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Jenseits von Gott und Goettin

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Jenseits von Gott und Goettin
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2/11/2012
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19
Dr. Geseko v. Lüpke

Red. Kirchenfunk, Bayern 2 Wort









Jenseits von Gott und Göttin

Das Matriarchat – eine Gesellschaftsform der Zukunft?









ZUSPIELUNG: Atmo 1 chinesische Musik (darüber)

langsam ausblenden, dann Atmo 2 Feuer





SPRECHERIN

Die Pilgerwanderung auf den Berg der Göttin Gammu ist vorbei.

Die Frauen des Dorfes haben die große Schöpferin geehrt. Nun

sitzt die alte Frau mit dem zerfurchten freundlichen Gesicht unter

dem turbanartigen Kopfschmuck wieder im hölzernen

Sippenhaus. Ihr Platz als Sippenmutter ist links neben der

Feuerstelle, die nie verlöschen darf, im Zentrum des Hauses,

gleich beim Altar für die Feuergöttin. Die Mutter der Sippe hat

immer zu tun: Opfer bringen, Konflikte lösen, Arbeiten einteilen,

Einnahmen verteilen – die große Harmonie erhalten. Denn hier

ist die Welt weiblich.





ZUSPIELUNG: Atmo 1 chinesische Musik (darüber)





SPRECHER

Ortstermin bei den Mosuo, in einem entlegenen Winkel der

Provinz Yünnan irgendwo im südchinesischen Hochland.







1

ZUSPIELUNG Atmo 1 chinesische Musik (Kreuzblende)

Atmo 3 mexikanische Musik (darüber)





SPRECHERIN

Im Süden Mexikos nennen sich die Frauen ‚Tecas’ und der

Begriff der ‚Hausfrau’ ist ihnen fremd. Sie sind berühmt als

Stickerinnen, Künstlerinnen des Goldschmucks, besonders aber

als Händlerinnen. Die Männer liefern bei ihnen zur

Weiterverarbeitung und zum Verkauf ab, was sie erwirtschaften.

Nicht unter Zwang. Sondern weil sie wissen, dass die ‚Tecas’ es

besser können. Ebenso wie die Ausrichtung der nicht weniger als

628 großen Feste pro Jahr in der mexikanischen ‚Stadt der

Frauen’.





ZUSPIELUNG: Atmo 3 (mexikanische Musik, ausblenden)





SPRECHER

Ortstermin bei der indianischen Volksgruppe der Zapoteken in

Juchitán am südmexikanischen Isthmus von Tehuantepec.





SPRECHERIN

Es gibt sie fast überall auf unserem Planeten: Isoliert auf

Südseeinseln, eingezäunt in Reservate, verborgen in den

Urwäldern, halbvergessen abseits der großen Handelswege der

männlichen Welt. Seien es die Trobriander im Pazifik, die

Irokesen in Nordamerika, die Toda in Indien, die Mosou in

China, die Tecas im mexikanischen Juchitán – matriarchale

Kulturen.







2

SPRECHER

Matriarchat. Das Wort lässt Männer erzittern und entzückt die

Frauen. Die einen halten es für die Hölle, die anderen für das

Paradies: die niederträchtige Herrschaft der Frauen über die

Männer oder eine egalitäre, friedliche Gesellschaft, weise von

Frauenhand geführt. Wörtlich heißt das Zauberwort schlicht

‚Herrschaft der Mütter’.





SPRECHERIN

Herr-schaft? Da spielt uns schon die Sprache, gekennzeichnet

von vielen Tausend Jahren patriarchaler Dominanz, einen

Streich. Bedeutet Frauschaft Herrschaft? Nein, sagt Heide

Göttner-Abendroth, Begründerin der deutschen

Matriarchatsforschung.





ZUSPIELUNG (Wort 1)

2/3:40) Das interessante an matriarchalen Gesellschaften ist – im

Gegensatz zur landläufigen Meinung – dass sie keine

Umkehrung des Patriarchats sind. Das heißt, es ist jetzt nicht der

Ersatz der Männer-Herrschaft durch Frauenherrschaft, sondern

das faszinierende daran ist, das es Gesellschaften sind, die völlig

ohne Herrschaft auskommen. Sie beruhen auf sehr intelligente

soziale Spielregeln, die uns zu denken geben können. Wir haben

in matriarchalen Gesellschaften, die wir ja noch in der Gegenwart

studieren können, einen Jahrtausendealten Wissensschatz der

Menschheit vor uns – ein Schatz des sozialen Zusammenlebens,

des Umgangs mit Leben und Natur – der verschüttet ist und der

so wichtig ist, dass es an der Zeit ist, dass er wieder auftaucht,

wertgeschätzt wird und auch gebraucht wird.



