ZUR BEDEUTUNG DES VATERS by HC120218131930

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									                               Neue Väter
                Z u r     B e d e u t u n g d e s V a t e r s                i n    d e r
                                      A d o l e s z e n z



                                        Fritz Mattejat
                Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Philipps-
                                    Universität Marburg




1. DAS INTERESSE AM VATER

Der Boom der "Vaterforschung" in den letzten 15 Jahren hat eine ganze Reihe von Gründen; in erster
Linie sind objektive Veränderungen in der Familienstruktur, der Trend zur Kleinstfamilie, die Erprobung
alternativer Formen des Zusammenlebens, die Berufstätigkeit der Frauen zu nennen, faktische
soziale Veränderungen also, die wiederum mit ideologischen Entwicklungen verbunden sind: Die
Rolle des Vaters und die Rolle der Mutter sind für uns weitaus weniger festgelegt als noch für die
Generation unserer Eltern. Unsere diesbezüglichen Normen und Wertvorstellungen haben sich
verändert, sie sind flüssiger geworden und werden schneller in Frage gestellt

Das Interesse am Vater, an der Rolle des Vaters für die Entwicklung des Kindes und an der Vater-
Kind-Beziehung (das natürlich auch wissenschaftsimmanent begründet werden kann - "Wir haben
uns zu einseitig nur um die Mutter gekümmert") hat sich hierbei hochgradig selektiv auf die Beziehung
zwischen dem Vater und dem Säugling bzw. Kleinkind konzentriert. Man könnte fast sagen, das
gegenwärtige Forschungsinteresse an der Beziehung zwischen Vater und Kind und der
dazugehörige Forschungsoutput ist umso geringer, je älter das Kind ist. Dies wird dann verständlich,
wenn man bedenkt, dass hier die größten Überraschungen anstanden und zu erahnen waren, der
größte Neuigkeitswert lag hier, hier konnte auch die empirische Vaterforschung scharfe Kontraste
setzen

Die Beziehung zwischen dem Vater und dem Adoleszenten erscheint hinsichtlich der genannten
gesellschaftlichen Veränderungen weitaus weniger interessant. Dass der Vater für den Sohn oder
die Tochter in irgendeinem Sinne wichtig sein kann war für die Alterstufe der Adoleszenz schon
immer klar. Große Überraschungen neue Einsichten sind hier nicht zu erwarten.

So können wir die durchaus ernst gemeinte Frage stellen: In welchem Sinne kann uns die
wissenschaftliche Theorienbildung und Forschung überhaupt etwas Relevantes vermitteln, was
über
- unsere eigenen persönlichen Erfahrungen,
- unsere Eindrücke aus der klinischen Praxis und
-   über unsere Vorurteile und Klischees hinausgeht ?
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II. KONTEXTUALISIERUNG


Schon die Frage

       "Welche Bedeutung hat der Vater, welche Rolle spielt er für den jugendlichen Sohn oder die
       jugendliche Tochter?"

ist in dieser pauschalen Form "wer ist d e r Vater", und "wo ist d e r            Sohn oder d i e Tochter"
kaum zu bearbeiten. Die Beziehung zwischen einem Vater und seinem jugendlichen Sohn bzw. seiner
Tochter ist immer nur ein Ausschnitt aus einem Gesamtgefüge, die systemische Betrachtungsweise
unterstreicht   dies     besonders:     Individuelle    Merkmale       des      Vaters,   Interaktions-   und
Beziehungsmerkmale sind für sich genommen polyvalent, welche Bedeutung sie für den Jugendlichen
haben, bestimmt sich erst aus dem aktuellen und historischen Kontext.

Wenn wir z.B. das Verhalten eines Vaters gegenüber dem Jugendlichen als autoritär bezeichnen,
dann ist noch sehr wenig - ja eigentlich gar nichts - darüber ausgesagt, was das väterliche Verhalten
für den Jugendlichen objektiv und subjektiv bedeutet.

