Dr. Geseko v. Lüpke
Red. Kirchenfunk, Bayern 2 Wort
Jenseits von Gott und Göttin
Das Matriarchat – eine Gesellschaftsform der Zukunft?
ZUSPIELUNG: Atmo 1 chinesische Musik (darüber)
langsam ausblenden, dann Atmo 2 Feuer
SPRECHERIN
Die Pilgerwanderung auf den Berg der Göttin Gammu ist vorbei.
Die Frauen des Dorfes haben die große Schöpferin geehrt. Nun
sitzt die alte Frau mit dem zerfurchten freundlichen Gesicht unter
dem turbanartigen Kopfschmuck wieder im hölzernen
Sippenhaus. Ihr Platz als Sippenmutter ist links neben der
Feuerstelle, die nie verlöschen darf, im Zentrum des Hauses,
gleich beim Altar für die Feuergöttin. Die Mutter der Sippe hat
immer zu tun: Opfer bringen, Konflikte lösen, Arbeiten einteilen,
Einnahmen verteilen – die große Harmonie erhalten. Denn hier
ist die Welt weiblich.
ZUSPIELUNG: Atmo 1 chinesische Musik (darüber)
SPRECHER
Ortstermin bei den Mosuo, in einem entlegenen Winkel der
Provinz Yünnan irgendwo im südchinesischen Hochland.
1
ZUSPIELUNG Atmo 1 chinesische Musik (Kreuzblende)
Atmo 3 mexikanische Musik (darüber)
SPRECHERIN
Im Süden Mexikos nennen sich die Frauen ‚Tecas’ und der
Begriff der ‚Hausfrau’ ist ihnen fremd. Sie sind berühmt als
Stickerinnen, Künstlerinnen des Goldschmucks, besonders aber
als Händlerinnen. Die Männer liefern bei ihnen zur
Weiterverarbeitung und zum Verkauf ab, was sie erwirtschaften.
Nicht unter Zwang. Sondern weil sie wissen, dass die ‚Tecas’ es
besser können. Ebenso wie die Ausrichtung der nicht weniger als
628 großen Feste pro Jahr in der mexikanischen ‚Stadt der
Frauen’.
ZUSPIELUNG: Atmo 3 (mexikanische Musik, ausblenden)
SPRECHER
Ortstermin bei der indianischen Volksgruppe der Zapoteken in
Juchitán am südmexikanischen Isthmus von Tehuantepec.
SPRECHERIN
Es gibt sie fast überall auf unserem Planeten: Isoliert auf
Südseeinseln, eingezäunt in Reservate, verborgen in den
Urwäldern, halbvergessen abseits der großen Handelswege der
männlichen Welt. Seien es die Trobriander im Pazifik, die
Irokesen in Nordamerika, die Toda in Indien, die Mosou in
China, die Tecas im mexikanischen Juchitán – matriarchale
Kulturen.
2
SPRECHER
Matriarchat. Das Wort lässt Männer erzittern und entzückt die
Frauen. Die einen halten es für die Hölle, die anderen für das
Paradies: die niederträchtige Herrschaft der Frauen über die
Männer oder eine egalitäre, friedliche Gesellschaft, weise von
Frauenhand geführt. Wörtlich heißt das Zauberwort schlicht
‚Herrschaft der Mütter’.
SPRECHERIN
Herr-schaft? Da spielt uns schon die Sprache, gekennzeichnet
von vielen Tausend Jahren patriarchaler Dominanz, einen
Streich. Bedeutet Frauschaft Herrschaft? Nein, sagt Heide
Göttner-Abendroth, Begründerin der deutschen
Matriarchatsforschung.
ZUSPIELUNG (Wort 1)
2/3:40) Das interessante an matriarchalen Gesellschaften ist – im
Gegensatz zur landläufigen Meinung – dass sie keine
Umkehrung des Patriarchats sind. Das heißt, es ist jetzt nicht der
Ersatz der Männer-Herrschaft durch Frauenherrschaft, sondern
das faszinierende daran ist, das es Gesellschaften sind, die völlig
ohne Herrschaft auskommen. Sie beruhen auf sehr intelligente
soziale Spielregeln, die uns zu denken geben können. Wir haben
in matriarchalen Gesellschaften, die wir ja noch in der Gegenwart
studieren können, einen Jahrtausendealten Wissensschatz der
Menschheit vor uns – ein Schatz des sozialen Zusammenlebens,
des Umgangs mit Leben und Natur – der verschüttet ist und der
so wichtig ist, dass es an der Zeit ist, dass er wieder auftaucht,
wertgeschätzt wird und auch gebraucht wird.