SPRECHER

Nicht nur an den Stammtischen ist man indessen davon

überzeugt, dass Weiberherrschaft der Inbegriff des Schreckens

sei. Da machen in männlichen Hirnen immer noch Phantasien

3

von kastrationswütigen Amazonen die Runde. In der

Geschichtsforschung, der Archäologie und Theologie haben sich

die meistens männlichen Forscher auf feinere Weise dem Thema

entzogen. Matriarchate, so die weit verbreitete Überzeugung, hat

es nie gegeben und sind eine Erfindung des Feminismus.

Aussagen über steinzeitliche Kulturformen, die 6000 Jahre und

mehr zurückliegen, seien reine Spekulation. Und was es nicht

gibt, damit muss man sich auch nicht beschäftigen.





SPRECHERIN

An derartigen Erbsenzählereien beteiligt sich die zeitgenössische

Matriarchatsforschung schon lange nicht mehr. Ihr geht es um

ein neues Bild der menschlichen Geschichte, ein neues

Paradigma der Kulturentwicklung, das unser Weltbild weiten

könnte und altes Wissen für die Gegenwart bereitstellt. Dafür

wird sowohl in der Vorzeit, wie auch in der Gegenwart nach

Hinweisen gesucht, sagt die Kulturforscherin Carola Maier-

Seethaler.





ZUSPIELUNG Wort 2

2/21:00) Insofern finde ich wichtig, die vorpatriarchalen Kulturen

zu kennen, nur aus dem Grund, dass man schon weiß, dass

patriarchale Gesellschaftsmodell ist nicht das einzig mögliche –

und schon gar nicht das Ursprünglichste; weder von der Natur

her noch von Gott gegeben. Aber die ganz frühen Kulturen – da

können wir einfach nur Hypothesen aufstellen. Ich glaube auch

das es viel wahrscheinlicher ist, dass in den früheren Kulturen

durchgängig die matrizentrische Einstellung geherrscht hat. Aber

da gibt es nur Hinweise, da gibt es keine Beweise.









4

SPRECHER

Die Hinweise allerdings füllen mittlerweile Bibliotheken und

Museen. Seien es die Pionierarbeiten von Historikern wie

Bachofen, Ethnologen wie Morgan oder Mythologen wie Ranke-

Graves. Seien es auch die zahllosen Funde weiblicher Göttinnen-

Figuren aus der Vorzeit, von denen die kurvenreiche ‚Venus von

Willendorf’ aus der Wachau zu den berühmtesten gehört.





SPRECHERIN

Für eine wachsende Schar von Forscherinnen und Forschern ist

es deshalb weitgehend unstrittig, dass der männlich dominierten

Welt eine andere Kulturform vorausging. An ihrem Anfang stand

nicht ein Gott, sondern eine Göttin, eine ‚große Mutter’, die mit

der Erde identisch war und alle Dinge aus ihrem Schoß gebar.

Eine Göttin, die weltweit viel Namen hatte. Sei es die Dana der

Kelten, die Anu der Britannen, die Epona der Gallier, die

Minerva der Römer, die Artemis der Griechen, die Lilith der

Babylonier, die Isis der Ägypter oder die Maisgöttin der Hopis.

Namen nur eines viel älteren Mythos: Aus ihr, der großen

Mutter, ging die Schöpfung hervor, zu ihr schloss sich beim Tod

der Kreis. Sie war die eine mit den tausend Gesichtern, sagt die

Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abdendroth. (99)





ZUSPIELUNG Wort 3

16:33) Die gesamte Welt wird als göttlich-weiblich betrachtet.

Also wenn von Göttin geredet wird: das Universum ist die

Göttin, die Erde ist die Göttin, alles ist Göttin. 2/2/32:00) Es hat

die rituelle Folge, dass jede Stadt und jede Region sich ihre

Göttin vorstellen kann, wie sie wollen.. Wenn zum Beispiel eine

Stadt am Meer liegt, dann werden sie sich sehr wahrscheinlich

eine Meeresgöttin vorstellen. Wenn eine andere Stadt im Gebirge

liegt mit den herrlichen Gipfeln, werden sie sich ihre Göttin als

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Berggöttin vorstellen. Denn die Göttin ist für sie die eine mit den

1000 Gesichtern. Das kommt sogar in einer Nuth-Hymne vor

„die eine mit 1000 Gesichtern“ sodass sie weder Theologie, noch

Intoleranz, noch Mission, noch das Belehren eines anderen zu

seinem besseren Glück nötig haben. Das gibt es nicht.



