderungen in meinem Denken und Fühlen kann ich sagen, dass
diese Theorie: mich annehmen, so wie ich bin und im Prozess des Annehmens
mich verändern, dass dies der Schwer- und Mittelpunkt meines persönlichen und
beruflichen Lebens geblieben ist. Insofern kommt diesem Papier eine gewisse
Sonderstellung zu, im Laufe der letzten fast 25 Jahren habe ich das Papier um
die spirituelle Dimension erweitert, zu der ich damals überhaupt keinen Bezug
hatte. Im Gegenzug habe ich die gesellschaftliche Bedeutung, die damals in der
heißen politischen Phase der 70 er Jahre von zentraler Bedeutung war,
wesentlich gekürzt. Sie hat aber weiterhin einen Stellenwert.. Man kann den
Text und die zentrale Aussage allerdings auch verstehen, wenn man diesen
Abschnitt (3) ganz überblättert.
Eine Wunschvorstellung darüber, wie wir gern sein möchten, wie wir „richtig“
wären, können die meisten Menschen mit einer gewissen „Vorbildung“ relativ
leicht angeben. (Man bezeichnet dies als das sogenannte Ideal-Selbst). Wir
scheinen uns jedoch schwer zu tun, eine Vision, eine Wunschvorstellung, einen
Traum von uns zu haben, ohne uns gleichzeitig minderwertig zu fühlen dafür,
dass wir ihn (noch) nicht realisiert haben! Ich vermute, am Aushalten dieses
Widerspruchs kommen wir nicht vorbei! Denn die Träume sind ja da, ob wir uns
dies eingestehen oder nicht. Insgesamt ahnen wir alle, wie leicht und
vollkommen unser Leben sein könnte!
Am Ende dieser kleinen Einleitung, die eigentlich schon alles aussagt, drucke
ich den wunderschönen Text aus dem Alten Testament ab, von dem ich meine,
zu spüren, welche Gelassenheit und welche Freiheit sich aus dem Annehmen,
was ist, ergibt.

                                Alles zu seiner Zeit
                         Jegliches Ding hat seine Zeit
            und alles Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde.
                      Das Geborenwerden hat seine Zeit
                            und ebenso das Sterben;
                           das Pflanzen hat seine Zeit
                 und ebenso das Ausraufen des Gepflanzten;
                             das Töten hat seine Zeit
                             und ebenso das Heilen;
                          das Einreißen hat seine Zeit
                           und ebenso das Aufbauen;
                           das Weinen hat seine Zeit
                             und ebenso das Lachen;
                            das Klagen hat seine Zeit
                             und ebenso das Tanzen;
                    das Werfen von Steinen hat seine Zeit
                    und ebenso das Sammeln von Steinen;
                          das Liebkosen hat seine Zeit
                   und ebenso das Neiden der Liebkosung;
                            das Suchen hat seine Zeit
                           und ebenso das Verlieren;
                        das Aufbewahren hat seine Zeit
                           und ebenso das Loslassen;
                          das Zerreißen hat seine Zeit
                      und ebenso das Zusammennähen;
                          das Schweigen hat seine Zeit
                             und ebenso das Reden;
                            das Lieben hat seine Zeit
                             und ebenso das Hassen;
                             der Krieg hat seine Zeit
                             und ebenso der Friede.
                       (Prediger 3,1-8, Altes Testament)

                                     2
            Die folgenden Ausführungen gliedern sich in 7 Kapitel:


I hier geht es um das Offensichtliche,
    die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit                  S. 3
II hier geht es um die Psychodynamik des Nicht-Akzeptierens
        -auf einer persönlich-psychologischen Ebene                      S. 6
        -auf einer transpersonalen, spirituellen Ebene                   S. 10
III hier setzen wir die gesellschaftliche Wirklichkeit
   und die persönliche Nicht-Akzeptanz in Beziehung                      S. 11
IV Nicht Akzeptanz und Ego                                               S. 17
V Hier geht es um die Erläuterung der Methodik von
  Annehmens, Halten und Fühlen                                           S. 19
VI berührende Texte                                                      S. 24
VII das Zusammenwirken von Akzeptanz und dem Willen zur
    Veränderung                                                          S. 33




I: Das Offensichtliche: Die Widersprüche zwischen Anspruch und
                            Wirklichkeit

Dieses therapeutische Paradoxon ist für mich auch deswegen so wichtig und
bedeutungsvoll, weil ich immer wieder damit konfrontiert werde, wie schwer es
ist, mich so anzunehmen, wie ich wirklich bin. Ich bin und bleibe ständig ein
Übender. Natürlich fällt es mir relativ leicht, mich mit meinen
Schokoladenseiten anzunehmen und zufrieden mit ihnen zu sein: Mit dem, was
ich kann, was mir gelingt, was mir leicht von der Hand geht usw.. Aber bei
diesem Paradoxon kommt es ja auch darauf an, mich mit meinen Schattenseiten
gleichermaßen anzunehmen. Mich anzunehmen mit meinen Unzulänglichkeiten,
meinen Begrenzungen, meinen Einschränkungen. Sie ebenso als Teil meiner
selbst zu sehen. Mich mit ihnen zu versöhnen. Und dies ist immer wieder eine
große Herausforderung.
Die mehr oder weniger übliche Vorstellung von Erziehung läßt sich darauf
reduzieren, dass es ihre Aufgabe ist, jemanden von einem (unerwünschten) Ist-
Zustand in einen (erwünschten) Soll-Zustand zu bringen; und da die beiden
Seiten mehr oder weniger immer auseinanderklaffen, resultiert daraus eine mehr
oder weniger chronische Unzufriedenheit. Es scheint - zumindest bei vielen

                                       3
Menschen - eine offensichtliche Tatsache zu sein, dass wir mit uns selbst im
Hader liegen, unzufrieden sind, uns nicht mögen. Wir tragen unendlich viele
Stimmen in uns, die in etwa so lauten:
   - wenn ich endlich dieses oder jenes auf die Reihe kriegen würde, könnte
     ich ja zufrieden mit mir sein!
   - ich müsste mich mehr anstrengen!
   - ich sollte mich nicht so gehen lassen!
   - ich sollte mindestens so gut sein wie ...!
   - ich sollte mich für eine Sache wirklich interessieren!
   - ich müßte mehr allein sein können!
   - ich müßte mehr meine eigene Individualität entfalten, zum Ausdruck
     bringen und mich darin auch entsprechend abgrenzen!
   - ich müßte mich eigentlich so verhalten, daß mich die anderen mögen!
   - ich sollte mehr Lebensfreude haben!
   - ich müßte konsequenter sein!
   - ich müßte immer besser, höher, erfolgreicher sein als ich bin.
   - ich müßte häufiger und nachhaltiger im Himmel bzw. im anderen Ort sein
                  usw.


Wir können leicht sehen, daß es nahezu unmöglich ist, diese Forderungen, diese
Vorstellungen davon, wie man (ich) sein sollte (= Introjekte) oder auch
Ansprüche zu erfüllen. Sie widersprechen sich teilweise. Außerdem ist im
Wesen dieser Introjekte letztendlich angelegt, daß es - selbst bei größtmöglicher
Anstrengung oder bei größtmöglichem Verzicht - nie genug oder nie richtig ist,
was wir tun.
Das bedeutet: Im Introjekt selbst ist die offene oder latente Unzufriedenheit
angelegt, die offene oder latente Unruhe über "das noch nicht Erreichte", "das
noch nicht Angekommene". Die Schere zwischen IST und SOLL bleibt somit
immer erhalten. Der Druck nimmt eventuell zu, die Selbstquälerei, die
Gedanken kreisen, die peinigende Selbstbeobachtung, die Selbstbeurteilung, die
Selbstverurteilung.
Zu Beginn sind es unsere Eltern, andere Erziehungspersonen und das
gesellschaftliche Umfeld, die mit bestimmten Eigenschaften nicht zufrieden
sind. Sie setzen alles daran, daß wir diese unterdrücken und uns ändern. Später
übernehmen wir selber dann ihre Wertvorstellungen darüber, 'Wie man richtig
ist'. Was bedeutet: Wir haben den Zensor internalisiert. Die Verinnerlichung
nennt man dann ein Introjekt. Und scheinbar sind wir dann diesem
Mechanismus ausgeliefert. Er funktioniert wie etwas außerhalb von uns

                                       4
Stehendes: Wir müssen so streng mit uns sein, wir können nicht anders.
In Neale D. Walsches „Gespräche mit Gott“ richtet ein Fragesteller alle
erdenklichen Fragen an Gott und erhält von ihm ganz konkrete Antworten. So
sagt dieser in an einer Stelle:
„Wir haben vergessen, wer wir tatsächlich sind, nämlich die herrlichsten,
glanzvollsten Kreaturen, die von Gott je erschaffen wurden.“
Und im weiteren führt er aus, dass unsere Überzeugung, viel weniger zu sein als
wir tatsächlich sind, von den Personen stammt, deren Wort einmal alles für uns
war (und für die meisten unbewußt heute immer noch ist), unseren Eltern:
„Das sind die Menschen, die ihr am meisten liebt. Warum sollten sie euch
anlügen? Aber haben sie euch nicht gesagt, daß ihr zu sehr dies und zuwenig das
seid? Haben sie euch nicht ermahnt, daß man euch zwar sehen, aber nicht hören
soll? Haben sie nicht in manchen Momenten eures größten Überschwangs
zurechtgewiesen? Und haben sie euch nicht dazu ermuntert, von einigen eurer
wildesten und kühnsten Vorstellungen abzulassen? ...Eure Eltern waren es, die
euch lehrten, daß Liebe ihre Bedingungen hat.“ (Bd.1,S. 39f)

Und er führt dann im weiteren aus, daß wir die Elternrolle auf Gott projizieren
und so zu einer Vorstellung von einem Gott gelangen, der richtet und belohnt
und bestraft, je nachdem ob unser Verhalten auf Billigung oder Mißbilligung
trifft.
 Oberflächlich betrachtet scheint es viele Gründe zu geben, mit der Art wie wir
sind unzufrieden zu sein. Wir erleiden schließlich Misserfolge, unsere
'Symptome' schränken unseren Erfolg, unser Wohlbefinden und Glück
beträchtlich ein: Unsere Faulheit hindert uns z.B. daran, ein gutes Examen zu
machen; unsere Schüchternheit läßt uns nicht auf Menschen zugehen, an denen
wir Interesse haben; unsere Unentschlossenheit hindert uns daran, Dinge in
Angriff zu nehmen; unsere Unzufriedenheit hindert uns daran, in inneren
Frieden zu kommen; wir leiden unter unserer Begrenztheit, andere zu lieben,
usw.
Man kann an diesen Beispielen auch deutlich sehen: Sich selbst zu akzeptieren
so wie man ist würde bedeuten, Selbstverantwortung für die eigenen
Entscheidungen und daraus resultierenden Konsequenzen zu übernehmen.
Selbstakzeptanz führt zwangsweise zu dem ihr verwandten Begriff der
Selbstverantwortung: Meine Begrenzungen sind nicht etwas Schlechtes; sie
haben lediglich Auswirkungen so wie alles andere auch. Und es geht darum, die
Verantwortung für diese Auswirkungen zu übernehmen.

Vielleicht findest Du Dich in diesen Ausführungen nicht wieder. Vielleicht

                                      5
erscheinen sie Dir zu massiv. Oder weil die Diskrepanz zwischen IST und
SOLL bei Dir auch nicht oder nur geringfügig zu spüren ist, Du vielleicht das
Gefühl der Zufriedenheit mit Dir kennst. Dann spür bitte trotzdem einmal nach,
ob Du von diesen Worten „eigentlich sollte ich“ oder „eigentlich dürfte ich
nicht“ auf einer tieferen Ebene nicht doch durchdrungen bist.




II.   Die Psychodynamik des Nicht-Akzeptierens:

a)    Die Psychodynamik des Nicht-Akzeptierens auf der persönlich-
      psychologischen Ebene
Warum sind wir so streng zu uns? Warum setzen wir uns so unter Druck? Die
Nachteile, die wir uns damit einhandeln, liegen doch offen auf der Hand:
Gefühle der Anpassung, Unruhe, Nervosität, Minderwertigkeit usw.. Warum
verhalten wir uns in einer Weise, die uns offensichtlich schadet?