SPRECHER
Nicht nur an den Stammtischen ist man indessen davon
überzeugt, dass Weiberherrschaft der Inbegriff des Schreckens
sei. Da machen in männlichen Hirnen immer noch Phantasien
3
von kastrationswütigen Amazonen die Runde. In der
Geschichtsforschung, der Archäologie und Theologie haben sich
die meistens männlichen Forscher auf feinere Weise dem Thema
entzogen. Matriarchate, so die weit verbreitete Überzeugung, hat
es nie gegeben und sind eine Erfindung des Feminismus.
Aussagen über steinzeitliche Kulturformen, die 6000 Jahre und
mehr zurückliegen, seien reine Spekulation. Und was es nicht
gibt, damit muss man sich auch nicht beschäftigen.
SPRECHERIN
An derartigen Erbsenzählereien beteiligt sich die zeitgenössische
Matriarchatsforschung schon lange nicht mehr. Ihr geht es um
ein neues Bild der menschlichen Geschichte, ein neues
Paradigma der Kulturentwicklung, das unser Weltbild weiten
könnte und altes Wissen für die Gegenwart bereitstellt. Dafür
wird sowohl in der Vorzeit, wie auch in der Gegenwart nach
Hinweisen gesucht, sagt die Kulturforscherin Carola Maier-
Seethaler.
ZUSPIELUNG Wort 2
2/21:00) Insofern finde ich wichtig, die vorpatriarchalen Kulturen
zu kennen, nur aus dem Grund, dass man schon weiß, dass
patriarchale Gesellschaftsmodell ist nicht das einzig mögliche –
und schon gar nicht das Ursprünglichste; weder von der Natur
her noch von Gott gegeben. Aber die ganz frühen Kulturen – da
können wir einfach nur Hypothesen aufstellen. Ich glaube auch
das es viel wahrscheinlicher ist, dass in den früheren Kulturen
durchgängig die matrizentrische Einstellung geherrscht hat. Aber
da gibt es nur Hinweise, da gibt es keine Beweise.
4
SPRECHER
Die Hinweise allerdings füllen mittlerweile Bibliotheken und
Museen. Seien es die Pionierarbeiten von Historikern wie
Bachofen, Ethnologen wie Morgan oder Mythologen wie Ranke-
Graves. Seien es auch die zahllosen Funde weiblicher Göttinnen-
Figuren aus der Vorzeit, von denen die kurvenreiche ‚Venus von
Willendorf’ aus der Wachau zu den berühmtesten gehört.
SPRECHERIN
Für eine wachsende Schar von Forscherinnen und Forschern ist
es deshalb weitgehend unstrittig, dass der männlich dominierten
Welt eine andere Kulturform vorausging. An ihrem Anfang stand
nicht ein Gott, sondern eine Göttin, eine ‚große Mutter’, die mit
der Erde identisch war und alle Dinge aus ihrem Schoß gebar.
Eine Göttin, die weltweit viel Namen hatte. Sei es die Dana der
Kelten, die Anu der Britannen, die Epona der Gallier, die
Minerva der Römer, die Artemis der Griechen, die Lilith der
Babylonier, die Isis der Ägypter oder die Maisgöttin der Hopis.
Namen nur eines viel älteren Mythos: Aus ihr, der großen
Mutter, ging die Schöpfung hervor, zu ihr schloss sich beim Tod
der Kreis. Sie war die eine mit den tausend Gesichtern, sagt die
Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abdendroth. (99)
ZUSPIELUNG Wort 3
16:33) Die gesamte Welt wird als göttlich-weiblich betrachtet.
Also wenn von Göttin geredet wird: das Universum ist die
Göttin, die Erde ist die Göttin, alles ist Göttin. 2/2/32:00) Es hat
die rituelle Folge, dass jede Stadt und jede Region sich ihre
Göttin vorstellen kann, wie sie wollen.. Wenn zum Beispiel eine
Stadt am Meer liegt, dann werden sie sich sehr wahrscheinlich
eine Meeresgöttin vorstellen. Wenn eine andere Stadt im Gebirge
liegt mit den herrlichen Gipfeln, werden sie sich ihre Göttin als
5
Berggöttin vorstellen. Denn die Göttin ist für sie die eine mit den
1000 Gesichtern. Das kommt sogar in einer Nuth-Hymne vor
„die eine mit 1000 Gesichtern“ sodass sie weder Theologie, noch
Intoleranz, noch Mission, noch das Belehren eines anderen zu
seinem besseren Glück nötig haben. Das gibt es nicht.