SPRECHER

Nicht alle nennen solche Glaubenssysteme und die aus ihnen

entstehenden Gesellschaften einstmals und heute ‚Matriarchate’,

weil das Wort eine Erfindung der männlich geprägten

Wissenschaft ist. Denn in den vorpatriarchalen Kulturen geht es

nicht um Macht. Da ist er die Rede von ‚Matriliniarität’, um zu

betonen, dass die Erbfolge über die weibliche Linie läuft, von

‚Matrilokalität’, um deutlich zu machen, dass das ‚Mutterhaus’

hier wichtiger ist als das ‚Vaterland’. Die Forscherin Riane Eisler

spricht von Gylanie, um aus dem altgriechischen Wort ‚gynaika’

für Frau und ‚andros’ für Mann ein Wort zu machen, dass die

Gleichwertigkeit der Geschlechter beschreibt.





SPRECHERIN

Das ist wohl das überraschendste Ergebnis der Religions-,

Kultur- und Geschichtsforschung rund um das heiße Eisen des

Geschlechterkonflikts: ‚Matriarchate’ haben, nach allem was wir

heute wissen, nichts mit ‚Weiberherrschaft’, dafür aber umso

mehr mit Gleichheit, Balance, Frieden und Gerechtigkeit zu tun.

Das macht sie für die kriegerische, aus dem Lot geratene,

ungerechte und von fundamentalistischen Glaubenskämpfen

geprägte Gegenwart so interessant.









6

SPRECHER

Wer die sozialen Spielregeln solcher Kulturen begreifen will,

muss sich von allem, was er kennt, verabschieden. Denn die

Kleinfamilie als Kern der Gesellschaft gibt es dort ebenso wenig

wie unseren Begriff der Eltern. Und manche Kulturen haben

nicht einmal ein Wort für ‚Vater’. Das Leben ist in Clans

organisiert, in denen alle, die in mütterliche Linie miteinander

verwandt sind, wohnen. Mütter, Töchter und Söhne, Brüder und

Schwestern sind sich die nächsten und sorgen gemeinsam für den

Clan. In so einem Mutterhaus wird alles gemeinsam entschieden,

die oberste Autorität aber liegt bei einer Ältesten.





SPRECHERIN

Die Ethnologen wissen es seit langem: Wer in das Herz einer

Gesellschaft schauen will, muss schauen, wie sie in Liebesdingen

miteinander umgehen. Denn dort beginnt Gemeinschaft. Aber

ganz anders als bei uns, sagt Heide Göttner-Abendroth.





ZUSPIELUNG Wort 4

I/2/10:00) Liebespartner oder die Gattinnen und Gatten, die sind

im anderen Clan oder im anderen Dorf. Zu denen zieht man auch

nicht, denn man bleibt im Mutterclan wohnen. Die Männer

kommen zu ihren Gattinnen oder Freundinnen über Nacht.

2/47:30) Ich habe ja eine Reise zu den Mosuo nach China

gemacht, die jungen Mosuo-Frauen haben uns gesagt: Bei uns ist

die Liebe wirklich frei. Das hat überhaupt nichts mit der

Vorstellung von freier Liebe bei uns zu tun. Sondern sie sagen:

Da wir zu Hause sind in unserem Mutterclan, können wir uns

unsere Liebespartner wählen, wie wir wollen und wie lang wir

wollen. Und die Beziehung wird nur so lange halten, solange die

Liebe hält. Sie müssen nicht Rücksicht nehmen auf irgendwelche

ökonomischen Abhängigkeiten, das haben sie ausdrücklich

gesagt, ob wir versorgt sind oder nicht, sondern unsere Liebe ist

deswegen frei, weil die Beziehung nur so lange währt, solange



7

tatsächlich Liebe da ist. Das ist, verglichen mit unseren sexuellen

und erotischen Praktiken, eine ziemlich revolutionäre Aussage.

Ein Mann würde das selbe sagen, ein matriarchaler Mann: Er

würde sagen: Auch meine Liebe ist frei. Ich gehe nur so lange in

die Kammer meiner Geliebten, wie ich Liebe empfinde. Das

heißt die Verbindung der Geschlechter ist offen, folgt dem

Gefühl und ist nicht von anderen Rücksichten verschattet. Nach

meiner Auffassung ist das die Quadratur des Kreises was sie da

schaffen, den es gibt zwei menschliche Grundbedürfnisse:

Einmal das Bedürfnis nach Sicherheit und das andere das

Bedürfnis nach erotischer Freiheit und Spontaneität.