Die zeitgeschichtliche und soziokulturelle Einbettung - man braucht nur einige Jahrzehnte
zurückzugehen oder man denke an Vater und Tochter aus einer türkischen Familie - geben uns den
allgemeinsten Interpretationshorizont. Von hier aus können wir uns schrittweise der Spezifität einer
Beziehung zwischen einem Vater und der Tochter bzw. dem Sohn nähern; wir werden diese
Beziehung im Kontext der sozialen Position der Personen sehen müssen. So beeinflusst z.B. der
sozioökonomische Status und der Beruf des Vaters die Eltern-Adoleszenten-Beziehung; diese
Zusammenhänge sind auch empirisch gut belegt. Wichtige kontextuelle Aspekte sind weiterhin die
familiären Beziehungen, die Entwicklungsgeschichte der Familie und schließlich hat die Beziehung
zwischen Vater und dem Adoleszenten ihre eigene Geschichte, und dieser biographische Hintergrund
ist es, der jeder aktuellen Interaktion ihre spezifische Wertigkeit verleiht.

Kurzum: Bei allen allgemeinen Aussagen sollten wir bedenken, dass sie nur durch Weglassungen,
über hochgradige Abstraktion also Zustandekommen, dass in jedem einzelnen Fall erst der Kontext die
Bedeutung konstituiert und wir sollten im Hinblick auf die Väter n i c h t den Fehler wiederholen, der
schon bei der Mutter gemacht wurde, als man die Mutter - Kind - Beziehung aus dem Gesamtkontext
herausisolierte und meinte bestimmte mütterliche Verhaltensweisen als U r s a c h e n
psychiatrischer Erkrankungen des Kindes identifizieren zu können.




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III. VATER-KLISCHEES


Bei aller Vorsicht gegenüber verallgemeinernden Antworten möchte ich versuchen, aus dem, was uns
die Forschung an Befunden anbietet, einige Orientierungslinien herauszuarbeiten. Dabei kann ich
natürlich nur auf sehr wenige empirische Arbeitsgebiete eingehen.

Seit dem Beginn einer systematischen Psychologie des Jugendalters werden als zentrale
Entwicklungsaufgaben des Jugendlichen mindestens die folgenden genannt:


        (1) die ABLÖSUNG7 aus dem Elternhaus, die berufliche und finanzielle Verselbständigung, und
             das Eingehen neuer Bindungen und damit verbunden

        (2) die Suche nach einer eigenen IDENTITÄT8 (Wozu z.B. das Akzeptieren der Veränderungen
        des eigenen Körpers, die Entwicklung eines realitätsgerechten Selbstvertrauens, der Aufbau
        eines Wertsystems, das Erlernen und Ausfüllen der eigenen Geschlechtsrolle, die Beantwortung
        von Fragen " Wie bin ich? Wie möchte ich sein? Für wen hält man mich?" gehören.)

Die Frage nach der Bedeutung des Vaters für die jugendliche Tochter oder den adoleszenten Sohn ist
im Zusammenhang dieser Entwicklungsaufgaben zu sehen. Dies geschieht in der Regel auch, hierbei
besteht allerdings nicht selten die Gefahr, dass sich das Verständnis in allzu einfachen und deshalb
letztlich irreführenden Klischees verfängt. Als Beispiele möchte ich drei Themenkreise herausgreifen:



KLISCHEE NR. 1: In der Adoleszenz nimmt die Bedeutung der Eltern - des Vaters und der Mutter
gleichermaßen - ab; die Eltern werden für die Entwicklung des Jugendlichen immer unwichtiger, die
Bedeutsamkeit der Gleichaltrigen nimmt immer mehr zu.

KLISCHEE NR. 2: Die Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen, insbesondere zwischen dem
Vater und dem Adoleszenten sind gekennzeichnet durch Rebellion und Autoritätskonflikte und durch
das Gefühl des Jugendlichen, sich von den Eltern zu entfremden, von ihnen nicht verstanden zu
werden. Rebellion, Autoritätskonflikt und Entfremdung sind ubiquitäre Phänomene der Adoleszenz
insbesondere im Hinblick auf den Vater.

KLISCHEE NR. 3: Die wichtigsten und häufigsten pathogenen (oder wenn man vorsichtiger ist:
pathogenetisch relevanten) Vaterfiguren sind der übermächtige, autoritäre Vater und der depotenzierte,
schwache Vater am Rande der Familie.


Wir können diese drei Aussagen an den uns bekannten Forschungsergebnissen messen um
herauszufinden, was an ihnen haltbar und was falsch ist.




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Die erste Aussage, dass die Bedeutung der Eltern immer weiter sinkt, können wir in einem
subjektiven oder in einem objektiven Sinne verstehen. Im subjektiven Sinne lautet die Frage:

Welche Personen sind aus der Sicht der Jugendlichen für sie selbst bedeutsam ? Verlieren die Eltern
und speziell der Vater an subjektiver Bedeutsamkeit ?