SPRECHER
Nicht alle nennen solche Glaubenssysteme und die aus ihnen
entstehenden Gesellschaften einstmals und heute ‚Matriarchate’,
weil das Wort eine Erfindung der männlich geprägten
Wissenschaft ist. Denn in den vorpatriarchalen Kulturen geht es
nicht um Macht. Da ist er die Rede von ‚Matriliniarität’, um zu
betonen, dass die Erbfolge über die weibliche Linie läuft, von
‚Matrilokalität’, um deutlich zu machen, dass das ‚Mutterhaus’
hier wichtiger ist als das ‚Vaterland’. Die Forscherin Riane Eisler
spricht von Gylanie, um aus dem altgriechischen Wort ‚gynaika’
für Frau und ‚andros’ für Mann ein Wort zu machen, dass die
Gleichwertigkeit der Geschlechter beschreibt.
SPRECHERIN
Das ist wohl das überraschendste Ergebnis der Religions-,
Kultur- und Geschichtsforschung rund um das heiße Eisen des
Geschlechterkonflikts: ‚Matriarchate’ haben, nach allem was wir
heute wissen, nichts mit ‚Weiberherrschaft’, dafür aber umso
mehr mit Gleichheit, Balance, Frieden und Gerechtigkeit zu tun.
Das macht sie für die kriegerische, aus dem Lot geratene,
ungerechte und von fundamentalistischen Glaubenskämpfen
geprägte Gegenwart so interessant.
6
SPRECHER
Wer die sozialen Spielregeln solcher Kulturen begreifen will,
muss sich von allem, was er kennt, verabschieden. Denn die
Kleinfamilie als Kern der Gesellschaft gibt es dort ebenso wenig
wie unseren Begriff der Eltern. Und manche Kulturen haben
nicht einmal ein Wort für ‚Vater’. Das Leben ist in Clans
organisiert, in denen alle, die in mütterliche Linie miteinander
verwandt sind, wohnen. Mütter, Töchter und Söhne, Brüder und
Schwestern sind sich die nächsten und sorgen gemeinsam für den
Clan. In so einem Mutterhaus wird alles gemeinsam entschieden,
die oberste Autorität aber liegt bei einer Ältesten.
SPRECHERIN
Die Ethnologen wissen es seit langem: Wer in das Herz einer
Gesellschaft schauen will, muss schauen, wie sie in Liebesdingen
miteinander umgehen. Denn dort beginnt Gemeinschaft. Aber
ganz anders als bei uns, sagt Heide Göttner-Abendroth.
ZUSPIELUNG Wort 4
I/2/10:00) Liebespartner oder die Gattinnen und Gatten, die sind
im anderen Clan oder im anderen Dorf. Zu denen zieht man auch
nicht, denn man bleibt im Mutterclan wohnen. Die Männer
kommen zu ihren Gattinnen oder Freundinnen über Nacht.
2/47:30) Ich habe ja eine Reise zu den Mosuo nach China
gemacht, die jungen Mosuo-Frauen haben uns gesagt: Bei uns ist
die Liebe wirklich frei. Das hat überhaupt nichts mit der
Vorstellung von freier Liebe bei uns zu tun. Sondern sie sagen:
Da wir zu Hause sind in unserem Mutterclan, können wir uns
unsere Liebespartner wählen, wie wir wollen und wie lang wir
wollen. Und die Beziehung wird nur so lange halten, solange die
Liebe hält. Sie müssen nicht Rücksicht nehmen auf irgendwelche
ökonomischen Abhängigkeiten, das haben sie ausdrücklich
gesagt, ob wir versorgt sind oder nicht, sondern unsere Liebe ist
deswegen frei, weil die Beziehung nur so lange währt, solange
7
tatsächlich Liebe da ist. Das ist, verglichen mit unseren sexuellen
und erotischen Praktiken, eine ziemlich revolutionäre Aussage.
Ein Mann würde das selbe sagen, ein matriarchaler Mann: Er
würde sagen: Auch meine Liebe ist frei. Ich gehe nur so lange in
die Kammer meiner Geliebten, wie ich Liebe empfinde. Das
heißt die Verbindung der Geschlechter ist offen, folgt dem
Gefühl und ist nicht von anderen Rücksichten verschattet. Nach
meiner Auffassung ist das die Quadratur des Kreises was sie da
schaffen, den es gibt zwei menschliche Grundbedürfnisse:
Einmal das Bedürfnis nach Sicherheit und das andere das
Bedürfnis nach erotischer Freiheit und Spontaneität.