ZUSPIELUNG: Atmo 3 (chinesische Musik)





SPRECHER

Die Forscherin spricht von Verwandtschafts-Gesellschaften:

Einer sozialen Architektur, deren kleinste Bausteine sowohl

kollektive Sicherheit wie auch persönliche Freiheit

gewährleisten. Ein Prinzip, dass sich in der politischen Struktur

wiederholt. Hier wird – vergleichbar mit manchen

Wohngemeinschaften der Gegenwart – im Clan und im Dorf so

lange diskutiert, bis sich alle einig sind. Denn matriarchale oder

matrilineare Kulturen bauen nicht auf Macht und Herrschaft,

sondern auf Balance und friedlichen Ausgleich. Was die

Forschung als ‚Konsensgesellschaften’ bezeichnet, nennt man

heute wohl ‚Basisdemokratie’.



SPRECHERIN

Wenig verwunderlich, dass die gänzlich andere Beziehungskultur

sich dann auch ökonomisch niederschlägt. Wenn die Macht in

den Hintergrund tritt, bekommt auch Besitz eine andere

Bedeutung. Statt ständig Werte und Güter zu sammeln, sorgen

die wirtschaftlichen Spielregeln von matriarchalen





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Gesellschaften dafür, dass immer alles im Austausch bleibt. Und

wenn ein Clan mal mehr Glück bei der Ernte oder Geschick beim

Feilschen hatte, dann war es ihm Pflicht und Ehre, alle anderen

einzuladen. Das hat man die ‚Ökonomie der Feste’ genannt.

Heide Göttner-Abenroth spricht etwas trockener von

‚Ausgleichsökonomie’. (191)





ZUSPIELUNG Wort 5

2/8:00) Mit einem solchen Prinzip des Verschenkens von einem

relativ höheren Wohlstand gewinnen die Leute natürlich keinerlei

Profit, aber sie gewinnen Ehre. Und Ehre heißt im Matriarchat,

dass pro-soziales Verhalten anerkannt wird. Wenn ein solcher

Clan dann seinerseits mal Unglück hat beim Handel oder beim

Ackerbau, dann wird er kein Problem haben, denn dann sind

andere wohlhabendere Clans, die bei Festen ihre Güter

verschenken oder sogar dem verarmten Clan helfen. Das ist eine

Ausgleichsökonomie, die diametral jeder patriarchalen

Akkumulations-Ökonomie entgegensteht.



SPRECHER

Das klingt in der Sprache der Stammeskulturen natürlich nicht so

soziologisch. Wo wir von Konsens, Ausgleich und Balance

sprechen, nehmen sie einfach Kreise war, die alles einschließen.

Da wird nicht getrennt in Natur und Geist, männlich – weiblich,

Leben und Tod. Da verschwimmen die Polaritäten, da ist einfach

alles rund, sagt der tuwinische Poet Galsan Tschinag, Schamane

einer matriarchalen Nomadenkultur im Nordwesten der

Mongolei.





ZUSPIELUNG: Atmo 4 schon drunter, hoch u. drunter

(Gesang der Tuwiner)









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ZUSPIELUNG Wort 6

5a 426) Auch ich weiß, das ich irgendwann sterben werde. Aber

ich habe absolut keine Angst, weil das für mich ein erhabenes

Gefühl ist, dass ich eines Tages Teilhimmel sein werde, ein

Stern, Teil-Luft, Teil-Wind, Teil-Licht. Wir teilen ja nicht weg.

Wir sind ein Pünktchen in dem großen Runden. Unsere

Vorstellung ist rund. Wie mein Kopf rund ist, wie meine Jurte,

meine Behausung rund ist, so sind auch die Blutkörper. Wenn

wir denken, denken wir immer in runden Punkten. Und da

brauche ich nichts von nichts zu zertrennen.



ZUSPIELUNG: Atmo 4 , hoch u. ausblenden

(Gesang der Tuwiner)





SPRECHERIN

Das ist weit weg von unserer Wahrnehmung der Welt, die alles

in Linien wahrnimmt. Linien von A nach B, von der Ursache zur

Wirkung, von der Geburt zum Tod, von Armut zu Wohlstand,

von unten nach oben. Linien, die sich allenfalls als

Wachstumskurve gekrümmt nach oben bewegen sollen. Die

Kulturforscherin Carola Maier-Seethaler nennt unser Weltbild

deshalb ‚hierarchisch’. In matriarchalen Kulturen und ihren

Religionen ist das Bild ein anderes.