Wir kommen der Antwort näher, wenn wir uns das Gegenteil vorstellen: was
wäre denn, wenn wir einfach der-/diejenige sind, die wir sind? Wir wären in
vielen Dingen sicherlich unbequemer. Wir würden uns manches nicht gefallen
lassen. Wir würden manche Trends einfach nicht mitmachen. Wir würden
bestimmte Moralvorstellungen nicht akzeptieren. Wir würden uns unserer
Andersartigkeit nicht schämen. Damit wären wir auch nicht mehr manipulierbar
und erpressbar.
Und: Wir wären dann häufiger allein, auf uns selbst zurückgeworfen. Die
Entscheidungen, die wir träfen, wären nicht von äußeren Normen bestimmt; sie
entsprängen unserer Mitte, kämen aus uns heraus. Und dies bedeutet neben aller
Befreiung eben auch ein Stück Unsicherheit, ein Stück Angst. Nun können wir
die Zusammenhänge klarer erkennen und auf den Punkt bringen: Wir machen
mit bei diesem selbstzerstörerischen Mechanismus, uns nicht anzunehmen, wie
wir sind. Um so die Angst vor unserer Individualität und der aus ihr
resultierenden Einsamkeit vermeiden zu können und nicht spüren zu
müssen.

Verweile hier ein wenig und verdeutliche Dir, wieviel Sicherheit es Dir geben
kann, wenn Du irgendwo bist und so denkst, fühlst, angezogen bist, redest, Dich
verhältst, wie es genau in dieser Situation „üblich“ ist. Und wie unsicher es Dich
macht, wenn Du Dich in einem dieser Punkte oder in allen „falsch“ fühlst! Wir
sind in der Regel geübt darin, uns blitzschnell und subtil jeder Situation

                                        6
anzupassen, um den ‚richtigen Ton zu treffen‘. Dieses Verhalten ist so sehr
internalisiert, verfeinert und automatisiert, dass wir uns dessen meist noch nicht
einmal mehr bewusst sind. Noch einmal: Wenn wir uns nicht zeigen wie wir
sind, bedeutet dies wir akzeptieren uns nicht mit all unseren Licht- und
Schattenseiten. Wir tun dies, um die Angst, die mit dem Ausleben und Zeigen
unserer Einmaligkeit verbunden ist, nicht erleben zu müssen.

Wenn wir diesen ganzen Prozess, wie er hier schematisch beschrieben wurde,
ganz bewusst, also sehenden Auges machen würden, würden wir verrückt
werden. Wer könnte das aushalten, sich ständig mit diesem Widerspruch
zwischen Selbst und Ansprüchen der Umwelt zu konfrontieren. Aushalten zu
sehen, dass wir uns zur Anpassung zwingen, dass wir uns ständig gegen die
nach oben drängenden Impulse unserer Einzigartigkeit, des 'So-Seins' zur Wehr
setzen?

Da bietet sich ein scheinbar einfacher, aber auch folgenschwerer Mechanismus
an: Die Abwehr. Mit Abwehr sind, ganz allgemein gesprochen, alle Techniken
gemeint, deren sich das Individuum bedient, um sich vor Triebansprüchen zu
schützen, die als „unangemessen“ empfunden werden (z.B. vor subversiven,
aggressiven, erotischen, Impulsen). Abwehrmechanismen gibt es viele; der
Übersichtlichkeit halber sollen im folgenden vier Grundformen näher erläutert
und verdeutlicht werden: Verdrängung, Identifizierung, Projektion, Ohnmachts-
erklärung

Die Verdrängung:
Beim Abwehrmodus der Verdrängung werden Wünsche vom Über-Ich nicht
zugelassen und einfach verdrängt. Will ein Mensch seine spontanen Impulse,
Wünsche und Bedürfnisse nicht fühlen und akzeptieren, muß er Energie
einsetzen, um „wegdrücken“ zu können, was natürlicherweise aufsteigt und zur
Entfaltung drängt.      Je mehr ein Mensch seine Triebregungen und
Lebenswünsche verdrängt , um so mehr Energie verbraucht er für diese
Verdrängungsarbeit. Dieser Energieverbrauch bremst ihn in seiner entspannten
Leistungsfähigkeit. Verdrängung läuft übrigens nicht nur bei auftauchenden
Triebregungen. Sondern auch immer dann, wenn es darum geht, einer
unangenehmen oder beängstigenden Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Das
Problem bei dieser Form der Abwehr: Die Rechnung geht nicht so ohne
weiteres auf. Es müssen nämlich nicht nur einmal, beim erstmaligen Auftauchen
eines Triebes, sondern immer wieder Energien mobilisiert werden, um die
Verdrängung aufrechtzuerhalten.

                                        7
Identifizierung mit Autoritäten
Die Eltern, unsere unmittelbare Umgebung und die Gesamtgesellschafft stellen
Forderungen an uns. Diese Forderungen von Autoritäten überfordern uns oft.
Als Folge davon erleben wir sie als beängstigend und erleben uns als
ohnmächtig. Da wir diese Gefühle als sehr unangenehm erleben, entwickeln wir
Mechanismen, sie abzuwehren und zu vermeiden. Eine sehr einfache Methode
ist, sich mit der Autorität identifizieren:
           "Anstatt gegen die Forderungen zu kämpfen, sie zu verneinen, werden
           sie, aus Angst vor Strafe (Schläge, Liebesentzug, soziale Isolierung),
           bejaht und dazu natürlich zu erfüllen versucht." (Lauster, Peter.
           „Lassen Sie Sich nichts gefallen - Die Kunst, sich durchzusetzen.“ )

Um die Strafe und die Angst vor der Bestrafung abzuwehren, identifizieren wir
uns mit den Werten und Vorstellungen von Autoritäten und Autoritätsinstanzen.
damit ist der Widerspruch zwischen ihren Anforderungen an uns und unseren
natürlichen Impulsen und Vorlieben scheinbar aufgehoben. Durch eine
fortschreitende Verinnerlichung der Autoritäten mit ihren Eigenschaften,
Normen und Werten wird das Über-Ich dann in uns immer weiter ausgebaut.
Mit der Zeit ist keine Autoritätsperson im außen mehr nötig. Wir haben uns die
Normen, die ursprünglich von außen an uns herangetragen wurden, so weit
angeeignet, dass sie scheinbar unsere eigenen sind. Wir übernehmen sukzessiv
selber die Eigenschaften, die wir zunächst in anderen gehasst haben.

Wir halten uns an diese Normen, und wir praktizieren sie an anderen. Denn wir
lernen, das Bedrohliche zu verarbeiten, indem wir uns selbst in einen Bedroher
verwandeln.
           "Indem das Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität des
           Spielens übergeht, fügt es einem Spielgefährten das Unangenehme zu,
           das ihm selbst wiederfahren ist und rächt sich so an der Person dieses
           Stellvertreters." (Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen.)
Allerdings funktioniert auch dieser Abwehrmechanismus nicht lückenlos. Das
„Über-Ich“ zur Richtschnur und zum Maßstab des eigenen Verhaltens zu
machen hat zur Folge, dass das „Ich“ gegen diese Ansprüche rebelliert.
Außerdem kann die Identifikation häufig nicht funktionieren, da die
internalisierten Ansprüche der Autoritätsperson so hoch sind, dass man diese gar
nicht erfüllen kann, auch wenn man sich noch so sehr bemüht.

Die Projektion
Der Abwehrmechanismus der Projektion tritt im Gefolge der Verdrängung auf.

                                       8
Eine Form der Projektion beinhaltet, die ins Unterbewusstsein verdrängten
Inhalte auf andere Personen zu projizieren und dort heftig zu kritisieren und
bekämpfen. Oder anders ausgedrückt: Dinge und Eigenschaften, die wir an uns
selbst nicht akzeptieren und deshalb verdrängen müssen, werden auf andere
Personen projiziert. Das Ergebnis hiervon ist, dass wir andere nicht so
akzeptieren, wie sie sind. Umgekehrt lässt sich feststellen: Je mehr ich meine
eigenen Erfahrungen, auch wenn sie unangenehm sind, als Teil meiner Selbst
akzeptieren kann, bin ich auch fähig, die Erfahrungs- und Äußerungsformen
anderer zu akzeptieren.

Eine andere Form der Projektion tritt z.B. auf, wenn ich meinem Chef, der
meinem Vater äußerlich ähnlich sieht, die gleichen Eigenschaften zuschreibe,
die mein Vater aufweist. Ich fühle mich dann vielleicht so unterdrückt wie
damals bei meinem Vater. Immer wenn ich projiziere, sehe ich die Wirklichkeit
nicht so, wie sie ist, sondern verzerrt durch den Spiegel meiner Übertragungen.
Bei diesem Beispiel ist der Zusammenhang zur Selbstakzeptanz zwar etwas
komplizierter, aber dennoch gegeben: Wenn ich mir meiner Gefühle, Gedanken
und Reaktionen bewusst bin und sie akzeptiere (z.B. meiner Hassgefühle als
Reaktion darauf, dass mein Vater mich unterdrückt hat bzw. dies noch immer
tut) kann ich auch meinen Chef als das akzeptieren, was er ist. D.h. ich kann
dann erkennen und unterscheiden, in welchen Punkten wo und wie er so ist wie
mein Vater und wo und wie er auch anders ist..

Die Ohnmachtserklärung:
       "Die      Ohnmachtserklärung        ist    eine  der folgenreichsten
       Abwehrmechanismen. Es wird behauptet, dass man gegen eine
       Kränkung nichts tun kann, also ohnmächtig zusehen muss und
       letztlich schuldlos den Schwierigkeiten ausgeliefert ist. Die
       Standardredewendung lautet resigniert: Da kann man nichts machen,
       das ist eben so." (Peter Lauster, a.a.O., S. 74)

Die Ohnmachtserklärung ist eine bequeme Methode, einer Konfrontation aus
dem Wege zu gehe. In Situationen, in denen meine Impulse, Überzeugungen
und Wertvorstellungen diametral gegen vorherrschende Konventionen
verstoßen, wähle ich es, sie nicht zu zeigen, zu äußern oder sonstwie
verlautbaren zu lassen. Als Begründung suggeriere ich mir ‚Es hat ja doch
keinen Zweck‘ oder ‚Ich handle mir nur Ärger ein, wenn ich das jetzt vertrete‘.
Es ist eine Kapitulation, die oft in der frühen Lebensgeschichte beginnt. "Das
Ich gibt den Widerstand gegen das übermächtige Eltern-Ich auf, weil die
Machtverhältnisse ungleich verteilt sind." (Lauster, ebd.) So wird die
                                      9
Denkhaltung geprägt: ‚Widerstand lohnt sich nicht, Ungehorsam zahlt sich nicht
aus.‘ Und die Konsequenz ist: "Wer Ohnmachtsgefühle hat, protestiert nicht
und lässt sich bequem manipulieren." (a.a.O., S.76)

Ohnmachtsgefühle haben ausschließlich die Funktion, die Angst zu vermeiden,
die auftauchen würde, wenn ich mich der Auseinandersetzung stelle. Vielleicht
weil ich befürchte, daß im Laufe einer solchen ganz tief sitzende Gefühle von
Ablehnung und Hass freigesetzt werden. Um zu vermeiden, auch in dieser
Situation unser wahres Selbst zu sehen und mit allen Konsequenzen zu
akzeptieren, „schützen“ wir uns durch die Ohnmachtserklärung. Wir machen
uns klein und hilflos und sind damit anderen ausgeliefert und durch sie
manipulierbar.

In einer Ohnmachsterklärung gehen wir ausgesprochen oder unausgesprochen
davon aus, dass wir Opfer sind. Opfer irgendeines anderen Menschens,
irgendeiner Situation oder irgendeiner Instanz. Draußen gibt es einen Täter, und
ich bin gezwungen zu ertragen, was andere wollen oder mir antun. Ohnmacht
und Resignation haben jedoch immer damit zu tun, dass wir nicht bereit sind,
die Verantwortung für unser Leben und unsere Entscheidungen zu übernehmen.
Statt uns dies ein zu gestehen, wählen wir es lieber zu glauben, jemand anderer
oder das Schicksal habe uns etwas zugefügt, und uns bliebe nicht, als offen oder
versteckt zu klagen und zu jammern.

