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					                  MASARYK UNIVERSITÄT IN BRÜNN
                             Philosophische Fakultät
             Institut für Germanistik, Nordistik und Nederlandistik




                                   Magisterarbeit




   Expressive und emotionale Stilmittel. Dargestellt an den
      Novellen von Gottfried Keller und Erich Kästner.
                   Vergleichende Analyse




Bearbeitet von: Bc. Kateřina Štěpánková
Leitung: PhDr. Jiřina Malá, CSc.                                      Brünn 2010
Hiermit erkläre ich, dass ich meine Diplomarbeit selbstständig ausgearbeitet habe und dass
ich nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen verwendet habe.




Brünn, 27. 4. 2010                                                      Kateřina Štěpánková
An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei Frau PhDr. Jiřina Malá, CSc. für ihre
wertvollen Ratschläge und Unterstützung, die sie mir bei der Ausarbeitung der vorliegenden
Diplomarbeit geschenkt hat.
                                                                  Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG ....................................................................................................................................................... 3
1 WORTBILDUNGSARTEN .............................................................................................................................. 5
    1.1 KOMPOSITION (ZUSAMMENSETZUNG) .......................................................................................................... 5
    1.2 DERIVATION (ABLEITUNG) ........................................................................................................................... 6
       1.2.1 Suffigierung ........................................................................................................................................ 6
       1.2.2 Präfigierung ......................................................................................................................................... 7
    1.3 KURZWORTBILDUNG ..................................................................................................................................... 7
    1.4 KONVERSION ................................................................................................................................................. 8
    1.5 DIMINUTION .................................................................................................................................................. 9
       1.5.1 Diminutivsuffixe .................................................................................................................................. 9
2 STILFIGUREN ................................................................................................................................................ 10
    2.1 TROPUS ....................................................................................................................................................... 10
    2.2 SYNTAKTISCHE STILFIGUREN ..................................................................................................................... 13
3 DIE METAPHER ............................................................................................................................................ 17
    3.1 BILDSPENDER UND BILDEMPFÄNGER .......................................................................................................... 18
    3.2 FORMEN DER METAPHER ............................................................................................................................ 19
    3.3 SONDERARTEN DER METAPHER .................................................................................................................. 19
4 PHRASEOLOGISCHE MITTEL .................................................................................................................. 20
    4.1 MERKMALE DER PHRASEOLOGISMEN .......................................................................................................... 22
       4.1.1 Polylexikalität (Mehrgliedrigkeit) ..................................................................................................... 22
       4.1.2 Festigkeit (Stabilität) ......................................................................................................................... 23
       4.1.3 Idiomatizität ....................................................................................................................................... 23
       4.1.4 Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit .......................................................................................... 24
    4.2 SYNTAKTISCHE KLASSIFIKATION DER PHRASEOLOGISMEN ......................................................................... 25
    4.3 KLASSIFIZIERUNG NACH DER ART DER PHRASEME ..................................................................................... 26
5 NEOLOGISMEN, ARCHAISMEN, WORTENTLEHNUNG ..................................................................... 27
    5.1 NEOLOGISMEN ............................................................................................................................................ 27
    5.2 ARCHAISMEN .............................................................................................................................................. 28
    5.3 WORTENTLEHNUNG .................................................................................................................................... 29
6 GOTTFRIED KELLER UND ERICH KÄSTNER: LEBEN UND WERK ............................................... 31
    6.1 GOTTFRIED KELLER .................................................................................................................................... 31
       6.1.1 Leben und Werk ................................................................................................................................. 31
       6.1.2 Berühmte Werke ................................................................................................................................ 32
    6.2 ERICH KÄSTNER .......................................................................................................................................... 33
       6.2.1 Leben und Werk ................................................................................................................................. 33
       6.2.2 Berühmte Werke ................................................................................................................................ 34
7 VERGLEICHENDE ANALYSE DER NOVELLEN VON GOTTFRIED KELLER UND ERICH
KÄSTNER ........................................................................................................................................................... 35
    7.1 ANALYSE DER NOVELLEN VON GOTTFRIED KELLER ................................................................................... 35
       7.1.1 Spiegel, das Kätzchen (SdK) ............................................................................................................... 35
             7.1.1.1 Inhalt............................................................................................................................................................ 35
             7.1.1.2 Textanalyse .................................................................................................................................................. 36
             7.1.1.3 Fazit ............................................................................................................................................................. 49
        7.1.2 Kleider machen Leute (KmL) .............................................................................................................. 52
             7.1.2.1 Inhalt............................................................................................................................................................ 52
             7.1.2.2 Textanalyse .................................................................................................................................................. 53
             7.1.2.3 Fazit ............................................................................................................................................................. 65
    7.2 ANALYSE DER NOVELLE VON ERICH KÄSTNER ........................................................................................... 68
       7.2.1 Das doppelte Lottchen ( DdL) ............................................................................................................ 68
             7.2.1.1 Inhalt............................................................................................................................................................ 68



                                                                                           1
           7.2.1.2 Textanalyse .................................................................................................................................................. 69
           7.2.1.3 Fazit ............................................................................................................................................................. 85
ZUSAMMENFASSUNG .................................................................................................................................... 89
LITERATURVERZEICHNIS ........................................................................................................................... 91




                                                                                         2
                                       Einleitung
       In der vorliegenden Arbeit versuche ich, eine vergleichende Analyse der ausgewählten
Werke von Gottfried Keller und Erich Kästner durchzuführen. Es interessieren mich v. a. die
expressiven und emotionalen Stilmittel, denen sich die erwähnten Autoren beim Schreiben
ihrer Werke bedienten. Expressivität und Emotionalität – zwei Aspekte, die in der Literatur
eine wichtige Rolle spielen. Das Werk soll mittels der expressiven (ausdrucksvoll,
ausdrucksstark) und emotionalen Wirkung die inneren Gefühle seines Lesers, seien sie positiv
oder negativ, gradieren, intensivieren und damit auch seine Phantasie erwecken und
unterstützen. Ähnliche Funktion übt die Expressivität z. B. auch in der Musik aus. Je
intensiver die einzelnen Töne sind, desto stäker wirkt die ganze Melodie auf die emotionale
Seite des Zuhörers.
       In meiner Diplomarbeit beschäftige ich mich also mit der expressiven und
emotionalen Wirkung in der Literatur, und zwar in der Kinderliteratur. Meine Arbeit wird in
zwei Teile gegliedert.
       Der erste Teil, der fünf Kapitel umfasst, wird der Theorie gewidmet. Ich erwähne und
erkläre die wichtigsten Mittel, die der expressiven und emotionalen Wirkung zur Verfügung
stehen und in der Stilitstik unter dem Terminus Stilfiguren auftreten. In zwei selbstständigen
Kapiteln konzentriere ich mich dann auf die Beschreibung und Bedeutung von Metaphern und
Phraseologismen, die in der Literatur häufige Verwendung finden. Den theoretischen Teil
ergänze ich noch um vier Wortbildunsarten und die Diminution, und im fünften Kapitel
beschreibe ich drei Hauptmöglichkeiten der Erweiterung des deutschen Lexikons, und zwar
die Neologisierung, Archaisierung und Wortentlehnung.
       Der zweite Teil wird auf die praktische Analyse der einzelnen Werke gerichtet. Ich
orientiere mich vorwiegend an der Suche nach Stilfiguren und Phraseologismen im Text,
deren Bedeutung nachfolgend erklärt und auf den Kontext bezogen wird. Darüber hinaus
führe ich auch einige Beispiele der Entlehnungen und Archaismen an, die im Werk
vorkommen. Zu dieser Interpretation wählte ich zwei berühmte Novellen vom Schweizer
Autor des 19. Jhs. Gottfried Keller, die im zweibändigen Novellenzyklus unter dem Titel "Die
Leute von Seldwyla" zwischen den Jahren 1873-75 erschien, und das Kinderbuch "Das
doppelte Lottchen", das vom deutschen Schriftsteller des 20. Jhs. Erich Kästner geschrieben
und im Jahre 1949 veröffentlicht wurde. Wie man sehen kann, handelt es sich um zwei zwar
deutsprachige, doch regional unterschiedliche Autoren, deren erwähnte Werke im
Zwischenraum von cca. 75 Jahren erschienen. Vielleicht darum könnten sie, was ihren


                                              3
literarischen Stil angeht, von einander gewissermaβen abweichen. Und das ist gerade mein
Ziel. Durch die vergleichende Analyse der erwählten Werke will ich versuchen, die
stilistischen Unterschiede zwischen beiden Autoren zu suchen und hervorzuheben. Die
Ergebnisse der durchgeführten Analyse werden dann in der Zusammenfassung dargelegt.




                                           4
        1 Wortbildungsarten

        In diesem Kapitel richte ich meine Aufmerksamkeit auf vier Wortbildungsarten,
denen sich die deutsche Sprache am häufigsten bedient, um eine Reihe von neuen Wörtern zu
bilden und damit ihr Lexikon zu erweitern. Zu den bevorzugtesten gehören also Komposition,
Derivation, Kurzwortbildung und Konversion. Auβer diesen erwähnten Wortbildungsarten
gibt es im Deutschen auch andere Möglichkeiten der Wortbildung, z. B. Iteration und
Reduplikation      (eiei,   beben),     Reimbildungen        (Techtelmechtel),       Zusammenrückung
(Lirumlarum), und Wortkreuzung (Erdbirne)1. Diese sind nicht besonders produktiv und
daher beschäftige ich mich in den nächsten Subkapiteln nur mit den vier Haupttypen der
deutschen Wortbildung.


        1.1Komposition (Zusammensetzung)


        Es handelt sich um eine Wortbildungsmöglichkeit, die zu den gebräuchlichsten und
beliebtesten im Deutschen gehört. Ihr Wesen besteht in der Verbindung von zwei oder
mehreren selbstständigen Wörtern, die zusammen als eine neue grammatische Einheit
(Kompositum) zu verstehen ist. Diese trägt ihren eigenen Hauptakzent und wird als ganzes
flektiert. Man unterscheidet zwischen Determinativ- und Kopulativkomposita. Ein
Kopulativkompositum besteht aus zwei oder mehreren gleichwertigen Konstituenten, die
einander nebengeordnet sind. Diese Elemente gehören meistens in die gleiche lexikalische
Kategorie (süβsauer, nasskalt). In die erste Gruppe zählen wir dagegen solche
Zusammensetzungen, bei denen eine der Konsituenten der anderen untergeordnet ist. Hier ist
an Ort und Stelle, noch zwei weitere Begriffe zu erklären, und zwar das Grundwort und das
Bestimmungswort, aus denen das Determinativkompositum besteht. Mit dem Grundwort ist
einfach die zweite unmittelbare Konstituente eines Determinativkompositums gemeint, die
die Wortklasse sowie das Genus der ganzen Einheit bestimmt. Meistens ist es ein Substantiv
(Kindergarten), Adjektiv (kohlschwarz) oder ein Verb (teilnehmen). Als Bestimmungswort
wird der erste Teil des Kompositums bezeichnet, wo praktisch jede Wortart vertreten werden
kann und die semantische Funktion ausübt.


1
 Beispiele aus Uhrová, E.: Grundlagen der deutschen Lexikologie, Masarykova univerzita, Brno 1996
übernommen.



                                                    5
        Was die Form anbelangt, teilen wir die Zusammensetzungen noch weiter, und zwar in
echte und unechte Komposita. Die echten entstehen mittels Verbindung von zwei oder
mehreren Wörtern, ohne dass sich ihre Form verändert (z. B. Haustür, Rassierapparat). Die
erste Konstituente der meisten unechten Komposita wird dagegen durch ein zusätzliches
Element verbreitet, das als Fugenelement genannt wird. Es ist ein Vokal oder Konsonant, oder
Kombination von diesen, die man zwischen zwei Wörter einfügt, um damit die Aussprache
des resultierenden Kompositums zu erleichtern. Die deutsche Sprache verfügt über vier
Haupttypen der        Fugenelemente:       -s,   -es       (keinesfalls,   Liebeslied),   -en   (Heldentat,
Sonnenschein), -e (Lesebuch, Reibekäse), -er (Kindergeld, Eierschale).


        1.2 Derivation (Ableitung)


        Über die Derivation spricht man, wenn zu einem Grundwort oder Wortstamm ein
Wortbildungsmorphem, weder vor oder hinter ihn, zugefügt wird, das die Wortklasse des
ganzen verändern kann (aber muss nicht). Im Unterschied zur Komposition handelt es sich
um ein Morphem, das nicht selbstständig existieren kann. Diese Elemente nennt man
allgemein Affixe, die sich dann weiter in Suffixe und Präfixe teilen, je nach der Stelle der
Anknüpfung zum Grundwort. Die Ableitung selbst gliedert sich dann in zwei Grundarten –
Suffigierung und Präfigierung.


        1.2.1 Suffigierung


        Die Suffigierung geschieht durch Benutzung von Suffixen. Diese sind meistens
unbetont und können die lexikalische Kategorie des ursprünglichen Ausdrucks verändern.
Mittels der Suffigierung entstehen v.a. Substantive, Adjektive und Verben.


        Beispiele:
        Nominalsuffixe: -heit, -keit, -ung, -schaft (Freiheit, Straflosigkeit, Kreuzung)
        Adjektivsuffixe: -bar, -sam, -lich, -ig (schiffbar, sparsam, beweglich)
        Verbsuffixe: -eln, -ern (segeln, hungern)2




2
 Beispiele aus Uhrová, E.: Grundlagen der deutschen Lexikologie, Masarykova univerzita, Brno 1996, S. 101-
120 angewendet.


                                                       6
       1.2.2     Präfigierung


       Die Präfigierung ist eine Art Ableitung mit Hilfe von Präfixen. Diese können im
Gegensatz zu Suffixen in mehreren Wortarten vorkommen sowie einen Akzent tragen, ohne
jedoch den Einfluss auf lexikalische Kategorie zu haben. Am meistens erscheint diese Art von
Affixen im Bereich der Verben.


       Beislpiele:
       be- (befahren), ent- (entsprechen) er- (erfinden), miss- (missverstehen), um-
(umlaufen, Umlaut), ver- (verstehen, Versuch), zer- (zerrissen).


       1.3 Kurzwortbildung


       Eine andere und in der deutschen Sprache sehr produktive Wortbildungsart ist die
Kurzwortbildung. Mittels ihrer Anwendung enstehen die sog. Kurzwörter, die an Stelle eines
längeren Gesamtwortes oder einer Wortgruppe vorkommen und damit zur sprachlichen
Ökonomie beiträgen. Die Kurzwörter lassen sich dann nach zwei Hauptkriterien
unterscheiden:
       ● nach dem, welcher Teil des Ursprungswortes erhalten bleibt:
       1) Kopfwort – nur der erste Teil bildet die Vollform des Ausgangsausdrucks. (Kilo
           für Kilogramm, Labor für Laboratorium)
       2) Endwort – die letzten Silben kommen zum Ausdruck. (Sahne für Schlagsahne,
           Platte für Schallplatte)
       3) Klammerwort – die ersten und letzten Silben oder Laute eines längeren
           Kompositums werden in ein Wort verbunden. (Bierdeckel für Bierglasdeckel)
       4) Rumpfwort – besteht aus dem mittleren Teil des Ursprungswortes. (Resi statt
           Theresia, Basti statt Sebastian)


       ● danach, ob nur Anfangsbuchstaben oder -silben zur Kürzung verwendet werden:
       1) Akronyme: bestehen aus Anfangssilben der einzelnen Glieder eine Kompositums.
           Auf diese Art und Weise werden meist Namen der politischen Parteien,
           Assoziationen, Organisationen und Staaten abgekürzt (CDU für Christlich-
           Demokratische Union, UFO für unidentified flying object). Hierher gehören auch



                                               7
               abgekürzte       Ausdrücke       vom        euphemistischen       Charakter         (GV     für
               Geschlechtsverkehr).
           2) Silbenkurzwörter: entstehen, wenn man nur die Initialsilben aller Konstituenten
               des    zusammengesetzten         Wortes     benutzt     und    ausspricht.        (Schupo   für
               Schutzpolizist)
           ● wenn nur ein Teil des ganzen Ursprungskompositums gekürzt wird, sei es in der
           schriftlichen oder mündlichen Äuβerung, spricht man über die sog. partiellen
           Kurzwörter (TV-Star für Fernsehstar, S-Bahn für Straβenbahn)3.
           Eine bestimmte Schreibweise im Text stellen die graphischen Abkürzungen dar (usw.
           für und so weiter, ggf. für gegebenenfalls).


           Die Kurzwörter haben sich in verschiedenen Schichten der Gesellschaft entwickelt.
Sie treten in der Jugendsprache sowie in der der Studenten (Abi, Stip, Popo) auf , ihre häufige
Anwendung haben sie besonders in der ärztlichen Terminologie gefunden, wobei sie zur
Bezeichnung von medizinischen Terminī (UV-Strahlung), Geräten (RTG) und Krankheiten
(AIDS) benutzt werden.


           1.4 Konversion


           Die Koversion, mit anderen Worten auch Wortartwechsel genannt, bezeichnet einen
Übergang eines Wortes aus einer Wortklasse in eine andere, wobei keine formalen
Änderungen erfolgen.4 Im Deutschen kommt es am häufigsten zur Substantivierung, denn
diesem Vorgang fast alle lexikalischen Kategorien unterliegen. Somit können z. B. Verben
(leben → s Leben, entscheidend → r Entscheidende), Adjektive (alt → r Alte, grün → die
Grünen), Wortgruppen und Sätzen (Vergiβmeinnicht, das Weh und Ach) in Substantive
übergehen. Der Vorgang in gegensätzlicher Richtung, wobei andere Wortarten aus
Substantiven entstehen würden, kommt im Deutschen nur selten vor (r Dank → dank).




3
    Beispiele aus http://de.wikipedia.org/wiki/Kurzwort angewendet.
4
    Uhrová, E.: Grundlagen der deutschen Lexikologie, Masarykova univerzita, Brmo 1996, S. 95.


                                                       8
        1.5 Diminution


        Diesen Vorgang kann gewissermaβen auch als Verringerung, Verminderung oder
Reduktion der Gröβe, Wichtigkeit oder Intensität definiert werden. Mittels der Ableitung,
konkret der Zufügung eines Diminutivsuffixes zum Wortstamm, entstehen die sog.
Verkleinerungsformen mit einer spezifischen, emotionalen Wirkung. Sie drücken nicht nur
eine Kleinheit eines Gegenstandes oder Lebewesens aus, sondern stellen darüber hinaus auch
ein Mittel zur Äuβerung der Sympathie, Zuwendung oder Vertrautheit dar. Redet z. B. die
Mutti ihren Sohn an: „Mein Hänschen,“ ist damit keine possessive Beziehung oder
Kleinigkeit des Kindes gemeint, sondern die Mutter-Sohn-Liebe. Diese semantische
Bedeutung von Diminutiva ist vielleicht der Grund dafür, dass sie vornehmlich oder
ausschlieβlich von Substantiva, und zwar von Konkreta abgeleitet werden können. Selten
stoβen wir auf Ausnahmefälle, wie z. B. Mütchen oder Schläfchen, deren Vorkommen nur auf
feste Redewendungen beschränkt ist: sein Mütchen kühlen, ein Schläfchen halten.5 Die
Bildung von Verkleinerungsformen kann manchmal durch Veränderung des Vokals der
Stammsilbe, den sog. Umlaut, begleitet werden (Haus → Häuschen, Brot → Brötchen).
Obwohl sie von Substantiva aller Genera entstehen können, sind alle Diminutiva im
Deutschen neutralen Genus und werden verwendet:
        ● für kleine oder junge Menschen
        ● zur Kennzeichnung kleiner Gegenstände innerhalb einer Klasse von Gegenständen
        ● zur Kennzeichnung kleiner oder junger Tiere oder Pflanzen
        ● als Koseform (Hänschen, Gretchen)
        ● als Verniedlichungsform6 (Bärchen)


        1.5.1 Diminutivsuffixe


        Nach der Häufigkeit ihres Vorkommens, können wir zumindest zwei Diminutivsuffixe
erwähnen, denen sich die deutsche Sprache am meisten bedient, und zwar Suffixe –chen und
–lein. Mittels ihrer Hilfe entstehen Verkleinerungsformen wie z.B. Häuschen, Kätzchen,
Mädlein, Häslein u.a. Es gibt solche Fälle, wo zu einem Wortstamm weder das Suffix –chen
oder –lein zugefügt werden kann, ohne dass sich die Bedeutung der ganzen Einheit verändert

5
  Vgl. in http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/d/Diminutiva%20%20%20
Diminutivos.htm
6
  http://de.wikipedia.org/wiki/Diminutiv


                                                    9
(Bäumchen-Bäumlein, Mütterchen-Mütterlein). Dagegen gibt es im Deutschen solche
Substantiva, die in ihrer Bedeutung eine Abweichung aufweisen, je nach dem, ob sie das
Suffix –chen oder –lein tragen, z .B. Männchen (bei Tieren) – Männlein (bei Menschen).
Auβer diesen Beispielen, gibt es noch Wörter, die zwar Diminutivsuffixe enthalten, trotzdem
werden sie nicht als Diminutiva angesehen (Märchen, Kanninchen, Fräulein). Vom Suffix –
lein haben sich seine Varianten –la (Äffla), -le (Häusle), -li (Stübli), -l (Dirndl)7, -erl
(Bürscherl) abgeleitet, die in verschiedenen deutschen Dialekten benutzt werden.


    2 Stilfiguren

        Stilfiguren, mit anderen Worten auch Redefiguren oder rhetorische Figuren genannt,
sind sprachliche Konstruktionen, die vom normalen, eigentlichen Ausdruck abweichen. In der
gesprochenen sowie geschriebenen Sprache verweisen diese Stilelemente eine expressive
Wirkung auf, eine Art besonderer Betonung, die der Leser oder Zuhörer unbewusst aufnimmt.
Die meisten Stilfiguren finden ihren Ursprung in der lateinischen und altgriechischen
Dichtung und die ersten Versuche, sie zu unterscheiden und zu systematisieren, gab es schon
in der antiken Rhetoriktheorie. Man kann sie in zwei groβe Gruppen einteilen, und zwar in
Tropen und syntaktische Stilfiguren.


    2.1 Tropus


        Bei den Tropen handelt es sich um eine Ersetzung eines Ausdrucks durch einen
anderen auf Grund der übertragenen Bedeutung, die sich aus einer konkreten Situation ergibt.
Es sind eigentlich semantische Figuren, die nicht als Synonyme, sondern als sprachliche
Bilder der ursprünglichen Bezeichnung auftreten. Die Bedeutungsübertragung realisiert sich
dabei anhand der Zusammenhänge verschiedener Art, sei es innere oder äuβere Ähnlichkeit,
Analogie, logischer oder mechanischer Zusammenhang, Kontrast u.ä. Sie erscheinen in der
Poetik, sind jedoch üblich auch in der gesprochenen Äuβerung oder sogar in Werken
wissenschaftlicher Art. Zu den meist verbreiteten Tropen gehören Vergleich, Metonymie,
Metapher (Kap. 3), Synekdoche, Periphrase, Litotes, Euphemismus, Hyperbel und Ironie.



7
 Beispiele aus Uhrová, E.: Grundlagen der deutschen Lexikologie, Masarykova univerzita, Brmo 1996, S. 108
angewendet.


                                                    10
           Vergleich: ist eine Gedankenfigur, die auf der Ähnlichkeit zweier verschiedener
Dinge oder Sachverhalte beruht. Die Grundlage für den Vergleich bildet das sog. Tertium
comparationis (das Dritte, das Gemeinsame des Vergleichs), das die Ähnlichkeitsbeziehung
zwischen dem bezeichneten Gegenstand und dem bildlichen Ausdruck herstellt.8 Diese
Gleichsetzung wird meistens durch Vergleichspartikeln wie, als, als ob gekennzeichnet.


"Er kämpft wie ein Löwe."
"Es ist wie am Schnürchen gegangen."


           Metonymie: ist eine Art Benennungsverschiebung, bei der ein Begriff durch einen
anderen ersetzt wird, und zwar auf Grund des zeitlichen, räumlichen, ursächlichen oder
stofflichen Zusammenhangs zwischen dem Gemeinten und seinem Ersatzwort. Die
Metonymie gliedert sich dann nach der Art der Ersetzung in:


Ursache durch die Wirkung: "Erzeuger statt Erzeugnis"
Wirkung durch die Ursache: "Dass er getrunken hatte, war nicht zu überhören."
Werk durch Autor: "im Vergil lesen"
Inhalt durch Gefäβ: "Er trank die ganze Flasche."
Ort durch das im Ort Befindliche: "ganz Europa tanzt"
Zeitepoche statt Person: "Das 18. Jahrhundert glaubte…"
Zeichen für die bezeichnete Sache: "Krone für Herrschaft"


           Synekdoche: die Synekdoche wird oft als eine Sonderart oder ein Unterbegriff der
Metonymie behandelt. Es geht um eine Ersetzung eines Begriff durch ein Wort aus demselben
Bedeutungsfeld. Diese zwei Ausdrücke sind also eng miteinander verwandt. Die Synekdoche
kann dann weiter in folgende Unterarten eingeteilt werden:


von der Art zur Gattung: "Ring für die Ehe"
von der Gattung zur Art: "unser täglich Brot für unsere Nahrung"
vom Teil zum Ganzen (pars pro toto): "ein kluger Kopf für ein kluger Mensch."
vom Ganzen zum Teil (totum pro parte): "Deutschland verliert gegen die Schweiz."

8
    Malá, J.: Einführung in die deutsche Stilistik, Masarykova univerzita, Brno 2003, S. 66.



                                                          11
vom Plural zum Singular: "der Brite für die Engländer"
vom Singular zum Plural: "wir meinen statt ich meine"


       Periphrase: ist die Umschreibung eines Gegenstandes oder einer Erscheinung durch
einen oder mehrere andere Ausdrücke, wobei ein wichtiges Mekmal oder Symbol, das dem
Ursprungs- und seinem Ersatzwort gemeinsam ist, hervorgehoben wird. Diese Umschreibung
erfolgt entweder aufgrund einer übertragenen oder direkten Bedeutung. Die periphrastischen
Wendungen werden oft euphemistisch benutzt, um die Äuβerung von schrecklichen,
peinlichen oder anstöβigen Sachverhalten zu vermeiden.


"Götter in Weiβ statt Ärzte"
"der Allmächtige statt Gott"
"König der Wüste statt Löwe"
"Umsiedlung oder Evakuierung statt Vertreibung"


       Euphemismus: ist ein Wort, das zur Ersetzung von anderen Ausdrücken verwendet
wird, die als peinlich, anstöβig, unanständig empfunden sind. Diese Begriffe haben sich oft
auf die sog. tabuisierten Themen bezogen, über die es verboten wurde, zu sprechen. Deshalb
wurde nach anderen verhüllenden oder beschönigenden Wendungen gesucht, die dieses Tabu
benennen. Die Euphemismen haben sich oft im Gebiet der Sexualität, Verbrechen, Sterben
und Mord verbreitet.


"Die ewige Ruhe finden statt sterben"
"Im Krieg fallen statt getötet werden"
"Behinderter statt Invalide"
"Seniorenresidenz statt Altersheim"


       Litotes: besteht in einer verneinenden Umschreibung eines Sachverhalts, meistens
seines Gegenteils, um damit zur Verstärkung oder Hervorhebung des Begriffs selbst
beizutragen.


" Ich ärgere mich darüber nicht wenig."




                                            12
        Hyperbel: ist eine andere Art des Umschreibens, bei der der Sachverhalt in der
Aussage eine Übertreibung, eine Übersteigerung, eine stilistische Zuspitzung erfährt oder wo
der Sachverhalt verringert dargestellt wird.9 Um eine hyperbolische Aussage auszudrücken
wird auch oft nach den sog. Volkssuperlativen gegriffen.


"Ich warte auf dich schon eine Ewigkeit."
"Ich will dir nur ein paar Worte sagen."
"spindeldünn" (Volkssuperlativ)
"Schneckentempo" (Volkssuperlativ)


        Ironie: ist die Umschreibung durch das spöttische Behaupten des Gegenteils, wobei
die wichtige Funktion die entsprechende Intonation ausübt. Erst aus der Aussagesituation und
dem Sinn ist für den Hörer oder Leser zu erkennen, dass der Sender (Sprecher, Autor) das
Gegenteil von dem meint, was er sagt.


"Das ist wirklich sehr witzig!"
"Das hat mir gerade noch gefehlt!"