Objektiv gewendet könnte die Frage lauten:

Welche Rolle spielt die Beziehung zum Vater Tür die Gesamtentwicklung des Jugendlichen?


Fragt man Jugendliche danach (so wie dies in einigen Untersuchungen getan wurde), wer für sie die
wichtigsten Personen sind, dann werden in der frühen und mittleren Adoleszenz am ehesten noch die
Eltern genannt, d.h. die Eltern sind auch noch in der Adoleszenz subjektiv die wichtigsten
Bezugspersonen. Und sie haben auch den stärksten Einfluss auf die Jugendlichen. Der Einfluss der
Peer-Gruppe wächst zwar deutlich in der Adoleszenz, er ersetzt aber nicht die Eltern-Einflüsse (vgl.
KUTTER et al., 1976).

Wenn man nach den wichtigsten Erwachsenen fragt, dann wird insgesamt am häufigsten der Vater
genannt . Es zeigt sich hier außerdem eine deutliche Geschlechtsakzentuierung:
- männliche Jugendliche wählen eher den Vater,
- Mädchen eher die Mutter.
Diese Tendenz zum selben Geschlecht hin zeigt sich bei Jungen besonders deutlich, bei Mädchen
weniger klar: Auf die Frage, welche Erwachsene respektiert oder bewundert werden, geben die
Jungen überwiegend Männer an, die Mädchen aber nur etwa zur Hälfte Frauen

Andererseits aber gibt etwa ein Viertel der Jugendlichen an, dass das was der Vater sagt und meint,
für sie u n w i c h t i g sei; bei der Mutter ist dies ein viel geringerer Prozentsatz.

Zusammengefasst kann man feststellen, dass der Vater für die Jugendlichen subjektiv eine besonders
bedeutsame Rolle spielt, häufig eine bedeutsamere Rolle als die Mutter. Dies gilt insbesondere für
männliche Jugendliche. Andererseits aber polarisieren sich die Einstellungen am Vater stärker als an
der Mutter: Der Vater wird auch häufiger als die Mutter als besonders unwichtig bezeichnet. Diese
subjektiven Einstellungen und Meinungen von Jugendlichen werden durch Befunde, die sich stärker
auf objektive Aspekte beziehen, verdeutlicht:

Ein wichtiger Unterschied zwischen der Eltern-Kind-Beziehung und der zwischen Eltern und
Adoleszenten liegt z.B. in Folgendem: Mütter verbringen mit ihren präadoleszenten Söhnen und
Töchtern weitaus mehr Zeit als die Väter. Bei Adoleszenten aber gleicht sich dies an: Die Väter
verbringen nun mehr Zeit mit ihren Kindern; ganz besonders gilt dies wiederum für Jungen. Das mag
zum Teil daran liegen, dass die Versorgungsaktivitäten (die hauptsächlich von Müttern
wahrgenommen werden) abnehmen und die Freizeitaktivitäten mit dem Vater zunehmen.



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Aber auch in anderen Bereichen nimmt die Interaktionsintensität und Häufigkeit der Mütter ab,
insbesondere gegenüber Söhnen. Das Engagement der Väter dagegen bleibt bei Töchtern etwa
gleich (verlagert sich allerdings inhaltlich-thematisch) und nimmt bei Söhnen eher noch zu.

Die selbe Untersuchung (MONTEMAYOR, 1982) verweist auf einen weiteren Aspekt: Die Beziehung
zu den Eltern und die zu Gleichaltrigen schließen sich nicht gegenseitig aus, sie können sich auch
nicht wechselseitig ersetzen, sondern sie sind in der Regel komplementär: Während mit den Eltern
die arbeits- und aufgabenbezogene Interaktion dominiert, stehen bei den Gleichaltrigen Erholung und
Freizeitaktivitäten im Vordergrund. (Dieses Muster erinnert an die typische Vater-Mutter-
Aufgabenteilung in der frühen Kindheit.)