Aber wer ist eigentlich, bei Lichte betrachtet, der Adressat unseres Klagens und
Jammerns? Zunächst einmal sind es unsere Eltern, später schieben wir die
Verantwortung auf die Gesellschaft, die Ökonomie, die Regierung. Letztlich
beschweren wir uns dann immer beim Schicksal oder bei Gott (‚Warum ich?‘).
Einmal genauer betrachtet, lässt sich feststellen. dass hinter einer
Ohnmachtserklärung immer ein „Nein“ zum Leben steht, ein „Nein“ zu dem,
was tatsächlich passiert.

b)    Die Psychodynamik des Nicht-Akzeptierens auf der
      transpersonalen Ebene
Die transpersonale Ebene ist jene tiefere Ebene, die über das Ego hinausgeht in
einen Bereich, der das Ego tranzendiert. Auf der transpersonalen Ebene stellt
sich das Dilemma zwischen Selbstakzeptanz und dem Wunsch nach
Veränderung gar nicht: Ganz tief in uns spüren, ahnen und wissen wir, daß wir
mehr sind als unsere Gedanken, unsere Gefühle und unser Körper. Es gibt
diesen Teil in uns, der es irgendwie lächerlich findet, daß wir so unzufrieden mit

                                       10
uns sind, ständig anders sein wollen als wir in Wirklichkeit sind usw. Ein Teil
von uns weiß, dass wir wunderbare, göttliche Wesen sind, mit denen alles
absolut seine Richtigkeit hat.

Daraus entwickelt sich in uns auf der persönlichen Ebene eine „natürliche“
Sehnsucht, mit diesem transpersonalen Teil in uns zu verschmelzen, ganz zu
verweilen an diesem Ort und in diesem Zustand der Vollkommenheit. Im „Pfad
der Wandlung“, einem von Eva Pierrakos gechanneltes Werk, heißt es in
diesem Zusammenhang:
          „Gebt die Sehnsucht nicht auf. Nehmt sie ernst. Pflegt sie vielmehr
         und lernt sie verstehen. Sie entspringt ja eurem Gefühl, dass euer
         Leben mehr sein kann, dass es einen Zustand ohne schmerzhafte,
         quälende Verwirrung gibt, einen Zustand innerer Spannkraft,
         Zufriedenheit und Sicherheit, der euch zu seliger Freude und zu tiefen
         Gefühlen befähigt, die ihr ausdrücken könnt, und wo ihr imstande
         seid, dem Leben angstfrei zu begegnen, weil ihr keine Angst mehr vor
         euch selbst habt.“ (S. 20)

Das Dilemma entsteht durch die Dualität, in der wir auf der Ebene des
Persönlichen leben, durch eine „Entweder-oder-Haltung“. Die Gedanken
suggerieren uns: ‚Entweder akzeptiere ich mich, wie ich bin - oder ich will
mich verändern. Wenn ich meine Vollkommenheit bejahe, kann ich nicht
gleichzeitig meine Unvollkommenheit annehmen.‘ Dabei ist es vielmehr
angemessen, meine Unvollkommenheit zu akzeptieren, meine dunklen Seiten
anzunehmen. Und gleichzeitig die Sehnsucht wach zu halten, auf dieser anderen
Ebene zu sein, wo die Vollkommenheit liegt.


   III. Über den Zusammenhang von
        gesellschaftlicher Wirklichkeit            und der Schwierigkeit,
        sich selbst anzunehmen

Wir können uns nun der Frage, welche Umstände uns die Selbstannahme
erschweren, auch auf einer politischen Ebene nähern. Die Gefahr dabei ist, dass
wir die politischen Umstände als Entschuldigung betrachten, uns sozusagen als
Opfer der jeweiligen Gesellschaftsform betrachten. Das hat ja in der politischen
Bewegung der 70er und 80er Jahre, in der auch ich politisch aktiv war, eine
zentrale Rolle gespielt. Nein, wir sind nicht die Opfer. Und gleichzeitig sind die
politischen Umstände zweifelsfrei bedeutsam. Die folgenden Ausführungen sind
ca. 1980 entstanden; die Grundaussagen halte ich auch heute noch für

                                       11
angemessen und daher für eine sinnvolle gesamtpolitische Ergänzung unserer
Annäherung an das Thema der Selbstakzeptanz aus unterschiedlichen
Blickwinkeln heraus.

Wir leben nicht wie Robinson auf einer Insel, sondern leben in einer
Gesellschaft, die von bestimmten Normen und Werthaltungen geprägt ist.
Könnte es sein, daß es in der Gesellschaft, in der wir leben, bestimmte,
unausgesprochene Interessen geben könnte, dass wir nicht wahrnehmen und
spüren, wer wir sind, und was wir wollen, sondern uns an die an uns gestellten
Erwartungen anpassen? Wenn dem so wäre, dann hätten wir es doppelt schwer:
Wir haben im Laufe unserer Erziehung gelernt, selbst streng und unerbittlich mit
uns zu sein, und dann kämen noch die Werte der Gesellschaft dazu, sie würden
unsere ohnehin bestehende Haltung immer mehr festschreiben, verstärken.

Aber gehen wir der Reihe nach vor: Wie entstehen eigentlich diese Werte? In
der bürgerlichen Gesellschaft wurde und wird seit Platon immer wieder der
Versuch unternommen, das „Reich der Werte“ zu verselbständigen, sie zu „an
sich seienden Wesenseinheiten“ zu erklären, die entweder keinen Bezug zur
gesellschaftlichen Realität haben (also sozusagen über allem schwebend) oder
einseitig an den subjektiven Wertungen der Menschen orientiert werden. Aber
wenn wir uns umschauen, dann erscheint es offensichtlich, dass sich
Wertvorstellungen beträchtlich unterscheiden. In manchen islamischen
Auffassungen erscheint es als ein unbedingt zu befolgender Wert zu sein, dass
Frauen einen Schleier tragen sollen bzw. müssen, in manchen Ländern ist
Prostitution verboten , in anderen erlaubt, um nur einige offensichtliche
Beispiele zu nennen. In der marxistischen Philosophie geht man davon aus, dass
sich Werte entwickeln in der Art und Weise wie Menschen arbeiten und nach.
           "Im Prozess ihrer praktischen produktiven und anderen
           gesellschaftlichen Tätigkeit werden sich die Menschen auf der
           Grundlage ihrer eigenen, sich millionenfach wiederholenden
           Erfahrungen dessen bewusst, welche Eigenschaften der Dinge und
           Erscheinungen der Natur und Gesellschaft für die Befriedigung ihrer
           Bedürfnisse und Interessen lebenswichtig sind. Das ist der Prozess, in
           dem auch ihre Vorstellungen über die Werte entstehen."

Das bedeutet: Welche Wertvorstellungen (z.B. über Moral, Ästhetik, Formen
der Zwischenmenschlichkeit usw.) in einer Gesellschaft zu einer bestimmten
Zeit existieren, ist das Ergebnis des Wechselspiels zwischen den Bedürfnissen
der Individuen und den Bedingungen, unter denen sich die praktische Tätigkeit
(Arbeit) vollzieht. Damit ist auch klar:

                                       12
    "Der Wert ist seinem Wesen nach ein ideologisches Phänomen und keine
    natürliche Eigenschaft von materiellen Dingen oder geistigen Gütern. ...
    Eben als solche ideologischen Phänomene sind die geistigen, kulturellen,
    moralischen und ästhetischen Werte selbst geschichtliches Produkt, also
    auch historisch veränderlich." (beide Zitate aus: Klauss, Georg
    (Hg.):Philosophisches Wörterbuch. Berlin (Ost) 1972, S.1152.)

Schauen wir uns jetzt die gesellschaftliche Wirklichkeit an, so können wir sie,
schematisch vereinfacht, folgendermaßen skizzieren:

- Die Besitzer der Produktionsmittel haben sehr viel Macht und demonstrieren
      diese auch ganz offen.
- Dieses System begünstigt sehr Formen von Ellenbogenideologie und
  Konkurrenz, insbesondere in Zeiten der Krise mit Entlassungen, perma-
  nenter Arbeitslosigkeit, sozialer und psychischer Verelendung auf der einen
  Seite bei gleichzeitigem großem Reichtum und maßlosem Luxus auf der
  anderen Seite.
- Gleichzeitig sagen Politiker und Unternehmer, gegen diese Ungerechtigkeit
  könne man relativ wenig machen, auch die Vernichtung der Umwelt sei nicht
  so ohne weiteres aufzuhalten (Resignation und Ohnmachtsgefühle).
- Außerdem sagen sie: „Wir brauchen Atomraketen und die neuesten und
  teuersten Waffen, um uns zu schützen (Wert: „Man muß immer davon
  ausgehen, daß man angegriffen und verfolgt wird, denn das ist halt die
  Natur des Menschen!“).
- Und die öffentliche Stellungnahme und die Werbung hämmern uns ein, daß
  wir uns gegen alles absichern und versichern müssen, denn „Man muß ja
  immer mit dem Schlimmsten rechnen!“.
- Und das vorherrschende Weltbild ist (immer) noch, daß alles (technologisch)
  machbar sei, daß man alles in den Griff kriegen kann, wenn man erst das
  technische Know-how dazu hat. Für das Eingeständnis, daß wir trotz des
  technischen Fortschritts kleine Rädchen in einem riesigen Getriebe sind,
  bleibt da wenig Raum (Wert der Omnipotenz, Größenwahn, Überspielen der
  eigenen Unzulänglichkeit).
  Zu guter Letzt wird uns noch gesagt, daß der Verstand das zentrale
  Instrument-sei und daß Gefühle unwichtig wären, daß sie Luxus für den
  privaten Bereich seien.
  Diese Wertvorstellungen äußern sich in den Massenmedien ungefähr
  folgendermaßen:
          "In den vielfältigsten Formen wird besonders durch die
          Massenmedien der Kult der Gewalt propagiert, werden Brutalität

                                      13
         und Rücksichtslosigkeit als Ausdruck von Stärke und
         Machtbewußtsein verherrlicht. Der Mensch wird in allen Bereichen
         der Gesellschaft immer mehr auf ein einfaches Objekt systematischer
         Manipulation reduziert.

Wie man hieran ersehen kann, sind die propagierten Wertvorstellungen kein
monolithischer Block, sie widersprechen sich teilweise sogar, und außerdem
bringen auch andere Gruppierungen wie die Gewerkschaften, Parteien,
Friedensbewegung,Alternativbewegungen, Kirchen usw. ihre Wertvorstellungen
ein. Insofern ist die obige Darstellung als eine grob vereinfachte Tendenz zu
verstehen.

Man könnte jetzt einwenden, diese Propagierung würde bei uns ja gar nicht
greifen, Werbung und Stellungnahmen seien doch oft so plump und
offensichtlich, das könne man doch gar nicht ernst nehmen. Aber lies bitte die
folgenden Stellungnahmen möglichst unvoreingenommen und prüfe, inwieweit
sie auch Deine Glaubenssätze sin:
   -* Nur durch Anstrengung und Anpassung kann ich mich zu einem guten,
        zufriedenen Menschen entwickeln!
   -* die menschliche Gesellschaft und die Einzelnen brauchen Sicherheit und
         Ordnung. Grenzenlose Freiheit führt ins Chaos!
   -* Jeder ist sich letztlich selbst der Nächste!
   * Es gibt Rangunterschiede; Menschen, die einfach mehr verstehen und mehr
   Durchblick haben und andere, die weniger davon haben -und das muß auch so
   sein- und das wird immer so bleiben!
   -* Intelligenz ist wichtiger als Gefühl:

         "Die Intelligenz wird von unserer technischen Zivilisation überbetont
         und die Emotionalität vernachlässigt. Die Überbetonung der
         Intellektualität führt zur Kopflosigkeit des Menschen. Ist sie mit
         Konkurrenzstreben gekoppelt, wird das Verhalten eiskalt, knallhart,
         distanziert und unterkühlt. Die Emotionalität wird im Vergleich zum
         Intellekt abgewertet. Der Intellektuelle, der sein Verhalten rational
         „im Griff hat“, gilt als Ideal, während der Emotionale, der seine
         Gefühle offen zeigt, als unbeherrschter Gefühlsmensch abqualifiziert
         wird. Gefühle sind in einer technischen Zivilisation, die so stolz auf
         ihre Intelligenz ist, nicht gesellschaftsfähig, sie sollen möglichst
         beherrscht und verborgen werden. Diese Abwertung der Gefühle als
         Gefühlsduselei, Sentimentalität oder Schwäche sind ein Zeichen der
         Angst vor spontaner Lebendigkeit." (Lauster, a.a.O., S.202 f)


                                     14
Dies mündet in folgenden Konsequenzen:
  - Gestellte Aufgaben müssen immer perfekt erledigt werden
  - Der Körper ist nicht so wichtig wie der Geist
  - Der wirklich Bessere setzt sich auch durch
  - Wenn man schon mal unangenehme bzw. aggressive Gefühle jemandem
      gegenüber hat, dann hat man die gefälligst für sich zu behalten bzw. sich
      nichts anmerken zu lassen.
  - Prüfungen und Bewertungen müssen sein, sonst strengt sich ja keiner
      mehr an.