    2.2 Syntaktische Stilfiguren


        Syntaktische Stilfiguren sind im Unterschied zu den Tropen an den Satz oder die
ganze Satzkonstruktion gebunden. Sie treten sehr häufig in der Werbung oder in Plakaten auf
und gerade hier haben sie eine Funktion der Hervorhebung oder Überzeugung der breiten
Öffentlichkeit. Zu diesen Stilelementen werden gerechnet:


        ● Figuren der Wiederholung:


        Anapher:        bezeichnet       die     wörtliche       Wiederholung         am      Anfang   der
aufeinanderfolgenden Sätze, Strophen, Verse oder Satzteile. So trägt sie zur Rhythmisierung
von Texten bei.


"Ja, da kann man sich doch nur hinlegen,

9
 vgl. in Faulseit D., Kühn G.: Stilistische Mittel und Möglichkeiten der deutschen Sprache, VEB
Bibliographisches Institut, Leipzig 1975, S. 269.


                                                      13
Ja, da muß man kalt und herzlos sein.
Ja, da könnte so viel geschehen.
Ach, da gibt’s überhaupt nur: nein!" (Brecht, B.: Dreigroschenoper)


         Epipher: ist die Wiederholung desselben Wortes am Ende der aufeinanderfolgenden
Sätze.


"Doch alle Lust will Ewigkeit,
will tiefe, tiefe Ewigkeit! " (Nietzsche, F.: Das trunkene Lied)


         Symploke: als Symploke wird die Kombination von Anapher und Epipher im Text
bezeichnet, d. h. jeweils am Anfang und am Ende zweier oder mehrerer Sätze werden gleiche
Worte wiederholt.


"Der Vater, der Vater, eine Bartbinde trägt er, Sockenhalter hat er, seine Fingernägel poliert
er" (Strittmatter, E.)


         Epizeuxis: ist die ein- oder mehrfache Wiederholung von Wörtern oder
Wortverbindungen, die unmittelbar hintereinander folgen.


"Oder war es der Regen? Der Regen auf den dunkelroten Ziegeln? Denn es regnete. Regnete
unterbrochen (Borchert, W.)"


         Parallelismus: unter Parallelismus versteht man die Wiederholung von zwei oder
mehreren aufeinander folgenden gleichen Sätzen oder Phrasen, die dieselbe Abfolge ihrer
Satzglieder aufweisen.


"Sie irren sich, sagte ich, nein. Ich kann jetzt nicht mehr mit Ihnen hineingehen. Ich kann jetzt
nicht mehr ihren Rosé trinken. Ich kann nicht mit Ihnen warten." (Seghers, A.: Transit)


         Paronomasie: ist eine Art Wortspiel, die auf der Lautähnlichkeit von zwei oder
mehreren verschiedenen Wörtern beruht. Im Satz kommen dann solche Ausdrücke vor, die
sich zwar im Klang ähneln, doch ist ihr Wortkörper ein biβchen modiffiziert. Sie können
sogar auch eine gegensätzliche Bedeutung haben.


                                               14
"Vom Volk der Dichter und Denker zu dem der Richter und Henker." (Kraus, K.)
"Wer rastet, der rostet"


       Figura etymologica: ist eine Sonderart der Paronomasie, bei der zwei oder mehrere
Wörter den gleichen Stamm haben. Am häufigsten erscheint sie als Kombination von Verb
und Substantiv.


"einen schweren Gang gehen."
"Gar schöne Spiele spiele ich mit dir."


       ● Figuren der Entgegensetzung:


       Oxymoron: ist eine Verbindung von zwei gegensätzlichen oder sich gegenseitig
ausschlieβenden Begriffen. Oft kommen sie in Form einer Zwillingsformel vor.


"Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke." (Orwell, G.)
"Eile mit Weile"
"Viva la muerte" (Motto der Falangisten im spanischen Bürgerkrieg)


       Chiasmus: ist die Entgegensetzung oder die sog. Kreuzung der Satzglieder oder
Teilsätze nach dem Schema von griechischen Buchstaben chi – x.


"Ihr Leben ist dein Tod. Ihr Tod dein Leben!" (Schiller, F.: Maria Stuart)
"Groß war der Einsatz, der Gewinn war klein." (Deutsches Universalwörterbuch)


       Antithese: stellt mindestens zwei Wörter oder Sätze gegeneinander, die sich inhaltlich
widersprechen. Durch Verwendung von Antithese wird in der Aussage die Hervorhebung von
Gegensatz oder Widerspruch erreicht.


"…in Bologna gibt es die kleinsten Hunde und die gröβten Gelehrten." (H. Heine)
"Freund und Feind" (Deutsches Universalwörterbuch)




                                               15
            ● Figuren der Häufung:


           Klimax: wird auch als Figur der Graduation genannt. Es handelt sich um eine
steigernde Aufzählung von Wörtern oder Wendungen, wobei die Bedeutung einzelner Glieder
immer stärker und intensiver wird. Als Gegensatz zur Klimax wirkt die Antiklimax, die als
fallende Aufzählung von Wörtern mit absteigender Bedeutung bezeichnet wird.


"Er sei mein Freund, mein Engel, mein Gott" (Schiller, F.: Die Räuber)
"Urahne, Großmutter, Mutter und Kind"


           Zeugma:        als   Zeugma       bezeichnet        man    die    Durchbrechung des          logischen
Zussammenhanges, und zwar entweder durch Verbindung zweier Substantive durch ein
gemeinsames Verb oder durch Aufzählung (Nebeneinanderstellung) logisch semantisch
unvereinbarer Wörter.10


"Ihr lest hier Kartoffeln und keine Zeitung" (Strittmatter, E.: Tinko)
"Nimm dir Zeit und nicht das Leben!" (Deutsches Universalwörterbuch)


           Asyndeton: wird als die unverbundene Aufzählung von grammatikalisch und
inhaltlich gleichen Wörtern oder Satzteilen deffiniert, die ohne Konjunktion nacheinander
folgen. Die einzelnen Glieder dieser Reihe werden nicht gesteigert.


"Veni, vidi, vici"
"Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit" (Wahlspruch der Französischen Revolution)


           Polysyndeton: als Gegenstand des Asyndetons funktioniert das Polysyndeton. Es
handelt sich um eine Reihe von Wörtern, Satzteilen, Sätzen, deren Glieder durch gleiche
Konjunktion verbunden sind.


"Und es wallet und siedet und brauset und zischt" (Schiller, F.: Der Taucher)
"Einigkeit und Recht und Freiheit" (dt. Nationalhymne)




10
     vgl. in Malá, J.: Einführung in die deutsche Stilistik, Masarykova univerzita, Brno 2003, S. 73.


                                                          16
     Syntaktische Stilfiguren sowie die Tropen üben verschiedene Funktionen aus. Mit ihrer
expressiven Wirkung tragen sie zur Betonung, Hervorhebung, Veranschaulichung, aber auch
Überzeugung und Wertung bei. Sie treten oft in der Belletristik und der Presse vor, ihre Stelle
finden sie aber auch in der Alltagsrede und im Bereich der populärwissenschaftlichen Texte.


     3 Die Metapher


     In diesem Kapitel beschäftige ich mich mit der Erklärung des Begriffs der Metapher, mit
ihrer Funktion und mit ihrer Verwendung im schriftlichen sowie im sprachlichen Ausdruck.
Wie schon erwähnt, gehört die Metapher zu den Tropen, und zwar zu den häufigsten und
bestens untersuchten. Da sie meist verbreitet ist, wird sie oft als Synonym zum Ausdruck
Tropus vervendet. Unter dem Begriff der Metapher ist die Bedeutungsübertragung von einem
Gegenstand auf den anderen zu verstehen, wobei zwischen dem wörtlich Bezeichneten und
dem übertragen Gemeinten eine Beziehung der äuβeren oder inneren Ähnlichkeit besteht. Mit
dieser Definiton oder zumindest mit ihrem zweiten Teil könnte uns die Auffassung der
Metapher mit der des Vergleichs einfach verschmelzen. Demzufolge ist es nötig, den
Unterscheid zwischen diesen zwei Arten von Tropen zu erklären. Beim Vergleich stellt man
nebeneinander zwei Wortbedeutungen, deren Ähnlichkeitbeziehung auf Grund des sog.
Tertium comparationis11 herausgestellt wird und die ganze Vergleichsstruktur dann dank der
Verwendung von komparativen Konjuktionen (als, wie, als ob) zum Ausdruck kommt. Bei
der Metapher handelt es sich um eine Verschmelzung von zwei Sachverhalten in einem Bild,
ohne die Vergeichspartikel zu benutzen. Auch in diesem Falle ist die Anwesenheit von
Tertium comparationis oder vom sog. Tertium metaphorae wichtig, denn es gilt als Grundlage
der Übertragung.12 Als Tertium metaphorae sind diejenigen Komponente der Metapher zu
verstehen, die ihr und dem Original gemeinsam sind. Die Metapher übt eine Reihe von
Funktionen      aus.    Sie    dient     zur    Hervorhebung,        sowie     zur    Konkretisierung        und
Veranschaulichung von manchen Abstrakta (z. B. Zahn der Zeit), ersetzt viele euphemistische
Wörter, d.h. Sachverhalte, die negativ oder anstöβig bewertet sind (z.B. Heimgang für
Sterben), charakterisiert Personen, Gegenstände und Erscheinungen. Manchmal funktioniert

11
   Tertium comparationis (lat. „Das Dritte des Vergleichs“) „Mit ihm wird bezeichnet:
1. die Gemeinsamkeit zweier verschiedener, miteinander zu verglichener Gegenstände oder Sachverhalte in
Metaphern und bei der Metonymie.
2. in der Logik ein drittes Glied eines Vergleichs; einen dritten Begriff, in dessen Umfang die anderen beiden
Begriffe eingehen.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Tertium_comparationis
12
   Vgl. Malá, J.: Einführung in die deutsche Stilistik, Masarykova univerzita, Brno 2003, S. 66.


                                                       17
sie auch als Benennung von einer gemeinten Sache, für die es kein eigenes Wort gibt (z.B.
Stuhlbein). Den Metaphern begegnen wir fast auf Schritt und Tritt. Sie kommen in der
Alltagsrede sowie in den Texten aller Kommunikationsbereiche vor.


       3.1 Bildspender und Bildempfänger


         Die Metapher besteht aus zwei Teilen, aus dem "Bildspender" und aus dem
"Bildempfänger".        Man     bezeichnet    den (unmetaphorischen)   Kontext   (Mensch) als
Bildempfänger, die Vorstellung des metaphorischen Ausdrucks (Wolf) als Bildspender; die
Zuschreibung selbst wird als Projektion (früher: Übertragung) aufgefasst.13 Wenn wir als
Beispiel den Satz "Der Mensch ist ein Wolf" nehmen, können wir die Funktionsweise dieser
Metapher in der folgenden Tabelle schematisieren14:




13
     vgl. http://www.joachimschmid.ch/docs/DMtMetapher.pdf
14
     siehe ebd.


                                                    18
            Der Ausdruck "Wolf" ist semantisch impertinent15: er passt nicht zum Kontext, der
     von Menschen handelt.[...] In der Metapher wird der Mensch als Wolf aufgefasst, d. h.
     ihm werden einige der Eigenschaften zugewiesen, die normalerweise Wölfen
     zugeschrieben werden, z.B. Aggressivität, Unbarmherzigkeit usf.16


     3.2 Formen der Metapher17


     Zu den wichtigsten Formen gehören:


     1. Gleichsetzungsmetapher – der Bildspender ist in der Form des Prädikativs
        ausgedrückt, z.B. Der Mensch ist ein Wolf, Sport ist Mord
     2. Prädikatmetapher – das Prädikat gehört einem anderen Zusammenhang an als der
        Bildempfänger, z.B. die Ranke häkelt am Strauche
     3. Attributmetapher – ein Attribut ist impertinent, z.B. mit flammendem Blick,
        schwarze Gedanken
     4. Appositionsmetapher – eine Apposition ist impertinent, z. B. und dein Schweigen,
        ein Stein
     5. Genitivmetapher – der Bildempfänger ist durch ein Genitivattribut verdeutlicht, z.B.
        Abend des Lebens
     6. Kompositionsmetapher – einer der Bestandteile des zusammengesetzten Ausdrucks
        ist impertinent, z.B. Kirschenmund, Zitronenmond, smaragdgrün


     3.3 Sonderarten der Metapher


        Man unterscheidet diese Sonderarten von Metaphern: Personifikation, Synästhesie und
        Allegorie.


        Personifikation: es handelt sich um eine Übertragung von menschlichen
Eigenschaften und/oder Charakterzüge auf etwas Unbelebtes, Abstraktes. Es geht nicht nur
um Sachen oder Gegenständen, sondern auch um Pflanzen, Tiere, Ideen oder Menschen, die



15
   lat. in – pertinere: nicht zugehören
16
   http://www.joachimschmid.ch/docs/DMtMetapher.pdf
17
   ebd.


                                                 19
nicht mehr leben. Diese können mit Hilfe von Personifikation wieder zum Leben gebracht
oder sozusagen vermenschlicht werden.


"Der Tag verabschiedet sich"
"Das Glück lacht uns an."


       Synästhesie: über Synästhesie spricht man, wenn eine Übertragung aus einem Bereich
der fünf Sinnesempfindungen in einen anderen erfolgt. Es geht eigentlich um eine
Verschmelzung von zwei oder mehreren völlig verschiedenen Sinnesebenen zur Steigerung
einer Aussage.


"warme und kalte Farben."
"heiβe Musik"


       Allegorie: ist oft alse eine Sonderart der Personifikation bezeichnet. Es ist eine
bildliche Darstellung eines abstrakten Begriffs oder Gedankengangs als ein konkretes, rational
fassbares Zeichen einer anderen Sache, des Dargestellten (Person, Vorgang) und zwar auf
Grund der Ähnlichkeitsbeziehung. In manchen Fällen drückt sie eine Art Belehrung oder
Symbolik aus und wird erst durch Abstraktion oder Konvention verstanden. Mit Verwendung
von Allegorie soll ein bestimmter Gedanke des Autors sinnbildlich zum Ausdruck kommen.


"die Sense für den Tod" (denn sie trifft alle)
"Justitia als blinde Frau oder Frau mit verbundenen Augen"


       4 Phraseologische Mittel

       Phraseologie ist eine sprachwissenschaftliche Disziplin, die ursprünglich als
Teildisziplin der Lexikologie betrachtet wurde. Heutzutage wird sie als selbstständige und
relativ junge Disziplin der Linguistik anerkannt, die sich Ende der 70er Jahre entwickelte. Sie
beschäftigt sich mit der Untersuchung von Phraseologismen, den man fast in aller Textsorten
sowie oft in der mündlichen Äuβerung begegnet. Der Phraseologismus gilt als Oberbegriff für
alle festen Wortgruppen, besteht also aus mehr als einem Wort, aus einer Kombination von




                                                 20
Wörtern, die vom "Sender" (Schreiber, Sprecher) in der Kommunikation als Ganzes benutzt
wird und für einen "Empfänger" (Leser, Zuhörer) völlig verständlich ist.


Beispiele:18


Auf dem Holzweg sein = sich täuschen
Wie Hund und Katze leben = hassen einander
Das A und O einer Sache = das Wesentliche
Im Bilde sein = informiert sein, sich auskennen
Das Geld zum Fenster hinauswerfen = viel Geld ausgeben
Er hat eine glückliche Hand = er prosperiert, er ist sehr geschickt
Öl ins Feuer gießen =jemandes Erregung verstärken, einen Streit noch verschärfen
Die Ohren spitzen = aufmerksam zuhören
Rund um die Uhr = 24 Stunden täglich


          Neben dem Terminus Phraseologismus verwendet man auch andere Bezeichnungen,
wie z.B. Redewendung, feste Wortverbindung, Redensart,                       Phrasem, Wortgruppenlexem,
sprachliches Bild oder Idiom.


          Feste Wortgruppen nennt man die Phraseologismen deshalb, dass ihre einzelnen
Komponenten gar nicht oder zumindest nur beschränkt austauschbar oder ersetzbar sind.
Damit unterscheiden sie sich von freien (unfesten) Wortverbindungen, deren einzelne Glieder
trennbar sind und mit anderen Wörtern ausgetauscht werden können.
          Die freien Wortverbindungen sind wörtlich zu verstehen und ihre Bedeutung ist von
einzelnen Bedeutungen ihrer Glieder abzuleiten:


Drauβen gibt es blauen Himmel, ohne Wölkchen.
Gestern habe ich im Radio gehört, dass es zu einer Katastrophe kam.
Das Rotkäppchen wollte ihrer Oma einen Korb Erdbeeren schenken.




18
     siehe die Beispiele in: Lamraouiová, Marie: Německé idiomy I, II, Dubicko: Infoa 1999.




                                                        21
       Dagegen stehen z.B. die Phraseologismen:


jmdn. in den Himmel heben, auf jmdn. hören, einen Korb bekommen.
Ich hatte kein Vertrauen zu ihr, auch wenn man sie noch so sehr in den Himmel gehoben hat.
= lobpreisen, erheben.
Du hättest auf mich hören sollen! Du hättest damit keine Probleme. = sich beraten lassen.
Er machte dem Mädchen einen Heiratsantrag, bekam aber einen Korb von ihr. = er wurde
abgelehnt.


       Die Verwendung und das folgende Verständnis von phraseologischen Ausdrücken
hängt v.a. von der Situation ab, in der sich der Sender befindet. Wichtig ist dabei vielleicht
auch seine Stellung in der Gesellschaft. Kennt der Empfänger diese zwei Faktoren nicht, dann
kann bei ihm ein Miβverständnis erfolgen.
       Phraseologismen haben eine spezifische Wirkung. Mittels ihrer Benutzung gewinnt
der schriftliche sowie der sprachliche Ausdruck an Expressivität. Sie bereichern unsere
Sprache, die Aussage wird "blumiger". Das ist der Grund, warum sie häufig "Gewürz der
Sprache" genannt werden.


       4.1 Merkmale der Phraseologismen


       Die Phraseologismen verfügen über vier Merkmale oder Eigenschaften:
       ● Polylexikalität
       ● Festigkeit
       ● Idiomatizität
       ● Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit


       4.1.1 Polylexikalität (Mehrgliedrigkeit)


       Wie schon dieser Terminus selbst andeutet, die Polylexikalität bedeutet, dass ein
Phraseologismus aus mehreren Wörtern bzw. Lexemen besteht, die eine feste Wortgruppe
bilden. Als die obere Grenze von fester Wortverbindung gilt der Satz. Die Wortmenge
dazwischen ist nicht definiert, weil die maximale Länge des Phraseologismus syntaktisch und
nicht lexikalisch festgelegt ist. Die meisten Phraseologismen werden durch Autosemantika



                                             22
(Substantive, Adverbien, Numeralia, Verben) gebildet, können daneben auch Synsematika
(Pronomina, Präpositionen, Artikel, Konjunktionen) beinhalten.
        Der Polylexikalität widersprechen die sog. Einwortphraseme. Es handelt sich um
Ausdrücke, die nicht aus einer Wortgruppe, sondern aus einer Wortkonstruktion bestehen,
sog. metaphorische Komposita wie z. B. Geldspritze, Zankapfel, Kuhhandel19.


        4.1.2 Festigkeit (Stabilität)


        Unter dem Begriff der Festigkeit versteht man im allgemeinen, dass die einzelnen
Komponenten des phraseologischen Ausdrucks weder umstellbar noch austauschbar sind,
womit sie sich auch von freien Wortverbindungen unterscheiden. Sie stehen in einer
bestimmten Kombination (eventuell mit Varianten), die dem Empfänger bekannt und geläufig
ist. Irgendwelche Veränderung der Form könnte v.a. bei einem Muttersprachler weder als
falsch oder, wenn es der jeweilige Kontext erlaubt, als originell und sprachspielerisch
empfunden werden.20
        Man unterscheidet drei Grundebenen der Festigkeit: formale, lexikalische und
semantische.


● mit der formalen Festigkeit ist die syntaktische Nicht-Umstellbarkeit der Lexeme eines
Phraseologismus gemeint: z.B. "mit Kind und Kegel versus mit Kegel und Kind"
● unter der lexikalischen Stabilität versteht man die Eigenschaft der einzelnen Komponenten,
nicht austauschbar zu sein: z.B. "Katz und Maus statt Katz und Ratte"
● die semantische Festigkeit definiert, ein phraseologischer Ausdruck sei als ganzer der
Bedeutungsträger, im Gegensatz zur freien Wortbindung, wo jedes Element über seine eigene
Bedeutung verfügt.


        4.1.3 Idiomatizität


        Mit der Idiomatizität eines Phraseologismus ist gemeint, dass seine Bedeutung, d.h.
die Bedeutung der ganzen Wortkette, die ihn bildet, nicht aus der Bedeutung ihrer einzelnen

19
   vgl.
http://books.google.cz/books?id=m1KMwzoz6UcC&pg=PA29&dq=Einwortphrasem#v=onepage&q=Einwortph
rasem&f=false
20
    vgl. Bergerová Hana: Einführung in die deutsche Phraseologie, Ein Reader-, Aufgaben- und Übungsbuch,
2005, S.8.



                                                  23
Komponenten festgestellt werden kann. In diesem Fall weist die ganze Wendung eine
übertragene bzw. phraseologische Bedeutung auf. Als Antonym zu dieser könnte hier
vielleicht ein Begriff der freien Bedeutung der Wortkomponenten im Satz wirken. Nehmen
wir als Beispiel den Satz: sein Herz auf der Zunge tragen (= nichts für sich behalten können).
Zwischen den Komponenten Herz und Zunge gibt es keine semantische Kongruenz. Der Grad
der Idiomatizität ist in diesem Fall für hoch zu halten und infolge dessen wird die ganze
Wortkette als eine feste Wendung betrachtet.
          Nach dem Grad der Idiomatizität unterscheiden wir voll-, teil- und nichtidiomatische
Phraseme. Ist ein Phrasem vollidiomatisch, heiβt es, dass alle Konstituenten, aus denen er
besteht, ihre ursprüngliche Bedeutung, die sie auβerhalb dieser Wortgruppe tragen, verloren
haben. Im Phrasem sich in den Haaren liegen also streiten, kommen zwei autosemantische
Lexeme vor, deren ursprüngliche Bedeutung völlig in den Hintergrund gedrängt wurde.
          Die teildidiomatischen Wendungen dagegen bestehen aus einem Teil, der rein
idiomatisch ist, während der andere seine eigene freie Bedeutung trägt. Z. B. in der Wortkette
jmdn. auf einen Sprung besuchen ist der Phraseologismus hinsichtlich zu den Komponenten
auf einen Sprung idiomatisch, während die Phrase jmdn. besuchen eine wörtliche Bedeutung
trägt.
          Die Ausdrücke, in denen es keine oder zumindest ziemlich minimale Differenz
zwischen der phraseologischen (übertragenen) und wörtlichen Bedeutung gibt, werden dann
als nichtidiomatisch bezeichnet. Ihre Bedeutung ist von der wörtlichen Bedeutung der
einzelnen Komponenten her zu verstehen, z. B. sich die Beine vertreten, sich die Zähne
putzen.
          4.1.4 Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit


          Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit sind die letzten zwei wichtigen Merkmale der
Phraseme, wobei die Lexikalisierung einen Vorgang der Speicherung der Phraseme als
syntaktischer Konstruktionen im Lexikon bedeutet. Diese werden dann durch den Prozess der
Reproduzierbarkeit als eine feste lexikalische Einheit, die uns nicht mehr unbekannt ist,
wieder hergestellt und gebraucht.




                                               24
      4.2 Syntaktische Klassifikation der Phraseologismen


      Unter einer syntaktischen Klassifikation von Phraseologismen versteht man ihre
Gliederung nach bestimmten Wortarten in:


      ● substantivische Phraseologismen, die im Satz eine Funktion vom Subjekt oder
      Objekt bzw. vom Attribut ausüben.


      "die bessere Hälfte" – Ehefrau
      "ein frommer Wunsch" – unerfüllbarer Wunsch, Traum
      "das dicke Ende" – das Schlimmste, die Schwierigkeiten


      ● adjektivische Phraseologismen, die eine Rolle des Prädikats oder Attributts
      vertreten.


      "zum Malen schön" – sehr schön
      "klipp und klar" – völlig klar
      "gut gepolstert" – wohlbeleibt, oder mit Geld gut ausgestattet


      ● adverbiale Phraseologismen werden im Satz als Adverbialbestimmung benutzt.
      "an Ort und Stelle" – am Ort des Geschehens
      "an der Hand" – klar, evident
      "null und nichtig" – ungültig


      ● verbale Phraseologismen enthalten immer ein Verb und im Satz erfüllen sie eine
      Rolle des Prädikats.


      "etw. unter die Luppe nehmen" – sich etwas von der Nähe anschauen
      "aufs falsche Pferd setzen" – nicht gut auswählen
      "eine harte Nuss zu knacken haben" – eine schwierige Aufgabe lösen müssen




                                             25
           4.3 Klassifizierung nach der Art der Phraseme


           ● Idiome gehören hinsichtlich ihrer groβen Anschaulichkeit und Emotionalität zu den
meist verbreiteten Phraseologismen. Es handelt sich um expressive und bildhafte Einheiten,
deren Bedeutung nicht wörtlich, sondern übertragen verstanden werden muss. Sie bestehen
aus mindestens zwei Wörtern und nach dem Grad der Idiomatizität teilt man sie in
vollidiomatische, teilidiomatische und nichtidiomatische Wendungen ein, was schon im
Kapitel 4.1.3 behandelt wurde. Als idiomatische Redewendungen gelten beispielsweise "an
die eigene Nase fassen" (für „die Schuld bei sich selber suchen“) oder "ins Gras beißen", vgl.
auch "den Schirm zumachen" (für „sterben“). Die Wendung "ins Gras beißen" zeigt bspw.,
dass die Wörter „Gras“ und „beißen“ im gemeinsamen Zusammenhang nur in der deutschen
Sprache einen Sinn ergeben; herausgelöst aus der Redewendung haben sie nichts mit der
Bedeutung „sterben“ zu tun.21


           ● Als Kollokationen bezeichnet man feste Wortverbindungen, die nicht oder
zumindest schwach idiomatisch sind. Im Allgemeinen handelt es sich um typische und ins
Gedächtnis gespeicherte Wendungen, die man gar nicht bzw. nur schwer mit anderen Wörtern
ausdrücken kann und deren Komponenten nicht austauschbar sind. Im Text erscheinen sie oft
in einer Form des sog. Funktionsverbgefüges (FVG). Z.B. im Satz "sich die Zähne putzen"
kann das Verb "putzen" nicht durch sonstige synonymisch wirkende Ausdrücke wie "säubern"
oder "reinigen" ersetzt werden. Dasselbe gilt auch in anderen Beispielen der FVG wie "Hilfe
leisten", "Fragen stellen", "in Beziehung stehen", "Antwort geben" usw.


           ● Kommunikative Formeln auch Routineformeln genannt sind durch ihre
spezifischen Funktionen in der schriftlichen sowie der mündlichen Kommunikation
gekennzeichnet. Mit den idiomatischen Phraseologismen haben sie gemeinsam, dass sie ihre
ursprüngliche wörtliche Bedeutung eingebüsst haben, doch im Gegensatz entwickeln sie keine
neue semantisch beschreibbare Bedeutung. In diesem Fall spricht man über sog. de-
semantisierte Wortverbidnungen, die eine bestimmte kommunikative Funktion (z.B.
Übergabe der Sprechrolle, Kontaktsicherung, Aufmerksamkeitssteuerung…) ausüben. Zu den
kommunikativen Formeln ordnen wir z.B. Gruβformeln und Anreden ("Guten Tag", "Meine


21
     http://de.wikipedia.org/wiki/Idiom#Idiomatische_Redewendung



                                                     26
Damen         und    Herren"),      Wunschformeln         ("Guten     Appetit")   Schelten   und   Flüche
("Donnerwetter"), Kommentare, Gratulationen usw.


           ● Unter Paarformeln oder Zwillingsformeln bzw. Binominale versteht man das
Auftreten von zwei Wörtern, die am häufigsten durch "und" oder andere Konjunktoren
verbunden sind. Diese zwei Wortbestandteile können semantisch in unterschiedlicher
Beziehung zueinander stehen, sei es Antonyme ("Tag und Nacht", "Katz und Maus"),
Synonyme ("Art und Weise", "hegen und pflegen") oder identische Wörter, die sog.
Modellbildung ("Schulter an Schulter", "Schritt für Schritt"). Viele Zwillingsformeln
enthalten poetische Stilelemente wie Alliterationen ("klipp und klar", "gang und gäbe"),
Assonanzen ("kehren und Segen", "Geben und Nehmen)" oder gereimte Paarformel ("Lug
und Trug", "weit und breit"). Manche Paarformeln haben sich auch in der Rechtssprache
verbreitet, wo sie zu einem Topos geworden sind ("Mord und Totschlag", "Leib und Leben",
"Treu und Glauben", "Jahr und Tag")22.


