Freitag 20 by xumiaomaio

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									KARL-HEINZ GÖTZE ERINNERUNGEN AN WOLFGANG ABENDROTH SEITE 19




                                       Freitag 20
                                       Die Ost-West-Wochenzeitung

Herausgegeben von Daniela Dahn, György Dalos, Frithjof Schmidt, Friedrich Schorlemmer
                                                                                                                                                                                                                                                    16. MAI 2008
                                                                                                                                                                                                                                                 www.freitag.de
                                                                                                                                                                                                                                                           E 2,90




                             Frommer Störer                                                                                         Böse Tante                                   Fremde Fiedler
                             Wie der Dalai Lama                                                                                     Wie Hillary Clinton                          Wie jiddische Folklore in deutschen
                             das China-Geschäft                                                                                     den Anschluss                                und israelischen
                             bedroht                                                                                                verliert                                     Ohren klingt         Thema
                                                                                                                                                                                                              der Wo
                                                                                                                                                                                                                    che
                             Seite 5                                                                                                Seite 8                                      Seite 13
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                                                                                                                                                                                                       1000 B
Jürgen Rose                                                                                                                                                                                                  lumen
                                                                                                                                                                                                         blühen
Friedensverräter                                                                                                                                                                                                  Seiten
                                                                                                                                                                                                                         6 und
                                                                                                                                                                                                                               7
Die Verfassungsrichter kassieren eine rot-grüne Legende


L
        ügen haben kurze Beine«, besagt eine       So begrüßenswert dieses Urteil auch ist – es
        Volksweisheit. Aber mehr als fünf Jah-   bleibt doch ein erhebliches Unbehagen, gera-
        re – bis zum 7. Mai 2008 – hat es im-    ten die Konsequenzen in den Blick. Wer wird
        merhin gedauert, die während des         denn in welcher Form für diesen Verfas-
Irak-Krieges amtierende Bundesregierung ei-      sungsbruch zu Rechenschaft gezogen? Im-
ner schamlosen Täuschung der deutschen           merhin geht es hier um kein Kavaliersdelikt,
Öffentlichkeit zu überführen. Hatte Kanzler      sondern die verfassungswidrige Beihilfe zu
Schröder stets hoch und heilig versichert,       einem zu Recht als »völkerrechtliches Ver-
man sei nicht an einem unter US-Komman-          brechen« gebrandmarkten Akt. Deutschland
do geführten Krieg gegen den Irak beteiligt,     – lässt sich der Karlsruher Entscheidung ent-
urteilte nunmehr das Bundesverfassungsge-        nehmen – war auf Geheiß der rot-grünen
richt: »Mit der Luftraumüberwachung der          Bundesregierung Kriegspartei. Und jenes
Türkei in AWACS-Flugzeugen der NATO              friedensverräterische Kabinett trägt demzu-
haben sich deutsche Soldaten an einem Mi-        folge eine Mitschuld am hunderttausendfa-
litäreinsatz beteiligt, bei dem greifbare        chen Sterben irakischer Männern, Frauen
tatsächliche Anhaltspunkte für eine drohen-      und Kinder. Ohne die eilfertige Gewähr um-
de Verstrickung in bewaffnete Auseinander-       fassender Hilfsleistungen hätte sich die ang-
setzungen bestanden.« Um die fliegenden          loamerikanische Militärmacht kaum so ent-
NATO-Gefechtsstände hatte Ankara die Al-         falten lassen, wie das 2003 und danach ge-
liierten gebeten, als Saddam Hussein drohte,     schehen ist. Mitschuld tragen aber auch die
jeder Verbündete der USA in der Region, der      Friedensverräter im Generalsrock, die sich –
die Aggression gegen sein Land unterstütze,      ihren Diensteid brechend – nicht geweigert
werde Ziel von Verteidigungsschlägen sein.       haben, mit Tausenden von Bundeswehrsol-
Deutsche Luftwaffensoldaten stellten etwa        daten willfährig den ihnen erteilten völker-
ein Drittel der Besatzungen, ohne sie wäre ein   rechts- und verfassungswidrigen Auftrag zu
Einsatz des NATO-AWACS-Verbandes un-             erfüllen. Dass sie von Anfang an wussten,
möglich gewesen.                                 was sie taten, ergibt sich unwiderlegbar aus
  Entscheiden musste Karlsruhe über eine         einem im Verteidigungsministerium vor
Klage der FDP-Fraktion, weil sich die rot-       Kriegsbeginn selbst angefertigten Rechtsgut-
grüne Bundesregierung seinerzeit geweigert       achten zur völkerrechtlichen Zulässigkeit der
hatte, für diese Operation der Bundeswehr        Bewachung von US-Einrichtungen in
das Plazet des Parlamentes einzuholen. Mit       Deutschland durch die Bundeswehr. Aus die-
dem jetzt ergangenen Urteil, das der Klägerin    sem ging klar hervor, dass mit dem Einsatz
vollständig Recht gibt, hat das höchste Ge-      deutscher Soldaten zur Unterstützung der
richt dieses Landes bewusst einen Meilen-        USA und ihrer Alliierten die Bundesrepublik
stein gesetzt – die parlamentarischen Beteili-   Deutschland selbst mit ihren Streitkräften
gungsrechte an bewaffneten Einsätzen deut-       zum legitimen militärischen Ziel im Sinne des
scher Streitkräfte dürfen nicht ignoriert wer-   Völkerrechts – also zur Kriegspartei – wurde.
den. So konstatiert der 2. Senat wohl nicht                                      s. auch Seite 2
zufällig im Blick auf die heutige globale        Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr
NATO-Strategie: »Wegen der politischen           und aus disziplinarrechtlichen Gründen gezwungen, darauf
                                                 hinzuweisen, dass er in diesem Beitrag nur seine persönli-
Dynamik eines Bündnissystems ist es umso         chen Auffassungen vertritt.
bedeutsamer, dass die größer gewordene Ver-
antwortung für den Einsatz bewaffneter
Streitkräfte in der Hand des Repräsentations-
organs des Volkes liegt.«
  Was die Richter gleichwohl blauäugig über-     Sabine Hark                                                                                                                                                       holung seiner selbst zu zwingen. Doch gera-
sehen, ist der Umstand, dass der Bundestag                                                                                                                                                                         de angesichts heutiger globaler Herausforde-
einst selbst seine Verantwortung missachtet                                                                                                                                                                        rungen gibt sich der Alpha-Feminismus recht



                                                 Solipsismusfeminismus
hat, als eine Mehrheit der Abgeordneten –                                                                                                                                                                          bescheiden, geht es ihm doch um eine be-
wie im vorliegenden Fall am 20. März 2003                                                                                                                                                                          stimmte Gruppe von Frauen: sich selbst.
geschehen – dagegen votierte, ihre verfas-                                                                                                                                                                         »Manche werden vielleicht die spezifischen
sungsmäßigen Rechte überhaupt von der Re-                                                                                                                                                                          Perspektiven lesbischer Frauen oder etwa
gierung einzufordern. Da wurde die verfas-                                                                                                                                                                         Migrantinnen vermissen«, schreiben Haaf
sungsrechtliche Fiktion von der Gewalten-                                                                                                                                                                          und ihre Mitstreiterinnen. nonchalant gleich
teilung schlicht von der politischen Realität    Alice Schwarzer ist kein Grund, ein politisches Projekt zur Privatsache von »Alpha-Mädchen« zu machen                                                             auf der zweiten Seite ihres Buches: »Wir wis-
der Gewaltenverschränkung eingeholt. Auch                                                                                                                                                                          sen, dass nicht alle jungen Frauen in Deutsch-



                                                 D
vermochten die Parlamentarier ihrem Man-                  ass Feminismus das Leben schöner                      Haensel und Raether wollen nicht wissen,       plätze, die Diskreditierung und Delegitimie-        land gleich leben ... Wir konzentrieren uns
dat dort nicht gerecht zu werden, wo sie ein              macht, erklären derzeit mit viel Verve              dass gerade die Erkundung dieses Wider-          rung dienen.                                        hier allerdings erst einmal auf Themen, die ei-
Kanzler qua Junktim mit der Vertrauensfra-                Meredith Haaf, Susanne Klingner                     spruchs zwischen politischer Haltung und           Die »Alpha-Mädchen«-Mannschaft gibt               nen Großteil [sic!] der jungen Frauen, die
ge schlichtweg erpresste. Derartige Praktiken             und Barbara Streidl, Verfasserinnen                 emotionalen Ambivalenzen, die einer unter-       sich im Unterschied dazu kämpferischer; sie         heute in Deutschland leben, betreffen«.
dürften die Verfassungsrichter nicht über Ge-    des Buchs Wir Alpha-Mädchen. Dabei fällt                     worfenen weiblichen Subjektivität geschul-       wollen das »große, wichtige Projekt« Femi-            Ein solcherart solipsistische Haltung mag
bühr entzückt haben. Unübersehbar winken         ihnen zum Stichwort Feminismus nur Alice                     det sind, eines der zentralen Themen des ge-     nismus »durch das nächste Jahrhundert brin-         nun in der Tat die Sprache sein, die die junge
sie nun mit dem ganz dicken Zaunpfahl,           Schwarzer ein. Und zusammen mit den Neu-                     schmähten Siebziger-Jahre-Feminismus war         gen«. Dafür müsse ihre Generation »nicht auf        Generation kennt – für die Herausforderungen
wenn es im Urteil vom 7. Mai heißt: »Die         en deutschen Mädchen Jana Hensel und Elisa-                  und von Verena Stefan in Häutungen (1975)        die Straße gehen« – warum eigentlich nicht?         der Zeit wird sie indes nicht genügen. Denn die
Frage, ob eine Einbeziehung deutscher Sol-       beth Raether wollen sie die Börne-Preis-Trä-                 oder Anja Meulenbelt in Die Scham ist vor-       –, vielmehr müssten eine Sprache und Hand-          Kernfragen von Feminismus – Umgestaltung
daten in bewaffnete Unternehmungen be-           gerin aufs Altenteil schieben. Von der Wirk-                 bei (1976) auf oft quälende Weise erkundet       lungsformen gefunden werden, die »die jun-          von Herrschaftsverhältnissen, das Recht auf
steht, ist gerichtlich voll überprüfbar; ein     lichkeit, die komplizierter sei, als Schwarzer               und beschrieben wurde. Sie wollen nicht wis-     ge Generation kennt« und die »der aktuellen         unbedingte politische und gesellschaftliche
vom Bundesverfassungsgericht nicht oder          sich das vorstellen könne, verstünden sie                    sen, dass der Satz »Das Private ist politisch«   Situation entsprechen« würden. Dem ist im           Teilhabe, die Chance ökonomischer Unabhän-
nur eingeschränkt nachprüfbarer Einschät-        selbst mehr. Doch die von Haensel und Rae-                   eben nicht darauf zielte, die Irrungen und       Grunde nur zuzustimmen. Eine Bewegung,              gigkeit, das Recht auf Wissen und Bildung und
zungs- oder Prognosespielraum ist der Bun-       ther beschworene Farbigkeit ihrer Welt er-                   Wirrungen unseres Intimlebens zu sezieren,       ein politisches Projekt, eine Theorie ist nur so    die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben
desregierung hier nicht eröffnet.«               weist sich als recht monochrom. Sie schrieben                sondern darauf, zu erkennen, wie sich patri-     lange gut, wie sie Antworten zu geben ver-          ohne Gewalt in Freiheit führen zu können, die
                                                 über das, was »der Feminismus immer ver-                     archale Verhältnisse und Verhinderungen im       mag auf die Fragen ihrer Zeit. Es kann daher        Möglichkeit der Selbstverständigung über das,
                                                 schwiegen« und »als banal abgetan« habe, das                 Leben jeder Einzelnen materialisieren. Statt-    kaum darum gehen, den Feminismus aus der            was wichtig ist – sie sind global gesehen so ak-
         Potsdamer Straße 89                     Private nämlich. Etwa, »dass einem die                       dessen begnügen sie sich mit der ermüdenden      Geschichte herauszunehmen, um ihn einzu-            tuell und ungelöst wie je. Wenn der Alpha-
                10785 Berlin                     Sehnsüchte, die man im Leben so hat, zum                     Wiederholung abgedroschener antifeministi-       frieren und so gegen Kritik zu immunisieren,        Feminismus dazu nicht sprechen will, sollte er
 PVSt A 04188, Entgelt bezahlt
         CHF 5,50 / PLN 15,00                    Beispiel geliebt zu werden, oft im Weg stehen,               scher Klischees – die im Übrigen nie mehr        nostalgisch an dessen verklärten Momenten           von seiner eigenen Freiheit und Selbstverwirk-
     CZK 110,00 / SKK 140,00                     eine aufrechte Feministin zu sein«.                          waren als das: stereotypisierende Gemein-        zu kleben und ihn damit zur ewigen Wieder-          lichung schweigen.                            ■
                                                                                                                                                                                                                               Freitag 20
2                                                                                                  AKTUELL                                                                                                                    16. Mai 2008


         Kommentiert                                                                                                                                                                                        Nachgefragt
                                                                                                                                                                                     HOGLI




Machtprobe
Die Hisbollah hat wieder einmal                                                                                                                                                                                     Begibt sich
gezeigt, was sie kann – Beirut im
Handstreich unter ihre Kontrolle                                                                                                                                                                                    Indien unter
bringen, die Regierung Siniora der
Schwäche überführen und den Libanon
                                                                                                                                                                                                                    die Obhut der
an den Rand eines Bürgerkrieges                                                                                                                                                                                     Weltmacht,
treiben. Daraus lässt sich lernen, das
im Westen hoffnungssüchtig beschwo-                                                                                                                                                                                 Frau Ghose?
rene Patt zwischen den Schiiten und                                                                                                                                                             Die USA fordern vehement, dass Indien in
ihren Alliierten einerseits sowie dem                                                                                                                                                           zivilen nuklearen Fragen endlich mit Wa-
christlich-sunnitischen Lager anderer-                                                                                                                                                          shington kooperiert. Wird Delhi noch zur
seits gleicht in Wahrheit einem Kräfte-                                                                                                                                                         Amtszeit von Bush einen entsprechenden
verhältnis, bei dem Erstere schnell die                                                                                                                                                         Vertrag unterzeichnen?
Oberhand gewinnen. Zu verdanken ist                                                                                                                                                               Es wird knapp. Zumal der Vertrag in Indi-
das besonders der israelischen                                                                                                                                                                  en umstritten ist: Während die Linken vor ei-
Armee. Sie hat mit ihrer Invasion im                                                                                                                                                            nem US-Kuratel warnen, fürchten die Rech-
Sommer 2006 die Hisbollah vernich-                                                                                                                                                              ten um strategische Optionen und das Waf-
tend schlagen wollen, tatsächlich aber                                                                                                                                                          fenprogramm.
die Gefolgschaft von Hassan Nasrallah
über Gebühr gestärkt. Seither rekla-                                                                                                                                                            Wer hat Ihrer Ansicht nach Recht?
mieren die Schiiten als Tribut für die                                                                                                                                                            Keiner von beiden. Seit 30 Jahren verletzt
Verteidigung des Landes mehr                                                                                                                                                                    die nukleare Frage wie ein feiner Dorn unse-
Einfluss. Die Hinhaltetaktik von                                                                                                                                                                re Beziehungen zu den USA. Dabei ist Stabi-
Premier Siniora war schon immer                                                                                                                                                                 lität nötig. Und wenn wir den Vertrag unter-
provokativ, nun wurde sie durch die                                                                                                                                                             zeichen, machen wir uns nicht zu Alliierten
politische Dummheit gekrönt, der                                                                                                                                                                der Amerikaner.
Hisbollah das Kommunikationsnetz
zerstören zu wollen. Sein westlich-                                                                                                                                                             Warum ist der Vertrag für Indien so wichtig?
schillernder Libanon könnte damit den                                                                                                                                                             Wir sind abhängig von Kohle, Gas und Öl.
Bogen überspannt haben. Die Konfron-                                                                                                                                                            Zugleich braucht das Land stetig mehr Ener-
tation mit den muslimischen Milizen ist                                                                                                                                                         gie. Kürzlich demonstrierten die Menschen
keine Kraft-, sondern eine Machtprobe,
                                           Katrin Schuster                                                                                                                                      sogar, weil es an Strom mangelte. Wir hoffen
die Siniora und sein Klüngel bisher aus                                                                                                                                                         auf energiepolitische Unabhängigkeit und



                                           Hilfe auf demokratisch
gutem Grund nicht riskiert haben.                                                                                                                                                               den Transfer von nuklearem Hightech.
                             Lutz Herden
                                                                                                                                                                                                Stichwort Kuratel: Kritiker sagen, dass sich
                                                                                                                                                                                                Indien bereits 2005 den USA beugte – es hat-

Breitseite                                 BILDPOLITIK ■ Weil an Naturkatastrophen keiner schuld ist, bieten sie sich als Bühnen medialer
                                                                                                                                                                                                te sich dafür ausgesprochen, den Iran vor den
                                                                                                                                                                                                UN-Sicherheitsrat zu laden.
                                                                                                                                                                                                  Indien und Iran verstehen sich traditionell
Wenn auch in der Politik das Verursa-      Inszenierungen an. China hat das besser verstanden als Birma                                                                                         gut, außer in nuklearen Fragen. Wir wollen
cherprinzip gilt, dann ist Kanzlerin                                                                                                                                                            keinen atomar hochgerüsteten Iran, aber wir



                                           Ü
Merkel für die rhetorische Kanonade                 ber Naturkatastrophen gibt es wenig      talisiert wird, ja, vielleicht sogar werden       gen verschoben, alle anderen sollen wählen       behandeln Teheran mit dem Respekt, der ei-
im deutsch-venezolanischen                          zu berichten außer den Fakten: den       muss, weiß man nicht erst seit Gerhard            gehen, dafür warb das Fernsehen angeblich so     ner alten Zivilisation gebührt.
Verhältnis verantwortlich. Den EU-                  Zahlen der Toten, der Verletzten, der    Schröders Auftritten vor den Elbe-Sand-           fröhlich wie durchgehend. Ähnlich die inter-
Südamerika-Gipfel von Lima im Blick,                Obdachlosen. Deswegen differieren        säcken. In China ist es nun ähnlich: Die staat-   nationalen Medien, die der erwartete Wahlbe-     Vor zwei Wochen forderten die USA erneut,
drängte es sie, vor allen dortigen         die Meldungen über das Erdbeben in China          liche Nachrichtenagentur Xinhua zeigte am         trug sichtlich weniger betrifft als die Folgen   dass Indien härter mit dem Iran umgehen sol-
Gesprächen, Beobachtungen und              und den Zyklon in Birma höchstens darin. Als      Dienstag in ihrer englischen Onlineversion        des Zyklons: Dass das Regime in Birma aus-       le. Aber statt Teheran zu drängen, das Atom-
Eindrücken, schon einmal präventiv         informativen Überschuss zu einem solch im-        an oberster Stelle, wie Premier Wen Jiabao        ländische Helfer gar nicht und deren Hilfsgü-    programm aufzugeben, verhandelt Indien
ein Urteil abzugeben. Hugo Chávez          mer wieder überraschend verheerenden Er-          das Epizentrum besucht, dort die Zerstörung       ter nur tröpfchenweise ins Land lässt, war ein   über eine neue Gasleitung.
spreche nicht für den gesamten Konti-      eignis gibt es meist viele Bilder von verwüste-   inspiziert und Hände schüttelt. Daraus näm-       deutlich größeres Thema als der »Fahrplan          Wir brauchen das Gas, ich bin aber kritisch,
nent, teilte sie mit und provozierte       ten Landstrichen und hilfsbedürftigen Men-        lich besteht das erfolgreiche duale System der    zur Demokratie«. Deswegen gibt es über die-      ob die Pipeline der indischen Energiesicher-
eine scharfe Kontroverse mit dem           schen vor den Trümmern ihrer Existenz sowie       politischen Reaktion auf das natürliche De-       sen auch kaum Zahlen oder Hintergrundin-         heit dient. Denn sie führt durch Belutschi-
Comandante. Warum eigentlich               Hintergrundinformationen – was ist ein Zy-        saster: aus dem betroffenen Blick und dem         formationen, sondern stattdessen Entrüstung      stan, ein schwieriges, unsicheres Gebiet in
musste das sein? Auch im rhetori-          klon? wo lag das Epizentrum? –, als hülfe das     tröstenden Wort. So liefert China von selbst      über die burmesischen Machthaber, die aus-       Pakistan. Man nennt die Leitung jetzt »Pipe-
schen Überschwang hat Chávez noch          über die schwer annehmbare Tatsache hinweg,       die Bilder von Anteilnahme, die im Westen         ländische Hilfspakete mit ihren eigenen Na-      line der Freundschaft« und der Regierung ist
nie den kontinentalen Caudillo             dass hierfür niemand verantwortlich zu ma-        bei solchen Gelegenheiten erwartet werden.        men versahen – als würde das für deren Emp-      sie sieben Milliarden Dollar wert.
herausgekehrt. Merkel ballert              chen ist. In manchen Zeitungen erfuhr man so-     Entsprechend scheinen die Opferzahlen, die        fänger aktuell irgendetwas ändern. In der
trotzdem munter drauf los. Ohne            gar die Namen der Schiffe oder Typnummern         von der chinesischen Regierung genannt            westlichen Welt scheint die politische Kata-     Gefährdet der Vertrag mit den USA das in-
diplomatisches Feingefühl, ohne            der Flugzeuge, die Hilfsgüter lieferten: Die      werden, deren bestem Wissen und Gewissen          strophe mithin nur im Rahmen der Naturka-        dische Waffenprogramm?
Sensibilität für den sozialen Wandel,      Unbegreiflichkeit generiert ein ums andere        zu entstammen und werden hierzulande              tastrophe wahrnehmbar.                            Das sehe ich nicht. Wir haben mit China und
der in Lateinamerika eben nicht nur        Mal jede Menge überflüssige Details. Wohl         nicht weiter angezweifelt.                          Da passt es gut ins Bild, dass deren Medien    Pakistan zwei Kernwaffenstaaten in der
Venezuela, sondern ebenso Ekuador          weil die Zahlen viel zu groß sind, um damit et-     Anders in Birma, wo Natur und Politik           immer auch sich selbst prominent im Sinn         Nachbarschaft. Die Bedrohung erstreckt sich
und Bolivien, aber auch Brasilien,         was anfangen zu können; eine Millionen Men-       ganz real aufeinander trafen: Staatsoberhaupt     haben – wo möglich, fragen sie umgehend          über die Städte bis zur südwestlichen Küste.
Paraguay und Uruguay erfasst.              schen sollen in Birma ohne Essen, ohne Haus       General Than Shwe trat erst zur Abgabe sei-       nach: Geht es unseren Landsleuten, die sich      Uns wurde eine Bewaffnung aufgenötigt.
Chávez’ Verweis auf die braunge-           und anderen lebensnotwendigen Dingen vor          ner Stimme – beim Referendum über den so          gerade in China aufhalten, auch wirklich         Zum Glück verbesserten sich die Beziehungen
fleckte Geschichte des von Merkel          sich hin vegetieren, von 20.000 Todesopfern       genannten »Fahrplan zur Demokratie« an die        gut? Haben die Olympiabauten das Beben           zu Pakistan in den vergangenen fünf Jahren.
vertretenen rechtsbürgerlichen             spricht man in China. Wenn Sie diese Zeilen       Öffentlichkeit, über den Zyklon gibt es nichts    unbeschadet überstanden? Und China ant-          Unsere große Herausforderung sehen wir in
Lagers in Deutschland ist gewiss           lesen, könnten es schon wieder doppelt oder       als offizielle Verlautbarungen und keinerlei      wortete brav darauf: Ja, ja. Das Bewusstsein,    China, das uns wirtschaftlich weit voraus ist.
überzogen, aber nicht vollends             drei Mal so viele sein.                           persönlichen Äußerungen. Von seinen Lands-        wie einfach man manchmal die Sympathie                    Die Fragen stellte Dirk F. Schneider
geschichtsfremd. Man denke nur an            Dass jede Naturkatastrophe – eben weil es       leuten erwartete Than Shwe dasselbe, nur in       der Demokratie gewinnen kann, scheint dort
die unter dem CDU-Kanzler Adenauer         über sie wenig zu diskutieren gibt – gleich-      Rangun und im Irrawaddy-Delta sind die Ab-        jedenfalls deutlich besser zu gedeihen als in    Arundhati Ghose vertrat Indien als Botschaf-
nach 1949 vollzogene Versöhnung mit        sam automatisch medial-politisch instrumen-       stimmungen wegen der schweren Zerstörun-          Birma.                                       ■   terin bei den Vereinten Nationen.
den Nazi-Eliten in Richterschaft,
Militär, Medien und Wirtschaft.
                          Clemens Funk
                                                                                                                                       Gastkommentar

         Fühlen, was geschieht. Zum
                                                          Doppeltes Spiel
Ultimo




         Beispiel in Sachen Olympia                                                          Kam die Klage wegen des AWACS-Einsatzes in Wirklichkeit aus der CDU?
         am Mount Everest. Verzögert
         und beinahe unterdrückt vom
         chinesischen Überwachungs-                       Es war wie ein überraschender Aufschlag bei              barungen treffen und auf die Rückkopplung mit            Jahrhunderts und somit den eingeschränkten
system, erreichte Ultimo erst jetzt ein                   einem Tennis-Match. Da wurden die Thesen einer           dem Bundestag verzichten. Unter Hinweis darauf,          Möglichkeiten der Verfassungsrichter zuge-
Bericht zur Lage vor Ort. Die deutsche                    Autorengruppe aus der Bundestagsfraktion von             dass andernfalls der Untergang des Abendlandes           stimmt. Nach diesem Vertrag soll künftig ein
Koordinatorin des Kamerateams                             CDU und CSU zu einer »Nationalen Sicherheits-            oder ein Kollaps jedweder Bündnissolidarität             komplett von den EU-Regierungen abhängiger
Flamme 2008, L. Riefenstahl,                              strategie« auf den Platz geknallt, wo sie für Erre-      droht, dürfte das Parlament in Berlin vergeblich         Europäischer Gerichtshof in Angelegenheiten wie
schreibt uns aus dem Basislager: »Ich                     gung auf den Rängen sorgten. Dass inzwischen             darauf warten, beteiligt zu werden und seine             dem verfassungswidrigen Einsatz von AWACS-
sitze hier auf dem Dach der Welt,                         der Pulverdampf so schnell wieder verraucht ist          Meinung über die Konferenzergebnisse kund-               Flugzeugen urteilen. Jeder kann sich ausrechnen,
führerlos. Ich bin nur passive Chronis-                   wie er aufstieg, bezeugt nicht allein die Schnellle-     zutun. Stattdessen wird man flotte Begründungen          dass damit eine letzte Bastion, die sich Verfas-
tin der Ereignisse. Wir warten Tag um                     bigkeit politischer Debatten. In diesem Fall auch        für die expandierende Präsenz von NATO-Truppen           sungsverstößen in den Weg stellte, geschleift
Tag. Yeti, mein treuer Assistent, wirft                   deren Aussichtslosigkeit. Man muss sich in der           am Hindukusch hören.                                     wird. Der damit einhergehenden Bedeutungsmin-
wütend Schneebälle gegen das IOC-                         Union damit abfinden, dass weder in dieser noch          In diesem Zusammenhang ließ ein bemerkens-               derung des höchsten deutschen
Zelt. Die Luft ist dünn. Davon hat ja                     der nächsten Legislaturperioden eine Mehrheit im         werter Hinweis bei der Vorstellung des Papiers zur       Gerichts wird mancher in Berlin –
keiner etwas gewusst.« An Abreise                         Bundestag denkbar ist, die einen Nationalen              »Nationalen Sicherheitsstrategie« aufhorchen. Es         so lässt sich vermuten – keine
denkt aber trotzdem niemand. »Wenn                        Sicherheitsrat beschließt und damit einen                hieß, die Klagebegründung für das gerade erst, am        Träne nachweinen. Haben sich
wir nicht hier wären, würde das                           verbindlichen Umgang der Bundesrepublik mit              7. Mai, ergangene AWACS-Urteil des Bundesver-            doch die Karlsruher Richter zu
Ereignis medial nicht stattfinden!«                       globalstrategischen Fragen regelt. Erinnern wir          fassungsgerichts stamme eigentlich aus den               offensichtlich als Hemm-
Als die Fackel endlich erschien,                          uns, auch dem Schäuble-Lamers-Papier von 1994            Reihen von CDU/CSU. Doch habe man aus Rück-              schuh für selbstherrliche
gerieten die Journalisten völlig aus                      war eine ähnlich irrlichternde Wirkung beschieden        sicht auf die USA kurz vor dem Irak-Krieg im Früh-       Vorgehensweisen der Exeku-
dem Häuschen, bis sie sich eines                          wie dem jetzigen Strategiepapier und ein ähnli-          jahr 2003 die FDP gebeten, nach Karlsruhe zu             tive bei Auslandseinsätzen
Besseren besannen und zu Recht                            ches Versickern. Warum sollte es anders sein?            gehen, um die Klage vorzubringen. Wenn das               der Bundeswehr erwiesen.
entsetzt waren vom Gigantismus der                        Wenn gleichzeitig aus der Bundesregierung zu             zutrifft, sollte man sich Sicherheitspapiere mit         Dem deutschen Volk freilich
chinesischen Propaganda. Trotzdem                         vernehmen ist, man beabsichtige noch für                 nationalem Anspruch verkneifen. Denn was gilt            wird damit eine Rechtsin-
filmte das Team natürlich jedes Fitzel-                   mindestens 15 Jahre in Afghanistan zu bleiben –          nun? Die Berufung auf geltendes Verfassungsrecht         stanz beschnitten, die eine
chen vom Fackellauf, und die Bilder                       ungeachtet der mehrheitlichen Ablehnung dieses           oder stoische Bündnistreue? Herrscht die Einsicht        tragende Säule der frei-
gingen, wie wir wissen, um die Welt.                      Einsatzes durch die Bevölkerung –, dann verhilft         vor, dass in der NATO oder wo auch immer nun             heitlichsten Ordnung war,
Die Koordinatorin kann zu Recht stolz                     das kaum zu mehr sicherheitspolitischer Glaub-           einmal von oben nach unten regiert wird und die          die es auf deutschem
sein auf ihre Arbeit: »Seit ich damals                    würdigkeit. Rückdeckung für solcherart Realitäts-        eigene deutsche Position nicht gefragt ist? Sollte       Boden je gab.
live die Mondlandung der amerikani-                       verleugnung ist von einer für Mitte Juni in Paris        man sich die mit dem Bundesverfassungsgericht
schen Astronauten inszenierte, sind                       geplanten Afghanistan-Konferenz zu erwarten, die         im Rücken auch gar nicht erst aufbauen?                  Willy Wimmer
mir keine so stimmungsvollen Bilder                       diesmal unter französisch-deutscher Schirmherr-          Gerade hat der Bundestag mit großer Mehrheit             Bundestagsabgeordneter und
mehr gelungen wie hier!«                                  schaft stattfindet. Man wird an der Seine Verein-        dem Vertrag von Lissabon für die EU des 21.              Mitglied der CDU/CSU-Fraktion
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                 SEITE DREI                                                                                                                              3




                                                                                                                                                                                                                       Marco Lauer
               Die verlorene Heimat wollten sie hier            Marco Lauer
               finden und gute Arbeit. Viele wurden
               enttäuscht, weil die Vorstellungen von
               Deutschland nicht der Wirklichkeit
               standhielten. Deshalb zieht es seit
               Jahren immer mehr Russlanddeutsche
                                                                Der Anfang schmeckte süß
               zurück in den Osten.                             DESILLUSIONIERT ZURÜCK IN DIE HEIMAT ■ Olga und Vladimir Funk, Spätaussiedler aus der ehemaligen
                                                                Sowjetunion, wollen Deutschland wieder den Rücken kehren


               E
                       s war Ende 1995, als sie ankamen im      mehr Russlanddeutsche vorhaben: »Wir wol-          schon für ein Gefühl der Nutzlosigkeit, das       noch ein schlichtes Stück Pappe, das sie lie-
                       niedersächsischen Friedland, wo          len zurückgehen. Es gibt hier keine Zukunft        manchen in die Verzweiflung treibt.«              ber jetzt als nachher eintauschen möchten
                       Deutschland seine verlorenen Söhne       mehr für uns. Noch ist Zeit, meine Frau und          Wer die einstige Heimat besuche, wolle zu-      gegen die Papiere ihrer Herkunftsländer.
                       und Töchter zu empfangen pflegt: im      ich sind ja erst Anfang 30.« Als Kraftfahrer       meist nicht zugeben, dass er sich nicht wohl      Vielleicht haben einige von diesen Rückkeh-
               zentralen Aufnahmelager für Spätaussiedler.      hat er tagein, tagaus den Asphalt vor sich und     fühle im Gelobten Land. Und so habe sich          rern auch jenes Fremdeln zu spüren bekom-
               Kaum angekommen, verließen Olga und              hinter sich Kollegen, die über ihn tuscheln,       dort lange die Mär von einem Deutschland          men, das oft wie eine unsichtbare Mauer
               Vladimir, ihre einjährige Tochter Christina      weil er eine Wohnung gekauft hat und sie sich      gehalten, »in dem die Straßen so sauber sind      zwischen den neuen und den alten Deut-
               auf dem Arm, die Enge des Aufnahmelagers,        fragen, womit. Vielleicht mit den satten Zu-       wie mit Shampoo gewaschen. Die Illusion           schen steht. Nicht etwa die große, offene
               gingen in die Stadt und kauften ein bei Spar.    schüssen, die »den Russen zugeschoben wer-         von einem Land, das frei ist von Kriminalität     Ablehnung, die vielen kleinen Gesten des
               Dutzende Tafeln Schokolade und alles an-         den vom deutschen Staat«. Dieses Misstrau-         und voller Hilfsbereitschaft«.                    Unterschieds sind es.
               dere, woran es ihnen in Kasachstan mangel-       en hat Vladimir zermürbt. »Wir bleiben hier          Die drei Millionen Spätaussiedler, die An-        Als sie ihre neue Wohnung bezogen, gaben
               te. Der Anfang schmeckte süß. Das kleine         immer Ausländer«, sagt er und fügt hinzu:          fang der neunziger Jahre nach Deutschland         die Funks eine kleine Einstandsparty und lu-
               Haus, das sie nahe der kasachischen Haupt-       »Auch wenn ich eigentlich Deutscher bin.«          strömten, haben zu Hause in der Regel alles       den dazu alle Nachbarn ein. Natürlich auch
               stadt Astana besaßen, hatte sich erst in 1.000   Er schickt dem Satz ein Lachen hinterher, das      aufgegeben. Sie taten das nicht selten in dem                            die Deutschen ohne
               Dollar verwandelt, dann in D-Mark und ein        zu schnell verglimmt.                              Glauben, nur so den Wirren der postsow-                                  russischen     Akzent.
               Teil davon letztlich in all die schönen Din-       Manchmal noch plagen ihn Zweifel an der          jetischen Ära entfliehen zu können.
                                                                                                                                                                    Wenn sie zu             Alle kamen. Ausgelas-
               ge, die es in deutschen Supermärkten zu er-      Rückkehr: Wieder alles aufgeben? Wieder bei          Nun jedoch erscheint der Weg zurück im-        Hause                   sen war das Fest, es gab
               stehen gibt. Man prasste ein bisschen,           Null anfangen wie vor elf Jahren? Und woh-         mer verlockender. Das Chaos nach dem Zu-                                 Wodka, Wein und
               schließlich war aus dem Traum Wirklichkeit       nen nicht mittlerweile auch alle seine Ver-        sammenbruch der Sowjetunion ist längst           ankommen,               Pelemeni. Man verab-
               geworden: Deutschland. Die Heimat. End-          wandten hier? Andererseits: Kasachstan             vorbei. Kasachstans Ökonomie wuchs im            werden sie              schiedete sich, höflich
               lich.                                            blüht gerade auf, auch Russland oder Kirgi-        Vorjahr um 15 Prozent. So sehr, dass Präsi-                              zwar in für russische
                 Hart schlugen sie darin auf. »Ich habe mehr    sien. Überall wächst die Wirtschaft rasant         dent Nasarbajew junge Arbeitskräfte aus          nicht mehr              Verhältnisse unübli-
               als elf Jahre gewartet auf das bessere Leben     und mit ihr die Chance auf Arbeit – gut be-        dem Ausland mit Vergünstigungen anlocken         haben als damals cher körperlicher Dis-
               hier. Aber es wird nur schlimmer«, sagt Olga     zahlte obendrein.                                  kann. Vorrangig solche mit »deutschen Tu-                                tanz, aber mit warmen
               Funk. Kerzengerade sitzt sie am Küchen-            »Es sind Tausende, die im Augenblick             genden und kasachischer oder russischer See-     in Friedland            Worten. Fortan grüßte
               tisch, eine Frau von 31 Jahren mit Melancho-     zurückwollen«, sagt Zafar Sharajabov, ein ru-      le«, wie Sharajabov sie mit einem Lächeln                                man sich freundlich
               lie in den grünen Au-                            higer, kleiner Mann, der das harte Deutsch         nennt. »Die diszipliniert sind, aber sich und     und freundlich, auch verweigerten sich die
               gen, zum Pferde-                                 der Spätaussiedler mit sanfter Stimme              die Sorgen auch mal vergessen können.«            Nachbarn weiteren Einladungen der Funks.
               schwanz gezähmten                                spricht. »Diese Leute leiden hier«, sagt er. Vor     Vor fünf Jahren haben Vladimir und Olga         Wochen später klingelten zwei Polizisten mit
               blonden Haaren und            Am Ende aber       zehn Jahren sei er selbst aus Kirgisien nach       auf Kredit ihre Wohnung gekauft. Haben            einer Anzeige in der Hand, wegen andauern-
               ungezähmter Sehn-               landete Olga     Deutschland gekommen und arbeite nun als           noch einmal ein Zeichen setzen wollen dafür,      der Ruhestörung. Ständig brülle ein Kind
               sucht nach Hause. In                             Mitarbeiter der Wohlfahrtsorganisation Hei-        dass sie angekommen sind in Deutschland.          und die Musik sei immer so laut, dass man
               Kasachstan Ingenieur-            doch immer      matgarten. Ursprünglich gegründet, um              Drei Zimmer groß ist dieses Zeichen, gelegen      denke, hier würde dauernd eine Party gefei-
               studentin, hier Putz-         wieder kniend      Kriegsflüchtlingen zu helfen, in ihre Her-         in einem gelbbraunen Fünfgeschosser aus           ert, schon mittags um zwei. Um diese Zeit
               frau, der Rücken meist                           kunftsländer zurückzukehren, muss sich der         den Sechzigern und am Rand der schwäbi-           kam Olga immer vom Putzen nach Hause
               zum Boden gebeugt           auf deutschem        Verein seit etwa drei Jahren immer mehr um         schen 84.000-Einwohner-Stadt Göppingen.           und hörte dann für eine Stunde russische
               und mit ihm ihr Stolz.              Linoleum     Spätaussiedler kümmern. In Bielefeld hat           Laminatboden, Couchgarnitur, ein kleines          Schlager oder Folklore.
               Die ersten zwei Jahre                            man deswegen eine spezielle Anlaufstelle ein-      Reich mit Bildern von der großen Verwandt-          »Sehr geehrter Herr Sharajabov!« – so be-
               nach der Ankunft                                 gerichtet, die sich allein um die Belange der      schaft an den Wänden, von Olgas Bruder, den       ginnt der Brief an Heimatgarten, den die
               frischte sie ihr Deutsch                         rückkehrwilligen Russlanddeutschen küm-            beiden Kindern Christina und Daniel. Auf          Funks vor kurzem abschickten. Mit vielen
               auf, bewarb sich viele Male, versuchte, in ei-   mert. Und deren Zahl steigt.                       den Küchenregalen stehen Lebensmittel mit         Grüßen endet er und dazwischen haben sie
               nem Job zu landen, in dem sie auch ihre Ma-        Warum? Sharajabov legt seine Stirn in Fal-       kyrillischer Aufschrift. Gekauft nicht mehr       auf zwei Seiten Hilfe erbeten. Bei den For-
               thematik gebrauchen könnte. Am Ende aber         ten. »Viele haben lange ausgeharrt und stets       bei Spar, sondern bei Tanja, einem kleinen        malitäten. Wie kriegt man die mit Hypothe-
               landete sie immer wieder knieend auf deut-       gedacht, nächstes Jahr wird es besser. Zu oft      Laden in der Innenstadt, auf dessen Fens-         ken belastete Wohnung los? Wie die Möbel?
               schem Linoleum. Und da nun viele der frühe-      blieb dieser Wunsch unerfüllt – die Gründe?        terfront Matrjoschkas prangen.                    Wie kommt man an kasachische Papiere? Wie
               ren Lehrerinnen, Polizistinnen und Ingeni-       Schlechte Sprachkenntnisse, Isolation von            Die Hälfte ihrer Nachbarn sind Spätaus-         kann man den deutschen Pass zurückgeben?
               eurinnen aus Russland, Kasachstan und der        der deutschen Gesellschaft, Fremdheit, Ar-         siedler. Sie heißen Jenuwein, Weselow und         Gibt es Hilfe bei den Reisekosten?
               Ukraine mit ihr putzten, setzte ihr frisches     beitslosigkeit oder Beschäftigung in einem         Kowatz. Sie kommen aus der Ukraine, aus             Wenn sie in Kasachstan ankommen, werden
               Deutsch schnell wieder Rost an. Untereinan-      Beruf, der den Verlust sozialer Anerkennung        Kirgisien, aus Russland. Sie sind alle Deut-      sie nicht viel mehr haben als damals in Fried-
               der spricht man nicht in der fremden Sprache.    bedeutet. »Wenn ehemalige Staatsanwälte            sche wie die Funks – in ihrem Pass jedenfalls.    land. Nur ein winziges Haus neben dem von
                 Olga gegenüber sitzt Vladimir, ihr Mann        sich wegen ihres schlechten Deutschs plötz-        Der war für viele einmal die wertvollste aller    Olgas Eltern. Und ein Land, das ihnen ver-
               seit 13 Jahren. Und spricht aus, was immer       lich am Fließband wiederfinden, das sorgt          Eintrittskarten zum Glück und ist heute nur       traut ist.                                    ■



                                                                                                                                    Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten und der

                                                                                                                                    Nachschuss
                                                                                                                                    kommt von Franz Schandl aus Wien.