ZUSPIELUNG: Atmo 3 (chinesische Musik)
SPRECHER
Die Forscherin spricht von Verwandtschafts-Gesellschaften:
Einer sozialen Architektur, deren kleinste Bausteine sowohl
kollektive Sicherheit wie auch persönliche Freiheit
gewährleisten. Ein Prinzip, dass sich in der politischen Struktur
wiederholt. Hier wird – vergleichbar mit manchen
Wohngemeinschaften der Gegenwart – im Clan und im Dorf so
lange diskutiert, bis sich alle einig sind. Denn matriarchale oder
matrilineare Kulturen bauen nicht auf Macht und Herrschaft,
sondern auf Balance und friedlichen Ausgleich. Was die
Forschung als ‚Konsensgesellschaften’ bezeichnet, nennt man
heute wohl ‚Basisdemokratie’.
SPRECHERIN
Wenig verwunderlich, dass die gänzlich andere Beziehungskultur
sich dann auch ökonomisch niederschlägt. Wenn die Macht in
den Hintergrund tritt, bekommt auch Besitz eine andere
Bedeutung. Statt ständig Werte und Güter zu sammeln, sorgen
die wirtschaftlichen Spielregeln von matriarchalen
8
Gesellschaften dafür, dass immer alles im Austausch bleibt. Und
wenn ein Clan mal mehr Glück bei der Ernte oder Geschick beim
Feilschen hatte, dann war es ihm Pflicht und Ehre, alle anderen
einzuladen. Das hat man die ‚Ökonomie der Feste’ genannt.
Heide Göttner-Abenroth spricht etwas trockener von
‚Ausgleichsökonomie’. (191)
ZUSPIELUNG Wort 5
2/8:00) Mit einem solchen Prinzip des Verschenkens von einem
relativ höheren Wohlstand gewinnen die Leute natürlich keinerlei
Profit, aber sie gewinnen Ehre. Und Ehre heißt im Matriarchat,
dass pro-soziales Verhalten anerkannt wird. Wenn ein solcher
Clan dann seinerseits mal Unglück hat beim Handel oder beim
Ackerbau, dann wird er kein Problem haben, denn dann sind
andere wohlhabendere Clans, die bei Festen ihre Güter
verschenken oder sogar dem verarmten Clan helfen. Das ist eine
Ausgleichsökonomie, die diametral jeder patriarchalen
Akkumulations-Ökonomie entgegensteht.
SPRECHER
Das klingt in der Sprache der Stammeskulturen natürlich nicht so
soziologisch. Wo wir von Konsens, Ausgleich und Balance
sprechen, nehmen sie einfach Kreise war, die alles einschließen.
Da wird nicht getrennt in Natur und Geist, männlich – weiblich,
Leben und Tod. Da verschwimmen die Polaritäten, da ist einfach
alles rund, sagt der tuwinische Poet Galsan Tschinag, Schamane
einer matriarchalen Nomadenkultur im Nordwesten der
Mongolei.
ZUSPIELUNG: Atmo 4 schon drunter, hoch u. drunter
(Gesang der Tuwiner)
9
ZUSPIELUNG Wort 6
5a 426) Auch ich weiß, das ich irgendwann sterben werde. Aber
ich habe absolut keine Angst, weil das für mich ein erhabenes
Gefühl ist, dass ich eines Tages Teilhimmel sein werde, ein
Stern, Teil-Luft, Teil-Wind, Teil-Licht. Wir teilen ja nicht weg.
Wir sind ein Pünktchen in dem großen Runden. Unsere
Vorstellung ist rund. Wie mein Kopf rund ist, wie meine Jurte,
meine Behausung rund ist, so sind auch die Blutkörper. Wenn
wir denken, denken wir immer in runden Punkten. Und da
brauche ich nichts von nichts zu zertrennen.
ZUSPIELUNG: Atmo 4 , hoch u. ausblenden
(Gesang der Tuwiner)
SPRECHERIN
Das ist weit weg von unserer Wahrnehmung der Welt, die alles
in Linien wahrnimmt. Linien von A nach B, von der Ursache zur
Wirkung, von der Geburt zum Tod, von Armut zu Wohlstand,
von unten nach oben. Linien, die sich allenfalls als
Wachstumskurve gekrümmt nach oben bewegen sollen. Die
Kulturforscherin Carola Maier-Seethaler nennt unser Weltbild
deshalb ‚hierarchisch’. In matriarchalen Kulturen und ihren
Religionen ist das Bild ein anderes.