           ● Zu den Typen von Phrasemen zählen auch Sprichwörter. In diesem Falle handelt es
sich um einen allgemein bekannten festgeprägten Ausdruck, der in einer festen,
unveränderlichen Formulierung, in einem kurzen Satz, dargestellt wird. Die Sprichwörter
gehen oft von langen Erfahrungen aus und sind meistens durch lehrhafte Tendenzen
gekennzeichnet ("Hunger ist der beste Koch", "Es ist nicht alles Gold, was glänzt", "Lieber
den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach"). Zu den Sonderarten von Sprichwörtern
sind geflügelte Wörter, Zitate und Sentenzen zuzuordnen.



5 Neologismen, Archaismen, Wortentlehnung
5.1 Neologismen
           Als Neologismus bezeichnet man ein Wort oder ein Zeichen, das in einem bestimmten
Zeitraum aufkommt und in den Sprachgebrauch eindringt. Solche Wörter werden für die
Sprecher für eine bestimmte Zeit als unbekannt und neu empfunden. Wenn sie in Gebrauch
genommen werden, üben sie dann vielfältige Funktionen aus. Man benutzt sie nicht nur zur
Bezeichnung eines neuen Sachverhaltes, sondern auch zur Signalisierung oder einfach
Hervorhebung irgendeiner Wirklichkeit, auf die der Sender aufweisen will. Im Unterschied zu

22
     Beispiele aus http://de.wikipedia.org/wiki/Zwillingsformel angewendet.


                                                        27
Wortentlehnungen, die von anderen Sprachen übernommen werden und deren graphisches
und akustisches Bild sich den Regeln des jeweiligen Sprachsystems anpasst, werden die
Neologismen nur mit Hilfe von Mittlen der Sprache gebildet, in der sie entstehen und
nachfolgend verwendet werden.


       Man unterscheidet diese Arten von Neologismen:


● Neuwörter – die Form sowie die Bedeutung sind neu (simsen – eine           Kurznachricht
versenden)
● Neubedeutungen - ein schon in der Sprache existierender Ausdruck ist neben seiner
ursprünglichen Bedeutung um eine neue (weitere) bereichert (Maus – auch als Teil des
Computerzubehörs verstanden)
●Neue Wortkombinationen – Zusammensetzung von zwei gebräuchlichen Wörtern
(Internetcafé)


Die Neologismen kommen sehr oft in der Sprache der Massenmedien und v. a. in der
Werbung vor, wo sie zur Überzeugung der breiten Öffentlichkeit beiträgen sollen.


5.2 Archaismen
Unter dem Begriff Archaismus sind solche Ausdrücke zu verstehen, die im alltäglichen
Sprachgebrauch nicht mehr oder zumindest nur sehr selten ihre Anwendung finden. Einer der
Gründe dafür, warum sie an Intensität ihres Vorkommens verlieren und warum sie durch neue
anschaulichere Wörter ersetzt werden, ist vielleicht ihre altmodische Wirkung auf die
moderne Gesellschaft. Die "alten" Ausdrücke sind aber vom Sprachgebrauch nicht
vollkommen verschwunden. Sie gehören zum passiven Wortschatz v.a. älterer Menschen.


       Auch die Archaismen kann man in einige Subtypen einteilen:


● veraltete Wörter – ohngefähr, Barbier
● veraltende Wörter – Backfisch
● Historismen – Kurfürst, Troubadour




                                            28
        Die Archaismen werden oft zum Ausdruck der Satire oder Verspottung gebraucht.
Einen solchen Fall zeigen Faulseit-Kühn an einem Beispiel, genommen aus Heines
"Harzreise"23:
        »Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem König
von Hannover und enthält 999 Feuerstellen…«
        Durch den Archaismus "Feuerstellen" wird die Heinesche Aussageabsicht
ausgedrückt, dass die Universitätsstadt Göttingen noch auf der primitiven Stufe der Vorzeit
steht, wo anstelle der Herde offene Feuerstellen in Gebrauch standen. Das Wort
"Feuerstellen" anstatt "Herd" gehört zu den zahlreichen sprachlichen Ausdrucksmitteln, durch
die Heine die Rückständigkeit dieser Stadt verspottet.


5.3 Wortentlehnung


        Mit diesem Begriff wird die Übertragung der Wörter aus anderen Sprachen
bezeichnet. Diese werden weder direkt oder undirekt übernommen. Unter der direkten
Entlehnung versteht man die Übertragung der Wörter, ohne dass eine andere Sprache benutzt
werden müsste. Sie geschieht auf Grund von zwei Sprachen, der Ursprungssprache, in der das
Wort existiert, und der Zielsprache, die den konkreten Ausdruck übernimmt. Beispiele:


cool (engl.) → cool (dt.)
handout (engl.) → s Handout (dt.)
omelett (fr.) → e Omelette (dt.)


        Als Gegensatz zur direkten Entlehnung wirkt die indirekte Entlehnung. Diese braucht
mehr als zwei Sprachen zur Verfügung. Sie erfolgt über eine andere, die sog.
Vermittlerssprache, mittels derer die Wortentlehnung aus der Ursprungs- in die Zielsprache
verlaufen kann. Beispiele:


logos (gr.) → logica (lat.) → e Logik (dt.)
kahve (türk.) → caffe (it.) → r Kaffee (dt.)



23
  vgl. Faulseit, D., Kühn, G.: Stilistische Mittel und Möglichkeiten der deutschen Sprache. VEB
Bibliographisches Institut, Leipzig 1975, S. 210.



                                                      29
        Die Wortentlehnungen teilen sich nach ihrer Form in24:


        ● Fremdwörter – die Form des Wortes bleibt gleich wie in der Ursprungssprache
        (Baby, Renaissance, Jeans)
        ● Lehnwort – die graphische Form sowie die Aussprache werden dem deutschen
        Sprachsystem angepasst (Bibliothek, Gitarre, Bank)
        ● Calque – wörtliche Übersetzung des Fremdworts (week-end → s Wochenende)


        Die Wortentlehnung hat sich im Deutschen sehr verbreitet, besonders in der Presse
und den Massenmedien, und gehört zu den beliebtesten Weisen der Wortschatzerweiterung.
Vielleicht am häufigsten begegnen wir den aus dem Englischen (chat, surfen), Lateinischen
(Messe, Schule) und Französischen (Cousin, marschieren) entlehnten Wörtern, dem deutschen
Sprachsystem stehen jedoch auch viele andere Sprachen zur Verfügung, denen es sich
bedient, sei es z. B. Italienisch (Konzert, Spinat), Spanisch (Kakao, Aviso), Russisch (Grippe,
Wodka), Jiddisch (koscher, Schlamassel), Ungarisch (Gulasch, Paprika) und andere.




24
  Beispiele aus Káňa, T.: Lexikologie. Struktur des Faches mit Aufgaben und Übungen, Brno 2007, S. 52-53
angewendet.


                                                    30
6 Gottfried Keller und Erich Kästner: Leben und Werk

6.1 Gottfried Keller


6.1.1 Leben und Werk


         Gottfried Keller (*19. Juli 1819 in Zürich, †15. Juli 1890 in Zürich) war ein Schweizer
Schriftsteller und Dichter, der dem bürgerlichen Realismus zugeordnet wird. Er wurde als
Sohn des Drechslermeisters Hans Rudolf Keller geboren. Nur fünf Jahre später starb sein
Vater und so lebte er mit seiner Mutter und seiner Schwester Regula. Seine Beziehung zu
seiner scharfsinnigen, opferwilligen und künstlerisch empfänglichen Mutter hat sich vertieft.
Im Alter von sechs Jahren musste er in die Armenschule, drei Jahre später trat er in die
Industrieschule ein, die er nicht beendet hat. Daraufhin nahm er Malereiunterricht und schloss
eine Lehre beim Litographen und Vedutenmaler25 Peter Steiger ab. Seinen weiteren
künstlerischen Pfad verfolgte er in München unter Lehrmeister Rudolf Meyer. Erst im Jahre
1842 hat er anerkannt, dass er auf diesem Gebiet gescheitert ist und kehrte nach Zürich
zurück. Im Jahre 1846 veröffentlichte er die gesammelten Gedichte. Nach seinem Scheitern in
München verspürte er nur noch wenig Lust zum Malen und versuchte sich eher beiläufig und
durch Zufall als Dichter durchzusetzen. So entstanden die ersten Entwürfe zum „Grünen
Heinrich“, der nach gründlicher Umformung in der zweiten Fassung schliesslich zu einem der
wichtigsten Bildungsromane der deutschen Sprache wurde, vergleichbar in seiner Bedeutung
mit „Wilhelm Meister“ von Goethe und „Maler Nolten“von Mörike.
         Was seine Liebesbeziehungen betrifft, wurde er mehrmals unglücklich verliebt.
Zunächst war das die Liebe zu Marie Melos, im 1847 war das Luise Reiter. Auch diese Liebe
blieb unerwidert. Auch Johanna Kapp, die eine Cousine von Rafael Rosenzweig, einem engen
Freund von Gottfried war, tat es ihren Vorgängerinnen gleich und erwiderte seine Zuneigung
nicht.
         1861 bis 1876 arbeitete Keller als erster Staatsschreiber der Züricher Regierung. Zu
dieser Zeit, im Jahre 1864, starb seine Mutter und er verlor seine letzte Aussicht auf das
Familienleben, weil seine Braut Selbstmord verübt hat. Zu einer schöpferischen Wucht haben


25
  Eine Vedute (italienisch veduta: Ansicht, Aussicht) ist in der Bildenden Kunst (Malerei, Grafik) die
wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Landschaft oder eines Stadtbildes. Dem Ziel der realistischen Abbildung
sind alle anderen Aspekte bei der Bildgestaltung (Licht und Schatten, Farben, etc.) untergeordnet.



                                                      31
den scheuen Einzelgänger die prunkvollen Feiern seines fünfzigsten Geburtstages gerüttelt,
bei denen er auch die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich erhielt.
        Fünf Jahre später schrieb er die Fortsetzung des erfolgreichen ersten Bandes der
„Leute von Seldwyla“. Im Jahre 1878 veröffentlichte Keller die „Züricher Novellen“ in zwei
Bänden und 1884 „Das Sinngedicht“, worauf wenig später sein Alterswerk „Martin Salander“
folgte, das gleichzeitig eine kritische Betrachtung der Gesellschaft widerspiegelt und darüber
hinausgeht.
        Gottfried Keller verstarb am 15. Juli 1890 in Zürich, er wurde 70 Jahre alt. Sein Grab
liegt auf dem Friedhof Sihlfeld26, ein grosser Teil seines Nachlasses befindet sich in der
Zentralbibliothek Zürich.


6.1.2 Berühmte Werke


- Der grüne Heinrich (1854-55), teilweise autobiographischer Bildungsroman
- Die Leute von Seldwyla (Teil 1,1856)-Novellenzyklus mit den Erzählungen:
- Pankraz, der Schmoller
- Romeo und Julia auf dem Dorfe
- Frau Regel Amrain und ihr Jüngster
- Die drei gerechten Kammmacher
- Spiegel, das Kätzchen (ein Märchen)
- Die Leute von Seldwyla (Teil 2, 1873-74) mit Erzählungen:
- Kleider machen Leute
- Der Schmied seines Glückes
- Die mißbrauchten Liebesbriefe
- Dietegen
- Das verlorene Lachen
- Sieben Legenden (1872), Novellenzyklus
- Züricher Novellen (1877), Novellenzyklus mit den Erzählungen:
- Hadlaub
- Der Narr auf Manegg


26
  Der Friedhof Sihlfeld wurde 1877 als Züricher Zentralfriedhof errichtet und erhielt 1896 den aktuellen Namen.
Er ist die letzte Ruhestätte von August Bebel, Arnold Bürkli, Henry Dunant, Gottfried Keller, Rudolf Koller,
Johanna Spyri und anderer berühmter Persönlichkeiten.




                                                      32
- Der Landvogt von Greifensee
- Das Fähnlein der sieben Aufrechten
- Ursula
- Martin Salander (1886), Roman
- Gesammelte Werke(1889), in zehn Bänden



6.2 Erich Kästner

6.2.1 Leben und Werk

       Erich Kästner – weltberühmter Schriftsteller und Publizist, Lyriker, Erzähler,
Dramatiker, Literaturkritiker und Drehbuchautor - wurde am 23. Februar 1899 in Dresden als
Sohn der Friseuse Ida Augustin und des Sattlermeisters Emil Kästner geboren. Seine Kindheit
verbrachte er in Dresden. Mit achtzehn Jahren nahm er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil,
von woher er mit schwerem Herzleiden zurückkehrte. Ab 1919 studiert er am König-Georg-
Gymnasium, wo er später für sein ausgezeichnetes Abiturzeugnis das Goldene Stipendium der
Stadt Dresden erhält. Im Jahre 1925 beendete er sein Studium an der Leipziger Universität,
wo er zum Doktor der Philosophie promovierte. Nachdem zog er nach Berlin, wo er als
Theaterkritiker und Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitungen, z. B. der „Weltbühne“ oder
„Berliner Tageblatt“ arbeitet. In Berlin wurden seine ersten Werke veröffentlicht. Neben
seinen Lyrikbänden erschienen auch Kinderromane, wie z. B. „Emil und die Detektive“, „Das
Fliegende Klassenzimmer“ u. a. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurden seine Werke
verbrannt und der Autor selbst wurde verhaftet. Nach seindem Kriegsende zog er nach
München, wo er fürs literarische Kabarett „Die Schaubude“ und „Die kleine Freiheit“
arbeitet. Außerdem war er einer der Begründer der Internationalen Jugendbibliothek in
München und wurde Präsident des westdeutschen P.E.N.-Zentrums. E. Kästner blieb
unverheiratet, hatte jedoch eine langjährige Beziehung mit Luiselotte Enderle, deren Name
ihn zur Veröffentlichung seines Kinderbuches „Das doppelte Lottchen“ inspirierte, das im
Jahre 1949 erschien. Dieses Buch zusammen mit dem Kinderroman „Emil und die Detektive“
und „Die Konferenz der Tiere“ wurden weltbekannt und in viele Sprachen übersetzt. Manche
seiner Werke wurden auch verfilmt, wobei Kästner oftmals als die Erzählerstimme auftritt.
Mit 75 Jahren wurde E. Kästner wegen seiner Kreislaufprobleme ins Krankenhaus
Neuperlach eingeliefert, wo er am 29. Juli 1974 gestorben ist. Nach seinem Wunsch liegt er
im St.-Georgs-Friedhof in Bogenhausen begraben.


                                            33
6.2.2 Berühmte Werke


- Herz auf Taille (1928), Gedichtband

- Emil und die Detektive (1929), Kinderroman

- Lärm im Spiegel (1929), Gedichtband

- Pünktchen und Anton (1931), Kinderroman

- Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1931), Roman

- Das fliegende Klassenzimmer (1933), Roman

- Drei Männer im Schnee (1934), Roman

- Emil und die drei Zwillinge (1934), Kinderroman

- Das doppelte Lottchen (1949), Kinderroman

- Die Konferenz der Tiere (1949), Kinderroman

- Als ich ein kleiner Junge war (1957), autobiographisches Kinderbuch

- Der kleine Mann (1963), Kinderbuch

- Der kleine Mann und die kleine Miss (1967), Kinderbuch




                                              34
7 Vergleichende Analyse der Novellen von Gottfried Keller und
Erich Kästner


7.1 Analyse der Novellen von Gottfried Keller

       In diesem Kapitel versuche ich, eine Textanalyse von Gottfried Kellers Novellen nach
den im theoretischen Teil angeführten Mitteln der expressiven und emotionalen Wirkung
durchzuführen. Ich orientiere mich vorwiegend an der Suche nach den Stilfiguren, die ich in
den Kapiteln 2 – 4 beschrieben habe. Zur Analyse wähle ich zwei bekannte Novellen aus,
erfasst im zweibändigen Zyklus von Erzählungen unter dem Titel "Die Leute von Seldwyla",
die ich in den folgenden Schritten interpretiere. Den ersten Teil der jeweiligen Subkapitel
widme ich der inhaltlichen Seite der einzelnen Novellen und im zweiten Teil suche ich die
bestimmten Stilmittel im Text, die ich nachfolgend darstelle und auf Grund ihrer Anwendung
im Kontext näher erkläre. Diese werden so aneinandergereiht, wie sie im konkreten Werk
nacheinanderfolgen. Im letzten Subkapitel fasse ich im Kurzen die gesammelten stilistischen
Merkmale der interpretierten Novelle zusammen.


7.1.1 Spiegel, das Kätzchen (SdK)

7.1.1.1 Inhalt

       Die Novelle erzählt die Geschichte eines klugen Katers. Spiegel heiβt er wegen
seinem glatten und glänzenden Pelz. Er genieβt ein sorgenfreies Leben bei seinem Frauchen
in Seldwyla. Als sein Frauchen starb, lebte er einige Zeit auf der Straße, magerte ab und
verlor sein gepflegtes grau und schwarzes Aussehen. Eines Tages geht ein Stadthexenmeister
Pineiβ vorbei und bietet dem verelendeten Kätzchen einen Handel an. Spiegel willigt aus
Hunger ein. Er wohnt jetzt bei dem Hexenmeister und wird durch verschiedene Delikatessen
gefüttert, um dick genug zu werden, denn Herr Pineiβ braucht seinen Schmer zum Zauber.
Am Tag der Hinrichtung wird Spiegel nach seinen letzten Worten gefragt und dieser nutzt die
List, wie seinen Tod zu vermeiden. Er erzählt Herrn Pineiß von einer Bürde, die ihm sein
Frauchen jemals auferlegte. Er soll eine nette, einsame Frau und einen ihr angemessenen
Mann finden und die zwei mit 10000 Goldmünzen beschenken, die sein Frauchen damals in
seinem Unglück in den Brunnen hinter seinem Haus geworfen hatte. Pineiß schenkt der List
Spiegels Glauben und lässt ihn unter der Bedingung frei, dass er ihm die Frau findet und sie
mit den Glodmünzen belohnt. Auf der Suche nach einer geeigneten Frau trifft Spiegel auf



                                            35
seinen Freund, eine Eule, die von einer Hexe gefangengehalten wird. Dank ihrer Hilfe zwingt
er die Hexe, die sich in der Nacht in eine wunderschöne Frau verwandelt, auf den Handel
Spiegels mit dem Gold und dem Hexenmeister einzugehen. Am Tag der Hochzeit der beiden
kommt Spiegel offiziell frei, Herr Pineiβ erhält die Münzen und die Hexe zur Frau und dankt
dem Kätzchen von ganzem Herzen. Doch als er zu ihr nach Hause zurückkehrt, findet er sie
wieder als Begine zurückverwandelt und verdammt seine Dämlichkeit.


7.1.1.2 Textanalyse


        Am Anfang sowie am Ende dieser Erzählung stoβen wir auf ein Sprichwort "Er hat
der Katze den Schmer abgekauft!", das benutzt wird, "wenn ein Seldwyler einen schlechten
Handel gemacht hat oder angeführt worden ist,..."27. Diese Wendung übt hier eine belehrende
Funktion aus, deren Bedeutung man erst, nachdem man die ganze Geschichte liest, begreift,
denn es bezieht sich auf eine der Hauptgestalten, und zwar auf den Hexenmeister, der sich
vom Kätzchen Spiegel betrügen lieβ und die Begine heiratete.
        "Alsdann ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter Begeisterung über die
fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein rechter Don Juan bestand er bei
Tag und Nacht die bedenklichsten Abenteuer,..." (SdK, S. 245). Die Wendung als ein rechter
Don Juan ist ein okkasioneller Vergleich. Die Gestalt von Don Juan, deren Name aus der
spanischen Literatur bekannt ist, bezeichnet nach dem Deutschen Universlawörterbuch einen
"Mann, der ständig auf neues Liebensabenteuer aus ist, immer neue eurotische Beziehungen
sucht."28 So wird im Text der Spiegel genannt, der zweimal im Jahr sein beschauliches Leben
verlässt, bummelt und verschiedene Abenteuer erlebt.
        Nachdem seine Gebieterin gestorben war, hat sich Spiegel fest entschlossen, ihren
Erben zu dienen:
        "Doch seine gute Natur, seine Vernunft und Philosophie geboten ihm bald, sich zu
fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare Anhänglichkeit an das Haus seiner
toten Gebieterin dadurch zu beweiβen, daβ er ihren lachenden Erben seine Dienste anbot und
sich bereit machte, denselben mit Rat und Tat beizustehen, die Mäuse ferner im Zaume zu
halten und über dies ihnen manche gute Mitteilung zu machen,..." (SdK, S. 245). In diesem
Textabsatz finden wir zwei Stilfiguren, und zwar die gereimte Paarformel mit Rat und Tat
27
   Gottfried Keller, Spiegel, das Kätzchen. In: Die Leute von Seldwyla. 1. Band, Verlag Neues Leben, Berlin
1966, S. 243.
28
   Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim 2006, S. 414.



                                                      36
bezogen auf Spiegel, der durch seine Ratschläge und Leistungen den Erben seiner Gebieterin
helfen wollte, und das Idiom jmdn. im Zaume halten, wobei das Wort Zaum durch ein
anderes Wort Schach ersetzt werden könnte, ohne dass sich die Bedeutung der ganzen
Wendung verändert. Jmdn. im Zaume halten ist eine gehobene Wendung für jn. unter
Kontrolle haben.
       "...; doch der Hunger trieb ihn bald an das Licht und nötigte ihn, an der warmen
Sonne und unter den Leuten zu erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewährtigen, wo
sich etwa ein Maulvoll geringer Nahrung zeigen möchte."(SdK, S.246) Die Verbindung bei
der Hand sein ist ein verbaler Phraseologismus mit der Bedeutung greifbar oder bereit sein
und bezieht sich auf den Kater, der in den Häusern der Seldvyler die Mäuse fing, um von
ihnen etwas zum Essen zu bekommen. Diese Belohnung wird im Text als Maulvoll geringer
Nahrung bezeichnet, wobei das Wort Maulvoll eine Kompositionsmetapher ist, die betont,
dass es sich wirklich um ein kleines Bissen der Nahrung handelt.
       Im folgenden Gespräch, das Spiegel mit Herrn Pineiβ führt, stoβen wir auf
Archaismen:"Doch erwiderte er bescheiden und lächelnd, um es mit niemand zu verderben:
„Ach, der Herr Pineiβ belieben zu scherzen!“ – „Mitnichten!“ rief Pineiβ, „es ist mit voller
Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzüglich zur Hexerei;..." (SdK, S. 247) Beide Archaismen
üben hier eine gehobene Wirkung aus, wobei das Verb belieben die Bedeutung von Lust
haben trägt und das Adverb Mitnichten durch synonymisch wirkende Ausdrücke keineswegs
oder auf keinen Fall ersetzt werden könnte.
       Um den Kater anzulocken, beschreibt der Hexenmeister verschiedene Leckerbissen,
die ihm das Leben in seinem Haus bietet, und benutzt dabei einen Vergleich aus dem
Naturbereich: "Auf dem ungeheuer hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei
gesagt das köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter Gegenden und
Winkel, wächst auf den sonnigsten Höhen treffliches Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank
und fein in den Lüften schwankend,..." (SdK, S.247).
       "Spiegel hatte schon längst die Ohren gespitzt und mit wässerndem Mäulchen
gelauscht; doch war seinem geschwächten Verstande die Sache noch nicht klar, und er
versetzte daher:..." (SdK, S. 247). Die Ohren spitzen ist ein verbales Idiom mit der
Bedeutung von aufmerksam zuhören.
       Ein Funktionsverbgefüge ist in den folgenden zwei Absätzen zu finden:
       "„..., das versteht sich von selber! Doch will ich dich zu dem Handel nicht zwingen!“
Und er machte Miene, sich von dannen begeben zu wollen." (SdK, S. 248) Von dannen ist
ein veraltetes Adverb mit der Bedeutung von weg bzw. fort.


                                              37
        Denn in den abnehmenden Mond hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen
vermindernden Einfluβ auf mein wohlerworbenes Eigentum ausüben würde." (SdK, S. 248)
        "..., daβ ich nicht so jählings von hinnen gehen muβ,..." (SdK, S.248). Das Adverb
jählings hat eine gehobene Wirkung und kann das Adverb plötzlich ersetzen. Die Verbindung
von hinnen ist auch gehoben und dazu noch ein Archaismus mit der Bedeutung von "von hier
weg".
        "Überdies machte er das Wetter in schwierigen Zeiten, überwachte mit seiner Kunst
die Hexen, und wenn sie reif waren, lieβ er sie verbrennen; für sich trieb er die Hexerei nur
als wissenschaftlichen Versuch und zum Hausgebrauch, so wie er auch die Stadtgesetze, die
er redigierte und ins reine schrieb, unter der Hand probierte und verdrehte, um ihre
Dauerhaftigkeit zu ergründen." (SdK, S. 249). In diesem Satzgefüge, das die Tätigkeit des
Hexenmeisters beschreibt, sind zwei Idiome zu bemerken. Erstens ist es das verbale Idiom
etw. ins reine schreiben, d. h. eine sorgfältige Abschrift von etwas machen, den zweiten Fall
bildet das adverbiale Idiom unter der Hand mit der Bedeutung von heimlich, das die
Funktion der Modalbestimmung ausübt.
        "..., so war er zum Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete dies Amt schon
seit vielen Jahren mit unermüdlicher Hingebung und Geschicklichkeit, früh und spät." (SdK,
S. 249) Die Wendung früh und spät ist die Paarformel, deren Bestandteile zwei Antonyme
bilden und die gleiche Bedeutung wie die Wendung Tag und Nacht aufweisen.
        "Er vertiefte sich nun in vielfältige Grübeleien, wie das gelingen möchte; aber da die
Zeit der Gefahr nocht nicht da war, so wurde es ihm nicht klar, und er fand keinen Ausweg;"
(SdK, S. 251) Die Wendung keinen Ausweg finden ist das Funktionsverbgefüge.
        Während seines Aufenthalts im Hexenmeisters Haus denkt Spiegel über sein Schicksal
nach und begreift, dass er sterben soll. Nun wünscht er sich nichts anderes, als sich zu retten:
        "...; wenn ich rund genug bin, so muβ ich von hinnen, aus keinem andern Grunde, als
weil ich rund bin. Ein schöner Grund für einen lebenslustigen und gedankenreichen
Katzmann! Ach, könnte ich aus dieser Schlinge kommen!" (SdK, S. 251) Aus der Schlinge
kommen ist eine phraseologische Verbindung. Das Wort Schlinge findet sein Synonym im
Ausdruck Schlamassel. In dieser Situation befand sich Spiegel, der sein Schicksal verändern
und am Leben bleiben wollte. Er hörte daher auf, die gebratenen Delikatessen zu essen, und
bald wurde er wieder schlank. Das hat aber der Hexenmeister bemerkt:
        "Als Herr Pineiβ entdeckte, wie Spiegel immer auf dem selben Punkte einer
wohlgenährten, aber geschmeidigen und rüstigen Schlankheit stehenblieb, ohne eine
erkleckliche Fettigkeit anzusetzen, stellte er ihn eines Abends plötzlich zur Rede und sagte


                                               38
barsch:..." (SdK, S. 252). In diesem Textsegment finden wir ein vom veralteten Verb
erklecken abgeleitetes Adjektiv erklecklich, das die Bedeutung von ziemlich groβ trägt, und
die phraseologische Wendung jn. zur Rede stellen, was Deutsches Universalwörterbuch als
Forderung einer Rechenschaft von jemandem deffiniert.
           "Warum fängst du die gebratenen Vögel nicht auf den Bäumen, warum suchst du die
leckeren Mäuschen nicht in den Berghöhlen? Warum fischest du nicht mehr in dem See?
Warum pflegst du dich nicht? Warum schläfst du nicht auf dem Kissen? Warum strapazierst
du dich und wirst mir nicht fett?" (SdK, S. 252). In dieser Aufzählung von Fragen, die Herr
Pineiβ dem Kätzchen stellt, erscheint das Verb strapazieren. Es wurde vom italienischen
Wort strapazzare ins Deutsche übernommen und seinem Sprachsystem angepasst. Es handelt
sich um ein Lehnwort und der Vorgang der Übernahme wird als Wortentlehnung genannt.
           In der Spiegels Antwort erkennt Pineiβ, dass er ihn betrügen will, und gerät in
Erregung: "„Wie!“ rief Pineiβ, „du sollst so leben, daβ du dick und rund wirst, und nicht dich
abjagen! Ich merke aber wohl, wo du hinauswillst! Du denkst mich zu äffen und hinzuhalten,
daβ ich dich in Ewigkeit in diesem Mittelzustande herumlaufen lasse?...“" (SdK, S. 252) Das
Verb äffen hat hier eine gehobene Bedeutung von irreführen oder täuschen.
           Spiegel bemüht sich, sein Verhalten zu verteidigen: "„Ich weiβ kein Sterbenswörtchen
davon, daβ in dem Kontrakt steht, ich solle der Mäβigkeit und einem gesunden Lebenswandel
entsagen!...“" (SdK, S. 253). Das Diminutivkompostium Sterbenswörtchen hat hier eine
übertragene Bedeutung. Es geht nicht um ein paar Worte, die man vor seinem Tode äuβern
kann, sondern diese Zusammensetzung benutzt man oft in der Fügung kein/nicht ein
Sterbenswörtchen sagen, um damit auszudrücken, dass gar nichts gesagt wurde.
           Nach diesem Streit ging Pineiβ weg und lieβ Spiegel allein. Der verbrachte die Nacht
auf dem Dach, wo er einer Kätzin begegnete:
           "Dann machte er der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte den Tag und
Nacht bei ihr zu, ohne an den Pineiβ zu denken oder im Hause sich sehen zu lassen. Er sang
wie eine Nachtigall die schönen Mondnächte hindurch,jagte hinter der weiβen Geliebten her
über die Dächer,..." (SdK, S. 254) Singen wie eine Nachtigall ist ein Vergleich aus dem
Tierbereich, bezogen auf das Katers Streben, einen Eindruck auf die Kätzin zu machen.
Jmdm. den Hof machen ist ein verbales Idiom mit der Bedeutung von bes. eine Frau in
galanter Weise umwerben, sich um ihre Gunst bemühen29




29
     Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim 2006, S. 841.