Die Erziehung des Individuums geschieht durch ständige Bewertung des
Verhaltens. Verhalten im Sinne der Erziehungspersonen wird gelobt oder
belohnt, abweichendes Verhalten wird kritisiert oder bestraft. Die Bewertung ist
eine Dressurtechnik, die fein abgestuft eingesetzt wird, von der Belohnung
durch Geld oder Symbole bis zur Bestrafung und Folter. Die ständige
Bewertung wird dem Kind nicht nur im Elternhaus angetan, sie setzt sich im
Kindergarten, in der Schule, im Lehrverhältnis, auf der Universität und im Beruf
fort. Die Schulnoten 1, 2, 3, 4, 5 und 6 bewerten Wissen und anpassungsbereite
Verständnisbereitschaft. Die Gesamtnote wird doch für den Numerus Clausus
noch hinter dem Komma differenziert. Die Bewertung von Schulleistungen hat
in den letzten Jahren extreme Ausmaße angenommen. Die Lehrer haben ihre in
den 60er Jahren zurückgegangene Bewertungsmacht wieder zurück gewonnen,
sie sind wieder ganz Herr der Lage und können wieder mehr Druck auf die
Psyche ihrer Schüler ausüben.
Die Bemühungen fortschrittlicher Pädagogen um die Abschaffung der Zensuren
sind aufgeschoben. Neue, zusätzliche Bewertungen sind im Gespräch: Der
Eignungs- und Persönlichkeitstest. Nach dem erfolgreichen Schul- oder
Studienabschluß geht die Bewertung weiter. Personalchefs wollen wissen: „Sind
Sie kreativ? Können Sie sich durchsetzen? Sind Sie selbstsicher? Können Sie
aggressiv verkaufen? Haben Sie Führungsqualitäten? Sind Sie mit der richtigen
Frau verheiratet?“ Die Bewertung nimmt kein Ende!

Der Einzelne fügt sich dem Bewertung und versucht, der jeweils verlangten
Norm zu entsprechen, er versucht, einen guten Eindruck zu machen und die
Eigenschaften, die gewünscht werden, pflichtbewußt zu entwickeln und vorzu-
zeigen. Die Persönlichkeit ist zur Ware geworden, die ein Gütesiegel erhält oder
auch keines und dadurch seinen Marktwert aufbessert oder einbüßt.



                                      15
Fremdmanipulation und Selbstmanipulation

Jetzt ist es noch wichtig, die Beziehung von dem, was ich mit mir selbst tue (daß
ich mich nicht akzeptiere, wie ich bin) und dem, was andere mit mir tun (daß
andere mich nicht akzeptieren, wie ich bin) etwas genauer anzusehen. Wie
wirken sie zusammen?

Ich denke, der Anfang ist ganz einfach: Wenn wir die Erfahrung machen, daß
wir in einer bestimmten Situation (die auch noch wichtig für uns ist) von der
Außenwelt bestraft werden, falls wir uns so zeigen, wie wir sind, dann werden
wir beim nächsten Mal unser wahres Selbst unterdrücken. Dies ist ein
absichtlicher Vorgang; er ist als solcher auch nicht problematisch, denn alles ist
noch in unserem Bewußtsein.

Wird dies allerdings permanent notwendig, müssen wir also chronisch
unterdrücken, dann vergessen wir einfach, warum und wie wir unterdrücken.
Die Unterdrückung meines spontanen Selbst geschieht dann unabsichtlich. Dies
bedeutet: Ich fange an, mich nicht mehr zu akzeptieren, wie ich bin, bemerke
aber nicht mehr, woran das liegt. Als Folge dieser chronischen Unterdrückung
meiner spontanen Impulse und Gefühle fühle ich mich vielleicht unwohl, habe
Verspannungen im Rücken, entwickele chronische Beschwerden, Krankheiten
u.ä. Aber der Zusammenhang zwischen diesen Symptomen und den sie
verursachenden Entscheidungen meinerseits ist verloren gegangen.

Im Laufe unserer Sozialisation verliert der ursprüngliche äußere Anlass an
Bedeutung, er ist im Prinzip gar nicht mehr nötig. Die Möglichkeit einer
bestrafenden Instanz und die gesellschaftlichen Regeln haben eigentlich nur die
Funktion, dass ich erst gar nicht mehr auf die Idee komme, mich so zu sehen
und zu zeigen, wie ich bin. Aus der ursprünglichen Fremdmanipulation wird
Selbstmanipulation!

     "Der Zusammenhang mit der Fremdmanipulation ist abgerissen und nicht
     mehr verstehbar. Die guten Vorsätze, glaubt man, sind 'meine guten
     Vorsätze, die ich mehr oder weniger gut erfüllen kann'. Die Frage: 'Woher
     kommen meine guten Vorsätze?' wird nicht mehr gestellt. Die Frage müßte
     dann nämlich lauten: 'Sind es überhaupt meine guten Vorsätze, oder sind
     sie manipuliert?' Die Selbstmanipulation führt also zu einem Prozeß der
     unmerklichen Selbstentfremdung. Der Mensch entfremdet sich von sich
     selbst und glaubt, daß es sein eigener selbständiger Entschluß wäre. Der
     Feind steckt jetzt in ihm selbst, und die Selbstentfremdung wird zu seiner

                                       16
    zweiten Natur. Zwischen seiner ersten und seiner zweiten Natur kann er
    nicht mehr unterscheiden. Er glaubt, dass die zweite Natur, die erste,
    einzige und richtige ist. (Lauster, a.a.O., S.141)

Der gleiche Vorgang vollzieht sich auf der Ebene der Bewertung: Die
Bewertung, die zunächst in der Entwicklung von außen kommt, wird
verinnerlicht. Nun bewertet nicht nur die Außenwelt die Innenwelt, sondern die
Innenwelt (das Über-Ich) sich selbst. Wir haben nun gelernt, uns ständig zu
bewerten und an einem Bewertungsideal zu messen, anstatt einen gemeinsamen
Nenner zu finden, der uns verbindet. Statt dessen versucht jeder, sich vom
anderen abzugrenzen: Er wertet die Seiten als „Hüben“ und „Drüben“, als
„richtige“ oder „falsche“ Seite; und glaubt dabei von sich selber, auf der
„richtigen“ Seite zu stehen.

So nimmt die neurotische und schließlich psychotische Entwicklung der Psyche
im Zusammenhang mit den Abwehrmechanismen ihren Anfang. Das
„Selbstquälerei-Spielchen“, wie Frederick S. Perls es nennt, beginnt sein
Terrorprogramm. Das Bewertungsideal setzt Maßstäbe, an denen das eigene
Verhalten ständig gemessen und dementsprechend gelobt oder kritisiert wird.
Der Mensch muß sich so selbst einschüchtern, quälen, und verrückt machen.
Wenn der Maßstab, den er an sich selbst anlegt, besonders streng ist und jeder
kleine Fehler zu einer Todsünde wird treibt er sich sogar bis in den
Nervenzusammenbruch oder Wahnsinn.


IV. Die Beziehung von Nichtakzeptanz zu unserem Ego

Jetzt betrachten wir die Selbstakzeptanz von einem noch grundsätzlicheren
Ansatzpunkt aus. Bisher gingen wir davon aus, daß unsere individuelle und
kollektive Konditionierung unsere Nichtakzeptanz verursacht. Nun gehen wir
noch tiefer. Wir suchen eine Antwort im Ego selbst.

Wir können uns - grob vereinfachend - vorstellen, daß sich unser Sein aus zwei
grund verschiedenen Anteilen zusammensetzt. Die äußere Schicht unseres Seins,
die persönlichen Ebene, ist die Ebene des Egos. In dieser Schicht nehmen wir
die Welt in Dualitäten wahr, vergleichen, bewerten, (ver)urteilen. Gehen wir
einmal davon aus, daß unser Ego, unser Gedankenapparat nichts anderes ist als
eine Ansammlung von zahllosen Programmen. Dass diese ein Konglomerat an
Konditionierungen sind, die sich aus unserer individuellen Geschichte, unserer

                                     17
Stammesgeschichte,     als   auch   aus        unseren   zahllosen   Reinkarnationen
zusammensetzen.

Den anderen Anteil unseres Seins könnte man als unser höhere Selbst
bezeichnen, als unserem Wesenskern, der sich auf einen tieferen Schicht
befindet. Man könnte diese Ebene auch beschreiben als den Ort, an dem alles
leicht ist, fließt, und tanzt; als einen Ort, an dem es keine Probleme gibt, keine
Trennung zwischen mir und der Welt und damit auch kein Vergleichen. Einen
Ort, an dem wir einfach nur geschehenlassen und einverstanden sind. Jeder von
uns kennt diesen sogenannten „anderen Ort“ tief im Inneren. Wir sind ihm alle
schon einmal begegnet, wenn auch vielleicht nur für Sekunden. Trotzdem sind
diese wenigen Sekunden von zentraler Bedeutung, weil sie uns eine Vision
vermitteln, wie unser Leben aussehen könnte: Einfach, voller Liebe,
Spontaneität und Freude.

Auf der Ebene des Egos, des Denkens in Dualitäten, der Wahrnehmung von
Trennung, kann es keine wirkliche Befreiung geben. Natürlich sind auf
diesem Ebene Linderungen möglich. Aber eben nur Linderungen und keine
wirkliche Heilung. D.h. dass unsere Nichtakzeptanz sich nicht in eine
Selbstakzeptanz verwandeln kann, solange wir auf dieser Ebene sind, von ihr
aus uns und die Welt erfahren. Denn in der Welt der Dualitäten wartet an der
nächsten Ecke die nächste Kränkung oder Verunsicherung. Das mühsam
zurechtgezimmerte Selbstwertgefühl, das sich auf der Ego-Ebene über die
„angemessene“ Einordnung im Bezug zu anderen Menschen hergestellt hat,
bricht zusammen, wenn wir erkennen, daß andere vielleicht doch besser sind, als
wir dachten usw.

Unser Denken sowie unsere anderen Sinnesorgane sind zwar dazu da, uns
Informationen über die Welt zu besorgen, um unser Überleben zu sichern. Wir
wissen aber, daß die Sinnesorgane sehr begrenzt sind; d.h. z.B. daß unsere
Augen und unsere Ohren lediglich in der Lage sind, einen winzigen Bruchteil
aller vorhandenen Informationen und Schwingungen akustischer oder optischer
Art wahrzunehmen. Zusätzlich täuschen uns unsere Sinne darüber, daß sie uns
die Wirklichkeit als „getrennt“ wahrnehmen lassen, z.B. scharfe Trennungen
zwischen Objekten suggerieren, im Sinne einer linearen Zeit selektieren. Ebenso
kreiert unser Denkapparat den Vergleich, die Bewertung und die Beurteilung. Er
schafft Kategorien von „richtig“ und „falsch“ , von „gut“ und „böse“, von
„oben“ und „unten“, von „moralisch“ und „unmoralisch“.


                                          18
Das ist etwas ganz Ungeheuerliches, zu wagen sich einmal vorzustellen, daß
diese Bewertungen nichts Immanentes, ewig Seiendes, immer schon
dagewesenes sind. Sondern vielleicht umgekehrt: Der Tanz des reinen
Bewußtseins. So stelle ich mir das Paradies von Adam und Eva vor. (Und
nachdem sie vom Apfel der „Erkenntnis“ gegessen hatten, wußten sie, dass sie
nackt waren und was „gut“ und „böse“ ist - d.h. erst da verfielen sie in die Welt
des Vergleichens, Bewertens und Urteilens. Und folgerichtig nennen wir diesen
Vorgang ja die Vertreibung aus dem Paradies).
Auf die Selbstakzeptanz bezogen heißt dies: Die Nicht-Akzeptanz benötigt als
eine Vorraussetzung, die Welt getrennt wahrzunehmen; sie basiert darauf, die
Welt in Dualitäten wie „gut-böse“, „schlecht-gut“, „oben-unten“, „Mann-Frau“,
„hell-dunkel“ usw. einzuteilen und zu erleben. Hätten wir sozusagen diese
Kategorien nicht, wir wüßten gar nicht, wie das geht, mit sich oder der Welt im
Hader zu liegen.