ZUSPIELUNG Wort 7
2/6:47) Das ist das zyklische Religionsmodell, dass eben nicht
eine Trennung zwischen Gut und Böse oder Hell und Dunkel hat,
sondern dass das Leben sich abwechselt: Leben – Tod – Leben
als rhythmischer Vorgang. Das nennt man das zyklische
Religionsmodell. Das hierarchische Religionsmodell, wie ich
dann das patriarchale nenne, das setzt eben diese Überordnung
und Unterordnung voraus – auch wird dann der Vatergott zum
absoluten Herrscher, dem man einfach gehorchen muss.
10
SPRECHER
Wie im Himmel, so auf Erden? In den matriarchalen Kulturen
lautet die Regel eher: Wie auf Erden, so im Himmel! Die
Ackerbaukulturen erlebten den Kreislauf von Aussaat, Wachstum
und Verfall. Der zyklische Ablauf der Vegetation wurde zum
Modell für das Leben und den Glauben. Wenn sie in ihren Festen
und Ritualen die Übergänge zwischen den Jahreszeiten feierten,
dann stellten sie auch ihre eigene Geschichte immer wieder
szenisch dar. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden
zum großen Kreis.
SPRECHERIN
Die Natur aber – der große Kreis, der die Menschen umschließt –
ist und war in allen Sprachen der Welt etwas Weibliches – die
Natur, la nature. Das lateinische Wort ‚natura’ bedeutet schlicht
‚Geburt’. Und das Wort Materie kommt von ‚mater’, der Mutter.
Kein Wunder also, dass am Anfang aller Religiosität die ‚große
Mutter’ stand, sagt Heide Göttner-Abendroth. (247)
ZUSPIELUNG Wort 8
2/25:40) Die Urvorstellung im Matriarchat ist die Vorstellung der
Göttin als Universum, die kosmische Göttin. Ich will mal ein
Beispiel benennen: Die alte ägyptische Göttin Nut ist ja immer
noch das Universum in Person der Göttin. Die andere Urgöttin ist
die mütterliche Erde: Mutter Erde, ein Begriff, den wir heute
noch haben – die Erde die alles Leben was sie trägt, gebiert und
ernährt. Sie sind der Meinung, dass das eigentliche leben- und
daseinschöpfende eben das weibliche Prinzip ist. Das männliche
Prinzip ist für sie sekundär. Das ist keine Abwertung, sondern in
den Polaritäten kommt es eben erst einen Schritt später vor, weil
es eben nicht das umfassende Prinzip ist. Es gilt dann nicht als
das lebensschöpfende, sondern als das lebensmittragende und
lebensschützende Prinzip. So verhalten sich zum Beispiel auch
matriarchale Frauen und Männer zueinander, vor allem Brüder
11
und Schwestern. Brüder betrachten sich als die Schützer der
Schwestern, die wiederum durch ihre Kinder das Leben des
Clans verlängern, als lebensschöpferisches Geschlecht.
SPRECHERIN
Das ist eine gänzlich andere Religiosität, als wir sie kennen.
Denn wenn die Natur in allen ihren Ausdrucksformen selbst
Göttin ist, dann ist alles heilig und jede Handlung ein Ritus.
Dann ist das Weben der Frauen, in dem sich symbolisch die
Fäden des Lebens fügen, ebenso ein Ritual wie das Aussähen,
das Ernten, das Kochen, das Handel treiben. Dann ist auch jeder
Mensch, jedes Tier und jeder Grashalm Ausdruck der ‚großen
Göttin'. Kulturen mit einem solchen Glauben können die Welt
deshalb nicht wie ein großes Warenhaus plündern.
SPRECHER
Über die vielen Jahrtausende matriarchaler Gesellschaftsformen,
die nach Ansicht vieler Forscher von der ‚Steinzeit’ bis zu
entwickelten Stadtkulturen reichte, hat sich dieser Glaube immer
weiter differenziert. Die ‚große Eine’ wurde – wie Himmel, Erde,
Unterwelt – dreifaltig. Im Himmel regierte die lichte jugendliche
Göttin, auf Erden die schöpferische Frau, unten aber war die alte
weise Transformerin, Göttin des Todes und der Wiedergeburt.
Ein weibliches Universum, dass sich in zahllosen Mythen, Sagen
und Märchen wiederfindet.