ZUSPIELUNG Wort 7

2/6:47) Das ist das zyklische Religionsmodell, dass eben nicht

eine Trennung zwischen Gut und Böse oder Hell und Dunkel hat,

sondern dass das Leben sich abwechselt: Leben – Tod – Leben

als rhythmischer Vorgang. Das nennt man das zyklische

Religionsmodell. Das hierarchische Religionsmodell, wie ich

dann das patriarchale nenne, das setzt eben diese Überordnung

und Unterordnung voraus – auch wird dann der Vatergott zum

absoluten Herrscher, dem man einfach gehorchen muss.









10

SPRECHER

Wie im Himmel, so auf Erden? In den matriarchalen Kulturen

lautet die Regel eher: Wie auf Erden, so im Himmel! Die

Ackerbaukulturen erlebten den Kreislauf von Aussaat, Wachstum

und Verfall. Der zyklische Ablauf der Vegetation wurde zum

Modell für das Leben und den Glauben. Wenn sie in ihren Festen

und Ritualen die Übergänge zwischen den Jahreszeiten feierten,

dann stellten sie auch ihre eigene Geschichte immer wieder

szenisch dar. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden

zum großen Kreis.





SPRECHERIN

Die Natur aber – der große Kreis, der die Menschen umschließt –

ist und war in allen Sprachen der Welt etwas Weibliches – die

Natur, la nature. Das lateinische Wort ‚natura’ bedeutet schlicht

‚Geburt’. Und das Wort Materie kommt von ‚mater’, der Mutter.

Kein Wunder also, dass am Anfang aller Religiosität die ‚große

Mutter’ stand, sagt Heide Göttner-Abendroth. (247)





ZUSPIELUNG Wort 8

2/25:40) Die Urvorstellung im Matriarchat ist die Vorstellung der

Göttin als Universum, die kosmische Göttin. Ich will mal ein

Beispiel benennen: Die alte ägyptische Göttin Nut ist ja immer

noch das Universum in Person der Göttin. Die andere Urgöttin ist

die mütterliche Erde: Mutter Erde, ein Begriff, den wir heute

noch haben – die Erde die alles Leben was sie trägt, gebiert und

ernährt. Sie sind der Meinung, dass das eigentliche leben- und

daseinschöpfende eben das weibliche Prinzip ist. Das männliche

Prinzip ist für sie sekundär. Das ist keine Abwertung, sondern in

den Polaritäten kommt es eben erst einen Schritt später vor, weil

es eben nicht das umfassende Prinzip ist. Es gilt dann nicht als

das lebensschöpfende, sondern als das lebensmittragende und

lebensschützende Prinzip. So verhalten sich zum Beispiel auch

matriarchale Frauen und Männer zueinander, vor allem Brüder

11

und Schwestern. Brüder betrachten sich als die Schützer der

Schwestern, die wiederum durch ihre Kinder das Leben des

Clans verlängern, als lebensschöpferisches Geschlecht.







SPRECHERIN

Das ist eine gänzlich andere Religiosität, als wir sie kennen.

Denn wenn die Natur in allen ihren Ausdrucksformen selbst

Göttin ist, dann ist alles heilig und jede Handlung ein Ritus.

Dann ist das Weben der Frauen, in dem sich symbolisch die

Fäden des Lebens fügen, ebenso ein Ritual wie das Aussähen,

das Ernten, das Kochen, das Handel treiben. Dann ist auch jeder

Mensch, jedes Tier und jeder Grashalm Ausdruck der ‚großen

Göttin'. Kulturen mit einem solchen Glauben können die Welt

deshalb nicht wie ein großes Warenhaus plündern.





SPRECHER

Über die vielen Jahrtausende matriarchaler Gesellschaftsformen,

die nach Ansicht vieler Forscher von der ‚Steinzeit’ bis zu

entwickelten Stadtkulturen reichte, hat sich dieser Glaube immer

weiter differenziert. Die ‚große Eine’ wurde – wie Himmel, Erde,

Unterwelt – dreifaltig. Im Himmel regierte die lichte jugendliche

Göttin, auf Erden die schöpferische Frau, unten aber war die alte

weise Transformerin, Göttin des Todes und der Wiedergeburt.