V.    Die Methodik des Annehmen, Halten und Fühlen
Dieser Abschnitt handelt von der Methodik der Selbstakzeptanz. Mir geht es
darum, ein Modell vorzustellen, das so konkret wie möglich davon handelt, wie
man sich annimmt - so wie man ist. Zur Einstimmung möchte ich eine
poetische Betrachtung aus Eva Pierrakos „Der Pfad der Wandlung“ zitieren:

      *     Durch das Tor eurer Schwäche findet ihr eure Stärke.
      *     Durch das Tor eures Schmerzes findet ihr eure Lust und Freude.
      *     Durch das Tor eurer Furcht findet ihr Sicherheit und Schutz.
      *     Durch das Tor euerer Einsamkeit findet ihr eure Fähigkeit,
            Erfüllung,         Liebe und Gemeinsamkeit zu erleben.
           Durch das Tor eurer Hoffnungslosigkeit findet ihr wahre und
            berechtigte Hoffnung
           Durch das Tor der Annahme eurer Kindheitsmängel findet ihr
            Erfüllung heute. (a.a.O., S.14)

*Annehmen bedeutet, „ja“ zu sagen zu dem Umstand, dass etwas so ist wie
es ist.
*Es bedeutet zu fühlen, was gerade zu fühlen ist.
Kein Kampf mehr, kein Dagegen-Sein. Dadurch ist Energie freigesetzt für das
Wahrnehmen, Spüren, Aufklären und Loslassen. Beim Annehmen geht es
darum, die aufsteigenden Gefühle zu zu lassen, zu fühlen und zu halten und
nichts damit tun. Meist treten Angst auf und Unsicherheit, die aus dem Nicht

                                       19
Wissen stammen. Sie gilt es einfach zu fühlen und zu halten. Nichts ist zu tun.
Kein Ausagieren, kein Vermeidungsverhalten. Dem Gedankenapparat, der uns
in diesen Momenten vielleicht einflüstert, die Schuld für die eigenen Gefühle
draußen zu suchen und zu reagieren, die Aufmerksamkeit zu entziehen.

Die Haltung des Dagegen-Seins, des Neins kreiert unser Leid, nicht die
Situation an sich. Immer, wenn wir festhalten, leiden wir. Um diese einfache
Wahrheit kommen wir nicht herum, ob sie uns nun passt oder nicht. Durch das
Annehmen hingegen können lange vergrabene Dinge ans Licht kommen. Sie
bekommen sozusagen die Erlaubnis, in unser klares und geschärftes Bewußtsein
zu gelangen. Akzeptieren ist Heilung. Viele von uns meinen, die Heilung
bestehe darin, daß wir unerwünschte Gefühle unterdrücken oder uns zwanghaft
einem Veränderungsprogramm unterwerfen. Dem ist nicht so. Das Paradoxon ist
vielmehr: Nimm Dich bedingungslos an, wie Du bist, und Du fängst an, Dich zu
verändern. Dein System heilt sich dann von selbst!
Selbstakzeptanz ist nicht statisch, sie folgt vielmehr der Dynamik von Moment
zu Moment. Es versteht sich von selbst, dass ich mich lediglich mit dem Aspekt
meines Selbst annehmen kann, dessen ich mir im Moment bewußt bin. Der
Auslöser für meine Gefühle mag mit dem Verhalten eines anderen
zusammenhängen. Aber die Ursache meiner Gefühle ist er nicht. Denn wie
und was ich daraufhin fühle, ist ganz und gar meine Sache. Für meine
Gefühle bin ich allein verantwortlich, was immer auch der Auslöser sein
mag. Deshalb ist es das beste, einfach mit meinen Gefühlen, z.B. der Wut,
sitzen und nichts zu tun. Sie zu fühlen und ihnen die Chance zu geben, sich
aufzulösen, zu heilen.

Ich bin mir dessen bewußt, dass die Selbstverantwortung für die eigenen
Gefühle der zentralste Aspekt der Selbstannahme ist und dass es an diesem
Punkt deswegen auch die meisten Widerstände gibt. ‚Ich soll verantwortlich für
meinen Hass sein, wenn mich jemand anderes betrügt und mir schadet?!‘ Ich
weiß, diese selbstverantwortliche Haltung ist im Einzelfall nicht einfach. Und
trotzdem: sich mit seinen Gefühlen so annehmen, wie sie sind, nicht zu re-
agieren, nicht zu vermeiden, nicht zu unterdrücken, einfach zu halten beinhaltet
die Chance, dasss sie sich auflösen und dadurch transformieren.

Dann können wir eine Ebene tiefer in unserer Gefühlsskala gelangen und
spüren, daß sich unter unserem Haß ein Gefühl der Ohnmacht verbirgt. Uns wird
dann vielleicht deutlich, dass das Gefühl des Hasses lediglich die Funktion hatte,
das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert-Seins nicht fühlen zu müssen.

                                       20
Dieses Gefühl ist für viele Menschen eines der unerträglichsten. Stattdessen
gehen wir deshalb sehr häufig automatisch in den Angriff. Wenn wir in der
wütenden und hassvollen Verurteilung des anderen gefangen sind, müssen wir
unser darunter liegendes Gefühl nicht fühlen. Wir müssen nicht fühlen, dass wir
einfach nichts tun können, dass wir ohnmächtig sind.
Und wenn wir noch tiefer schauen, dann verbirgt sich hinter dem Gefühl der
Ohnmacht ein Gefühl des Bedauerns, des Mitgefühls für den anderen und
darunter vielleicht ein Mitgefühl für den ganzen Planeten und darunter vielleicht
ein Gefühl der Dankbarkeit, all dies fühlen und erleben zu dürfen. Und vielleicht
darunter ein Gefühl der Liebe für alle Menschen.

Annehmen setzt frei, klärt auf. Im Annehmen geben wir auf, die Welt da
draußen für unsere Gefühle verantwortlich zu machen! Wir flüchten uns
nicht mehr in Vermeidungsverhalten, in Schuldzuweisungen (so scheinbar
„berechtigt“ diese auch immer sein mögen), ins Selbstmitleid. Wir
beklagen uns nicht mehr - bei wem denn auch? Wir benutzen nicht mehr
die gesellschaftlich akzeptierten Ausflüchte ins Rauchen, Trinken, Essen,
Fernsehen - um nur einige Beispiele zu nennen. Wir versperren uns selbst
all diese Fluchtmechanismen. Spüren stattdessen das Gefühl mit all seinen
körperlichen Begleiterscheinungen. Unser „Ja“ lädt es ein. Nehmen wir es
an, dann geschieht die alchemistische Veränderung.

Ereignisse, Situationen, Verhaltensweisen anderer, die wir vorbehaltlos
annehmen, gegen die wir nicht mehr kämpfen, verlieren ihre Bedeutung für uns;
Gefühle, die wir annehmen, halten und fühlen, denen wir wachen Auges
begegnen, lösen sich auf, sie verändern sich quasi von allein, ohne unser Zutun.
Hierzu sei noch einmal aus den Gesprächen mit Gott zitiert :
             „Etwas, dem ihr euch widersetzt, das bleibt bestehen. Das, was ihr
             anschaut, das verschwindet.“
             An anderer Stelle:
             „Du kannst nicht verändern, was du nicht akzeptierst....Erleuchtung
             beginnt mit der Akzeptanz, ohne das , was ist, zu verurteilen“Bd. 1,
             S. 194
             und noch eine andere Stelle:
             „Dem ihr euch widersetzt, das bleibt bestehen. Nur das, was ihr
             begreift, erfasst, kann verschwinden“ Bd. 3. S. 430
            und an anderer Stelle
          „Wenn du etwas ansiehst - es wirklich anschaust - wirst du durch es
          und durch alle Illusionen, die es in dir bewirkt, hindurch sehen; und es
          wird nichts übrig bleiben als die letztliche Wirklichkeit in deinen
                                       21
          Augen. Angesichts der letztlichen Wirklichkeit hat deine
          unbedeutende Illusion keine Macht. Sie kann dich nicht lange in ihrem
          immer schwächer werdenden Griff halten. Du wirst die Wahrheit
          sehen und die Wahrheit setzt dich frei.(Bd. 1, S. 161 )

Unser System ist absolut in der Lage, sich selbst zu heilen, wenn wir ihm die
Erlaubnis geben, d.h. ihm die Vorraussetzung dafür bereit stellen! Wenn wir auf
diese Weise eine Schicht nach der anderen durchdringen, offen sind für die
Schicht hinter der Schicht, gelangen wir immer tiefer, immer näher an unsere
Essenz, an unseren göttlichen Kern. Und der ist einfach nur Freude,
Dankbarkeit, Mitgefühl, Liebe!

Wenn man einmal begriffen hat, dass Auslöser in der Welt da draußen nur dazu
da sind, uns zum Wachwerden einzuladen, dann gibt es keinen Grund zum
Beklagen mehr. Wir erhalten ständig freundliche Einladungen, um mit unseren
noch nicht integrierten Anteilen in Kontakt zu kommen. Auf eines sei noch
hingewiesen: Unser Ego vermag auch diese Erläuterungen mißbrauchen, um
sich unter Druck zu setzen mit einem neuen ‚So muß ich‘s machen‘ und dafür zu
verurteilen, wenn das nicht gelingt. Es ist mir wichtig zu betonen, daß es darum
natürlich nicht geht. Ich erkläre die Implikationen der Selbstakzeptanz mit allen
Facetten, und weiß gleichzeitig, daß es nicht einfach ist, sie in der Praxis
umzusetzen. Aber dennoch gilt: Wenn ich reagiere, meine Gefühle veräußere,
anklage, Vorwürfe mache, nehme ich mich nicht so an wie ich bin und versuche
durch meine Entäußerung die Verantwortung nach außen abzugeben. Falls ich
das bei mir beobachte, dann kann ich zumindest zu diesem Umstand einfach
„Ja“ sagen: „Ja, ich nehme mich damit an, dass ich mich nicht annehme! Ich
schimpfe, ich schreie, ich tobe - weil ich meine Gefühle darunter nicht aushalten
mag. Sie sind mir einfach‘ too much‘. Ja, so ist es im Moment. Ich wähle die
Flucht“.

Jetzt - am Ende dieses Abschnitts- zähle ich noch einmal in Schlagworten auf,
was ich unter Selbstakzeptanz verstehe:

      *     Selbstakzeptanz ist das Bejahen des Augenblicks; die
            grundsätzliche Bereitschaft, zu meinem Leben, so wie es jetzt ist, ja
            zu sagen.
           Selbstakzeptanz heißt mich anzunehmen, so wie ich jeweils
            bin.(Insofern bedeutet die Selbstannahme - je nach meinem
            Bewusstseinsstand und meiner Fähigkeit zur Achtsamkeit - jeweils
            etwas anderes).
                                       22
*   Selbstakzeptanz bedeutet, mich mit allen Aspekten meines Seins
    (vom          Kind bis zum Greis, vom Heiligen bis zum
    Verbrecher!) anzunehmen.
*   Selbstakzeptanz heißt, den äußeren und inneren Kampf aufzugeben
    und den Boden für inneren Frieden zu bereiten und dies auf der
    Grundlage           von Gelassenheit. Dabei liegt der Schwerpunkt
    auf dem Ausatmen, auf             dem Geschehenlassen.
*   Selbsakzeptanz bedeutet, mehr und mehr auf die eigenen
    Fähigkeiten zu             vertrauen. D.h. sich mehr und mehr durch
    ein inneres, subjektives                Wertesystem     als    durch
    äußeren oder verinnerlichten Druck leiten zu lassen .Es kann
    allerdings auch bedeuten, mich zu versöhnen mit der
    Selbsterkenntnis, wie stark ich von der Anpassung an äußere
    Umstände            bestimmt bin.
   Selbstakzeptanz ist der Mut und die Kraft, in den Spiegel zu sehen;
    mein Licht und meinen Schatten zu sehen; dabei wach und klar zu
    bleiben. Es bedeutet weiterhin, Verantwortung für die
    Konsequenzen, die          sich aus meinen Begrenzungen ergeben,
    zu übernehmen. Und es bedeutet-          letztlich ja zu diesen
    Konsequenzen zu sagen.
*   Selbstakzeptanz bedeutet, dass ich aufhöre, meine wahre Natur zu
    verdrängen, und mich voll dazu bekenne, wer ich bin. Dann
    brauche ich nicht mehr Verdrängungsenergie auf zu wenden, um
    unliebsame Eigenschaften unter Verschluss zu halten. Genau diese
    Energie steht mir für das Sein in dieser Welt zur Verfügung.
*   Selbstakzeptanz ist der beste Beitrag, um mit anderen in Frieden zu
    leben: Die erste Bedingung, um mit anderen in Frieden leben zu
    können, ist die, mit sich selbst in Frieden zu sein.
*   Selbstakzeptanz bedeutet, mich anzunehmen bis auf die
    tiefsitzenden    Zellen      bzw.     körperlichen   und    geistigen
    Konditionierungen, mit meiner Geschichte, meinen möglichen
    Vorleben.
*   Selbstakzeptanz bedeutet, mich so anzunehmen, wie ich bin. Wenn
    ich dabei bin, mich für das wie ich bin, zu verurteilen, dann
    nehme ich mich mit dieser Selbstverurteilung an. Wenn ich mich
    damit nicht annehmen kann, dann nehme ich mich damit an,
    dass ich mich nicht damit annehmen kann.
*   Selbstakzeptanz bedeutet, auch zu dem Umstand, daß ich meine
    Gefühle vielleicht nicht halte und sie ausagiere und andere versuche

                               23
            schuldig zu        sprechen, ja zu sagen. D.h. anzuerkennen, was
            gerade ist.