                                                     39
        "Da schied Spiegel von der weiβen Freundin, welche zufrieden und kühl miauend
ihrer Wege ging, und wandte sich stolz seinem Henker zu." (SdK, S. 254). Der Ausdruck
Henker ist hier metaphorisch gebraucht und bezeichnet den Hexenmeister, der das Kätzchen
ums Leben bringen will.
        "„...Sollte ein gelehrter Zaubermeister beliebt haben, sich in dero äuβere Gestalt zu
verkleiden, da er nach Gefallen über sein Leibliches gebieten und genauso beliebt werden
kann...“" (SdK,. S. 255). Das Wort dero ist eine veraltete, ursprünglich ahd. Form des
heutigen Pronomens deren.
        Als Spiegel mit Herrn Pineiβ neue Bedingungen des Vertrages besprechen wollte,
wurde dieser wieder zornig und schloss ihn diesmal in den Gänsestall: "Da packte Pineiβ den
Spiegel wütend am Kragen, sperrte ihn in den Gänsestall, der immer leer war, und schrie:
„Da sieh zu, ob dir deine süβe Gewalt der Leidenschaft noch einmal heraushilft und ob sie
stärker ist als die Gewalt der Hexerei und meines rechtlichen Vertrages! Jetzt heiβt es: Vogel
friβ und stirb!“" (SdK, S. 256) In der phraseologischen Wendung "Vogel friβ und stirb!" ist
deutlich die Intention des Autors, die Situation des armen Katers zu betonen, die mit einem im
Käfig gehaltenen Vogel vergleichbar ist, der zum Überleben fressen muss, was man ihm
zuschanzt. Dasselbe gilt für den gefangenen Spiegel, der gemästet wird, um dann später um
seinen Schmer gebracht zu werden.
        "Als Spiegel in seinem Käfig ihm endlich fett genug dünkte, säumte er nicht länger,
sondern stellte vor den Augen des aufmerksamen Katers alle Geschirre zurecht und machte
ein helles Feuer auf dem Herd, um den langersehnten Gewinn auszukochen." (SdK, S. 257).
Ein Feuer machen ist das Funktionsverbgefüge.
        Als sich die Sterbenstunde Spigels annäherte, began er, absichtlich laut zu beklagen,
dass er den letzwilligen Wunsch seiner verstorbenen Gebieterin nicht erfüllte:
        "„Ach, was hilft das Reden jetzt noch“, seufzte Spiegel, „geschehen ist geschehen, und
jetzt ist Reue zu spät!“" (SdK, S. 257). Dieser Phraseologismus drückt eine Pflicht oder ein
Versprechen aus, zu deren Erfüllung man früher keine Zeit fand, und jetzt, wenn es möglich
ist, ist es zu spät.
        Das hat im Herrn Pineiβ seine Neugier erweckt und Spiegel konnte fortsetzen:
        "„...Es betrifft die zehntausend Goldgülden meiner seligen Gebieterin – aber was hilft
Reden! – Zwar - wenn ich bedenke und Euch ansehe, so möchte es vielleicht doch nicht ganz
zu spät sein – wenn ich Euch betrachte, so sehe ich, daβ Ihr ein noch ganz schöner und
rüstiger Mann seid, in den besten Jahren – sagt doch, Herr Pineiβ!" (SdK, S. 258) In dieser



                                              40
direkten Rede finden wir ein nominales Idiom, das zur näheren Darstellung der Gestalt des
Hexenmeisters, zur Hervorhebung dessen, dass er in der Blüte seines Lebens ist, dient.
       "„Wenn du jetzt“, rief Pineiβ, „nicht bei der Sache bleibst und sie verständlich der
Ordnung nach dartust, so schneide ich dir vorläufig den Schwanz und beide Ohren ab!...“"
(SdK, S. 259). In diesem Satz gibt es wieder eine phraseologische Wendung, die man als
konzentriert sein oder nicht vom Thema abschweifen umschreiben kann. Das Idiom bezieht
sich auf das Katers Erzählen, der, wie es dem ungeduldigen Herrn Pineiβ schien, vom Thema
abschweifte.
       Spiegel began also, die Geschichte seiner Gebieterin vom Anfang an zu schildern:
       "„...Aber nicht immer war es um sie her so still und ruhig zugegangen, und obgleich
sie niemals von bösem Gemüt gewesen, so hatte sie doch einst viel Leid und Schaden
angerichtet; denn in ihrer Jugend war sie das schönste Fräulein weit und breit,..." (SdK, S.
259) Die Verbindung von zwei Adverbien weit und breit bildet eine gereimte Paarformel,
mittels derer die Tatsache betont wird, dass es in der ganzen Umgebung kein schöneres
Fräulein gibt.
       Im Textsegment, in dem Spiegel Herrn Pineiβ über die Freier seiner Gebieterin
erzählt, die sie ihrem Misstrauen wegen ständig ablehnte, gibt es zwei nacheinander folgende,
synonymisch wirkende Idiome: "...; denn zeigten sie sich freigebig und aufopfernd, gaben sie
glänzende Feste, brachten sie ihr Geschenke dar oder anvertrauten ihr beträchtliche Gelder
für die Armen, so sagte sie plötzlich, dies alles geschehe nur, um mit einem Würmchen den
Lachs zu fangen oder mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, wie man zu sagen
pflegt." (SdK, S. 261) Sie bedeuten für weniges vieles zu bekommen.
       Wenn wir jemanden für etwas moralisch verdammen oder verurteilen, dann sagen wir
zu ihm: Ich habe über dich den Stab gebrochen, und gerade dieses Idiom wurde auch in der
Novelle benutzt, bezogen auf die Art und Weise, wie die junge Dame (Gebieterin) mit
knauserigen Männern verfahren hat : "Bezeigten sich dieselben aber zurückhaltend oder gar
knauserig, so war der Stab sogleich über sie gebrochen, da sie das noch viel übler nahm und
daran eine schnöde und nackte Rücksichtslosigkeit und Eigenliebe zu erkennen glaubte."
(SdK, S. 261).
       "Aber als sie einige Tage bei ihrer Base verweilt, sollte unverhoft eine andere Melodie
ertönen und ein Frühlingsanfang in ihr aufgehen, von dem sie bis dato noch nicht viel
gewuβt." (SdK, 261). Hier stoβen wir auf zwie veraltete Wörter. Base wird heute durch das
aus dem Französischen stammenden Wort Cousine ersetzt und für das lateinische Adverb



                                             41
dato, das man früher v. a. in der Kaufmannssprache prägte, findet man im heutigen Deutsch
Synonyme bisher, bis jetzt, bislang.
          "...; denn er war unternehmend und klar von Gedanken und hatte eine glückliche
Hand, wie es unbefangene und unschuldige Leute oft haben, denn auch dies war der junge
Mann; er schien, so wohl gelehrt er war, doch so arglos und unschuldig wie ein Kind."
(SdK, S. 262). Eine glückliche Hand haben ist ein Phraseologismus, bezogen auf einen
Menschen, der z. B. beim Handeln ein besonderes Geschick aufweist. In der Novelle wird
diese positive Eigenschaft, zusammen mit der Arglosigkeit und Undschuldigkeit, durch die er
sich einem Kind angleicht, dem jungen Kaufmann zugeschrieben, in den sich die Spiegels
Gebieterin in ihrer Jugend verliebte.
          Das veraltende Wort Freier im Satz: "Sie wurde wieder heiter, und wenn sie
dazwischen auch traurig war, so geschah dies in dem Wechsel der Liebesfurcht und
Hoffnung, welche immerhin ein edleres und angenehmeres Gefühl war als jene peinliche
Verlegenheit in der Wahl, welche sie früher unter den vielen Freiern empfunden." (SdK, S.
262) mit der Bedeutung von jemandem, der um eine Mädchen freit, findet sein Synonym im
Ausdruck Bewerber.
          "Aber vielleicht hätte das nie jemand erfahren, wenn er in seiner Einfalt nicht
aufgemuntert worden wäre durch des Fräuleins Zutulichkeit, welche er mit heimlichem
Zittern und Zagen für eine Erwiderung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine
Verstellung kannte." (SdK, S. 263) In diesem Satzgefüge habe ich die Wendung mit Zittern
und Zagen herausgestellt. Es handelt sich um eine Zwillingsformel und zwar um ein
tautologisches Wortpaar. Tautologisch heiβt, dass diese Binominale aus zwei synonymischen
Wortbestandteilen besteht. Die Bedeutung der Paarformel ist "sich um jmdn./etw. Groβe
Sorgen machen".
          Der Konversion, bei der es zur Substantivierung der Antwortpartikeln ja und nein
kam, begegnet man im folgenden Textauszug: "Denn er war nicht gewohnt zu denken, daβ
ein solches schönes und wohlbeschaffenes Fräulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und
nicht auch gleich zum ersten Mal ihr unwiderrufliches Ja oder Nein erwidern sollte." (SdK,
S. 264)
          Im nächsten Absatz stoβen wir gleich auf zwei nacheinander folgende Paarformeln
und auf eine Modellbildung, die dem Leser den Charakter des jungen Kaufmanns nahe
bringen: "Er war ebenso zart gesinnt als heftig verliebt, ebenso spröde als kindlich und
ebenso stolz als unbefangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod und Leben, auf Ja oder
Nein, Schlag um Schlag." (SdK, S. 264).


                                             42
           Obwohl sich die Dame in den jungen Kaufmann verliebt hat, dachte sie sich trotzdem
eine List, um seine Hingebung zu prüfen, und fing an zu klagen, dass sie in ihrer Heimat
einen Bräutigam hat, den sie heiraten will. Die Hochzeit kann abre nicht stattfinden, weil sie
darauf kein Geld haben:
           "Aber in trüber Unstern hätte sie betroffen: ihr Bräutigam sei ein Kaufmann, aber so
arm wie eine Maus; darum hätten sie den Plan gefaβt, daβ er aus den Mitteln der Braut
einen Handel begründen solle;..." (SdK, S. 265). Die Wendung arm wie eine Maus ist ein
Vergleich aus dem Tierbereich, bezogen auf die Armut des Bräutigams.
           "..., und würde sicherlich ein groβer Kaufherr werden, wenn ihm geholfen würde, und
sie kenne kein anderes Glück mehr auf Erden, als dann dessen Gemahlin zu sein!" (SdK, S.
265). Der Ausdruck Gemahlin wird heutzutage als archaistisch angesehen und findet seine
Anwendung am häufigsten in der Dichtung. Synonymisch zu diesem Wort wirken die
Substantive Gattin oder Ehefrau eines Mannes aus einer höheren sozialen Schicht.
           "Als sie diese Erzählung beendet, hatte sich der arme schöne Jüngling schon lange
entfärbt und war bleich wie ein weiβes Tuch." (SdK, S. 265) Der Vergleich Bleich wie ein
weiβes Tuch beschreibt die Reaktion des jungen Kaufmanns, nachdem er die Geschichte des
jungen Fräuleins bis zum Ende hörte. Er fühlte sich peinlich, dass er um ein Mädchen warb,
das ihre Liebe einem anderen Mann versprochen hatte:
           "...; so sehr fühlte er sich betroffen und beschämt, daβ er sein Auge auf eine Dame
geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern liebte." (SdK, S. 265) Ein Auge auf
jmdn. werfen ist ein, in der Umgangssprache gebräuchliches, verbales Idiom und bedeutet
sich für jmdn./etw. zu interessieren beginnen.30
           In den folgenden Textabsätzen, die die Gefühle des Fräuleins schildern, nachdem ihr
vom jungen Kaufmann Hilfe angeboten wurde, begegnen wir einem okkasionellen Vergleich
und einem verbalen Idiom: "Ihre Augen funkelten von freudiger Überraschung, und ihre
Brust pochte wie ein Hammerwerk; sie fragte ihn, wo er denn dies Kapital hergenommen,
und er erwiderte, er habe es auf einen guten Namen geliehen..." (SdK, S. 266).
           "Sie lieβ ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat grausamerweise, als ob
diese dem Glücke gälten, nun doch ihren Erwählten retten und heiraten zu dürfen, und sie
konnte nicht Worte finden, ihre Dankbarkeit auszudrücken." (SdK, S. 266). Einer Sache
freien Lauf lassen ist ein verbales Idiom mit der Bedeutung von "eine Sache nicht
beeinflussen" oder "zurückhalten".


30
     Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim 2006, S. 204.


                                                     43
        Um das Fräulein über die Erfüllung seines Versprechens zu überzeugen, wurde im
Text das Phraseologismus jmdm. auf etw. die Hand geben benutzt: "Endlich versprach er es,
aber er muβte ihr die Hand darauf geben und es ihr bei seiner Ehre und Seligkeit
beschwören." (SdK, S. 266)
        Der Vergleich ist in der folgenden Passage zu bemerken: "Auf der Teufelsbrücke, wo
sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine Unkluge und warf mit hellem Jauchzen
ihrer wohlklingenden Stimme einen Granatblütenstrauβ in die Reuβ,..." (SdK, S. 267). Der
Vergleich bezieht sich auf das junge Fräulein, die sich während seines Rückkehrs in die
Heimat darüber freute, dass sie der Kaufmann, den es liebte, demnächst besucht.
        Da er aber nicht erschien, schickte die Gebieterin viele Briefe nach Mailand, um zu
wissen, was passierte: "Da fing sie an, an allen Gliedern zu zittern und verfiel in die gröβte
Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe über Briefe nach Mailand, aber niemand wuβte ihr
zu sagen, wo er geblieben sei." (SdK, S. 268). In dieser kurzen Passage kommt eine
Modellbildung vor.
        "..., denn noch einmal in Eurer Nähe erscheinen mit einem Feuer in der Brust,
welches stärker und unauslöschlicher ist als das Höllenfeuer und mich dieses kaum wird
verspüren lassen." (SdK, S. 268). Der Ausdruck Feuer in der Brust hat hier eine
metaphorische Bedeutung. Es handelt sich um kein Feuer als solches, sondern um eine
leidenschaftliche Liebe, die im Herzen des jungen Kaufmanns flammt.
        "So hatte in dieser Schlacht, nach welcher König Franziskus sagte: „Alles verloren
auβer der Ehre!“, der unglückliche Liebhaber alles verloren, die Hoffnung, das Leben und
die ewige Seligkeit, nur die Liebe nicht, die ihn verzehrte." (SdK, S. 269). Die Wendung Alles
verloren auβer der Ehre kann als Sprichwort betrachtet werden, das wahrscheinlich durch
Modifizierung des ursprünglichen Ehre verloren, alles verloren entstand. Einer der Gründe,
warum der Autor dieses Sprichwort modifiziert hat, ist vielleicht das Streben nach der
Hervorhebung der Ehre der Schweizer Soldaten, die ewig bleibt, obwohl alles andere im
Krieg verloren geht.
        "„Es dauerte manche Jahre“, sagte Spiegel, „bis das Fräulein aus bittern
Seelenleiden soweit zu sich kam, daβ sie anfangen konnte, die stille alte Jungfrau zu werden,
als welche ich sie kennenlernte." (SdK, S. 269). Die Verbindung alte Jungfrau bezieht sich
auf die Gebieterin Spiegels und bezeichnet eine ältere, zimperliche, unverheiratet gebliebene
Frau.
        "„Ich bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe dir die Vollmacht, daβ du meine
Verordnung vollziehest. Sieh dich um und suche, bis du eine bildschöne, aber unbemittelte


                                             44
Frauensperson findest, welcher es ihrer Armut wegen an Freiern gebricht! " (SdK, S. 270).
Die Vollmacht geben ist wieder ein FVG.
       "„Zu    jeder   Stunde!“    versetzte   Spiegel,   „aber    Ihr   müβt   wissen,   Herr
Stadthexenmeister, daβ Ihr das Gold nicht etwa so ohne weiteres herausfischen dürftet!...“"
(SdK, S. 270) Diese direkte Rede enthält ein nominales Idiom zu jeder Stunde, das eine
Funktion der Temporalbestimmung ausübt und als Synonym zum Adverb jederzeit
vorkommt.
       "„Da wäre nun der Schatz!“ sagte Herr Pineiβ, indem er sich hinter den Ohren
kratzte, „und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne Weib!“" (SdK, S.
271). Das zusammengesetzte Adjektiv bildschön ist ein Beispiel der Kompositionsmetapher.
       Im folgenden Textabsatz, in dem Herr Pineiβ überlegt, wie die bildschöne Frau zu
beeindrucken, stoβen wir auf eine Binominale:"...;da wird dann mit wichtigem Gesicht ein
Pferd besehen und ein Stück Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen eine gute Armbrust
bestellt, und der Büchsenschmied kommt nicht aus dem Hause;..." (SdK, S. 272).
       Die abwertende Bedeutung übt hier die Anredeweise aus: "Genug, du Plappermaul!
Sag jetzt unverzüglich: wo ist sie, von der du weiβt?" (SdK, S. 272).
       In der folgenden direkten Rede, die Herr Pineiβ führt, erscheinen gleich zwei aus dem
Lateinischen entlehnte Wörter Kontrakt und salvieren: "Ich merke, du willst unsern Kontrakt
aufheben und deinen Kopf salvieren!" (SdK, S. 273). Synonymische deutsche Ausdrücke zu
diesen sind der Vertrag und sich retten.
       Im nächsten Textabschnitt ist ein verbales Idiom zu bemerken: "„Ihr seid ein
wunderbarer Mensch, Herr Pineiβ! Da haltet Ihr mich an einer Schnur gefangen und zerrt
daran, daβ mir der Atem vergeht!...“" (SdK, S. 273) Wenn jmdm. der Atem vergeht, ist er
mit seinen Kräften am Ende.
       "„Ei du Tollhäusler und Obenhinaus!“ sagte Pineiβ, „du Hitzkopf, so streng wird es
nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein, und muβ jedenfalls ein neuer
Vertrag geschlossen werden!“" (SdK, S. 274). In diesem kurzem Satz, der als Reaktion Herrn
Pineβ auf Spiegels Vortrag der Modifizierung des ursprünglichen Vertrages vorkommt, gibt
es drei Komposita mit negativer Bedeutung, die die Funktion der Schimpfwörter ausüben.
       "Spiegel gab keine Antwort mehr und saβ unbeweglich da, ein, zwei und drei
Minuten." (SdK, S. 274). Die Wendung Antwort geben ist eine feste Wortverbindung, die wir
Funktionsverbgefüge (FVG) nennen.
       "Indessen hatte er schon eine Person im Auge, welche er dem törichten Hexenmeister
aufzuhalsen gedachte für seine gebratenen Krammetsvögel, Mäuse und Würstchen." (SdK, S.


                                               45
274). Jmdn./etw. im Auge haben ist ein verbales Idiom mit der Bedeutung: jmdn./etw. im
Sinn haben oder vorhaben.
       Im folgenden Textsegment finden wir wieder eine Kompositionsmetapher, bezogen
auf die Fenstervorhänge des Hauses, in dem die alte Beghine wohnt: "Die Bescheidenen
Fenstervorhänge waren immer schneeweiβ und wie soeben geplättet, und ebenso weiβ war
der Habit und das Kopf- und Halstuch einer alten Beghine, welche in dem Haus
wohnte,…"(SdK., S. 274)
       Dem Vergleich begegnen wir im nächsten Absatz, der die Beziehungen zwischen
Herrn Pineiβ und der alten Beghine beschreibt:"…; nur auf ihren Nachbar schien sie einen
besondern Haβ geworfen zu haben; denn sooft er sich an seinem Fenster blicken lieβ, warf sie
ihm einen bösen Blick hinüber und zog augenblicklich ihre weiβen Vorhänge vor, und Pineiβ
fürchtete sie wie das Feuer …" (SdK, S. 275).
       Eine gereimte Zwillingsformel mit der Bedeutung von so gut es geht ist im nächsten
Textsegment zu bemerken: "Hier habe ich Euch ein Mäuschen gebracht, schlecht und recht,
wie es die Jahrszeit gibt, wenn Ihr es nicht verschmähen wollt!" (SdK, 277)
       Das verbale Idiom jmdm. an den Kragen wollen, das wir als jmdn. verprügeln bzw.
jmdm. den Hals abdrehen wollen umschreiben können, ist in der direkten Rede sichtbar, die
Spiegel führt, um seiner Freundin, der Eule, über seine Geschichte zu erzählen: "„Fast
wunderlich“, erwiderte Spiegel, „sie wollten mir an den Kragen. Hört, wenn es Euch gefällig
ist.“ Während sie nun vergnüglich ihr Abendessen einnahmen, erzählte Spiegel der
aufmerksamen Eule alles, was ihn betroffen und wie er sich aus den Händen des Herrn Pineiβ
befreit habe." (SdK, S. 277)
       "„Damit sind wir noch nicht zu Ende“, sagte Spiegel, „der Mann muβ seine Frau und
seine Goldgülden haben!“" (SdK, S. 277). Mit etwas nicht zu Ende sein ist ein verbales
Idiom, der zum Ausdruck bringt, dass man noch nicht fertig ist oder mehr sagen kann, als was
bisher gesagt wurde. Spiegel wollte seiner Freundin, der Eule, einfach erklären, dass seine
Geschichte, die er ihr erzählte, noch weiter geht.
       Die Reaktion der Eule auf Spiegels Absicht mit den Goldgülden, bei der sie ihn für
einen Narren bezeichet, wird mittels eines anderen verbalen Idioms ausgedückt: "„Seid Ihr
von Sinnen, dem Schelm noch wohlzutun, der Euch das Fell abziehen wollte?“" (SdK, S.
277). Wollen wir jmdm. etwas auf gleiche Art vergelten, dann sagt man oft: jmdm. mit/in
gleicher Münze heimzahlen/wiederbedienen. Dieses verbale Idiom hat auch in der Novelle
seine Anwendung gefunden: "„Ei, er hat es doch rechtlich und vertragsmäβig tun können,



                                               46
und da ich ihn in gleicher Münze wiederbedienen kann, warum sollt ich es unterlassen? Wer
sagt denn, daβ ich ihm wohltun will?...“" (SdK, S. 277)
       "„Das wuβt ich wohl, daβ Ihr klug seid! Ich habe das Meinige getan, und es ist
besser, daβ Ihr auch Euren Senf dazugebt und neue Kräfte vorspannt, so kann es gewiβ nicht
fehlen!“" (SdK, S. 278). Der Ausdruck Meinige ist ein veraltendes Possesivpronomen, das im
Text substantiviert wurde. Seinen Senf dazugeben, d. h. seine Gedanken ausdrücken bzw.
seinen Kommentar geben, ist wieder ein verbales Idiom, bezogen auf die Meinung der Eule.
       " „Ich will es holen“, sagte die Eule, „steht nur so lang Wache für mich in diesem
Loch, und wenn etwa die Meisterin den Schornstein hinaufrufen sollte, ob die Luft rein sei? so
antwortet, indem Ihr meine Stimme nachahmt: Nein, es stinkt noch nicht in der Fechtschul!“"
(SdK, S. 279). Diese Passage enthält ein Funktionsverbgefüge Wache stehen.
       Eine aus zwei identischen Wörtern bestehende Modellbildung, die die Bedeutung von
ab und zu oder gelegentlich ersetzt, ist im folgenden Absatz zu bemerken: "Als er des andern
Tages hinging, um das Garn abermals auszuspannen, kam eben ein Reiter daher, welcher
einen schweren Mantelsack hinter sich hatte; in diesem war ein Loch, aus welchem von Zeit
zu Zeit ein Goldstück auf die Erde fiel." (SdK, S. 279).
       "Am dritten Tag endlich, nämlich gestern, als er eben wieder auf dem Wege war, traf
er eine hübsche Gevattersfrau an, die dem Alten um den Bart zu gehen pflegte und der er
schon manches Häslein geschenkt hat." (SdK, S. 279). Die phraseologische Wendung jmdm.
um den Bart gehen verwenden wir, wenn uns jemand zu schmeicheln pflegt. Das ist der Fall
des Jägers, über den die Eule erzählt.
       "Ist die Luft rein?" (SdK, S. 280). Diese Entscheidungsfrage, die die Hexe von unten
hinaufruft, um sich zu sichern, dass niemand bemerken kann, wie sie aus dem Schornstein
herausfliegt, enthält wieder ein Phraseologismus, wobei man danach fragt, ob es jmdn. in der
nahen Umgebung gibt, der horcht bzw. eine Gefahr darstellt.
       Als die Hexe aus dem Schornstein herausflog, wurde sie in das Garn gefangen, das die
zwei Tiere über den Schornstein gespannt hatten:
       "Die Hexe zappelte und tobte mäuschenstill wie ein Fisch im Netz; aber es half ihr
nichts, und das Garn bewährte sich auf das beste." (SdK, S. 280). In diesem kurzen Absatz
gibt es zwei Arten der Tropen, und zwar die Kompositionsmetapher mäuschenstill, die um
einen okkasionellen Vergleich aus dem Tierbereich wie ein Fisch im Netz erweitert wird.
       Einen anderen Vergleich gibt es in der nächsten Stelle, die die Reaktion der Hexe auf
Spiegels Vortrag, den Hexenmeister zu heiraten, beschreibt: "Da fing die Hexe wieder an zu
zappeln und zu prusten wie der Teufel, und die Eule sagte: „Sie will nicht dran!“ Spiegel


                                              47
aber sagte: „Wenn Ihr nicht ruhig seid und alles tut, was wir wünschen, so hängen wir das
Garn samt seinem Inhalte da vorn an den Drachenkopf der Dachtraufe, nach der Straβe zu,
daβ man Euch morgen sieht und die Hexe erkennt!...“" (SdK, S. 280).
        Aus Furcht, dass ihre Identität der Hexe aufgedeckt werden könnte, geht sie auf
Spiegels Abkommen ein und wartet auf ihren zukünftigen Mann, den Hexenmeister, unter
einem Baum: "Dort traf er ein weinendes Frauenzimmer sitzen unter einem Weidenbaum,
von so groβer Schönheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so dürftig und
zerrissen, daβ, sie mochte sich auch schamhaft gebärden, wie sie wollte, immer da oder dort
der schneeweiβe Leib ein biβchen durchschimmerte." (SdK, S. 281). Das Kompositum
Frauenzimmer mit der Bedeutung der weiblichen Person ist ein veraltetes Wort.
        Dem metaphorischen Gebrauch begegnen wir im folgenden Textsegment: "Da
trocknete die Schöne ihre Tränen, gab ihm mit süβem Lächeln die Hand, dankte ihm mit einer
himmlischen Glockenstimme für seine Groβmut und schwur, ihm ewig treu zu sein." (SdK, S.
281).
        Die ganze Geschichte wird mittels eines Sprichwortes Stille Wasser sind tief beendet.
Es deutet an, dass viele Leute, die als still und ruhig erscheinen, uns durch ihre verborgene
Natur oder ihr Handeln völlig überraschen können. In der Novelle erklang dieses Sprichwort
aus dem Mund der Seldwyler Leute, die ganz erstaunt waren, als sie über die nicht erwartete
Hochzeit des Hexenmeisters Pineiβ mit der Begine erfuhren: "Ei seht, wie stille Wasser tief
sind! Wer hätte gedacht, daβ die fromme Beghine und der Herr Stadthexenmeister sich noch
verheiraten würden! Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches Paar, wenn auch nicht sehr
liebenswürdig!" (SdK, S. 282).