Ergänzt werden diese Ergebnisse durch den Nebenbefund, dass Adoleszenten, die eine konflikthafte
Beziehung zur Mutter haben, kompensatorisch viel Zeit mit Vater verbringen, nicht aber mit
Gleichaltrigen. D.h. hier zeigen sich die Väter als eine Art emotionaler Reserve. Väter helfen bei der
"Ablösung" von der Mutter. Dieses Ergebnis, das uns auf das Dreieck Vater- Mutter-Jugendlicher
verweist, stimmt nicht nur gut mit den praktischen familientherapeutischen Erfahrungen überein,
sondern belegt auch die theoretischen Ansätze aus der Systemtheorie und Psychoanalyse, die auf
die trianguläre Konstellation verweisen: In den Ablösungsprozessen der Adoleszenz wiederholen sich
Muster, die eine große Ähnlichkeit zum ersten Individuationsprozess in der frühen Kindheit aufweisen

Man könnte die Beispiele für die Bedeutung des Vaters in der Adoleszenz beliebig fortsetzen;
denken sie z.B. nur an die Delinquenz bei Jungen ; oder an die Auswirkungen von Scheidungen;
wenn man Kinder der Vorschulzeit, der Grundschulzeit und Adoleszente miteinander vergleicht
hinsichtlich der Präge, wie sie die Scheidung der Eltern verarbeiten, dann können sich hier
überraschenderweise die schwerwiegendesten Symptome und das stärkste subjektive Leiden am
deutlichsten bei Adoleszenten zeigen

Als letztes Beispiel sei die Geschlechtsrollenorientierung betrachtet. Die Bedeutung des Vaters für die
Geschlechtsrollenorientierung des Sohnes wird durch viele Untersuchungen belegt, die zeigen,
dass die Identifikationsmöglichkeit mit dem Vater eine zentrale Rolle spielt. Die Identifikation
wiederum ist unter anderem davon abhängig, welchen Einfluss, wie viel Macht der Vater in der
Familie hat . D.h. die Bedeutung des Vaters für den jugendlichen Sohn reguliert sich z.B. über die
Stellung die der Vater in der Familie oder auch im beruflichen Leben (beruflicher Erfolg u.a.) hat.

Für jugendliche Mädchen ist die Bedeutung des Vaters nicht so leicht aufzuweisen, interessanter-
weise gibt es hier auch sehr viel weniger Untersuchungen . Was wir wissen, deutet jedoch in eine
analoge Richtung: Väterliches Engagement und Akzeptanz haben auch bei Mädchen einen deutlichen
bezug zur allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung (MUSSER u. FLECK, 1983). Ebenso wichtig wie
die Eltern-Kind-Beziehung erweist sich in vielen Untersuchungen die eheliche Beziehung für die
Entwicklung der Adoleszenten.



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Wenn Vater und Mutter z.B. gemeinsam Verantwortung in der Familie tragen, so scheint dies für die
psychische Entwicklung der Jugendlichen günstiger zu sein, als wenn der Vater einseitig und
durchgängig dominiert oder schwach ist und am Rande steht


Dass die Beziehung zum Vater auch für die Geschlechtsrollentwicklung von Mädchen bedeutsam
ist, zeigen z.B. die Untersuchungen über Mädchen, die nur bei der Mutter, ohne eine männliche
Bezugspersonen aufwachsen. Teilweise verhalten sich die Mädchen aggressiver und gereizter Männern
gegenüber (die Töchter von geschiedenen Frauen), teilweise eher zurückhaltend und scheu (weniger
sexuelle Kontakte) (die Töchter von verwitweten Frauen), insgesamt waren die Mädchen die bei beiden
Eltern aufwuchsen gegenüber Männern unbefangener als die Mädchen, die nur bei der Mutter
aufwuchsen Unser erstes Klischeebild, dass die Bedeutung der Eltern und speziell des Vaters in der
Adoleszenz absinkt, können wir nun korrigieren:

(1) Auch in der Adoleszenz bleiben die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen, ihre Bedeutung
verringert sich nicht, weder subjektiv noch objektiv. Der Einfluss der Gleichaltrigen ersetzt nicht den der
Eltern. Erst am Ende der Adoleszenz verlagert sich der Schwerpunkt der Bedeutsamkeit von den Eltern
auf den neuen Partner

(2) Die Bedeutung der Eltern bezieht sich schwerpunktmäßig auf andere inhaltliche Aspekte als in der
mittleren Kindheit.

(3) Es zeigen sich starke geschlechtsabhängige Verschiebungen; die Bedeutung des Vaters nimmt im
Vergleich zur Mutter in der Regel eher zu.

(4) Die Bedeutung des Vaters für Adoleszente ist im Hinblick auf Söhne besser empirisch aufgezeigt als
für Töchter.