VI. Berührende Texte
Jetzt ist eigentlich alles entfaltet, systematisiert, in einen Zusammenhang
gestellt. In diesem Abschnitt geht es im wesentlichen darum, sich berühren und
erreichen zu lassen durch ausgewählte Texte, die teilweise poetischen Charakter
haben.
Zu Beginn dieses Kapitels sollen zunächst Carl Rogers, der Begründer der
Gesprächspsychotherapie,      und      Fritz   Perls,   der    Begründer      der
Gestaltpsychotherapie, zu Worte kommen. Beide betonen explizit die Paradoxie
der Veränderung.
           "Manchen mag diese Entwicklung befremdlich erscheinen, mir ist sie
           deshalb wertvoll, weil es das merkwürdige Paradoxon ergibt: wenn ich
           mich so wie ich bin akzeptiere, dann ändere ich mich. Ich glaube, dies
           sowohl von meinen Klienten wie auch aus eigener Erfahrung heraus
           gelernt zu haben , daß wir uns nicht ändern können, uns nicht von
           dem, was wir sind, entfernen können, bis wir völlig akzeptieren, was
           wir sind. Dann ereignet sich fast unmerklich die Veränderung.“ (C.R.
           Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit, Stuttgart 1976, S. 33)

          "Aber das ist gerade der paradoxe Aspekt meiner Erfahrung: Je mehr
          ich einfach gewillt bin, inmitten dieser ganzen Komplexität des
          Lebens ich selbst zu sein und je mehr ich gewillt bin, die Realitäten in
          mir selbst und im anderen zu verstehen und zu akzeptieren, desto mehr
          scheint Veränderung in Gang zu kommen. Es ist eine sehr paradoxe
          Sache - in dem Maße wie jeder von uns gewillt ist, er selbst zu sein,
          entdeckt er, daß er sich verändert, und nicht nur das: Er findet auch,
          daß sich andere verändern, zu denen er Beziehung hat. Dies ist
          zumindest ein sehr lebendiger Teil meiner Erfahrung und eine der
          tiefsten Erkenntnisse, die ich in meinem persönlichen und beruflichen
          Leben gewonnen zu haben glaube."
          (a.a.O., S.37)

         "... dann sehen wir auch ein, daß wir in uns oder anderen vorsätzlich
         keine Änderung zustandebringen können. Das ist ein ganz
         entscheidender Punkt: Viele Leute opfern ihr Leben, um ein Bild
         dessen, wie sie sein sollen, zu verwirklichen, anstatt sich selbst zu
         verwirklichen. Dieser Unterschied zwischen Selbstverwirklichung
                                       24
         und Ver-wirklichung des Selbstbildes ist sehr wichtig.
         Die meisten Menschen leben nur für ihre Vorstellung von sich. Wo
         einige Leute ein Selbst haben, ist bei den meisten Leere, weil sie so
         sehr damit beschäftigt sind, sich selbst als dieses oder jenes zu
         projizieren. Das ist wiederum der Fluch des Ideals. Der Fluch, daß du
         nicht sein sollst, was du bist." (F.Perls, Gestalttherapie in Aktion,
         Stuttgart 1976, S.28)

Und an anderer Stelle sagt er:

          "Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert", das bestätigt
          sich immer wieder. Jedes Vorhaben einer Änderung erreicht das
          Gegenteil. Das wißt ihr alle. Die Neujahrsvorsätze, der verzweifelte
          Versuch, anders zu sein, die Anstrengung, sich selbst zu beherrschen.
          All das wird immer zunichte; oder aber jemand ist in extremen Fällen
          scheinbar erfolgreich, bis zum Nervenzusammenbruch. Der letzte
          Ausweg.
          Wenn wir nun bereit sind, in der Mitte unserer Welt zu bleiben, und
          die Mitte weder in unserem Computer noch anderswo zu haben,
          sondern wirklich in der Mitte, dann können wir mit zwei Händen
          arbeiten - dann sehen wir die beiden Pole eines jeden Ereignisses. Wir
          wissen, daß das Licht nicht ohne das Dunkel vorhanden ist. Wenn
          alles eins ist, wird dir nichts mehr bewußt. Wenn es immer hell ist,
          erlebt man die Helligkeit nicht mehr. Man muß den Rhythmus von
          Licht und Dunkelheit haben.“ (a.a.O., S.26)

Und in den Worten eines Familientherapeuten:
         "Warum verändere ich mich, wenn ich aufhöre, mich darum zu
         bemühen? Ich weiß nicht die Antwort auf die Frage, aber zwei Dinge
         fallen mir dazu ein:
         Zum einen: Lebende Organismen brauchen die Wärme der Liebe, um
         zu wachsen. Haß beendet Leben, er wirkt wie ein Todesurteil auf
         einen Organismus.... Zum anderen: Wir binden enorme Energien mit
         Selbstverachtung und dem Ersehnen einer Zukunft, die anders sein
         muß ... Wenn wir uns lieben, dann sind wir in der Gegenwart, wir
         lassen unsere Energie im Hier und Jetzt fließen und die Bewegung
         von Augenblick zu Augenblick führt uns weiter." (Nerim, W.F.
         Familienrekonstruktion in Aktion, Paderborn 1989, S.154)

Nach dieser Einstimmung möchte ich Euch verschiedene längere Textauszüge
anbieten, die zum Ausdruck bringt, worum es mir in meinem Papier geht:

          "Wir müssen nur aufhören, uns verändern zu wollen, dann werden wir

                                       25
frei von dem Zwang, etwas zu sein, was wir nicht sind. ...Freude und
Leid gehen beide aus meinem biologischen Erbe und späteren
zufälligen Lebensumständen hervor. Aber wie glücklich oder
unglücklich ich mit dieser Persönlichkeit und diesem Leben
tatsächlich bin, hängt davon ab, wie gut ich mein Schicksal
akzeptieren kann, und nicht davon, daß die Karten neu gemischt und
ausgeteilt werden. Ich kann nicht immer gewinnen, aber ich muß
weiterspielen. Ein anderes Spiel als dieses gibt es schließlich nicht. ...

Ich muß bereit sein, mich den eigenen Augen so zu zeigen, wie ich
bin, und wenn ich das ohne Blinzeln kann, dann auch den Blicken
anderer. Es gibt keinen Grund, meine Stärke und meine Schönheit zu
verbergen. Aber ich darf auch nicht versuchen, mich ohne meine
Schwächen, Runzeln und Pickel darzustellen. Ein Leben ohne
Schmerz gibt es nicht. ...

Vielleicht ist Neurose nichts anderes als der Versuch, unseren Kopf
durchzusetzen: andere zu ärgern, das Schicksal zu korrigieren oder,
falls das nicht geht, uns unserem eigenen tiefsten Sein zu verschließen,
damit wir wenigstens andere daran hindern können, ihren Weg zu
gehen. ...

Ein Mensch, der ganz leben will, muß sich ohne zu blinzeln alles
ansehen, was aus seinem Unterbewußten aufsteigt. Will er mehr als
ein Pappkamerad sein, dann muß er auch seinen Schatten leben. Alles
was er nicht zu sein glaubt, ist er insgeheim doch. Jede
idealisierende Sozialphilosophie ist nichts weiter als ein Ableugnen
der dunklen Seite des wirklichen Menschen. Man kann das Böse nicht
fliehen, ohne ihm unwissentlich nachzugeben. Das Böse muß nicht
umgangen, sondern umgemünzt werden. Wer großzügig sein will,
ohne sich auch seine Eigennützigkeit einzugestehen, wird sich gewiß
irgendwann als ein Despot erweisen, der nur gibt, wo es seinem
Wunsch dient, als großzügig anerkannt zu werden. Gnade Gott den
Armen, wenn Wohltätigkeit anonym wäre. Unsere einzige Hoffnung
besteht darin, unsere Aufmerk-samkeit ganz bewußt auf jene dunklen
Seiten unserer selbst zu richten, an die wir nach der herrschenden
Moral nicht einmal denken dürfen. Aber selbst das Streben nach der
Erkenntnis unseres verborgenen Selbst kann wieder abgleiten in den
vergeblichen Versuch, das Selbst zu vervollkommnen. Jeder Mensch
muß zwar versuchen, die Tiefen seiner dunklen Seele auszuloten, aber
er wird nie ans Ende kommen. ...

Wer glaubt, sich der Erforschung des Herzens verschrieben zu haben,
wird wohl immer versucht sein anzunehmen, daß er nur lange und hart

                              26
genug arbeiten muß, um schließlich alles zu wissen. Die Illusion, ein
für allemal die Überhand zu gewinnen, nicht mehr der Hilflosigkeit
und Einsamkeit dieser Pilgerschaft durch den Wirrwarr der Kräfte des
Dunkels ausgeliefert zu sein, wird ihn für den Rest seines Lebens
begleiten. ...

Es ist unmöglich, das Licht richtig zu würdigen, ohne das Dunkel zu
kennen, den Himmel ohne die Erde, das trockene Land ohne das Meer,
die Wärme ohne die Kälte. Mensch hat keinen Sinn, wenn Tier
unbekannt ist. Mann bekommt seine volle Bedeutung erst in der
Gegenwart von Frau. Engel und Teufel sind die Gesichter eines
Januskopfes. Kain ist ohne Abel nicht zu verstehen und Jesus nicht
ohne Judas. Das Erkennen und Akzeptieren der Schattenidentität
verwandelt einen Menschen nicht in einen anderen, sondern
vervollständigt ihn. ...

Wir machen einen Fehler, wenn wir uns fragen "Bin ich gut genug?"
oder "Lohnt es sich, ich zu sein?" Wer oder was wir auch sind, ist
genau das, was wir sein sollen. Es ist unser Akt der Wahrheit.
Psychologisch gesehen, begann das Problem damit, daß man uns in
der Kindheit den Zweifel am Wert unserer Existenz und unseres
Handelns eingeimpft hat. Hat jemand schon mal von einem
unzulänglichen Säugling gehört, von einem Kind, das nicht weiß, wie
man Kind ist? Weshalb sollte es nicht in Ordnung sein, daß ich ich
bin? Was ist daran auszusetzen, daß irgendein Mensch eben der ist,
der er ist?

Im Tarot ist es der Narr, der weise genug ist zu fragen: "Wer bin ich?"
Unbefangen und offen setzt er seinen Fuß ins Unbekannte, um der zu
werden, der er ist. Auf-recht, trifft er die richtige Wahl. Umgedreht,
verwechselt er seine Identität mit der eines anderen und lebt ein
fremdes Leben.

Wir haben nur diese eine Hoffnung: Zu lernen, uns jedem Augenblick
zu überlassen, das Leben zu leben und uns so wenig wie möglich um
Ergebnisse zu sorgen. Nur dann können wir unser Leben wirklich
leben und selbstbestimmte Personen sein, wenn wir es auf unsere Art
tun und wenn jeder erklärt, daß sein Leben, sei es noch so
unvollkommen, eben sein und keines anderen Leben ist.
Wenn ein Mensch nach dem Gesetz seiner Natur handelt, kann er
nicht sündigen. Deshalb sollte niemand sein naturgegebenes Werk
aufgeben, auch wenn er es un-vollkommen verrichtet. Denn alles
Handeln geht mit Unvollkommenheit einher wie Feuer mit Rauch."...
(Alle Zitate aus: Sheldon B. Kopp: Kopfunter hängend sehe ich alles

                             27
          anders-Psychotherapie und die Kräfte des Dunkels. Köln 1982, S.
          197-215; meine Hervorhebungen)

Und jetzt ein weiteres Zitat, das inhaltlich in die gleiche Richtung geht.
Allerdings wird hier der spirituelle Aspekt mehr betont, auf eine, wie ich finde,
wunderschöne, poetisch anmutende Weise:
          "All die Kulturen und all die Religionen haben euch dazu
          konditioniert, ein negatives Gefühl von euch selbst zu haben.
          Niemand wird nur um seiner selbst oder ihrer selbst willen geliebt
          oder geschätzt. Du wirst aufgefordert zu beweisen, ob du irgendeinen
          Wert besitzt: "Bring Goldmedaillen von der Universität mit! Hab
          Erfolg, Geld, Macht, Prestige, Ansehen! Beweise dich!" Dein Wert ist
          nicht mitgegeben; das ist es, was man euch allen beigebracht hat. Dein
          Wert muß erst bewiesen werden.

