Goethe: Faust Prolog im Himmel
Thesen zur Figur des Mephistopheles (Konzeption des Bösen)
1. Verhältnis zum Herrn
Mephisto gehört zum Gesinde des Herrn; er kann nur im Rahmen dessen handeln, was der Herr ihm
zugesteht. Das „Böse“ bildet also nicht (wie im Faust-Buch von 1587) einen autonomen Gegenpol.
274; 313 ff., 323
Mephisto ist andererseits kein bloßer Befehlsempfänger, sondern hat einen Entscheidungsspielraum
und handelt aus eigenem Antrieb. 325 f., 332; 271 ff., 350 ff.
Die „persönliche“ Beziehung der beiden ist gekennzeichnet durch gegenseitige Akzeptanz der
Beziehungsdefinitionen (Superiorität des Herrn, freie Rede des Knechts) und eine gewisse
Sympathie. passim: der ganze „Umgangston“
2. Motivation
Daß Mephisto zu den „Geistern“ gehört, die „verneinen“, heißt zweierlei:
Er ist Kritiker und Pessimist, speziell was den Menschen angeht. Er möchte (gegenüber dem
Herrn) Recht behalten, er will etwas beweisen. 280 ff., 293 ff.; 332 ff.
Andererseits ist er „böse“ insofern, als das „Plagen“ offenbar sein täglich Brot und Vergnügen
ist.* 298, 318 ff.; 344
3. Funktion
Indem Mephisto als Böser und gemäß seiner eigenen Motivation handelt, spielt er eine (ihm vom Herrn
zugewiesene) positive Rolle im göttlichen Schöpfungsplan: die des „Versuchers“, der den Menschen
„reizt“ und ihn dadurch in seiner Evolution voranbringt. 340 ff.
Das Fazit aus alledem formuliert Mephistopheles selbst, wenn er sich (an späterer Stelle) Faust gegenüber so
definiert: „Ein Teil von jener Kraft,/Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (1335 f.)
*Genaueres kann an dieser Stelle noch nicht gesagt werden. Später (1338 ff.) wird Mephisto wesentlich
deutlicher.
Goethe: Faust
Prolog im Himmel
Klausur (A4), Text Kalberlah A4, Thesen, Kladde (A5)
1. Analyse der Mephistopheles-Figur; Aspekte:
Verhältnis zum Herrn
Motivation und Selbstverständnis
Funktion innerhalb der göttlichen Weltordnung
2. Vergleich mit der literarischen Vorlage:
Analyse: Gemeinsamkeiten und Abweichungen
Interpretation: Wahl der Vorlage, Gemeinsamkeiten, Abweichungen
3. Produktive Rezeption: „Statt eines Prologs im Himmel“ (Konzept: Kalberlah)
Analyse Kalberlah oder:
eigene Texte verfassen
Möglichkeiten, den Prolog strukturell zu verändern:
Der „dienstbare Geist“ Mephisto wendet sich resignierend von der Menschenwelt ab, weil
diese alle seine eigenen Vorstellungen vom Negativen bei weitem übertrifft.
Mephisto macht sich zum Anwalt der gequälten Menschheit und provoziert den „Herrn“ zu
einer Antwort.
Mephisto triumphiert als „Gegenpol“ des Herrn wegen des Nihilismus auf Erden
Goethe: Faust Prolog im Himmel
Vergleich mit der Rahmenerzählung des Buches Hiob (Kladde)
Hiob Prolog im Himmel
Figurenkonstellation Gott
der Teufel als Teil des göttlichen „Hauses“
ein Mensch (als Repräsentant der Menschheit und
Prüfexemplar für die Qualität der Schöpfung?)
Situation Gott und Teufel verabreden die Prüfung eines Menschen.
Gott hat den Prüfling als Musterexemplar der Gattung
„Mensch“ ausgewählt.
Der Teufel übernimmt die Rolle des Prüfers und erhält eine
entsprechende Lizenz..
Gegenstand der Prüfung Gottesfurcht, Gehorsam Authentizität
Menschenbild Evolutionsfähigkeit
Goethe: Faust Prolog im Himmel Gh
Das Buch Hiob (Rahmenerzählung)
Hiobs Frömmigkeit und Glück
Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen,
gottesfürchtig und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und
er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Rinder und
5 fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten
wohnten. Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem
Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit
ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob
hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach
10 ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt
haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.
Hiob bewährt sich in schwerer Prüfung
Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN
traten, kam auch der Satan unter ihnen. Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo
15 kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin
und her durchzogen. Der HERR sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen
Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen,
gottesfürchtig und meidet das Böse. Der Satan antwortete dem HERRN und sprach:
Meinst du, daß Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles,
20 was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein
Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an,
was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen! Der HERR sprach zum
Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand
nicht. Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.
25 [...]
Hiobs gesegnetes Ende
Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und
der HERR gab Hiob doppelt soviel, wie er gehabt hatte. Und es kamen zu ihm alle
seine alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt
30 hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über
alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm
ein Goldstück und einen goldenen Ring. Und der HERR segnete Hiob fortan mehr als
einst, so daß er vierzehntausend Schafe kriegte und sechstausend Kamele und tausend
Joch Rinder und tausend Eselinnen. Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter und
35 nannte die erste Jemima, die zweite Kezia und die dritte Keren-Happuch. Und es gab
keine so schönen Frauen im ganzen Lande wie die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab
ihnen Erbteil unter ihren Brüdern.