SPRECHERIN
Und welche Rolle spielte der Mann im Kosmos der großen
Göttin?
12
SPRECHER
Wer die verbliebenen matriarchalen Kulturen heute betrachtet,
erkennt: Als Teil des großen Ganzen ist er heilig wie das Ganze.
Als biologischer Vater ist er nebensächlich, die Vaterrolle erfüllt
er nur in der Familie der Schwester. Für den Clan wiederum ist er
Beschützer und Lebensbewahrer. Und in der Religion wird er
zum Heros, zum Repräsentanten der Menschen, die sich immer
wieder mit der Göttin vermählen müssen. Das ist das Geheimnis
der ‚Heiligen Hochzeit’, sagt Heide Göttner-Abendroth.
ZUSPIELUNG Wort 9
2/36:47) Die heilige Hochzeit ist nicht eine Verbindung von
Mann und Frau, auch nicht von Königin und König, weil sie gar
nicht als Individuen gemeint werden, sondern die heilige
Hochzeit ist die Verbindung von Himmel und Erde oder die
Verbindung der Göttin mit ihrem Volk. Insofern: Wenn die
Sakralkönigin mit ihrem Sakralkönig heilige Hochzeit feiert und
alle feiern mit, ist das für sie die Verbindung der Göttin, dem
Kosmos mit den Menschen – und das ist eine sehr
segenbringende Angelegenheit. Die Magie der heiligen Hochzeit
geht in der Auffassung matriarchaler Menschen so weit: Wenn
die heilige Hochzeit verfehlt wird, dann kommen Himmel und
Erde durcheinander. Es gibt Unwetter, es gibt Katastrophen und
die Welt geht unter. 38:20) Das Grundprinzip matriarchaler
Gesellschaften ist ja immer Balance: Zwischen den
Geschlechtern, zwischen Mensch und Natur. Das heißt, wenn sie
nicht vollzogen wird, ist die Balance zwischen dem Weiblichen
und dem männlichen Prinzip gestört – und das kann nur in Chaos
führen. Daran kann man zum Beispiel auch ermessen, wie
wichtig das männliche Prinzip genommen wird. Obwohl das
Weibliche als das umfassendere gesehen wird, geht nichts wenn
nicht das weibliche und das männliche Prinzip in Balance
bleiben, was genau die Heilige Hochzeit ausdrückt.
SPRECHER
Da entsteht vor dem inneren Auge das Bild einer
lebensbejahenden, ausgeglichenen und friedfertigen Kultur. Das
13
Bild eines ‚goldenen Zeitalters’, wie es in alten Mythen besungen
wird. Wieso aber ist es untergegangen? (316)
SPRECHERIN
Auch hier ist die Forschung auf Spekulationen angewiesen.
Vielleicht waren manche Matriarchate nicht ganz so paradiesisch,
wie sie scheinen. Von vielen ist immerhin bekannt, dass sie der
großen Göttin auch Menschen opferten. Vielleicht spielte der
klassische Gebärneid eine Rolle, vielleicht der Wunsch der
Männer, gesellschaftlichen Status weiterzuvererben. Die
moderne Matriarchatsforschung setzt aber eher auf einen anderen
Faktor – die Klimaveränderung.
ZUSPIELUNG: Atmo 5 (Wüstenwind) darüber
SPRECHERIN
Der Mensch der Vorzeit war nicht nur mit Eiszeiten konfrontiert,
sondern auch – in den Jahrtausenden vor Christus – mit
Erwärmung, Erosion, Versteppung. Durchaus möglich also, dass
über Jahrhunderte und Jahrtausende blühende Ackerbau-Kulturen
zerfielen, riesige Völkerwanderungen einsetzten und ihre Kultur
des Friedens in der Not nach und nach zerfiel. Zu Anfang werden
die friedlichen matriarchalen Kulturen in den blühenden
Regionen die Flüchtlinge noch aufgenommen haben. Als aber
über Generationen immer mehr Verzweifelte nachströmten, stieg
der soziale Stress. Und irgendwann mögen die entwurzelten
unerwünschten Flüchtlinge, die das Leben nur als Kampf
kannten, die Gewalt und den Raub als probates Mittel des
Überlebens entdeckt haben. Krieger, die sich neue Götter
14
suchten. Eine Zeitlang scheinen sie tatsächlich noch kooperiert
zu haben, die friedfertigen Kulturen der großen Göttin und die
kämpferischen Invasoren mit ihren patriarchalen Kriegsgöttern.