Ein weibliches Universum, dass sich in zahllosen Mythen, Sagen

und Märchen wiederfindet.





SPRECHERIN

Und welche Rolle spielte der Mann im Kosmos der großen

Göttin?





12

SPRECHER

Wer die verbliebenen matriarchalen Kulturen heute betrachtet,

erkennt: Als Teil des großen Ganzen ist er heilig wie das Ganze.

Als biologischer Vater ist er nebensächlich, die Vaterrolle erfüllt

er nur in der Familie der Schwester. Für den Clan wiederum ist er

Beschützer und Lebensbewahrer. Und in der Religion wird er

zum Heros, zum Repräsentanten der Menschen, die sich immer

wieder mit der Göttin vermählen müssen. Das ist das Geheimnis

der ‚Heiligen Hochzeit’, sagt Heide Göttner-Abendroth.





ZUSPIELUNG Wort 9

2/36:47) Die heilige Hochzeit ist nicht eine Verbindung von

Mann und Frau, auch nicht von Königin und König, weil sie gar

nicht als Individuen gemeint werden, sondern die heilige

Hochzeit ist die Verbindung von Himmel und Erde oder die

Verbindung der Göttin mit ihrem Volk. Insofern: Wenn die

Sakralkönigin mit ihrem Sakralkönig heilige Hochzeit feiert und

alle feiern mit, ist das für sie die Verbindung der Göttin, dem

Kosmos mit den Menschen – und das ist eine sehr

segenbringende Angelegenheit. Die Magie der heiligen Hochzeit

geht in der Auffassung matriarchaler Menschen so weit: Wenn

die heilige Hochzeit verfehlt wird, dann kommen Himmel und

Erde durcheinander. Es gibt Unwetter, es gibt Katastrophen und

die Welt geht unter. 38:20) Das Grundprinzip matriarchaler

Gesellschaften ist ja immer Balance: Zwischen den

Geschlechtern, zwischen Mensch und Natur. Das heißt, wenn sie

nicht vollzogen wird, ist die Balance zwischen dem Weiblichen

und dem männlichen Prinzip gestört – und das kann nur in Chaos

führen. Daran kann man zum Beispiel auch ermessen, wie

wichtig das männliche Prinzip genommen wird. Obwohl das

Weibliche als das umfassendere gesehen wird, geht nichts wenn

nicht das weibliche und das männliche Prinzip in Balance

bleiben, was genau die Heilige Hochzeit ausdrückt.



SPRECHER

Da entsteht vor dem inneren Auge das Bild einer

lebensbejahenden, ausgeglichenen und friedfertigen Kultur. Das

13

Bild eines ‚goldenen Zeitalters’, wie es in alten Mythen besungen

wird. Wieso aber ist es untergegangen? (316)





SPRECHERIN

Auch hier ist die Forschung auf Spekulationen angewiesen.

Vielleicht waren manche Matriarchate nicht ganz so paradiesisch,

wie sie scheinen. Von vielen ist immerhin bekannt, dass sie der

großen Göttin auch Menschen opferten. Vielleicht spielte der

klassische Gebärneid eine Rolle, vielleicht der Wunsch der

Männer, gesellschaftlichen Status weiterzuvererben. Die

moderne Matriarchatsforschung setzt aber eher auf einen anderen

Faktor – die Klimaveränderung.





ZUSPIELUNG: Atmo 5 (Wüstenwind) darüber





SPRECHERIN

Der Mensch der Vorzeit war nicht nur mit Eiszeiten konfrontiert,

sondern auch – in den Jahrtausenden vor Christus – mit

Erwärmung, Erosion, Versteppung. Durchaus möglich also, dass

über Jahrhunderte und Jahrtausende blühende Ackerbau-Kulturen

zerfielen, riesige Völkerwanderungen einsetzten und ihre Kultur

des Friedens in der Not nach und nach zerfiel. Zu Anfang werden

die friedlichen matriarchalen Kulturen in den blühenden

Regionen die Flüchtlinge noch aufgenommen haben. Als aber

über Generationen immer mehr Verzweifelte nachströmten, stieg

der soziale Stress. Und irgendwann mögen die entwurzelten

unerwünschten Flüchtlinge, die das Leben nur als Kampf

kannten, die Gewalt und den Raub als probates Mittel des

Überlebens entdeckt haben. Krieger, die sich neue Götter





14

suchten. Eine Zeitlang scheinen sie tatsächlich noch kooperiert

zu haben, die friedfertigen Kulturen der großen Göttin und die

kämpferischen Invasoren mit ihren patriarchalen Kriegsgöttern.