Und Hiob lebte danach hundertundvierzig Jahre und sah Kinder und Kindeskinder bis
in das vierte Glied. Und Hiob starb alt und lebenssatt.
40
Goethe: Faust Prolog im Himmel: Klausur Gh
Das Buch Hiob (Rahmenerzählung)
Hiobs Frömmigkeit und Glück
Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig
und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend
Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde,
und er war reicher als alle, die im Osten wohnten. Und seine Söhne gingen hin und machten ein
Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei
Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren,
sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer
nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt
haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.
Hiob bewährt sich in schwerer Prüfung
Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch
der Satan unter ihnen. Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan
antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. Der HERR
sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht
auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Der Satan antwortete
dem HERRN und sprach: Meinst du, daß Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus
und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein
Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat:
was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen! Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er
hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan hinaus von
dem HERRN.
Aufgabe:
1. Textanalyse („Prolog im Himmel“)
Wie wird die Figur des Mephistopheles durch sich selbst und durch die Figur des „Herrn“ charakterisiert? Werte
die einschlägigen Textstellen aus (Kladde!) und formuliere Thesen über:
das Selbstverständnis Mephistos und seine (subjektiven) Zielvorstellungen;
sein Verhältnis zum „Herrn“ und seine Funktion innerhalb der göttlichen Weltordnung.
Belege Deine Thesen am Text!
(Hinweis: Deine Thesen gewinnen an Schärfe, wenn Du gleich eine Abgrenzung einarbeitest zu einer Konzeption
des „Bösen“, wie sie im „Faustbuch“ von 1587 greifbar ist.)
2. Textvergleich
a) Goethes „Prolog im Himmel“ (entstanden um 1800) ist eine produktive Rezeption der Rahmenerzählung
des Buches Hiob im AT. Vergleiche die beiden Texte genau: Inwiefern (in welcher Hinsicht) hält sich
Goethe an seine Vorlage, inwiefern (in welcher Hinsicht) weicht er von ihr ab? Fasse Deine Ergebnisse zu
Thesen zusammen und belege diese Thesen am Text!
b) Zu P. G. Kalberlah: „Statt eines Prologs im Himmel“ (s. Anlage)
Vergleiche diesen Text mit seiner literarischen Vorlage und entwickle aus diesem
Vergleich heraus das Verhältnis des Autors zu Goethes Intention!
GOETHE: "FAUST" Prolog im Himmel
Statt eines ´Prologs im Himmel´ (P. G. Kalberlah)
In der Zentrale für biogenetische Mutierung. Das Gremium zur Evolutionierung der
Anthropozoiden ist im Institut versammelt.
1. Experte:
Ich schlage ein Experiment zur Entwicklung der dynamischen Persönlichkeit vor.
2. Experte:
Was nennst du dynamisch?
3. Experte:
Was soll ´Persönlichkeit´ heißen?
1. Experte:
Die dynamische Persönlichkeit löst den bisherigen statischen Typus der Anthropozoiden ab, falls
wir experimentell zu guten Ergebnissen mit ihr kommen.
2. Experte:
Ich finde, du solltest das noch weiter verdeutlichen. Kannst du mir ´Statik´ und ´Dynamik´ in Bezug
auf die menschliche Spezies so kontrastieren, daß ich verstehe, was du meinst?
1. Experte:
Ja, kann ich versuchen. - Zunächst einmal Danke! für deine Gegenfrage, die mir erlaubt, mir selber
klarzuwerden. - Statisch nenne ich diejenige Sorte von Menschen, die in einem Weltbild oder
Deutungssystem ruht, das gesteuert wird dadurch, daß unhinterfragte Autoritäten in Geltung sind.
Dynamisch dagegen wäre eine neue Sorte, die in Weltbildfragen flexibel ausgelegt wäre: Jedes
Exemplar wäre gewissermaßen sein eigenes Deutungssystem, es gäbe so viele Systeme wie
Exemplare. Die Ordnung innerhalb der Gattung würde nicht mehr unter Berufung auf traditionelle
Autoritäten hergestellt, sondern selbstregulativ.
3. Experte:
Ich ahne, was dein Terminus ´dynamische Persönlichkeit´ beinhaltet! Du willst ein Experiment
machen mit freigesetzter, selbstregulativer Produktivität?
1. Experte:
Genau das möchte ich vorschlagen!
4. Experte:
Dann wollen wir uns mal die nötige Konditionierung ansehen. M. E. müßte die kognitive und die
motivationale Disposition des bisherigen Typs mutiert werden.
1. Experte:
Ob wir - im strengen Sinne - mutieren müssen, sollte vielleicht ein erstes Experiment erweisen: Es
könnte ja auch sein, daß wir den neuen Typ aus dem alten entwickeln könnten, ohne einen
biogenetischen Sprung.
4. Experte:
Das enttäuscht mich und kommt mir vor wie ein fauler Kompromiß. Ich finde, wir sollten keine
halben Sachen machen!
2. Experte:
Unsere Nr. 1 sollte erst noch einmal sagen, auf welche Weise der dynamische Typ entstehen kann,
wenn nicht durch einen biogenetischen Sprung.
1. Experte:
Danke! Ich sehe das so: Wir nehmen zunächst einmal - um mit den geringsten Mitteln zum größten
Effekt zu kommen - ein Exemplar der bisherigen Sorte Mensch. Dieses Exemplar sollte kognitiv auf
der Höhe seiner Zeit sein und über die Grenze des Zeitalters hinaus verlangen. Dieses Exemplar
statten wir aus mit neuartigen Produktivkräften - und warten mal ab!