        Die Novelle "Spiegel, das Kätzchen" reiht man heutzutage zu den Kindermärchen,
obwohl sie durch ihren Inhalt und stilistische Ebene auch für einen Erwachsenen ein
interessantes Lesen darstellt. Dass sie eher den Kindern gewidmet wird, belegt auch eine
groβe Menge von Verkleinerungsformen, die beim Kind eine emotionelle Reaktion
hervorrufen können. Angesichts dessen, dass das Vorkommen der Diminutiva im Text
massenhaft ist, beschränke ich mich nur auf einige Beispiele.
        Im Werk erscheint vielleicht am öftesten das Diminutiv Kätzchen. Dieses bildet auch
den Bestandteil des Titels und drückt neben dem Wort Spiegel die Anrede der Hauptgestalt
aus, was einer der Gründe seines häufigen Vorkommens im Text sein könnte. Auch die Form
des Namen des Katers Spiegel wird im Werk vielmals auf Spiegelchen verkleinert und besetzt
dank seiner Frequenz die zweite Stelle. Was die anderen Verkleinerungsformen angeht, sind


                                             48
das vornehmlich Substantvie, deren ursprüngliche Form (s Grundwort) durch Diminution
modifiziert wurde, wobei die Verwendung vom Suffix –chen überwiegt. Nennen wir ein
Paar Beispiele: Würstchen, Ämtchen, Würmchen, Bürschchen, Mäuschen, Mäulchen,
Aderlaβmännchen, Wäldchen, Tannbäumchen, Kräutchen, Weibchen, Sterbenswörtchen und
viele andere. Nur selten stoβen wir auf Diminutiva, die das Suffix –lein enthalten: Mäuslein,
Kätzlein, Fähnlein, Häslein.


7.1.1.3 Fazit


       Im vorherigen Kapitel 7.1.1.2 beschäftigte ich mich mit der stilistischen Analyse des
Kindermärchens "Spiegel, das Kätzchen", wobei ich mich vorwiegend auf Suche nach
expressiven Stilfiguren konzentrierte. Zur Zusammenfassung führe ich nachfolgend einige
Beispiele von Figuren an, die in der Novelle in groβer Menge vorkommen.


       Vergleiche:


       schwatzen wie ein Tor
       grün wie Smaragd
       singen wie eine Nachtigal
       arglos und unschuldig wie ein Kind
       bleich wie ein weiβes Tuch
       jmdn. fürchten wie das Feuer




       Metapher:


       Kirschenlippen                             Lippen, die rot wie Kirsche sind
       schneeweiβ                                 weiβ wie Schnee
       bildschöne Weib                            Weib, die schön wie ein Bild ist




                                             49
        Nominale Idiome:


        zu jeder Stunde                                   jederzeit31
        unter der Hand                                    heimlich
        kein Sterbenswörtchen                             kein einziges Wort
        in den besten Jahren                              in der Blüte des Lebens
        eine alte Jungfer                                 ältere, unverheiratet gebliebene Frau


        Verbale Idiome:


        eine Person im Auge haben                         jmdn. im Sinne haben
        die Ohren spitzen                                 aufmerksam zuhören
        von Sinnen sein                                   verrückt werden
        über jmdn. den Stab brechen                       jmdn. moralisch verurteilen, verdammen
        mit der Wurst nach der Speckseite werfen für wenig vieles kaufen
        jmdm. an den Kragen wollen                        jmdm. Schaden zufügen
        einer Sache freien Lauf lassen                    nicht eingreifen
        die Luft rein sein                                keine Gefahr in der Umgebung


        Zwillingsformeln:


        mit Rat und Tat                                   mit Ratschlägen und Hilfeleistungen
        weit und breit                                    in der ganzen Umgebung
        auf Tod und Leben                                 leben oder sterben
        schlecht und recht                                so gut es geht
        mit Zittern und Zagen                             voller Furcht


        Kollokationen bzw. FVG:


        keine Antwort geben
        einen Vertrag abschliessen
        Miene machen

31
  die einzelnen Begrifferklärungen aus Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim
2006 angewendet


                                                   50
       Wache stehen
       Einfluss ausüben
       Inzichten haben
       imstande sein
       keinen Ausweg finden


       Sprichwörter:


       Er hat der Katze den Schmer abgekauft
       Vogel friss und stirb
       Stille Wasser sind tief
       Alles verloren auβer der Ehre


       Archaismen:


       mitnichten                                       keineswegs
       von dannen                                       weg bzw. fort
       von hinnen                                       von hier weg
       erklecklich                                      ziemlich groβ
       dero                                             deren
       meinig                                           mein
       Freier                                           Bewerber




       Aus der angeführten Aufzählung sowie der Gesamtanalyse des Textes ist ersichtlich,
dass sich G. Keller beim Schreiben dieser Novelle vornehmlich der phraseologischen Mittel,
v. a. der verbalen und nominalen Idiome, bediente, deren Vorkommen fast vergleichbar mit
der Häufigkeit von Verkleinerungsformen ist. Die zweite Stelle ihrer zahlreichen Anwendung
besetzen dann der Vergleich und die Zwillingsformeln. In nicht geringem Maβe figurieren
hier auch die sog. Funktionsverbgefügen (FVG). Ihre Rolle spielen in der Geschichte die
Sprichwörter. Auβer diesen gebräuchlichen Stilmittel kann man im Text auch Archaismen
(mitnichten, erklecklich), Metaphern (Maulvoll, Kirschenlippen), Schimpfwörter (Hitzkopf,
Plappermaul), Entlehnungen (salvieren, Base) und Modellbildungen (von Zeit zu Zeit, Schlag
auf Schlag) finden.


                                           51
7.1.2 Kleider machen Leute (KmL)

7.1.2.1 Inhalt

       Die Novelle erzählt über das glückliche Schicksal des Schneiders Wenzel Strapinski,
der sich trotz seiner Armut unabsichtlich in einen Grafen verwandelt. Auf seinem Wege aus
Seldwyla, wo er bei einem Schneidermeister tätig war, begegnet er einem Kutscher, der einen
leeren Wagen fährt, und lässt sich von ihm in der Kutsche nach Goldach bringen. Dort wird er
wegen seines äuβeren Aussehens, wegen seinem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen
dunkelgrauen Mantel, für einen Grafen aus Polen gehalten. Zuerst will er versuchen zu
fliehen, aber als er das junge Mädchen namens Nettchen, die Tochter des Goldacher
Amtsrates trifft, nimmt er von dieser Flucht Abstand und beginnt seine Rolle des Grafen, die
ihm vom Anfang an aufgedrängt wurde, zu spielen. Die folgenden Tage verbringt er mit
seinen neuen Freunden aus der höheren Gesellschaft der Goldacher Bewohner. Manchmal
spielen sie Karten, wobei der Schneider glückliche Hand hat und gewinnt, andersmal wurde er
ins Haus des Amtsrates eingeladen, wo er am Abendtisch den Ehrenplatz neben Nettchen
erhielt. Die beiden verlieben sich und machen eine Verlobungsfeier, an der alle Goldacher
teilnehmen. Bei dieser Feier kam es aber zur Katastrophe. Einer der Seldwyler Schauspieler,
die vor dem Brautpaar einen Schautanz vorführten, erkannte im Wenzel den Schneider, der in
Seldwyla wirkte, und verriet seine echte Identität. Alle blieben wie betäubt, nur Wenzel,
verschmäht und blamiert, verlieβ den Tanzsaal und Goldach, entschieden im vom Schnee
bedeckten Wald zu sterben. Es war Nettchen, die ihn vor dem Erfrieren gerettet hat und ihn
nachfolgend zur Rede stellt. Überzeugt von seiner Liebe, setzt sie schlieβlich ihre Hochzeit
durch, hinter die sich fast das ganze Goldach stellt. Wenzel gründet hier ein
Schneidergeschäft und führt samt seiner Familie ein glückliches Leben eines angesehenen
Mannes.




                                            52
7.1.2.2 Textanalyse

           Selbst der Titel der Novelle ist ein Beispiel eines Sprichwortes: Kleider machen Leute
(Kml, S. 289), das darauf hinweist, dass gepflegte, gute Kleidung das Ansehen des Menschen
fördert.32 Das gilt auch für die Hauptgestalt der Novelle, die als ein armer Schneider nach
Goldach kam und sich durch seine Kleidung, einen weiten mit schwarzem Samt
ausgeschlagenen Mantel, in einen Graf verwandelte.
           "Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in
Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte
wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem
Drehen und Reiben." (KmL, S. 289). Die Wendung Drehen und Reiben könnte im Kontext
als eine Paarformel wirken, die die wiederholende und andauernde Bewegung der Finger
bezeichnet.
           "Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daβ er etwas Schlimmes
oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er zufrieden, wenn man ihn nur
gewähren und im stillen seine Arbeit verrichten lieβ;…" (KmL, S. 290) In diesem längeren
Satz gibt es gleich drei stilistische Merkmale. Zunächst ist es das verbale Idiom etw. im
Schilde führen, was nach dem Deutschen Universalwörterbuch als heimlich etw. planen, was
sich gegen jmdn./etw. richtet33 erklärt wird. Das Idiom bezieht sich auf den Schneider, der,
obwohl vom edlen Aussehen war, gar nicht vor hatte, als Edelmann zu wirken. Zweitens ist es
das nominale Idiom im stillen, d. h. nicht bemerkt, mit einer Funktion der Modalbestimmung.
Nicht zuletzt ist das veraltete Wort Habitus zu erwähnen, das vom lat. habere = an sich
tragen abgeleitet wurde und im Text als eine gehobene Bezeichnung für das Kleid des
Schneiders dient.
           "Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn die Leute mit Verwunderung und
Neugierde und erwarteten eher alles ander, als daβ er betteln würde; so erstarben ihm, da er
überdies nicht beredt war, die Worte im Munde, also daβ er der Märtyrer seines Mantels war
und Hunger litt, so schwarz wie des letztern Sammetfutter." (KmL, S. 290). In dieser Stelle
erscheinen zwei Arten von Stilfiguren. Erstens ist es der Gebrauch von Personifikation in der
Verbindung ersterben die Worte im Munde mit der Bedeutung von an Worten mangeln, das
Unbelebte (Worte) bekommt eine Eigenschaft des Lebendigen (ersterben). Die zweite



32
     Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim 2006, S. 961.
33
     ebd., S. 1460.


                                                     53
Wendung ist der okkasionelle Vergleich Hunger so schwarz wie des letztern Sammetfutter,
der im Text zur Betonung des Notleidens des Schneiders benutzt wurde.
       "Der Kutscher ging wegen des steilen Weges neben den Pferden, und als er, oben
angekommen, den Bock wieder bestieg, fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren
Wagen setzen wolle. Denn es fing eben an zu regnen, und er hatte mit einem Blicke gesehen,
daβ der Fuβgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt schlug." (KmL, S. 290). Die
Wendung mit einem Blicke ist ein adverbiales Idiom mit der Bedeutung von auf den ersten
Blick, dagegen die Verbindung sich durch die Welt schlagen ist ein verbales Idiom, das sich
wieder auf den armen Schneider bezieht, der durchs Leben schustert und den der Kutscher aus
Mitleid und des Regens wegen in den Wagen setzte.
       "Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der Wagen rasch
mit ihm von dannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich und donnernd durch den
Torbogen von Goldach fuhr." (KmL, S. 291). Die Fügung von dannen ist eine veraltete Form
der Adverbien weg bzw. fort, die im Text eine gehobene Wirkung ausübt.
       Ein aus dem Französischen entlehntes Wort, mit der Bedeutung bei Tische bedienen,
ist in der folgenden direkten Rede zu finden: "„Der Herr wünscht zu speisen?“ hieβ es,
„gleich wird serviert werden, es ist eben gekocht!“" (KmL, S. 291).
       "„Hier sind zwei Schnepfen, die ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann
man am Ende der Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen gefälschte Rebhuhnpastete werden die
Leckermäuler nicht beanstanden.“" (KmL, S. 292) Der Ausdruck Leckermäuler ist eine
Kompositionsmetapher, die im Kontext zur Bezeichnung der vornehmen Abendherren des
Wirthauses dient, die in leckeren Speisen Vorliebe haben. Eine ähnliche Bedeutung weist z.B.
die Zusammensetzung Feinschmecker auf.
       "Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämmlein, dort hinein
und schloβ ordentlich hinter sich zu. Dort lehnte er sich bitterlich seufzend an die Wand und
wünschte der goldenen Freiheit der Landstraβe wieder teilhaftig zu sein,..." (KmL, S. 293)
Sanft wie ein Lämmlein ist wieder ein Vergleich aus dem Tierbereich mit der Bedeutung von
demütig, ohne Widerspruch. So verhielt sich der Schneider, der schlieβlich anerkannte, dass
es eine vergebliche Mühe ist, die Leute vom Wirthaus über seine tatsächliche Identität zu
überzeugen und lieβ sich von ihnen bedienen.
       Einem anderen Vergleich begegnen wir im nächsten Absatz: "Und als der Schneider
wieder aus dem langen Gange hervorgewandelt kam, melancholisch wie der umgehende
Ahnherr eines Stammschlosses, begleitete er ihn mit hundert Komplimenten und
Handreibungen wiederum in den verwünschten Saal hinein." (KmL, S. 294).


                                               54
       Ein nominales Idiom, das mit der Phrase wie sehnlich gewünscht bzw. meinetwegen
umgeschrieben werden könnte, findet man in diesem Textauszug: "Dort wurde er ohne
ferneres Verweilen an den Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgerückt,…, so lieβ er sich in Gottes
Namen nieder und tauchte sofort den schweren Löffel in die braungoldene Brühe." (KmL, S.
294)
       "Das bemerkte die Köchin, welche zur Türe hereinguckte, den groβen Herren zu sehen
und sie sagte zu den Umstehenden: „Gelobt sei Jesus Christ! Der weiβ noch einen feinen
Fisch zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem zarten Wesen herum,
wie wenn er ein Kalb schlachten wollte…“" (KmL, S. 294) Diese direkte Rede enthält einen
okkasionellen Vergleich, den die Köchin, die im Wirthaus arbeitet, benutzte, um den
Schneider, den sie für einen groβen Herrn hielt, vor anderen zu loben.
       "„Hol mich der Teufel, der versteht es, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge,
wie man einen Dukaten auf die Goldwaage legt!“" (KmL, S. 295). Die Wendung hol mich
der Teufel ist ein expressiv wirkender Ausruf der Verwünschung, den man verwendet, wenn
man erstaunt oder überrascht ist. Das ist der Fall des Wirtes, der den vermutlichen Grafen
beim Weintrinken beobachtet und dieses Weintrinken nachfolgend mit dem sanften Legen der
Dukaten auf die Goldwaage vergleicht.
       "So nahm die Mahlzeit denn ihren Verlauf, und zwar sehr langsam, weil der arme
Schneider immer zimperlich und entschlossen aβ und trank und der Wirt, um ihm Zeit zu
lassen, die Speisen genugsam stehenlieβ. Trotzdem war es nicht der Rede wert, was der Gast
bis jetzt zu sich genommen;…" (KmL, S. 295). Wenn wir etwas für unwesentlich oder
unwichtig halten, dann sagen wir einfach, dass es nicht der Rede wert ist. Solche
kommunikative Formel fand ihre Anwendung auch in dieser Novelle, um zu betonen, dass der
Schneider im Wirthaus bis jetzt nicht zu viel aufgegessen hat, was durch seine Zimperlichkeit
und Unentschlossenheit erklärt wird.
       Auf ein Funktionsverbgefüge stoβen wir im nächsten Absatz: "Er machte diesen
schlechten Spaβ, um sich an dem Schneiderlein zu rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für
seine Gefälligkeit ein Wort des Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in
das Haus begeben hatte und den Herren spielte." (KmL, S. 296).
       "…, und alles ward so in der Ordnung befunden und dem guten Schneider aufs
Kerbholz gebracht." (KmL, S. 296). Das Wort ward ist eine veraltete Präteritform vom Verb
werden. Jmdm. etw. auf Kerbholz bringen ist ein verbales Idiom, das heiβt jmdm. etw.
ankreiden. Es betrifft die Schuld des Kutschers, der den vermutlichen Grafen in die Stadt



                                              55
brachte. Dieser hat sich selbst und seine Pferde satt geffütert und fuhr ab, ohne die Zeche zu
bezahlen. Die wurde auf die Rechnung des Schneiders zugeschrieben.
       "Bald sah Strapinski einen kleinen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der
Champagnerkelch wie eine Pappel emporragte. " (KmL, S. 297) Die Wendung wie ein
Pappel ist wieder ein Vergleich und bezieht sich darauf, auf welche Art und Weise die
Fläschen Wein und Champagner auf dem Tisch vor dem Schneider Strapinski gestellt wurden.
       Am Abend kommen die Stammgäste ins Wirthaus. Als sie den Schneider erblicken,
lenken sie mit ihm das Gespräch: "„Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen, so
versuchen Sie diese Pflanzenzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht und
durchaus nicht käuflich!“" (KmL, S. 298) Diese direkte Rede, die im Text erscheint, enthält
ein Lehnwort Zigarre, das sich aus dem spanischen Wort cigarro gebildet hatte.
       Den Oxymoron findet man gleich am Anfang des folgenden Satzgefüges: "Strapinski
lächelte sauersüβ, sagte nichts und war bald in feine Duftwolken gehüllt, welche von der
hervorbrechenden Sonne lieblich versilbert wurden." (KmL, S. 298).
       Andere Besipiele von FVG sind in diesen zwei Absätzen zu finden: "Nun war es eine
weitere Fügung, daβ der Schneider, nachdem er auf seinem Dorfe schon als junger Bursch
dem Gutsherren zuweilen Dienste geleistet, seine Militärzeit bei den Hudaren abgedient hatte
und demnach genugsam mit Pferden umzugehen verstand." (KmL, S. 299). "Das heiβe
gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt und sodann fröhlich in Angriff genommen,
während der Hausherr im Hause die Kunde herumtrug, es sein ein vornehmer Graf da, ein
Polacke, und eine feinere Bewirtung vorbereitete." (KmL, S. 299)
       Auf eine Art Synekdoche stoβen wir in der folgenden Stelle: "Der Mann dort hat mir
so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von Praga oder Ostrolenka her! Nun, ich werde
mich hüten, den Verlauf zu stören!" Praga und Ostrolenka sind Namen von Gebieten, wo sich
die Schlächte von polnischen Rebellen abgespielt hatten.
       Die Wendung sich in die Sache finden, die im Kontext die Bedeutung von das
Steckenpferd im Kartenspiel finden hat, und eine, in derselben Situation, antonymisch
wirkende Wendung einer Sache satt sein, ausgedrückt durch ein anderes verbales Idiom,
kommen im nächsten Abschnitt vor: "Doch das vierte und fünfte gewann wiederum der
Polacke, der allmählich aufwachte und sich in die Sache fand. Indem er sich still und ruhig
verhielt, spielte er mit abwechselndem Glücke; einmal kam er bis auf einen Taler herunter,
den er setzen muβte, gewann wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam, besaβ er
einige Louisdors, mehr als er jemals in seinem Leben besessen,…" (KmL, S. 301)



                                             56
       "Böhni, welcher ihn fortwährend scharf betrachtete, war jetzt fast im klaren über ihn
und dachte: Den Teufel fährt der in einem vierspännigen Wagen!" (KmL, S. 301) Mittels des
verbalen Idioms über etw. im Klaren sein drückt man aus, dass man weiβ, was der andere im
Schilde führt oder geheim hält. Das bezieht sich auf Herrn Melcher Böhni, der in der Novelle
als Buchhalter auftritt und als ein ewiger Zweifler den merkwürdigen Fremden, den Grafen
Strapinski, ständig beobachtet und ahnt, dass er nicht der ist, für den er sich bezeichnet.
       "Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien erging, nahm
jetzo seine Gedanken zusammen und hielt den rechten Zeitpunkt einer geräuschlosen
Beurlaubung für gekommen." (KmL, S. 301) Im Freien ist ein nominales Idiom, das die
Funktion der Lokalbestimmung ausübt und in der frischen Luft bedeutet. Jetzo ist ein
veraltetes Adverb, das durch die heutige Form jetzt ersetzt wird.
       "… und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne langsam auf
und nieder, das schöne Gelände betrachtend oder vielmehr den Weg erspähend, den er
einschlagen wollte." (KmL, S. 302) Die Wendung auf und nieder ist eine aus zwei
antonymischen Wörtern gebildete Paarformel.
       Dem Vergleich, bezogen auf die Art des Auftretens des Mädchens Namens Nettchen,
das der Schneider kennengelernt hat, begegnen wir im weiterem Textsegment: "Sie grüβte
den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch lieblich errötete, und sprach sogleich
hastig und schnell und vieles mit ihm, wie es die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die
sich den Fremden zeigen wollen." (KmL, S. 303)
       "Da man guter Dinge war, sang ein paar Gäste Lieder, die in den dreiβiger Jahren
Mode waren. Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied zu singen." (KmL, S. 303) Das
verbale Idiom guter Dinge sein benutzt man, wenn jemand fröhlich und munter bzw. guter
Laune ist. In der Novelle ist es Herrn Strapinski und seiner neuen Freunde der Fall, die in den
Kreis eines Amtsrates und seiner anmutigen Tochter geraten sind und viel Spaβ hatten.
       In der nächsten Passage, in der Herr Graf Strapinski gebeten wurde, ein polnisches
Lied vor der ganzen Gesellschaft zu singen, kommen originelle Vergleiche vor: "Der Wein
überwand seine Schüchternheit endlich, obschon nicht seine Sorgen; er hatte einst einige
Wochen im Polnischen gearbeitet und wuβte einige polnische Worte, sogar ein Volksliedchen
auswendig, ohne ihres Inhaltes bewuβt zu sein, gleich einem Papagei. Also sang er mit edlem
Weden, mehr zaghaft als laut und mit einer Stimme, welche wie von einem geheimen
Kummer leise zittierte, auf polnisch:…" (KmL, S. 303)




                                               57
           Die Konversion ist in der folgenden direkten Rede bemerkbar und bezeichnet das
vorher vorgetragene Lied: "„Bravo! Bravo!“ riefen alle Herren, mit den Händen klatschend,
und Nettchen sagte gerührt:„Ach, das Nationale ist immer so schön!“" (KmL, S. 304).
           Als Herr Strapinski ins Wirthaus zurückkehrte, sagte ihm der Wirt entsetzt, dass sein
Gepäck nicht im Wirthaus ist. Er vermutete nämlich, dass die Angehörigen des Wirthauses
vergessen haben, es aus der Kutsche abzuladen und wollte dem Kutscher einen Expressen
nachschicken, um das Gepäck seines verehrten Gasts zurückzubringen. Der Schneider wollte
ihn anhalten, denn es hätte sich dadurch herausstellen können, dass er kein Graf ist: "Doch
der Herr Graf fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm und sagte bewegt: „Lassen Sie, es
darf nicht sein! Man muβ meine Spur verlieren für einige Zeit“, setzte er hinzu, selbst betreten
über diese Erfindung." (KmL, S. 305). Jmdm. in den Arm fallen ist ein verbales Idiom, das
bedeutet jmdm. an etwas hindern.
           "Unter der Küchentüre stand die Köchin, welche ihm einen tiefen Knicks machte und
ihm mit neuem Wohlgefallen nachsah;…" (KmL, S. 306) Das Substantiv Knicks, das man
heute als veraltet betrachtet, wurde vom Verb knicken, d. h. eine Verbeugung (durch
Kniebeuge) machen34, abgeleitet und drückt im Kontext Hochschätzung einer Köchin
gegenüber dem fremden Graf Strapinski aus.
           Einer Metonymie begegnen wir in der folgenden Stelle: "Im Hause zur Geduld wohnte
der Schuldenschreiber, ein ausgehungerstes Jammerbild, da in dieser Stadt keiner dem
andern etwas schuldig blieb." (KmL, S. 307). Wie der kurze Textabsatz besagt, dient die
Metonymie Jammerbild als eine andere Benennung der Gestalt des Schuldenschreibers, deren
Tätigkeit bei anderen Goldacher Bewohnern zu Jammer und Elend führte, denn sie konnten
sich nicht leisten, etwas schuldig zu bleiben.
           Auf seinem Spaziergang durch Goldach, wird der Schneider durch Namen der Häuser
beeindruckt: "Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er glaubte
sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die Aufschriften der Häuser las,
dergleichen er noch nicht gesehen, war er der Meinung, sie bezögen sich auf die besondern
Geheimnisse und Lebensweisen jedes Hauses,…" (KmL, S. 307) Die Wendung einen
Eindruck auf etw. machen ist ein Funktionsverbgefüge, das sich in diesem Fall auf die
inneren Gefühle der Hauptgestalt, des Schneiders Strapinski bezieht, auf den die besonderen
Aufschriften der Goldacher Häuser geheimnisvoll wirkten.



34
     Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim 2006, S. 970.