                                                                                                                                    Die Freitag-Kolumne zur Fußball-EM
                                                                                                                                    ab 23. Mai an dieser Stelle.
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4                                                                                                                         POLITIK                                                                                                                    16. Mai 2008



Der französische Agrarexperte Marcel                                                                                                                                                                                   rungsmittelpreise nicht länger reichen. Es
                                                                                                                                                                                                                       wäre daher verheerend, wenn der Agrono-
Mazoyer hatte im Freitag vom 2. Mai                                                                                                                                                                                    mieprofessor Marcel Mazoyer mit seiner
(Ausgabe 18/08) dafür plädiert, die                                                                                                                                                                                    Auffassung über die richtige Preisbildung auf
                                                                                                                                                                                                                       den Agrarmärkten Recht behielte: »Der Preis
Preise für Nahrungsmittel »überall auf                                                                                                                                                                                 muss überall auf der Welt gemäß den dort
der Welt gemäß den dort herrschenden                                                                                                                                                                                   herrschenden Produktionsbedingungen fest-
                                                                                                                                                                                                                       gelegt werden.«
Produktionsbedingungen« festzulegen.                                                                                                                                                                                     Die Agrarsubventionen des Bundes befin-
Dem widerspricht der Ökonom                                                                                                                                                                                            den sich derzeit mit 0,91 Milliarden Euro –
                                                                                                                                                                                                                       das sind vier Prozent der gesamten Subven-
Thorsten Hild, der dazu auffordert, die                                                                                                                                                                                                        tionen – auf einem hi-
niedrige Produktivität der                                                                                                                                                                                                                     storischen Tiefpunkt.
                                                                                                                                                                                                                       Eine                    Die Exporterstattung
Landwirtschaft in Afrika und Asien                                                                                                                                                                                                             durch die EU betrug
nicht aus den Augen zu verlieren.                                                                                                                                                                                      verbesserte             zuletzt rund 2,5 Milli-
                                                                                                                                                                                                                       Ausstattung der arden Euro. Würde
                                                                                                                                                                                                                                               der     Abbau      von



W
           as hat der Rentenstreit in Deutsch-                                                                                                                                                                         Landwirtschaft Agrarsubventionen
           land mit der Debatte um die welt-                                                                                                                                                                           trägt am                tatsächlich zur Lösung
           weite Nahrungsmittelkrise ge-                                                                                                                                                                                                       der Probleme in den
           meinsam? Das Wort Produktivität                                                                                                                                                                             meisten zur             Entwicklungsländern
taucht fast nirgends auf. Für beide Themen                                                                                                                                                                                                     beitragen, müssten wir
gilt jedoch: Produktivität ist nicht alles, ohne
                                                                                                                                                                                                                       Stärkung der            heute die Nahrungs-
Produktivität ist aber alles nichts. Warum ist                                                                                                                                                                         Produktion bei          mittelkrise gar nicht
das so? Der technische Fortschritt und neue                                                                                                                                                                                                    diskutieren: Der An-
Erkenntnisse haben bisher den Einzelnen ei-                                                                                                                                                                                                    teil aller EU-Markt-
                                                   Klaus Rose




ner jeden Generation dazu befähigt, mit we-                                                                                                                                                                            stützungsmaßnahmen (Ausfuhrerstattungen,
niger Aufwand mehr zu produzieren als die                                                                                                                                                                              Lagerhaltung) am gesamten EU-Agrarhaus-
einzelne Person in den Generationen vor                                                                                                                                                                                halt ist von 91 Prozent 1991 auf 14 Prozent
ihm. Dieser Anstieg der Produktivität war                                                                                                                                                Landwirtschaft in Afrika      im vergangenen Jahr gesunken.
und ist die Voraussetzung für sozialen Fort-                                                                                                                                                                             Die Empörung über die nur noch margina-
schritt.                                                                                                                                                                                                               len EU-Subventionen verstellt daher den
  Nur, weil die »Rentenexperten« dies nicht
                                                                Thorsten Hild                                                                                                                                          Blick auf das eigentliche Problem: Die Über-
berücksichtigen oder einer breiteren Öffent-                                                                                                                                                                           windung des dramatischen Produktivitäts-




                                                                Der blinde Fleck der
lichkeit vorenthalten, können sie es als Me-                                                                                                                                                                           rückstands in den Entwicklungsländern.
netekel an die Wand malen, dass zukünftig                                                                                                                                                                              Hier müsste Entwicklungspolitik ansetzen.
immer weniger Jüngere für immer mehr Äl-                                                                                                                                                                               Studien belegen, dass gerade in den ärmsten
tere arbeiten müssen. Und nur so war es                                                                                                                                                                                Regionen eine verbesserte technische Aus-
möglich, Rentenkürzungen durchzusetzen,                                                                                                                                                                                stattung der Landwirtschaft am meisten zur
obwohl die Produktivität und der Reichtum                                                                                                                                                                              Überwindung der Produktionsschwäche im




                                                                Hunger-Debatte
der Gesellschaft weiter zunehmen. Viele                                                                                                                                                                                Agrarsektor beiträgt.
werden trotzdem in die Altersarmut abrut-                                                                                                                                                                                Um dies zu fördern, sollten die vermeintli-
schen.                                                                                                                                                                                                                 chen Gegenpole verarbeitende Industrie und
  Bei der Nahrungsmittelkrise verhält es sich                                                                                                                                                                          Landwirtschaft nicht länger gegeneinander
ähnlich. Da werden unisono die EU-Subven-                                                                                                                                                                              ausgespielt werden. Der Aufbau einer loka-
tionen für die heimische Landwirtschaft ver-                                                                                                                                                                           len Industrie ist die beste Voraussetzung für
teufelt. Sie würden dem Agrarsektor in den                                                                                                                                                                             eine bessere technische Ausstattung des
Entwicklungsländern den Garaus machen.                          ENTWICKLUNGSLÄNDER ■                 Die Nahrungsmittelkrise ist vor allem eine Produktivitätskrise                                                    Agrarsektors. Hierbei könnten durchaus bil-
Durch die Billig-Im-                                                                                                                                                                                                   lige Nahrungsmittelimporte aus den reichen
porte aus dem reichen                                           vielen Staaten Afrikas und Asiens geschul-        dern nicht. Das beeinflusst auch die land-       schränken würden? Aufgrund der niedrigen            Staaten einen Beitrag leisten. Da der Lohn in
Norden würden die                                               det.                                              wirtschaftliche Produktivität in der Welt ins-   Produktivität in der dortigen Landwirtschaft        den ärmsten Entwicklungsländern fast voll-
Bauern im armen Sü-           Im Norden wie                       Die landwirtschaftliche Produktivität liegt     gesamt.                                          würden die Preise in die Höhe schnellen. Die        ständig für Ernährung verausgabt wird, sind
den in ihrer Existenz         im Süden gilt:                    dort geradezu dramatisch unter der in den           Was hätte eine Streichung der Subventionen     allgemeine Annahme, dass steigende Preise           niedrige Nahrungsmittelpreise eine Voraus-
bedroht. Die Schlus-                                            Industrieländern. Besonders erschreckend          in den Ländern des Nordens zur Folge? Der        zu einer Ausdehnung der Produktion führen,          setzung zur Vermeidung von Hungersnöten
sfolgerung: EU-Sub- Produktivität ist                           sind die Zahlen im Afrika südlich der Sahara.     Wettbewerb würde sich weiter intensivieren,      werden Bauern im armen Süden jedoch kaum            – und für den Aufbau eines eigenen industri-
ventionen streichen.      nicht alles, ohne                     Die Menschen in dieser Region sind weltweit       die Konzentration zunehmen und die Pro-          erfüllen können. Der Grund: die geringe             ellen Sektors. Der würde über die kosten-
  Die Produktivität in                                          am schlimmsten von Unterernährung betrof-         duktivität etwa in der EU schneller wachsen.     landwirtschaftliche Produktivität. Sie erlaubt      günstige Produktion von verbessertem land-
der Landwirtschaft              Produktivität                   fen. Laut Weltbank leidet dort jeder Dritte       Die Preise für Nahrung würden aufgrund der       es ihnen gar nicht, mit einer spürbaren Aus-        wirtschaftlichem Gerät die Grundlage dafür
wird nicht themati-                                             unter ständigem Hunger. Die Nord-Süd-             wachsenden Abhängigkeit von Angebot und          dehnung der Produktion auf Preissteigerun-          legen, dass die Agrar-Produktivität nachhal-
siert. Ein Blick auf die
                                       ist aber                 Kluft in der Produktivität hat sich hier in den   Nachfrage stärker schwanken, tendenziell         gen zu reagieren.                                   tig steigen kann.
unterschiedliche Lei-            alles nichts                   vergangenen Jahren noch weiter vertieft. Ein      aber weiter sinken – vorausgesetzt die Kon-        Und selbst wenn, wer sollte sich dann noch          Nicht »die industrielle Landwirtschaft ist an
stungsfähigkeit in den                                          Trend, der anhalten dürfte.                       zentration führt nicht zu monopolartigen         diese Nahrungsmittel leisten können? Hun-           ihre Grenzen gestoßen«, wie bei der Vorstel-
Industriestaaten und                                              Während die Industrieländer ausgehend           Agrarbetrieben und zur Einschränkung des         gerkatastrophen und Aufstände vor allem in          lung des Weltagrarberichts gerade erst wieder
den Entwicklungslän-                                            von einem ohnehin hohen Niveau ihre Lei-          Wettbewerbs.                                     den Städten würden sich häufen. Die Real-           öffentlichkeitswirksam verkündet wurde,
dern offenbart aber die eigentliche Ursache                     stungsfähigkeit in den vergangenen zehn Jah-        Und was würde in den Entwicklungslän-          löhne in der schwach entwickelten verarbei-         sondern die traditionelle Landwirtschaft in
für die schwelende Nahrungsmittelkrise. Die                     ren noch einmal deutlich steigern konnten,        dern passieren, wenn diese die dann noch bil-    tenden Industrie und im Dienstleistungssek-         den ärmsten Ländern der Welt, der ein Zugang
ist zuallererst einer Produktivitätskrise in                    gelang dies den meisten Entwicklungslän-          ligeren Importe aus den Industrieländern ein-    tor würden für die teurer werdenden Nah-            zu neuen Technologien verwehrt ist.          ■



                                                                                                                  Michael Jäger



                                                                                                                  Das Recht hat einen Sprung
                                                                                                                  BEWEGUNGSFREIHEIT ■              Der Kampf um »Globale Soziale Rechte« zwischen Reformismusverdacht und
                                                                                                                  Utopismus
                                                                                                                  gumentieren die Gegner von GSR, Rechte           den parlamentarischen Kampf eintreten.              heißen könnte, wird in dem Vortrag über
                                                                                                                  seien schon ihrem Begriff nach Ausschlüsse;      Ohne es zu sagen, unterstellen sie zwar, dass       »Kommunismus und Staatsbürgerschaft«
                                                                                                                  man sehe es daran, dass jede rechtliche Rege-    auch parlamentarisch um Rechte gekämpft             von Etienne Balibar zumindest deutlicher.
                                                                                                                  lung der Immigration auf Bedingungen der         werden muss, denn sonst würde es nie zur            Wie er in Erinnerung ruft, führt die vom
                                                                                                                  Einreise-Erlaubnis hinauslaufe. Das sei es ge-   »Absicherung und Festschreibung des ein-            Recht bewirkte Individualisierung längst
                                                                                                                  rade, wogegen man kämpfe, da es doch »um         mal Erkämpften« kommen, die nur staatlich           nicht mehr zwangsläufig zur Atomisierung
                                                                                                                  die nicht-regulierte Bewegung« gehe, »die        sein kann. Aber diesen Kampf dürfen sie an-         und damit zu Ein- und Ausschlüssen. Recht
                                                                                                                  kein Staat garantieren kann«. Sie bestätigen     deren überlassen. Der ihnen vorschwebende           und Individualismus sind nicht per se asozi-
                                                                                                                  derart genau den Vorwurf, den Thomas Sei-        Kampf ist außerparlamentarisch, ohne unpo-          al. Das wäre so, wenn nur kleinbürgerliche
                                                                                                                  bert, einer der Initiatoren der Debatte, gegen   litisch zu werden. Er schließt den Willen und       Massen um die Politik der Staaten gekämpft
                                                                                                                  eine bestimmte Fraktion von Linken erhoben       die Fähigkeit ein, sich mit anderen Kräften zu      hätten. In ihnen hat aber auch die Arbeiter-
                                                                                                                  hat: dass ihre Stellungnahme stets unmittel-     verbünden oder wenigstens, wenn es parla-           bewegung beträchtliche Spuren hinterlassen.
                                                                                                                  bar zum Utopischen greift, jeder Kampf um        mentarische Kräfte sind, ihre Notwendigkeit           Balibar folgt dem Ansatz von Nicos Pou-



                                                                D
                                                                         ie Debatte um »Globale Soziale           nächste Schritte daher diskreditiert werden      einzusehen und ihr Vorhandensein mehr               lantzas, dass auch die Internationalisierung
                                                                         Rechte« (kurz: GSR, vgl. Freitag         muss. Aber wie kämpft man direkt ums Uto-        oder weniger stillschweigend zu begrüßen.           des Kapitals an der Macht der Nationalstaa-
                                                                         22/2007), bisher ausgetragen am          pische? Indem man, so lesen wir, die »Mo-                                                            ten nichts ändert. Bewegungsfreiheit von Im-
                                                                         Rande von Attac und im letzten Jahr      mente von Selbstbestimmung und Selbster-         Gleichheit und Unterschiede                         migranten kann dann nur durch Verträge
                                                                Gegenstand einer Veranstaltungsreihe der          mächtigung« in den »Alltagskämpfen« un-                                                              zwischen Staaten geregelt werden. Der Inhalt
                                                                Initiative »Kritischer Bewegungsdiskurs«,         terstützt, statt sich »in Debatten zu ver-       In der Tat hat das Recht einen Sprung. Es           solcher Verträge ist es, um den gekämpft wer-
                                                                hat am vorigen Wochenende die Bundesko-           stricken, die seltsam blutleer bleiben«. Wenn    geht um den Widerspruch »zwischen der               den sollte. Dabei muss man freilich wissen,
                                                                ordination Internationalismus (BUKO) er-          schon der Kampf um Rechte zu reformistisch       prinzipiellen Gleichheit aller und den fakti-       dass nicht alle Staaten gleich mächtig sind: Es
                                                                reicht. »Kämpfe für Selbstbestimmung und          ist, ist es auch der politische Kampf über-      schen sozialen, kulturellen, individuellen          gibt Abhängigkeitsverhältnisse, sie werden
                                                                gegen soziale Ausschlüsse« war das Thema          haupt, und es bleibt nur die existenzialisti-    Unterschieden«, der die rechtliche Dialektik        auch in der Globalisierung reproduziert und
                                                                ihres diesjährigen Pfingstkongresses. Für die     sche Geste.                                      von Ein- und Ausschlüssen bereits impli-            noch gesteigert. Aber jedenfalls geht es dar-
                                                                Initiatoren der Debatte ist es ein Erfolg, denn                                                    ziert, zumal »ein Großteil gewährter Rechte         um, für ein Weltbürgerrecht von Individuen
                                                                man konnte erwarten, dass der Vorschlag, um       Ergebnis sozialer Kämpfe                         an die Staatsbürgerschaft gebunden ist«.            als gemeinsames Recht der Staaten zu kämp-
                                                                Rechte zu kämpfen, bei der BUKO vor allem                                                          Wenn sich die GSR-Befürworter eine Radi-            fen. Und zwar eben für ein soziales Weltbür-
                                                                den Reformismusverdacht auslösen würde.           Auch die Befürworter von GSR wissen vom          kalisierung des Kampfs um Rechte vorstel-           gerrecht. Um das Weltbürgerrecht zur »Frei-
                                                                So ist es auch gekommen, aber nur teilweise:      Zusammenhang des Rechts mit der »Funkti-         len, die in der Konfrontation der rechtlichen       heit« wird ja längst gestritten, nämlich von
                                                                Der Reformismusverdacht hat eine von zwei         onsweise kapitalistischer Gesellschaften«.       »Praxis« mit dem rechtlichen »Anspruch«             neoliberaler Seite mit dem Ergebnis eines
                                                                Positionen bestimmt; es gibt daneben eine         Aber sie versprechen sich etwas davon, »die      liegen soll, greift das sicher zu kurz, eben weil   Menschenrechts-Diskurses, der auf »huma-
                                                                andere, die glaubt, am Kampf um Rechte an-        Widersprüche des Rechts immanent zu kriti-       der Widerspruch schon im Anspruch und               nitäre Interventionen« hinausläuft. Der
                                                                knüpfen und ihn radikalisieren zu können.         sieren«, und erinnern daran, dass Rechte »in     nicht erst in der Praxis auftritt. Aber ihr Weg     Kampf um GSR erlaubt es, sich ebenso welt-
                                                                  »Gegen soziale Ausschlüsse« ist in erster       ihrer konkreten Ausgestaltung immer auch         ist richtig. Man kommt eben nicht darum             weit dagegen zu formieren.
                                                                Linie eine Losung, mit der die weltweite Frei-    Ergebnis sozialer Kämpfe« sind. Das sollte       herum, eine Auflösung des Widerspruchs sel-
                                                                heit grenzüberschreitender Immigrationsbe-        nun wirklich ein Minimalkonsens sein kön-        ber zu versuchen und muss diese Auflösung           www.bewegungsdiskurs.de
                                                                wegungen proklamiert werden soll. Nun ar-         nen, zumal die Befürworter nicht etwa für        in die Kämpfe einbringen. Was das konkret           www.buko.info
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                             POLITIK                                                                                                                            5
Steht es so schlecht um die Sache                Tom Strohschneider                                                                                                                               Steinmeiers 2009 gewinnt die außenpolitische
                                                                                                                                                                                                  Diskussion ohnehin immer mehr Gewicht.
Tibets in Deutschland? Der Dalai Lama                                                                                                                                                               Innerhalb der Union versuchen seit gerau-
will Hof halten, aber Bundespräsident
Köhler hat keinen Termin frei,
Außenminister Steinmeier auch nicht,
und Kanzlerin Merkel verabschiedet
                                                 Handel durch Annäherung                                                                                                                          mer Zeit einige ambitionierte Abgeordnete,
                                                                                                                                                                                                  sich über außenpolitische Themen zu profi-
                                                                                                                                                                                                  lieren. Mit der Forderung nach einem Natio-
                                                                                                                                                                                                  nalen Sicherheitsrat hat sich gerade erst der
                                                                                                                                                                                                  CDU-Mann Andreas Schockenhoff in Stel-
                                                                                                                                                                                                  lung gebracht. Der CSU-Außenpolitiker
sich nach Südamerika.                            LÄCHELN IM ABSEITS ■  Der Besuch des Dalai Lama, die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen                                                 Karl-Theodor zu Guttenberg setzt sich re-
Bemerkenswert, nachdem doch bis vor
                                                 und der außenpolitische Wahlkampf der Union                                                                                                      gelmäßig mit Vorwürfen in Szene – gern auch
                                                                                                                                                                                                  gegenüber China. Und schon im letzten



                                                 W
Tagen für Tibet so laut getrommelt                          enn die Frankfurter Rundschau den    BASF ermahnte die Politik, gegenüber der        der zweitwichtigste Exportmarkt für hiesige                              Herbst kam aus dem
                                                            hessischen Noch-Ministerpräsi-       Pekinger Führung zurückhaltender zu sein.       Firmen, umgekehrt steht die Bundesrepublik       Mit Blick auf die Büro des CDU-Abge-
wurde, dass der Eindruck entstehen                          dent Roland Koch zum Bollwerk        In China werde die europäische Tibet-De-        auf Platz sechs der wichtigsten Handelspart-                             ordneten Eckart von
musste, die Olympischen                                     der politischen Moral in Deutsch-    batte mit Sorge verfolgt, sagte Jürgen          ner Chinas. Das Volumen chinesischer Ein-        Bundestagwahl Klaeden ein Asien-Pa-
                                                 land erklärt, muss etwas passiert sein. Und     Hambrecht und forderte, »dass wir auf diese     fuhren in die Bundesrepublik Deutschland         2009 gewinnt            pier, in dem mit Kritik
Sommerspiele 2008 sollten zu einem               was? Auf seiner aktuellen Deutschland-Tour      Stimmen hören sollten«. Es sei nicht die Auf-   erreicht 2007 mit knapp 55 Milliarden US-                                an Peking nicht ge-
Ereignis degradiert werden, an dem               als 14. Dalai Lama bleiben Tenzin Gyatso die    gabe der Unternehmen, »anderen ihr Verhal-      Dollar etwa den 200-fachen Wert des Jahres       die außen-              spart wurde.
                                                 ganz hohen protokollarischen Ehren ver-         ten vorzuschreiben oder Ratschläge zu ge-       1972. Ungefähr 2.000 deutsche Firmen sind        politische                Der      Trend    zur
außer dem Gastgeber allenfalls noch              wehrt. Die Kanzlerin weilt außerhalb, und       ben«, trat schließlich auch der deutsche        in China aktiv. Man hat sich inzwischen an                               Außenpolitik hängt
Birma und Nordkorea teilnehmen.                  der Außenminister hat seine Gründe. Weil        Außenhandelspräsident Anton Börner auf          zweistellige Wachstumszahlen bei den Wirt-       Debatte immer auch mit dem unkla-
                                                 der CDU-Mann Roland Koch das nach all           die Tibet-Bremse. Das Reich der Mitte wer-      schaftsbeziehungen gewöhnt.                                              ren innenpolitischen
                                                 den jüngeren Protesten gegen Chinas Tibet-      de durch langfristige Wirtschaftsbeziehungen      Dass ein Frank-Walter Steinmeier, auf den
                                                                                                                                                                                                  mehr Gewicht            Profil der Union zu-
                                                 Politik empörend findet, lobt ihn nun der       weitaus effektiver im                           sich die Kritik dieser Tage konzentriert, kei-                           sammen, vor allem bei
                                                 FR-Chefredakteur für seinen Mut.                Sinne des Westens ver-                          ne Politik gegen diese Fakten machen kann,       sozialen Themen. Es ist abzusehen, dass die
                                                   Überhaupt ist in den vergangenen Tagen        ändert als etwa durch             Deutsche      ist einer der Gründe für die Einsamkeit des      SPD ihre Rhetorik der sozialen Gerechtigkeit
                                                 viel von Courage gegenüber den Machtha-         kurzatmige Boykott-                  Firmen     Dalai Lama bei seinem Besuch. Wer den Ton        im Superwahljahr 2009 noch einmal verstär-
                                                 bern in Peking die Rede. Dass die Tibet-De-     drohungen. Auf den                              vorgibt, nach dem die Musik gemacht wird,        ken wird – schon, um die Linkspartei klein zu
                                                 batte in Deutschland nach den Fackellauf-       Einwand, dies helfe             exportieren     hat mit Blick auf China der frühere Chef des     halten. Wo immer die Union bisher versuch-
                                                 Protesten deutlich an Lautstärke und Inten-     den Tibetern im Mo- für 30 Milliarden           Bundesverbandes der Deutschen Industrie          te, in diesen Wettlauf einzusteigen, führte das
                                                 sität verloren hat, liegt aber weniger an den   ment wenig, außer-                              (BDI) auf den Punkt gebracht: »Auch in der       zu innerparteilichen Konflikten. Merkels
                                                 kapitalistischen Genossen dort, sondern eher    dem dürfe man nicht           Dollar Waren      Diplomatie«, sagt Heinrich Weiss, »geht die      außenpolitische Bilanz gilt dagegen als »phä-
                                                 an den Genossen Kapitalisten hier zu Lande.     immer nur reden, sag-         nach China –      Wirtschaft der Flagge meistens voran.«           nomenale Leistung« – ein Pfund, mit dem
                                                 Die sehen die Wirtschaftsbeziehungen mit        te Hambrecht ganz                                 Der andere Grund ist im Verhältnis der Ko-     man im Wahlkampf noch gegen die SPD wu-
                                                 dem größten Absatzmarkt der Welt in Ge-         ohne Ironie: »Wir            100 Mal mehr       alitionspartner zu suchen. Schon länger ran-     chern möchte.
                                                 fahr. Dass China an einem langen Hebel sitzt,   handeln doch.«                     als 1972     gelt der SPD-Außenminister mit der CDU-            Auch das also ist ein Grund, warum Stein-
                                                 mussten gerade erst Coca Cola und Procter         Und das mit Erfolg:                           Kanzlerin darum, wer die bessere außenpoli-      meier jetzt die Empörung der Union auf sich
                                                 & Gamble erfahren, deren Produkte Fanta         Deutsche Maschinen                              tische Figur macht. Als Merkel sich im ver-      zieht, der Dalai Lama würde von der deut-
                                                 beziehungsweise Pringles kurzerhand auf die     und Autos in die eine Richtung, Elektrogerä-    gangenen Jahr mit dem Tibeter traf, kritisier-   schen Politik im Stich gelassen. Übergangen
                                                 schwarze Liste gesetzt wurden. Betroffen ist    te und Bekleidung in die andere – die Ge-       te Steinmeier diese Art von »Schaufensterpo-     wird dabei freilich, dass auch der Bundesprä-
                                                 auch – wie passend – der deutsche Hersteller    schäfte laufen bestens. Exportierten (west-)    litik« – würde er nun seinerseits mit dem Da-    sident keine Zeit für den Tibeter haben will.
                                                 der Schokoladenmarke Rotstern.                  deutsche Unternehmen 1972 noch Waren für        lai Lama zusammentreffen, wäre er schnell        Horst Köhler »war CDU-Mitglied«, wiegelt
                                                   Immer wieder haben Wirtschaftsvertreter       gerade einmal 270 Millionen US-Dollar nach      dem Vorwurf der Wankelmütigkeit ausge-           der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz
                                                 in den letzten Wochen auf eine Mäßigung ge-     China, sind es heute mit rund 30 Milliarden     setzt. Mit Blick auf den Bundestagswahl-         ab, sei aber »für die Zeit seiner Amtszeit kei-
                                                 drängt. Der Vorstandschef des Chemieriesen      US-Dollar mehr als 100 Mal mehr. China ist      kampf und eine mögliche SPD-Kandidatur           ner Partei angehörig«.                       ■



Hermannus Pfeiffer



Die ersten Olympia-Sieger stehen schon fest
DEUTSCHLAND IN PEKING ■               Die größten Gewinner der Sommerspiele sind multinationale Unternehmen – Siemens, VW und die Deutsche Bahn gehören dazu



F
       elix Magath, Trainer des Bundesliga-      (BOCOG) und darf darum eigentlich nur in        losen »Sponsor« (lateinisch: Gönner) zahlt      moses Finale bescheren, bieten sie doch die       Solche Sorgen muss sich Bahn-Chef Hart-
       vereins VfL Wolfburg, wäre in Grie-       China mit dem Olympia-Logo werben. Für          sich das schon jetzt aus, im ersten Quartal     einmalige Chance, sich einem Markt von 1,3-      mut Mehdorn nicht machen. Die Bahn-
       chenland gern mit der olympischen         globale Aufmerksamkeit sollte daher der         2008 verkaufte VW in der Volksrepublik ein      Milliarden Menschen nachdrücklich zu emp-        Tochtergesellschaft Schenker war bereits
       Fackel in der Hand unterwegs gewe-        Lauf mit dem Olympischen Feuer sorgen –         Drittel mehr Fahrzeuge als im gleichen Zeit-    fehlen.                                          2003 eine strategische Partnerschaft mit dem
sen, ließ er kürzlich im Aktuellen Sportstudio   insgesamt 1.000 Fahrzeuge stellten die Wolfs-   raum des Vorjahrs und dürfte 2008 spielend        Ohne offiziellen Sponsorvertrag will Sie-      IOC eingegangen. Dessen Präsident Jacques
des ZDF eine überraschte Fernsehnation           burger für den langen Marsch über fünf Kon-     die Millionengrenze überfahren.                 mens von Olympia profitieren. Neben der          Rogge sieht in der langfristigen Partnerschaft
wissen. Als der gelegentliche Marathonläufer     tinente zur Verfügung.                                                                          Technik für die Schwimmarena liefert der         mit Schenker »eine Schlüsselstellung«, um
tatsächlich für ein bisschen Jogging extra         Im August werden von Volkswagen ange-         Licht aus München                               Konzern unter anderem Stadtbahnzüge, eine        die Spiele zu einem Erfolg werden zu lassen.
nach Athen flog, hatte dies einen ganz profa-    heuerte Fahrer mit etwa 4.000 Karossen der                                                      Wasseraufbereitungsanlage sowie eine neue
nen Grund: Für Magaths Arbeitgeber, den          Marken VW, Audi und Skoda Ehrengäste des        Zu den anderen Olympia-Siegern zählen be-       Gepäckförderanlage für den Peking-Airport.       Spediteur für Spitzensportler
VW-Konzern, ist China weltweit der wich-         IOC in Peking zum Bankett fahren, Staats-       reits die zwölf Top-Sponsoren des IOC –         Daneben erneuern die Münchner die Strom-
tigste Markt, in diesem Jahr gilt das mehr       männer chauffieren und Sportler rechtzeitig     Multis, die sich für insgesamt 866 Millionen    versorgung der Metropole und rüsten vor al-      Der weltweit führende Logistikkonzern
denn je.                                         zum Wettkampf in den Arenen abliefern.          Dollar das Recht erkauft haben, zwischen        lem das Olympiastadion mit Lichttechnik          Schenker wird zahlreiche Transportaufgaben
  Das Unternehmen zählt wie auch Adidas          Ganz zu schweigen von Millionenbeträgen,        2005 und 2008 global mit den Olympischen        aus. Aufträge über 4,9 Milliarden Euro gin-      für Spitzensportler, Medien, Veranstalter,
zu den »nationalen Sponsoren« des Organi-        die VW für Werberechte an die Olympia-Or-       Ringen zu werben. Die Peking-Spiele selber      gen im vergangenen Geschäftsjahr aus China       Sponsoren und Organisationen erfüllen. Das
sationskomitees der Spiele in Peking             ganisatoren zahlt. Für den keineswegs selbst-   sollen McDonalds, Visa und Samsung ein fa-      bei Siemens ein, wo der Mischkonzern mit         Equipment vieler Athleten, Nationaler Olym-
                                                                                                                                                 30.000 Beschäftigten zu den großen Arbeit-       pischer Komitees sowie von Hörfunk- und
                                                                                                                                                 gebern gehört. Besonders stolz zeigt sich Sie-   Fernsehanstalten wird zusammengeführt, ver-
                                                                                                                                                 mens über die Hochgeschwindigkeitstrasse         packt und in Luftfrachtcontainer verstaut.
                                                                                                                                                 ins nördliche Tianjin, die geholfen habe, »den   Schenker wird Zollformalitäten erledigen und
                                                                                                                                                 Zugang zu den Olympischen Spielen zu ver-        Sicherheitsauflagen in China beachten. Nach
                                                                                                                                                 bessern«, so eine Konzernsprecherin.             dem Ende der Spiele darf die Bahn-Tochter die
                                                                                                                                                   Mit größerer Sorge als seine Vorstandskol-     Sachen auf schnellstem Wege wieder zurück in
                                                                                                                                                 legen bei VW und Siemens, die um ihre star-      die Heimatländer transportieren.
                                                                                                                                                 ke Präsenz auf dem chinesischen Markt nicht        Der Konzern lehnte auf Anfrage eine Stel-
                                                                                                                                                 zu fürchten brauchen, dürfte Adidas-Boss         lungnahme ab, ob und wie unter Umständen
                                                                                                                                                 Herbert Hainer die Tibet-Proteste in aller       das China-Geschäft unter den China-Tibet-
                                                                                                                                                 Welt beobachtet haben – er will schließlich      Turbulenzen leide. Auch andere Olympia-
                                                                                                                                                 mit seiner Marke bei Olympia vorrangig über      Sieger aus der Wirtschaft meiden die Öffent-
                                                                                                                                                 das Image punkten. Der Sportartikler aus         lichkeit und schweigen zu ihrem fernöstli-
                                                                                                                                                 dem fränkischen Herzogenaurach lässt be-         chen-Engagement, seit durch die Tibet-Kam-
                                                                                                                                                 reits die Hälfte seiner weltweit verkauften      pagne ein Image-Schaden droht und Gewin-
                                                                                                                                                 Schuhe und Modeartikel billig in China pro-      ne in China durch Verluste im Westen ge-
                                                                                                                                                 duzieren, um sie teuer im Westen verkaufen       fährdet erscheinen.
                                                                                                                                                 zu können.                                         Am 25. März übrigens, nur wenige Stunden
                                                                                                                                                   Fröhliche Spiele freilich, wie sie Adidas      nach den Zwischenfällen beim Entzünden
                                                                                                                                                 braucht, sind für die Zeit zwischen dem 8.       der olympischen Flamme, lief Felix Magath
                                                                                                                                                 und 24. August nicht vollends gesichert. Ti-     wirklich einige hundert Meter weit über die
                                                                                                                                                 bet, Doping-Affären und nicht zuletzt ein na-    Harilaos-Trikoupis-Brücke im griechischen
                                                                                                                                                 tionalpatriotischer Furor der Chinesen als       Patras. »Die Olympische Fackel einmal tra-
                                                                                                                                                 Reaktion auf die Kritik aus dem Westen trü-      gen zu dürfen«, so Magath, »war ein lang ge-
                                                                                                                                                 ben augenblicklich die Sponsoren-Stimmung.       hegter Wunsch.«                            ■




                                   Für nahezu 4,5 Milliarden Dollar      Olympische Komitees (NOK) in über 100 Ländern. Rechtlich gese-
Milliarden-Spiele                  hat das Internationale Olympi-        hen ist Pekings Organisationskomitee BOCOG mit einem Ausrich-


                                                                                                                                                                                                                          jungeWelt
                                   sche Komitee (IOC) sein Rechte-       tervertrag an das IOC gebunden.
paket an den Sommerspielen in Peking und den zurückliegenden Win-          Die Volksrepublik China selbst lässt sich die Spiele 2008 umgerech-
terspielen 2006 in Turin an Fernsehsender und Sponsoren verkauft.        net mindestens 30 Milliarden Dollar kosten, schätzen Experten. Das
Ein Rekord. Aus den Gesamteinnahmen bleibt dem IOC jedoch nur            meiste Geld davon fließt in langfristige Infrastrukturprojekte der
ein Teil – das Gros geht an 28 Sportfachverbände und an Nationale        Hauptstadtregion.
6                                                                                       THEMA DER WOCHE

Michael Frein                                                                                                                                               Vom 19. bis 30. Mai
                                                                                                                                                           wird Bonn Gastgeber


Sie verhalten sich wie Diebe                                                                                                                            der 9. Vertragsstaaten-
                                                                                                                                                                    konferenz der
                                                                                                                                                            Konvention über die
                                                                                                                                                       biologische Vielfalt sein.
BIOPIRATERIE ■ In Bonn wird um verbindliche Regelungen gerungen, die das traditionelle Wissen vor                                                           Was Umweltminister
Raub durch die Industriestaaten schützen                                                                                                               Sigmar Gabriel als reine