Doch dann schrieben letztere die Geschichte um und überformten
die alten Symbole. So mag es gekommen sein, dass das ‚goldene
Zeitalter’ fast vergessen wurde, glaubt Heide Göttner-Abendroth.
ZUSPIELUNG Wort 10
II 4/23:45) Es wird erst mal die Muttergöttin lächerlich gemacht,
dämonisiert und abgesetzt und ein Vatergott tritt an die Stelle. Ob
das nun der Vatergott Zeus ist oder der Vatergott Jahwe, das ist
egal. Jahwe ist gleich ganz radikal – er behauptet er sei der
einzige und neben ihm kein anderen Gott. Dann werden aber
merkwürdiger weise die Fähigkeiten der Muttergöttin jetzt dem
Vatergott zugeschrieben, nämlich zum Beispiel auch die
Fähigkeit gebären zu können. Zeus soll ja angeblich die Athene
aus dem Kopf geboren haben, der patriarchale Vishnu hat die
Lakshmi aus der Stirne geboren. Diese Vatergötter müssen ja die
Muttergöttin imitieren, weil sie sonst überhaupt nicht als
allmächtig gelten. Dann werden die religiösen Symbole
vereinnahmt: Die Taube die eine sehr alte matriarchale Symbolik
beinhaltet, wird jetzt zu einem Heiligen Geist des Vatergottes
gemacht. Oder die Symbolik der Schlange wird jetzt zum bösen
Tier gemacht. Taube und Schlange sind zwei matriarchale
Symbole und verkörpern so etwas wie das Himmlische, das ist
die Taube und das Erdenhafte, das ist die Schlange. Und da im
Patriarchat jetzt eine tiefe geistige Spaltung passiert, nämlich die
Spaltung in gut und böse – wobei die Zuschreibung klar ist: der
Himmel, das Licht, das Männliche, der Gott ist gut, die Erde, das
Untere, das Niedere, das Weibliche ist bös. Das kann man in
jeder patriarchalen Anfangsphilosophie wiederfinden, ob in
China, Indien oder dem Christentum – überall.
SPRECHERIN
Doch das neue Götterbild braucht noch einmal viele
Jahrhunderte, um sich durchzusetzen. In zahllosen Geschichten
wird der alte Glaube weitererzählt – den alten griechischen
15
Mythen über die Gralslegende bis zu den Märchen. Als die
Gebrüder Grimm Ende des 18. Jahrhunderts im
Niedersächsischen das alte Erzählgut sammeln und ihnen die
Bauern von der gütigen und strengen alten Frau Holle erzählen,
die in der Unterwelt lebt, ist das für sie kein Märchen, sondern
Glaube. Zahlreiche Forscher gegen davon aus, dass sich das
Christentum bis zum Beginn der Neuzeit fast ausschließlich in
der Oberschicht und in den Städten durchgesetzt hatte – während
die Landbevölkerung oft noch der alten Göttin huldigte.
SPRECHERIN
Doch mit der Industrialisierung der Welt und der scheinbar
entgültigen Entheiligung der Natur setzt sich das monotheistische
männliche Gottesbild zeitgleich mit der patriarchalen
Herrschaftsformen weltweit durch. Matriarchate bleiben nur noch
vereinzelt wie Inseln erhalten. Zweihundert Jahre später hat nun
die Forschung die alte Göttinnen-Religion wiederentdeckt –
zunächst in Gestalt der Matriarchatsforschung. Nicht ohne
Grund, sagt Heide Göttner-Abendroth. Denn das alte Wissen ist –
in Zeiten der Naturzerstörung, der Kriege, des
Fundamentalismus, der Ungerechtigkeit und des Wertezerfalls –
alles andere als überholt.