Nun zu unserem zweiten Klischee, dass Rebellion, Autoritätskonflikt und Entfremdung ubiquitäre
Phänomene der Adoleszenz sind, insbesondere im Hinblick auf den Vater.

Was an empirischen Befunden vorliegt, gibt uns die recht eindeutige Antwort, dass Autoritätskonflikt
und Rebellion ebenso wie ausgeprägte Entfremdungsgefühle der Jugendlichen (Gefühl von den Eltern
nicht verstanden zu werden) weitaus seltener sind, als man erwarten könnte; es ist nur ein relativ
kleiner Teil der Jugendlichen ist hiervon betroffen. Dieser negative Befund ist eines der sichersten
Ergebnisse der Jugendforschung

So völlig unberechtigt aber ist unser Klischee doch nicht, wenn man die Befunde genauer analysiert.
Wenn man z.B. Jugendliche danach fragt, von wem sie sich am besten verstanden fühlen, dann rangiert
der Vater (der gleichzeitig als der wichtigste Erwachsene bezeichnet wird) erst auf Platz 5 nach den
Freunden und nach der Mutter.



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D.h. die subjektive Bedeutsamkeit des Vaters und das Gefühl von ihm verstanden zu werden, fallen im
Urteil der Adoleszenten Jungen auseinander. Eine andere Untersuchung bestätigt dies:
- Jungen glauben, dass die Mutter sie versteht (teilweise sogar noch besser als
   Mädchen das glauben)
- umgekehrt aber glauben Mädchen nicht, dass der Vater sie versteht (auch dann wenn sie
   ihn gerne haben).
D.h. der Vater wird häufig als recht unverständig beschrieben, was mir durchaus einleuchten kann.

Zum Entfremdungsgefühl, zur Präge des Verstanden-Werdens noch abschließend das Beispiel
einer Untersuchung in der
- eine Gruppe von Jungen, die sich von ihrem Vater verstanden fühlte, verglichen wurde mit
- einer Gruppe, die sich vom Vater nicht verstanden fühlte.

Ein für die Autoren überraschendes Ergebnis lag darin, dass die Schilderungen der Väter in den beiden
Gruppen sich gar nicht so stark unterschieden. Beide Vätergruppen (es handelte sich um Väter von
College-Studenten) wurden als relativ streng-restriktiv beschrieben, sie widmeten ihren Söhnen
relativ viel Zeit und die Söhne und Väter waren sich (nach dem Urteil der Söhne) relativ ähnlich .

Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen lagen in folgenden Bereichen:

- Die verstandene Gruppe meinte, dass ihre Väter (die sie als streng schilderten; bc. L der Anwendung
von Restriktionen und Strafen recht vernünftig und begründbar vorgingen,

- die missverstandene Gruppe dagegen meinte, dass die Väter hierbei irrational und undurchschaubar
vorgingen.

Obwohl schließlich beide Gruppe sich als dem Vater ähnlich beschrieben,
- versuchten die Jungen aus der verstandenen Gruppe so zu sein wie der Vater, ihm also nachzueifern,

- die unverstandene Gruppe dagegen versuchte die wahrgenommenen Ähnlichkeiten zwischen sich und
dem Vater abzuschütteln.

D.h. in beiden Fällen war der Vater Tür den Jugendlichen eine recht zentrale Figur, entweder um
sich mit ihm zu identifizieren oder um sich von ihm abzugrenzen.

Was nun offene Auseinandersetzungen, Autoritätskonflikte angeht, so ist die Lage hier ähnlich wie
beim Thema der Entfremdung zwischen Vater und Adoleszentem: Die Familienbeziehungen sind in
repräsentativen Untersuchungen meist harmonischer und die Beziehung der Adoleszenten zum Vater
ist besser als man erwarten mag (s.a. STEFANKO, 1984).

Man kann sich nun fragen, wie ein solches Klischee von durchgängiger und allgemeiner adoleszenter
Rebellion, Entfremdung u.s.w. entstehen kann.