N
        omthunzi Sizani ist bestürzt. »Sie         mit dem CSIR über eine Gewinnbeteiligung.         findungen durch Unternehmen aus Entwick-           »Naturschutzkonferenz«
        verhalten sich wie Diebe und stehlen       2003 wurde vereinbart, dass das CSIR sechs        lungsländern als Produktpiraterie brandmar-
        unser traditionelles Wissen«, klagt        Prozent seiner Lizenzeinnahmen an die San         ken, verschließen sie bei Biopiraterie die Au-         etikettiert, geht aber
        sie. Die Xhosa-Frau ist extra aus ih-      abtritt, darüber hinaus acht Prozent der Mit-     gen. Die Regierungen verweigern überdies               weit darüber hinaus.
rer Heimat, aus Alice, einem kleinen Ort in        tel, die das CSIR zu festgelegten Zeitpunkten     eine Änderung des Patentrechts und geben so
der Ostkap-Provinz in Südafrika, angereist,        von Phytofarm erhält.                             den Biopiraten ein Werkzeug in die Hand,          Neben dem Artenschutz
um in München, am Sitz des Europäischen              Ein Erfolg? Sicherlich. Letztlich jedoch – so   um sich das traditionelle Wissen und die ge-      und der Ausweisung von
Patentamtes, für ihr Recht zu kämpfen. Der         viele Kritiker – erhalten die San nur Krümel      netischen Ressourcen aus Entwicklungslän-
Dieb ist in ihren Augen die deutsche Firma         vom Kuchen. Sie sind an den Gewinnen, die         dern anzueignen.                                  neuen Schutzzonen wird
Schwabe, ein Pharmaunternehmen aus dem             mit einem Produkt aus Hoodia gemacht wer-           Dem einen Riegel vorzuschieben, darum             in Bonn auch über den
badischen Karlsruhe, das unter anderem             den, nicht direkt beteiligt. Daran forscht ge-    wird in Bonn nun zwei Maiwochen lang bei
Umckaloabo, ein Mittel gegen Husten und            rade der britisch-holländische Konsumgüter-       der 9. Vertragsstaatenkonferenz der Konven-              gerechten Vorteils-
Bronchitis, vertreibt. Umckaloabo wird aus         und Nahrungsmittelkonzern Unilever, der           tion über die biologische Vielfalt heftig ge-         ausgleich verhandelt.
den Wurzeln von zwei Pelargonienarten ex-          2005 die entsprechende Lizenz von Phyto-          rungen. Die Entwicklungsländer fordern
trahiert, die nur in Südafrika und Lesotho         farm erwarb. Nun zahlt Unilever Lizenzge-         eine völkerrechtlich verbindliche Regelung,               Länder mit großer
vorkommen, Pelargonium sidoides und Pel-           bühren an Phytofarm, Phytofarm an CSIR,           die auch die Industriestaaten zum Handeln
argonium reniforme.                                und davon erhalten die San sechs bezie-           verpflichten würde. Die zieren sich. Kanada,
                                                                                                                                                        Artenvielfalt, aber auch
  Schwabe hat zudem zwei Patente im Zu-            hungsweise acht Prozent.                          Neuseeland, Japan und Australien würden                      die Ursprungs-
sammenhang mit Pelargonien angemeldet.               So kämpfen die Xhosa aus Alice gegen die        am liebsten alles beim Alten belassen – die
Das eine soll eine neue Extraktionsmethode         Patentierung ihres traditionellen Wissens, die    EU, die Schweiz und Norwegen sind für eine
                                                                                                                                                           bevölkerungen sollen
schützen, das andere die Verwendung im             San um eine Gewinnbeteiligung. Zumindest          Regelung, wollen aber das Patentrecht lieber                 künftig von der
Kampf gegen AIDS und damit zusammen-               auf dem Papier stärken ihnen dabei die Ver-       nicht antasten.
hängenden Infektionen. Gegen diese Patente         einten Nationen den Rücken. Im vergange-
                                                                                                                                                            biologischen Vielfalt
werden nun Einsprüche beim Europäischen            nen Jahr hat die UN-Generalversammlung            Ein Reisepass der besonderen Art                                  profitieren.
Patentamt erhoben. »Es handelt sich weder          eine Erklärung über die Rechte indigener
um eine Erfindung, noch ist irgend etwas da-       Völker verabschiedet. Darin erkennen die          Ein Knackpunkt wird sein, inwieweit es ge-            Und nicht zuletzt geht
ran neu. Es ist das traditionelle Wissen unse-     UN-Mitglieder die souveränen Rechte indi-         lingt, eine Art Reisepass für genetische Res-                   es um Geld:
rer lokalen Gemeinschaft in Südafrika, das         gener Völker über ihr traditionelles Wissen       sourcen als verbindliches Element zu veran-
hier patentiert wurde«, sagt Sizani.               und ihre genetischen Ressourcen an. Die           kern. Dieser Pass würde Angaben enthalten                   Wer soll für den
                                                   UN-Konvention über die biologische Viel-          zu den Bereitstellern genetischer Ressourcen        Artenschutz bezahlen?
Gerechte Gewinnbeteiligung                         falt wiederum verlangt einen gerechten Aus-       und traditionellen Wissens, ihrer vorherigen
                                                   gleich der Vorteile, die aus der Nutzung ge-      informierten Zustimmung und eines gerech-
Ein paar hundert Kilometer weiter westlich in      netischer Ressourcen entstehen, also etwa         ten Vorteilsausgleichs. Ohne einen solchen
Südafrika, aber auch in Namibia, Botswana          eine finanzielle Gewinnbeteiligung oder           Pass, so die Idee, dürfte kein Patent erteilt
und Angola leben die San. Seit Jahrhunderten       Technologietransfer.                              und kein Produkt auf den Markt gebracht
nutzen sie ihr traditionelles Wissen um die          Die Grundidee der Konvention ist dabei          werden. Biopiraterie, so das Ziel, darf sich
Wirkung von Heilpflanzen. Einer der Renner         folgende: genetische Ressourcen (also Pflan-      nicht mehr lohnen.
in ihrer Natur-Apotheke ist die Hoodia-            zen, pflanzliche Wirkstoffe, Gene) sollen nur       Mehr noch: Es muss möglich sein, mit Hil-
Pflanze, die ihnen unter anderem dazu dient,       auf der Basis einer vorherigen informierten       fe eines solchen Dokuments die Nutzungser-



                                                                                                                                                              Wir werden die Zahlm
in Zeiten der Not Hunger und Durst zu un-          Zustimmung der Bereitsteller genutzt wer-         laubnis einzuschränken. Die Souveränität
terdrücken. Was liegt also näher, als aus die-     den dürfen. Erst fragen, dann nehmen, lautet      über ihre genetischen Ressourcen und ihr tra-
sem Appetitzügler ein Diätpräparat für die         das Grundprinzip. Dabei hat der Nutzer den        ditionelles Wissen läge damit wieder bei den
Bekämpfung des Übergewichts in den westli-         Bereitsteller über den Zweck der Nutzung          indigenen Völkern. Sie wären frei, die Nut-
chen Überflussgesellschaften zu entwickeln?        zu informieren. Auf dieser Grundlage erfol-       zung auf Forschung zu beschränken und
  Den Gedanken hatte auch das halbstaatli-         gen die vorherige informierte Zustimmung          Kommerzialisierung zu reglementieren. Und
che südafrikanische Forschungsinstitut             sowie eine Vereinbarung zu einem gerechten        natürlich könnten sie auch einer Patentierung            IM GESPRÄCH ■    Günter Mitlacher vom Forum Umwelt und Entwicklu
CSIR, das sich den Appetit zügelnden Wirk-         Vorteilsausgleich.                                ihre Zustimmung verweigern. Patente auf                  die Ziele der Bonner Konferenz
stoff 1996 patentieren ließ. Erst als 1997 das       So weit die Theorie. In der Praxis hält sich    Leben könnten so unmöglich werden – nicht



                                                                                                                                                              F
britische Unternehmen Phytopharm eine Li-          kaum jemand an diese Vorgaben, Biopiraterie       grundsätzlich, aber von Fall zu Fall.                           REITAG: Das Thema Biodiversität           Wer die Artenvielfalt erhalten will, muss
zenz erwarb, erfuhren die San von dem Vor-         ist die Regel. Die Unternehmen vermarkten           Für Nomthunzi Sizani wäre dies ein Vor-                       und Naturschutz und das Programm          Schutzzonen ausweisen. Wie wichtig sind
fall. Sie waren empört und beklagten den Ver-      das Wissen und die genetischen Ressourcen         teil. Sie müsste nicht mehr extra aus Südafri-                  der Bonner COP9-Verhandlungen sind        diese für Flora und Fauna?
lust ihres traditionellen Wissens. Geradezu        indigener Völker, als ob es Konventionen gar      ka anreisen, um in München ihre Rechte an                       fast unüberschaubar. Können Sie kurz        Wir verzeichnen derzeit einen rapiden Ver-
entsetzt waren sie über die Antwort des            nicht gäbe. Creme für glatte Haut aus dem Bo-     ihrem traditionellen Wissen und ihren gene-              skizzieren, worum in Bonn gestritten wird?       lust von Tier- und Pflanzenarten, der geschätzt
Phytofarm-Chefs Richard Dixey auf die Fra-         coa-Baum in Französisch-Guayana, Shampoo          tischen Ressourcen einzuklagen.                            GÜNTER MITLACHER: Die Konventi-                um das Tausendfache über der natürlichen
ge von Journalisten, wie das Unternehmen           für glänzende Haare aus der Paranuss aus dem                                                               on über die biologische Vielfalt ist zunächst    Aussterberate liegt. Damit verlieren wir auch
die San an seinen Gewinnen beteiligen wolle:       Amazonas-Gebiet, Pflanzenschutzmittel aus         Michael Frein ist beim Evangelischen Ent-                einmal das umfassendste Thema der Konfe-         das in ihnen enthaltene Potential an Vorbil-
»Wir tun, was wir können«, so Dixey seiner-        den Samen des indischen Neembaums – die           wicklungsdienst (EED) in Bonn zuständig für              renz, dabei geht es um alle Lebensgemein-        dern für unsere technische Entwicklung, an
zeit. »Aber es ist wirklich ein vertracktes Pro-   Fälle von Biopiraterie sind zahlreich.            Welthandelspolitik und internationale Um-                schaften und Ökosysteme dieser Welt, die         medizinischen Möglichkeiten. Derzeit sind 40
blem, da die Menschen, die die Pflanze ent-          Das ist kein Zufall. Die Unternehmen und        weltpolitik. Zahlreiche Veröffentlichungen, un-          auch unser Klima beeinflussen. Das fängt an      Prozent der Weltwirtschaft von der biologi-
deckt haben, nicht mehr da sind.«                  Regierungen der Industriestaaten sperren          ter anderem zusammen mit Hartmut Meyer:                  bei Wäldern, Seen, Mooren, Fließgewässern        schen Vielfalt abhängig – denken Sie daran was
  Aber sie waren noch da. Anders als die Zulu      sich seit Jahren dagegen, den Kampf gegen         Die Biopiraten. Milliardengeschäfte der Phar-            und Wüsten und allen Problemen, die damit        passiert, wenn die Bienen aussterben und das
und Xhosa im Falle der Pelargonien fochten         Biopiraterie aufzunehmen. Während sie auf         maindustrie mit dem Bauplan der Natur. Econ:             verbunden sind: die Rodung von Wäldern,          Bestäubungsgeschäft nicht mehr übernehmen.
die San das Patent nicht an. Sie verhandelten      der einen Seite das Kopieren technischer Er-      Berlin 2008                                              das Leerfischen der Meere, Nutzungsfragen        Gleichzeitig geraten die Ökosysteme aus dem
                                                                                                                                                              und natürlich die Artenvielfalt. Dazu wur-       Gleichgewicht. Die Schutzgebiete sind ein In-
                                                                                                                                                              den Arbeitsprogramme entwickelt: Welche          strument, die Artenvielfalt zu erhalten, derzeit
                                                                                                                                                              Schutzgebiete werden ausgewiesen, wie ge-        sind das global etwa zwölf Prozent. Das reicht
                                                                                                                                                              hen wir um mit den Wäldern? Wie erhalten         von den Nationalparks bis hin zu nachhaltig
                                                                                                                                                              wir die landwirtschaftliche Vielfalt? Ein        genutzten Gebieten. Eine neue und interes-
                                                                                                                                                              viertes, wichtiges Thema in Bonn wird sein,      sante Initiative der Bundesregierung ist das
                                                                                                                                                              wie man den Zugang zu den genetischen            Life-Web, eine Art Basar, auf dem Schutzge-
                                                                                                                                                              Ressourcen regeln und einen gerechten Aus-       biete angeboten werden. Dafür können Staa-
                                                                                                                                                              gleich erzielen kann, das so genannte Ac-        ten oder Unternehmen, aber auch Natur-
                                                                                                                                                              cess-Benefit-Sharing-Abkommen (ABS). Es          schutzverbände oder Einzelpersonen Geld
                                                                                                                                                              soll definieren, wie wir die indigenen Völker    oder Know how anbieten. Wir erhoffen uns
                                                                                                                                                              am Profit beteiligen, der mit der biologi-       davon einen neuen Schub, wir sagen aber auch
                                                                                                                                                              schen Vielfalt und ihrem Wissens darüber         ganz deutlich, dass wir dafür mehr Mittel
                                                                                                                                                              gemacht wird. Bislang kommt dieser nur           brauchen. Man schätzt, dass derzeit jährlich
                                                                                                                                                              den Unternehmen, die sie verwerten, und          etwa sechs Milliarden Dollar für Schutzgebie-
                                                                                                                                                              damit den Industriestaaten zugute. Hier          te aufgewendet werden, wir brauchen aber an
                                                                                                                                                              geht es um die Lösung eines Nord-Süd-Pro-        die 30 Milliarden. Dazu kommt, dass das mei-
                                                                                                                                                              blems.                                           ste Geld bislang in den entwickelten Staaten
                                                                                                                                                                                                               aufgewendet wird, und nicht dort, wo die mei-
                                                                                                                                                              Welchen Einfluss haben die indigenen Völ-        ste Artenvielfalt zu finden ist.
                                                                                                                                                              ker auf die Verhandlungen?
                                                                                                                                                                Sie sind im Rahmen ihrer Staaten daran be-     In Teilen der Welt haben Schutzgebiete auch
                                                                                                                                                              teiligt, denn es handelt sich um eine Staaten-   dazu geführt, dass die dort lebende Bevölke-
                                                                                                                                                              Konvention. Als Gruppe sind sie auch bei         rung vertrieben wurde, in Afrika geht man
                                                                                                                                                              den Verhandlungen dabei, nicht nur als Beo-      von 14 Millionen Menschen aus.
                                                                                                                                                              bachter, sondern mit vollen Rechten, und sie       Da ist ein Problem. Wenn wir strenge
                                                                                                                                                              bringen sich dort intensiv ein.                  Schutzgebiete ausweisen, können wir der




Kein Marschallplan                                 vention auf eine nachhaltige Nutzung der ge-
                                                   netischen Codes sowie eine faire Aufteilung
                                                                                                     fitieren, indem sie das Wissen indigener Völ-
                                                                                                     ker über Heilpflanzen in marktwerte Produk-
                                                                                                                                                       Eine Frage der Haftung
Jährlich sterben rund 35.000 Tier- und Pflan-      der Gewinne zwischen Industriestaaten und         te wandeln – teilweise ohne die Zustimmung        Wer zahlt, wenn gentechnisch veränderte Or-
zenarten aus. Mittlerweile sind dreimal so         indigenen Bevölkerungen. Ambivalent bleibt        der Ureinwohner. Um solche Biopiraterie zu        ganismen außer Landes gebracht werden
viele Arten bedroht wie in den vergangenen         sie in ihren Aussagen zu genetisch veränder-      stoppen, kodifizierten die Vertragsstaaten        und dort einen Schaden verursachen? Zu die-
500 Jahren bereits verschwanden. Um die-           ten Lebewesen. In Bonn wird dieses Thema          1992 ein so genanntes Access-and-Benefit-         ser Frage verabschiedeten die Vertragsstaa-
sen Verlust aufzuhalten, beschlossen 168           ebenso diskutiert wie ein Patentrecht und         Sharing. Bislang weigern sich vor allem Aus-      ten im Jahr 2000 in Cartagena (Kolumbien),
Staaten auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro       strenge Sanktionen.                               tralien, Neuseeland, Japan und die USA (kein      das Biosafety-Protokoll. Es definiert Stan-
1992 einen umfassenden Ver trag zum                                                                  Vertragsstaat), den Ureinwohnern einen ver-       dards für den Handel mit genmanipulierten
Schutz der biologischen Vielfalt – ein globa-
ler Marschallplan ist diese Biodiversitäts-
                                                   800 Milliarden-Dollar                             bindlichen Ausgleich zukommen zu lassen.
                                                                                                     Den Bremsern steht in Bonn eine Gruppe
                                                                                                                                                       Produkten und plädiert für biotechnische Me-
                                                                                                                                                       thoden, sofern sie die biologische Vielfalt
Konvention jedoch nicht, schon weil Flora          Bereits 1999 schätzten Ökonomen die glo-          von 17 biodiversitätsreichen Staaten gegen-       schützen und ihr nachhaltig nutzen. In Bonn
und Fauna der Verantwortung der National-          bale Ausbeute an biologischem und geneti-         über, die zusammen mit Nichtregierungsor-         debattieren die Staaten derweil über Haftung
staaten überlassen bleiben. Über den Erhalt        schem Material auf 500 bis 800 Milliarden         ganisationen (NGOs) mehr Teilhabe an den          und Wiedergutmachung: Wer kommt für mög-
der biologischen Vielfalt hinaus zielt die Kon-    US-Dollar. Nicht zuletzt Pharmakonzerne pro-      Gewinnen und am Geschäft fordern.                 liche Schäden auf? Wie kann vorgesorgt wer-
                                                                                                THEMA DER WOCHE                                                                                                                                 7
                                                                                                     Regina Bartel



                                                                                                     Kein Geschäft ohne Vielfalt
                                                                                                     INS BOOT GEHOLT ■          Die Initiative Business & Biodiversität soll Industrie und Wirtschaft grüner machen


                                                                                                     E
                                                                                                             s gibt Bier auf Hawaii und Sommerrei-      Medikamente aus der Wildnis gibt es viele,    beauftragten in Biodiversitäts-Angelegen-
                                                                                                             fen auf Mauritius. Industrie, Land-      manche enthalten chemische Nachbauten,          heiten.
                                                                                                             wirtschaft und Handel produzieren        natürlich vorkommender Substanzen, ande-          Dennoch sind unter den bisherigen Unter-
                                                                                                             und verkaufen überall alles, was ge-     re entstehen direkt aus Naturprodukten: Fast    zeichnern der so genannten Leadership-Er-
                                                                                                     fragt ist und Profit verspricht. Dabei nutzt     50 Prozent aller in Deutschland zugelassenen    klärung zur Business&Biodiversity Initiative
                                                                                                     ausnahmslos jeder Industriezweig direkt oder     Medikamente werden aus pflanzlichen             auch Unternehmen wie die HeidelbergCe-
                                                                                                     indirekt Naturressourcen. Auch wenn Tiere        Rohmaterialien hergestellt. Doch dem Milli-     ment AG. Diese verfolgt im Rahmen der Ini-
                                                                                                     und Pflanzen nicht das Wirtschaftsgut sind,      ardenmarkt der Pharmaindustrie sind durch       tiative ein Projekt zur Verbesserung der Wie-
                                                                                                     mit dem eine Branche arbeitet, so trägt doch     den Artenschwund bereits unzählige Gele-        derherstellungsmaßnahmen auf den eigenen
                                                                                                     auch der Energie- und Flächenverbrauch zur       genheiten entgangen. Beispielsweise gab es in   Abbauflächen und will mit optimiertem Um-
                                                                                                     Einschränkung natürlicher Ökosysteme bei.        einem kleinen Teil Australiens zwei             weltmanagement langfristig Renaturierungs-
                                                                                                       Mit der Initiative Business&Biodiversity –     Froscharten, die eine                           kosten sparen. »Inhabergeführte Unterneh-
                                                                                                     die BRD wirbt dafür auf der Biodiversitäts-      außergewöhnliche                                men haben es leichter«, sagt Endrukaitis.
                                                                                                     konferenz in Bonn – soll erreicht werden,        Brutpflege betrieben:            Was sollte     »Wenn ein Herr Ritter das will, macht er mit,
                                                                                                     dass auch die Wirtschaft verstärkt für den       Sie trugen ihren Nach-                einen     in einer Aktiengesellschaft ist das etwas an-
                                                                                                     Schutz der biologischen Vielfalt Verantwor-      wuchs im elterlichen                            deres.«
                                                                                                     tung übernimmt und so genannte Biodiver-         Magen herum, die             Schokoladen-         Ein Argument dafür, die Ampel auf grün zu
                                                                                                     sitätsziele zu Unternehmenszielen erklärt.       Kaulquappen schütz-           fabrikanten,      stellen, sind die positiven Auswirkungen auf
                                                                                                     »Deutschland als einer der führenden Indu-       ten sich vor der Ma-                            ihr Image, die sich die Teilnehmer verspre-
                                                                                                     striestaaten profitiert in hohem Maße von der    gensäure mit einer                    einen     chen. Naturschutz ist da wirkungsvoll:
                                                                                                     wirtschaftlichen Nutzung der biologischen        Schmiere, die sie sel-       Reisekonzern       »Wenn man es sauber kommuniziert, schlägt
                                                                                                     Vielfalt«, warb Umweltminister Sigmar Ga-        ber absonderten und                             Umweltengagement direkt auf die Reputati-
                                                                                                     briel in der vergangenen Woche auf einer         die verhinderte, dass           oder einen      on eines Unternehmens durch«, erklärt
                                                                                                     Sonderkonferenz der Umweltminister in            sie im Magensaft zer- Zementhersteller          Klaus-Peter Wiedmann, Professor für Mar-
                                                                                                     Mainz für das Projekt, weitere Verschwen-        setzt und verdaut wur-                          keting und Management an der Leibniz Uni-
                                                                                                     dung der Natur könne man sich nicht leisten.     den. Doch obwohl die       am Artenschutz       versität Hannover. Er erforscht den Ruf von
                                                                                                       Die Initiative soll mehr sein als ein grünes   Forschungsergebnisse        interessieren?      Unternehmen: wie eine gute Reputation ent-
                                                                                                     Deckmäntelchen mit ein wenig Umwelten-           Anlass zur Hoffnung                             steht und welche Faktoren dazu beitragen.
                                                                                                     gagement hier, ein bisschen Naturschutz-         gaben, wurde das Ge-                            Im jährlich erscheinenden Reputationsindex
                                                                                                     sponsoring dort. Die Teilnehmer sollen es        heimnis der Schmiere nicht gelüftet und die     sind deutsche Unternehmen dabei häufig erst
                                                                                                     nicht nur ernst meinen, sondern ernst ma-        chemischen Tricks der Kaulquappen konnten       im Mittelfeld zu finden. Ganz oben spielten
                                                                                                     chen. »Wenn wir glauben würden, wir färben       keinem Medikament gegen Magengeschwüre          zum Beispiel Toyota und IKEA mit.
                                                                                                     mit so einer Initiative alles grün, dann wären   zu besserer Wirksamkeit verhelfen, denn bei-      Der Kunde schätzt an seinen Lieblingsun-
                                                                                                     wir naiv«, erklärt Edgar Endrukaitis, der bei    de Froscharten starben binnen kürzester Zeit    ternehmen neben der Produktqualität auch
                                                                                                     der Deutschen Gesellschaft für Technische        aus. Biotopzerstörung und eine sich rasch       Service und den Umgang mit Mitarbeitern.
                                                                                                     Zusammenarbeit (GTZ) die Initiative des          ausbreitende Pilzerkrankung vernichteten        Umweltengagement kann zusätzliche Sym-
                                                                                                     Bundesumweltministeriums koordiniert.            beide Spezies; eine davon, den Nördlichen       pathiepunkte und damit auch den Umsatz
                                                                                                     »Was wir wollen, das ist, einen Anstoß geben     Magenbrüterfrosch, hatte man gerade erst        steigern: »Ein Schild rauszuhängen Ich tu
                                                                                                     und sichtbar machen, dass auch Wirtschaft        entdeckt.                                       was, nützt nichts«, sagt Wiedmann, »man
                                                                                                     Verantwortung für die Biodiversität über-          Beispiele wie der Magenbrüterfrosch zei-      braucht ein professionelles Konzept. Die



meister sein müssen
                                                                                                     nehmen kann.«                                    gen, dass mit jeder verlorenen Art nicht nur    meisten Menschen sind fasziniert, wenn ir-
                                                                                                       Eigentlich war das Ziel, die Wirtschaft mit    ideelle Werte für immer vernichtet werden.      gendeiner wirklich etwas hinkriegt.«
                                                                                                     ins Boot zu holen, schon auf der ersten Kon-     Pharma- und Kosmetikbranche sollten also          Wirklich etwas hinzukriegen, ist ein Ziel.
                                                                                                     ferenz zum Erhalt der biologischen Vielfalt      in jedem Fall Interesse am Artenschutz und      Die Initiatoren sehen noch eine andere Trieb-
                                                                                                     1992 in Rio de Janeiro beschlossene Sache,       an einer solchen Kampagne haben. Auch für       feder: »Es entsteht ein immer größerer Druck
                                                                                                     nur zu einer konkreten Umsetzung war es bis      traditionell in der Biobranche aktive Unter-    durch Anleger und Fonds, die die Frage stel-
ung über Naturschutz, gerechten Ausgleich und                                                        jetzt nicht gekommen. Dagegen ist das, wo-       nehmen wie Hipp oder Bionade erscheint          len, wie ein Unternehmen ethisch aufgestellt
                                                                                                     vor Umweltaktivisten und Wissenschaftler         der Zusammenhang klar, aber ein Schokola-       ist, und davon ihre Investition abhängig ma-
                                                                                                     bereits Mitte der achtziger Jahre gewarnt ha-    denfabrikant? Ein Reisekonzern? Ein             chen«, erklärt Projektkoordinator Endrukai-
  dort lebenden Bevölkerung nicht verwehren,        ches von den Entwicklungsländern zumin-          ben, längst eingetreten: Durch den Raubbau       Zementhersteller? Immerhin verlangt die         tis von der GTZ, »Konzerne, die als Aktien-
  sich zu entwickeln und ihre Lebensform der        dest fordern; aber wir können nicht gleich-      an der Natur gefährdet der Mensch nicht al-      Initiative Business&Biodiversity von den        gesellschaften organisiert sind, können sich
  Zivilisation anzupassen. Das kann dann in         zeitig unseren Wohlstand auf deren Rücken        lein seine Lebens- und Ernährungsgrundlage,      Teilnehmern konkrete Maßnahmen für eine         langfristig im Naturschutzbereich keine offe-
  Konflikt geraten mit den Zielen des Natur-        aufrechterhalten. Wir müssen globale Ver-        es entgehen ihm auch wirtschaftliche, techni-    bessere Nachhaltigkeit in einem eigenen         ne Flanke leisten.«
  schutzes. Im Amazonasgebiet wiederum gibt         antwortung übernehmen, das heißt letztlich,      sche und medizinische Möglichkeiten. Und         Umweltmanagementsystem und sogar die              Ob Schokolade, Zement oder Tourismus –
  es Völker, die bei ihrer herkömmlichen Le-        dass Deutschland auch Zahlmeister für das        damit ist auch die Industrie vom Arten-          Einrichtung einer verantwortlichen Stelle im    die Motive zum Naturschutz variieren, ohne
  bensweise bleiben wollen. Brasilien hat des-      globale Schutzgebietssystem sein muss.           schwund betroffen.                               Unternehmen, quasi eines Gleichstellungs-       kommt aber keiner mehr aus.                ■
  halb Indigenen-Schutzgebiete ausgewiesen.         Deutschland sollte den Fonds mit zwei Mil-
                         In Afrika haben wir da-    liarden Euro füllen, das müsste jeder G8-
                         gegen erlebt, dass ein-    Staat tun.
                         zelne Staaten Schutz-
  Derzeit sind           zonen eingerichtet und     Welche politischen Konstellationen zeichnen
                         die dort wohnende Be-      sich ab, und was erwarten Sie von den Ver-
  40 Prozent der         völkerung vertrieben       handlungen?
  Weltwirtschaft         hat.                         Die EU agiert derzeit noch als Block, wie
                                                    sich das entwickelt, bleibt abzuwarten. Ein
  von der                 Deutschland will als      großer Bremser ist beispielsweise Kanada
  biologischen            Gastgeber in Sachen       wegen seiner Probleme mit der indigenen Be-
                          Naturschutz punkten,      völkerung, aber auch Japan als Biotechnolo-
  Vielfalt                aber der hiesige Ar-      giestandort und dem Interesse an einem offe-
  abhängig                tenschutz und der         nen Markt; problematisch waren bislang
                          Kampf um die Schutz-      Australien und Neuseeland, wobei sich mit
                          gebiete zeigt, dass wir   dem Regierungswechsel in Australien mögli-
                          von einer Vorreiter-      cherweise Bewegung abzeichnet. Wir versu-
  rolle weit entfernt sind. Ein Beispiel sind die   chen, das seitens der NGOs zu beeinflussen.
  bedrohten Buchenwälder.                           Wir müssen in Bonn ein Mandat für die Aus-
    Tatsächlich steht hierzulande auf dem Prüf-     arbeitung eines Rechtstextes bekommen, der
  stand, wie viel Buchenwald wir uns beispiels-     Biopiraterie verhindert. Wenn das nicht pas-
  weise leisten, und es gibt einen harten Kampf     siert, hat die Konferenz ihr Ziel verfehlt. In
  mit der Forstwirtschaft, die in den Wäldern       Bonn muss außerdem der illegalen Abhol-
  nachhaltige Nutzungsplantagen sieht und           zung ein Ende gesetzt werden, und es müssen
  den Artenschutz dem unterordnet. Wir mei-         Waldschutzgebiete ausgewiesen werden, um
  nen, dass es auch großflächige Gebiete geben      das Klimaproblem in den Griff zu bekom-
  muss, die überhaupt nicht genutzt werden.         men. Die Konferenz wird an diesen Zielen
  Mitteleuropa ist das Kernland von Buchen-         gemessen.
  wäldern, für die wir eine besondere Verant-
  wortung tragen. Die NGOs fordern minde-               Das Gespräch führten Ulrike Baureithel
  stens fünf Prozent ungenutzte Buchenwäl-                       und Dirk Friedrich Schneider
  der. Andererseits ist das Schutzsystem – das
  wir hierzulande verfolgen, das muss klar sein     Günter Mitlacher ist Mitarbeiter des Forum
  – weltweit nicht realisierbar. Wir müssen mit     Umwelt und Entwicklung und koordiniert das
  gutem Beispiel vorangehen und können Glei-        NGO-Netzwerk »Biologische Vielfalt«



                                                                                                     den? Agrobiotech-Firmen und etliche Indu-        sich beispielsweise Brasilien gegen eine »In-   Prozent der Meeresfläche auf Hoher See.
                                                                                                     strienationen sprechen sich gegen verbindli-     ternationalisierung des Amazonas« und ver-      NGOs halten dazu 30 Milliarden Euro für not-
                                                                                                     che Regeln aus. NGOs plädieren mit den           mutet einen Angriff auf die nationale Sou-      wendig – finanzierbar aus einer Flugbenzin-
                                                                                                     Staaten des Südens dafür.                        veränität. Von der EU erwarten die Umwelt-      und Tobinsteuer. Auch in Deutschland wer-
                                                                                                                                                      verbände nun die Vorlage eines Ur wald-         den die Lebensräume für Tiere und Pflanzen
                                                                                                     Welterbe Amazonas?                               schutzgesetzes, das Besitz und Handel von
                                                                                                                                                      Tropenholz aus illegaler Rodung bestraft.
                                                                                                                                                                                                      knapp. Aktuell gelten 72 Prozent aller Biotop-
                                                                                                     Obwohl Wälder nur sechs Prozent der Erde                                                         Typen als bedroht. Vor allem Auen, Flüsse
                                                                                                                                                                                                      und Streuobstwiesen verlieren ihre Ur-
                                                                                                     bedecken, beheimaten sie Zweidrittel aller
                                                                                                     Tiere und Pflanzen, die auf dem Land leben.
                                                                                                                                                      Die letzten Eichen                              sprünglichkeit. Die deutschen Buchen und
                                                                                                     Alle zwei Sekunden werden Ur wälder der          Ein globales Netz von Schutzzonen soll bis      Eichen sollen sogar noch gefährdeter sein
                                                                                                     Größe eines Fußballfelds gerodet – jährlich      2010 stehen. Dies beschloss die 7. Ver-         als die tropischen Regenwälder. Die EU ver-
                                                                                                     ergibt dies eine Fläche, die dreimal so groß     tragsstaatenkonferenz 2004 in Kuala             pflichtete sich 2001, den Verlust der biologi-
                                                                                                     ist wie die Schweiz. Trotz enormer Bemühun-      Lumpur. Nicht nur die verbliebenen Urwälder     schen Vielfalt in Europas bis 2010 zu stop-
                                                                                                     gen gibt es bislang keine globale Konvention     gelten als schutzwürdig, sondern ebenso         pen – das Ziel gilt als so ambitioniert wie un-
                                                                                                     zum Schutz der Wälder. Vehement wehrt            Steppen und Savannen und – bis 2012 – 40        erreichbar.
                                                                                                                                                                                                                                                         Freitag 20
8                                                                                                                            POLITIK                                                                                                                    16. Mai 2008



Nach den jüngsten Vorwahlen der
Demokraten, unter anderem in North                                   Ekkehart Krippendorff
Carolina und Indiana, scheinen die
Würfel für Barack Obama gefallen,
auch wenn Hillary Clinton nicht
aufgeben will und an ihre Chance
glaubt. Definitiv darüber entscheiden,
                                                                     Mehr als eine kleine Revolution
                                                                     ÜBER EINEN AUFENTHALT IN DEN USA ■                     Es gibt noch immer das andere Amerika. Jetzt im Wahlkampf erst recht
wer im November für die Demokraten
um die US-Präsidentschaft kämpft,
wird erst der Parteikonvent Ende
August in Denver. Freitag-Autor
Ekkehart Krippendorff hat die
Vereinigten Staaten während der
vergangenen Woche bereist und dabei
nicht nur den Obama-Clinton-Fight
beobachtet.
                                                   Sabine Sauer




D
         ie unterschiedliche Parteinahme für                      Identität (die sich aber deutlich unterscheidet    tiert eine nie abgebrochene Auseinanderset-       Die Katastrophe vor Augen                         gagements der Linken gegen Francos Macht-
         Barack Obama oder Hillary Clinton                        von der Sklaven-Herkunft der »indigenen«           zung mit dem Gründungsmythos der USA,                                                               ergreifung in Spanien 1936? Würde die FAZ
         geht buchstäblich durch das gesamte                      amerikanischen Schwarzen!), Sozialarbeiter         von dessen ständiger Neuinterpretation die-       Dass die USA territorial ein halber Konti-        einen Nachruf auf einen kommunistischen
         linksliberale Amerika. Nicht immer                       in den Armenvierteln von Chicago, dort Mit-        se Gesellschaft lebt: Die Declaration of Inde-    nent sind, ist bekannt – und muss doch im-        Kämpfer der Thälmann-Brigade oder der
sind es die Frauen, die sich endlich und guten                    glied einer sozial engagierten afro-amerikani-     pendence (1776) und die Verfassung mit            mer wieder erfahren werden, auch um seine         Corriere della Sera auf einen Veteranen der
Gewissens für eine der Ihren entschieden ha-                      schen Kirchengemeinde, politische Karriere         ihrem Grundrechtskatalog, den »Zusatzer-          politische Identität besser zu verstehen. Auch    Garibaldi-Brigade bringen?
ben. Auch zahlreiche Männer, die Hillary die                      zuerst im Staaten-Parlament von Illinois,          klärungen«.                                       dass schon sehr früh – Ende des 19. Jahrhun-        Osheroff hatte seine letzte Rede noch im
Treue halten, weil sie die gar nicht so subtilen                  dann erster schwarz-amerikanischer Senator           Deren erste erklärt, historisch beispiellos,    derts und verstärkt in den dreißiger Jahren –     März gehalten zur Einweihung eines Denk-
sexistischen Verleumdungen empörend fin-                          seines Staates in Washington.                      die strikte Trennung von Staat und Religion.      große Landschaften zu Nationalparks ge-           mals in San Francisco für die 3.000 Lincoln-
den – trotz des Unbehagens über ihre macht-                         Es wäre mehr als eine kleine Revolution,         Aber wie hielten es die Gründungsväter selbst     macht wurden (die in ihren Dimensionen mit        Brigadisten, die in Spanien gekämpft hatten
besessene Skrupellosigkeit gegenüber ihrem                        wenn dieser Mann Präsident der USA würde           damit? Wieweit waren sie inspiriert vom           unseren Vorstellungen von »Park« nichts zu        und von denen 900 fielen. Schon als Zwölf-
Konkurrenten.                                                     – und der Realist in mir fügt hinzu: Eben des-     Christentum – wenn ja, von welchem? Waren         tun haben), ist nichts Neues. Vielleicht auch     jähriger hatte Osheroff gegen den Justizmord
Der hingegen hat ein Potential von Hoff-                          halb wird er es nicht werden, »man« wird ihn       sie aufgeklärte Deisten oder gar Atheisten?       nicht, um wie viel buchstäbliche Wüste es         an den Anarchisten Sacco und Vanzetti
nung, Erneuerung und Idealismus geweckt,                          um jeden Preis verhindern, angefangen mit          Oder diesseitige Ethiker? Thomas Jefferson        sich da im Westen, in Kalifornien vor allem,      (1927) demonstriert, war verhaftet worden
das alle Beobachter überrascht und überrollt.                     einem schmutz-üblen Wahlkampf, wovon               hatte eine eigene Ausgabe des neuen Testa-        handelt.                                          wegen Hilfeleistung für vertriebene Hausbe-
So etwas hat es in der amerikanischen Ge-                         Hillary Clinton einen Vorgeschmack gege-           ments, das die christliche Botschaft auf die        Und dann steht man nach stundenlanger           setzer, organisierte Stahlarbeiter und Koh-
schichte in dieser Stärke und diesen Aus-                         ben hat. Aber es gibt ja bisweilen auch noch       humanistischen Botschaften Jesu – so, wie sie     Autoanfahrt beispielsweise im Joshua Tree         lenbergleute, kandidierte als Kommunist für
maßen noch nicht gegeben. Es ist eine tiefe                       Wunder.                                            von ihm wörtlich überliefert wurden – redu-       National Park in fast 2.000 Meter Höhe auf        das Parlament von New York, ging 1937 nach
spirituelle Dimension, die Obama anzuspre-                                                                           ziert. Allein in den zurückliegenden Monaten      einem Aussichtspunkt, überblickt ein schein-      Spanien, kämpfte in mehreren Schlachten,
chen versteht, die Wiederbelebung des Trau-                       Gott verdamme Amerika!                             sind vier wissenschaftliche Darstellungen         bar unbewohntes gigantisches Wüstental, das       ehe er 1938 mit zerschossenem Knie in die
mes von Amerika als eines großen utopischen                                                                          (zwei historische, eine philosophische und        von Horizont zu Horizont reicht – und wird        USA zurückkehrte. Er prügelte sich mit He-
Projektes, das sich in den vergangenen Jahr-                      Dass die – christliche – Religion ein integraler   eine theologische) nur zu diesem Spezialthe-      unaufgeregt informiert: über die nur bei ge-      mingway, von dem er Lebensmittel geklaut
zehnten in einen Alptraum verwandelt hat –                        Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft        ma erschienen – und kamen zu dem Ergebnis,        nauerem Hinsehen sichtbaren ökologischen          hatte, gründete 1964 ein Freiheitszentrum in
nicht nur für Nicht-Amerikaner.                                   und Identität ist, dieses Phänomen hat jetzt       die USA seien weder als christliche noch als      Zerstörungen durch Hunderte von Golfplät-         Mississippi während der Bürgerrechtskam-
  In diesem heftigen Vorwahlkampf hat Oba-                        auch die Demokratische Partei erreicht. Aus-       säkulare Nation gegründet worden, und kei-        zen, austrocknende Oasen, den giftigen            pagne, wobei sein Auto in die Luft gesprengt
ma gewiss taktische Fehler gemacht, die aber                      gelöst wurde dies durchs Obamas anfängliche        ner der Gründungsväter habe an die Gött-          Dunst, der – aus dem unsichtbaren Los An-         wurde. Für eine Kooperative im sandinisti-
alle solche der Ehrlichkeit waren, indem er                       Weigerung, sich von Jeremiah Wright, seinem        lichkeit Jesu geglaubt. Aber auch: dass die       geles durch das breite Tal getrieben – die ein-   schen Nikaragua organisierte er ein amerika-
Wahrheiten aussprach, die man eben besser                         einstigen Mentor bei Chicagos afro-amerika-        Trennung von Kirche(n) und Staat die Vor-         stige Fernsicht verhindert, die schleichende      nisches Team von Häuserbauern. Noch 2006
nicht sagt. Vor allem hat er sich strikt gewei-                   nischer Gemeinde, zu distanzieren, der einst       aussetzung dafür geschaffen habe, dass mehr       Verwüstung der scheinbar unbelebten Wüste         tourte er mit einem Lautsprecherwagen
gert, Hillarys hinterhältige Verleumdungen                        gepredigt hatte: »Kein Gott segne Amerika!         Amerikaner als andere Nationen an Gott            durch Verkehr und Tourismus. Gerade die           durch Seattle, um gegen den Irak-Krieg zu
(»ein Muslim ist er nicht – soweit ich weiß«)                     Nein, nein, Gott verdamme Amerika! Das             glauben und häufig Gottesdienste besuchen.        ungeheuren Dimensionen dieser Landschaft          protestieren.
mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Man                            sagt die Bibel, weil wir behandelt werden wie      Die Gründungsväter hätten daran ihre Freu-        führen die Dramatik der sich anbahnenden            Nach Spanien ging Abe Osheroff, nachdem
darf und muss sagen: In seiner Person wird                        minderwertige Menschen.« Wahlkampfmu-              de gehabt. Darum ist es kein Widerspruch,         ökologischen Katastrophe vor Augen. Die           er Filmaufnahmen über das zerstörte Guerni-
der amerikanische Traum erstmals seit lan-                        nition. So kam es erstmals in der politischen      dass Hillary Clinton auf ihre Mitgliedschaft in   Parkverwaltung weist ohne falsche Aufge-          ca gesehen hatte. 1940 meldete er sich zur Ar-
gem wieder glaubwürdig – der Traum von ei-                        Geschichte der USA dazu, dass sich die Vor-        einer Kirche verweisen musste, um sich reli-      regtheit darauf hin und merkt an, was wir         mee und war 1944 bei der ersten Welle der
ner »more perfect union«, wie es die Verfas-                      wahl-Konkurrenten Obama und Clinton öf-            giös zu rechtfertigen, und dass Barack Obama      selbst dagegen tun können: Das Auto stehen        Normandie-Invasion dabei. Nach dem Krieg
sungspräambel als Perspektive vorgibt, wozu                       fentlich über Religion und Religionszu-            seine politische Karriere mit Unterstützung       lassen, den Wasserverbrauch einschränken,         wechselte er, weil er als Kommunist gesucht
auch die Überwindung des Rassismus gehört.                        gehörigkeit zu streiten hatten. Natürlich          seiner Kirchengemeinde in Chicago begann.         unseren verschwenderischen Lebensstil             wurde, oft den Wohnsitz, arbeitete auf einer
Wo sonst wäre es möglich, auch nur in die                         nutzte Hillary diesen wunden Punkt Obamas            Auch noch die zornige Verurteilung »Ame-        überdenken, weniger Golfplätze. Ein ver-          Farm und schrieb Seminararbeiten für Colle-
greifbare Nähe des höchsten politischen Am-                       für ihre Unterstellungen eines mangelnden          rikas« durch seinen Pastor Jeremiah Wright        zweifelter Kampf gegen Windmühlenflügel,          ge-Studenten. 1956 verließ er enttäuscht die
tes zu kommen, mit einer Biografie und ei-                        Patriotismus – ist er wirklich Amerikaner?         ist ohne ihren biblischen Hintergrund nicht       aber immerhin und trotzdem wird er geführt.       KP, engagierte sich später gegen den Viet-
nem Namen, der unamerikanischer – noch                            Der aber – und das ist dann doch weit über die     zu verstehen: Die afro-amerikanischen Gläu-       Ich kenne keine vergleichbaren Anleitungen        namkrieg und kämpfte in Los Angeles gegen
dazu in Zeiten eines aggressiven Anti-Isla-                       USA hinaus bemerkenswert – bekannte sich           bigen waren und sind Alttestamentarier und        zum kritisch aufklärenden Lesen von Land-         Grundstücksspekulanten. Dass der Zweite
mismus – kaum denkbar ist.                                        zur Multikonfessionalität der US-Gesell-           hatten sich in ihrem Kampf zuerst gegen die       schaft im kleinen Deutschland.                    Weltkrieg hätte vermieden werden können,
  Barack Hussein Obama: Sohn eines Kenia-                         schaft: »Dies ist eine buddhistische, christli-    Sklaverei und später gegen die soziale Diskri-                                                      wenn Franco verhindert worden wäre, davon
ners und einer Amerikanerin, aufgewachsen                         che, muslimische, hinduistische Nation«, gab       minierung immer auf die revolutionäre Kritik      In der Lincoln Brigade                            war er bis zuletzt überzeugt. Und er blieb ein
erst in Afrika, dann in Indonesien, dort – in                     Obama zu verstehen.                                der biblischen Propheten am korrupten und                                                           Rebell aus Prinzip: »Wenn du einen Sieg
einem muslimischen Land – in eine katholi-                          Also nichts von »Leitkultur« und »herr-          gottvergessenen Israel bezogen und an deren       Und auch das ist anderes Amerika – diese          brauchst, bist du kein Kämpfer«, erklärte er
sche Schule gegangen, zurück in die USA,                          schenden christlichen Werten« wie hierzu-          großen Reden ihre eigene Rhetorik geschult.       Biografie, und dass sie als Nachruf in der        noch 2000 seine Lebensmaxime, »dann bist
steile Karriere als Jurastudent in der besten                     lande. Aber diese Renaissance der Religio-         Nicht zuletzt Martin Luther King, aber auch       New York Times am 11. April 2008 erschien:        du ein Opportunist«. Welch in Charakter,
Universität des Landes (Harvard), »Ent-                           sität im öffentlichen Raum ist keineswegs nur      eben der Pastor Wright, der »zufällig« den        Abe Osheroff, 92 Jahre. Wer erinnert sich         welch eine Biografie, von der man wie Barack
deckung« der eigenen afro-amerikanischen                          ein wahltaktisches Manöver, sondern reflek-        Vornamen des Propheten Jeremias trägt.            schon noch des mutigen internationalen En-        Obama sagen könnte: »Nur in Amerika...« ■