                                                     58
       Ein origineller Vergleich kommt im weiteren Textsegment vor: "Reisegeld hatte er
nun auch, so daβ er angenehm einkehren konnte, wo er Lust dazu verspürte, und kein
Hindernis war zu erspähen. Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Schneidewege, auf
einer wirklichen Kreuzstraβe;…" (KmL, S. 308) Der Jüngling am Schneidewege ist
eigentlich der Graf Strapinski, der auf seiner Wanderung durch die Stadt vor das Tor geriet
und über das freie Feld hinblickend denkt er wiederum über die Flucht nach.
       Nach dem er den Weg der Flucht erwählte, begegnet er dem Fräulein Nettchen,
ihretwegen entscheidet er sich dann fürs Bleiben: "Sobald Strapinski nur an seine Mütze griff
und dieselbe demütig vor seine Brust nahm in seiner Überraschung, verbeugte sich das
Mädchen rasch errötend gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in groβer Bewegung,
das Pferd zum Galopp antreibend, davon." (KmL, S. 308). Das Wort Galopp wurde aus dem
Italienischen (galoppo) entlehnt und dem deutschen Sprachsystem angepasst. Es bezeichnet
eine aus einer Folge von Sprüngen bestehende Gangart eines Pferdes. Im Deutschen wurde
dieses Lehnwort nicht nur als Substantiv assimiliert, sondern erscheint es auch in Form des
Verbs, die in der Novelle auch zu finden ist: "Noch an dem selben Tage galoppierte er auf
dem besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft, durch die Allee,
welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden Blätter der Linden tanzten wie ein
goldener Regen um sein verklärtes Haupt." (KmL, S. 308) Tanzen wie ein goldener Regen
ist ein okkasioneller Vergleich, der eine expressive Wirkung ausübt.
       Einen an Vergleichen reichen Absatz stellen diese im Text nacheinander foldenden
Sätze dar: "Mit jedem Tage wandelte er sich, gleich einem Regenbogen, der zusehends
bunter wird an der vorbrechenden Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere
nicht in Jahren, da es in ihm gesteckt hatte wie das Farbenwesen im Regentropfen. Er
beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und bildete sie während des Beobachtens zu
einem Neuen und Fremdartigen um;… " (KmL, S. 308). Durch die Verwendung der
Vergleiche wird dem Leser das Streben des Schneiders, sich in einen echten Grafen zu
verwandeln, nahe gebracht.
       Im weiteren Textsegment ist ein verbales Idom zu bemerken, das gewöhnlich benutzt
wird, wenn wir uns über jmdn. oder etw. eine Meinung machen, und bereits diese Meinung,
die sich die Gastfreunde über ihn gemacht hatten, wollte der Schneider ändern: "…; besonders
suchte er abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm dächten und was für ein Bild sie
sich von ihm gemacht. Dies Bild arbeitete er weiter aus nach seinem eigenen Geschmacke,
zur vergnüglichen Unterhaltung der einen, welche gern etwas Neues sehen wollten, und zur



                                             59
Bewunderung der anderen, besonders der Frauen, welche nach erbaulicher Erregung
dürsteten. " (KmL, S. 309)
       Gehobene Wirkung übt im Text die Wendung den Schlaf rauben aus: "Bei alldem
erlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie gekannt, eine schlaflose Nacht um
die andere, und es ist mit Tadel hervorzuheben, daβ es ebensoviel die Furcht vor der
Schande, als armer Schneider entdeckt zu werden und dazustehen, als das ehrliche Gewissen
war, was ihm den Schlaf raubte." (KmL, S. 309)
       "…; dabei wolle er seinen Verbindlichkeiten nachkommen, ein gutes Andenken
hinterlassen und seinem Schneiderberufe sich aufs neue und mit mehr Umsicht und Glück
widmen oder auch sonst einen anständigen Lebensweg erspähen." (KmL, S. 310). In diesem
Absatz, wo der Herr Strapinski überlegt, dass er die Stadt wirklich verläβt und sich erneut
seiner Schneiderarbeit widmen wird, gibt es zwei Wendungen, die der Erwähnung wert sind.
Im ersten Fall handelt es sich um ein nominales Idiom aufs Neue mit der Funktion der
Adverbialbestimmung, das durch ein Adverb erneut ersetzt werden kann. Zweitens ist es das
gehoben und expressiv wirkende Verb erspähen mit der Bedeutung von entdecken bzw.
aufsuchen.
       Seine Entscheidung über die Abfahrt ist er bereit in einem Ball bekannt zu machen:
       "An demselben Tage nun begab sich Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er
geladen war. In tiefes, einfaches Schwarz gekleidet, erschien er und verkündete sogleich den
ihn Begrüβenden, daβ er genötigt sei zu verreisen." (KmL, S. 310). In diesem Textsegment
gibt es zwei Wörter, die der Konversion unterlagen und in Substantive verwandelt wurden. Im
ersten Fall war es das schwarze Farbe bezeichnende Adjektiv, der zweite Fall betrifft das
substantivierte Partizip I.
       "Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen Mantel um
und schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und nieder." (KmL, S. 311). Das
Adjektiv famos ist das Lehnwort, diesmal findet es seinen Ursprung im Französischen und
bedeutet fabelhaft, groβartig.
       "Dann kam sie wieder zurück, und da er jetzt mit klopfendem Herzen ihr im Wege
stand und bittend die Hände nach ihr ausstreckte, fiel sie ihm ohne weiteres um den Hals
und fing jämmerlich an zu weinen." (KmL, S. 311) Beide Wendungen stellen verbale Idiome
dar. Wenn wir jmdm. im Weg(e) stehen, dann darum, ihm an etwas zu hindern. Genau das hat
auch unsere Hauptgestalt des Schneiders gemacht, um seine Geliebte Nettchen aufzuhalten
und sie in seine Arme zu schlieβen. Die Reaktion Nettchens kommt durch das zweite verbale
Idiom zum Ausdruck.


                                            60
        "Er bedeckte ihre glühenden Wangen mit seinen fein duftenden dunklen Locken, und
sein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneeweiβe Gestalt des Mädchens wie mit
schwarzen Adlerflügeln; es war ein wahrhaft schönes Bild, das seine Berechtigung ganz
allein in sich selbst zu tragen schien." (KmL, S. 312). In diesem Satz stoβen wir auf zwei
Figuren, und zwar auf eine Kompositionsmetapher schneeweiβ und auf einen okkasionellen
Vergleich aus dem Tierbereich.
        Dem Vergleich, der zur Beschreibung des Hochzeitszugs von Kutschen dient,
begegnen wir im folgenden Textabsatz: "Ihnen folgten fünfzehn bis sechszehn Gefährte mit je
einem Herren und einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines der Paare so schön
und stattlich wie das Brautpaar. Die Schlitten trugen, wie die Meerschiffe ihre Galions,
immer das Sinnbild des Hauses, dem jeder angehörte, so daβ das Volk rief:…" (KmL, S. 313).
        Eine besondere Art der Wortbildung stellt die Zusammenrückung (Mischmasch,
Singsang35) dar. Mit diesem Vorgang habe ich mich im teoretischen Teil meiner Diplomarbeit
nicht beschäftigt. Ich erwähne sie, weil sie im Text vorkommt: "Diese Schneiderwelt wuβte
sich gewandt aus dem Wirrwarr zu ordnen und lieβ die Goldacher Herren und Damen, das
Brautpaar an deren Spitze, bescheiden ins Haus spazieren, um nachher die unteren Räume
desselben, welche für sie bestellt waren, zu besetzen,…" (KmL, S. 315).
        Ein Funktionsverbgefüge erscheint im folgenden Absatz: "Auch die Tierfabel wurde in
diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige Krähe erschien, die sich mit Pfauenfedern
schmückte und quakend umherhupfte,…" (KmL, S. 316).
        Ein an Vergleichen reiches Textsegment, in dem es zur Enthüllung der echten Identität
des Grafen Strapinski kam, führe ich nachfolgend an: "Plötzlich faβte er den Polen,
ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand als eine Säule vor ihm still, während gleichzeitig
wie auf Verabredung die Musik aufhörte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz
einfiel.[...] Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasitzenden Grafensohn die Hand,
welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, während der Doppelgänger
rief: „Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften Schneidergesellen, der wie ein Raphael
aussieht und unsern Dienstmägden, auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein
biβchen übergeschnappt ist!“" (KmL, S. 317). Auβer den angeführten Vergleichen fand hier
seine Anwendung auch das verbale Idiom jmdn. ins Auge fassen mit der Bedeutung von
jmdn. anstarren.


35
  Beispiele aus Uhrová, E.: Grundlagen der deutschen Lexikologie. Masarykova univerzita. Brno. 1996. S. 90
angewendet



                                                     61
           "...; die Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum
Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohleinstudierten diabolischen Lachchors
aus dem Saale, während die Goldacher, unter welchen Böhni die Erklärung des Mirakels
blitzschnell zu verbreiten gewuβt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern
kreuzten, so daβ es einen groβen Tumult gab." (KmL, S. 318). In diesem langen Satzgefüge,
das die Situation nach der Verratung der echten Identität des Grafen Strapinski beschreibt,
stoβen wir auf eine Kompositionsmetapher blitzschnell, auf ein aus dem Französischen
entlehntes Wort marschieren (marcher = mit den Füβen treten) und auf zwei aus dem
Lateinischen stammende Wörter Mirakel (miraculum = Wunder) und Tumult (tumultus,
Tumult = verwirrendes, lärmendes Durcheinander aufgeregter Menschen35).
           Die Hyperbel kommt im nächsten Textauszug vor: "Sodann sagte sie mehr als einmal
laut vor sich hin: „Ich muβ noch zwei Worte mit ihm sprechen, nur zwei Worte!“" (KmL, S.
322).
           "Auch war es seltsam, als die Fortuna in die Waldstraβe gelangte, in welche jetzt der
helle Vollmond hineinschien, wie Nettchen den Lauf der Pferde mäβigte und die Zügel fester
anzog, so daβ dieselben beinah nur im Schritt einhertanzten, während die Lenkerin die
traurigen, aber dennoch scharfen Augen gespannt auf den Weg heftete, ohne links und rechts
den geringsten auffälligen Gegenstand auβer acht zu lassen." (KmL, S. 322). Etw. auβer
Acht lassen ist ein Phrasem, der als etw. nicht beachten erklärt werden könnte. Das bezieht
sich auf Nettchen, die die Pferde antreibt, um ihren verschmähten Liebling, den entdeckten
Schneider Strapinski, im Wald aufzusuchen.
           Gleich im nächsten Satz des Textes erscheint wieder ein okkasioneller Vergleich, der
die inneren Gefühle Nettchens, nachdem sie über die tatsächliche Identität ihres Geliebten
erfuhr, beschreibt: "Und doch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer schwerer
unglücklicher Vergessenheit befangen." (KmL, S. 322)
           Ein nominales Idiom bezogen auf Herrn Strapinski, auf den die alte Bäuerin besonders
neugierig ist und der jetzt zusammen mit Nettchen vor ihrer Tür erschien, kommt im weiteren
Textsegment vor: "Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und
bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das groβe Tier, den fremden
Grafen, zu sehen." (KmL, S. 324). Das nominale Idiom das groβe Tier bezeichnet eine
Person von groβem Ansehen, hohem Rang.




35
     Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim 2006, S. 1718.


                                                     62
       Der Vergleich wird im nächsten Textabschnitt festgestellt, in dem der Schneider
Nettchen über seine Absichten erzählt: "Er beteuerte besonders, wie er mehrmals habe fliehen
wollen, schlieβlich aber durch ihr Erscheinen selbst gehindert worden sei wie in einem
verhexten Traume." (KmL, S. 325).
       "Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte, stellte es sich heraus, daβ nicht
viel anderes zu tun war, als daβ ich zu unserm Dorfschneider in die Lehre ging." (KmL, S.
328). In diesem kurzen Satzgefüge ist wieder ein Funktionsverbgefüge zu finden.
       Zwei bildhafte Vergleiche sind in der folgenden direkten Rede, die der Schneiders
über sein Leben führt, bemerkbar: "…„das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und
bilden wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder acht Jahren, ein seltsames
heftiges Kind, und doch gut wie Zucker und schön wie ein Engel. …“" (KmL, S. 329)
       Auf einen anderen Vergleich stoβen wir im Satz, der die direkte Rede einleitet:
"Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie wenn er einen Geist
sähe, und rief: „Dieses habe ich auch schon erblickt. Wenn jenes Kind zornig wat, so hoben
sich ganz so, wie jetzt bei Ihnen, die schönen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig
aufwärts,…" (KmL, S. 329). Der Vergleich drückt die Überraschung des Schneiders aus, der
erst jetzt in Nettchen das Kind erkannte, dem er als kleiner Junge den Diener und Beschützer
machen musste.
       Ein nominales Idiom mit der Funktion der Adverbialbestimmung und ein Vergleich
kommen im nächsten Absatz vor: "In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über
der Stirne liegenden Locken Nettchens leise bewegt wie von einem ins Gesicht wehenden
Lufthauche." (KmL, S. 330). Die Wendung in der Tat könnte in diesem Fall durchs Adverb
tatsächlich ersetzt werden.
       Ein nominales Idiom, das im Text an Stelle des Subjektes erscheint und als eine
gehoben wirkende Bennenung der Natur funktioniert, ist im folgenden Satz zu bemerken:
"Die allezeit etwas kokette Mutter Natur hatte hier eines ihrer Geheimnisse angewendet, um
den schwierigen Handel zu Ende zu führen." (KmL, S. 330). Als Geheimnis der Natur wird
hier die Tatsache gemeint, dass Nettchen wirklich das Kind ist, dem der Schneider vor vielen
Jahren diente.
       "Wenzel führte jetzt die Zügel, Nettchen lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine
Kirschensäule wäre. Denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war just
vor drei Tagen volljährig geworden und konnte dem ihrigen folgen." (KmL, S. 330) In diesem
Textsegment finden wir wieder einen okkasionellen Vergleich, eingeleitet durch die



                                              63
Konjunktion als ob. Das veraltete Wort just wurde aus dem lateinischen Ausdruck iuste (=
mit Recht, gehörig) abgeleitet und substituiert im Kontext das deutsche Adverb gerade.
       Dem metonymischen Gebrauch, bei dem es zur Ersetzung des Inhalts durch Gefäβ
kam, und dem Vergleich begegnen wir in der folgenden Stelle: "In Seldwyla hielten sich vor
dem Gasthause „Zum Regenbogen“, wo noch eine Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saβ.
Als der Paar im Wirtssaale erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: „Ha, da haben wir
eine Entführung! wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitet!“" (KmL, S. 330).
       In Nettchens Reaktion an die Ansprache ihres Vaters, in der er ihr geraten hat, Herrn
Melcher Böhni zu heiraten und den Fremden Strapinski zu vergessen, wird ein verbales Idiom
mit der Bedeutung von "versprechen" erfasst:
       "Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herren Böhni nicht zu
heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen Fremden getreu zu bleiben,
welchem sie ihr Wort gegeben habe und den sie auch leiden könne." (KmL, S. 332).
       Auf eine gereimte Paarformel, die die Adverbialbestimmung unter allen Umständen
ersetzt, stoβen wir im folgenden Absatz, in dem die Stimmung der Seldwyler, die mit dem
Brautpaar sympathisierten, zum Ausdruck gebracht wird: "Die Stimmung der Seldwyler
schlug plötzlich um zugunsten des Schneiders und seiner Verlobten und sie beschlossen, die
Liebenden zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer Stadt Recht und Freiheit der Person zu
wahren." (KmL, S. 333).
       Dem Vergleich, der an die Stadt der antiken Geschichte erinnert und die konflikthafte
Situation zwischen den mit dem neuen Paar symapthisierenden Seldwyler Bewohnern und der
Polizeimacht, die dem Amtsrat nahe steht, beschreibt, begegnen wir fast am Ende der
Novelle: "Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach Goldach um
Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nächsten Tage fuhren eine Anzahl Männer mit einer
ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber, um dem Amtsrat beizustehen, und es gewann
den Anschein, als ob Seldwyla ein neues Troja werden sollte." (KmL, S. 333)
       "Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte, ermittelte, daβ
den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf einen bisherigen Fahrten auch
nur der Schatten eines bösen Leumunds getroffen habe und von überallher nur gute und
wohlwollende Zeugnisse für ihn einliefen." (KmL, S. 334). Die Wendung böser Leumund, die
heute fürs veraltet gehalten wird, ist ein nominales Idiom und bedeutet eine böse, üble
Nachrede.




                                               64
       Ein Funktionsverbgefüge kommt im folgenden Textsegment vor: "…, wenn er nicht in
jenem Wagen angekommen wäre und jener Kutscher nicht jenen schlechten Spaβ gemacht
hätte." (KmL, S. 334).
       Ein französisches Kompositum, das dem deutschen sprachlichen System nicht
angepasst wurde und im Text in seiner ursprünglichen Form vorkommt, erscheint in diesem
Satz: "Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie sagte, Wenzel müsse nun ein
groβer Marchand-Tailleur und Tuchherr werden in Seldwyla; denn da hieβ der Tuchhändler
noch Tuchherr, der Eisenhändler Eisenherr usw." Die Zusammensetzung könnte ins Deutsche
als Schneider-Geschäftsmann übersetzt werden.
       "Er machte ihnen ihre veilchenfarbigen oder weiβ und blau gewürfelten
Sammetwesten, ihre Ballfräcke mit goldenen Knöpfen, ihre rot ausgeschlagenen Mäntel, und
alles waren sie ihm schuldig, aber nicht zu lange Zeit. Denn um neue, noch schönere Sachen
zu erhalten, welche er kommen oder anfertigen lieβ, muβten sie ihm das Frühere bezahlen, so
daβ sie untereinander klagten, er presse ihnen das Blut unter den Nägeln hervor." (KmL, S.
334). Jmdm. das Blut unter den Nägeln hervorpressen ist ein verbales Idiom, das die
Seldwyler in Bezug auf Schneiders Unternehmen benutzten. Dem mussten sie nämlich ihre
ältere Schuld bezahlen und erst danach konnten sie sich von ihm ein anderes farbiges Kleid
anfertigen lassen.
       "Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinah gar nicht mehr träumerisch aus; er
wurde von Jahr zu Jahr geschäftserfahrener und gewandter…" Die Wendung von Jahr zu
Jahr ist die Modellbildung.


       7.1.2.3 Fazit


       Dieses Subkapitel dient wiederum als Resümee der Beobachtungen, zu denen ich
durch stilistische Analyse der Novelle "Kleider machen Leute" gekommen bin. Ich hebe
einige Beispiele von solchen Mitteln hervor, denen sich der Autor am häufigsten bediente.


       Vergleiche:


       er kam sich wie ein Kind vor
       Nettchen, weiβ wie ein Marmor
       Hunger so schwarz wie des letztern Sammetfutter



                                             65
mit einer Stimme, welche wie von einem geheimen Kummer leise zittierte
tanzten wie ein goldener Regen
sanft wie ein Lämmlein
gut wie Zucker und schön wie ein Engel


Metapher:


schneeweiβ                               weiβ wie Schnee
bildschön                                schön wie ein Bild
Leckermäuler                             Vorliebe in leckere Speisen haben
blitzschnell                             schnell wie ein Blitz


Nominale Idiome:


mit einem Blicke                         auf den ersten Blick
im stillen                               nicht bemerkt
in Gottes Namen                          wie sehnlich gewünscht
im Freien                                in der frischen Luft
in der Tat                               tatsächlich
Mutter Natur                             geh. Benennung der Natur
das groβe Tier                           eine Person von groβem Ansehen
aufs Neue                                erneut


Verbale Idiome:


etw. im Schilde führen                   heimlich etw. planen
guter Dinge sein                         fröhlich, munter, guter Laune sein
sich durch die Welt schlagen             schustern
jmdm. etw. auf Kerbholz bringen          jmdm. etw. ankreiden
über etw. im klaren sein                 jmds. Absicht durchschauen
jmdm. im Wege stehen                     jmdm. an etw. hindern
jmdn. ins Auge fassen                    jmdn. anstarren
jmdm. sein Wort geben                    jmdm. etw. versprechen



                                    66
       Kollokationen bzw. FVG:


       in Not geraten
       sich in der Angst befinden
       den Weg weisen
       jmdm. Zeit lassen
       Spaβ machen
       Dienst leisten
       in Angriff nehmen
       einen Eindruck auf etw. machen
       In Szene setzen
       Platz nehmen


       Wortentlehnung:


       Zigarre                                    sp. cigarro, Zigarette
       Galopp                                     it. galoppo, Gangart eines Pferdes
       Mirakel                                    lat. miraculum, Wunder
       just                                       lat. iuste, mit Recht, gehörig
       servieren                                  fr. servir, bei Tisch bedienen
       Marchand-Tailleur                          fr., Schneider-Geschäftsmann
       famos                                      fr., fabelhaft, groβartig


       Archaismen:


       Habitus                                    Kleid
       von dannen                                 weg, fort
       jetzo                                      jetzt
       ward                                       wurde
       böser Leumund                              üble Nachrede




       In der Novelle "Kleider machen Leute" überwiegen, was die Häufigkeit angeht, die
folgenden Stilfiguren: der Vergleich (sanft wie ein Lämmlein, gut wie Zucker), verbale Idiome


                                             67
(etw. im Schilde führen, jmdn. ins Auge fassen) und nominale Idiome (das groβe Tier, mit
einem Blicke). In hohem Grade erscheinen im Text auch die Funktionsverbgefügen (Spaβ
machen, Dienst leisten) und Archaismen (jetzo, von dannen). Eine expressive Rolle spielt
hier auch die Metapher (schneeweiβ, bildschön). Eine Anwendung haben im Text die
Wortentlehnungen (servieren, Zigarre) gefunden. Andere Figuren, die in der Novelle
vorkommen, obwohl in geringerem Maβe, sind: Zwillingsformeln (mit Gut und Blut, auf und
nieder), Modellbildungen (von Jahr zu Jahr), Verkleinerungsformen (Klöβchen, Tröpflein,
Ränzchen), ein Sprichwort (Kleider machen Leute), Personifikation (sterben Worte im
Munde), Zusammenrückung (Wirrwarr), Metonymie (beim Glase sitzen. Jammerbild),
Oxymoron (sauersüβ) und Hyperbel (nur zwei Worte mit ihm sprechen).




7.2 Analyse der Novelle von Erich Kästner

       Dieses Kapitel wird der sprachlichen Analyse von Erich Kästners Novelle gewidmet.
Ich konzentriere mich wie vorher auf die Suche nach den expressiven und emotionalen
Stilfiguren. Zur Textanalyse wähle ich ein berühmtes Werk, das unter dem Titel "Das
doppelte Lottchen" erschien. Dieses bearbeite ich auf dieselbe Art und Weise, wie ich bei G.
Keller verfahren habe. Erstens führe ich im Kurzen den Inhalt der Novelle an und danach
folgt die Darstellung und Erklärung der Stilmittel, die im Text vorkommen. Diese stilistischen
Merkmale fasse ich dann im Fazit zusammen.


7.2.1 Das doppelte Lottchen ( DdL)


7.2.1.1 Inhalt


Die Novelle schildert eine Geschichte von zwei achtjährigen, einander ähnelnden Mädchen
namens Luise und Lotte. Diese begegnen einander zum ersten Mal im Ferienheim in Seebühl
am Bühlsee und es dauert ihnen nicht sehr lange, festzustellen, dass sie tatsächliche identische
Zwillinge sind, die gleiche Eltern haben. Seit ihrer Geburt lebten sie getrennt. Luise ist ein
freches und wildes Mädchen, das mit ihrem Vater, dem Komponisten und Kapellmeister
Ludwig Palfy, in Wien wohnt. Lotte dagegen ist zärtlich und bescheiden und lebt mit ihrer
Mutter Luiselotte Körner, die nach der Scheidung ihren Familiennamen zurückgenommen



                                              68
hatte und in der Redaktion der Münchner Illustrierten arbeitet, in München. Um ihre Familie
wieder zusammenzubringen, entscheiden sich beide Zwillinge, ihre Rollen zu tauschen. Lotte
kommt als Luise zum Vati nach Wien und Luise kehrt als Lotte zur Mutti nach München
zurück. Von diesem Austausch ahnen die Eltern eine lange Zeit nichts. Die wirkliche Existenz
der beiden wird verraten, als die Mutter, Frau Körner, in der Redaktion zufällig eine
Fotografie von ihren Töchtern, die in Seebühl aufgenommen und in einer Zeitschrift
veröffentlicht wurde, entdeckt. In Wien unterdessen erkrankt Lotte an Nervenfieber, nachdem
sie feststellt, dass ihr Vati eine andere Frau heiraten und ihr damit eine neue Mutti beschaffen
will. Frau Körner ruft nach Wien an, um Herrn Palfy über den Austausch zu sagen. Sie
erfährt, dass ihr Lottchen krank ist und fährt mit Luise hin. Die Eltern kommen zur
Vereinbarung, dass es für Kinder am Besten wäre, wieder zusammenzuleben und es kommt
zur Hochzeit des geschiedenen Elternpaars. Durch ihren Austausch erzielten Luise und Lotte
das, was sie sich am meisten wünschten – dass ihre zerfallene Familie wieder
zusammenfindet.


7.2.1.2 Textanalyse


       Gleich am Anfang der Novelle begegnen wir dem Vergleich, der zur Darstellung der
Ähnlichkeit der Kinderheime dient: "Kinderheime ähneln einander wie Vierpfundbrote oder
Hundsveilchen; wer eines kennt, kennt sie alle. Und wer an ihnen vorüberspaziert, könnte
denken, es seien riesengroβe Bienenstöcke." (DdL, S. 6)
       "Es summt von Gelächter, Geschrei, Getuschel und Gekicher. Solche Ferienheime
sind Bienenstöcke des Kindglücks und Frohsinns." (DdL, S. 6) In diesem Textsegment
stoβen wir auf eine Metapher an, die sich auf die Ferienheime bezieht. Da das Kindergeschrei
und Gelächter innerhalb des Heims an Summen der Bienen erinnert, werden die Heime
Bienenstöcke genannt.
       Ein nominales Idiom erscheint im folgenden Absatz: "Dann klappern die Milchtassen,
dann plappern die kleinen Mäuler wieder um die Wette." (DdL, S. 6) Die Wendung um die
Wette bedeutet mit der Absicht, schneller, besser als der andere zu sein und wird auf das
Plappern der Kinder im Speisesaal des Ferienheims bezogen.
       Ein anderes nominales Idiom mit der Bedeutung von ganz genau, präzis kommt in
diesem Abschnitt vor: "Zwölf Uhr, auf den Punkt, wird zu Mittag gegessen. Und dann wird
neugierig auf den Nachmittag gelauert. Warum?" (DdL, S. 7)



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       Als Lotte ins Ferienheim angekommen ist, wurden alle, einschlieβlich Luise, von der
Ähnlichkeit der zwei Mädchen völlig erstaunt: "Nun reiβt auch Luise die Augen auf.
Erschrocken blickt sie der Neuen ins Gesicht! Die anderen Kinder und Fräulein Ulrike
schauen perplex von einer zu anderen." (DdL, S. 9) Hier ist das aus dem Lateinischen
(perplexum) über das Französische (perplexe) entlehnte Wort perplex zu bemerken, das die
Bedeutung von verblüfft, verwirrt trägt.
       Die Verwunderung der Köchin, als sie die zwei Mädchen gesehen hatte, kommt
mittels einer kommunikativen Formel zum Ausdruck: "Nun treten die zwei kleinen Mädchen
ins Zimmer. Weit voneinander entfernt bleiben sie stehen. „Da brat mir einer einen Storch!“
murmelt die Köchin." (DdL, S. 11)
       Verschnupfte Luise berät sich mit anderen Mädchen darüber, wie sie die unangenehme
Situation mit Lotte lösen soll, wofür eine ihre Freundin Antwort findet: "„Das beste wird sein,
du beiβt ihr die Nase ab!“ rät Christine. „Dann bist du den ganzen Ärger mit einem Schlag
los!“ Dabei baumelt sie gemütlich mit den Beinen." (DdL, S.13) Die Wendung mit einem
Schlag ist ein ugs. nominales Idiom mit der Funktion der Adverbialbestimmung, das durch
synonymisch wirkende Adverbien ganz plötzlich bzw. auf einmal ersetzt werden könnte.
       Einem anderen aus dem Lateinischen entlehnten Wort begegnen wir im nächsten
Textsegment: "Die Mädchen, die Dienst haben, schleppen dampfende Terrinen zu den
Tischen. Andere füllen die Teller, die ihnen entgegengestreckt werden." (DdL, S. 15) Das
Wort Terrine ist eine andere Art Benennung für eine gröβere, runde oder ovale Schüssel.
       "Lotte setzt sich folgsam neben Luise und greift zum Löffel, obwohl ihr der Hals wie
zugeschnürt ist." Dieser Vergleich bezieht sich auf Lottes innere Gefühle, die sich ganz
nervös und voll von Angst neben Luise setzte.
       Auf ein tautologisches adjektivisches Kompositum stoβen wir in der folgenden
direkten Rede an, die eine der Heimhelferinnen führt: "Am Tisch der Erwachsenen sagt die
Helferin Gerda kopfschüttelnd: „Es ist nicht zu fassen! Zwei wildfremde Mädchen und eine
solche Ähnlichkeit!“" (DdL, S. 16) Tautologisch heiβt, dass der Ausdruck aus zwei Wörtern
besteht, deren Bedeutung sinngleich bzw. sinnverwandt ist. Und das ist des Kompositums
wildfremd der Fall. Das Adjektiv wild weist nämlich neben seiner Bedeutung von nicht
domestiziert, in der Natur lebend noch eine andere Bedeutung auf, die man heute als veraltet
findet, und zwar wild = fremd, völlig unbekannt. Deshalb kann man diese Zusammensetzung
für tautologisch betrachten. Als Gegenbegriff zur Tautologie wirkt das Oxymoron.
       Eine mögliche Erklärung dessen, warum die zwei Mädchen einander so ähneln, gibt
das Fräulein Ulrike her: "„Es soll Menschen geben, die einander völlig gleichen, ohne im