          Daher kommt eine tiefe Feindschaft gegen dich selbst auf, ein tiefes
          Gefühl, daß "ich wertlos bin, so wie ich bin, außer, ich beweise das
          Gegenteil". Millionen und Abermillionen von Menschen liegen im
          Wettkampf miteinander. Wieviele davon können Erfolg haben?
          Wieviele Leute können Präsidenten und Premierminister werden? In
          einem Land mit Millionen von Menschen kann nur einer Präsident
          werden, und tief drinnen sehnt sich jeder danach. Millionen werden
          sich unwert fühlen.

          Die Vorstellung von Erfolg quält dich. Sie ist das größte Unglück, das
          je der Menschheit geschehen ist - diese Vorstellung von Erfolg, daß
          du Erfolg haben mußt. Und Erfolg bedeutet, daß du rivalisieren muß,
          daß du kämpfen mußt, mit fairen oder unfairen Mitteln - das ist egal.
          Sobald du Erfolg hast, ist alles okay. Es geht nur um Erfolg. Selbst
          wenn du mit unfairen Mitteln Erfolg hast, ist alles, was du getan
          haben magst, okay, solange du nur erfolgreich bist.

          Erfolg ändert die Qualität all deiner Handlungen. Erfolg verwandelt
          üble Mittel in gute Mittel. Die einzige Frage ist also: Wie Erfolg
          haben? Wie an die Spitze gelangen? Natürlich können nur sehr wenige
          zur Spitze gelangen. Wenn jeder auf den Mount Everest hinauf will,
          wieviele Leute können dort stehen? Da ist nicht viel Platz. Nur einer
          allein kann dort bequem stehen. Dann werden die Millionen, die
          ebenfalls hinwollen, das Gefühl des Mißerfolges haben; eine große
          Verzweiflung wird sich in ihren Seelen niederlassen. Sie werden
          anfangen, sich negativ zu fühlen.

          Dies ist eine falsche Art von Erziehung. Sie ist absolut giftig. Diese

                                       28
sogenannte Erziehung, die man euch hat angedeihen lassen, eure
Schulen, Colleges, eure Universitäten vergiften euch. Sie erzeugen
Elend für euch. Es sind Fabriken, wo Höllen fabriziert werden, aber
auf eine so schöne Weise, daß du niemals drauf kommst, was
eigentlich vor sich geht. Die ganze Welt ist zur Hölle geworden
aufgrund falscher Erziehung. Jede Erziehung, die auf dem Gedanken
des Ehrgeizes basiert, führt zu einer Hölle auf Erden. Und das ist
bereits erfolgreich geschehen.

Jeder leidet und fühlt sich unterlegen. Dies ist wirklich eine
merkwürdige Situation. Niemand ist unterlegen und niemand ist
überlegen, weil jedes Individuum einzigartig ist - es ist gar kein
Vergleich möglich. Du bist du, und du bist ganz einfach nur du, und
du kannst niemand anderes sein, und du brauchst es auch nicht. Und
du brauchst nicht berühmt zu werden und du brauchst kein großer
Erfolg zu sein in den Augen der Welt. Das alles sind dumme
Vorstellungen.

Alles, was du brauchst, ist kreativ, liebevoll, bewußt, meditativ zu
sein. Wenn du Dichtung in dir aufkommen fühlst, schreibe sie um
deiner selbst willen, für deine Frau, für deine Kinder, für deine
Freunde - und vergiß alles andere! Singe sie, und wenn niemand
zuhört, sing sie für dich allein und genieß es! Geh zu den Bäumen,
und sie werden dir Beifall klatschen und es zu schätzen wissen. Oder
sprich zu den Vögeln und den Tieren, und sie werden sehr viel besser
verstehen als die dummen Menschen, die seit Jahrhunderten und
Jahrhunderten mit falschen Begriffen vom Leben vergiftet worden
sind.

Jeder hat ein negatives Gefühl von sich, weil jeder dieses Gefühl
mitbekommen hat. Deine Eltern haben es dir vermittelt, deine Priester
haben es dir vermittelt, deine politischen Führer haben es dir vemittelt
- und so viele Menschen machen dasselbe, daß du dir ganz natürlich
die Vorstellung einprägst, daß du keine eigene Wichtigkeit hast. Alle
Eltern sagen zum Kind, zu jedem Kind: "Beweise, daß du irgendeinen
Wert hast." Zu sein, einfach nur zu sein, ist nicht genug - irgend etwas
mußt du tun.

Mein ganzer Ansatz ist der, daß das Dasein in sich wertvoll ist.
Einfach nur, daß du da bist, ist eine solche Gabe Gottes - könntest du
mehr fordern? Einfach nur zu atmen in dieser wunderschönen
Existenz ist Bescheinigung genug, daß Gott dich liebt, daß die
Existenz dich braucht. Ansonsten wärest du nicht hier. Du bist! Die
Existenz hat dir die Geburt gegeben. Es muß eine ungeheure

                             29
Notwendigkeit dafür bestanden haben - du hast eine Lücke gefüllt.
Ohne dich wäre die Existenz ärmer. Aber wenn ich dies sage, sage ich
dies nicht nur zu dir. Ich sage es auch zu den Bäumen, zu den Vögeln,
zu den Tieren, zu den Kieseln am Ufer des Meeres. Ein einziger
Kieselstein weniger an der unendlichen Meeresküste, und die
Meeresküste wäre nicht mehr die gleiche. Eine einzige Blume
weniger, und das Universum würde sie vermissen.

Du mußt lernen, daß du wertvoll bist, so wie du bist. Und ich lehre
dich keinerlei Ego - ganz im Gegenteil. In dem Gefühl, daß du
wertvoll bist, so wie du bist, wirst du auch empfinden, daß die anderen
wertvoll sind, so wie sie sind. Akzeptiere die Menschen, wie sie sind.
Laß alle "Sollte" und "Müßte" fallen - dies sind die Feinde.

Und du trägst so viele " Tu dies" und "Laß das" mit dir herum, daß du
deswegen nicht tanzen kannst. Die Last drückt dich zu sehr. Und dir
sind so viele Ideale und Ziele mitgegeben worden - Ideale der
Vollkommenheit - daß du immer das Gefühl hast, nicht zu genügen.
Und die Ideale sind absolut unmöglich. Du kannst sie nicht erfüllen;
es gibt keine Möglichkeit, sie zu erfüllen. Und so kannst du ihnen
niemals genügen. Perfektionist zu sein heißt, ein Neurotiker zu sein.
Und euch allen wurde gesagt, ihr sollt perfekt sein.

Das Leben ist so schön in all seinen Unvollkommenheiten. Nichts ist
vollkommen. Laßt es mich euch sagen: Selbst Gott ist nicht
vollkommen, denn wenn Gott vollkommen wäre, dann hätte Friedrich
Nietzsche recht, daß Gott tot ist. Perfektion bedeutet, daß jetzt keine
Möglichkeit des Wachsens mehr ist. Perfektion bedeutet, daß jetzt
alles aus ist. Unvollkommenheit bedeutet, daß es eine Möglichkeit zu
wachsen gibt. Unvollkommenheit bedeutet die Aufregung neuer
Weidegründe, bedeutet Ekstase, Abenteuer. Unvollkommenheit
bedeutet, daß du lebendig bist, daß das Leben noch da ist.

Und das Leben ist ewig, darum sage ich: Das Leben ist ewig
unvollkommen. Und es ist nichts daran verkehrt, unvollkommen zu
sein. Akzeptiere deine Unvollkommenheit! Und dann verschwindet
die Vorstellung, da du dir selbst gegenüber negativ bist. Akzeptiere
deinen gegenwärtigen Zustand, und vergleiche ihn nicht mit
irgendeiner zukünftigen Vollkommenheit, einem zukünftigen Ideal.
Denke nicht in Bahnen, wie du zu sein hättest! Das ist die Wurzel aller
Pathologie - laß das fallen. Du bist, wie du heute bist; und morgen
magst du anders sein, aber du kannst es nicht heute voraussagen, und
es ist auch nicht nötig, dafür zu planen.


                             30
Lebe diesen Tag in all seiner Schönheit, in all seiner Freude, in all
seinem Schmerz, seiner Agonie, in all seiner Ekstase. Lebe ihn in
seiner Totalität, in seiner Dunkelheit, in seinem Licht. Lebe den Haß
und lebe die Liebe. Lebe die Wut und lebe das Mitgefühl. Lebe, was
immer in diesem Augenblick zur Verfügung ist. Mein Ansatz ist
nicht der Vollkommenheit, sondern der Totalität. Lebe den
Augenblick, der dir zur Verfügung steht, total, und der nächste
Augenblick wird aus diesem geboren werden. Wenn dieser
Augenblick total gelebt wurde, wird der nächst zu höheren Ebenen der
Totalität gelangen, zu einem höheren Gipfel der Totalität - denn
woher soll denn der nächste Augenblick kommen? Er wird aus diesem
Moment geboren. Vergiß die Zukunft ganz und gar - die Gegenwart
ist genug.

Jesus sagt: "Denk nicht an das Morgen, und sieh die Lilien auf dem
Felde, wie schön die sind! Selbst Salomon war nicht so schön
gekleidet in all seiner Pracht." Was ist das Geheimnis der schönen
Lilien, der armen Lilien? Das Geheimnis ist einfach: sie denken nicht
an das Morgen, sie wissen nichts von der Zukunft. Morgen existiert
nicht. Dieser Tag ist sich selbst genug, dieser Augenblick ist sich
selbst genug.

Und dein negatives Gefühl von dir selbst wird verschwinden. Denk
daran: wenn du dir negativ vorkommst, wirst du auch automatisch die
anderen negativ sehen. Das ist eine notwendige Begleiterscheinung.
Dies muß verstanden werden. Der Mensch, der sich selbst gegenüber
negativ ist, kann nicht gegenüber jemand anderem positiv sein, weil er
die Fehler, die er in sich selbst findet, auch in anderen finden wird - ja,
er wird sie in anderen vergrößert finden. Er wird sich rächen. Deine
Eltern haben dich negativ dir selbst gegenüber gemacht; du wirst dich
rächen an deinen Kindern. Du wirst sie noch negativer machen.

Jeder sieht sich negativ, ob man es sagt oder nicht. Und wenn man
sich negativ sieht, dann sieht man auch alles andere negativ. Die
ganze Einstellung wird negativ, wird die Einstellung eines Nein. Und
wenn der negative Mensch vor den Rosenstrauch geführt wird, dann
zählt er die Dornen; dann schaut er nicht auf die Rosen. Er kann es
nicht - er ist dazu nicht in der Lage. Er wird einfach die Rosen
ignorieren, er wird die Dornen zählen.

Wenn ihr euren Körper liebt, wird euch früher oder später die Seele
bewußt, die in ihm wohnt. Wenn ihr die Bäume und die Berge und die
Flüsse liebt, werdet ihr früher oder später die unsichtbaren Hände
Gottes hinter allem erkennen. Seine Signatur ist auf jedem Blatt. Ihr

                              31
         braucht nur Augen, um zu sehen - und nur positive Augen können
         sehen, negative Augen können nicht sehen, negative Augen sind
         blind. Negative Augen sehen nur das Falsche.

         Wenn Gott dir die Geburt geschenkt hat, ist dies Beweis genug. Es ist
         kein anderer Beweis nötig, daß du irgendeinen enormen Wunsch des
         Universums erfüllst! Fang an, dich selbst zu lieben, weil dies der
         einzige Weg ist, auch andere zu lieben, weil dies der einzige Weg ist,
         Gott zu lieben. Wenn du dich selbst haßt, wirst du auch deinen
         Schöpfer hassen , denn schließlich ist er verantwortlich. Er hat einen
         unwerten Menschen wie dich geschaffen. Er hat dich häßlich gemacht.
         Er hat dir schlechte, falsche Wünsche eingepflanzt. Er ist der
         Schuldige! Indem du deine eigenen Instinkte verdammst, deine
         eigenen Wünsche, dein eigenes Leben, verdammst du indirekt Gott
         selbst.