B
       arack Obamas und Hillary Clintons                          Konrad Ege                                                                                                                                             Wahljahr 2008 auch wegen einer Kurskorrek-
       Wege haben sich getrennt: Obama ist                                                                                                                                                                               tur des »Großen Geldes«: Obama schwimmt
       angesichts seines deutlichen Vor-                                                                                                                                                                                 in Dollars (auch dank seiner kreativen Inter-
       sprungs bei der Delegiertenzahl um-
gestiegen vom Vorwahlkampf zum Haupt-
wahlkampf gegen den Republikaner John
McCain und plant Auftritte für die nächsten
Tage in Michigan, Missouri und Florida. In
diesen Staaten sind die Vorwahlen gelaufen;
                                                                  Die lästigen weißen Wähler                                                                                                                             net-Spendenaufrufe), Clinton war anfangs
                                                                                                                                                                                                                         auch gut ausgestattet, hat aber unklug gewirt-
                                                                                                                                                                                                                         schaftet, während McCain, der Republikaner,
                                                                                                                                                                                                                         sich Sorgen machen muss, ob er genug Spen-
                                                                                                                                                                                                                         den kriegt oder ob er bei seiner Ehefrau, einer
                                                                                                                                                                                                                         Multimillionen Dollar schweren Bier-
aber im November dürfte es hart hergehen.
                                                                  FIGHTEN UND SPALTEN ■   Hillary Clinton wird immer mehr zur bösen Tante in der nach Zusammenhalt                                                       großhändlerin, Kredite aufnehmen muss.
Clinton dagegen hat das Muttertagswochen-                         strebenden Familie der Demokraten                                                                                                                        40 Jahre ist es jetzt her, dass sich zum letz-
ende in West Virginia verbracht und mar-                                                                                                                                                                                 ten Mal ein »anderes« Wahljahr abzeichnete.
schiert weiter nach Kentucky, zwei Staaten,                       gen, weil sie viel Gutes getan hat für den         Demokraten« geworden seien und seitdem re-        sie die ethnischen Minderheiten mobilisieren.     Dieses Jahr war 1968, es kandidierte Robert
in denen noch gewählt wird, und sie deutlich                      Clan, weil sie irgendwie unberechenbar ge-         publikanisch wählen. Diese verlorenen Schafe      Und mit Letzterem hat Senatorin Clinton           Kennedy, 42 Jahre jung, ein demokratischer
vorn liegt. Der Vorwahlkampf sei erst vorbei,                     worden ist, und weil sie drohen könnte, ihr        müsse man wieder heimbringen.                     Probleme. Noch vor gut einem halben Jahr          Politiker, der den Vietnamkrieg zu Ende brin-
wenn alle abgestimmt haben. (Danach kom-                          Testament umzuschreiben – wobei keiner               Das Argument ist nicht von der Hand zu          lag sie in der schwarzen Wählergunst deut-        gen, den Kampf gegen Armut zur »obersten
men noch Oregon, Puerto Rico und am 3.                            weiß, wie viel es zu erben gibt. Und hinter ihr    weisen: Das Problem der fehlenden weißen          lich vor Obama. Jetzt bewegen sich ihre afro-     Priorität machen« und ein Amerika schaffen
Juni Süd Dakota sowie Montana.)                                   steht der cholerische Onkel.                       Stimmen ist jedoch kein Obama-Problem,            amerikanschen Prozentsätze im einstelligen        wollte, in dem die Menschen »mitfühlend«
  Hillary Clintons fortgesetzte und inzwi-                          Im Klartext: Hillary Clinton gehen die Ar-       sondern ein demokratisches: Seit Lyndon B.        Bereich.                                          mit einander umgehen würden. Robert Ken-
schen stark verschuldete Kandidatur ist zu                        gumente aus, warum die nun entscheidenden          Johnson 1964, also seit 44 Jahren, hat kein de-     Obama hat erkannt – und Hillary Clinton         nedy wurde am 5. Juni 1968 bei einem Atten-
einem komplexen Rohrschachtest geworden.                          »Superdelegierten« – Kongressabgeordnete,          mokratischer Präsidentschaftsbewerber die         anscheinend nicht – dass 2008 ein »anderes«       tat schwer verwundet, er starb am Tag darauf.
Ihre Anhänger betrachten die Senatorin als                        Senatoren, Gouverneure und Parteifunktionä-        Mehrheit der weißen Stimmen bekommen.             Wahljahr sein könnte. George W. Bush stellt       Man trauert noch heute um das, was hätte sein
eine von sexistischen Männern attackierte                         re, die beim Parteitag mit abstimmen – nicht       Jimmy Carter hat es 1978 fast geschafft (48       neue Rekorde auf für Minuswerte, junge            können. Robert Kennedys Witwe Ethel un-
Kämpferin, eine Fighterin, wie man sie eben                       für Obama votieren sollen. Es macht Demo-          Prozent), Bill Clinton bekam 1992 stolze 39       Wähler aller Rassen und afro-amerikanische        terstützt Barack Obama. »Barack ist wie Bob-
braucht, will man in November gewinnen ge-                        kraten nervös, dass Clinton immer mehr die         Prozent der weißen Stimmen (gegen Vater           Wähler engagieren sich an der Urne wie noch       by«, sagte Ethel Kennedy. Er sei eine »ma-
gen die republikanische Angriffsmaschine.                         »Rassenkarte« zieht: Sie habe die Mehrheit der     Bush und den unabhängigen Ross Perot) und         nie. Und die Jungen stimmen für Obama.            gnetische Kraft«, die Amerika zur Arbeit für
Kritiker sehen Clinton zunehmend als böse                         weißen Stimmen bekommen, sagt sie, vor al-         1996 43 Prozent (gegen Bob Dole und Ross          Vermutlich könnte der aber im November            das Gemeinwohl zusammenbringe und Men-
Tante in einer nach Zusammenhalt streben-                         lem der weißen Arbeiter. Und weiße Arbeiter        Perot). Demokraten gewinnen, wenn sie sich        Hillary Clinton gut brauchen, um deren Ziel-      schen zum Idealismus ansporne, für eine bes-
den Familie: Keiner will ihr die Meinung sa-                      seien es, die in den achtziger Jahren »Reagan-     klar absetzen von ihren Gegnern, und wenn         gruppen zu mobilisieren. »Anders« ist das         sere Zukunft zu kämpfen.                      ■
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                       REPORTAGE                                                                                                                                                      9

F
       rüher hatte die Hoffnung fünf Buch-
       staben. »Keshi«, sagten die jungen, ge-
       rade gelandeten Afrikaner im Auf-
       fanglager des Brüsseler Flughafens Za-
ventem zu Solange Cluydts, »bring diesen
Brief zu Keshi. Er soll dafür sorgen, dass ich
beim RSC spielen kann.«
  Stephen Keshi, nigerianische Fußball-Le-
gende, war in den achtziger Jahren einer der
ersten afrikanischen Stars in der belgischen
Liga. Nicht nur deshalb bezeichnete ihn BBC
Sports einmal ganz unverblümt als »Paten
des Exodus nach Europa«. Überliefert ist
nicht zuletzt, wie er das ghanaische Jahrhun-
derttalent Nii Lamptey 1990 mit gefälschtem
Pass über Brüssel zu seinem Club RSC An-
derlecht schleuste, dessen Scouts ihn bereits
seit längerem im Visier hatten. Ein Funk-
tionär mit Verwandtschaft im belgischen Se-
nat räumte letzte Unstimmigkeiten aus – ein
Mythos war geboren, Nachahmer ließen
nicht lange auf sich warten.

Gestrandet im Gelobten Land
Heute arbeitet Solange Cluydts bei der Ant-
werpener Initiative Payoke, die sich um Op-
fer von Menschenhandel kümmert und dabei
nicht selten mit Jungkickern zu tun hat, die
beim Sprung nach Europa den Boden unter
den Füßen verloren haben. Sie werden von
windigen Agenten mit dem Versprechen ei-
ner großen Karriere bei einem renommierten
Verein nach Belgien gelockt. Dann aber wird
es plötzlich nichts mit dem lukrativen Ver-
trag, der Vermittler verschwindet spurlos, die
Klubs wissen von nichts. Ohne Landes- und
Sprachkenntnisse, ohne Hilfe, dafür aber mit
der Illegalität im Nacken, stehen die im Ge-
lobten Land Gestrandeten bei Payoke vor der
Tür.
  Solange Cluydts erzählt von zwei minder-                                                                          Wer nach Manchester oder London will, muss erst nach Belgien: junge Kicker an der Elfenbeinküste
jährigen Nigerianern, die bei einer Kontrolle
wegen notdürftig frisierter Altersangaben
aufflogen und prompt von allen Spielen rele-     Tobias Müller
giert wurden. Vor einigen Jahren häuften sich
derartige Berichte im belgischen Fußball in
einer Weise, dass eine Senatskommission ein-
gesetzt werden musste, um den ausufernden
Menschenhandel zu durchleuchten. Es gab
mehrere Prozesse, doch verurteilt wurde nie-
mand. »Ich erwarte auch nicht, dass dafür je-
mand ins Gefängnis marschiert«, meint
                                                 Die Paten des Exodus
                                                 BESTE WARE AUS AFRIKA ■                Belgische Klubs empfehlen sich als Einkäufer, Spediteure und Großhändler im globalisierten Fußball
Cluydts, »auch wenn es in der Vergangenheit
nachgewiesenermaßen Fälle von Men-               lung beanspruchen kann. Anders als in            dam und Feyenoord Rotterdam die Absol-             ropacup und hatten ausgezeichnete Spieler               Verelst ist und bleibt Realist genug, um die
schenhandel gegeben hat. Aber Fußball ist        Frankreich, Spanien, England, Italien,           venten ihrer klubeigenen Fußballschulen in         wie Yapi Yapo oder Romaric. Den Zuschau-              Rolle Belgiens als Ausbildungs- und Spediti-
Ökonomie, und Auflagen werden umgan-             Deutschland oder in den Niederlande kennt        Ghana bei Germinal Beerschot, Westerlo             ern gefiel der technische Fußball, das ken-           onsbetrieb im globalisierten Wirtschafts-
gen.«                                            sie keine Beschränkung für den Einsatz von       oder RWD Molenbeek unter.                          nen sie hier sonst nicht so«, erzählt Dirk            zweig Fußball beurteilen zu können. Anders
  Dieser Auffassung ist auch Jean-Marie De-      Nicht-EU-Spielern. Um eine Arbeitserlaub-          Bekanntestes Beispiel ist der KSK Beveren,       Verelst, der neue Vorsitzende in Beveren. Er          als noch in den frühen neunziger Jahren, als
decker, der 2002 die besagte Kommission lei-     nis zu erhalten, reicht ein Profivertrag. Ganz   der über fünf Jahre hinweg das Scharnier           ist erst seit dem Sommer 2007 im Amt, der             Stars wie die Nigerianer Ikpeba bei Standard
tete. Die Regeln für Spielervermittler seien     anders die Praxis in England, wo eine Min-       zwischen der Elfenbeinküste und europäi-           ganze Verein wird umstrukturiert, man hat             Lüttich oder Oliseh bei Club Brügge für Fu-
strenger geworden, neben der offiziellen Re-     destquote für das Herkunftsland absolvierter     schen Topklubs bildete. Auf der einen Seite        sich verhoben am ivorischen Abenteuer. Ir-            rore sorgten, nehmen die besten Afrikaner
gistratur beim Weltverband FIFA müssten sie      Länderspiele eine unerlässliche Bedingung        standen ivorische Spitzenteams wie der             gendwann waren es über 20 Spieler aus                 heute kaum noch den Umweg über die Jupi-
von einer der belgischen Regionalregierungen     ist, um spielen zu dürfen. Auch lässt sich in    ASEC Mimosas aus Abidjan, die dem KSK              Abidjan. Und mögen die Mindestgehälter                ler League, auch wenn die nach wie vor als
anerkannt sein. Der Transfer Minderjähriger,     Belgien innerhalb von drei Jahren die Staats-    Beveren jährlich Spieler schickten – auf der       für Nichteuropäer im Vergleich zu den                 das Karrieresprungbrett gilt. Der Klubvor-
so Dedecker, bleibe verboten, das Mindestge-     bürgerschaft erwerben. Ein Anreiz für De-        anderen Seite Arsenal London, der Liebling         Nachbarländern auch lächerlich sein, für              sitzende des KSK Beveren sieht die Liga wei-
halt für Nicht-EU-Spieler habe man deutlich      bütanten aus Nigeria oder der Elfenbeinküs-      aller Anhänger des gepflegten Offensivspiels.      den KSK Beveren, so Dirk Verelst, ging es             terhin als »ideale Zwischenstation für Länder
angehoben. Die Gesetzgebung sei ausrei-          te, auch wenn das jährliche Mindestgehalt        Natürlich wurden die Kicker auch an andere         bis an die Schmerzgrenze. Manche sagen,               mit strengeren Gesetzen. Gerade für die klei-
chend. »Sie wird nur nicht angewandt«, klagt     nichteuropäischer Spieler in Brüssel, Lüttich    Vereine weiter verkauft, auch wenn der             Guillou und Wenger hätten je 45 Prozent               nen Klubs ist das eine Überlebenschance.«
er. Woher solle man noch die Energie zum         oder Antwerpen noch immer klar unter den         Drahtzieher derartiger Geschäfte stets in          der Einkünfte aus der profitträchtigen Drei-          Trotz jüngster Erfahrungen will Beveren da-
Eingreifen nehmen, wenn es eine Interessen-      in anderen EU-Ländern üblichen Größen-           London saß: Arsenals Trainer Arsène Wen-           ecksbeziehung eingestrichen. Verelst be-              bei bald wieder mitmischen. »Wir haben eine
verflechtung aus Fußball, Justiz und Politik     ordnungen liegt.                                 ger. Dessen alter Freund, der französische         stätigt, dass sein Verein, den der Deal mit           neue Anfrage aus England«, gibt Dirk Verelst
»bis in die höchsten Kreise hinein« gebe, wo       Kein Wunder also, dass viele belgische         Ex-Nationalspieler Jean-Marc Guillou, be-          Guillou aus großen finanziellen Nöten zu              verschwörerisch zu verstehen.
man von den Verstößen profitiere.                Klubs in den vergangenen Jahren Kooperati-       treibt in Abidjan eine Fußball- Akademie.          retten versprach, nicht mehr als die verblei-           Die Zukunft kann also kommen. Und blei-
  Dass Dedecker, Kopf der rechtsliberalen        onsverträge abgeschlossen haben. Sie bezie-      Von dort wurden die Spieler zunächst an            benden zehn Prozent verdient habe. »Damit             ben wird vorerst Alexandre Tokpa. Der jun-
Lijst Dedecker, nicht gerade als enthusiasti-    hen Spieler aus Fußball-Akademien oder           ASEC Mimosas vermittelt (wo Guillou zwi-           ist der Klub nie gut gefahren, das war eine           ge Mittelfeldspieler ist einer der letzten fünf
scher Fürsprecher für Zu- und Einwanderer        Satellitenklubs in afrikanischen Großstädten,    schenzeitlich als europäischer Fußball-Mis-        bittere Pille.«                                       aus einer Ära, da »die Ivorer« des KSK Be-
bekannt ist, gilt es im Hinterkopf zu haben,     fungieren ihrerseits jedoch als Farmteams        sionar auftauchte) oder an einen weiteren Sa-        Vor einem Jahr nun liefen die Verträge mit          veren international für Schlagzeilen sorgten.
wenn er von »sieben bis zehn jungen Afrika-      englischer Vereine wie Chelsea (VC Wester-       tellitenklub, die Zweitligamannschaft Tou-         ASEC und Arsenal aus, 2007 stieg Beveren in           Mit Referenzen für künftige Arbeitgeber be-
nern« redet, die Woche für Woche mit einem       lo), Manchester United (RFC Antwerpen)           modi – gleichfalls eine Zwischenstation für        die zweite Liga ab, ein Prozess mit Guillou           schäftigt er sich zur Zeit jedoch nicht. Tokpa
Touristenvisum am Flughafen Zaventem lan-        oder Blackburn Rovers (Cercle Brugge). De-       den Transfer zum KSK Beveren.                      steht noch aus, doch verliert Dirk Verelst            will mit dem Klub aufsteigen. »Für mich ist
deten, beseelt von der Hoffnung auf Aufent-      ren afrikanischer Nachwuchs sammelt auf                                                             kein schlechtes Wort über ihn. Im Gegenteil,          Beveren nicht nur ein Schaufenster«, grinst
haltsrecht und Profivertrag.                     diese Weise Spielpraxis und wird – welch         Am gewagten Abenteuer verhoben                     er rühmt dessen Gespür für Talente und wür-           er. »Jetzt bin ich hier, und das ist gar nicht so
  Bei alledem steht außer Zweifel, dass Belgi-   willkommene Konsequenz – unter Umstän-                                                              de gern wieder mit ihm zu tun haben. »Wenn            leicht. Es gibt inzwischen so viele gute junge
ens Jupiler League beim Transfer afrikani-       den mit einem EU-Pass ausgestattet. Mit den      Ein paar Jahre lang lief das perfekt. »Wir         nur seine finanziellen Ansprüche nicht so             Spieler an der Elfenbeinküste. Und alle wol-
scher Talente nach Europa eine Schlüsselstel-    gleichen Motiven bringen auch Ajax Amster-       hatten große Erfolge, spielten sogar im Eu-        hoch wären.«                                          len nach Europa.«                              ■



  k l e i n a n z e i g e n
  VERSCHIEDENES                                                                                                                                                                REISEN
                                                                                                                                                                                ARDÈCHE – AVIGNON – ORANGE
             Anzeigenannahme für          Freitag                                                                                                                                  Authentisches altes Landhaus in
                  über Neues Deutschland                                        Internationaler                                              Zyklon-Opfer in Myanmar
                                                                                                                                                                                  intaktem französischen Runddorf
                                                                                                                                                                                zu vermieten. 4 - 6 Pers., 3 Terrassen.
        Anzeigenschluss: 10 Werktage vor Erscheinen
          Tel. (030) 2978-1841, -1842 Fax: (030) 2978-1840                  Journalistenwettbewerb                                                                              Sonderpreis für „Freitag”-LeserInnen!
                                                                                                                                                                                 Frei: 22.06.-28.06.; 23.08.-02.10.;
                                                                                                                                                                                              18.10. ff.
                     E-Mail: freitag@nd-online.de
                                                                       In diesem Jahr schreibt die Stiftung „Erinnerung, Verantwor-                                            Tel. 06421/23706 und 0171/4739648
                                                                       tung und Zukunft” zum zweiten Mal ihren Internationalen
                                                                                                                                                     Wir helfen!                     jbecker@staff.uni.marburg.de
                                                                                                                                                                                    http://staff-www.uni-marburg.
                                                                       Journalistenwettbewerb aus.                                                                                     de/~beckerl/lesoleil.htm
                                                                       Anlässlich des 60. Jahrestages der Allgemeinen Erklärung
                                                                       der Menschenrechte im Dezember 2008 ruft die Stiftung
                                                                                                                                                  Spendenkonto: 41 41 41
                                                                       junge Journalisten aus den Ländern Belarus, Deutschland,
                                                                                                                                              BLZ: 370 205 00 • DRK.de
                                                                       Estland, Israel, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Rus-
                                                                                                                                                 Stichwort: Zyklon
                                                                       sische Föderation, der Ukraine und den USA auf, sich mit
                                                                       einem Beitrag zum Thema                                                                                                                            Sommer-Wohlfühlwoche
                                                                                                                                                                                                                          Unser Inklusivangebot: 5 x Übernachtung
                                                                                „Alle Menschen sind frei und gleich...„                                                                                                   mit Frühstücksbüfett, 2 x Saunabesuch,
                                                                                                                                                                                                                          1 x Massage nach eigener Wahl,
                                                                       zu beteiligen.                                                                                                                                     1 x geführte Quellenwanderung rund
                                                                                                                                                                                                                          um Elgersburg, eine Kegelstunde,
                                                                       Bewerbungsschluss ist der 31. Juli 2008.                                                                                                           1 x Festmenü mit einem Glas Sekt


                                                                       Nähere Informationen auf der Homepage unter                                                                                                        Sparpreis für 2 Pers. im DZ   333,–   Euro

                                                                                                                                                     Eines für alle …                                                     Aufbettung für Kinder möglich.
                                                                       www.stiftung-evz.de/fonds_erinnerung _und_zukunft/ge-
                                                                                                                                                                                                                          Buchbar ab sofort für August u. September!
                                                                       schichte_und_menschenrechte/internationaler_journalisten-
                                                                       wettbewerb                                                                                                                                         Schmücker Straße 20 · 98716 Elgersburg
                                                                                                                                                                                                                          Tel. 03677 79800 · www.hotel-am-wald.com
                                                                                                                                                                                                                           Freitag 20
10                                                                   DOKUMENT DER WOCHE                                                                                                                                   16. Mai 2008



                                                                                                                                                      1934 änderten die Nazis im Militärstrafgesetzbuch den
                                                                                                                                                      »Kriegsverrats-Paragraphen«, dem später Tausende
                                                                                                                                                      Soldaten zum Opfer fallen sollten. Anders als bei
                                                                                                                                                      Deserteuren, die nach langem Ringen in der
                                                                                                                                                      Bundesrepublik inzwischen rehabilitiert sind, gelten die NS-
                                                                                                                                                      Unrechtsurteile gegen »Kriegsverräter« bis heute. Seit
                                                                                                                                                      Jahren will das die Vereinigung Opfer der NS-Militärjustiz
                                                                                                                                                      e. V. ändern. Ende 2006 brachte die Fraktion der Linken im
                                                                                                                                                      Bundestag einen Gesetzentwurf ein, der eine Aufhebung
                                                                                                                                                      aller dazu gefällten Urteile vorsieht. Dagegen wendet sich
                                                                                                                                                      die Regierungskoalition mit dem Argument, Kriegsverräter
                                                                                                                                                      hätten deutsche Soldaten gefährdet – sie seien nicht mit
                                                                                                                                                      anderen Widerständlern in der Wehrmacht vergleichbar.
                                                                                                                                                      Dem widerspricht der Historiker Wolfram Wette. Wir
                                                                                                                                                      dokumentieren leicht gekürzt seine Stellungnahme für den
                                                                                                                                                      Bundestags- Rechtsausschuss, der sich gerade mit dem
                                                                                                                                                      Thema befasste.




 Warten auf Gerechtigkeit
 Der Freiburger Historiker Wolfram Wette über den Widerstand einfacher Soldaten gegen den
 NS-Krieg und die Forderung nach ihrer Rehabilitierung


 I
   m Jahr 1934, also schon zu Beginn der nationalso-      nicht erschlossen. Es handelt sich um einen Bestand     vativen Widerstandes immer wieder Kontakte mit             fährigen Wehrmachtelite aus, die Europa mit An-
   zialistischen Herrschaft, erhielt der einschlägige     von 180.000 Akten, die ein Volumen von 926 lau-         führenden Persönlichkeiten der Feindmächte, also           griffskriegen überzogen, in deren Folge mehr als 50
   Paragraph 57 des Militärstrafgesetzes von 1872         fenden Metern haben. Eine systematische statisti-       landes- und kriegsverräterische Auslandskontakte.          Millionen Menschen ihr Leben verloren.
 eine entscheidende Änderung. Sie sah für Kriegs-         sche und inhaltliche Auswertung steht noch aus.         Sie verstanden sich als deutsche Patrioten.                  Der einzige hochrangige Offizier der Wehrmacht,
 verrat generell die Todesstrafe vor. Gleichzeitig fie-                                                             Um einen exemplarischen Fall zu nennen: Josef            der wegen Kriegsverrats zum Tode verurteilt wur-
 len alle konkreten Tatbestandsbeschreibungen, die        Es galten Doppelstandards für Angehörige                Müller und Hans von Dohnanyi aus dem Amt Aus-              de, war General Walther von Seydlitz-Kurzbach. Er
 vordem im Gesetz aufgelistet waren, zugunsten all-       der Elite und den »kleinen Mann« in Uniform             land/Abwehr des OKW fertigten im Frühjahr 1940             geriet nach der Schlacht von Stalingrad, im Januar
 gemeiner Formulierungen weg. Wegen Kriegsver-                                                                    – nach diversen Sondierungskontakten mit der Re-           1943, in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort trat
 rats wird bestraft, so hieß es jetzt, wer es unter-      Es gab Soldaten, die den Kriegsgegnern Deutsch-         gierung in London – einen so genannten »X-Be-              er dem Nationalkomitee Freies Deutschland
 nimmt, »der feindlichen Macht Vorschub zu leisten        lands Informationen über Angriffspläne zuspielten       richt« über die britischen Bedingungen für eine Zu-        (NKFD) und dem Bund Deutscher Offiziere
 und der Kriegsmacht des Reiches oder seiner Bun-         und sich damit gegen das NS-System stellten.            sammenarbeit mit dem nationalkonservativen deut-           (BDO) bei und übernahm in beiden Organisationen
 desgenossen einen Nachteil zuzufügen« (Paragraph         Wehrmachtsoldaten in österreichischen Wider-            schen Widerstand an. Darin war die Rede von: Be-           Führungspositionen. Er rief die im Osten kämpfen-
 91 b des Strafgesetzes, auf welches der geänderte Pa-    standsgruppen organisierten bewaffneten Wider-          seitigung Hitlers und Ribbentrops, Neubildung ei-          den Wehrmachttruppen in Flugblättern dazu auf,
 ragraph 57 des Militärstrafgesetzes Bezug nahm).         stand gegen das NS-Regime. Mit ihren Handlungen         ner deutschen Regierung bei klarer Trennung von            sich auf die Reichsgrenzen zurückzuziehen, sich ge-
 Das aber war eine Definition, die sich nahezu belie-     begingen sie Hochverrat, der dadurch zum Kriegs-        den bisherigen Machthabern des NS-Regimes, Fort-           gen das NS-Regime zu erheben und eine Beendi-
 big ausdehnen ließ. Bei dem während des Zweiten          verrat wurde, dass diese Soldaten beabsichtigten,       bestand der deutschen Grenzen von 1937. General-           gung des Krieges zu erzwingen. Als Reaktion auf
 Weltkrieges von der deutschen Militärjustiz ange-        mit den einmarschierenden Truppen der späteren          stabschef Franz Halder ließ diesen Bericht im April        diese Frontpropaganda wurden gegen fast 300 Mit-
 wendeten Kriegsverrats-Paragraphen handelte es           Siegermächte zusammen zu arbeiten. Die Überläu-         1940 seinem Vorgesetzten, dem – in die genannten           glieder von NKFD und BDO Strafermittlungsver-
 sich also um NS-Recht.                                   fer zu den Partisanen hatten vermutlich ebenfalls       Auslandskontakte eingeweihten – Oberbefehlsha-             fahren wegen »Verrat und Treuebruch« in Abwe-
   Die Kommentare des wohl einflussreichsten zeit-        meist politische Motive. Neben den Widerstands-         ber des Heeres, General Walther von Brauchitsch,           senheit eingeleitet. Das Reichskriegsgericht verur-
 genössischen Interpreten des Militärstrafgesetzbu-       kämpfern bringt ein Teil der Kriegsgerichtsurteile      überbringen. Brauchitsch ließ Halder durch den Ge-         teilte Seydlitz am 16. April 1944 in Abwesenheit
 ches, Erich Schwinge, lassen eine fortschreitende        unbotmäßige einfache Soldaten in unser Blickfeld,       neral Georg Thomas Folgendes ausrichten: »Sie hät-         wegen Hoch- und Kriegsverrats zum Tode.
 Entgrenzung der Tatbestandsbeschreibung erken-           die den Krieg ablehnten, die sich gegen Vorgesetz-      ten mir das nicht vorlegen sollen. Das ist glatter
 nen. Aus seiner Sicht erfüllte bereits eine pazifisti-   tenwillkür auflehnten, die entgegen den Befehlen        Landesverrat, das mitzumachen, kommt für mich              Viele »Verräter« halfen verfolgten Juden oder
 sche Gesinnung den Tatbestand des Kriegsverrats,         anständig mit Kriegsgefangenen umgingen oder            unter keinen Umständen in Frage. Im Krieg ist für          desertierten und liefen zu den Partisanen
 und seit dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krie-       verfolgten Juden halfen. Diesen Soldaten war meist      den Soldaten keinerlei Verbindung mit einer auslän-
 ges im Juni 1941 reichte die kommunistische Gesin-       nicht einmal bekannt, was der Begriff Kriegsverrat      dischen Macht zulässig.« Darüber hinaus verlangte          über
 nung eines Wehrmachtsoldaten aus, um den                 überhaupt bedeutete und welche Strafe das Militär-      von Brauchitsch die Verhaftung der an der Aktion           Das Todesurteil gegen den »Kriegsverräter« Seyd-
 Straftatbestand des Kriegsverrats zu erfüllen. Ein       strafrecht für ihn androhte. Zu Kriegsverrätern         beteiligten Hitler-Gegner. Halder setzte sich über         litz wurde bald nach dessen Heimkehr aus sowjeti-
 Kontakt zu russischen Kriegsgefangenen konnte            wurden sie insoweit erst durch die NS-Militärjustiz     diesen Befehl jedoch hinweg. Die Angelegenheit             scher Kriegsgefangenschaft im Jahre 1955 durch das
 ähnlich gewertet werden. Hier wird deutlich, was         gemacht. Die Sachverhalte, die zur Verurteilung         wurde nicht weiter verfolgt. In diesem und vielen          Landgericht Verden an der Aller aufgehoben. Die
 Hitler und die in seinem Dienst stehenden Militär-       wegen Kriegsverrats führen konnten, waren also          vergleichbaren Fällen blieb eine kriegsgerichtliche        Strafkammer bescheinigte ihm, ein Widerstands-
 juristen mit dem pauschal formulierten Kriegsver-        sehr unterschiedlich. Gelegentlich unterstellte die     Verfolgung aus. Offenbar gab es Doppelstandards            kämpfer gegen das NS-System gewesen zu sein. So
 rats-Paragraphen beabsichtigten: Sie wollten den         Militärjustiz politische Motive, wo sie gar nicht er-   für Angehörige der Elite und den »kleinen Mann« in         erfuhr der General vom demokratischen Deutsch-
 Kriegsrichtern zusätzlich zu den übrigen, präziser       wiesen waren. Nicht wenige der verurteilten Solda-      Uniform.                                                   land Gerechtigkeit. Die Todesurteile gegen die
 formulierten Straftatbeständen des Militärstrafge-       ten, so scheint es, wurden eher zufällig vom Kriegs-                                                               »kleinen Leute« in Uniform dagegen sind nach wie
 setzbuches einen allgemeinen justiziellen Schlag-        verrats-Paragraphen 57 des Militärstrafgesetzbu-        Wider die Legende von der Gefährdung                       vor gültig. Sie müssen auf diese Gerechtigkeit bis
 stock an die Hand geben, um Wehrmachtangehöri-           ches erfasst. Die Militärrichter hätten ebenso gut      anderer Soldaten                                           heute warten.
 ge, die in irgendeiner Weise den Interessen der          den Straftatbestand der Wehrkraftzersetzung oder                                                                     Die meisten der wegen Kriegsverrats verurteilten
 kämpfenden Volksgemeinschaft zuwider handelten,          einen anderen Paragraphen gegen sie zur Anwen-          In den Beratungen des Deutschen Bundestages hat            Wehrmachtsoldaten leisteten auf unterschiedliche
 vernichten zu können. Die wegen Kriegsverrats er-        dung bringen können.                                    das Argument eine Rolle gespielt, es sei nicht aus-        Weise politischen Widerstand gegen das NS-Regi-
 gangenen Todesurteile sprechen genau diese Spra-           Wie eine qualitative Analyse der dokumentierten       zuschließen, dass die von den so genannten Kriegs-         me, andere halfen verfolgten Juden oder Kriegsge-
 che.                                                     Fälle ergeben hat, handelten keineswegs alle 68 Sol-    verrätern begangenen Handlungen »eine Lebensge-            fangenen, wieder andere desertierten und liefen zu
   Die Zuständigkeit für den Straftatbestand Kriegs-      daten, die wegen Kriegsverrats verurteilt wurden,       fährdung für eine Vielzahl von Soldaten« mit sich          den Partisanen über. Selbst die einseitig von der Be-
 verrat (für die Fälle nach den Paragraphen 57, 59, 60    im Sinne eines bewussten politischen Widerstandes       gebracht hätten, was auch im Falle eines völker-           trachtungsweise der NS-Militärrichter geprägten
 Militärstrafgesetzbuch) lag seit Kriegsbeginn            gegen den Nationalsozialismus. Aktiven Wider-           rechtswidrigen Angriffskrieges nicht entschuldbar          Quellen lassen erkennen, dass die meisten Fälle von
 grundsätzlich beim Reichskriegsgericht. Für An-          stand leisteten, so weit dies den Urteilen zu entneh-   sei. In der Tat haben sowohl Angehörige des kon-           »Kriegsverrat« politisch oder moralisch/ethisch
 gehörige des im Operationsgebiet befindlichen            men ist, wahrscheinlich 27 der wegen Kriegsverrats      servativen Widerstandes – Zivilisten und Militärs –        motiviert waren. Sie waren Opfer einer willkürlich
 Feldheeres konnten auch die Feldkriegsgerichte           Verurteilten. Weitere 19, also ein knappes Drittel      als auch Personen aus der Berliner Widerstands-            urteilenden und gnadenlosen NS-Militärjustiz. Wer
 tätig werden. Im Herbst 1944 wurde die Zuständig-        dieser Opfer der NS-Militärjustiz, verfolgten offen-    gruppe »Rote Kapelle« militärische Angriffspla-            Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime
 keit auf den Volksgerichtshof und die neu einge-         bar das Ziel, auf irgendeine Weise etwas zur Beendi-    nungen verraten. Es ist jedoch nicht erkennbar, dass       für legitim hält, sollte den wegen Kriegsverrats Ver-
 richteten Standgerichte ausgedehnt. In der Quellen-      gung des Krieges beizutragen, was ebenfalls als ein     diese Informationen zu einer unmittelbaren Le-             urteilen die Rehabilitierung nicht verweigern.
 sammlung Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und           widerständiges Verhalten betrachtet werden kann.        bensgefährdung einer Vielzahl deutscher Soldaten
 Kriegsverrat werden die wegen Kriegsverrats ver-         Bei dem verbleibenden Drittel ist ein widerständiges    geführt hätten. Die meisten »kleinen Leute« in Uni-        Literaturempfehlung:
 hängten Todesurteile des Reichskriegsgerichts, des       Potential nicht ohne weiteres zu erkennen, was al-      form hatten zu einem Geheimnisverrat dieser Art            Wolfram Wette und Detlef Vogel (Hrsg.): Das letzte
 Volksgerichtshofs und einzelne Feldkriegsgerichts-       lerdings auch der für die Kriegsgerichtsurteile typi-   gar keine Gelegenheit.                                     Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat. Mitarbeit von
 urteile dokumentiert. Die Urteile der Feldkriegsge-      schen Verfolgerperspektive geschuldet sein kann.          Das Argument macht auf einer größeren Ebene              Ricarda Berthold und Helmut Kramer. Mit einem Vor-
 richte insgesamt, die seit 2005 im Bundesarchiv-Mi-        Bereits vor Kriegsbeginn 1939 und während des         Sinn: Eine Lebensgefährdung für einen Vielzahl             wort von Manfred Messerschmidt. Berlin Aufbau-Ver-
 litärarchiv Freiburg verwahrt werden, sind noch          Zweiten Weltkrieges hatten Angehörige des konser-       deutscher Soldaten ging von Hitler und der will-           lag 2007, 564 Seiten, 24,95 Euro.
                                                                                                                                                                                                                   EDITION
                                                                                                                                                                                                                         Freitag