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entferntersten verwandt zu sein. Sie sind aber im selben Bruchteil der gleichen Sekunde zur
Welt gekommen!“" (DdL, S. 16) Zur Welt kommen ist ein verbales Idiom, das als Synonym
des Verbs geboren werden wirkt.
         Im Bestreben, die zwei Mädchen zu befreundigen, schläft Lotte im selben Zimmer wie
Luise, und zwar im Bett, das neben dem Luises Bett steht.
         "Luise blickte böse auf die silbernen Kringel, die der Mond auf ihr Bett malt. Plötzlich
spitzt sie die Ohren. Sie hört leises, krampfhaft unterdrücktes Weinen." (DdL, S. 18) In
diesem Absatz sehen wir ein verbales Idiom, das die Bedeutung von aufmerksam zuhören
trägt.
         Der Kompositionsmetapher begegnen wir in der folgenden Passage: "Plötzlich streicht
eine kleine Hand unbeholfen über ihr Haar! Lottchen wird stocksteif vor Schreck. Vor
Schreck? Luises Hand streichelt schüchtern weiter." (DdL, S. 19)
         Ein verbales Idiom mit der Bedeutung von sich konzentrieren oder aufmerksam
arbeiten ist in diesem Absatz zu bemerken: "Luise spielt indessen mit ihren Freundinnen
Völkerball. Aber sie ist nicht recht bei der Sache. Oft schaut sie sich um, als suche sie
jemanden und könne ihn nicht finden." (DdL, S. 21)
         Die emotionale Wirkung übt das längere Kompositum im folgenden Ausschnitt aus,
der beschreibt, wie die zwei Mädchen langsam Freundinnen werden: "Nun sitzen also die
beiden ähnlichen Mädchen nebeneinander auf der Wiese, sind mutterseelenallein, schweigen
und lächeln sich vorsichtig an." (DdL, S. 24) Mutterseelenalein bedeutet menschenallein, von
allen Menschen verlassen, ganz allein.
         Luise und Lotte werden Freundinnen und Lotte flicht ihrer Schwester Zöpfe, damit sie
völlig identisch aussähen: "„Ich hab doch gar keine Mutti!“ murrt Luise. „Deswegen, au!
deswegen bin ich ja auch so ein lautes Kind, sagt mein Vater!“ „Zieht er dir nie die Hosen
straff?“ erkundigt sich Lotte angelegentlich, während sie mit dem Zopfflechten beginnt."
(DdL, S. 25) Jmdm. die Hosen straff/stramm ziehen heiβt jmdm. Schläge aufs Gesäβ geben,
es handelt sich um ein familiäres verbales Idiom.
         Einen okkasionellen Vergleich, der die Freude der Zwillinge beschreibt, findet man im
folgenden Textbeispiel: "Dann sind Luises Zöpfe fertig, und nun schauen die Kinder mit
brennenden Augen in den Spiegel. Die Gesichter strahlen wie Christbäume. Zwei völlig
gleiche Mädchen blicken in den Spiegel hinein!" (DdL, S. 25)
         Ein salopp wirkender Ausdruck, der die Substantive Lärm oder Krach ersetzt, und ein
Vergleich aus dem Naturbereich, kommen in der direkten Rede von Frau Muthesius vor:
"„Was ist denn das für ein Radau?“ Sie steht auf und schreitet, mit königlich strafenden


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Blicken, in den tollen Jubel hinein. Als sie aber die zwei Zopfmädchen entdeckt, schmilzt ihr
Zorn wie Schnee in der Sonne dahin." (DdL, S. 26)
       Eine Zwillingsformel, die die Funktion der Adverbialbestimmung ausübt, ist im
nächsten Absatz zu sehen: "Die Hühner laufen pickend und gackernd zwischen den
Gasthaustischen hin und her. Ein alter Jagdhund beschnuppert die beiden Gäste und ist mit
ihrer Anwesenheit einverstanden." (DdL, S. 29)
       "„Was mögen die kleinen Gänse bloβ auf dem Kerbholz haben?“ brummt die Frau.
Dann geht sie ins Haus." (DdL, S. 32) Diese Frage, die aus dem Munde der Förstersfrau
herauskommt, in deren Garten Luise und Lotte saβen und Limonade tranken, bevor sie ins
Heim zurückliefen, umfasst ein verbales Idiom etw. auf dem Kerbholz haben, d. h. etw.
Unrechtes, Unerlaubtes vorhaben.
       Dem metaphorischen Gebrauch begegnen wir im folgenden Textsegment: "Fräulein
Ulrike steht im Büro vor dem Schreibtisch der Lehrerin und hat vor Aufregung krebsrote,
kreisrunde Flecken auf beiden Backen." (DdL, S. 33)
       Als Fräulein Ulrike feststellte, dass die Ähnlichkeit der zwei Mädchen kein Zufall ist
und dass sie tatsächliche Schwestern sind, sagte sie es der Heimleiterin. Diese wusste das
schon und verbot Fräulein Ulrike, darüber mit irgendjemandem zu reden, wobei ein verbales
Idiom mit der Bedeutung von schweigen benutzt wurde: "„Nichts! Falls Sie den Mund nicht
halten sollten, schneide ich Ihnen die Ohren ab, meine Liebe.“" (DdL, S. 34)
       "Die beiden hängen neuerdings wie die Kletten zusammen. Trude, Steffie, Monika,
Christine und die anderen sind manchmal böse auf Luise, eifersüchtig auf Lotte." (DdL, S.
35) In diesem kurzen Textabschnitt stoβen wir auf einen okkasionellen Vergleich an, der
durch Benutzung von Tierbenennung der Klette betont, dass die beiden Mädchen die Zeit
nicht mehr getrennt sondern zusammen verbringen.
       Der Modellbildung begegnen wir in der folgenden Passage, die beschreibt, worüber
die Schwestern den ganzen Tag reden: "Und Lotte verzehrt sich, alles, aber auch alles über
den Vater zu erfahren, was die Schwester weiβ. Tag für Tag sprechen sie von nichts andrem.
Und noch abends flüstern sie stundenlang in ihren Betten. Jede entdeckt einen anderen, einen
neuen Kontinent." (DdL, S. 36)
       Eines Tages bekommt Luise einen Brief von ihrem Vati, den sie Lotte laut vorliest:
"Erst wollte ich Dir ja ein Kinderbild von mir schicken. Eines, wo ich als nackiges Baby auf
einem Eisbärenfell liege! Aber Du schreibst, daβ es unbedingt ein funkelnagelneues Bild sein
muβ!" (DdL, S. 38) Hier finden wir ein aus dem Englischen entlehntes Wort Baby, dessen



                                             72
Form sowie die Aussprache nicht dem deutschen Sprachsystem angepasst wurde. Es handelt
sich um ein Fremdwort.
       In der Fortsetzung des Briefes gibt es auch noch ein verbales Idiom mit der Bedeutung
von jmdn. täuschen, irreführen: "Und so kriegst Du das Bild rechtzeitig. Hoffentlich tanzt Du
den Fräuleins im Heim nicht so auf der Nase herum wie Deinem Vater, der Dich tausendmal
grüβt und groβe Sehnsucht nach Dir hat!" (DdL, S. 39)
       Luise und Lotte ahnen gar nicht, warum ihre Eltern eigentlich getrennt leben und
warum sollte eine von der anderen nicht erfahren. Luise fällt in Erregung: "„Und Mutti hat dir
verschwiegen, daβ Vati lebt!“ Luise stemmt die Arme in die Seiten. „Schöne Eltern haben wir,
was? Na warte, wenn wir den beiden einmal die Meinung geigen! Die werden staunen!“"
(DdL, S. 42) Wenn wir jmdm. die Meinung geigen, dann halten wir ihm eine Standpauke, wir
sagen ihm gründlich unsere Meinung. Es handelt sich um ein verbales Idiom.
       Die Ferien und damit auch der Aufenthalt im Fereinheim gehen fast zu Ende und es
wird ein Abschiedsfest geplant, an dessen Vorrichtung alle Kinder teilnehmen: "Sie schleppen
Küchenleitern von Baum zu Baum, hängen bunte Laternen ins Laub, schlingen Girlanden
von Zweig zu Zweig und bereiten auf einem langen Tisch eine Tombola vor. Andere
schreiben auf kleine Zettel Losnummern." (DdL, S. 43) In dieser Passage sind
Modellbildungen zu bemerken.
       Die Schwestern planen inzwischen, wie ihre Eltern wieder zusammenzufinden, sie
wollen ihre Existenzen tauschen, damit Luise ihre Mutti und Lotte ihren Vater kennenlernen:
"Luise notiert: „Kochbuch…Kücherschrank…unteres Fach…ganz links…“ Dann stützt sie
die Arme auf und meint: „Vor dem Kochen hab ich eine Heidenangst! Aber wenn‫ۥ‬s in den
ersten Tagen schiefgeht, kann ich vielleicht sagen, ich hätt‫ۥ‬s in den Ferien verlernt, wie?“"
(DdL, S. 44) Die Zusammensetzung Heidenangst dient zur Verstärkerung der Emotionalität,
das Wort Heiden könnte durch das Adjektiv riesengroβ ersetzt werden. Der Heide ist ein
Mensch, der nicht der christlichen, jüdischen oder muslimischen Religion angehört. Im
Mittelalter wurde er wegen seiner Unglaube an Gott befürchtet, denn dieser Mensch konnte
durch seinen Verlust von frommen Prinzipien leicht die Sünde begehen, nicht nur an sich,
sondern auch an anderen an Gott glaubenden Menschen.
       "Die Zwillinge wollen den Eltern noch immer nicht erzählen, daβ sie Bescheid wissen.
Sie wollen Vater und Mutter nicht vor Entscheidungen stellen. Sie ahnen, daβ sie kein Recht
dazu haben. Und sie fürchten, die Entschlüsse der Eltern könnten das junge Geschwisterglück
sofort und endgültig wieder zerstören. Aber das andere brächten sie erst recht nicht übers
Herz: als wäre nichts geschehen, zurückzufahren, woher sie gekommen sind! Weiterzuleben


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in der ihnen von den Eltern ungefragt zugewiesenen Hälfte! Nein! Kurz und gut, es ist eine
Verschwörung im Gange!" (DdL, S. 47) In dieser langen Passage, die die Gründe beschreibt,
warum die zwei Schwestern ihre Rolle tauschen wollen, stoβen wir gleich auf vier stilistische
Merkmale an. Zunächst ist es das Funktionsverbgefüge jmdn. vor Entscheidungen stellen,
danach folgt das verbale Idiom etw. nicht übers Herz bringen mit der Bedeutung von zu etw.
nicht fähig sein. Drittens erscheint hier eine Zwillingsformel kurz und gut, die
zusammendfassend heiβt, und als letztes ist es das nominale Idiom im Gange, das man durch
in Bewegung/Aktion/Ablauf umschreiben kann.
           "Man wird einander postlagernd schreiben, wenn Not am Mann ist oder wenn
wichtige unvorhergesehene Ereignisse eintreten sollten." (DdL, S. 48) Wenn Not am Mann
ist ist wieder ein verbales Idiom, das man benutzt, wenn man jmdn./etw. braucht, der/das
mithilft. Im Kontext bezieht es sich auf mögliche Probleme oder Ereignisse, die im Verlauf
der Verschwörung, die die Schwestern vorbereiten, eintreten könnten.
           Den Rollenaustausch führten die Zwillinge schon beim Gartenfest am Vorabend der
Abreise nach Hause durch und es ist ihnen gelungen. Niemand schaute das durch und: "Es
macht beiden einen Mordspaβ, einander laut beim eigenen verschenkten Vornamen zu rufen."
(DdL, S. 48) Das Kompositum Mordspaβ, mit anderen Worten ein sehr groβer Spaβ, übt hier
wiederum eine emotionale Wirkung aus.
           "Am nächsten Morgen, in aller Herrgottsfrühe, fahren in der Bahnstation Egern, bei
Seebühl am Bühlsee, zwei aus entgegengesetzten Richtungen kommende Züge ein." (DdL, S.
49) Die Wendung in aller Herrgottsfrühe, die zum Ausdruck der Verstärkung verwendet
wurde, ist ein nominales Idiom mit der Funktion der Temporalbestimmung, das die
Bedeutung von bei Anbruch des Tages bzw. in der Morgendämmerung trägt.
           Im folgenden Textsegment, in dem die Rückkehr der Kinder aus dem Ferienheim nach
München beschrieben wird, begegnen wir einem Lehnwort: "In dem Strom der Reisenden
haben sich Inseln des Wiedersehens gebildet. Kleine Mädchen umhalsen ihre Eltern. Man
vergiβt vor lauter selig gerühmtem Schwadronieren, daβ man ja erst auf dem Bahnhof und
noch gar nicht daheim ist!" (DdL, S. 51) Das substantivierte Verb Schwadronieren wurde aus
dem Substantiv Schwadron abgeleitet, das aus dem italienischen squadrone (groβes Viereck)
entstand. Schwadronieren heiβt laut und lebhaft, unbekümmert reden, von etw. erzählen.36




36
     Deutsches Universalwörterbuch, 6. Auflage, Dudenverlag, Mannheim 2006, S. 1506.



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       Im nächsten Abschnitt kommt ein Vergleich vor: "Der Bahnsteig ist leer. Nein! Ganz,
ganz hinten sitzt ein Kind auf einem Koffer! Die junge Frau rast wie die Feuerwehr den
Bahnhofsteig entlang!" (DdL, S. 52)
       Fröhliches Wiedersehen von Luise mit ihrer Mutti, die sie noch nie gesehen hatte,
beschreibt ein verbales Idiom mit der Bedeutung von sich jmdm. andrängen: "„Mutti!“ Luise
stürzt der Frau entgegen und springt ihr, die Arme hochwerfend, an den Hals." (DdL, S. 53)
       Inzwischen ist auch Lotte zum ersten Mal ihrem Vati in Wien begegnet und lernte
auch seine Haushälterin Resi kennen: "Aber Lotte weiβ von Luise, daβ Resi eine falsche
Blunzen und ihr Getue Theater ist. Vater merkt natürlich nichts. Männer merken nie etwas!"
(DdL, S. 57) Eine falsche Blunzen ist die metaphorische Benennng für einen falschen,
unaufrichtigen Menschen. Das Substantiv die Blunzen gehört zum südd. Dialekt, findet seine
häufige Verwendung in Österreich und Bayern. Im Kontext trägt es eine übertragene
Bedeutung auf. Im Deutschen findet das Wort die Blunzen sein Synonym im Ausdruck die
Blutwurst.
       "Wenn er einen musikalischen Einfall hat, muβ er, um ihn zu notieren und
kompositorisch auszugestalten, auf der Stelle allein sein. Und so einen Einfall hat er
womöglich auf einer groβen Gesellschaft! „Wo ist denn Palfy hin?“…Der Hausherr lächelt
sauersüβ, bei sich aber denkt er:…" (DdL, S. 61) In diesem Absatz, in dem der Leser über
Gründe der Scheidung der Eltern langsam erfährt, stoβen wir auf ein nominales Idiom auf der
Stelle an mit der Bedeutung von noch in demselben Augenblick, sofort und auf einen
Oxymoron.
       "Den ihm nach der Scheidung verbliebenen Zwilling versorgte in der Rotenturmstraβe
ein tüchtiges Kindmädchen. Um ihn selber, im Atelier am Ring, kümmerte sich, wie er sich‫ۥ‬s so
sehnlich gewünscht hatte, kein Aas! ...Immerhin, er komponierte und dirigierte fleiβig und
wurde von Jahr zu Jahr berühmter. Auβerdem konnte er ja, wenn ihn der Katzenjammer
packte, in die andere Behausung gehen und mit Luise, dem Töchterchen, spielen." (DdL, S.
63) Die Wendung kein Aas, mit anderen Worten auch kein Mensch bzw. niemand, ist ein
nominales Idiom, das im Satz die Funktion des Subjekts ausübt. Von Jahr zu Jahr ist die
Modellbildung. Die Kompositionsmetapher Katzenjammer trägt eine übertragene Bedeutung
der traurigen, depressiven Stimmung, bezogen auf die inneren Gefühle des Vaters nach der
Scheidung.
       In München beginnt Luise, ihre Rolle der Lotte zu spielen, und geht einkaufen, was
bei Lotte eine Sitte war. Unterwegs begegnet sie Lottes Mitschüllerin, deren Namen sie nicht
kennt. Den erfährt sie erst dank Frau Wagenthaler im Laden: "Da fällt der Luise ein Stein


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vom Herzen. Endlich weiβ sie, daβ die andere die Anni Habersetzer sein muβ!" (DdL, S. 66)
Jmdm. fällt ein Stein vom Herzen, d. h. jmd. ist sehr erleichtert über etw., ist ein verbales
Idiom.
         Ein Vergleich und eine Zwillingsformel sind im nächsten Absatz zu bemerken: "Luise
kocht. Sie hat eine Schürze von Mutti umgebunden und rennt zwischen dem Gasherd, wo
Töpfe über den Flammen stehen, und dem Tisch, auf dem das Kochbuch aufgeschlagen liegt,
wie ein Kreisel hin und her." (DdL, S. 68)
         "Mit der Gabel in der Hand bleibt sie wie angewurzelt stehen. Was wollte sie eben
noch suchen? Ach richtig! Die Muskatnuβ und das Reibeisen!" (DdL, S. 69) In dieser Passage
gibt es einen originellen Vergleich.
         Im nächsten Abschnitt erscheint wieder ein nominales Idiom Häufchen Unglück,
bezogen auf die betrübte und niedergeschlagene Luise, die es nicht schaffte, gut zu kochen:
"Und als Frau Körner, müde von des Tages Unrats, heimkehrt, findet sie kein lächelndes
Hausmütterchen vor, bewahre, sondern ein völlig erschöpftes Häufchen Unglück, ein leicht
beschädigtes, verwirrtes, zerknittertes Etwas,…" (DdL, S. 70) Die zusammengesetzte
Verkleinerungsform Hausmütterchen weist hier eine ugs. scherzhafte Bedeutung auf.
         "Luise atmet auf, und nun schmeckt es ihr selber mit einem Male so gut wie noch nie
im Leben! Trotz Hotel Imperial und Eierkuchen." (DdL, S. 71). In diesem Textbeispiel
erscheint wieder ein nominales Idiom, das durch das Adverb plötzlich ersetzt werden könnte.
         "Und Luise erzählt, wie schön es im Ferienheim war. (Allerdings, von dem Mädchen,
das ihr zum Verwechseln ähnlich war, erzählt sie kein Sterbenswort!)" (DdL, S. 71) Hier übt
das nominale Idiom eine Rolle des Objekts aus und trägt die Bedeutung von kein einziges
Wort.
         In derselben Zeit, in der Luise in München kocht, sitzt Lotte in der Wiener Staatsoper
und hört dem Orchester zu, das ihr Vati dirigiert: "Wie wundervoll Vati im Frack aussieht!
Und wie die Musiker parieren, obwohl ganz alte Herren darunter sind! Wenn er mächtig mit
dem Stock droht, spielen sie, so laut sie können. Und wenn er will, daβ sie leiser sein sollen,
dann säuseln sie wie der Abendwind." (DdL, S. 71) Das Wort parieren findet seinen
Ursprung im lateinischen parere und bedeutet: ohne Widerspruch gehorchen. Wie der
Abendwind säuseln ist ein okkasioneller Vergleich, der durch Naturerscheinung gebildet
wird.
         Zwei Funktionsverbgefügen begegnen wir in der nächsten Passage: "Lottchen, der
halbierte und vertauschte Zwilling, gerät in wachsende Erregung. Ohne sich dessen völlig
bewuβt zu werden, gilt der Widerstreit ihrer Gefühle immer weniger den beiden Kindern und


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Eltern dort unten auf der Bühne, immer mehr ihr selber,…Lottchen zuckt zusammen, blickt
auf, sieht das Frauengesicht vor sich und macht eine wild abwehrende Geste." (DdL, S. 74)
       Im folgenden Absatz, in dem wiederum über Luises neue Leben in München erzählt
wird, kommt ein aus dem Lateinischen entlehntes Wort mit der Bedeutung von bereit, in
Bereitschaft sein: "An der Gegenwand steht ein gröβeres Bett. Auf der zurückgeschlagenen
Decke liegt Muttis Nachthemd, parat zum Hineinschlupfen." (DdL, S. 76)
       Im langen Textsegment, das Lottes schrecklichen Traum schildert, finden wir einen
okkasionellen Vergleich und ein verbales Idiom: "Sie umarmt ihre Kinder und will sie
fortziehen. Doch da öffnet sich die Pralinentür. Der Vater erscheint mit einer groβen Säge,
wie Holzhauer sie haben, und ruft: „Lassen Sie die Kinder in Ruhe, Frau Körner!" (DdL, S.
82) Jmdn. in Ruhe lassen heiβt jmdn. nicht stören, belästigen.
       "Aber der Vater schiebt sie beiseite und beginnt, vom Kopfende her, das Bett
durchzusägen. Die Säge kreischt so, daβ man friert, und sägt das Bett Zentimeter auf
Zentimeter der Länge nach durch." (DdL, S. 82) Hier begegnen wir der Modellbildung.
       Aufs verbale Idiom, das seine Umschreibung in verben vergehen, verstreichen finden
kann, stoβen wir im folgenden Textausschnitt, der das siebte Kapitel der Novelle einleitet:
"Wochen sind seit jenem ersten Tag und jener ersten Nacht in der fremden Welt und unter
fremden Menschen ins Lande gegangen. Wochen, in denen jeder Augenblick, jeder Zufal und
jede Begegnung Gefahr und Entdeckung mit sich bringen konnten." (DdL, S. 85)
       Die Menschen in der Umgebung der zwei Mädchen fangen an, merkwürdige
Verwandlungen bei ihnen zu beobachten. Diese Verwandlungen geschahen jedoch nicht nur
bei den Zwillingen, sondern sogar auch die Haushälterin Resi hat sich verändert: "Denn Resi,
das steht auβer der Frage, ist tatsächlich ein völlig anderer Mensch geworden. Sie war
vielleicht gar nicht von Grund auf betrügerisch, schlampert und faul? Sondern nur, weil das
scharfe Augen fehlte, das alles überwacht und sieht?" (DdL, S. 87-89) Wenn etw. auβer der
Frage steht, dann ist es unbezweifelbar, ganz gewiss. Es handelt sich um eine Art
Kollokation.
       Auch der Vati hält sich jetzt mehr zu Hause auf und lehrt seine Tochter Klavier
spielen. Das gefällt aber dem Fräulein Gerlach nicht: "„Ich dachte, du wärst Komponist und
nicht Klavierlehrer für kleine Mädchen.“ Früher hätte das dem Künstler Ludwig Palfy
niemand mitten ins Gesicht sagen dürfen! Heute hat er wie ein Schulbub gelacht und
gerufen:…" (DdL, S. 89-90) Jmdm. etw. ins Gesicht sagen ist ein verbales Idiom, das jmdm.
etw. offen und rückhaltlos sagen bedeutet. Lachen wie ein Schulbub ist ein Vergleich, das



                                             77
Wort Schulbub wird in Süddeutschland, Österreich sowie in der Schweiz benutzt. Als
Synonym wirkt zu diesem das Substantiv Schuljunge.
       Bei der vermutlichen Lotte, die jetzt in München wohnte, konnte man auch
Verwandlungen bemerken. Die Mutti war aber mit diesen Veränderungen zufrieden, sie war
froh, ihre Tochter verhielte sich nicht mehr als Erwachsene, sondern sie hätte schlieβlich die
Schönheit der Kindheit entdeckt. Deshalb hat sie Lotte bei ihrer Klassenlehrerin
gerechtfertigt, die von Lottes Verhalten nicht besonders begeistert wurde: "„Mein Kind“, hat
sie gesagt, „soll ein Kind sein, kein zu klein geratener Erwachsener! Es ist mir lieber, sie
wird ein fröhlicher, leidenschaftlicher Racker, als daβ sie um jeden Preis Ihre beste Schülerin
bleibt!“" (DdL, S. 92) In dieser direkten Reden finden wir ein nominales Idiom, das das
Adverb unbedingt ersetzt.
       "„Ein groβes, gefräβiges Ding, das seine Gehässigkeit heimlich an den Kleinsten der
Klasse auszulassen pflegt, sollte von der Lehrerin nicht noch in Schutz genommen werden.“"
(DdL, S. 93) Jmdn. in Schutz nehmen ist ein Funktionsverbgefüge.
       Im folgenden Textsegment, der die Fuβpartie von Lotte und ihrer Mutti schildert, ist
die Zwillingsformel zu bemerken: "Von Garmisch wanderten sie über Grainau an den
Baadersee. Dann an den Eibsee. Mit Mundharmonika und lautem Gesang. Dann ging‫ۥ‬s durch
hohe Wälder bergab. Über Stock und Stein. Walderdbeeren fanden sie. Und schöne und
geheimnisvolle Blumen." (DdL, S. 96) Die Paarformel übt hier die Funktion der
Adverbialbestimmung aus und kann ihre Umschreibung in der Phrase über alle Hindernisse
des Erdbodens hinweg finden.
       "Am Sonntagmorgen zogen sie weiter. Nach Ehrwald. Und Lermoos. Die Zugspitze
glänzte silberweiβ. Die Bauern kamen in ihren Trachten aus der Kirche. Kühe standen auf
der Dorfstraβe, als hielten sie einen Kaffeeklatsch." (DdL, S. 96) In dieser Passage, in der
die Schilderung des Ausflugs fortsetzt, begegnen wir einer Kompositionsmetapher silberweiβ
und einem okkasionellen Vergleich.
       "Auf der Hotelterrasse spendierte Mutii Kaffee und Kuchen. Und dann wurde es
höchste Zeit, nach Garmisch zurückzumarschieren." (DdL, S. 97) Das Wort marschieren
wurde aus dem französischen marcher, d. h. mit den Füβen treten, entlehnt.
       "Zu Hause fielen sie wie Plumpsäcke in ihre Betten. Das letzte, was das Kind sagte,
war: „Mutti, heute war es so schön, - so schön wie nichts auf der Welt!“" (DdL, S. 97) Den
ersten Teil des Kompositums Plumpsack, das im Vergleich benutzt wurde, bildet das
veraltete adjektiv plump, das die Bedeutung von dick trägt. So schön wie nichts auf der Welt



                                              78
ist ein expressiv wirkender Vergleich, der den inneren Eindruck des Mädchens vom Ausflug
zum Ausdruck bringt.
       In Wien fängt Lotte an, zu ahnen, dass sich ihr Vati heimlich mit Fräulein Gerlach
zusammentrifft, was durch einen originellen Vergleich, der an Tiere erinnert, geäuβert wird:
"Nun, kleine Mädchen spüren, wenn etwas nicht stimmt. Wenn Väter von Kinderopern reden
und über Fräulein Gerlach schweigen, - sie wittern wie kleine Tiere, woher Gefahr droht."
(DdL, S. 98)
       Lotte lässt sich von einem Maler, Herrn Gabele, zeichnen und dabei fällt ihr ein, dass
er sein Atelier mit dem ihres Vaters tauschen könnte. Damit erreicht der Maler mehr Licht
fürs Malen und ihr Papa kann gleich neben ihrer Wohnung ruhig arbeiten und komponieren:
"Herr Gabele könnte allerlei gegen Lottes Gedankengänge einwenden. Weil das aber nicht
angeht, erklärt er lächelnd: „Das wäre in der Tat sehr praktisch. Es fragt sich nur, ob der
Papa der gleichen Meinung ist.“" (DdL, S. 100) Die Wendung in der Tat, mit anderen
Worten auch tatsächlich, ist ein nominales Idiom mit Funktion der Adverbialbestimmung.
       Dann rennt sie gleich ins Vaters Atelier, wo sie jedoch auf Fräulein Gerlach anstöβt,
das sich spöttisch lächelt: "Irene lächelt maliziös. „Wenn man dich und deine Tochter sieht,
hat man den Eindruck, daβ du unter ihrem Pantoffel stehst.“" (DdL, S. 101) Der Ausdruck
maliziös entstand aus dem französischen malicieux, d. h. boshaft, hämisch. Die Wendung
unter dem Pantoffel stehen ist ein verbales Idiom, das häufig auf einen Ehemann bezogen
wird, der von seiner Frau beherrscht wird.
       Fräulein Gerlach hat nach ein Paar Minuten durchgchaut, mit welchem Einfall Lotte
zu ihrem Vati kam und meint: "„So ein kleines Biest!“ denkt Fräulein Gerlach. Denn sie,
auch eine Tochter Evas, weiβ nun schon, was das Kind im Schilde führt. Und richtig…"
(DdL, S. 103) In der Wendung eine Tochter Evas, die sich aufs Fräulein Irene bezieht, ist die
Anspielung an die Bibel zu bemerken. Das verbale Idiom etw. im Schilde führen heiβt
heimlich etw. planen.
       Als das Fräulein das Atelier verlieβ, spürte Herr Palfy eine Pflicht, sich mit seiner
Tochter ernst auseinanderzusetzen: "„Hör, Luise, - ich hab‫ۥ‬s nicht gern, wenn sich andere
Leute für mich den Kopf zerbrechen, auch meine Tochter nicht! Ich weiβ selber, was für mich
am besten ist.“" In dieser direkten Rede wurde das verbale Idiom sich den Kopf zerbrechen,
d. h. sehr angestrengt über etw. nachdenken, verwendet.
       Als er seine Tochter weinen sah, sagt Herr Palfy zu sich selbst: "Es ist nicht zum
Ansehen, wenn so einem kleinen Geschöpf Tränen in den Augen stehen! Sie hingen in den