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- Einige Autoren meinen, dass eine Teilgruppe der Jugendlichen, diejenigen, die eben besonders
auffallen, das Jugendlichenklischee prägen.. Dies mag durchaus der Fall sein.
- Ich vermute außerdem, dass das Kusche vom rebellischen und entfremdeten Jugendlichen bei uns,
die wir in der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten, besonders verbreitet ist vielleicht weil in psychosozia-
len Berufen die ehemals Rebellischen und Entfremdeten eher überrepräsentiert sind.
- Ein weiterer Grund ist noch wichtiger und bestimmt keine Vermutung: Wir haben es natürlich in unserer
Arbeit ständig mit Jugendlichen zu tun, die sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlen oder die
besonders ausgeprägte Autoritätskonflikte haben. Epidemiologische Untersuchungen belegen eindeutig,
dass sich Eltern-Kind-Entfremdung und massive Autoritätskonflikte bei psychiatrisch auffälligen
Jugendlichen stark häufen.

Das zweite Klischee von der Allgemeinheit des Autoritätskonfliktes und der Eltern-Kind-Entfremdung
kann nun folgendermaßen differenziert und korrigiert werden:

(1) Im Vergleich zu Grundschulkindern zeigen die Jugendlichen natürlich völlig andere und neue
Reaktionsformen, bedingt durch ihre Reflexivität und ihre objektiv wachsende Kompetenz. Und sie
sind auch in ganz andere Weise in einem inneren Umbruch und Aufruhr, in vielen Hinsichten
verletzlicher etc. Dies muss sich auch im Umgang mit allen Erwachsenen zeigen.

(2)   Ausgeprägte     und     massive    Autoritätskonflikte   gegenüber     dem     Vater    (Eltern)    und
Entfremdungsgefühle gegenüber den Eltern aber finden sich n i c h t bei der Mehrheit der
Jugendlichen und damit seltener als erwartet.

(3) Das Gefühl , verstanden zu werden hat wenig zu tun mit der subjektiven und objektiven
Bedeutsamkeit dieser Person. Der Vater ist in der Regel eine der bedeutsamsten und
einflussreichsten Personen für den Adoleszenten, aber nicht derjenige, von dem sich der Adoleszente
am besten verstanden fühlt.

(4) Starker offener Konflikt und Entfremdungsgefühle gegenüber Eltern (besonders gegenüber dem
Vater) finden sich stark gehäuft bei dissozialen und psychiatrisch kranken Jugendlichen. Diese
Assoziation kann aber in den meisten Fällen nicht als ursächliche Beziehung interpretiert werden.


Abschließend zu unserem letzten Klischee vom übermächtigen, autoritären und vom depotenzierten
schwachen Vater am Rande der Familie. Abgesehen davon, dass es sehr fragwürdig, in der Regel
falsch ist, ein bestimmtes väterliches Verhalten gleichsam als Ursache der psychischen Probleme des
Jugendlichen herauszuheben, enthält das Klischee einen richtigen Aspekt:

- Jugendpsychiatrische Auffälligkeiten sind häufig mit Extremvarianten der Verteilung von Macht und
Einfluss in der Familie assoziiert. In den empirischen Untersuchungsergebnissen allerdings spielt der
autoritäre oder übermächtige Vater für die Entwicklung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen
bei Kindern und Jugendlichen nur eine sehr geringe Rolle.


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          -   Im Gegensatz dazu wurde recht häufig eine Assoziation zwischen
              jugendpsychiatrischer Störung und einer besonders schwachen, einflusslosen oder
              randständigen Stellung des Vaters in der Familie aufgezeigt. Dabei wird in der Literatur
              allerdings oft ein falscher Eindruck vermittelt, nämlich dass der schwache Vater für die
              eine oder andere Störung spezifisch sei. Das ist nicht der Fall. Das Klischeebild vom
              autoritären Vater einerseits und vom schwachen Vater andererseits ist also nicht völlig
              falsch, aber schief, denn die Gewichte sind nicht richtig verteilt und es außerdem wird
              Wichtiges ausgelassen.


          -   Der Vater darf nicht nur auf der Machtdimension gemessen werden: Dem übermächtigen,
              autoritären, aggressiv-restriktiven, überstrengen Vater, dem schwachen, hilflosen Vater
              können - das zeigt uns die klinische Erfahrung - andere Vatertypen zur Seite gestellt
              werden, die ebenso bedeutsam sind. Denken sie an den depressiv-verschmelzenden,
              werbenden, den bedrängenden Vater von dem der Jugendliche sich nur schwer
              absetzen kann oder an den desinteressiert abgewandten, den distanzierten und kritisch-
              missbilligenden Vater um dessen Aufmerksamkeit und Zuwendung der Jugendliche wirbt.
              Für eine gültige Darstellung problematischer Vaterfiguren können wir die Jugendlichen
              selbst befragen. In der Jugendlichen-Station in Marburg haben Patienten mehrere
              Portraits des vor 30 Jahren gestorbenen JAMES DEAN an die Wand gepinnt; durch
              ihm bekam der moderne Mythos von Vater und Sohn seine deutlichsten Konturen: In
              "Jenseits von Eden" wirbt er vergeblich um die Liebe und Anerkennung des Vaters, in
              "Denn sie wissen nicht was sie tun" sucht der Jugendliche Jim vergeblich Führung
              und Anleitung bei einem zu schwachen und zu unentschlossenen Vater.