                        Willi Brüggen/Michael Jäger                        Michael Jäger/Andrea                              Charlotte Wiedemann                                   Paul Parin
                        (Hg.)                                              Roedig/Gerburg Treusch-
                                                                           Dieter (Hg.)                                      Die Hütte der kleinen                                 Lesereise
                        Brauchen wir Feinde?                                                                                 Sätze                                                 »Lesereise« umfasst
                        Feindbildproduktion                                Gott und die                                                                                            Erzählungen,
                                                                                                                             Politische Reportagen aus
                        nach dem 11. September                             Katastrophen                                      Südostasien
                                                                                                                                                                                   Psychoanalytisches,
                        in sozialpsychologischer und                                                                                                                               Altersfragmente, Haikus.
                                                                           Eine Debatte über Religion,
                        diskursanalytischer Sicht                                                                                                                                  Ein geistreicher Reader mit
                                                                           Gewalt und Säkularisierung                        Berlin 2004, Broschur,
                                                                                                                                                                                   dem Zauber des
                                                                                                                             200 S., EUR 14,80
                        Berlin 2003, Broschur, 262 S.,                                                                                                                             unerschöpflichen Parinschen
                                                                           Berlin 2003, Broschur,                            ISBN 3-936252-04-1
                        EUR 16,80                                                                                                                                                  Fundus.
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                        ISBN 3-936252-03-3
                                                                           ISBN 3-936252-02-5
                                                                                                                                                                                   Berlin 2006, Broschur,
                                                                                                                                                                                   192 S., EUR 17,80
                                                                                                                                                                                   ISBN 3-936352-09-2
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                                      ZEITGESCHICHTE                                                                                                                                       11

D                                                                       Sabine Kebir
         er Algerienkrieg tobte bereits vier                                                                                                                                 berechtigte Wahlen für alle Einwohner Alge-         tung einer faschistoiden Bananenrepublik
         Jahre. Die Aufständischen wurden                                                                                                                                    riens ankündigte. Die Generäle allerdings           konnte de Gaulle nur knapp verhindern. Die
         als »Terroristen« bezeichnet oder                                                                                                                                   zweifelten bald daran, die richtige Person an       sich betrogen fühlenden Generäle unternah-
         auch nur als »Ratten«. Neun Zehntel
der Bewohner Algeriens galten nicht als ci-
toyens, sondern als sujets, Subjekte. Ihre in
die Illegalität gezwungenen politischen Par-
teien hatten jahrzehntelang nichts anderes ge-
                                                                        Eine Revolution                                                                                      die Macht gehievt zu haben. De Gaulle über-
                                                                                                                                                                             trug ihnen zwar offiziell jene zivilen Voll-
                                                                                                                                                                             machten für die Provinz, die sie bereits usur-
                                                                                                                                                                             piert hatten, stellte aber auch klar, dass er das
                                                                                                                                                                             Oberkommando beanspruche: »Algerien,
                                                                                                                                                                                                                                 men 1961 noch einmal einen Putsch. Er miss-
                                                                                                                                                                                                                                 lang, aber die paramilitärischen OAS-Aktivis-
                                                                                                                                                                                                                                 ten eröffneten die mörderischste Phase des
                                                                                                                                                                                                                                 Krieges, die den im Friedensabkommen von
                                                                                                                                                                                                                                 Evian vereinbarten Verbleib der Algerien-



                                                                        für de Gaulle
fordert als die vollen Bürgerrechte für Mus-                                                                                                                                 das bin ich!«                                       franzosen unmöglich machte.
lime, die ihnen die Republik der Freiheit,                                                                                                                                                                                         Die Verfolgung der zunächst teilweise zum
Gleichheit und Brüderlichkeit verweigerte.                                                                                                                                   Anfang vom Ende                                     Tod verurteilten Putschisten wurde allerdings
Nach dem Zweiten Weltkrieg war nur ein                                                                                                                                                                                           nie ernsthaft betrieben. Marie Monique-Ro-
Zweikammerwahlrecht eingeführt worden,                                                                                                                                       Die beabsichtigte Doppeldeutigkeit seines           bin dokumentiert, dass die französische Re-
in dem eine europäische Stimme acht musli-                                                                                                                                   Auftretens löste bei den Afrikanern leise           gierung den Anführern der OAS vielmehr
mische Stimmen wog. Nur zehn Schüler ei-                                VERSCHWÖRUNG IN ALGIER ■    Am 13. Mai 1958 stemmten sich die                                        Hoffnungen aus. Der tunesische Präsident            Renten zahlte oder ihnen durch ein Geheim-
ner Klasse durften Muslime sein. Das zahlen-                                                                                                                                 Bourguiba bekundete gegenüber dem franzö-           abkommen zu einem vergoldeten Exil zum
mäßige Verhältnis zu den Algerienfranzosen                              Generäle gegen das Ende der französischen Kolonialherrschaft und                                     sischen Express: »Es wird sich schnell zeigen,      Beispiel in Argentinien verhalf. Die argentini-
war aber umgekehrt. Nur jeder zehnte alge-                              putschten                                                                                            ob es de Gaulle ... gelingt, die »reaktionäre       sche Regierung war an den Erfahrungen der
rische Familienvater hatte Einkommen.

Ein ungleicher Kampf
Am 1. November 1954 waren an fünf ver-
schiedenen Orten gleichzeitig Bomben ex-
plodiert – der Auftakt des bewaffneten
Kampfes für die Unabhängigkeit. Die Front
de Libération Nationale (FLN) verfügte nur
über Gewehre zweifelhafter Qualität und
selbstgebastelte Bomben, mit denen aller-
dings verheerende Anschläge verübt wurden,
ab 1956 auch von jungen, unverschleierten
Frauen.
  Die meisten Algerienfranzosen meinten,
dass die Gleichberechtigung der Muslime
nicht hinnehmbare Nachteile für sie mit sich
bringen würde. Da die Politik das Problem
nicht lösen wollte, war es zur Sache der Ar-
mee geworden. Die sozialistische Provinzre-
gierung unter Robert Lacoste hatte ihr alle
polizeilichen Kompetenzen übertragen und
die Zwangsumsiedlung einer Dreiviertel Mil-
lion Menschen in militärisch kontrollierte
Lager bewirkt. So sollte die Unterstützung
für die FLN unterbunden werden. Riesige
Territorien wurden mit Bombenteppichen
belegt, enorme Waldflächen mit Napalm ver-
brannt.
  Doch die französische Armee wurde mit
dem Aufstand nicht fertig, obwohl sie ihre
Niederlage von Dien Bien Phu, die den Ab-
zug Frankreichs aus Indochina besiegelte, um
jeden Preis wettmachen wollte. Verschärft
setzte sie die im Indochinakrieg erfundenen
Kampfmittel ein. 1957 – während der Schlacht
von Algier – wurden 24.000 vermeintliche
Kader und Sympathisanten der FLN mittels
Elektrofolter verhört. 3.000 verschwanden
spurlos. Obwohl die Stadtguerilla ausgeschal-
tet war, konnten die Rebellen von den Dör-
fern aus jederzeit wieder zuschlagen.
  In Marokko und Tunesien waren riesige
Flüchtlingscamps und Ausbildungslager ent-
standen. Obwohl die Grenzen mit elektrisch
geladenen Stacheldrahtzäunen gesichert wa-
ren und französische Flugzeuge die Lager
bombardierten, erfolgten auch von dort na-
delstichartige Aktionen. Die Zerstörung des
tunesischen Dorfes Sakhiet am 18. Februar
1958, bei der 79 Menschen ums Leben ka-
                                                   Dirk Alvermann (2)




men, war schließlich Anlass, Frankreich auf
der Konferenz von Tanger international zu
ächten und es zum Rückzug aus allen Kolo-
nien aufzufordern.
  Die Erfolglosigkeit der militärischen Ope-
rationen und die wachsende Panik der Alge-
rienfranzosen trugen entscheidend zur chro-                             der Republik, bestimmt war. Er warnte da-         regt, ergänzt durch ein Defilée von Kriegsve-      Woge«, die ihn an die Macht gebracht habe,          Helden der Schlacht von Algier für die Zer-
nischen Instabilität der IV. Republik bei: Im                           vor, dass jede auf die Unabhängigkeit Algeri-     teranen und Gaullisten in Paris. Auf dem           »zu bezwingen und seinem Land neue Größe            schlagung ihrer linken Opposition interes-
April 1958 führte die 20. Regierungskrise                               ens zielende Aktion von der Armee als un-         Höhepunkt der Demonstration wollten sie            zu geben ...Wenn das aber bedeutet, das wir         siert. Auf diese Weise wurden die für Koloni-
zum Rücktritt von Premierminister Gaillard.                             hinnehmbare Schmach empfunden würde.              sich als Schirmherren eines Comité de salut        klein bleiben müssen, ist das nicht gut.«           alkriege entwickelten Foltertechniken auf ein
Die in Algerien operierenden Generäle wa-                               Fett gedruckt folgte die Drohung: »Ihre Re-       public erklären. In einer letzten Amtshand-          De Gaulle indessen erwies sich als Machia-        formal demokratisches Land übertragen. Die
ren nur die Speerspitze einer auch in der Me-                           aktion der Verzweifelung wäre unkalkulier-        lung hatte Lacoste erfolglos versucht, diese       vellist. Obwohl er den für die Militärs und die     alten OAS-Kader übernahmen bald eine rege
tropole virulenten Bewegung für eine auto-                              bar.« »Wir, junge Offiziere«, erinnerte sich      Demonstration zu verbieten. Am Morgen              Algerienfranzosen entscheidenden Schritt,           Vortrags- und Lehrtätigkeit auch in anderen
ritäre Lösung. Viele sahen in Charles de                                der junge Fallschirmjägerkapitän Chabanne,        des 13. Mai unterrichtete der Generalsekretär      Algerien endgültig zum Teil des Mutterlan-          lateinamerikanischen Ländern, schließlich
Gaulle, der an der Spitze der Forces Françai-                           »haben einen entscheidenden Schritt getan         der Polizei von Algier, Paul Teitgen, den Ge-      des zu erklären, verweigerte, ließ er den Krieg     auch in den USA. Diese wiederum machten
ses Libres im Zweiten Weltkrieg die Nation                              und die Regeln der militärischen Disziplin        neralkonsul der USA, die sich für die von der      – einschließlich der Folter – noch vier weite-      sich die von den Franzosen entwickelten
schon einmal gerettet hatte, eine geeignete                             durchbrochen, die eigentlich unsere Bibel         FLN geforderte Unabhängigkeit einsetzten,          re Jahre toben. Offenbar ging er davon aus,         Praktiken im Vietnam-Krieg dienstbar.
Führungsfigur. Er hatte erreicht, dass die                              darstellen. Aber warum es verheimlichen –         vom Plan der Generäle und zog den Ver-             dass die Armee nur unter Kontrolle zu halten
Souveränität des durch Amerikaner und                                   wir waren für eine Idee entflammt, die wir für    gleich zu Franco, dessen Putsch ebenfalls von      sei, wenn sie vor einer militärischen Nieder-       Zum Weiterlesen:
Engländer befreiten Frankreichs sofort wie-                             das Anliegen der Nation hielten.«                 Nordafrika ausgegangen war. Doch alle              lage »bewahrt« würde. Gleichzeitig bereitete        Ives Courrière La guerre d`Algérie. L’heure
der hergestellt und die Integrität des franzö-                            Robert Lacoste begriff, dass er weder           Bemühungen waren vergeblich, die Regie-            er aber auch Verhandlungen mit der algeri-          des colonels, Paris 1970.
sischen Weltimperiums anerkannt wurde.                                  Rückendeckung durch den Präsidenten noch          rung in Paris reagierte nicht.                     schen Exilregierung vor.                            Jean Daniel De Gaulle et l’Algérie, Paris 1986.
Nachdem 1953 seine Versuche, eine Verfas-                               durch seine eigene Partei erwarten konnte.          Ab 13 Uhr bewegte sich eine Großdemon-             Die von Linken wie Sartre damals prognos-         Marie-Monique Robin Escadrons de la mort,
sung durchzusetzen, die die Macht des Präsi-                            Am 10. Mai gab er sein Amt auf und kehrte         stration von Algerienfranzosen in das Zen-         tizierte Entwicklung Frankreichs in Rich-           l’école française, Paris 2004
denten gegenüber der Nationalversammlung                                nach Paris zurück. Das war jedoch nicht im        trum von Algier. Aus Lautsprechern war zu
stärken sollte, gescheitert waren, hatte er sich                        Sinne der Generäle, die ihn zu ihrer Mario-       hören, Algerien stünde in Paris zum Ausver-        Anzeige
nach Colombey les Deux-Églises zurück ge-                               nette machen wollten. General Jacques Mas-        kauf an. »Algérie française!« wurde skandiert
zogen. Er und seine Partei, das Rassemble-                              su begleitete Lacoste zum Flugplatz und ver-      und auch »Die Armee an die Macht!« Als die
ment du Peuple Francais, warteten aber nur                              suchte bis zur letzten Minute, ihn umzustim-      Menge das Regierungsgebäude stürmte, wies
auf die Gelegenheit, die Macht zu ergreifen.                            men – vergebens.                                  Salan die Fallschirmjäger an, nichts dagegen
                                                                                                                          zu unternehmen. So flogen alsbald Papier
Ein neues Dien Bien Phu?                                                Die Verschwörung                                  und Schreibmaschinen aus den Fenstern, be-
                                                                                                                          geistert begrüßt von fanatisierten Menschen,
Auch die algerische Provinzregierung von                                Die Geschichtsschreibung der westlichen           die glaubten, mit dem Untergang der IV. Re-
Lacoste war am Ende. Neben der martiali-                                Kerndemokratien erinnert sich ungern an           publik sei das Algerien-Problem zu lösen.
schen Geste hatte er hin und wieder auch                                operettenhaft wirkende, tatsächlich aber          Schließlich zeigten sich die Generäle Massu,
Milde gezeigt, als er beispielsweise das To-                            cäsaristische Einschnitte in ihre Geschichte      Trinquier und Thomazo auf dem Balkon und
desurteil für die Terroristin Djamila Bouhi-                            und weist Verschwörungstheorien weit von          verkündeten die Gründung des Wohlfahrts-
red in lebenslängliche Haft umwandelte.                                 sich. Im Falle der V. Republik aber räumen        komitees. Paris wurde aufgerufen, ebenfalls
Aber sowohl die Generäle als auch die Alge-                             nicht nur die Historiker, sondern auch zahl-      eine »Regierung des öffentlichen Wohls« zu
rienfranzosen forderten auf einer Demon-                                reiche beteiligte Militärs ein, dass der Putsch   installieren, »die fähig ist, Algerien als inte-
stration am 8. Mai 1958, hart durchzugreifen.                           am 13. Mai 1958 und die »Volksempörung«           gralen Bestandteil der Republik zu bewah-
Beim Abendessen ließ Lacoste die Generäle                               als populistisches Spektakel genau geplant        ren«.
unmissverständlich wissen, dass ihnen ein di-                           waren. Capitaine Chabanne erfuhr schon am           Am 1. Juni wurde de Gaulle von Coty zum
plomatisches Dien Bien Phu bevorstehe. Die                              12. Mai von General André Petit, dass er als-     Ministerpräsidenten ernannt. Am 4. Juni zog
verblüfften Militärs beschlossen, das Schick-                           bald in eine »Revolution für de Gaulle« ver-      er unter Konfettiregen triumphal in Algier
sal der Nation selbst in die Hand zu nehmen.                            wickelt werden würde.                             ein. Die begeisterte Menge skandierte erneut:
  Am Morgen des 9. Mai sandte General Ra-                                 In Algier hatten die Generäle für den 13.       »Algérie Francaise!«. Weil er ihr sein be-
oul Salan ein Telegramm nach Paris, das an                              Mai einen Generalstreik und eine Trauer-          rühmtes: »Je vous ai compris« – »Ich habe
den Oberbefehlshaber der Armee, General                                 kundgebung für drei von der FLN exeku-            euch verstanden« zurief, befremdete es of-
Ely, gerichtet, aber für Coty, den Präsidenten                          tierte französische Militärangehörige ange-       fenbar nur wenige, dass er gleichzeitig gleich-
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Freitag 20
12                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   16. Mai 2008



                                                                                                                                                                                                                                                                               Zentrum Berlins, gegen den Tempelhofer
                                                                                                                                                                                                                                                                               Acker gehalten, etwa eine architektonische
                                                                                                                                                                                                                                                                               Erleuchtung? Selbst die Scharoun-Bauten
                                                                                                                                                                                                                                                                               sind von außen kaum und von innen ja auch
                                                                                                                                                                                                                                                                               nur erträglich, wenn die Philharmoniker gut
                                                                                                                                                                                                                                                                               drauf sind. Und wagt man sich in den Pausen
                                                                                                                                                                                                                                                                               überhaupt noch auf die ausgeblichenen Tep-
                                                                                                                                                                                                                                                                               piche der Foyers zu den Ständen mit den lau-
                                                                                                                                                                                                                                                                               warmen Würstchen, rieselt nicht schon der

                             Aboprämie                                             Jahrmarkt in St. Nimmerlein                                   Demokratie sollte es den Bürgern überlassen,                Erste Reihe                                                       Putz von den Decken, auch andernorts in
                                                                                   Michael Jäger, »Wer hätte das Recht, sie faul zu nennen?«
                                                                                                                                                 sich selber ihre Meinung zu bilden. Mich in-                Heinrich Senfft, »Einer, dem man glaubt« (Über den Ex-
                                                                                                                                                                                                                                                                               Berlin? Hängen nicht überhaupt diese ganze
                                                                                   (Vollbeschäftigung wäre möglich) Freitag 17 vom 25. 4. 2008   teressieren die Filme und sonstige Publika-                 Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker), Freitag 17             aufgeblasene Metropole und ihre Repräsen-
    Wenn Sie in dieser Woche ein Jahres-                                                                                                         tionen aus dem Dritten Reich sehr, ich habe                 vom 25. 4. 2008                                                   tanten am Tropf der ach so grauen Provin-
                                                                                   In seinem Artikel sieht der Autor durch ein                   aber keine Lust bei irgendwelchen Neonazis                  Das zeichnet den Freitag eben aus; etwas zu                       zen? Dieser Republik ist vor allem eins zu
    abo bestellen oder verschenken,
                                                                                   bedingungsloses Grundeinkommen das Spiel                      nach solchen Sachen zu suchen oder mich                     bringen, was andere Zeitungen »abschlägig                         wünschen: die größtmögliche Ferne von Ber-
    erhalten Sie von uns als Geschenk                                              von Angebot und Nachfrage ermöglicht.                         strafbar zu machen durch Besitz oder Er-                    beschieden« haben. Gut so! Offenbar fühlten                       lin und die zensorische Schranke gegen un-
    Literaturgeschichten aus der DDR:                                              Diese »Lehrbuchweisheit« von Angebot und                      werb.                                                       sich diese der präsidialen Noblesse verpflich-                    zuständige Vergleiche der metropolitanen
    »Zensurspiele«                                                                 Nachfrage kann nicht unwidersprochen blei-                                     Klaus-Dieter Neuman, Köln                  tet und wollten die Rede des damaligen Bun-                       Uninformiertheit: laut jüngster dpa-Mel-
                                                                                   ben. Wenn das Arbeitsvolumen abhängt vom                                                                                  despräsidenten von Weizsäcker zum 8. Mai                          dung liegt die Provinzstadt Osnabrück im
                                                                                   Stand der Arbeitsproduktivität, sinkt das Vo-                                                                             1985 unangetastet in die Schulbücher einge-                       »touristischen Aufwärtstrend«, nicht Tem-
                                                                                   lumen tendenziell (aufgrund der Produkti-                     Langweilig                                                  hen lassen. Aber Versöhnung – wie ein Kir-                        pelhof, nicht Berlin!
                                                                                   vitätssteigerung). Wenn bei sinkendem Ar-                     Wilhelm von Sternburg, »Das St. Florians-Prinzip« (De-      chentagsresümee präsentiert – hat ohne Be-                                         Rüdiger Zielke, Osnabrück
                                                                                                                                                 batte zu den Perspektiven der Linken), Freitag 17 vom 25.
                                                                                   beitsvolumen das Angebot an Arbeit sinkt,                     4. 2008                                                     nennung der Schuldigen an Faschismus und
                                                                                   wie erfolgt dann dank bedingungslosem                                                                                     Krieg und ohne eigenes Schuldeingeständnis
                                                                                   Grundeinkommen (BGE) im freien Spiel der                      Was soll dieses gebetsmühlenartige und in-                  eben nicht die politische und moralische                          Kriegsspielplatz
                                                                                   Ausgleich von Angebot und Nachfrage?                          zwischen ziemliche langweilige Wiederholen                  Qualität, die uns glaubhaft gemacht werden                        Paul Schäfer, »Die US-Streitkräfte in Deutschland« (Do-
                                                                                                                                                                                                                                                                               kument der Woche), Freitag 15 vom 11. 4. 2008
                                                                                   Müssen die Arbeitssuchenden diesen Aus-                       der These, Lafontaine sei ein »Wanderer zwi-                soll.
                                                                                   gleich durch Verzicht auf ihre Nachfrage her-                 schen den Parteiwelten«. Lafontaine ist nir-                  Wenn die Kontinuität konservativer deut-                        Nicht nur Deutschland, Europa ist der
                                                                                   stellen? Hätten wir dann nicht, was wir heu-                  gendwohin gewandert. Gewandert ist seine                    scher Elite am Beispiel derer von Weizsäcker                      Kriegsspielplatz des amerikanischen Präsi-
                                                                                   te ohne BGE auch schon haben: die Arbeits-                    ehemalige Sozialdemokratische Partei, die                   so aussieht, dass der Großvater als Minister-                     denten. Rund 50.000 Mann seiner kriegsbe-
                                                                                   losen wollen arbeiten (Nachfrage), finden                     alle moralischen und politischen Skrupel bei-               präsident (von Württemberg) unterm König                          währten Truppen stehen in Deutschland. In
                                                                                   aber keine Stelle (Angebot)? Viele akzeptie-                  seite geschoben hat, als sie sich unter Schrö-              »diente«, der Vater als Staatssekretär unter                      Italien und anderen NATO-Staaten des »al-
                                                                                   ren heute Arbeit zu einer Entlohnung unter-                   der zur Agenda-Politik verführen ließ. Wenn                 Hitler und der Sohn als Bundespräsident –                         ten Europa« werden es auch mehrere Tau-
                                                                                   halb des Existenzminimums, nur um nicht                       sich die SPD hier zu keiner Kurskorrektur                   tja, ist man da nicht versucht zu sagen: Staats-                  send sein. Besonders bemüht ist der amerika-
                                                                                   arbeitslos zu sein. Wie tief sollen die Löhne                 entschließt, wird sie weiter nach rechts wan-               form egal – Hauptsache in der ersten Reihe.                       nische Präsident aber um die ehemaligen
                                                                                   noch sinken, bis Vollbeschäftigung erreicht                   dern, nicht Lafontaine nach links.                                                  Jürgen Schaudt, Berlin                    Ostblockstaaten und um Gebiete der einsti-
                                                                                   ist? – Das Versprechen des Neoliberalismus                                 Markus Hahnenberg, Karlsruhe                                                                                     gen Sowjetunion selbst. Nach Unterstützung
                                                                                   ist Jahrmarkt in Sankt Nimmerlein.                                                                                                                                                          der Orange Revolution in der Ukraine will er
                                                                                     Regeln Angebot und Nachfrage die Waren-                                                                                 Eine Farce                                                        das Werk jetzt vollenden und das Nachbar-
                                                                                   produktion? In Haiti besteht zur Zeit eine er-                Nicht ernst zu nehmen                                       Magnus Klaus, »Mob« (Volksbefragung über Flughafen                land Russlands unter der Führung des Präsi-
      Ich abonniere / verschenke                                                   höhte Nachfrage nach Nahrungsmitteln,                         »Die Strucks haben obsiegt« (Interview mit Peter Conradi    Tempelhof), Freitag 17 vom 25. 4. 2008
                                                                                                                                                                                                                                                                               denten Juschtschenko in die NATO führen.
                                                                                                                                                 über das Ende der Staatsbahn), Freitag 17 vom 25.4. 2008
                                                                                   ohne dass daraus ein entsprechendes Ange-                                                                                 Es geht schon auch um Tempelhof. Diejeni-                         Schneller werden aber Kroatien und Maze-
 den Freitag für mindestens ein Jahr                                               bot resultiert. Die Menschen sind schlicht zu                 Ist Conradis Resignation berechtigt? Dass Pe-               gen, mit denen ich sprach, trauern dem My-                        donien NATO-Basen sein. Auf Kroatien
                                                                                   arm. Hedgefonds erzielen durch Spekulation                    ter Struck seinen Abschied erst mit dreijähri-              thos nach, dem rettenden Rosinenbomber.                           warten schon 40 F-16-Kampfflugzeuge aus
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                                                                                   mit Nahrungsmitteln höhere Renditen als                       ger Verspätung in Aussicht stellt, lässt das so             Was mich an der Farce dieses Volksentscheids                      Beständen der US-Armee.
 Name, Vorname                                                                     durch Befriedigung der Nachfrage nach                         sehr befürchten wie der Anti-SPD-Wahl-                      in Berlin aber so wütend macht, ist Folgen-                         Die Europäische Union tut, was sie kann,
                                                                                   Nahrungsmitteln. Der herrschende Neolibe-                     kampf, den die Minister Tiefensee und Stein-                des: Es sollte über etwas abgestimmt werden,                      um die Ambitionen für »Amerikas Strategie
 Strasse, Nr.                                                                      ralismus führt seine eigene Propaganda ad                     brück durch das Kleben an ihren Ämtern be-                  ganz demokratisch, das längst gesetzlich ent-                     der Vorherrschaft« (Zbigniew Brzezinski) zu
                                                                                   absurdum! Mir scheint das BGE soll ein Ret-                   treiben. Aber wo bleibt eigentlich der zuge-                schieden ist. Ein durch nichts gerechtfertigter                   unterstützen. Der für diesen Zweck instal-
 Plz, Ort
                                                                                   tungsanker sein für eine Krise des ökonomi-                   sagte SPD-Sonderparteitag? Dass Struck den                  Kampf also. Und für diesen Kampf wurde                            lierte Außenbeauftragte Javier Solana ist rast-
 Die Rechnung geht an:
                                                                                   schen Systems, die noch immer unbegreiflich                                                                                                                                                 los darum bemüht. Nur hin und wieder wer-
                                                                                   erscheint.                                                                                                                                                                                  den vereinzelt ganz schwache, leise, kaum
 Name, Vorname                                                                                                 Lars Laue, Berlin                                                                                                                                               vernehmbare Bedenken geäußert.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Erich Schäfer, Wien
 Strasse, Nr.
                                                                                   Postergirl
 Plz, Ort                                                                          Geri Krebs, »Schlaflos in Havanna« (Der Blog Generación                                                                                                                                     Zeit gestohlen
                                                                                   Y), Freitag 18 vom 2. 5. 2008                                                                                                                                                               Marco Lauer, »Der Verräter wohnt idyllisch« (Jean-Ziegler-
 Datum, Unterschrift                                                                                                                                                                                                                                                           Porträt), Freitag 16 vom 18. 4. 2008
                                                                                   Mit Irritation habe ich den Artikel Schlaflos
     Zahlungsweise                                                                 in Havanna gelesen – ich frage mich, was                                                                                                                                                    Ich freue mich immer, wenn Jean Ziegler in
               monatl.*    1/4j.     1/2j.      1/1j.                              zum Teufel die Redaktion veranlasst hatte,                                                                                                                                                  den Medien unverstellt und vielfach selbst zu
  Normalpreis ❑ E 11,00 ❑ E 33,00 ❑ E 066,00 ❑ E 132,00                            eine ganze Seite mit riesigem Foto einem fast                                                                                                                                               Wort kommt: dieser gebildete, aufklärerische
  ermäßigt** ❑ E 07,70 ❑ E 23,10 ❑ E 046,20 ❑ E 092,40                             inhaltsleeren Bericht zu widmen. Natürlich                                                                                                                                                  und kämpferische Mann. Der »Reisebericht«
  Förderabo ❑ E 18,50 ❑ E 55,00 ❑ E 110,00 ❑ E 220,00                              ist man neugierig, wie Kuba sich entwickelt,                                                                                                                                                von Marco Lauer jedoch bringt fast gar
  Als Prämie für ein Jahresabo möchte ich
                                                                                   und natürlich ist der Preis »Ortega y Gasset«                                                                                                                                               nichts, was Ziegler nicht schon vor Jahren in
  ■ Dario Fo ■ Gerhard Holtz-Baumert                                               eine wichtige Auszeichnung: bloß warum                                                                                                                                                      Filmberichten erzählte – oder etwa in seinem
                                                                                   blieben die anderen Preisträger namens-                                                                                                                                                     Buch Die neuen Herrscher der Welt und ihre
  (Ausland zzgl. Versand / Jahr: Luft: E 41,- / Land: E 31,-)
   * nur bei Erteilung einer Einzugsermächtigung
                                                                                   beziehungsweise gesichtslos, die über so un-                                                                                                                                                globalen Widersacher. Warum stellt der Au-
  ** Für Schüler, Studenten, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und                 wichtige Themen wie Krieg und Kindesmiss-                                                                                                                                                   tor Jean Ziegler keine aktuellen Fragen – war-
     Rentner gegen Beleg                                                           brauch berichteten – während »unsere tapfe-                                                                                                                                                 um stiehlt er Ziegler die Zeit?
  ❑ bequem per Bankeinzug             ❑ nach Erhalt einer Rechnung                 re Bloggerin«, die sich über die langweiligen                                                                                                                                                          Albrecht Elsässer, Castrop-Rauxel
                                                                                   Reden kubanischer Politiker hermacht, vom
  Geldinstitut                                                                     Freitag als Postergirl präsentiert wird?
                                                                                     Dass Frau Sánchez sich auch darüber be-                                                                                                                                                   Mehr Ost und West
                                                                                                                                                                                                                                                                      Ajubel




  Bankleitzahl                      Kontonr.                                       schwert, drei Uhr morgens pausenlos von                                                                                                                                                     Nachdem ich seit Jahrzehnten Die Tat, spä-
  Vertrauensgarantie: Mir ist bekannt, dass ich diese Bestellung innerhalb von 7   westlichen Journalisten mit Telefonaten be-                                                                                                                                                 ter Die DVZ/Die Tat und jetzt den Freitag
  Tagen (Poststempel!) schriftlich beim Verlag Freitag, Potsdamer Str. 89, 10785
  Berlin, widerrufen kann.
                                                                                   lästigt zu sein, sagt ja viel über die Funktion,                                                                                                                                            mit Unterbrechungen gelesen habe, würde
                                                                                   die sie für den Westen erfüllt, wie auch viel                                                                                                                                               ich mir wünschen, wieder verstärkt Berich-
                                                                                   über die Faulheit und Beschränktheit des                      verhindern wollte, geht doch offenbar die de-               geworben mit Mitteln, deren Ursprung völ-                         te, Reportagen, Kommentare, Glossen zu je-
  Datum, 2. Unterschrift                                                           heutigen Journalismus. Dass auch der Freitag                  mokratischeren Teile der SPD nichts an. Und                 lig unklar ist.                                                   nen Themen zu finden, die unsere Wochen-
                                                                                   sich auf diese Niveau begibt, ist eine Enttäu-                wo bleiben die parlamentarischen Entschei-                    Kann sich das hoch verschuldete Berlin so                       zeitung in der Vergangenheit aus meiner
                                                                                   schung.                                                       dungen in Bundestag und Bundesrat? Durch-                   etwas leisten? Könnte es sich einen dritten                       Sicht etwas vernachlässigt hat, das heißt:
      Coupon bitte ausfüllen, ausschneiden und einsenden an:                                                             Jan Ralske              regieren per »Notverordnung« konnte man                     Flughafen leisten? Das Wichtigste aber: Ich                       Zum Antifaschismus, zur Auseinanderset-
       AVZ GmbH, Aboservice Freitag, Storkower Str. 127 A,                                                                                       nur dank der Weimarer Verfassung. Und Be-                   würde gern über manche Probleme entschei-                         zung mit Rassismus und Antisemitismus,
           10407 Berlin. Oder faxen: 030 428040-42                                                                                               schlüsse einer Regierung, die sogar Tiefensees              den dürfen oder zu ihnen befragt werden. Es                       mit der NPD und DVU, zur Friedenspolitik
                                                                                   Mündiger Bürger                                               inzwischen obsoleten Verkaufsplan vom                       böte sich genug an. Nur da ist Volkes Wille                       und vor allem zu dem Thema, das aus dem
                                                                                   Ingo Arend, »Den Geist in die Flasche« (Sollen Wissen-        Sommer 2007 durchwinkte, sollte gerade in                   nicht gefragt.                                                    Untertitel »Ost-West-Wochenzeitung« her-
                                       ISSN 0945-2095

Freitag
                                                                                   schaftler Hitlers Mein Kampf in einer kritischen Edition
                               Hervorgegangen aus dem Sonntag,                     herausgeben?), Freitag 18 vom 2. 5. 2009                      Verkehrs- und Umweltfragen wirklich nie-                                    Christel Dobenecker, Berlin                       vorgeht.
Die Ost-West-Wochenzeitung
                               Berlin, gegründet 1946 vom Kultur-                                                                                mand mehr ernst nehmen. Wäre die öffentlich                                                                                   Die aktuelle Auseinandersetzung in der SPD
                               bund zur demokratischen Erneue-
                                                                                   Warum soll man Mein Kampf nicht überall                       niemals diskutierte Version wirklich so viel                                                                                  über ihr Verhältnis zur Partei Die Linke bie-
rung Deutschlands, und der Volkszeitung, ehemals Deutsche Volks-
zeitung, gegründet 1953 in Düsseldorf von Reichskanzler a. D. Dr.                  kaufen können? Das so genannte Dritte                         harmloser – selbst dann, wenn die 24,9 Pro-                 Lauwarme Würstchen                                                tet hier ein breites Feld. Die Aussagen
Joseph Wirth, und der Tat, gegründet 1950 in Frankfurt/M. von der                  Reich ist doch nun mal ein Stück der deut-                    zent absolute Obergrenze blieben, die                       Warum bemüht der Mob Klaue ausgerechnet                           führender SPD-Politiker bis in die jüngste
VVN. Die Gründungsherausgeber des Freitag: Günter Gaus,Chris-
toph Hein, Gerburg Treusch-Dieter, Wolfgang Ullmann                                schen Geschichte, übrigens genauso Filme                      Schwarz-Gelb bereits eifrig torpediert? Dann                Osnabrück als Synonym für Tristesse, Ödnis                        Zeit hinein zeigen, dass hier noch viel Un-
Herausgeber: Daniela Dahn, György Dalos, Frithjof Schmidt,                         wie Jud Süß. Warum wird dem doch ach so                       hätte Mehdorn nicht öffentlich applaudiert!                 und allgemeine kulturelle Verwesung? War-                         verständnis zwischen den beiden Parteien be-
Friedrich Schorlemmer                                                              mündigem Bürger so was vorenthalten, in ei-                   Das war Beifall von der falschen Seite! Und                 um sagt er nicht einfach, dass Tempelhof                          steht. Wer, wenn nicht die Ost-West-Wo-
Verlag und Redaktion: Zeitungsverlag Freitag GmbH,                                 nem angeblich souveränen, demokratischen                      wie kaufen wir nach der nächsten Wahl unse-                 nicht grauer und öder als der Rest von Berlin                     chenzeitung Freitag, sollte hier zum Nach-
Potsdamer Straße 89, 10785 Berlin
Berliner Sparkasse, BLZ 10050000, Konto 1543424674                                 Deutschland? Ist mir schon lange ein Rätsel,                  re Bahn zurück – und, vor allem, zu welchem                 ist und der ganze Aufwand der Volksbefra-                         denken anregen?
Geschäftsführung: Heinrich Eckhoff                                                 wenn ich solche Dinge nur unter »Aufsicht«                    Preis müssen wir das tun?                                   gung deshalb nicht lohne? Oder sind der                                         Thomas Ackermann, München
Jahresbezugspreis: 132,- E. Ermäßigter Bezugspreis gegen                           von Wissenschaftlern begutachten soll. Eine                                     Bernhard May, Düsseldorf                  Potsdamer Platz, der Kurfürstendamm, das
Bescheinigung für Schüler, Studenten, Auszubildende, Arbeitslose,
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                                                                                                                tagebuch
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Redaktionsleitung: Lutz Herden, Ingo Arend
Inland, Ökologie, Wirtschaft: Tom Strohschneider, Dirk Friedrich                                                Die Globalisierung ist ein dankbarer Sündenbock und                     lassen, die die Landessprache vor »Verunreinigung«                  es ja erstere »Geltungssüchtige«, die uns einer subti-
Schneider, Michael Jäger, Ausland: Lutz Herden, Alltag, Kultur, Lite-
ratur: Ingo Arend, Matthias Dell, Tina Veihelmann, Wissenschaft,
                                                                                                                nahezu für alles haftbar zu machen: Heuschrecken,                       schützen sollen. Ein Vorkämpfer für die deutsche                    len »Gehirnwäsche« unterziehen wollen. Wir gelo-
Zeitgeschichte: Ulrike Baureithel, Reporterin: Marina Achenbach,                                                Jobkiller, Klimakatastrophe oder das diese Ausgabe                      Sprachreinheit war ein gewisser Eckart Werthebach,                  ben, uns dem zu entziehen.
Bild/Layout: Jürgen Holtfreter
                                                                                                                gewidmete Artensterben. Letzteres grassiert auch un-                    der das Berliner Abgeordnetenhaus immer wieder mit
Anzeigen: Dr. Friedrun Hardt, Tel.: 030-29781841, Sabine Weigelt,
Tel.: 030-29781842                                                                                              ter den Sprachen, denn viele sind bereits verschwun-                    entsprechenden Vorlagen traktierte. Nun bin ich ja                   In diesem Sinne wünscht wirklich »reine« Lesefreu-
Marketing: Gülcin Wilhelm, Tel.: 030-250087-32                                                                  den, und mit der allgemeinen Mobilität wandern im-                      der Ansicht, dass man den Begriff Reinheit auf Gas                  de stellvertretend die Schlussredakteurin
Satz & Reproduktionen: Michael Pickardt, Berlin                                                                 mer mehr Fremdkörper, vorab Anglizismen, in die                         oder Bier beschränken sollte. Heute jedoch beschei-                                                     Ulrike Baureithel
Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck
Am Wasserwerk 11, 10365 Berlin, www.berliner-zeitungsdruck.de                                                   Nationalsprachen ein. Manche Länder – neben dem                         nigte uns unser Leser L., dass auch wir an dieser
Für unverlangt eingesandte Manuskripte keine Gewähr.                                                            bekanntesten französischen Fall übrigens auch Polen,                    Sprachverschmutzung mitwirken mit Begriffen wie
FREITAG-Archiv-Arbeiten, Artikelrecherchen auf Anfrage                                                          Ungarn und Rumänien – haben deshalb Gesetze er-                         glam-addicts oder brainwashing ... und vielleicht sind
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                                  KULTUR                                                                                                                               13
                                                                                                                                                                                                                  linksbündig




                                                                                                                                                                                                                  Hütte
                                                                                                                                                                                                                  Wieviel Geld verträgt die
                                                                                                                                                                                                                  Kunst?