                                             79
langen Wimpern wie Tautropfen an dünnen Grashalmen..." (DdL, S. 106) Hier begegnen
wir einem okkasionellen, z. T. auch poetisch wirkenden Vergleich aus dem Naturbereich.
           Seine Überlegungen setzen fort: "Wozu doch Kindertränen gut sind! Ja, so ein
Künstler ist fein heraus…Ist denn weit und breit kein Riese oder sonst jemand, der ihm ab
und zu die Hosen straffzieht?" (DdL, S. 106) In diesem Textabschnitt gibt es zwei
Paarformeln, und zwar die gereimte Binominale weit und breit mit der Bedeutung von in der
ganzen Umgebung und die Zwillingsformel ab und zu, d. h. gelegentlich. Es erscheint hier
wieder das familiäre verbale Idiom jmdm. die Hosen straff/stramm ziehen, das schon vorher
erklärt wurde37.
           Fräulein Gerlach hört nicht auf, nach Luises Vati zu streben und überlegt, wie des
Erfolgs zu erreichen: "Sie kennt ihre Waffen. Sie weiβ, sie zu gebrauchen. Sie ist sicher ihrer
Wirkung bewuβt. Alle ihre Pfeile hat sie auf die zuckende Zielscheibe, das Künstlerherz des
Kapellmeisters, abgeschossen. Alle Pfeile haben ins Schwarze getroffen." (DdL, S. 107) Ins
Schwarze treffen ist ein verbales Idiom, das die Bedeutung von mit etw. genau das Richtige
tun, sagen trägt.
           Luise sitzt wieder beim Herrn Gabele zu Besuch. Der bemerkt, dass sie traurig ist:
"Das Kind atmet schwer, als läge ihm ein Fuder Steine auf der Brust. „Ach, es ist nichts
weiter.“" (DdL, S. 108) In diesem kurzen Textbeispiel begegnen wir einem originellen
Vergleich.
           Auf einen Vergleich und eine Paarformel stoβen wir im nächsten Absatz: "Sie setzt
sich in den groβen Ohrensessel, in dem sie klein wie eine Puppe aussieht, streicht sich den
karierten Rock glatt und blickt erwartungsvoll zu ihm hoch. Er räuspert sich nervös, geht ein
Paar Schritte auf und ab und bleibt schlieβlich vor dem Ohrensessel stehen." (DdL, S. 110)
           Als Luise von ihrem Vati erfährt, dass er vorhat, Fräulein Gerlach zu heiraten,
entschloβ sie sich, es zu besuchen: "Die junge Dame erhebt sich, wirft einen Blick in den
Spiegel und muβ über ihr angespannt ernstes Gesicht lächeln. „Luise Millerin kommt zu Lady
Milford“, denkt sie amüsiert, denn sie ist ziemlich gebildet." (DdL, S. 114) Das Wort
amüsiert, abgeleitet vom Verb amüsieren, findet seinen Ursprung im Französischen und
bedeutet belustigend.
           "Diese fängt an, die Situation unhaltbar albern zu finden. Doch sie beherrscht sich. Es
steht immerhin einiges auf dem Spiele. Auf dem Spiele, das sie gewinnen will und gewinnen
wird." (DdL, S. 114) Diese Passage umfasst ein verbales Idiom, das benutzt wird, wenn etwas


37
     Siehe oben, S 71.


                                                 80
in Gefahr ist, verloren zu gehen. Im Kontext ist es die Hochzeit, die nach Fräulein Gerlach
bedroht werden könnte.
       "„Bist du hier zufällig vorbeigekommen?“ „Nein, ich muβ Ihnen etwas sagen!“ Irene
Gerlach lächelt bezaubernd. „Ich bin ganz Ohr.“" (DdL, S. 115) Im Gespräch, das die Dame
und Luise führen, erscheint ein verbales Idiom ganz Ohr sein. Das hat Fräulein Gerlach
benutzt, um damit auszudrücken, dass sie aufmerksam zuhört.
       Irene versucht, Luise zu überzeugen, dass die zwei zusammenlebend groβe
Freundinnen werden, wobei das verbale Idiom sich Mühe geben, d. h. sich bemühen oder
anstrengen, verwendet wurde: "…- wenn wir erst einige Zeit zusammen gewohnt und gelebt
haben, werden wir die besten Freundinnen geworden sein! Wir wollen uns beide rechte Mühe
geben. Meine Hand darauf!" (DdL, S. 115). Jmdm. auf etw. die Hand geben heiβt jmdm. etw.
versichern.
       Schlieβlich fällt Irene Gerlach in Erregung: "„Ich muβ dich bitten, jetzt nach Hause zu
gehen. Ob ich deinem Vater von diesem merkwürdigen Besuch erzähle, werde ich mir noch
überlegen. Wenn ich nichts erzählen sollte, dann nur, um unserer späterer Freundschaft, an
die ich noch immer glauben möchte, nichts Ernstliches in den Weg zu legen." (DdL, S. 116)
Jmdm./einer Sache nichts in den Weg legen ist ein verbales Idiom mit der Bedeutung von
jmdn./etw. nicht behindern.
       "„Scheren Sie sich zum Teufel!“" (DdL, S. 116) Diese saloppe Wendung kommt aus
dem Munde Fräuleins Gerlach, die in ihrer Aufregung gegenüber dem Stubenmädchen
gerichtet wurde. Es handelt sich um eine kommunikative Formel.
       In München entdeckt Frau Körner ein Paar Fotos mit den Mädchenzwillingen, die in
den Ferien in Seebühl gemacht wurden. Es handelt sich nämlich um Fotos, die der
Dorflichtbildkünstler aufgenommen und in die Münchnerredaktion geschickt hat. Sie ist wie
betäubt, denn sie erkennt ihre Töchter. Ihr Chef fragt sie: "„Nanu!“ ruft er. „Körner! Sie
stehen ja da wie Lots Weib als Salzsäule! Aufwachen! Oder ist Ihnen schlecht geworden?“"
(DdL, S. 123) In dieser direkten Rede, die der Chefredakteur führt, begegnen wir einem
Vergleich, der an eine biblische Geschichte erinnert.
       In ihren Gedanken überlegt Frau Körner jetzt, ob ihre Tochter Lotte wirklich Lotte ist:
"Was wird, was muβ geschehen? Ich werde mit Lottchen reden! Eiskalt durchfährt es die
Mutter! Ein Gedanke schüttelt wie eine unsichtbare Hand in ihren Körper hin und her! Ist
es den Lotte, mit der sie sprechen will?" (DdL, S. 125) In diesem Absatz finden wir eine
Kompositionsmetapher eiskalt, einen Vergleich und eine Paarformel hin und her, die den
ziellosen und Richtung ständig wechselnden Vorgang von Mutters Gedanken beschreibt.


                                              81
       Um sich zu überzeugen, dass Lotte wirklich Lotte ist, besucht die Mutter Lottes
Schullehrerin un zeigt ihr das Foto: "Fräulein Linnekogel macht den Mund auf und zu wie
ein Karpfen auf dem Ladentisch. Kopfschüttelnd schiebt sie die Fotografie von sich weg, als
hätte sie Angst, gebissen zu werden." (DdL, S. 125-126) In der die Reaktion von Fräulein
Linnekogel beschreibenden Passage kommen zwei originelle Vergleiche aus dem Tierbereich
vor.
       Mutti kommt nach Hause und beobachtet ihre Tochter, die vermutliche Lotte, beim
Kochen: "Diese lehnt an der Tür und ist bleich wie die Wand. Das Kind steht am offenen
Küchenspind    und   hebt     Geschirr   heraus.   Die   Teller   klappern   wie   bei   einem
Erdbeben…“Luise!“ wiederholt die Frau sanft und öffnet die Arme weit. „Mutti!“ Das Kind
hängt der Mutter wie eine Ertrinkende am Hals und schluchzt leidenschaftlich." (DdL, S.
129). In diesem Textsegment, der das fröhliche Zusammentreffen der Mutter mit ihrer
ausgetauschten Tochter Luise schildert, stoβen wir wiederum auf Vergleiche.
       Die Kompositionsmetapher, die die Erleichterung zum Ausdruck bringt, ist im
folgenden Abschnitt zu bemerken: "Das Kind hat sich eng, ganz eng an die Mutter
gekuschelt. Ach, ist das schön, endlich die Wahrheit gesagt zu haben! So leicht ist einem
zumute, so federleicht! Man muβ sich ab der Mutter festklammern, damit man nicht plötzlich
davonfliegt!" (DdL, S. 131)
       Frau Körner spricht dann am Telefon mit ihrem geschiedenen Mann, Herrn Palfy.
Mutti und Luise entscheiden sich nach Wien zu fahren, um die kranke Lotte zu sehen: "„Hier
ist Luise! Grüβ dich Gott, Vati! Sollen wir nach Wien kommen? Ganz geschwind?“ Das
erlösende Wort ist gesprochen. Die eisige Beklemmung der beiden Groβen schmilzt wie unter
einem Tauwind. „Grüβ Gott, Luiserl!“ ruft der Vater sehnsüchtig. „Das ist ein guter
Gedanke!“" (DdL, S. 135) Die Wendung schmelzen wie unter einem Tauwind ist ein durch
Naturerscheinung gebildeter Vergleich.
       Als Luise und ihre Mutti nach Wien gekommen und aus dem Taxi in der
Rotenturmstraβe gestiegen sind, begegnen sie Herrn Hofrat Strobl und seinem Hund Peperl,
der die rechte Luise erkennt: "Ein kleines Mädchen steigt aus dem Auto – und schon springt
Peperl wie besessen an dem Kind hoch! Er bellt, er dreht sich wie ein Kreisel, er wimmert
vor Wonne, er springt wieder hoch!" (DdL, S. 138) Hier wird die Reaktion des Hundes durch
okkasionelle Vergleiche bereichert.
       Im nächsten Absatz erscheint eine Kompositionsmetapher, bezogen auf die Schönheit
von Frau Körner: "Die Haushälterin schaut entgeistert hinterdrein und schlägt ein Kreuz.



                                              82
Dann ächzt der alte Hofrat die Stufen empor. Er kommt mit einer bildhübschen Frau, die
einen Reisekoffer trägt." (DdL, S. 139)
       Die im Bett schlafende Lotte wird wach und erblickt ihre Mutter: "„Mutti!“ flüstert
Lotte. Ihre Augen hängen groβ und glänzend an der Mutter, wie an einem Bild aus Traum
und Zauber. Die junge Frau streichelt wortlos die heiβe Kinderhand." (DdL, S. 139) In
dieser Passage begegnen wieder einem originellen Vergleich.
       Im   nächsten    Textbeispiel    gibt   es   eine   Kompositionsmetapher,     die   durch
Naturerscheinung gebildet wird: "Luise schaut blitzschnell zum Vater hinüber, der am
Fenster steht. Dann macht sie sich an Lottchens Kissen zu schaffen, klopft sie, wendet si um,
zupft ordnend am Bettuch." (DdL, S. 139)
       "Die vier Menschen im Zimmer erwachen wie aus einem seltsamen Wachschlaf. Der
Herr Hofrat tritt ein. Jovial und ein biβchen laut wie immer. Am Bett macht er halt. „Wie
geht‫ۥ‬s dem Patienten?“" (DdL, S. 140) Die Verbindung erwachen wie aus einem seltsamen
Wachschlaf ist ein Vergleich. Das Wort jovial stammt aus dem Lateinischen und findet seine
Bedeutung im synonymischen Ausdruck wohlwollend bzw. freundlich.
       "„Ihr seids mir ein paar Intriganten“, knurrt er, „ein paar ganz gefährliche! Sogar
meinen Peperl habt ihr an der Nase herumgeführt!“ Er streckt beide Hände aus und mit
jeder seiner Pranken fährt er zärtlich über einen Mädchenkopf." (DdL, S. 142) Jmdn. an der
Nase führen ist ein verbales Idiom mit der Bedeutung von jmdn. täuschen, irreführen. Es
bezieht sich auf den Hund des Hofrats, der auch nicht erkannte, dass seine kleine Freundin
Luise keine Luise, sondern Lotte ist.
       Als Luise und Lotte am Tage ihres Geburtstags den gemeinsamen Wunsch, alle
zusammen als Familie zu leben, laut ausgedrückt haben, gingen ihre Eltern ins andere
Zimmer, um sich zu beraten. Die Mädchen warten hinter der Tür: "„Daumen halten!“
flüstert Luise aufgeregt. Vier kleine Daumen werden von vier kleinen Händen umklammert
und gedrückt. Lotte bewegt tonlos die Lippen. „Betest du?“ fragt Luise. Lotte nickt." (DdL, S.
152) Jmdm. Daumen halten ist ein verbales Idiom mit der Bedeutung von jmdm. in einer
schwierigen Situation Erfolg, gutes Gelingen wünschen. Das betrifft die Zwillinge, die sich
ganz stark wünschten, dass sich ihre Eltern aussöhnen, was sich schlieβlich ergab.
       Die Hochzeit findet statt und die Mädchen sind überglücklich: "Lottchen und Luise
sitzen andächtig auf ihren Stühlen und sind glücklich wie die Schneekönige. Und sie sind
nicht nur glücklich, sondern auch stolz, mächtig stolz!" (DdL, S. 156). Hier stoβen wir auf
einen Vergleich, der wahrscheinlich als Variation des ugs. verbalen Idioms sich freuen wie die
Schneekönige, d. h. sich sehr freuen, entstand.


                                               83
       "Herr Kilian, der Direktor der Mädchenschule, ist ehrlich verblüfft, als Kapellmeister
Palfy und Frau eine zweite Tochter anmelden, die der ersten aufs Haar gleicht." (DdL, S.
158) Die Wendung aufs Haar ist ein nominales Idiom mit der Bedeutung von ganz genau,
exakt und bezieht sich auf die Ähnlichkeit von den Zwillingen.
       Nachdem er die neue Schülerin in sein Buch eingetragen hatte, erzählte der Direktor
der Mädchenschule den Eltern über einen neuen Bub, der zu Ostern in seine Klasse kam:
"„…Ein Bub aus ärmlichen Verhältnissen, aber blitzsauber und, wie ich bald merkte, sehr
ums Lernen bemüht… Manchmal rechnet er wie am Schnürchen und macht keinen einzigen
Fehler, andere Male geht es viel langsamer bei ihm, und Schnitzer macht er auβerdem!“"
(DdL, S. 159) In der Erzählung des Direktors begegnen wir der Kompositionsmetapher
blitzsauber, d. h. vor Sauberkeit glänzend, und einem Vergleich wie am Schnürchen, mit
anderen Worten in flüssigem Tempo, völlig reibungslos.
       "„Endlich verfiel ich auf eine seltsame Methode. Ich merkte mir in einem Notizbücherl
an, wann der Bub gut und wann miserabel gerechnet hatte…“ " (DdL, S. 160) In dieser
direkten Rede, die der Direktor weiterführt, kommt ein entlehntes Wort miserabel vor. Dieses
wurde aus dem Lateinischen (miserabilis) über das Französische (misèrable) übernommen
und bedeutet jämmerlich, kläglich.
       Nach der Verabredung mit Eltern lädt sich Herr Direktor die Lehrerinnen in sein Büro
ein, um ihnen die Fotographie von zwei Mädchen zu zeigen und zu erklären, dass diese
Zwilinge ihre Schule besuchen sollen: "„Nehmen Sie Platz, meine Damen!“ sagt er. „Der
Schuldiener hat mir soeben die neue Nummer der Münchner Illustrierten gebracht. Die
Titelseite ist für unsere Schule recht interessant. Darf ich, bitten, Fräulein Bruckbaur?“ Er
reicht ihr die Zeitschrift." (DdL, S. 163) Die Verbindung Platz nehmen ist eine
kommunikative Formel.
       Am Wege nach Hause begegnen sie Fräulein Gerlach, die zum Glück nur Luise und
Lotte aus dem Auto erblicken. Nach einem Moment ist sie aber verschwunden: "Luise dreht
sich plötzlich um und schaut zur Oper zurück. Aber von Fräulein Gerlach ist weit und breit
nichts mehr zu sehen." (DdL, S. 165) Die Wendung weit und breit ist eine gereimte
Paarformel mit der Bedeutung von in der ganzen Umgebung, ringsum.
       "„Ich dank Ihnen schön, Resi“, sagt die junge Frau. „Und ich freu mich, daβ Sie bei
uns bleiben wollen!“ Resi nickt wie eine Puppe aus dem Kasperltheater, so energisch und so
ruckartig." (DdL, S. 166) Hier begegnen wir einem originellen Vergleich.
       Als der „aufgebackene“ Ehepaar nach Hause, in die Rotenturmstraβe, zurückkommt,
erinnert sich Herr Palfy, dass er noch irgendwohin gehen soll. Alle sind erstaunt, dass er am


                                             84
Tage der Hochzeit noch etwas erledigen muss, auβer der Haushälterin Resi: "Alle auβer ihm
erstarren. Schon am Hochzeitstag will er wieder ins Atelier am Ring? (Nein, die Resi erstarrt
ganz und gar nicht! Sie lacht vielmehr lautlos in sich hinten!)" (DdL, S. 166) In diesem
kurzen Textabschnitt ist wiederum die Zwillingsfomel zu bemerken, die man durch völlig
bzw. überhaupt nicht ersetzen kann.
       Herr Palfy hat für seine Familie eine Überraschung. Er zeigt seiner Frau sein neues
Atelier, das sich neben ihrer Wohnung befindet. So wird er ihnen immer in der Nähe sein,
wenn er arbeitet: "„Im dritten Stock links werden wir zu viert glücklich sein, und im dritten
Stockwerk rechts ich allein, aber mit euch Wand an Wand." (DdL, S. 168) Die
Modellbildung Wand an Wand verweist im Kontext die Bedeutung von in eurer engen
Nachbarschaft.


       7.2.1.3 Fazit


       In diesem Subkapitel fasse ich einige Beispiele von Stilfiguren, die im Text
vorkommen, zusammen. Wo nötig, wird gleichzeitig auch ihre Bedeutung erklärt.


       Vergleiche:


       ähneln einander wie Vierpfundbrote oder Hundsveilchen
       strahlen wie Christbäume
       schmelzen wie Schnee in der Sonne
       hängen wie die Kletten zusammen
       rennen wie ein Kreisel
       wittern wie kleine Tiere
       wie Plumpsäcke fallen
       wie Lots Weib als Salzsäule stehen
       bleich wie die Wand
       nickt wie eine Puppe aus dem Kasperltheater




                                             85
Metapher:


stocksteif                              in sehr gerader und dabei steifer Haltung
Mordspaβ                                ein sehr groβer Spaβ
Katzenjammer                            depressive, niedergedrückte Stimmung
eiskalt                                 kalt wie Eis
federleicht                             leicht wie Feder
eine falsche Blunzen                    ein falscher, unaufrichtiger Mensch
silberweiβ                              weiβglänzend wie Silber


Nominale Idiome:


auf den Punkt                           ganz genau, präzis
im Gange                                in Bewegung/Aktion
auf der Stelle                          in demselben Augenblick
in aller Herrgottsfrühe                 bei Anbruch des Tages
in einem Male                           plötzlich
in der Tat                              tatsächlich
aufs Haar                               ganz genau
um jeden Preis                          unbedingt
um die Wette                            mit der Absicht, schneller als andere zu
                                        sein


Verbale Idiome:


die Ohren spitzen                       aufmerksam zuhören
Jmdm. die Hosen straff ziehen           Jmdm. Schläge aufs Gesäβ geben
etw. auf dem Kerbholz haben             etw. Unrechtes, Unerlaubtes vorhaben
Jmdm. auf der Nase herumtanzen          Jmdn. täuschen, irreführen
Jmdm. fällt ein Stein vom Herzen        Jmd. ist sehr erleichtert über etw.
auβer der Frage stehen                  unbezweifelbar, ganz gewiss sein
ins Lande gehen                         vergehen, verstreichen
unter dem Pantoffel stehen              von jmdm. beherrscht werden
etw. im Schilde führen                  heimlich etw. planen


                                   86
ins Schwarze treffen                 mit etw. genau das Richtige tun, sagen
Jmdm. auf etw. die Hand geben        Jmdm. etw. versichern
Jmdm. Daumen halten                  jmdm. in einer schwierigen Situation
                                     Erfolg, gutes Gelingen wünschen
Zwillingsformeln:


kurz und gut                         zusammenfassend
weit und breit                       in der ganzen Umgebung, ringsum
ab und zu                            gelegentlich
auf und ab                           nach oben und nach unten
ganz und gar                         völlig
hin und her                          ohne bestimmtes Ziel ständig die Richtung
                                     wechselnd
über Stock und Stein                 über alle Hindernisse des Erdbodens
                                     hinweg


Kollokationen bzw. FVG:


in Erregung geraten
eine Geste machen
Jmdn. in Schutz nehmen
Spaβ machen


Modellbildung:


Tag für Tag
von Baum zu Baum
von Jahr zu Jahr
Zentimeter auf Zentimeter
Wand an Wand




                                87
       Wortentlehnung:


       perplex                                     lat. perplexum, verblüfft, verwirrt
       Baby                                        engl. Baby, s Kind
       parieren                                    lat. parere, ohne Widerspruch gehorchen
       maliziös                                    fr. malicieux, boshaft, hämisch
       jovial                                      lat. Iovialis, wohlwollend bzw. freundlich
       parat                                       lat. paratus, bereit, in Bereitschaft sein
       miserabel                                   fr. misèrable, jämmerlich, kläglich
       schwadronieren                              it.   squadrone,      laut    und     lebhaft,
                                                   unbekümmert reden


       Die Novelle "Das doppelte Lottchen" ist reich an folgenden Stilfiguren: Vergleiche
(bleich wie die Wand, strahlen wie Christbäume), verbale (jmdn. an der Nase herumführen,
ins Schwarze treffen) und nominale (in einem Male, um jeden Preis) Idiome, Metaphern
(bildhübsch, eine falsche Blunzen) und Zwillingsformeln (weit und breit, über Stock und
Stein). Andere Mittel, die in diesem Kinderbuch vorkommen, sind Wortentlehnungen (Baby,
amüsiert), FVG (in Erregung geraten, eine Geste machen) und Modellbildungen (von Jahr zu
Jahr, Tag für Tag). Interessant ist auch die Verwendung vom Adjektiv wild, das durch seine
veraltete Bedeutung von fremd ein tautologisches Kompositum wildfremd bildet. Ein anderer
Fall des Archaismus wird durch das Wort plump, d. h. dick, vertreten, das im Text als
Bestandteil der Zusammensetzung Plumpsack erscheint. Bei der Analyse begegnet man auch
einigen Verkleinerungsformen, die vorwiegend durchs Diminutivsuffix –erl, verbreitet im
österreichischen Deutsch und in Bayern, gebildet werden (Luiserl, Peperl). Als letztes ist die
Verwendung von Oxymoron beim Kompositum sauersüβ zu erwähnen.




                                             88
                                     Zusammenfassung

       In meiner Diplomarbeit hatte ich zum Ziel, auf die Unterschiede im literarischen Stil
der deutschsprachigen Autoren Gottfried Keller und Erich Kästner hinzuweisen. Dazu wählte
ich mir zwei bekannte kurze Kindernovellen Kellers, die man unter den Titeln "Spiegel, das
Kätzchen" und "Kleider machen Leute" kennt, und eine längere Novelle von Erich Kästner,
die die Geschichte von Mädchenzwillingen schildert und unter dem Titel "Das doppelte
Lottchen" erschien. Warum gerade diese zwei Schriftsteller? Die Antwort ist ganz einfach.
Beide schrieben zwar ihre Werke auf Deutsch, trotzdem stammte jeder aus einer anderen
Region (Keller – die Schweiz, Kästner – Deutschland) und ihre Schreibweise könnte sich also
zumindest dialektal unterscheiden. Der zweite Grund war, dass sie voneinander zeitlich ganz
entfernt lebten und literarisch schöpften. Ihre Werke, die mich interessierten, schufen sie im
Abstand von mehr als 70 Jahren und während dieser Zeit konnte sich (und hat sich bestimmt)
auch der im 19. Jh. "gewöhnliche" literarische Stil im 20. Jh. verändern. Bei der Werkanalyse
kam ich zu diesen Ergebnissen:
       In den Novellen beider Autoren erscheinen sehr häufig okkasionelle Vergleiche. Beide
Schriftsteller benutzen sehr schöne Vergleiche aus dem Tier- und Naturbereich (sanft wie ein
Lämmlein, schmelzen wie Schnee in der Sonne), die besonders bei Kästner eine Wirkung der
Originalität ausüben. In ein Paar Beispielen fand ich bei ihm zusätzlich einige Anspielungen
auf die Bibel (wie Lots Weib als Salzsäule stehen, eine Tochter Evas).
       Andere Stilmittel, die in den Werken sehr verbreitet sind, sind die phraseologischen
Wendungen, verbale und nominale Idiome. Auf Grund der Analyse muss ich jedoch betonen,
dass die Menge von Phraseologismen eher bei Erich Kästner überwiegt, in dessen Kinderbuch
"Das doppelte Lottchen" ich den idiomatischen Wendungen (ins Schwarze treffen, ins Lande
gehen) fast auf Schritt und Tritt begegnete. Nur die Häufigkeit der Zwillingsformeln (über
Stock und Stein, mit Zittern und Zagen) kann ich für ausgeglichen halten.
       Zur selben Schlussfolgerung kam ich, als ich mich auf die Verwendung von
Wortentlehnungen konzentrierte. Beide Autoren bedienten sich in vielen Fällen der aus
anderen Sprachen übernommenen Wörter, meistens aus dem Lateinischen und Französischen
(Mirakel, servieren, perplex, miserabel). Andere Ursprungssprachen, die ihnen zur Verfügung
standen, waren Italienisch (Galopp), Englisch (Baby, ) und Spanisch (Zigarre).
       Die Verwendung von Funktionsverbgefügen (FVG) dominiert eher bei G. Keller,
besonders in der Novelle "Kleider machen Leute" (in Angriff nehmen, Dienst leisten) ist sein
Vorkommen sehr häufig.


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       Am auffäligsten, was die Unterschiede im Stil angeht, finde ich die vielfältige
Benutzung von Archaismen, Sprichwörtern (Kleider machen Leute, Stille Wasser sind tief)
und Schimpfwörtern (Hitzkopf, Obenhinaus) bei G. Keller, von Modellbildungen (Tag für
Tag, Wand an Wand) und gewissermaβen auch Metaphern (stocksteif, Katzenjammer) bei E.
Kästner. Während man in beiden Novellen von G. Keller vielmals auf Archaismen
(mitnichten, von dannen, jetzo) stöβt, finden wir bei E. Kästner nur zwei Fälle der
Archaisierung. Zunächst ist es die veraltete Bedeutung des Adjektivs wild (= fremd) im
tautologischen Kompositum wildfremd, den zweiten Fall stellte das veraltete Wort plump (=
dick) in der Zusammensetzung Plumpsack dar.
       Ein anderer Aspekt, durch den der literarische Stil beider Autoren ganz deutlich
voneinander abweicht, ist die Diminution. Während man in der Kellers Novelle "Spiegel, das
Kätzchen" eine Menge von durch das Suffix –chen gebildeten Verkleinerungsformen
(Würstchen, Bäumchen, Kätzchen, Spiegelchen, Mäuschen) findet, ist das Vorkommen der
Diminutiva in Kästners "Das doppelte Lottchen" dagegen sehr selten und wenn es
irgendwelche gibt, werden sie vornehmlich vom Suffix –erl beendet (Luiserl, Peperl), das
besonders in Bayern und Österreich verbreitet ist. Auch bei anderen, nicht verkleinerten
Wendungen bediente sich Kästner lieber den für die süddeutsche bzw. österreichische Region
gewöhnlichen Wörtern (Schulbub anstatt Schuljunge, Blunzen statt Blutwurst).
       Wie man sehen kann, kommen in den ausgewählten Werken viele Stilmittel vor, die
zur Expressivität beiträgen. Die analysierten Kindernovellen umfassen eine Menge von
bildhaften Idiomen, originellen Vergleichen und Metaphern, die auf die Emotionen und
Phantasie ihrer Leser wirken. Ich spreche mit Absicht über den Leser allgemein, denn solche
Art von Büchern, die ich analysierte, ist dank ihrer Expressivität und Geschichte nicht nur für
Kinder, sondern auch für die Erwachsenen gut lesbar und manchmal auch belehrend. An
diesem Beispiel von Kinderbüchern und deren Autoren, die voneinander mehr als zwei
Generationen trennen, kann man behaupten, dass sich der literarische Stil und die stilistische
"Qualität" von Kindernovellen im Verlauf der Zeit in positiver Richtung entwickelt, wodurch
die den Kindern gewidmeten Bücher interessanter und lesbarer werden.




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