Doch dann schrieben letztere die Geschichte um und überformten

die alten Symbole. So mag es gekommen sein, dass das ‚goldene

Zeitalter’ fast vergessen wurde, glaubt Heide Göttner-Abendroth.





ZUSPIELUNG Wort 10

II 4/23:45) Es wird erst mal die Muttergöttin lächerlich gemacht,

dämonisiert und abgesetzt und ein Vatergott tritt an die Stelle. Ob

das nun der Vatergott Zeus ist oder der Vatergott Jahwe, das ist

egal. Jahwe ist gleich ganz radikal – er behauptet er sei der

einzige und neben ihm kein anderen Gott. Dann werden aber

merkwürdiger weise die Fähigkeiten der Muttergöttin jetzt dem

Vatergott zugeschrieben, nämlich zum Beispiel auch die

Fähigkeit gebären zu können. Zeus soll ja angeblich die Athene

aus dem Kopf geboren haben, der patriarchale Vishnu hat die

Lakshmi aus der Stirne geboren. Diese Vatergötter müssen ja die

Muttergöttin imitieren, weil sie sonst überhaupt nicht als

allmächtig gelten. Dann werden die religiösen Symbole

vereinnahmt: Die Taube die eine sehr alte matriarchale Symbolik

beinhaltet, wird jetzt zu einem Heiligen Geist des Vatergottes

gemacht. Oder die Symbolik der Schlange wird jetzt zum bösen

Tier gemacht. Taube und Schlange sind zwei matriarchale

Symbole und verkörpern so etwas wie das Himmlische, das ist

die Taube und das Erdenhafte, das ist die Schlange. Und da im

Patriarchat jetzt eine tiefe geistige Spaltung passiert, nämlich die

Spaltung in gut und böse – wobei die Zuschreibung klar ist: der

Himmel, das Licht, das Männliche, der Gott ist gut, die Erde, das

Untere, das Niedere, das Weibliche ist bös. Das kann man in

jeder patriarchalen Anfangsphilosophie wiederfinden, ob in

China, Indien oder dem Christentum – überall.



SPRECHERIN

Doch das neue Götterbild braucht noch einmal viele

Jahrhunderte, um sich durchzusetzen. In zahllosen Geschichten

wird der alte Glaube weitererzählt – den alten griechischen





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Mythen über die Gralslegende bis zu den Märchen. Als die

Gebrüder Grimm Ende des 18. Jahrhunderts im

Niedersächsischen das alte Erzählgut sammeln und ihnen die

Bauern von der gütigen und strengen alten Frau Holle erzählen,

die in der Unterwelt lebt, ist das für sie kein Märchen, sondern

Glaube. Zahlreiche Forscher gegen davon aus, dass sich das

Christentum bis zum Beginn der Neuzeit fast ausschließlich in

der Oberschicht und in den Städten durchgesetzt hatte – während

die Landbevölkerung oft noch der alten Göttin huldigte.





SPRECHERIN

Doch mit der Industrialisierung der Welt und der scheinbar

entgültigen Entheiligung der Natur setzt sich das monotheistische

männliche Gottesbild zeitgleich mit der patriarchalen

Herrschaftsformen weltweit durch. Matriarchate bleiben nur noch

vereinzelt wie Inseln erhalten. Zweihundert Jahre später hat nun

die Forschung die alte Göttinnen-Religion wiederentdeckt –

zunächst in Gestalt der Matriarchatsforschung. Nicht ohne

Grund, sagt Heide Göttner-Abendroth. Denn das alte Wissen ist –

in Zeiten der Naturzerstörung, der Kriege, des

Fundamentalismus, der Ungerechtigkeit und des Wertezerfalls –

alles andere als überholt.





ZUSPIELUNG Wort 11

II/4/35:00) Das heißt nicht ein Wiederbeleben der historischen

Form des Matriarchats mit Ackerbaukultur und matriliniarer

Blutsverwandtschaft, das ist historisch vergangen. Aber in Form

neuer Gemeinschaftsbildung über Wahlverwandtschaft mit

matriarchalen Prinzipien. Oder in Form einer neuen

Respektierung der Gaia, der Erde und der Biosphäre sind wir der

Sache schon sehr viel näher. Und darum würde ich sagen:

Matriarchale Tendenzen sind schon lange im Gange – immer

16

vorausgesetzt, dass man Matriarchat nicht als die Umkehrung des

Patriarchats versteht, was eh falsch ist. Matriarchale Tendenzen

sind im Gange in der Ökobewegung, in der

Gemeinschaftsbewegung, in der Frauenbewegung, in der

Bürgerrechtsbewegung – überall wo Menschen gegen

Herrschaftsmuster und die Zerstörung ihrer Leben und der Erde

protestieren und neue Formen schaffen. Da gibt es überall –

würde ich sagen – quasi matriarchale Tendenzen. (399)



SPRECHER

Da kehrt – wie auf einer neuen Bewusstseinsstufe – altes Wissen

wie in neuem Gewand zurück. Da wird erkannt, dass es für

manche gesellschaftliche Zukunftsmodelle, über die wir heute

nachdenken, schon Jahrtausendealte Vorbilder gibt. Ob wir diese

Wiederentdeckung matriarchal nennen oder anders, ist irrelevant.

Doch eins scheint sicher – der alte Gegensatz zwischen

Matriarchat und Patriarchat sollte nicht neu aufgelegt werden.

Die Kulturforscherin Carola Maier-Seethaler spricht deshalb von

einer neuen Synthese – einer Religiosität jenseits von Gott und

Göttin. Da ist nicht mehr der Glaube an eine persönliche

Himmelsmacht im Vordergrund – sei sie weiblich oder männlich

– sondern eine im wahrsten Sinn des Wortes a-theistische

Spiritualität.





ZUSPIELUNG Wort 12

2/25:40) Ich habe den Begriff von Dorothee Sölle übernommen.

Eines ihrer bekanntesten Bücher heißt „A-theistisch an Gott

glauben“. Ich würde sagen, es gibt eine a-theistische Spiritualität,

also im Sinn von Schweizer „Die Ehrfurcht vor dem Leben“:

(3/9:24) Das Hohelied der Liebe. Deswegen wehre ich mich auch

ein bisschen gegen den Begriff „weibliche Spiritualität“. Nämlich

auch die matrizentrisch lebenden indigenen Völker – da kann

man nicht sagen, das war eine „weibliche Spiritualität“. Sondern

Frauen und Männer haben diese Spiritualität geteilt. Und so

sollte es auch jetzt wieder sein – dass die Väterlichkeit sich



17

wirklich an die Seite der Mütterlichkeit stellt. (3/12:00) Ja, Ich

meine unbedingt die Erlösung des patriarchalen Gottes, aber auch

von seiner Verantwortung für das sogenannt Böse. Und ich

meine schon, im Unterschied zur Aufklärung, wir machen aus

Kirchen ganz bestimmt keine Pferdeställe mehr, sondern wir

anerkennen, dass die Menschen sakrale Räume brauchen.



SPRECHERIN

„Jenseits von Gott und Göttin. Das Hohelied der Liebe. Ehrfurcht

vor dem Leben.“ Da wird eine neue Vision formuliert, die am

Anfang des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt den uralten

Konflikt zwischen dem Männlichen und Weiblichen überwinden

und in eine Synthese führen könnte. Sie müsste weder den

hierarchischen Gott negieren, noch die große zyklische Göttin.

Sie könnte auf der Basis der Liebe, ohne Dogmen, institutionelle

Regeln und Kampf um die Herrschaft im Himmel und auf Erden,

lineares und zyklisches Denken zusammenführen, hofft Carola

Maier-Seethaler:





ZUSPIELUNG Wort 13

2/21:55) Also eine dreidimensionale Spirale die nach oben geht.

Und das würde natürlich diesen eindimensionalen Pfeil des

Fortschritts verlangsamen, weil man ja auf der höheren Ebene

immer wieder mal zurückschaut, was war. Es würde

verlangsamen, aber es würde sich auch aufwärts bewegen. Also

das fände ich ein sehr schönes Modell, diese Form der Spirale.









440 Zeilen









18

Literatur:



Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat I. Geschichte seiner Erforschung



Heide Göttner Abendroth: Die Göttin und ihr Heros



Carola Maier-Seethaler: Ursprünge und Befreiungen



Carola Maier-Seethaler: Jenseits von Gott und Göttin. Plädoyer für eine spirituelle Ethik



Marija Gimbutas: Die Sprache der Göttin



Vera Zingsem: Schlangenfrau und Chaosdrache



Vera Zingsem: Der Himmel ist mein, die Erde ist mein. Göttinnen großer Kulturen im

Wandel der Zeiten



Ega Friedman: Der weibliche Ungehorsam



Sir Galahad: Mütter und Amazonen. Die erste weibliche Kulturgeschichte









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