                                                                                                                                                                                                                  D
                                                                                                                                                                                                                           reißig Millionen Dollar für ein
                                                                                                                                                                                                                           Bild von Andy Warhol. 40 Mil-
                                                                                                                                                                                                                           lionen für einen Mark Rothko,
                                                                                                                                                                                                                           70 Millionen für Francis Bacon.
                                                                                                                                                                                                                  Bei den Geboten, die Christie’s und So-
                                                                                                                                                                                                                  theby’s diese Woche in New York vor-
                                                                                                                                                                                                                  liegen, reibt sich der Kunstfreund die
                                                                                                                                                                                                                  Augen. Nicht nur wegen der schieren
                                                                                                                                                                                                                  Höhe der Summe. Sondern weil damit
                                                                                                                                                                                                                  ein Trend beglaubigt scheint. Bislang
                                                                                                                                                                                                                  zahlten kapanische Milliardäre solche
                                                                                                                                                                                                                  Preise für Monets und van Goghs.
                                                                                                                                                                                                                  Doch seit 2005 übertreffen die Gesamt-
                                                                                                                                                                                                                  zuschläge der großen Auktionshäuser
                                                                                                                                                                                                                  für Künstler der Gegenwartskunst die-
                                                                                                                                                                                                                  jenigen für Werke des Impressionismus
                                                                                                                                                                                                                  und der klassischen Moderne. Unver-
                                                                                                                                                                                                                  gessen auch der Coup, als der britische
                                                                                                                                                                                                                  Künstler Damien Hirst letzten Sommer
                                                                                                                                                                                                                  einen Totenschädel aus Platin mit 8601
                                                                                                                                                                                                                  Diamanten besetzen ließ und in einer
                                                                                                                                                                                                                  Londoner Galerie für 75 Millionen
                                                                                                                                                                                                                  Dollar zum Verkauf stellte. Crash?
                                                                                                                                                                                                                  What Crash? fragte die britische Kunst-
                                                                                                                                                                                                                  zeitung The Art Spectator Ende März
                                                                                                                                                                                                                  gut gelaunt. Während in den USA rei-
                                                                                                                                                                                                                  henweise Banken liquidiert werden und




                                                                                                                                                                                                           arte
                                                                                                                                                                                                                  die Angst vor dem finalen Börsenkrach
                                                                                                                                                                                                                  umgeht, blüht der Kunstmarkt, diese
                                                                                                                                                                                                                  empfindliche Schaumkrone der Speku-
Moshe Zuckermann                                                                                                                                                                                                  lation, wie nie.
                                                                                                                                                                                                                    Kulturkritiker, die schon immer ge-




Negation der Diaspora
                                                                                                                                                                                                                  wusst haben, dass sich der Kapitalismus
                                                                                                                                                                                                                  nun auch das Schöne, Wahre und Gute
                                                                                                                                                                                                                  endgültig unterwirft, seien gewarnt.
                                                                                                                                                                                                                  Kunst und Kommerzialisierung, Kunst
                                                                                                                                                                                                                  und Globalisierung gingen stets Hand
                                                                                                                                                                                                                  in Hand, wie man an der Ausbreitung
                                                                                                                                                                                                                  holländischer Malerei in Italien und
VOLKSMUSIK ■ In Deutschland identifiziert man Klezmer-Musik mit Israel, dort gilt sie als Ausdruck einer überwundenen Herkunft.                                                                                   umgekehrt belegen kann. Das Kunst-
Anmerkungen zu einem kulturellen Relikt                                                                                                                                                                           Auktionshaus Christie’s wurde nicht
                                                                                                                                                                                                                  zufällig einige Jahre vor dem Louvre



K
        lezmermusik ist in Deutschland au-        Jahre 1968 gewertet. Das Stück basierte auf           Noch in den späten neunziger Jahren stell-      mit: Hatte man nicht zum ideologischen                    gegründet. Doch angesichts der jüng-
        ßerordentlich beliebt. Sie genießt ge-    chassidischem Lied-, Erzählungs- und Mu-            te einer ihrer herausragenden Vertreter den       Feind erklärt, wen die Nazis späterhin phy-               sten Hypertrophie des Kunstmarktes
        radezu Kultstatus. Zuweilen will es       sikgut, mithin auf Klezmer-Weisen, zeichne-         »langen Weg« zur Erlangung eines wahrhaf-         sisch auszurotten begannen? Erinnern die                  ist es überfällig, dass die Bundeskultur-
        scheinen, als begriffe man ihre Wert-     te sich aber nicht zuletzt darin aus, dass es als   tigen Friedens, der durch die israelische und     heutigen orthodoxen Juden in ihrer schieren               stiftung diese Wochen auf einer großen
schätzung und Pflege als eine Art kultureller     Unterhaltung auf öffentlicher Bühne aufge-          palästinensische Arbeiter ausbeutenden Be-        Erscheinung nicht auch an die eigenen Groß-               Konferenz in Berlin danach fragt, ob
Wiedergutmachung der Deutschen am jüdi-           führt wurde – zweifellos ein Markstein in der       triebe in Israels Kleinstädten und im Gaza-       eltern, die man in der Shoah verloren hatte?              der Bildungsauftrag, der immer noch
schen Volk. Merkwürdig ist daran, dass Klez-      israelischen Handhabung jiddischer (freilich        streifen führe, auf die gleiche Ebene mit »dem    Die Klezmermusik ist eines der kulturellen                hinter der öffentlichen Kunstförderung
mermusik in Israel ganz anders kodiert ist,       hebräisch aufbereiteter) Kulturtradition. Das       langen Weg, der durch die Keller der Unter-       Signifikanten dieser untergegangenen Welt,                steht, in dieser überschießenden Öko-
daher auch einen gänzlich anderen kulturel-       Musical, über 500 Mal aufgeführt, war nicht         drückung der orientalischen Kultur in den         die man aus verdrängter Schuld gleich mit-                nomisierung nicht längst chancenlos,
len Stellenwert einnimmt.                         zuletzt deshalb ein großer Erfolg, weil es (als     staatlichen und ›privaten‹ Sendeanstalten         verdrängte. Gerade mit den Orthodoxen er-                 womöglich schon untergegangen ist.
  Den allermeisten Israelis gilt Klezmermu-       »Chassidismus in Jeans« apostrophiert) ein          führt«. Nicht, dass sich die jüdisch-orientali-   zwingt sich das Verdrängte jedoch ab und an                 Zwar hat es in den letzten Jahren auch
sik (klezmer ist der jiddisch mutierte Aus-       sowohl junges als auch erwachsenes Publi-           schen Wortführer dieses Kulturkampfes spe-        seine Wiederkehr.                                         in Deutschland einen Museumsboom
druck für das hebräische kli semer bezie-         kum anzuziehen vermochte. Bald genug                zifisch gegen Klezmermusik als solche ausge-                                Und da sind noch die            gegeben. 6.000 stehen inzwischen hier-
hungsweise klej semer im Plural, General-         wurde dieser neue Umgang mit der Klez-              sprochen hätten; es ging ihnen ja um die Auf-                             Nationalreligiösen,               zulande, rund 600 davon Kunstmuseen.
begriff für »Musikinstrumente«) als Musik         mertradition kommerziell ausgeschlachtet            hebung ihrer eigenen Unterprivilegierung.         Die Klezmermusik Abkömmlinge des or-                      Doch mit deren Ankaufsetat könnte
des alten osteuropäischen Stetl-Judentums,        und peinlichster kulturindustrieller Praxis         Mit der Klezmermusik konnten sie aber oh-                                 thodoxen Judentums,               Christie’s vermutlich nicht einmal die
vergleichbar etwa mit kulturellen Erzeug-         unterworfen.                                        nehin nichts anfangen. Wenn diese schon
                                                                                                                                                        ist eines der           die aber ihren ideolo-            Portokosten für seine Auktionsankün-
nissen vormoderner Dorf- oder Straßen-              Das in den siebziger Jahren florierende           dem aschkenasischen Establishment in Israel       Signifikanten           gischen Frieden mit               digungen bezahlen. Zu nennenswerter
musikanten. Das war sie auch, und deshalb         Hassidic Song Festival, welches dem alljähr-        fremd war (beziehungsweise bei der ideolo-                                dem Zionismus so eng              Bedeutung kommen selbst große Häu-
avancierte sie gerade in Israel zum Gegen-        lichen Eurovision Song Contest an kulturel-         gischen Beschwörung einer untergegangenen         dieser unter-           geschlossen      haben,           ser oft erst durch Leihgaben vermögen-
stand eines anhaltenden latenten Ressenti-        ler Erbärmlichkeit in nichts nachstand, hatte       jüdischen Welt am staatsoffiziellen Shoah-        gegangenen              dass sie es waren, die            der Sammler. Und wenn die ihre Werke
ments. Denn insofern sie für das diaspori-        sein Ideologisches darin, dass es sich für au-      Gedenktag instrumentell herangezogen wur-                                 nach dem Junikrieg                nicht gebührend ins rechte Licht
sche Stetl-Judentum stand, manifestierte          thentische Traditionspflege ausgab, im Grun-        de), wie ungewohnt und fern musste sie erst       Welt, die man           von 1967 die Haupt-               gerückt sehen, drohen sie schon mal,
sich unter anderem in ihr eben das, was der       de aber nur klischiertesten chassidischen Me-       in orientalisch-jüdischen Ohren klingen.          aus verdrängter kontingente religiös-                     wie Erich Marx dem Hamburger Bahn-
moderne politische Zionismus beziehungs-          los stereotyp nachahmte, poppig aufmotzte             Der fern-nahe Nimbus der Klezmermusik                                   idealistischer Siedler            hof, mit dem Abzug. Verglichen mit der
weise die von ihm geschaffene und propa-          und zu schunkelnder Ergötzlichkeit anbot.           hatte allerdings (und hat letztlich bis zum       Schuld gleich           stellten, mit deren als-          Sammlung von Gegenwartskunst, die
gierte neuhebräische Kultur zu überwinden         Was im ursprünglichen Musical zumindest             heutigen Tage) eine weitere ideologisch kon-      mitverdrängte           bald expansivem Ko-               ein einzelner Mann, der Werber Chri-
trachtete.                                        als ehrlicher Versuch gewertet werden moch-         notierte Ursache. Durfte diese Musik näm-                                 lonisationswerk das               stian Boros, gesammelt hat und ab Juni
  Seine Ideologie des »Neuen Juden« ging          te, sich jiddischem Musikgut zeitgemäß (wie-        lich keine nennenswerte – und wenn, dann                                  Unglück der nunmehr               spektakulär in einem alten Weltkriegs-
mit einem neuen Sprach- und Kulturver-            der) anzunähern, verkam innerhalb eines             eine eher nostalgisch aufgeladene – Rezepti-      40 Jahre währenden Okkupation begann. Bei                 Bunker in Berlin-Mitte ausstellt, gleicht
ständnis einher, das in seiner Unerbittlichkeit   Jahrzehnts zur konsumatorischen Verwer-             on unter den aschkenasischen und überhaupt        ihnen hat sich Klezmermusik als kulturelles               allerdings selbst der sammlerhörige
der Absetzung und Loslösung von allem, was        tung pseudotraditioneller Bestände dessen,          keine seitens der orientalischen Juden Israels    Residuum einer orthodoxen Vergangenheit,                  Hamburger Bahnhof einer kunsthisto-
für diasporisch erachtet wurde, kaum zu           was man über Jahrzehnte dezidiert be-               erfahren, so hatte sie sich umso lebendiger im    zu der man das ambivalente Verhältnis einer               rischen Hundehütte.
überbieten war: Nirgends erfuhr Jiddisch, die     schwiegen beziehungsweise in die Ecke des           orthodox-religiösen aschkenasischen Bereich       Absage ans Diasporische bei gleichzeitiger                  Im Schatten dieser aufmerksamkeits-
Sprache der Juden Osteuropas, die Schmach         ideologisch unverträglichen Diasporischen           der Bevölkerung erhalten, dessen ultraortho-      Affinität zu seinen alten kulturellen Traditi-            heischenden Verwertungskette stehen
gesellschaftlicher und                            verwiesen hatte.                                    doxer Anteil ja bis zur Gegenwart ein Ge-         onsbeständen wahrt, erhalten. Ihre enthu-                 inzwischen die kommunalen Kunstgale-
kultureller Exklusion                               Aber schon beim Musical hätte man die             meinde- und Gemeinschaftsleben führt, wel-        siasmierten Selbstvergewisserungs- und                    rien. Im großen Kunstmonopoly drin-
so rigoros wie im prä-                            Stirn runzeln mögen. Denn ungeachtet der            ches in vielen seiner Erscheinungen stark an      Selbstbefeuerungsgesänge, bei denen Bibel-,               gen sie mit ihrem Versuch, alternative
staatlichen Israel, lan- Die Ideologie des        Tatsache, dass es an sich nur honorig sein          das alte osteuropäische Stetl-Judentum erin-      Talmud- und Psalmtexte klezmerisch aufbe-                 ästhetische Standards zu setzen, nicht
ge aber auch noch im         »Neuen Juden«        kann, wenn in einem multikulturell struktu-         nert. Da nun das (ultra)orthodoxe Judentum        reitet, mitunter markige Ideologeme der an-               mehr durch. Mehr und mehr wird das
Israel der Zeit nach der                          rierten, auf »Leitkultur« gleichwohl bedach-        aus theologischen Gründen nicht- bezie-           geblich berechtigten Herrschaft über die be-              Bild dessen, was (gute) Kunst ist, aus
Staatsgründung. »He-          ging miteinem       ten Einwanderungsland wie Israel partikula-         hungsweise antizionistisch ausgerichtet ist,      setzten Gebiete perpetuiert werden, hören                 den Geschmacksvorlieben der interna-
bräer, sprich He- Kulturverständnis               re Kulturtraditionen wahrgenommen wer-              wurde es im Laufe der Jahrzehnte zuneh-           sich nicht nur für linke israelische Ohren                tionalen Geldelite geformt, für die die
bräisch!«, lautete die                            den, handelte es sich im Falle der chassidi-        mend zum Gegenstand des Ressentiments, ja         provokant, sondern auch für die allermeisten              öffentliche Institution nur noch die Wert
Kampfparole der um                einher, das     schen Klezmermusik doch wieder um ein               eines ausgewachsenen Hasses seitens vieler        Juden Israels zumindest befremdlich an.                   steigernde Hülle abgibt. Als er hoch ge-
die Etablierung der                  in seiner    aschkenasisches Unterfangen. Sosehr die             zionistischer Israelis erhoben. Einiges             Das will wohlverstanden sein: Im Zuge der               nug war, zog der sammelnde Immobili-
Nationalsprache be-                               Stetl-Kultur im israelischen Zionismus aus-         kommt hier zusammen: Die Orthodoxen               auch Israel seit den siebziger Jahren über-               enunternehmer Dieter Bock vor drei
mühten, puristisch aus-     Unerbittlichkeit      gegrenzt beziehungsweise für ein fernes Exo-        werden als »parasitär« beschimpft, weil sie       schwemmenden, pop-, rock- oder sonstwie                   Jahren 500 der Werke aus dem Frankfur-
gerichteten Sprach-                   kaum zu     tikum erachtet wurde, handelte es sich um ei-       auf Staatskosten lebten, angefeindet, weil sie    beseelten Kulturindustrie war das Schicksal               ter Museum für Moderne Kunst ab, die
ideologen. Nirgends                               nen Kulturbereich, der im großen Ganzen             keinen Militärdienst zu leisten brauchen, ge-     dieser jiddischen Folklore ohnehin von vorn-              sein Direktor für ihn erwerben durfte.
war der Habitus ost-         überbieten war       der aschkenasischen Hegemonie in der israe-         hasst, weil sie bei der im ganzen Land erklin-    herein besiegelt, wie sich denn Folklore über-            Nicht jeder ist so großzügig wie Fried-
europäischer Lebens-                              lischen Gesellschaft zuzurechnen war. So je-        genden Sirene am Shoah- beziehungsweise           all in der Moderne dem Verdikt des objektiv               rich-Christian Flick, der Berlin vergan-
welten verpönter als                              denfalls musste es sich für viele israelische Ju-   am Gefallenen-Gedenktag oft nicht stramm          Anachonistischen ausgesetzt sah. Heutige                  genes Jahr 166 Kunstwerke geschenkt
unter den gesinnungsgestählten Sachwaltern        den orientalischer Provenienz ausnehmen.            stehen bleiben (für sie hat diese Norm nichts     Fernsehsendungen bayerischer »Volksmu-                    hat. Windigen Gestalten wie Bock könn-
des zionistischen »Neuen Juden«, die sich der     Dass dies eine deutliche kulturpolitische Di-       mit genuinem jüdischen Gedenken zu tun)           sik« als lebendige Kulturveranstaltung sind               ten auch arme Museen zwar häufiger die
»Negation der Diaspora« als Matrix ihres          mension zum Inhalt hatte, sollte sich späte-        oder zuweilen sogar schwarze Fahnen am            ein Widerspruch in sich selbst. Im Fall der               Rote Karte zeigen. Doch wer die ins
Selbstverständnisses verschrieben hatten.         stens Ende der achtziger Jahre erweisen, als        Unabhängigkeitstag heraushängen.                  Klezmermusik lag aber die ideologische                    Rutschen gekommene Balance zwischen
Und nirgends wurde eben auch die Kultur je-       jüdisch-orientalische Kulturschaffende und            Nicht ausgeschlossen aber, dass sich in die-    Konnotation des Obsoleten in der inneren                  Galerien, Sammlern und Museen neu
ner Lebenswelten abschätziger behandelt, als      Intellektuelle sich lautstark darüber zu            sem Ressentiment etwas Anderes sedimen-           Strukturlogik des Zionismus und der sich auf              austarieren möchte, muss letztere auch
unter den Protagonisten der zionistischen         echauffieren begannen, dass der sogenannte          tiert hat: Denn Aussehen und Habitus dieser       seiner ideologischen Grundlage herausbil-                 finanziell so unabhängig machen, dass
Kulturrenaissance. Klezmermusik gehörte –         »orientalische Gesang«, wie sie meinten,            Juden und ihrer Lebenswelten gemahnen ja          denden israelischen Gesellschaft. Das mag                 sie sich nicht zum Wurmfortsatz von
unausgesprochen, aber auch unübersehbar –         »von oben« beziehungsweise von aschken-             an das, was der Zionismus zu überwinden           der Beliebtheit von Klezmermusik in                       Spekulationsgeschäften machen müssen.
dazu.                                             asischen Inhabern offizieller Machtpositio-         ausgezogen war, und man beging, so besehen,       Deutschland ihren unschuldigen Charme                     Und sei es nur, um zu zeigen, dass es ein
  Als eine nicht nur kulturelle Sensation wur-    nen systematisch unterdrückt und aus den            in der Tat eine Art historischen »Vater-          verleihen, zugleich aber vielleicht auch ihrer-           paar »Werte« gibt, die man nicht
de daher die Uraufführung des Musicals Isch       Sendeprogrammen der Massenmedien offen-             mords« am halachischen Judentum. Eine nie         seits auf eine spezifisch deutsche Neuralgie              (ver)kaufen kann.
chassid haja (»Es war einmal ein Chassid«) im     bar ausgeschlossen wurde.                           ausgesprochene, latente Schuld schwingt da        verweisen.                                    ■                                          Ingo Arend
                                                                                                                                                                                                                                            Freitag 20
14                                                                                                             KULTUR                                                                                                                      16. Mai 2008


                  Musik                                                                         Kino                                                                                                 Bühne



                                                    1. Filmfestival von Banja Luka                                                                       Theatertreffen in Berlin
                                                    M       it dem Banja Luka International Film
                                                            Festival fand Anfang Mai zum ersten
                                                            Mal ein internationales Spielfilmfesti-
                                                    val in der Hauptstadt der Serbischen Repu-
                                                    blik statt. Initiiert von der Produzentin Irena
                                                                                                      Einwohner-Stadt auf heute 80 Prozent ge-
                                                                                                      stiegen.
                                                                                                         Der Programmgestaltung wurde viel Fin-
                                                                                                      gerspitzengefühl abverlangt. Filme über
                                                                                                      Reizthemen wie im Namen Serbiens began-
                                                                                                                                                         Z    eit seiner Existenz – also seit gut 200 Jah-
                                                                                                                                                              ren – hat das bürgerliche Theater einen
                                                                                                                                                              schweren Stand gehabt. Und das ist auch
                                                                                                                                                         gut so, denn es braucht den Druck von außen,
                                                                                                                                                         um sich weiterzuentwickeln. Derzeit aber
                                                    Taskovski, soll es kulturelle Impulse für eine    gene Kriegsverbrechen oder die Kosovo-Fra-         steht es von einer Seite unter Beschuss, die
                                                    Region geben, deren Image noch immer von          ge blieben außen vor. Es ist jedoch bezeich-       das Rad der Geschichte radikal zurückdre-
                                                    den Kriegsverbrechen der neunziger Jahre          nend, dass Eran Kolirins Spielfilm Die Band        hen will: den Kleinbürgern. Schon wenige
                                                    und den bis heute andauernden ethnischen          von nebenan (Bikur ha-tizmoret) über die           Tage vor dem Ende lässt sich das Theatertref-

Lauschangriff                                       Spannungen geprägt ist.
                                                      Eröffnet wurde das Festival mit Stefan Ar-
                                                    senijevics verhalten (alp)traumwandlerischen
                                                                                                      zwischenmenschlichen Herausforderungen
                                                                                                      der Reise eines ägyptischen Polizeiorchesters
                                                                                                      nach Israel beim Publikum und lokalen Me-
                                                                                                                                                         fen 2008 auf diesen Nenner bringen.
                                                                                                                                                           Auch im 45. Jahr gilt das Berliner Theater-
                                                                                                                                                         treffen als Eliteschau des deutschsprachigen
13/08                                               Liebesdrama Liebe und andere Verbrechen
                                                    (Ljubav i drugi zlocini). Neben einem Spiel-
                                                                                                      dienvertretern auf besonderes Interesse stieß.
                                                                                                      So wird das multikulturelle Mit- und Gegen-
                                                                                                                                                         Theaters, aus deren Premieren eine Jury zehn
                                                                                                                                                         Inszenierungen wählt, die sie für besonders
                                                    und Dokumentarfilmwettbewerb, in dem in-          einander in Bosnien und Herzegowina über           bemerkenswert erachtet. Das Resultat als
                                                    ternationale Festivalhits in Anwesenheit ih-      den Umweg Nahost angesprochen. Mirsad              Querschnitt einer Jahresproduktion zu neh-


Z     weiundzwanzig Jahre in Musikgeschäft,
      Heroinsucht und Alkoholismus hinter-
      lassen ihre Spuren. Ganz entspannt
wirkte Kim Deal nicht, als ich sie vor ein paar
Wochen getroffen habe, aber sie ist clean und
                                                    rer Macher zu sehen waren, gab es ein Pro-
                                                    gramm mit dem Titel »Frieden und Tole-
                                                    ranz«. Eine Kernsektion, geht es doch auch
                                                    darum, die geschlossenen Weltbilder aufzu-
                                                    brechen, die in der gebeutelten Region vor-
                                                                                                      Purivatra, Leiter des renommierten Sarajevo
                                                                                                      Filmfestivals, wünscht sich einen direkteren
                                                                                                      Zugang: »Banja Luka hat eine Frauenfilmrei-
                                                                                                      he und eine mit Menschenrechtsfilmen, zeigt
                                                                                                      aber Grbavica – Esmas Geheimnis nicht, der
                                                                                                                                                         men, ist also nur bedingt legitim; doch wirkt
                                                                                                                                                         das Auswahlverfahren wie ein Sieb, in dem
                                                                                                                                                         Repräsentatives hängen bleibt. Und das bot
                                                                                                                                                         diesmal ein beklagenswertes Bild.
                                                                                                                                                           Das begann gleich bei der Eröffnung mit
trocken. Fast zwanzig Jahre ist es her, seitdem     handenen sind.                                    beides miteinander verbindet und in der Ser-       Shakespeares Der Sturm von den Münchner
Kim Deal The Pixies verlassen hat. The Pi-            Mit ihrer Idee traf Taskovski auf Zustim-       bischen Republik bis heute nicht laufen durf-      Kammerspielen. Vom Irrtum des Unterfan-
xies, die Gruppe um Frank Black und Kim             mung beim Bürgermeister und der Regierung         te.« Jasmila Zbanics Berlinale-Gewinner von        gens kündet bereits vor Beginn eine Projek-
Deal, ging aus der Bostoner Szene hervor und        der Serbischen Republik. Sie freut sich über      2005 behandelt die Situation einer während         tion, die zum Titel eine sanfte Woge zeigt. So
ist möglicherweise die populärste »College-         die Akzeptanz, die das Festival in der »Föde-     des Krieges vergewaltigten Bosniakin und ih-       schief wie das Bild gerät die gesamte Insze-
rock« Band aller Zeiten. Irgendwann waren           ration« – dem mehrheitlich bosniakisch und        rer Tochter.                                       nierung, die Stefan Pucher als »Making of«
sie weltweit auf Tour als Vorgruppe für U2          kroatisch besiedelten Gebiet Bosnien und             Taskovski will aber – nicht nur in Sachen Po-   eines Hollywood-Streifens anlegt. Eine Hal-         »Die Erscheinungen der Martha Rubin«
und nah dran am Massenerfolg.                       Herzegowinas – findet: Zur Jury gehörten          litik – »Schritt für Schritt« vorgehen. Zunächst   tung zum Geschehen findet er aber an keiner
  Aber Indiebands schneiden sich oft ins ei-        der Leiter des staatlichen bosnisch-herzego-      geht es darum, die Filmkultur wieder zu eta-       Stelle, und selbst die Besetzung Prosperos
gene Fleisch. Kim Deal schrieb den Hitsong          winischen Fernsehens, Jasmin Durakovic,           blieren und so die gegenseitige Isolation in der   mit einer Frau (Hildegard Schmahl) wirkt            glimpft – hier in einem Raum, der zwar kei-
Gigantic für die Pixies, war frustriert, dass       und die Schauspielerin Jasna Zalica aus Sara-     Region zu durchbrechen. Bisher ist die kleine      wie ein Gag aus einem B-Movie. Und da der           ne Stehhöhe, dafür aber eine so katastropha-
Frank Black im Bereich Songwriting domi-            jevo.                                             Filmszene im serbisch dominierten Teil Bos-        Abend über die Reproduktion eines zweit-            le Akustik hat, dass die Darsteller zum
nierte, und gründete daraufhin zusammen               Obwohl sich das politische Klima stabili-       nien und Herzegowinas vor allem durch Ein-         klassigen Films nicht hinauskommt, ist er           Schreien schier gezwungen sind. Das Resul-
mit Tanja Donnelly von Throwing Muses               siert hat, gibt es Themen, die nicht ange-        zelarbeiten wie Danijela Majstorovics investi-     selbst allenfalls drittklassig.                     tat ist ein Nullsummenspiel, das die Jury tref-
ihr Nebenprojekt The Breeders. Das war              sprochen werden. So hebt eine Tourismus-          gative Dokumentarfilme über Menschenhan-             Nicht so arg, doch ähnlich verhält es sich        fend beschreibt, wenn sie »gekrümmte
der Anfang vom Ende für The Pixies. Sie             broschüre zwar die Restaurierung der              del und die Turbofolk-Industrie oder Igor          mit Die Ehe der Maria Braun nach dem Film           Rücken als triftiges Bild für drückende Ver-
verließ die Band vor allem, weil sie mehr           wichtigsten orthodoxen und katholischen           Pozgajs Circle Way (Kruzni tok), dem Portrait      von Rainer Werner Fassbinder, ebenfalls aus         hältnisse« preist.
Songs schreiben wollte. Paradoxerweise              Kirchen hervor, verschweigt aber, dass der        einer Schaustellerfamilie, bekannt geworden.       München. Gestützt auf eine treffliche Dar-            Ohnehin sind die Begründungen eine eige-
aber hat sie, seitdem sie ihre eigene Band hat,     Wiederaufbau der 1993 von serbischen Na-          An der vor sieben Jahren gegründeten Film-         stellerriege um die junge Brigitte Hobmeier,        ne Betrachtung wert; und am meisten haben
recht wenig Lieder komponiert. Vier Bree-           tionalisten zerstörten Ferhadija-Moschee          akademie in Banja Luka entstehen neben den         erzählt Thomas Ostermeier die Geschichte            jene Arbeiten darunter zu leiden, die zwar die
ders-Alben in 18 Jahren ist recht wenig. (Es        im Stadtzentrum bisher nicht vorangekom-          üblichen Existenzialismen spätpubertierender       der »Mata Hari des Wirtschaftswunders« so           Einladung zum Theatertreffen, nicht aber
gab ein flüchtiges zweites Projekt, The             men ist. Vor dem Krieg lebten in Banja Luka       Dreitagebartträger Kurzspielfilme wie Mla-         ums Detail bemüht, dass sich die Frage stellt,      solches Lob verdient haben. Am ärgsten er-
Amps, das so wenig Eindruck gemacht hat,            etwa 55 Prozent Serben, 30 Prozent Bosni-         den Djukics ideenreich choreografiertes Dra-       warum die Jury nicht den Film eingeladen            wischt hat es Tschechows Onkel Wanja aus
dass man es kaum zu ihrem Werkverzeich-             aken und 15 Prozent Kroaten, nach den             ma Name this film after me (Neka se ovaj film      hat. Vielleicht, weil der Vorlage mit der Bear-     Berlin und von Jürgen Gosch, für die Johan-
nis zählen möchte). Auf dem neuen Album             Vertreibungen und Umsiedlungen im Zuge            zove po meni) oder Dragan Radetics überstei-       beitung für die Bühne ein Stachel gezogen           nes Schütz einen schmucklosen, engen »Ka-
Mountain Battles gibt es zwar 13 Komposi-           der »ethnischen Säuberungen« ist der An-          gerte Groteske Der Briefträger und die Prin-       wird, der sie kleinbürgerlich-kommensura-           sten« gebaut hat, in dem zwar die Schauspie-
tionen, allerdings sind zwei davon Cover-           teil der Serben, nicht zuletzt durch den Zu-      zessin (Postar i princesa).                        bel macht.                                          ler, aber weder echtes Leben noch frische
versionen und die gesamte Spielzeit beträgt         zug serbischer Flüchtlinge, in der 250.000-                                           Bernd Buder      Das jedenfalls ist bei Gertrud aus Frank-         Erde Platz haben, die die Jury gesehen haben
36 Minuten. Kaum ein Lied dauert über 3                                                                                                                  furt/Main der Fall und die Einladung ein            wollen.
Minuten.                                                                                                                                                 Hohn, weil Armin Petras dergleichen sonst             Wie sehr der Wunsch den Blick verstellen
  Vor zwanzig Jahren hat Kim Deal in einem                                                                                                               nicht passiert. Offenbar war der Tobak hier         kann, belegt das Regieduo Signa mit Die Er-
Interview gesagt, dass Heroin eine tolle Sache                                                                                                           aber doch zu stark: Einar Schleefs 1.200seiti-      scheinungen der Martha Rubin aus Köln.
sei. Das sieht sie selber inzwischen anders,                                                                                                             ger Monolog, der semantisch wie grammati-           Kurz, aber erschöpfend gesagt, handelt es
aber der Schaden ist gewissermaßen gesche-                                                                                                               kalisch eine Zumutung ist. Doch auf zwei            sich um 40 Menschen, die sich in eine Sied-
hen. Dennoch ist sie nicht verschollen. Im                                                                                                               Stunden ausgedünnt und vier Spielerinnen            lung aus alten Wohnwagen begeben und eine
Gegenteil: Vor ein paar Jahren wurden The                                                                                                                verteilt, kommt der Text so naturalistisch da-      gute Woche lang so tun, als seien sie dort zu
Pixies mit fliegenden Fahnen wieder ins Le-                                                                                                              her, als sei er von Gerhart Hauptmann.              Hause. Das Publikum kann sie besuchen und
ben gerufen, sie gingen zusammen auf eine                                                                                                                  Von dem stammen Die Ratten, die in Mich-          selbst entscheiden, inwieweit es sich an der
Welttournee und haben Millionen an Umsatz                                                                                                                ael Thalheimers Inszenierung vom Deut-              falschen Lebens-Echtheit beteiligt. So
gemacht. Man vermutete, es würde ein neues                                                                                                               schen Theater Berlin nominiert waren. Doch          schlicht der Theaterbegriff, so typisch ist er
Album geben. Kim Deal komponierte sogar                                                                                                                  hätte es auch eine andere Arbeit des Regis-         für den Beschuss, unter dem das Theater der-
ein neues Pixies-Lied, Bam Thwok, aber                                                                                                                   seurs sein können, der seit geraumer Zeit stets     zeit steht: Nicht, dass alle Dauercamper
letztendlich kam kein Werk zustande. Statt-                                                                                                              an der glatt polierten Oberfläche bleibt. Zum       Kleinbürger sind. Doch wer unter ihnen die
dessen gab es ein neues Frank-Black-Soloal-                                                                                                              doppelten Ärgernis wird der schöne Schein,          künstlerische Avantgarde wähnt, ist es unter
bum. Und es gibt ein neues Breeders-Album.                                                                                                               weil Thalheimer die Stückfiguren im doppel-         Garantie.
Mich beschleicht bei diesem Werk das unan-          »Liebe und andere Verbrechen«                                                                        ten Wortsinn vorführt, indem er sie verun-                                           Rudolf Mast
genehme Gefühl, dass Mountain Battles nur
existiert, weil es nicht doch zu einem Pixies-
Comeback-Album gekommen ist.
  Mountain Battles ist eine Verlegenheitslö-                                                                                                     Medientagebuch
sung. Ein Lied auf dem neuen Album, Walk
it off klingt, als ob Kim Deal es für The Pixies
geschrieben hat. Hat sie vielleicht, nur würde
sie es zu diesem Zeitpunkt nicht zugeben.                           Andere Aufmerksamkeitsspannen, andere Produzenten: Webisodes heißen Serien, die ein Millionenpublikum erreichen
Was Kim Deal gebraucht hätte, wäre ein neu-



                                                                    Fernsehen sieht alt aus
es Mainstreampop-Meisterwerk wie das Bre-
eders-Album The Last Splash von 1993. Aber
die neue Platte ist eher das Gegenteil. Produ-
ziert mit Analog-Equipment von Steve Albi-
ni, der für seine Lofi-Bestrebungen bekannt
ist. Die Songs klingen wie Demotapes und



                                                                    S
könnten von früheren Hochglanz-Hits wie                                    ie tragen Sakkos mit Schulterpol-        Solche seriellen Videos im Internet wer-     den Pausen eifrig die Werbetrommel für           An diesen Beispielen zeigt sich, wie sehr
Cannonball und Divine Hammer nicht wei-                                    stern in indiskutablen Farben, fah-    den »Webisodes« genannt. Sie erzählen          ihre eigenen Seifen und Laugen rührten.        das Medium Fernsehen vom Erfolg des
ter entfernt sein. Dabei ist Pop das, was Kim                              ren im weißen Peugeot Cabrio mit       eine Geschichte über mehrere Folgen hin-         Andere Webisodes wie Quarterlife             Internet überrannt worden ist. Offen-
Deal am besten kann: einfache, ansteckende                                 quietschenden Reifen durchs Re-        weg, ähnlich wie Soap-Operas im Fernse-        (www.myspace.com/quarterlife)         und      sichtlich hängen Fernsehmacher noch der
Melodien und hübsche Gesangsharmonien.                              gierungsviertel, die Magnum gezückt           hen, bloß viel kürzer. Selten dauern die       Dorm Life (www.dorm-life.com) reichen          Konvergenztheorie an und gehen wie
Dazu gibt es sehr schöne Ideen auf Mountain                         und eine Pumpgun im Anschlag. Sunny           einzelnen Episoden länger als fünf Minu-       in ihrer professionellen Machart an die        selbstverständlich davon aus, dass sich
Battles, nur liegen die in der schlammigen                          und Ricardo, zwei Achtziger-Jahre-            ten. Das entspricht der Aufmerksam-            vom Fernsehen gewohnte Ästhetik von            ihre visuelle Vorherrschaft auch im Inter-
Produktion tief verborgen.                                          Cops, ermitteln auf den Straßen von Ber-      keitsspanne im Internet, die durch You-        Teenie-Soaps heran. Quarterlife spielt un-     net aufrechterhalten lässt. Mühsam versu-
  Oft passen die Songs gar nicht zusammen.                          lin-Moabit. Ihre Klientel sind Handta-        Tube-Clips präfiguriert worden ist. Und        ter frischen Uni-Absolventen und Dorm          chen sie, ihre Inhalte den neuen Begeben-
Das Eröffnungsstück Overglazed, in Hall                             schenräuber und Sozialschmarotzer. Die        siehe da: Selbst in so kurzer Zeit lassen      Life unter jungen Studienanfängern. In-        heiten anzupassen. Hatte man ihnen nicht
getaucht, ist atmosphärisch vielversprechend                        beiden Undercover-Polizisten, Stars der       sich passable Geschichten erzählen.            zwischen hat auch Google eine Webisode         versprochen, dass die beiden Medien In-
als Einstieg, hat aber mit dem Rest des Al-                         Web-Serie Moabit Vice (www.moabit-              Von der Webisode Roommates (www.             namens Cavalcade angekündigt und In-           ternet und Fernsehen zusammenwachsen
bums nichts zu tun. Am gelungensten wirken                          vice.de), wollen in ihrem Kiez aufräumen      myspace.com/roommates) gibt es bereits         ternet-Plattformen wie MySpace haben           würden? Und war nicht stets die Rede ge-
die Songs, die folkloristisch angehaucht sind,                      und stehen sich dabei meist selbst im         47 Folgen. Augenblicklich wird die zwei-       eigene Video-Sektionen (http://vids.my-        wesen vom einfachen Content-Sharing
weil sie sich am ehesten für eine minimalisti-                      Weg.                                          te Staffel produziert. Professionell begin-    space.com/) für audiovisuelle Serieninhal-     und einer kinderleichten Inhaltedistribu-
sche Herangehensweise eignen. Wie zum                                 Auch Blaschke.tv gibt es nur im Inter-      nen die einzelnen Episoden mit »Pre-           te eingerichtet.                               tion? Auf Knopfdruck sollte aus einem
Beispiel die Ballade Here no more.                                  net. Die Web-Serie des ZDF soll vor allem     viously on Roommates…«, gefolgt von              Nach dem Motto »Wenn der Berg nicht          Tatort ein Kurzkrimi für Web und Han-
  Ich glaube nicht, dass Kim Deal bewusst                           junge Zuschauer ansprechen, an denen          einer kurzen Zusammenfassung der bis-          zum Propheten kommt, kommt der Pro-            dy werden.
versucht hat, ihren Pop-Instinkt zu verdrän-                        der öffentlich-rechtliche Sender bislang      herigen Geschehnisse. Dreimal in der           phet zum Berg«, haben Fernsehsender an-          An den erfolgreichen Webisodes zeigt
gen, sondern dass sie schlichtweg keinen Plan                       vorbeigefunkt hat. Kurzerhand wurde           Woche erscheinen neue Folgen. Die unter        nonciert, spezielle Web-Versionen ihrer        sich indessen, dass sie unabhängig vom
hatte. Auf dem sanften, sehr sparsam arran-                         eine Fortschreibegeschichte um den Pro-       College-Abgängern spielende Story ist          TV-Serien aufzubereiten. So plant der US-      Fernsehen entstehen. Sie mögen sich in
gierten We’re gonna rise singt sie: »No coun-                       minentenchauffeur Hubertus Blaschke           insgesamt 12,5 Millionen Mal angeschaut        amerikanische Sender NBC, kurze Folgen         ihrer Ästhetik und Dramaturgie nicht all-
cil, no grand strategy, no sword to fall on, just                   aufgelegt, der das Glitzerleben der Stars     worden, von bis zu 100.000 Zuschauern          von Heroes, Chuck und The Office ins           zuweit vom Altmedium entfernt haben.
the light on my face.« Das sie will, ist froh zu                    und Sternchen hinter seiner Windschutz-       täglich.                                       Web zu stellen. Ob das funktioniert? Zu-       Dennoch erscheint der Vorsprung groß.
sein, dass sie am Leben ist. So ist Mountain                        scheibe verfolgt. An Blaschke.tv kann sich      Gesponsert wird Roomates von einer           mindest wirkt der Versuch, auf diese Wei-      Den jungen Webautoren sind die Rezep-
Battles ein authentischer Ausdruck für die                          jeder mittels eines »eScript-Tools« (http:    Kontaktlinsenfirma und einem Autoher-          se die unter 30-Jährigen mit gewohnter         tionsgewohnheiten der Internetjugend
Phase, in der sie sich befindet: diffus, un-                        //blog.zdf.de/escript/) beteiligen. Sieben    steller, dessen neues Kleinwagenmodell in      Fernsehkost zu bedienen, etwas verzwei-        einfach viel geläufiger als altgedienten
scharf. Post-Heroin, Post-Alkohol.                                  Wochen lang haben Web-Autoren »mit            den Episoden entsprechend in Szene ge-         felt. Auch auf dem umgekehrten Weg lie-        Branchenschreibern. Kürzlich erklärte
                               Paul Baskerville                     redaktioneller Unterstützung« an der er-      setzt wird. Im Mediengeschäft hat das          gen viele Stolpersteine: Beim Versuch, die     Marc Cherry, Schöpfer der Serie Despera-
                                                                    sten Folge herumgedoktert, in der Jenny       eine gewisse Tradition: Auch Soap Operas       Webisode Quarterlife im Fernsehen aus-         te Housewives, dass er fürs Internet nicht
The Breeders Mountain Battles. 4ad/Beggar                           Elvers-Elbertzhagen mitspielt. Der zwei-      im Fernsehen wurden ursprünglich von           zustrahlen, erlitt NBC erst im Januar          die nötige Energie habe.
(Indigo)                                                            te Streich ist in Arbeit.                     Waschmittelherstellern produziert, die in      mangels Einschaltquoten Schiffbruch.                                Helmut Merschmann
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                                KULTUR                                                                                                                                          15