ZUSPIELUNG Wort 11
II/4/35:00) Das heißt nicht ein Wiederbeleben der historischen
Form des Matriarchats mit Ackerbaukultur und matriliniarer
Blutsverwandtschaft, das ist historisch vergangen. Aber in Form
neuer Gemeinschaftsbildung über Wahlverwandtschaft mit
matriarchalen Prinzipien. Oder in Form einer neuen
Respektierung der Gaia, der Erde und der Biosphäre sind wir der
Sache schon sehr viel näher. Und darum würde ich sagen:
Matriarchale Tendenzen sind schon lange im Gange – immer
16
vorausgesetzt, dass man Matriarchat nicht als die Umkehrung des
Patriarchats versteht, was eh falsch ist. Matriarchale Tendenzen
sind im Gange in der Ökobewegung, in der
Gemeinschaftsbewegung, in der Frauenbewegung, in der
Bürgerrechtsbewegung – überall wo Menschen gegen
Herrschaftsmuster und die Zerstörung ihrer Leben und der Erde
protestieren und neue Formen schaffen. Da gibt es überall –
würde ich sagen – quasi matriarchale Tendenzen. (399)
SPRECHER
Da kehrt – wie auf einer neuen Bewusstseinsstufe – altes Wissen
wie in neuem Gewand zurück. Da wird erkannt, dass es für
manche gesellschaftliche Zukunftsmodelle, über die wir heute
nachdenken, schon Jahrtausendealte Vorbilder gibt. Ob wir diese
Wiederentdeckung matriarchal nennen oder anders, ist irrelevant.
Doch eins scheint sicher – der alte Gegensatz zwischen
Matriarchat und Patriarchat sollte nicht neu aufgelegt werden.
Die Kulturforscherin Carola Maier-Seethaler spricht deshalb von
einer neuen Synthese – einer Religiosität jenseits von Gott und
Göttin. Da ist nicht mehr der Glaube an eine persönliche
Himmelsmacht im Vordergrund – sei sie weiblich oder männlich
– sondern eine im wahrsten Sinn des Wortes a-theistische
Spiritualität.
ZUSPIELUNG Wort 12
2/25:40) Ich habe den Begriff von Dorothee Sölle übernommen.
Eines ihrer bekanntesten Bücher heißt „A-theistisch an Gott
glauben“. Ich würde sagen, es gibt eine a-theistische Spiritualität,
also im Sinn von Schweizer „Die Ehrfurcht vor dem Leben“:
(3/9:24) Das Hohelied der Liebe. Deswegen wehre ich mich auch
ein bisschen gegen den Begriff „weibliche Spiritualität“. Nämlich
auch die matrizentrisch lebenden indigenen Völker – da kann
man nicht sagen, das war eine „weibliche Spiritualität“. Sondern
Frauen und Männer haben diese Spiritualität geteilt. Und so
sollte es auch jetzt wieder sein – dass die Väterlichkeit sich
17
wirklich an die Seite der Mütterlichkeit stellt. (3/12:00) Ja, Ich
meine unbedingt die Erlösung des patriarchalen Gottes, aber auch
von seiner Verantwortung für das sogenannt Böse. Und ich
meine schon, im Unterschied zur Aufklärung, wir machen aus
Kirchen ganz bestimmt keine Pferdeställe mehr, sondern wir
anerkennen, dass die Menschen sakrale Räume brauchen.
SPRECHERIN
„Jenseits von Gott und Göttin. Das Hohelied der Liebe. Ehrfurcht
vor dem Leben.“ Da wird eine neue Vision formuliert, die am
Anfang des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt den uralten
Konflikt zwischen dem Männlichen und Weiblichen überwinden
und in eine Synthese führen könnte. Sie müsste weder den
hierarchischen Gott negieren, noch die große zyklische Göttin.
Sie könnte auf der Basis der Liebe, ohne Dogmen, institutionelle
Regeln und Kampf um die Herrschaft im Himmel und auf Erden,
lineares und zyklisches Denken zusammenführen, hofft Carola
Maier-Seethaler:
ZUSPIELUNG Wort 13
2/21:55) Also eine dreidimensionale Spirale die nach oben geht.
Und das würde natürlich diesen eindimensionalen Pfeil des
Fortschritts verlangsamen, weil man ja auf der höheren Ebene
immer wieder mal zurückschaut, was war. Es würde
verlangsamen, aber es würde sich auch aufwärts bewegen. Also
das fände ich ein sehr schönes Modell, diese Form der Spirale.
440 Zeilen
18
Literatur:
Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat I. Geschichte seiner Erforschung
Heide Göttner Abendroth: Die Göttin und ihr Heros
Carola Maier-Seethaler: Ursprünge und Befreiungen
Carola Maier-Seethaler: Jenseits von Gott und Göttin. Plädoyer für eine spirituelle Ethik
Marija Gimbutas: Die Sprache der Göttin
Vera Zingsem: Schlangenfrau und Chaosdrache
Vera Zingsem: Der Himmel ist mein, die Erde ist mein. Göttinnen großer Kulturen im
Wandel der Zeiten
Ega Friedman: Der weibliche Ungehorsam
Sir Galahad: Mütter und Amazonen. Die erste weibliche Kulturgeschichte
19