IV. DER VERGESSENE VATER


Wir können nun auf die eingangs gestellte Frage zurückkommen, ob die wissenschaftliche Forschung
uns relevante Informationen über die Bedeutung des Vaters in der Adoleszenz geben kann. Ich
meine, die Forschungsergebnisse können - wenn sie mit der nötigen Vorsicht genossen werden -
durchaus unsere Erfahrungen bereichern und unser Bild von der Rolle des Vaters in der Adoleszenz
differenzieren helfen. Dabei bleiben unsere subjektiven privaten und klinischen Erfahrungen letztlich
der Horizont vor dem wir die empirischen Befunde interpretieren und bewerten. Diese subjektive
Bewertung z.B. sagt mir, dass die bisher vorgetragenen Überlegungen einen ganz grundlegenden
Aspekt völlig außer Acht gelassen haben:


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Das Thema des Vortages "Die Bedeutung des Vaters in der Adoleszenz" habe ich nur nach einer
Seite hin übersetzt als: "Die Bedeutung des Vaters für den Adoleszenten", in mancher Hinsicht ebenso
interessant ist die Frage: Was bedeutet es für den Vater, einen adoleszenten Sohn oder eine
jugendliche Tochter zu haben; was bedeutet es für ihn, zu bemerken, dass der Sohn, die Tochter
kein Kind mehr sind; wie wird er mit der jugendlichen Schönheit, den Ruppigkeiten, Launen,
Sprunghaftigkeiten, der Überheblichkeit seines Sohnes oder seiner Tochter fertig?" In dieser meiner
Einseitigkeit spiegelt sich die Einseitigkeit der wissenschaftlichen Literatur zum Vaterthema : Es ist
schon paradox, der Vater selbst und die Probleme des Vaters werden in der wissenschaftlichen
"Vaterliteratur" vernachlässigt.


Dabei ist die Entwicklungsaufgabe für den Vater mindestens ebenso schwierig, ja schwieriger als die
des Sohnes oder der Tochter. In der Therapie wird man nicht selten den Eindruck haben, dass der
Vater mehr Unterstützung bei dieser Aufgabe braucht, als der adoleszente Sohn oder die Tochter

Die Wendung vom Problem des Sohnes und der Tochter hin zum Problem des Vaters wird uns dann
umso drängender erscheinen, wenn wir selbst in der Rolle des Vaters stehen. Vielleicht kann uns
dann die Erinnerung an unsere eigene Adoleszenz und die Frage, wie wir denn mit unserem
Vätern umgegangen sind und noch umgehen, etwas weiterhelfen; der schweizer Schriftsteller
PETER MEIER beschreibt in einem Aufsatz über die "Väter in der Gegenwartsliteratur" ein
"Grundgefühl" das er in vielen Vaterbüchern entdeckt:

"Ferner quälte mich die Frage, warum mir mein Vater letztlich so fremd geblieben war, warum das

Gespräch mit ihm so stockend und harzend verlief. Dass ich die innersten Antriebskräfte, die tiefsten

Nöte und höchsten Freuden des Mannes, dem ich mein Leben verdanke, kaum kenne, hängt

einerseits mit Vaters Verschlossenheit, aber mehr noch damit zusammen, dass ich mich nie sonderlich

bemüht habe, seinen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, weniger aus Taktgefühl, sondern aus

einer gewissen Gleichgültigkeit. Sein Leben war nicht meines, und was ging es mich letztlich an, wo

er seine Siege und Niederlagen sammelte, warum er dies tat und jenes unterließ ... Was bleibt, ist das

Bedauern über verpasste Möglichkeiten."




Hinweis: Die u m f a n g r e i c h e n A n m e r k u n g e n sowie die Literaturliste
des Autors konnten aus P l a tz g rü n d e n nicht ab gedruckt werden.




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