E                                                 Simon Rothöhler
        in Skaterfilm, der nicht in der Half-                                                                                                                                                            derholen oder zu verwalten. Durch die Ge-
        pipe, sondern mit einer zögerlichen                                                                                                                                                              schlossenheit der Form entsteht in jedem Fall
        Schreibbewegung beginnt. Die ersten                                                                                                                                                              eine durchgehaltene Distanz zu den gezeig-
        Bilder nach der Titelsequenz zeigen
eine junge Hand, die einen Bleistift über li-
niertes Papier führt und darin Halt sucht.
Von diesem Moment des Aufschreibens aus
entwirft Gus Van Sants aktueller Film Para-
noid Park in verschachtelten Rückblenden
eine Geschichte, in deren Zentrum ein Ich
                                                  Früher oder skater
                                                  KOMPOSITION ■   Gus Van Sants hervorragender Film »Paranoid Park« über die hermetische Leere
                                                                                                                                                                                                         ten Figuren und Ereignissen.
                                                                                                                                                                                                           Im Unterschied zu Elephant verfügt Para-
                                                                                                                                                                                                         noid Park zwar nicht über die transparente
                                                                                                                                                                                                         Komplexität, die sich dort ergibt aus der Be-
                                                                                                                                                                                                         zugnahme auf die weit zirkulierten Medien-
                                                                                                                                                                                                         bilder eines zeitgeschichtlichen Ereignisses,
                                                                                                                                                                                                         dem Massaker an der Columbine High
steht, das seine eigene Perspektive auf die                                                                                                                                                              School in Littleton. Dennoch werden die
Welt noch nicht in eine Form gebracht hat.        eines erfahrungsarmen Heranwachsens                                                                                                                    Oberflächen und Gesten der Skaterwelt nicht
  Paranoid Park spielt in der Heimatstadt des                                                                                                                                                            nur in referenzlose Schauwerte verwandelt.
Regisseurs, im Pazifischen Nordwesten der                                                                                                                                                                Immer wieder inszeniert Paranoid Park sei-
USA, in Portland, Oregon, und basiert auf                                                                                                                                                                ne eigenen Bilder, die die Bewegungen der
dem gleichnamigen Roman von Blake Nel-                                                                                                                                                                   Teenager feierlich überhöhen, offen als Pro-
son. Das Casting der jugendlichen Laien-                                                                                                                                                                 dukte eines teilnehmenden Blicks. Dass die-
schauspieler wurde altersgemäß über die In-                                                                                                                                                              ser sich nicht wieder ins Erzählerische rückü-
ternetplattform MySpace organisiert. An-                                                                                                                                                                 bersetzt, markiert vielleicht die innere Gren-
geblich meldeten sich rund 3.000 Teenager                                                                                                                                                                ze einer zugegebenermaßen elaborierten
aus Portland und Umgebung, unter ihnen der                                                                                                                                                               Ästhetik auratischer Entrückung.
16-jährige Skateboarder Gabe Nevin, dem                                                                                                                                                                    Allgemein gilt Gus Van Sants Werk als
die Hand gehört, die den Film eröffnet.                                                                                                                                                                  strikt zweigeteilt. Neben mehr (Good Will
  Nevin spielt Alex, einen zart und apathisch                                                                                                                                                            Hunting) oder weniger (Finding Forrester)
wirkenden Jungen aus einer Mittelschicht-                                                                                                                                                                plausiblem Mainstream, stehen veritable Au-
Familie. Die Eltern lassen sich gerade schei-                                                                                                                                                            torenfilme, denen der Regisseur seinen Ruf
den und verbergen das Desinteresse an ihrem                                                                                                                                                              als Vertreter eines amerikanischen Weltkinos
Sohn hinter einem verständnisvollen Grund-                                                                                                                                                               verdankt. Die letzten Arbeiten – Gerry, Ele-
ton. Auch die High School verbreitet kaum                                                                                                                                                                phant und Last Days – waren durch einen
repressive Durchsagen. Die Institution taugt                                                                                                                                                             Low-Budget-Deal mit dem Pay-TV-Major
nicht zum Feind, sie will noch nicht einmal                                                                                                                                                              HBO entstanden: drei mal drei Millionen
erziehen. Dennoch erscheint das Erwachsen-                                                                                                                                                               US-Dollar Budget bei jeweils 18 Drehtagen.
werden melancholisch blockiert. Paranoid                                                                                                                                                                 Paranoid Park ist hingegen eine französische
Park entwirft einen eigentümlich zeitentho-                                                                                                                                                              Produktion, realisiert durch MK2. Fernsehen
benen Adoleszenzzusammenhang, in dem                                                                                                                                                                     oder Europa – die amerikanische Filmindu-
jede Vorstellung von »Entwicklung« gleich-                                                                                                                                                               strie scheint kaum noch Mittel für unabhän-
sam suspendiert wirkt. Das Coming of Age                                                                                                                                                                 gige Produktionen jenseits von Sundance be-
verliert sich in der Wiederholung identischer                                                                                                                                                            reit zu halten.
Erfahrungsmuster. Teil einer Jugendbewe-                                                                                                                                                                   Am Ende brennt Papier. Alex zündet seine
gung zu sein, bietet hier nur bedingt offene                                                                                                                                                             Aufzeichnungen, die den Rückblenden des
Horizonte.                                                                                                                                                                                               Films entsprechen, in dem Moment an, als sie
  Alex ist nicht das Produkt eines Problem-                                                                                                                                                              seine Gegenwart zu berühren beginnen.
milieus, sondern hat die ihn umgebende In-                                                                                                                                                               Über die ist nichts zu schreiben, jetzt kann
differenz lediglich vollständiger als andere                                                                                                                                                             man wieder zur Schule gehen. Einen wirkli-
verinnerlicht. Die Welt des Skateparks und                                                                                                                                                               chen Adressaten hatten die Notizen ohnehin
seine Zeichen der Illegalität ziehen ihn diffus                                                                                                                                                          nicht, das Ich des Autors machen sie nicht
an, halten aber auch das Grundgefühl fehlen-                                                                                                                                                             transparent.
der Zugehörigkeit aufrecht. Mit den prekären                                                                                                                                                               Der Film endet ohne Aufklärung, im Un-
Biographien der »echten« Skater hat seine                                                                                                                                                                bestimmten. Übrig bleiben die fluiden Ka-
wenig zu tun. Eher zufällig wird Alex auf                                                                                                                                                                merabilder der in ihren Bewegungen versun-
dem nahe gelegenen Rangierbahnhof in eine                                                                                                                                                                kenen Skater, die, zum Teil auf grobkörnigem
Auseinandersetzung mit einem Wachmann                                                                                                                                                                    Super8-Material gedreht, wie autonome In-
verwickelt, die einen tödlichen Unfall zur                                                                                                                                                               seln den ganzen Film durchziehen. Alex
Folge hat. Seine schuldhafte Verstrickung be-                                                                                                                                                            kommt in ihnen nicht vor. Sie führen auch
greift Alex nur unvollständig. Die Distanz,                                                                                                                                                              nicht in das Mentalitätszentrum einer Gene-
die ihn von der Welt trennt, lässt sich auch                                                                                                                                                             ration, bleiben für den Zuschauer aber den-
durch den plötzlichen und massiven Ein-           Ansatz spezifisch zu machen (zuletzt in Was-      Dramaturgie des Films als Mosaik subjekti-          Überhaupt wirkt Paranoid Park vollstän-          noch nachvollziehbar – ästhetisch, als Bewe-
bruch körperlicher Zerstörung nicht über-         sup Rockers, einem Latino-Punk-Skaterfilm,        ver Rückblenden konstruiert ist. Van Sant         dig durchkomponiert, weniger durchlässig           gungen. Und sie berühren, weil Alex’ Erfah-
winden.                                           in dem es Beverly Hills mit South Central zu      geht es eher um die expressive und äußerliche     als Van Sants vorhergehende Arbeiten. Die          rungsarmut in ihnen aufgehoben ist.         ■
  Zu den Besonderheiten von Paranoid Park         tun bekommt). Gus Van Sant geht gewisser-         Seite jugendkultureller Systeme, um Textu-        hermetische ästhetische Signatur des Films
zählt, wie der Film darauf verzichtet, die im     maßen umgekehrt vor: Er dringt in adoles-         ren nicht um Milieus. Die dichten Klang-          mag auf den ersten Blick als Hinweis auf ei-       Anzeige
Modell »Laienschauspieler« gewöhnlich ent-        zente Codes und Räume ein, um sie von in-         landschaften des Films fungieren dabei als        nen neuen popkulturellen Spätmanierismus
haltenen Authentizitätssignale als dramati-       nen heraus fremd erscheinen zu lassen.            dissonantes Register, das nicht nur Beetho-       gelten. Andererseits scheint Van Sant seine
schen Mehrwert umzusetzen. Larry Clark,             Paranoid Park ist weder an der moralischen      ven auf Elliot Smith und Ethan Rose schich-       bevorzugten Stilmittel wie die diskreten Zeit-
dem anderen Teenager-Chronisten des ame-          Dimension der Schuldfabel noch an einer           tet, sondern auch etwas mutwillig filmhisto-      schleifen und die elegisch-sanften Bildver-
rikanischen Independent-Kinos, gelingt es         Skater-Subjektive im psychologischen oder         rische Brücken zu Nino Rotas Score für Fel-       langsamungen eher weiter verfeinert und aus-
immer wieder, den semidokumentarischen            soziologischen Sinn interessiert, obwohl die      linis Julia und die Geister schlägt.              differenziert zu haben, als sie bloß zu wie-




Michael Hametner



Flugzeuge, Holz und Heuhaufen
ANDEUTUNGEN ■            Eine Retrospektive in Frankfurt/Oder würdigt den Maler und Bildhauer Lutz Friedel


D
         as Bild wurde ihm mit einem Dreian-
         gel in der Leinwand zurück ins Ate-
         lier gebracht. Zufällige Unachtsam-
                                                  die Jahre? Oft in großen Expositionen mit
                                                  zwei, drei Bildern dabei, aber nur einmal al-
                                                  lein ganz vorn: 1991 im Berliner Marstall, sei-
                                                                                                    von Heu, ja, gut, geschichtet auf den Stan-
                                                                                                    gen, wie es auf abgemähten Feldern üblich
                                                                                                    ist. Angedeutet erkennbar die Räumlichkeit
                                                                                                                                                      nicht mehr so expressiv wie einst) treu ge-
                                                                                                                                                      blieben ist. Das gilt für Friedels Auseinan-
                                                                                                                                                      dersetzungen mit Monet oder Velazquez, das
                                                                                                                                                                                                         PROBE
                                                                                                                                                                                                         ABO
         keit? Absicht? – Warten auf Grün         ne Schau, von der Akademie der Künste für         der Landschaft, wenn sich im Hintergrund          gilt für seine Kraterschlünde, Muscheln oder
von Lutz Friedel hatte auf der Dresdner           ihn ausgerichtet.                                 links und rechts als Horizont eine Waldlinie      Kürbisbilder. Bildfüllend, wie er die Sujets
Kunstausstellung der DDR 1982 für Aufse-            1984 verließ er die DDR. Als die Jury sein      findet, aber doch gleitet das Bild hinüber in     präsentiert, feiern sie das gemeinte Objekt
hen gesorgt: Im Vordergrund eine Men-             expressives Titanic-Tryptichon nicht zur          die Metapher, als läge unter dem geschichte-      und rücken zugleich von ihm ab in eine zwei-
schmenge, Köpfe, dahinter Fahrzeuge, auch         Berliner Bezirks-Kunstausstellung zuließ          ten Heu Geschichte. Verdeckt, versteckt?          te, dritte Bedeutung. So werden Friedels Bil-
darin Leiber gedrängt und irgendwo – auf ei-      (DDR-Künstlerlos: ausjuriert!), wollte er         Links in der Fünfer-Bildreihe der winterli-       der für den genauen Betrachter lesbar als



                                                                                                                                                                                                         Freitag
nem Bus? – die Wortfetzen: »…opa, Afrika,         nicht länger von Zufällen abhängig sein.          che Heuberg: Was quillt da rot heraus? Blut?      Echo einer von Zeitläufen und -brüchen auf-
Mittel…« Wahrscheinlich eine Werbung.             Vielleicht war die Ablehnung wirklich Zu-         Was glüht und glimmt rot in dem braun-            geladenen Biographie, die sich zwischen Ost
Nicht zufällig im Bild, passt es doch zum Ti-     fall, erinnert er sich heute gelassen: Sie hat-   schwarzen Berg, dem Mittelbild: die letzten       und West ereignet hat, und bekennen zu-
tel: Warten auf Grün als Warten auf Rei-          ten in den Ausstellungsräumen am Berliner         Feuer des kriegerischsten aller deutschen         gleich sein unverkennbares Interesse an der
semöglichkeiten. Eine in der bleiernen Zeit       Fernsehturm nur eine Wand für große Bil-          Jahrhunderte? Diese Bilder sind bruchlos          Kunsttradition des 19. und 20. Jahrhunderts.
                                                                                                                                                                                                         Ja, ich bestelle ein
der achtziger Jahre in der DDR unvermeidli-       der und auf der sollte Erich Honecker, der        nach seinem Weggang entstanden. Im We-            Weil ihm alles Plakative fremd war, bleibt sei-
che politische Aufladung der Großleinwand.        sich zum Rundgang angekündigt hatte,              sten wurden sie nicht mehr plakativ gedeu-        ne Malerei auf ihren überwiegend großen            ■      Probeabo (EUR 25 für 13 Wochen)
So wurde sie von den Betrachtern damals ge-       nicht die Titanic untergehen sehen. Auch bei      tet. Friedel sagt heute, dass seine Bilder aus    Formaten frisch und erregend.
deutet. Aber Friedel war alles Plakative          diesem Thema konnte der Betrachter auf            dem kommen, was ihn fasziniert. Wie bei der         Die Arbeit mit dem Holz wechselt er seit
fremd. Jetzt, da das Bild in der Frankfurter      Gedanken kommen. Dabei ist Friedel alles          Flugzeugserie, aus der in Frankfurt sechs         fünfzehn Jahren mit der Malerei ab. Wie zu-        Name
Ausstellung im Museum Junge Kunst hängt,          Plakative fremd. Die drei Titanic-Bilder sind     Leinwände gezeigt werden. Begonnen hatte          fällig verteilt stehen und liegen die bis zu ei-
ist es nicht weniger als damals ein famoses       ganz auf einem suggestiven Gelb-Schwarz-          er sie, als er noch in der DDR gelebt hat:        nem Meter hohen Köpfe auf dem nackten
                                                                                                                                                                                                         Straße
Bild. Gemalt im Gestus der Jungen Wilden,         Kontrast aufgebaut und dabei in ihrer Ge-         Flugzeuge über Häusern, über Innenhöfen,          Steinboden, als hätte Gott doch gewürfelt.
einer Richtung, die Anfang der achtziger Jah-     genständlichkeit so frei, dass man die be-        über Fassaden. Das waren seine Bilder vom         Mancher hat einen Nachbarn zur Seite, viele
re von Westdeutschland in die DDR hinü-           schworene Katastrophe unmittelbar zu              Balkon in Ost-Berlin, wenn die Maschinen          nicht. Sie blicken beseelt und selig wie stum-     PLZ         Ort
berschwappte.                                     spüren glaubt.                                    Tegel anflogen (Friedel kannte die Flugplä-       me Zeugen der Zeit. Es scheint, als hätte Frie-    Zahlung nach Rechnungserhalt oder per Lastschrift:
  Lutz Friedel, in Leipzig geboren, Malerei-        Lutz Friedels Generation (mit seinen Ate-       ne), und es blieben seine Bilder in den ersten    del sie aus dem harten Eichenholz zurück ins
studium in Dresden und Leipzig, anschlie-         lierfreunden aus Studienzeiten Hans-Hen-          Jahren in West-Berlin: das optische Faszino-      Leben gezwungen. Stumm zwar sind sie ge-
ßend Meisterschüler bei Bernhard Heisig,          drik Grimmling, Günther Firit und Lutz            sum der Riesenvögel, die manchmal wie Rie-        blieben, aber unübersehbar steht in ihren Ge-      Bank                           BLZ
malt mittlerweile 40 Jahre lang. Er geht auf      Dammbeck) stand damals an, über kurz oder         senfische, Haie, Wale, Rochen wirken über         sichtern: Sie müssen etwas gesehen haben.
die 60 zu, weshalb ihn das Museum Junge           lang die Lehrer-Professuren in Leipzig oder       der Stadt.                                        Was Friedel auf seiner Selbstumseglung bis-        Kontonummer
Kunst in einer Retrospektive vorstellt: in der    Dresden zu beerben – aber darauf warten?            Seine Bilder sind vielschichtig, weil sie im-   her gesehen hat, zeigt er in dieser Doppel-
Rathaushalle etwa sechzig Leinwände, dazu         Was er malte, war sein eigenes Warten auf         mer Sprache der Farben und Formen sind,           ausstellung.
drei Dutzend Übermalungen auf Papier und          Grün gewesen. Es war sein eigener Unter-          durchlässig für Themen, aber nie Themen-            Lange hat es gedauert, bis der Betrachter in     Datum/Unterschrift
                                                                                                                                                                                                         Diese Bestellung kann innerhalb von 10 Tagen ohne Angabe von
in der Marienkirche rund sechzig Holz-            gang mit der Titanic.                             sprache. Die Ausstellung im Museum Junge          der lohenden Retrospektive Lutz Friedel frei       Gründen widerrufen werden.
skulpturen, Köpfe und Ketzer, sein Walhalla         In der nächsten Koje der Ausstellung in         Kunst zeigt, wie sehr Friedel in rund 30 Jah-     von plakativen oder unterschätzenden Deu-
                                                                                                                                                                                                           Ausfüllen und einschicken an Zeitungsverlag
der Nichtse. Eine Ausstellung zum Staunen,        Frankfurt steht der Betrachter vor fünf           ren seiner farbsicheren, gegenständlichen         tungen als exzellenten Maler und Plastiker
                                                                                                                                                                                                           Freitag, Potsdamer Straße 89, 10785 Berlin
dass man sich fragt: Wo war Friedel bloß all      Großleinwänden mit Heuhaufen. Haufen              und eminent kraftvollen Malerei (inzwischen       entdecken kann.                               ■
                                                                                                                                                                                                                                     Freitag 20
16                                                                                                      LITERATUR                                                                                                                   16. Mai 2008



Mario Scalla                                                                                                                                        Alban Nikolai Herbst



In andere Welten                                                                                                                                    Zeit ohne Ufer
GEISTERSTIMMEN ■             Der neue Roman von Thomas Pynchon                                                                                      SONNENDACH ■ Anmerkungen zu Thomas Pynchons
ist ein Meisterwerk                                                                                                                                 großartigem neuem Roman »Gegen den Tag«



D
          er neue Roman von Thomas Pyn-           storischen Romans. Pynchon gilt gemeinhin                                                                      Sie fliegen der Gnade entgegen.      ten – Kultivierung im alten Agrarsinn ver-
          chon hebt sich von seinen Vorgän-       als postmoderner Autor. Postmodern aber                                                                                                             standen: inklusive entfesselter, barbarischer



                                                                                                                                                    E
          gern deutlich ab. Obgleich es sich um   ist die Austreibung historischen Bewusst-                                                                s gibt Bücher, deren Lektüre nicht un-     Rodung, antihumaner Radikalität und exi-
          einen historischen Roman handelt,       seins, Oberfläche herrscht statt Tiefe, Ge-                                                              bedingt klüger, einen aber größer          stenziellen Raubbaus. Dies steht in Pyn-
der die Zeit von der Chicagoer Weltausstel-       genwart und Simulakrum an Stelle von kon-                                                                macht. Ada or Ardor gehört dazu.           chons Blickfeld seit langem; neu hinzuge-
lung 1893 bis kurz nach dem Ersten Welt-          kreter historischer Erfahrung. Aus der                                                                   Dass Nabokov Pynchons Lehrer ge-           kommen ist die Rolle des Individuums, des-
kriegs umspannt, sind die Bezüge zur Ge-          Schreib- und Denkbewegung in Gegen den                                                            wesen, die Emphase dieser Legende ist mit         sen Ökonomien es mitzutun zwingt – ein
genwart kenntlicher, expliziter als in Mason      Tag jedoch erwächst etwas Neues, das nicht                                                        Gegen den Tag in die Verwirklichung ge-           Weg hinaus führt nur in die Luft... wenn es
& Dixon; die pynchoneske Verrätselung und         mehr mit dem Begriff der Dekonstruktion                                                           schrieben; niemand kann jetzt mehr Zweifel        den Äther denn gäbe, auf dessen Wellen die
Verschlüsselung sind auch hier präsent, wie       oder anderen postmodernen Theoriebaustei-                                                         haben. Zwar ist »der ganze Pynchon« nach          Aeronautinnen reiten, nicht in Maschinen,
in Gravity’s Rainbow oder V, aber durch-          nen erfasst werden kann. Aus diesen Sätzen                                                        wie vor da und mit Entropie und Dekon-            sondern vermittels »perfekt gearbeiteter, el-
brochen von klaren Assoziationen und sinn-        dringt ein Bewusstsein des Wandels, das die                                                       struktivismus und von Verschwörungstheo-          liptischer Federn«, körperlich also, und hy-
fälligen historischen Analogien.                  Blockade der Vorstellungskraft, nichts ande-                                                      rien so voll wie von der düsteren Zivilisati-     brid. In ihrer phantastischen Gegenwelt ver-
  Pynchons Roman führt in die Zeit der so         res als eben diese Gegenwart im Kopf hin                                                          onskritik – ja einem Zivilisationspessimis-       sprechen sie der Adoleszenz Erlösung und
genannten robber barons, als in den Vereinig-     und her wälzen zu können, aufhebt. »Hi-                                                           mus, der defätistisch wirkte, wäre er nicht so    Gnade – man wird eben doch erwachsen
ten Staaten immenser Reichtum angehäuft           story is what hurts«, meinte einmal der Lite-                                                     atemberaubend verrückt in seinen Spielen          und die zwei Jahre Ferien gehen vorbei, auf
wurde, mit allen Mitteln, mit hartem Busin-       raturwissenschaftler Fredric Jameson, und                                                         und Ideen. Aber: ein Ton von Einfühlung,          die sich Pynchon wie auf Robur bezieht, den
ess, Betrug, Korruption. Wenn in seinem           das könnte jetzt abgewandelt und auf diesen                                                       von Menschlichkeit und Mitleid klingt jetzt       Eroberer. Obwohl man es wird.
neuen Roman Gegen den Tag die Bagdad-             Roman angewandt umformuliert werden: In                                                           hinzu, den die eingeschworenen Pynchonle-           Über die Verzweiflungen, das Elend und
Bahn geplant wird, um imperialistisch effek-      der Gegenwart haben Schmerz, Leid, Unge-                                                          ser so nicht kannten. Es werden Menschen          eine durchaus machiavell-politische Lust hat
tiver regieren und ausbeuten zu können, oder                                                                                                                                                          Thomas Pynchon ein Sonnendach gespannt,
von Ramsch-Anleihen gesprochen wird, fällt                                                                                                                                                            das aus den seinerzeit noch ernstlich vagie-
es schwer, nicht sofort an den gegenwärtigen                                                                                                                                                          renden Theorien des Weltäthers oder der
Kapitalismus, an die Subprime-Krise zu den-                                                                                                                                                           Hohlerde sowie utopischen Orten wie
ken, deren Auslöser ebenfalls verramschte                                                                                                                                                             Shambhala oder dem mosaischen Shekkinah
und fragwürdige Anleihen waren.                                                                                                                                                                       abgezogen ist und andererseits auf bisweilen
  Auf den ersten Blick fiele eine Aktualisie-                                                                                                                                                         urkomische Weise mit den technischen Fan-
rung also leicht, ebenso wie eine auf politi-                                                                                                                                                         tasien Jules Vernes spielt, was gelegentlich zu
schen Prämissen ruhende Interpretation des                                                                                                                                                            einem etwas zopfigen Witz führt, wenn sich
Romans. Auf der einen Seite befinden sich                                                                                                                                                             das Sprachparodistische allzu vorschiebt.
Anarchisten und die Gewerkschaftsbewe-                                                                                                                                                                Das mag an der Übersetzung liegen; anders
gung, ihnen gegenüber figuriert der Erzkapi-                                                                                                                                                          als jene Kritiker, die bereits das amerika-
talist Scarsdale Vibe, der mehr einem Bond-                                                                                                                                                           nischsprachige Original im deutschen Feuil-
schurken gleicht als einem Rockefeller oder                                                                                                                                                           leton besprachen, traue ich mir die Überprü-
J.P. Morgan. Die mexikanische Revolution,                                                                                                                                                             fung nicht zu, da schon die Muttersprachler
Arbeiterunruhen in Colorado, dazu Pinker-                                                                                                                                                             die besonderen (Verständnis-)Probleme be-
ton und andere Agenturen, die im Dienste                                                                                                                                                              klagten, vor die sie Pynchons imitative
des Kapitals vor gar nichts zurückschrecken,                                                                                                                                                          Sprachlust gestellt hat. Lieber hänge ich an
selbst anarchistische Attentate fingieren, um                                                                                                                                                         Sätzen, wie sie Nikolaus Stingl und Dirk van
desto brutaler agieren zu können – das hier                                                                                                                                                           Gunsterens übertragen und die neben einer
entworfene Szenario lässt an Deutlichkeit                                                                                                                                                             gehörigen Portion Derbheit von oft an-
nichts vermissen.                                                                                                                                                                                     rührender Zärtlichkeit sind: »Brias Grinsen
  Aber es ist kein politisches Stück Literatur,                                                                                                                                                       erinnerte Dally so sehr an die junge Schelmin
jedenfalls nicht mehr als andere Texte Pyn-                                                                                                                                                           von früher, dass sie ebenfalls lächelte, und im
chons, und natürlich gewinnt auch Gegen                                          Thomas Pynchon ist der große Unbekannte der amerikanischen Literatur. Und der                                        nächsten Augenblick hatten sie die Stirnen
den Tag seine gesellschaftliche Dimension                                                                                                                                                             aneinandergelegt, lose Haarsträhnen ver-
nicht primär durch Inhalt oder Plot. Dieser                                         unbekannte Große. Seit Jahren scheut der 1937 geborene Autor das Licht der                                        flochten sich, ihre dritten Augen berührten
Roman ist ein Meisterwerk – wenn dieses                                                                                                                                                               einander, und beide lachten leise, ohne dass
Etikett je einen Sinn gehabt hat, dann hier.                                       Öffentlichkeit und der Medien ebenso beharrlich, wie er als Anwärter auf den                                       sie hätten sagen können, warum.«
Häufig wird Gravity’s Rainbow als das maß-                                     Literaturnobelpreis gehandelt wird. Sein neues Werk nehmen der Frankfurter Kritiker                                      Von solch intimen Momenten ist dieses
gebliche Buch dieses Autors angegeben, aber                                                                                                                                                           Buch so voll wie von politischen Einlassun-
Against the Day, wie es im Original heißt,                                        Mario Scalla und der Berliner Schriftsteller Alban Nikolai Herbst unter die Lupe.                                   gen, deren Eindeutigkeit zu wünschen gar
tritt ihm gleichwertig zur Seite. Vielleicht                                                                                                                                                          nichts übrig lässt. »Der Nationalgedanke ist
musste das gewichtige, allegorienreiche Ma-                                                                                                                                                           auf den Krieg angewiesen« etwa, aber auch
son & Dixon geschrieben werden, um jetzt                                                                                                                                                              schon, dass Pynchon die Widerstandskämp-
das Genre des historischen Romans fort-                                                                                                                                                               fe verelendender Bergbauarbeiter in Colora-
führen und in dieser bestechenden Weise, in                                                                                                                                                           do als Geschichte eines USA-eignen Terro-
der selbst die verschlungenste Syntax wie                                                              Thomas Pynchon Gegen den Tag (Against                                                          rismus erzählt und damit selbstverständlich
selbstverständlich und mit leichter Hand hin-                                                         the Day). Roman. Aus dem Amerikanischen                                                         allerjüngste Ereignisse kommentiert, gehört
geworfen wirkt, eine signifikante Epoche des                                                          von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren.                                                     in den Nexus. Wobei gerade die Buben-uto-
amerikanischen Kapitalismus erzählen zu                                                                 Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 2008,                                                           pischen Partien der »Freunde der Fährnis«
können. Es ist grandios, wie Pynchon in we-                                                                       1595 S., 29,90 E                                                                    als Bindeglieder der auslaufenden europäi-
nigen Sätzen, in einem Absatz große Panora-                                                                                                                                                           schen Hegemonie mit dem in Fahrt kom-
men entwirft, Darstellungen der Natur wie                                                                                                                                                             menden US-Kapitalismus (»ohne Scham-
historische Aufrisse; fulminant sind Satzbau,                                                                                                                                                         grund und -sensorium«) fungieren und die
stilistisches Repertoire, Formen- und The-                                                                                                                                                            mythischen Tiefen des Abendlands gegen das
menreichtum, die Kraft der Fantasie und der                                                                                                                                                           »taghelle Amerika mit seiner Leugnung der
Kombinatorik.                                     rechtigkeit ein solches Ausmaß erreicht, dass                                                     erzählt, nicht länger Figuren. Dass sich das in   Nacht« spielen lassen. Wer auf kulturelle Tie-
  Aber Elogen ermüden, auf Dauer selbst           Geschichte im Sinne konkreter, tradierbarer                                                       dieses Werk organisch einfügt, ist allein schon   fen zusteuert, landet – besonders über den
den, der sie hält. Wenn es nur Handwerk           Erfahrungen wieder erreichbar scheint – in-                                                       ein Grund zur Achtung; sie nimmt das Aus-         Balkan – immer mitten im Orient, und zwar
wäre, würde es nicht in dieser Weise funktio-     klusive der Vorstellung alternativer Ge-                                                          maß poetischer Demut an, weil man eben            auch dann, wenn das Luftschiff erst hoch hin-
nieren. An einer Stelle wird beschrieben, wie     schichtsverläufe.                                                                                 nicht auf Distanz gehalten, sondern in Nähe       auf und in arktische Gefilde steigt. Wobei
in den Großstädten die elektrische Beleuch-         Anamorphoskope oder Paramorphoskope                                                             gebracht wird. Wobei das auch aus seinen          man Gefahr läuft, neben Edgar Poes Gordon
tung das alte, schummerige Gas zu verdrän-        sind in Gegen den Tag eine Variante, aus die-                                                     Vorgängern deutlich einen Zyklus macht.           Pym zu landen, beziehungsweise in seiner
gen beginnt. Der teilnehmende Beobachter          ser in eine andere Welt zu blicken. Sie sind                                                      Denn Gegen den Tag schließt die historische       Fortschreibung als Eissphinx durch Verne.
bemerkt, dass die Dunkelheit eine Struktur        technische Vorrichtungen, eine jede nützlich,                                                     Erzähllücke zwischen Mason & Dixon und            Pynchons grandiose Erfindung eines Unter-
besaß, die aus recht alter Zeit stammte, kaum     weil sie Welten offenbart, die neben derjeni-                                                     V., das seinerseits in Gravity’s Rainbow die      wüstenschiffes mitsamt seinem Tauchgang in
mehr als ratifiziert von der erbarmungslosen      gen liegen, die wir bis jetzt für die einzige uns                                                 grandiose Fortsetzung fand.                       den Tiefsand hätte dem französischen Tech-
Weiße, welche die gegliederten Schatten der       gegebene Welt gehalten haben. Geisterstim-                                                          Man kann von Gegen den Tag nicht lassen.        nikphantasten zu allen Ehren gereicht, wenn
alten Beleuchtung mit ihren vielfältigen Mög-     men ertönen, Fenster in andere Welten kön-                                                        Nicht von den Verhängnissen und Verfallen-        Pynchon sie auch entschieden um ein Un-
lichkeiten zum Irrtum abgelöst hatte.             nen geöffnet werden wie in den Science-Fic-                                                       heiten, von dem »einfachen« Menschenglück         heimliches chthonisch bindet, das schon in V.
  In der Beschreibung der einstmals dunklen       tion-Romanen von Philip K. Dick, der                                                              wiederum nicht und so wenig von den »einfa-       und Gravity’s Rainbow immer wieder durch-
Stadt, deren Gegenwart noch nicht aus der         mehrfach herbeizitiert wird. Und über allen                                                       chen« Leiden wie von den verwickelten Räu-        brach: Auch Gegen den Tag ist »eine Reise ...
kollektiven Vorstellung entschwunden ist,         Figuren schwebt das wasserstoffgetriebene                                                         schen der höheren Mathematik, die am An-          ins Herz unserer eigenen Geschichte.«
steckt viel sinnliche Anschauung. Die Be-         Luftschiff Inconvenience, dessen Besatzung,                                                       fang der modernen Massenvernichtungswaf-            Es ist davon gesprochen worden, Pynchon
wohner der nur notdürftig erleuchteten            im Besitz der doppelten Staatsbürgerschaft                                                        fen gestanden haben und der industrietechni-      konstruiere nicht eigentlich, sondern füge
Straßen kennen die Strukturen der Dunkel-         der Aeronauten im Reich des Alltäglichen                                                          schen Zivilisation an sich. Es sind erotische     den einzelnen Erzählsträngen immer wieder
heit, die diffizilen Übergänge zwischen           wie dem des Geisterhaften, auf die Städte                                                         Verwicklungen auch, und zwar perverse.            neue und aberneue hinzu. Das ist genau so
weiß, grau und schwarz, die Abschattungen         hinunter blickt, hinunter auf ein cartesiani-                                                     Schon V. und Gravity’s Rainbow hatten das         wenig wahr, wie dass dieses Buch »schwer zu
innerhalb der einzelnen, wenigen Farben.          sches Gitter der Berechnung und der Macht,                                                        durchdekliniert. Pornographie findet hier         lesen« sei. Geradezu das Gegenteil ist der
Der Schwarz-Weiß-Film hat diese Erinne-           das die Straßen von oben besehen bilden.                                                          ihren Grund: in der Entfremdung. Rein ma-         Fall. Schon was die Form anbelangt, führt
rungen aufbewahrt. Die ganz andere, ver-          Aber Blicke von oben sind tückisch. Nicht                                                         gisch wäre es anzunehmen, schaffte Porno-         Pynchon aber auch jedes Motiv mit den an-
wandelte, elektrisch erleuchtete Stadt wird       nur die Macht schaut herab, eben auch ein                                                         graphie sich ab, heilten die Verhängnisse auch;   deren Motiven zusammen und schließt die
aus der Perspektive dieser Erfahrung imagi-       Aeronaut, der dort oben in Luftströmungen                                                         doch wahrscheinlich würden sie schlimmer.         Handlungsfolgen nahezu klassisch ab; wie er
niert, denn sonst würde die Weiße nicht er-       geraten kann, die den Weg in andere Welten                                                        So dass wir Sätze wie »Die politische Krise in    dabei die fernsten Sujets ineinander zu spie-
barmungslos erscheinen; nur aus dem Dun-          weisen.                                                                                           Europa korrespondiert mit der Krise in der        geln versteht, ist wunderbar. Immer wieder
klen gesehen ist das Helle grell. Der letzte        Für die nachfolgenden Generationen ame-                                                         Mathematik« gleichberechtigt neben den            blickt man aus diesen 1.600 Seiten benommen
Satz schließlich leitet von der Wahrneh-          rikanischer Autoren ist Thomas Pynchon                                                            Jauchzern der schönen Domina Yashmeen             hervor und hat Schleier des Glücks vor Au-
mung zur Reflexion über. Die Möglichkeit          ein Problem. Mit Philip Roth oder John Up-                                                        vernehmen: »Du hast mein Herz gegessen!«          gen – und des Entsetzens, die seine Zahl ist.
zum Irrtum wird künftig fehlen, der histo-        dike kann man fertig werden, mit diesem                                                             Gegen den Tag ist beides: Phantastische         Dass solche Empfängnis Zeit braucht, Lese-
rische Wandel impliziert auch einen Verlust,      Autor nur sehr schwer. David Foster Walla-                                                        Literatur ebenso wie intensiv und einfühl-        und Imaginationszeit, darob muss weiß Göt-
was möglich war, ist jetzt versperrt, und es      ce war schließlich so genervt, wenn er auf                                                        sam realistisch. Erzählt werden einerseits        tin niemand rechten. Was, schrieb Nietzsche,
ist Aufgabe der Gesellschaften, diesen wi-        Pynchon, auf dessen Einflüsse auf sein eige-                                                      bittere Kapitel US-amerikanischer Ge-             sei an einem Buch gelegen, dass einen nicht
dersprüchlichen Entwicklungsprozess zu            nes Schreiben angesprochen wurde, dass er                                                         schichte und andererseits der Umbruch, der        einmal über alle Bücher hinwegträgt? Dieses
reflektieren.                                     nur noch vom »P-Typen« sprach. Es sieht                                                           das Abendland in die Krisen und Kriege            trägt einen oft über alle hinweg – dorthin
  Von besonderer Bedeutung ist bei Be-            ganz so aus, als sei das Problem größer ge-                                                       hineinfahren ließ, die der kapitalmodernen        nämlich, wo nur noch wenig andere stehen.
schreibungen wie diesen das Genre des hi-         worden.                                        ■                                                  Weltwirtschaft den Boden durchkultivier-          Ada zum Beispiel. Und das Verlangen.          ■
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                          SACHBUCH                                                                                                                        17
                                                                                                                                                                                                                Randgänge