         Akzeptiere dich, sonst wirst du zum Heuchler. Unterdrücke nichts,
         nichts in dir ist negativ. Das Dasein ist absolut positiv. Bring dich zum
         Ausdruck! Bring deinen verstecktesten Kern zum Ausdruck! Singe
         dein Lied. Und mach dir keine Gedanken, was es sein mag. Erwarte
         nicht, daß irgend jemand Beifall zollt , das ist nicht nötig. Das Singen
         selbst sollte der Lohn sein.

         Wenn du wirklich leben willst, brauchst du ein tiefes Ja in deinem
         Herzen. Nur ein Ja erlaubt dir zu leben. Es gibt dir Nahrung, es gibt
         dir Raum, dich zu bewegen. Beobachte einfach einmal dieses Wort.
         Selbst wenn du nur das Wort "Ja" wiederholst, beginnt sich etwas in
         dir schon zu öffnen. Sag nein, und etwas schrumpft, sag nein,
         wiederhole nein, und du tötest dich. Sag ja, und du fühlst dich
         überfließen. Sag ja, und du bist bereit zu lieben, zu leben, zu sein.“
         (aus: Therapie hilft, Liebe heilt, S.79-96)


Und abschließend noch einmal Eva Pierrakos:

          „...Viele spirituellen Disziplinen schenken den Bereichen, die in
         Negativität und Destruktivität verstrickt sind, wenig Aufmerksamkeit.
         Jeder so gewonnene Erfolg ist immer kurzlebig und trügerisch, selbst
         wenn einige der auf diese Weise gemachten Erfahrungen echt sein
         mögen. Doch ein spiritueller Zustand, auf so einseitige Weise
         gewonnen, ist nicht zuverlässig und kann nicht aufrechterhalten
         werden, wenn nicht die ganze Persönlichkeit miteinbezogen wird. Da
         die Menschen sich scheuen, manche ihrer Anteile zu akzeptieren und
         sich mit ihnen auseinanderzusetzen, suchen sie oft Zuflucht auf
                                       32
          Wegen, die versprechen, man könne diese problematischen inneren
          Bereiche meiden....Die Versuchung ist groß, spirituelle Praktiken dazu
          zu benutzen, gierig nach Glück und Befriedigung zu greifen und
          vorhandene Negativitäten, Verwirrungen und Schmerz zu vermeiden.
          Aber diese Einstellung entspringt Illusionen und führt zu weiteren
          Illusionen. Eine der Illusionen ist, daß das, was in euch ist, vermieden
          werden kann. Eine andere ist, daß das, was in euch ist, gefürchtet und
          geleugnet werden muß....Nur wenn ihr meidet, was in euch ist, wird
          eure Illusion für euch und andere wahrhaft schädlich.“(a.a.O., S.23)

VII. Das Zusammenwirken von Akzeptanz dessen, was ist und
     dem Willen zur Veränderung.

Bei meinen zahlreichen Workshops und mündlichen Darstellungen zum
therapeutischen Paradoxon kommt es immer wieder zu Äußerungen, in denen
die Methode des Annehmens grundsätzlich in Frage gestellt wird. Sehr häufig
wird z.B. folgenden Einwand vorgebracht: "Schön und gut, das mit dem
Annehmen, aber bedeutet das nicht letztlich das Aufgeben aller Hoffnungen,
sind nicht letztlich Fatalismus und Bewegungslosigkeit die Folge?“ Es ist
tatsächlich ein enger Grad zwischen dem Annehmen von Situationen und
Eigenschaften, so wie sie sind, und der vorzeitigen Resignation! Wie läßt sich
der Unterschied konkretisieren :?
Die weiter oben beschriebene Art des Annehmens setzt wirkliche
Achtsamkeit, wirkliche Offenheit voraus. Es hat etwas mit Klarheit zu tun,
schafft Erleichterung. Es ist der aktive Versuch, zu mir selbst einen neuen
Zugang, einen neuen Bezug zu bekommen. In diesem Kontext ist die
Sehnsucht nach einem anderen Leben von großer Bedeutung, sie kann ein
unglaublicher Motor sein.
           „Gebt die Sehnsucht nicht auf. Nehmt sie ernst. Pflegt sie vielmehr
           und lernt sie verstehen. Sie entspringt ja eurem Gefühl, daß euer
           Leben mehr sein kann, dass es einen Zustand ohne schmerzhafte,
           quälende Verwirrung gibt, einen Zustand innerer Spannkraft,
           Zufriedenheit und Sicherheit, der euch zu seliger Freude und zu tiefen
           Gefühlen befähigt, die ihr ausdrücken könnt, und wo ihr imstande
           seid, dem Leben angstfrei zu begegnen, weil ihr keine Angst mehr vor
           euch selbst habt.“(Eva Pierrakos,S.20)

Die (vorzeitige) Resignation hingegen kommt oft im Gewand der Koketterie
einher. Man kokettiert z.B. mit seiner Faulheit und benützt die Paradoxie als
billige Entschuldigung. Diese Form der Resignation macht eher dumpf und
vernebelt. Richtet man die Methode der Achtsamkeit quasi wie einen

                                       33
Scheinwerfer auf diesen Vorgang, so kann man ihn ganz leicht entlarven.

Und ein weiterer, häufig vorgebrachter Einwand basiert darauf, daß viele von
uns von folgender Vorstellung überzeugt sind: Wenn wir im Einklang mit uns
selbst wären, dann wären wir nur passiv. Diese Überzeugung entspricht der
gesellschaftlichen gängigen Maxime "Wettbewerb, Konkurrenz, und
Anforderungen müssen sein, sonst tut doch keiner was!"

Als Antwort auf diese mögliche Befürchtung fällt mir ein: Ja, vielleicht wäre es
am Anfang tatsächlich so, wie wir befürchten. Wenn wir es gewohnt waren, uns
massiv unter Druck zu setzten, und nun damit aufhören, uns zu knechten und
jemand anders sein zu wollen als der, der wir sind, dann geschieht zuerst
vielleicht wirklich nichts. Wir kommen dann vielleicht auf eine bedrückende Art
und Weise mit unseren Widerständen in Kontakt. Widerstände in bezug auf alle
möglichen Dinge, die wir bisher ganz selbstverständlich erledigt haben: Wir
wollen vielleicht nicht mehr aufstehen, nicht mehr freundlich sein, nicht mehr
lernen, nicht mehr arbeiten, nicht mehr Ja Sagen, wenn wir Nein meinen.
Vielleicht empfinden wir vieles, was wir bisher getan und wofür wir uns
engagiert haben, dann erst einmal als sinnlos. Wir kommen vielleicht mit
unseren Schattenseiten in Kontakt.

Es geht dann auch in dieser Situation einfach darum, uns mit dem was in uns ist
anzunehmen. Die Einladung, uns zu akzeptieren, würde hier heißen, dieser
unangenehmen Wahrheit ins Gesicht zu sehen, uns ihrer selbst bewußt zu sein.
Und vielleicht werden wir sogar relativ lange passiv sein. Solange bis ein
Bedürfnis von innen heraus entsteht, auf die Welt zuzugehen, aktiv zu sein, uns
für etwas zu interessieren, etwas zu lernen, etwas zu geben, zu arbeiten.

Mit diesen zwei Aspekten- Annehmen einerseits und dem Willen und der
Bereitschaft, wo anders hinzugehen andererseits da bin ich häufig auch in
Widersprüche geraten.       Einerseits das Annehmen, das Versöhnen, das
Einverstanden Sein und Nichts-Tun. Andererseits         die Bereitschaft zur
Veränderung, das aktive Zugehen auf neue Möglichkeiten. Der im Einzelfall oft
schwer aufzulösende Widerspruch entsteht durch die Motivation dieser
Bereitschaft zur Veränderung: Ich will mich doch häufig deshalb verändern,
weil ich mich da, wo ich mich befinde, nicht wohl fühle, was oft einhergeht
damit, mich oder die Situation eben nicht so haben und akzeptieren zu wollen,
wie sie nun einmal ist. Was also tun?


                                      34
Meine momentane Vorstellung ist, daß die Grundlage unserer Arbeit die
Selbstakzeptanz ist und bleiben muß. Auf dieser Grundlage können wir uns -
mit aller Umsicht - dem Veränderungsmotiv zuwenden. Dazu zitiere ich
zunächst aus den „Gesprächen mit Gott“: „Wenn etwas eine Handlung, ein
Verhalten , eine Art zu denken, nicht mehr .... eine präzise Aussage über das
darstellt, was ihr seid“,     dann entsteht ein natürliches Bedürfnis zur
Veränderung. Denn dann repräsentiert unser bisheriges Verhalten nicht mehr
den, der wir nun sind. Wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, dann ergibt
sich von innen heraus der Wunsch, ein neues Verhalten zu praktizieren und zu
üben. Ein Verhalten, das unseren neuen Bewußtseinszustand adäquat
widerspiegelt. Die anonymen Alkoholiker bringen dies in ihren 12 Schritten
sehr gut auf einen Punkt, indem sie auch darauf bestehen, dass man zunächst
eine nüchterne Bestandsaufnahme machen soll, was ist. Sie haben ein sehr
weises Gebet gefunden, was ich hier einfügen möchte:

                      Gott gebe mir die Gelassenheit,
                           Dinge hinzunehmen,
                        die ich nicht ändern kann,
                       den Mut, Dinge zu ändern,
                           die ich ändern kann,
                             und die Weisheit,
                           das eine vom anderen
                             zu unterscheiden.


Dies hat zunächst etwas mit einem aktiven Tun zu tun. Dies ist deswegen
notwendig, weil das alte Denken, das nun nicht mehr zu uns paßt, häufig
chronifiziert ist und automatisch weiterhin abläuft, wenn wir nicht wach genug
sind, dem immer wieder Einhalt zu gebieten. Wenn wir also ein Verhalten
ändern möchten, das nicht mehr unserem Bedürfnis und unserem Bewusstsein
entspricht, dann geht dies eben nicht ganz von selbst, denn der Vorgang der in
langen Jahren gelernten und zur Automatik geronnenen Verhaltens ist eben nicht
ganz so leicht. In den Gesprächen mit Gott wird hierzu eine hoch praktische
Methode vorgestellt, wie wir eingefahrene Muster verändern können:

         „Der Schöpfungsprozess beginnt mit einem Gedanken, einer Idee,
         Konzeption, Visualisierung. Alles, was ihr seht, war einst jemandes
         Idee. In eurer Welt existiert nichts, was nicht zunächst als reiner
         Gedanke vorhanden war. dies gilt auch für das Universum.
         Der Gedanke ist die erste Ebene der Schöpfung. Als nächstes kommt
                                     35
          das Wort. Alles, was ihr sagt, ist ein zum Ausdruck gebrachter
          Gedanke. Er ist schöpferisch und schickt schöpferische Energie ins
          Universum. Worte sind dynamischer als der Gedanke, weil sie eine
          andere Schwingungsebene haben. Sie brechen stärker ins Universum
          ein. Worte sind die zweite Ebene der Schöpfung. Als nächstes kommt
          die Handlung oder die Tat. Handlungen sind in Bewegung befindliche
          Worte.“(S. 121)
          „Schließlich werden in manchen Fällen die Worte in Taten umgesetzt,
          und ihr gelangt zu dem, was ihr ein Resultat nennt; eine Manifestation
          in der physischen Welt von all dem, was mit einem Gedanken
          begann“(S.249)

Stellvertretend für uns fragt an dieser Stelle der Fragesteller, wie er denn ändern
könne, wie er denke? Seine Gedanken seien doch das Ergebnis eines
jahrzehnte-langen Prozesses? Und Gott antwortet:
       „Der schnellste Weg, einen Grundgedanken oder eine urheberische Idee
       zu verändern, ist der, daß der Prozess Gedanke - Wort - Tat umgekehrt
       wird“
       (S. 249), was er dann wie folgt präzisiert:
       „Vollführe zuerst die Tat, die der neue Gedanke deinem Willen nach
       beinhalten soll. Sprich dann die Worte, die der neue Gedanke deinem
       Willen nach beinhalten soll. Wiederhole dies sooft wie möglich, und
       du trainierst deinen Geist, auf eine neue Weise zu denken.“(ebd.)

      Mögen diese Gedanken und Erfahrungen hilfreich für dich sein. Es
      empfiehlt sich, sie immer mal wieder zu lesen. Wir brauchen die
      gelegentlichen Erinnerungen.


      Alles Liebe und die besten Wünsche von
      Martin Rubeau
      Mai 2004




                                        36
37

								
To top