I                                                 Sophia Deeg
     lan Pappe, israelischer Historiker und                                                                                                         und die Ruinen vermint, damit die Vertriebe-
     Politikwissenschaftler, hat seiner Heimat                                                                                                      nen nicht zurückkehren konnten.
                                                                                                                                                                                                                rat-touren
     fürs erste den Rücken gekehrt, »doch                                                                                                             Wenn bis heute alle israelischen Regierun-
     hoffentlich nicht für immer«. In Eng-
land, wo er derzeit lebt, forscht und unter-
richtet, hofft er, »nicht wie ein Pestkranker
gemieden zu werden«, so Pappe in einem In-
terview mit der italienischen Tageszeitung Il
                                                  Der Tag, an dem                                                                                   gen jedes Gespräch über das Rückkehrrecht
                                                                                                                                                    unbedingt verhindern müssen, so steckt, laut
                                                                                                                                                    Pappe, »eine tief sitzende Angst vor einer De-
                                                                                                                                                    batte über die Ereignisse von 1948« dahinter,
                                                                                                                                                    »da Israels ›Behandlung‹ der Palästinenser
                                                                                                                                                                                                      Im Meerwasser
                                                                                                                                                                                                      Érik Orsenna, dem wir Bücher verdan-
                                                                                                                                                                                                      ken wie Lob des Golfstroms oder Weiße
                                                                                                                                                                                                      Plantagen über die Baumwolle, hat sich



                                                  Sirin verschwand
Manifesto.                                                                                                                                          zwangsläufig beunruhigende Fragen nach der        diesmal mit der Einhandseglerin Isabel-
  Die ethnische Säuberung Palästinas, kürz-                                                                                                         moralischen Legitimität des gesamten zioni-       le Autissier, die als erste Frau in einer
lich auch auf Deutsch erschienen, ist vermut-                                                                                                       stischen Projekts aufwerfen würde.« Solange       Regatta die Welt allein umsegelte, in die
lich das Werk, das seinem Ruf in Israel den                                                                                                         diese Debatte nicht geführt wird, sind jedoch     Antarktis aufgemacht. Herausgekom-
schwersten Schlag versetzt hat, während es                                                                                                          alle Friedensverhandlungen zum Scheitern          men ist einmal mehr ein wie leichthin
international höchste Anerkennung findet.                                                                                                           verurteilt.                                       daherkommendes, ebenso unterhaltsa-
Bereits in den achtziger Jahren waren Pappe       MEMORIZID ■  Ilan Pappes brisante Thesen zur »Ethnischen                                            So merkwürdig es anmuten mag, Die ethni-        mes wie belehrendes Buch, eine Kombi-
und andere israelische Historiker angeeckt,                                                                                                         sche Säuberung Palästinas ist auch eine liebe-    nation aus den Tagebüchern beider mit
als sie mit einer Revision der zionistischen      Säuberung Palästinas«                                                                             volle Darstellung dessen, was durch das Pro-      Miniaturen zu Geschichte der Erfor-
Darstellung des 1948er Krieges begannen                                                                                                             jekt eines Staates zerstört wurde, der auf der    schung wie zur Situation der Antarktis.
und insbesondere zeigten, »wie falsch und                                                                                                           Negation des Anderen beharrt. Wie Hunder-         »Ein Mensch, der mehrere Wochen in
absurd die israelische Behauptung war, die                                                                                                          te palästinensische Dörfer, so musste auch Si-    Meerwasser mariniert wird, neigt zu un-
Palästinenser hätten das Land ›aus freien                                                                                                           rin verschwinden. Seine Geschichte, die           vorhersehbaren Verhaltensweisen.« –
Stücken‹ verlassen«. Doch Pappe ließ vor al-                                                                                                        Landschaft, die seine Bewohner über Gene-         notiert beispielsweise Autissier. Abge-
lem ein Tabu keine Ruhe, das er und seine Hi-                                                                                                       rationen geprägt hatten, die Namen, mit de-       sehen davon erfährt man aber vor allem
storiker-Kollegen bisher nicht angerührt hat-                                                                                                       nen sie sie belegt hatten, mussten ausgelöscht    viel über Fauna und Flora der Antarktis,
ten: Wir leisteten »nie einen signifikanten                                                                                                         werden. Sirin, das die palästinensischen Bau-     über die gar nicht so unterkühlte Faszi-
Beitrag zum Kampf gegen die Leugnung der                                                                                                            ern »in einen kleinen Garten Eden verwan-         nation der Landschaft, vor allem auch
Nakba, da wir die Frage der ethnischen Säu-                                                                                                         delten«, »galt als gutes Beispiel für das Kol-    über die internationale Forschercom-
berung umgingen«.                                                                                                                                   lektivsystem der Landwirtschaft, an dem die       munity, die die Antarktis übersprenkelt
  Auch für den, der keine Illusionen über die                                                                                                       Dorfbewohner seit osmanischer Zeit fest-          und dabei zugleich für deren Schutz vor
mit der Staatsgründung Israels einhergehen-                                                                                                         hielten ...«. Muslime und Christen lebten         imperialen Begehrlichkeiten sorgt –
de Nakba – die Katastrophe für die Palästi-                                                                                                         dort friedlich zusammen. »Innerhalb weniger       einstweilen. Ein empfehlenswerter Eis-
nenser – hegte, ist Die ethnische Säuberung                                                                                                         Stunden wurde dieser Mikrokosmos religiö-         würfel für klimaerwärmte Tage.
Palästinas ein bedrückendes Buch. Nicht,                                                                                                            ser Koexistenz und Harmonie verwüstet«, als
weil es eine Aufzählung von Gräueln wäre                                                                                                            jüdische Truppen das Dorf am 12. Mai 1948         Érik Orsenna und Isabelle Autissier
(was es auch ist), sondern weil der Autor                                                                                                           überfielen und seine Bewohner vertrieben.         Großer Süden. Eine Reise in die Welt der
nicht umhin kann, es mit einer düsteren Note                                                                                                          Pappe nennt es »Memorizid an der Nakba«,        Antarktis. Aus dem Französischen von
enden zu lassen: Der Zionismus sei – anders                                                                                                         wenn der Jewish National Fund (JNF) dafür         Holger Fock, Sabine Müller. C. H. Beck,
als das Judentum – nicht ausreichend plurali-                                                                                                       sorgt, dass auf den Ruinen palästinensischer      München 2008, 236 S., 18,90 E
stisch, um die Palästinenser in ihren Rechten                                                                                                       Dörfer Wälder und Erholungsgebiete entste-
und in ihrer Existenz gelten zu lassen.                                                                                                             hen, zu denen auf den JNF-Websites und den
  Pappe deckt anhand der Äußerungen                                                                                                                 aufklärenden Tafeln am Wegesrand jeweils          Unter Affen
führender Zionisten der Gründungsjahre                                                                                                              die kolonialistische Umdeutung von Land-
und ihres Agierens den inhärent ausschlie-                                                                                                          schaft und Geschichte mitgeliefert wird. Al-      Dies Buch führt in die Achselhöhle
ßenden Kerngedanken des zionistischen                                                                                                               lerdings, an manchen Stellen trotzen die Oli-     Afrikas, nach Nigeria, in den Wald von
Konzepts auf. Demnach konnte und kann ein                                                                                                           venbäume und andere Nutzpflanzen der              Gashaka, eine der letzten großen Wild-
jüdischer Staat nur mit Gewalt durchgesetzt                                                                                                         palästinensischen Dörfer der fremden Flora:       nisse Westafrikas: Schimpansenland
und aufrecht erhalten werden. Das Muster                                                                                                            Die Olivenbäume im Nadelwäldchen der              zeigt die wissenschaftlichen Bemühun-
der frühen Jahre wirkt fort, solange es tabui-                                                                                                      neuen Reißbrettstadt Migdal Ha-Emeq ha-           gen nicht nur zur Erforschung unserer
siert bleibt, und verhindert weiterhin jede                                                                                                         ben manche der Kiefernstämme »buchstäb-           allernächsten Verwandten, sondern
friedliche Lösung. Deshalb geht es Pappe                                                                                                            lich in zwei Teile gespalten« und wachsen aus     auch die damit untrennbar verbundenen
darum, die Mechanismen der ethnischen Säu-                                                                                                          deren Mitte hervor, nachdem die in dieser         Anstrengungen um deren Erhalt wie
berungen von 1948 aufzudecken und das Pa-                                                                                                           Gegend fremden Kiefern, die Israel ein eu-        den ihrer Lebenswelt. Das ist ein inter-
radigma ethnischer Säuberung anstelle des                                                                                                           ropäisches Flair verleihen sollen, dort häufig    nationales Unternehmen: Wenn der am
Kriegsparadigmas zu etablieren: »Als die zio-                                                                                                       nicht gedeihen.                                   Rande des Urwalds von Hessisch-Sibi-
nistische Bewegung ihren Nationalstaat                                                                                                                Der Memorizid ist Teil eines kognitiven Sy-     rien geborene Volker Sommer, Anthro-
gründete, war es keineswegs so, dass sie einen                                                                                                      stems, das Pappe durchleuchtet, denn es ist       pologe in London, etwas über gezielte
Krieg führte«, bei dem es auch zu Vertrei-        Flüchtende Palästinenser im Mai 1948                                                              auch heute noch wirksam, wenn die täglichen       medikamentöse Selbstbehandlung der
bungen kam – umgekehrt »das Hauptziel                                                                                                               Bombardierungen des dicht bevölkerten Ga-         Schimpansen in Afrika herausbekom-
(war) die ethnische Säuberung ganz Palä-          schließlich jüdisch sei. Am 3. Dezember des-     deten Gurion und zehn weitere zivile und         zastreifens oder die Ermordung von Terror-        men will, arbeitet er mit einem Labor in
stinas«.                                          selben Jahres bedauerte er in einer Rede vor     militärische Vertreter der zionistischen Be-     verdächtigen, einschließlich der dabei entste-    Japan zusammen. Bekannt geworden
  David Ben Gurion, damals eine der führen-       Mitgliedern der israelischen Arbeiterpartei,     wegung einen Masterplan zur ethnischen           henden »Kollateralschäden«, stillschweigend       mit Büchern zum Lob der Lüge, über
den Persönlichkeiten der jüdischen Einwan-        dass es »in den Gebieten, die dem jüdischen      Säuberung Palästinas. 531 Dörfer und elf         hingenommen werden. Das sind nicht nur            Täuschung und Selbstbetrug bei Tier
derer, sprach sich am 2. November 1947, vor       Staat (von der UN) zugewiesen sind, ... 40       städtische Siedlungen wurden dann tatsäch-       »interessante Parallelen«, es sind erstaunlich    und Mensch, das Leben indischer Tem-
der Exekutive der Jewish Agency unmissver-        Prozent Nichtjuden« gibt. Ein jüdischer          lich mit Waffengewalt geräumt, 800.000 Palä-     und erschreckend wirksame Mechanismen,            pelaffen, schreibt er nun von den Schim-
ständlich für ethnische Säuberungen aus, die      Staat sei erst mit 80 Prozent Juden lebens-      stinenser zur Flucht gezwungen, die Häuser       die Fakten schaffen und zementieren helfen –      pansen in Nigeria. Sommer hat ein ganz
gewährleisten sollten, dass der neue Staat aus-   fähig und stabil. Am 10. März 1948 verabre-      samt Mobiliar dem Erdboden gleichgemacht         nicht zuletzt die Mauer, von der israelischen     erstaunliches Talent, über seine For-
                                                                                                                                                    Politik als Sicherheits- oder Separationszaun     schungen amüsant und fesselnd zu er-
                                                                                                                                                    propagiert, ein monströses Bauwerk, das das       zählen! Was und wie er von den Um-
                                                                                                                                                    Leben der Palästinenser in der Westbank           ständen vor Ort, dem Kalkül der Expe-
                                                                                                                                                    stranguliert und faktisch das Landraub- und       rimente, von alltäglichen Widrigkeiten
Fahimeh Farsaie                                                                                                                                     Vertreibungsprojekt fortführt, das vor 60         wie wissenschaftlichen Überraschungen
                                                                                                                                                    Jahren begann. Israel, heißt es im Epilog, »hat   erzählt, das lässt einen so schnell nicht



Schönheit und Scham
                                                                                                                                                    nie aufgehört, Palästinenser zu töten«, als       mehr los. Am Ende hat man bei all’ der
                                                                                                                                                    wären sie vogelfrei: in »Kfar Quassim, wo am      befriedigten       Wissenschaftsneugier
                                                                                                                                                    29.Oktober 1959 israelische Truppen 49 Ein-       gleichwohl das Gefühl, ein abenteuerli-
                                                                                                                                                    wohner auf dem Heimweg von den Feldern            ches Jugendbuch gelesen zu haben. Je-
                                                                                                                                                    ermordeten ...1982 in Sabra und Shatila ...       denfalls ein großartiges Buch, das man
                                                                                                                                                    2002 im Flüchtlingslager Jenin ...«. Warum? –     allein seiner humanen (oder – nach
KONTEXTE ■   Christiane Hoffmann versucht, mit ihrem Buch »Hinter den Schleiern Irans. Einblicke in                                                 Weil es, wie Pappe aufzeigt, im Interesse der     Sommer – panthropischen) Reflexionen
ein verborgenes Land« der Kultur der Islamischen Republik nachzuspüren                                                                              Interessierten lag und liegt: der Briten in der   über den Naturerhalt wegen dem Nach-
                                                                                                                                                    Mandatszeit, heute vor allem in dem der USA       wuchs in die Hand drücken müsste, wie



E
       inmal hinter die Kulissen im Iran zu         Die Regel, der Hoffmann bei ihren zahlrei-     Saunabesuch etwa beobachtet sie, wie die ira-    und Europas und ihres Verbündeten Israel.         man es für sich selbst behalten will.
       schauen, das wollen derzeit viele. Der     chen, gut recherchierten Interviews im Buch      nischen Frauen ihren Körper »ignorieren«:
       letzte Versuch stammt aus der Feder        folgt, hat auch mit Widersprüchen zu tun;        Sie gehen mit dem Badeanzug in die Sauna         Ilan Pappe Die ethnische Säuberung Palä-          Volker Sommer Schimpansenland. C. H.
       der Botschaftergattin Christiane           Widersprüchen nämlich zwischen Wort und          und ziehen sich nur in einer Umkleidekabine      stinas. Aus dem Hebräischen von Ulrike Bi-        Beck, München 2008, 251 S., 19,90 E
Hoffmann. Auch sie versucht, die Geheim-          Tat, Absicht und Haltung. Sie berichtet etwa     um. Der Grund dieser Zurückhaltung ist           schoff, Zweitausendeins, Frankfurt am Main
nisse Irans zu lüften. Zwischen 1999 und          von der einstigen Parlamentsabgeordneten         nach Hoffmanns Ansicht Scham: »Die Irane-        2007, 413 S., 22 E                                                         Erhard Schütz
2004 berichtete die 1967 in Hamburg gebo-         und Universitätsdozentin, Dschamileh Ka-         rinnen versuchen, ihre Körper möglichst we-
rene Journalistin, Ehefrau des Schweizer          divar, die in einem Gespräch über Prostituti-    nig wahrzunehmen, und sind gleichzeitig in
Botschafters, für die FAZ aus Teheran. Zuvor      on im Iran nie das Wort Prostituierte in den     einem paradoxen Streben davon besessen,          Anzeige
war sie vier Jahre Korrespondentin derselben      Mund nimmt, sondern ausschließlich von           immer schöner zu werden, als könnte Schön-
Zeitung in Moskau. Diese einmaligen Erfah-        »Straßenfrauen« oder »besonderen Frauen«         heit die Scham überwinden, als könnte durch                                        VERLAG WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT
rungen ermöglichen ihr aus einem unge-            spricht. Fremd kommt ihr dagegen vor, dass       größere Schönheit das Urteil revidiert wer-
wöhnlichen Blickwinkel das verhüllte Land,        ausgerechnet Kadivar mit anderen Parlamen-       den, das die islamische Männlichkeit über sie
Iran, zu betrachten und die Begebenheiten         tarierinnen eine Initiative gründete, um den     gesprochen hat: dass der weibliche Körper
mit ähnlichen Ereignissen in Russland zu          Prostituierten zu helfen.                        etwas Gefährliches, die gesellschaftliche
vergleichen. Verglichen wird ebenfalls die ge-      Diese und ähnliche politisch-gesellschaftli-   Ordnung Gefährdendes, die gesellschaftliche
sellschaftliche Situation im Iran mit der deut-   chen Themen, die sie gründlich recherchiert,     Gesundheit Bedrohendes ist und deshalb un-
schen.                                            bearbeitet die 41-jährige Journalistin in        bedingt verborgen bleiben muss.«
  Das Vergleichen ist überhaupt ein Be-           ihrem informativen Buch. Sie berichtet aber        Hoffmann schreibt, dass sich die Iranerin-
standteil dieses Buches. Der Leser wird in        auch von ihren Erlebnissen in den »geheim-       nen ständig mit ihrem beschämenden Kör-
jedem Kapitel mit einer Fülle unvergleich-        nisvollen Orten«, zu denen kaum einem            pern beschäftigen: »Sie enthaaren, verzieren,
barer Informationen überschüttet; gewichti-       Fremden Zugang gewährt wird. Dabei               bemalen sie, lassen Nasen, Brüste und Bäu-
ge Anlässe werden genauso geschildert wie         bringt sie ihr Privileg, Frau und Botschafter-   che operieren, Gesichter liften, Fett absau-
kleine Begebenheiten, die zu großen und           gattin zu sein, zur Geltung. Durch diesen        gen, wenden unendlich viel Zeit und Geld auf
entscheidenden Resultaten führen: So er-          Status stehen ihr alle Türen offen: Als          im Streben nach einer Perfektion, die sie end-
fährt man, dass etwa bei Hoffmanns Akkre-         schwangere Frau erlebt sie den Umgang ei-        lich der Liebe würdig, der Liebe sicher sein
ditierung nicht nur das zuständige Ministe-       nes streng muslimischen und renommierten         ließe, die ihnen endlich erlauben würde, sich
rium (Erschad), sondern auch das Außen-           Gynäkologen mit ihr und den anderen »Pa-         ihrer selbst nicht mehr zu schämen.« Derar-                                                        Worldwatch Institute (Hrsg.)
ministerium, der Geheimdienst und eine            tientinnen« im Untersuchungszimmer einer         tige Pauschalisierungen durchziehen zwar ei-               Worldwatch Institute (Hrsg.)
Reihe weiterer Behörden mitreden mussten.         Entbindungsstation in einem der bekannte-        nige Kapitel des Buches, beeinträchtigen aber                                                      Zur Lage der Welt 2007
Oder, dass Faiseh Haschemi, die Tochter des       sten Krankenhäuser Teherans. Sie schnüffelt      nicht die insgesamt aufschlussreichen Ein-                 Zur Lage der Welt 2008
reichsten und einflussreichsten Mannes im         in der Frauenabteilung des Leichenwasch-         blicke in dieses »verborgene Land«. Wer frei-                                                      Der Planet der Städte
Iran, des ehemaligen Präsidenten Rafsan-          hauses des größten Friedhofs der Stadt, (Be-     lich nach Bestätigung der gängigen Klischee-               Auf dem Weg zur nachhaltigen
schani nämlich, sich einst mit dem konser-        heshte Sahra) und lauscht den Gesprächen         bilder über den Iran in diesem Buch sucht,
                                                                                                                                                                                                      336 S. - € 19,90
vativen Klerus anlegte, weil sie demonstra-       der Besucherinnen in einer Frauensauna.          der wird gewaltig enttäuscht.
                                                                                                                                                              Marktwirtschaft
tiv in einem Teheraner Park Fahrrad fuhr.           Dabei versucht sie, ihre subjektiven Ein-                                                                 333 S. - € 19,90
Denn die mächtigen Hardliner sehen Frau-          drücke in den »kulturellen Kontext« ein-         Christiane Hoffmann Hinter den Schleiern
                                                                                                                                                                                WWW.DAMPFBOOT-VERLAG . DE
ensport im Widerspruch zu den religiösen          fließen zu lassen, um zu einer allgemeingülti-   Irans. Einblicke in ein verborgenes Land. Du-
Sittenregeln.                                     gen Schlussfolgerung zu gelangen. Beim           mont, Köln 2008, 340 S., 19,90 E
                                                                                                                                                                                                                                                               Freitag 20
18                                                                                                                    WISSE N                                                                                                                                 16. Mai 2008




E                                                       Barbara Leitner                                                                                                                                                              Stress macht krank
         r ist Marketingleiter in einem großen
         Unternehmen. Seit es global agiert, er-
         weiterte sich sein Aufgabenspektrum                                                                                                                                                                                         ■ Der Anteil der arbeitsbedingten Er-
         erheblich. Das empfindet er als Her-
ausforderung. Doch immer wenn er zu einer
Präsentation vor das Management geladen
wird, befürchtet er, er werde dort bloß ge-
stellt, und es solle seine Unfähigkeit bewiesen
werden. Zwar wurde gerade sein Gehalt er-
                                                        Grassierende Erschöpfung                                                                                                                                                     krankungen wird auf 30 Prozent aller
                                                                                                                                                                                                                                     Ausfalltage am Arbeitsplatz geschätzt.
                                                                                                                                                                                                                                     Während im Vergleich zu 2001 etwas
                                                                                                                                                                                                                                     weniger Menschen am Muskel-Skelett-
                                                                                                                                                                                                                                     System erkrankten (mit 23,3, Prozent
                                                                                                                                                                                                                                     noch der traditionell größte Anteil),
höht. Anerkannt aber fühlt er sich dennoch              STRESS AM ARBEITSPLATZ ■ Immer mehr Beschäftigte kämpfen mit psychischen Belastungen und                                                                                     stieg der Anteil der psychischen Er-
nicht, und nachts kann er schon seit Jahren             büßen ihre Arbeitsfreude ein. Resilienz soll vor Überforderung schützen                                                                                                      krankungen und Verhaltensstörungen
nicht mehr durchschlafen, weil er darüber                                                                                                                                                                                            mit 10,5 Prozent auf mehr als das
nachdenkt, was geschieht, wenn er bei der                                                                                                                                                                                            Doppelte.
nächsten Umstrukturierung rausgeschmissen                                                                                                                                          Neue Spielräume, gemischte Teams                  ■ Jeder dritte Mitarbeiter leidet stark
wird.                                                                                                                                                                              In der Arbeitsgruppe »Wissen-Denken-              unter Hektik, Zeit- und Termindruck. Je-
  Sie ist Lehrerin an einer Hauptschule. Mit                                                                                                                                       Handeln« der TU Dresden forschen Peggy            der Vierte erlebt das Arbeitstempo und
Ende 50 lassen sich zwar einige Kollegen be-                                                                                                                                       Looks und ihre Kollegen nicht nur nach            den Leistungsdruck als sehr belastend.
reits berenten. Sie aber freut sich noch immer,                                                                                                                                    lern- und gesundheitsförderlichen Bedin-          Im Laufe eines Jahres erleiden 27 Pro-
vor allem im Fach soziales Lernen zu erleben,                                                                                                                                      gungen für verschiedene Berufe. Vor allem         zent der EU-Bevölkerung mindestens
wie auch hart gesottene Pubertierende über                                                                                                                                         untersuchen sie, wie Arbeitsprozesse für gei-     eine psychische Erkrankung.
sich zu reden beginnen und einen Zugang                                                                                                                                            stig-schöpferisch Tätige gestaltet sein müs-      ■ Beschäftigte, die an ihren Arbeits-
zum Lernen finden. Gerade diese Stunden                                                                                                                                            sen, damit die Lehrer, Ingenieure oder Ärz-       plätzen nur geringe Möglichkeiten be-
aber will der Direktor jetzt streichen. Er steht                                                                                                                                   te ein Arbeitsleben lang gesund und immer         sitzen, sich zu beteiligen und ihre Ideen
unter dem Druck der Schulbehörde, gute                                                                                                                                             wieder zu Innovation fähig sein können. Ihre      einzubringen, brennen 3,5 Mal eher aus
Schulabschlüsse vorweisen zu müssen. Dem                                                                                                                                           Erkenntnis: Entscheidend dafür ist nicht nur      als Beschäftigte mit großen Partizipati-
Kollegium gelingt es kaum, darüber zu ver-                                                                                                                                         das Wissen, was man durch eine Ausbildung         onsmöglichkeiten. Ein belastendes So-
handeln, wie das eine mit dem anderen zu                                                                                                                                           mitbringt, sondern vor allem die Lernerfah-       zialklima beziehungsweise ein bela-
verbinden sei, und neue Lösungen zu finden.                                                                                                                                        rungen im Beruf. Dafür müssen allerdings          stendes Vorgesetztenverhalten ver-
Das lässt der Frau ihr Tun sinnlos erscheinen,                                                                                                                                     auch die Arbeitstätigkeiten entsprechend ge-      größert das Risiko um den Faktor 1,8
und erschöpft tritt sie auch den schulmüden                                                                                                                                        staltet sein und Spielräume zum Lernen            beziehungsweise 1,5. Eine geringe so-
Jugendlichen gegenüber.                                                                                                                                                            eröffnen. »Auch wenn sich bereits jetzt der       ziale Unterstützung durch den Vorge-
                                                                                                                                                                                   Fachkräftemangel abzeichnet, werden im-           setzten bedeutet ein 2,3-fach, ein wenig
Von Projekt zu Projekt gehetzt                                                                                                                                                     mer noch ältere Ingenieure entlassen oder         ausgeprägter mitarbeiterorientierter
                                                                                                                                                                                   für die Altenarbeitsplätze eingerichtet«, be-     Führungsstil ein 2,5-fach erhöhtes Burn-
Zwei Beispiele, die für die neuen Belastungen                                                                                                                                      schreibt Peggy Looks die Situation in vielen      out-Risiko.
im Arbeitsleben stehen. Zwar gefährden                                                                                                                                             kleinen und mittelständischen Unterneh-           ■ Beschäftigte, die ihre berufliche Leis-
Muskel-Skelett-Erkrankungen noch immer                                                                                                                                             men.                                              tung nicht angemessen belohnt empfin-
am stärksten die Gesundheit am Arbeits-                                                                                                                                              Stattdessen empfehlen die Dresdner Ar-          den, erleben eine so genannte Gratifi-
platz. Doch zwischen 1994 und 2004 nahmen                                                                                                                                          beitspsychologen gemischte Teams, in denen        kationskrise und haben dadurch ein fast
die Fälle von Arbeitsunfähigkeit aufgrund                                                                                                                                          junges Personal mit neuem Wissen und älte-        sechsfach höheres Risiko, depressiv zu
von psychischen Erkrankungen um 70 Pro-                                                                                                                                            re Beschäftigte mit vielen Erfahrungen sich       erkranken.
zent zu. Dabei belastet die Beschäftigten vor                                                                                                                                      gegenseitig bereichern können. »Die Innova-       ■ Die Sorge um den Arbeitsplatz führt
allem die hohe Komplexität und Verantwor-                                                                                                                                          tionsfähigkeit und auch die Gesunderhaltung       zu chronischem Stress, geringerem kör-
tung, von Projekt zu Projekt gehetzt zu wer-                                                                                                                                       in einer herausfordernden Tätigkeit werden        perlichen Wohlbefinden, mehr somato-
den, ohne die vollbrachten Leistungen ange-                                                                                                                                        außerdem gefördert, wenn man nicht nur            formen Beschwerden und weniger Le-
messen gewürdigt zu sehen, nicht beteiligt zu                                                                                                                                      Stückwerk liefern muss, sondern in vollstän-      bensqualität. Berufstätige mit Sorgen
sein, nicht zu wissen, was morgen geschieht,                                                                                                                                       dige Abläufe einbezogen ist«, meint die So-       um ihren Arbeitsplatz weisen in Katego-
dazu immer häufiger unter prekären Arbeits-                                                                                                                                        ziologin. Beispielsweise erlebt sie, dass ein     rien wie »chronischer Stress«, »soziale
verhältnissen wie Leih- oder Zeitarbeit tätig                                                                                                                                      Konstrukteur auf vollkommen neue Ideen            Spannungen« sowie »Mangel an sozialer
sein zu müssen. Und keine Gruppe im er-                                                                                                                                            kam, nachdem er in einem Verkaufsgespräch         Anerkennung« sogar höhere Werte als
werbstätigen Alter scheint davon ausge-                                                                                                                                            die Kunden kennenlernte. Gleichzeitig sind        Arbeitslose auf.
schlossen zu sein. Nicht nur von Lehrern                                                                                                                                           Beschäftigte eher bereit, Belastungen auf sich    ■ Bei Arbeitslosen treten fast alle Er-
kennt man inzwischen das »arbeitsbedingte                                                                                                                                          zu nehmen, wenn sie sich in ihrem Tun wert-       krankungen häufiger auf. Vor allem die
Vor-Altern«, von dem der Arbeitspsycholo-                                                                                                                                          geschätzt fühlen und wissen, wo das Unter-        Psyche leidet unter einem Arbeitsplatz-
ge Winfried Hacker spricht.                                                                                                                                                        nehmen in den nächsten Jahren hin will, und       verlust. Männer, jüngere Personen und
  In dem aktuellen, vom Dresdner Institut                                                                                                                                          mitreden können.                                  Langzeitarbeitslose sind stärker betrof-
für Arbeit und Gesundheit herausgegebenen                                                                                                                                            Zu dieser Einsicht kommt auch die Studie        fen als andere. Das Sterblichkeitsrisiko
IGA-Barometer (»Einschätzung der Er-                                                                                                                                               des Psychologenverbandes. Resilienz wird          ist bei Personen, die zwei oder mehr
werbsbevölkerung zum Stellenwert der Ar-                                                                                                                                           dort als die Zukunftsressource gesehen. Ur-       Jahre arbeitslos waren, 3,8-fach höher.
beit, zur Verbreitung und der Akzeptanz von                                                                                                                                        sprünglich kommt der Begriff aus der Werk-        Gemeinnützige Beschäftigung hat – zu-
betrieblicher Prävention und zu krankheits-                                                                                                                                        stoffkunde und meint die Fähigkeit, sich          mindest kurzzeitig – eine gesundheits-
bedingten Beeinträchtigungen der Arbeit«)                                                                                                                                          verformen zu lassen und in Form zu bleiben.       fördernde Wirkung und kann eine Hilfe
geben nahezu die Hälfte der Befragten an,                                                                                                                                          Und genau darauf scheint es anzukommen:           beim Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt
dass sie sich unter den gegenwärtigen Bedin-                                                                                                                                       Sich psychisch dafür zu wappnen, den An-          darstellen.
gungen nicht oder nur eingeschränkt vorstel-                                                                                                                                       forderungen einer vernetzten, kommunika-          ■ Angesichts der noch immer üblichen
len können, in ihrem Beruf das Rentenalter                                                                                                                                         tiven Wissensgesellschaft gerecht zu wer-         Rollenteilung in der Gesellschaft sind
zu erreichen. »Für uns ist das ein Frühindi-                                                                                                                                       den. Zu hoffen, es könnten einmal wieder          Frauen besonderen psychischen Belas-
kator für den Wandel in der Arbeitswelt,                                                                                                                                           »ruhiger werden und bessere Zeiten« ein-          tungen ausgesetzt. Beispielsweise
wenn in unseren Befragungen inzwischen                                                                                                                                             treten, verstellt nur den Blick auf die eigenen   kann kaum eine Mutter nach der Geburt
vier Prozent weniger Frauen meinen, die Ar-                                                                                                                                        und betrieblichen Gestaltungsmöglichkei-          ihres ersten Kindes ihre Karriere finan-
beit bringe ihnen Anerkennung und ihr Stel-                                                                                                                                        ten.                                              ziell dort fortsetzen, wo sie aufgehört
                                                                                                                                                                   Norbert Vogel




lenwert sei genau richtig, und immer weniger                                                                                                                                         Aus den USA kommen inzwischen Ansät-            hat. Gerade in Berufen mit ohnehin
Frauen und Männer ihre Arbeit als vielseitig                                                                                                                                       ze, den Resilienz-Begriff nicht nur auf Indi-     niedriger Bezahlung oft dauerhaft finan-
und abwechslungsreich bezeichnen«, meint                                                                                                                                           viduen, sondern auch auf Teams, Organisa-         ziell schlechter gestellt zu sein, fru-
Ulrike Waschau vom Dresdner Institut für                                                                                                                                           tionen und ganze Unternehmen anzuwenden           striert viele Frauen.
Arbeit und Gesundheit. Deutlich zeigen des-                                                                                                                                        und sie in die Lage zu versetzen, mit plötzli-    ■ Mindestens 20 Prozent der Ärzte lei-
sen Befragungsergebnisse: In den Unterneh-              Schwierigkeiten, ihn mit einem erfüllten Pri-         Diese Einschätzung deckt sich mit den Er-                            chen Änderungen und dauerhaftem Wandel            den an einem Burnout-Syndrom und bis
men, in denen betriebliche Prävention und               vatleben zu vereinbaren. Zugleich mangelt es        gebnissen, die die Soziologin Peggy Looks von                          umzugehen. Das verlangt vor allem, die Rea-       zu zehn Prozent an einer substanzbezo-
Gesundheitsförderung keine Rolle spielen,               auf ihren Arbeitsgebieten an Personal- und          der Technischen Universität Dresden nach der                           lität zu akzeptieren und anzupacken, sich         genen Störung. Die Suizidraten von Me-
schätzen die Befragten ihre Arbeit doppelt so           Organisationsentwicklung. Beispielsweise            Befragung von Gymnasiallehrern und Kran-                               über die Werte der Organisation zu verstän-       dizinern sind im Vergleich zur Allge-
häufig negativ ein. Zwei Gruppen, für die das           müssen Ärzte in den Krankenhäusern mit              kenhausärzten in Sachen gewann. »Bei unseren                           digen, wahrzunehmen, dass die im Wandel           meinbevölkerung bis zu dreifach erhöht,
zutrifft, sind Lehrer und Sozialarbeiter. Un-           dem Gebot der Wirtschaftlichkeit fertig wer-        Untersuchungen wiesen etwa 45 Prozent der                              auch Halt geben. Auf dieser dieser Grundla-       bei Medizinerinnen bis zu fünffach.
gefähr 60 Prozent von ihnen gaben an, ihre              den, ohne dass überlegt wird, wie sie befähigt      Lehrer und etwa 39 Prozent der Ärzte kriti-                            ge können Mitarbeiter improvisieren und           ■ Entgegen der öffentlichen Wahrneh-
Arbeitgeber würden sich nicht um ihre Ge-               werden können, die neuen Belastungen zu             sche Werte in Bezug auf emotionale Erschöp-                            alle Ressourcen zur Problembewältigung            mung liegt die Wochenarbeitszeit von
sundheit kümmern.                                       meistern und angemessen mit den Patienten           fung auf.« Obwohl die Mehrzahl der Lehrer                              einsetzen.                                        Lehrern laut repräsentativen Untersu-
                                                        umzugehen. Psychologen und Psychothera-             sich als sehr leistungsfähig einschätzten, treten                        Auch wenn Stress häufig im Kopf entsteht        chungen bei 46,57 Zeitstunden. Dabei
Wenn die Helfer krank werden                            peuten hingegen vermeiden es aus Angst vor          90 Prozent von ihnen vorzeitig in den Ruhe-                            – den psychischen Belastungen im Arbeitsle-       verlangt die fest strukturierte Zeit mit
                                                        Stigmatisierung und dem Verlust ihrer beruf-        stand. Ungefähr die Hälfte der befragten Gym-                          ben kann nicht nur individuell begegnet wer-      gedrängter Kommunikation und dichten
Auf zwei weitere, psychisch schwer belaste-             lichen Zukunft, in einem frühen Stadium der         nasiallehrer räumt allerdings ein, sie müssten                         den. Gesundheitsförderung – so die Studie –       sozialen Beziehungsanforderungen am
te Gruppen macht der Berufsverband der                  Erschöpfung oder Frustration um Hilfe               ihre eigene Arbeitsweise verändern – ohne eine                         muss unbedingt als ein Thema der Organisa-        Vormittag in der Schule und der flexibel
Deutschen Psychologinnen und Psycholo-                  nachzusuchen. Sie sind dann möglicherweise          Vorstellung zu haben, wie das geschehen                                tions- und Personalentwicklung behandelt          gestaltbaren Zeitanteil überwiegend am
gen in seiner kürzlich veröffentlichten Studie          genauso ausgelaugt und negativ gestimmt wie         könnte. Die Ärzte wiederum klagen vor allem                            werden und verlangt mehr als nur ein be-          häuslichen Arbeitsplatz am Nachmittag
aufmerksam: Ärzte und Psychotherapeuten.                ihre Patienten. Obendrein fällt es ihnen            über die vielen Überstunden, die fehlende Frei-                        triebliches Angebot zum Stressmanagement          ein hohes Zeitmanagement. Angesichts
Die in diesem Feld Tätigen haben oft ein Ide-           schwer, selbst die Rolle der Hilfebedürftigen       zeit und dass die Arbeitszeit nicht ausreicht,                         oder eine Rückenschule nach dem Gießkan-          des »nach oben offenen« pädagogi-
albild von ihrem Beruf und besondere                    einzunehmen.                                        um die anfallende Arbeit zu erfüllen.                                  nenprinzip.                                   ■   schen Auftrages ohne sichtbares Erle-
                                                                                                                                                                                                                                     digungsmerkmal peinigt viele engagier-
                                                                                                                                                                                                                                     te Lehrer das Gefühl des »Nicht-fertig-
                                                                                                                                                                                                                                     Seins«.
                                                                                                                                                                                                                                     Sieben »Säulen der Resilienz« – um
                                                                                                                                                                                                         edition




                                                                                                                                                                                                                                     Belastungen gewachsen zu sein:
                                                                                                                                                                                                                                     1. Einsicht suchen: Suchfragen stellen
                                                                                                                                                                                                                                     und ehrliche Antworten geben.
                                                                                                                                                                                                                                     2. Unabhängigkeit: das Recht auf si-
                                                                                                                                                                                                                 Freitag




                                                         david becker des                                                                                                                                                            chere Grenzen zwischen sich und ande-
                                                         die erfindung                Der Begriff

      marxglossar
                                                                                                                                                                                                                                     ren.
                                                                                      Trauma ist im
                                                         traumas –                    Zusammenha
                                                                                                    ng                                                                                                                               3. Beziehungen: enge und erfüllende
      christoph                                          verflochtene                 mit Krisen,                                     In Reise-
                                                                                                                                                        ,
                                                                                                                                                                                                                                     Beziehungen suchen und aufrechterhal-
                                                                                                                                      aufzeichnungen
      henning/hg.                                         geschichten                  Kriegen und                                                                                                                                   ten.
                                   Die                                                 Katastrophen                                    Diskussionen
                                                                                       inflationär                                     und Gespräch
                                                                                                                                                       en                                                                            4. Initiative: Probleme aktiv anpacken.
                                   Globalisierung
                                   auf den                                             geworden.                                       schildern die                                                                                 5. Kreativität: Frustration oder Schmerz
                                   Marx’schen                                           David Becker                                   Autorinnen                                                                                    künstlerisch ausdrücken.
                                                                                                                                                       die
                                    Begriff gebrac
                                                  ht:                                   folgt ihm und                                   Er fahr ungen,
                                                           itag
       itag




                                                                                        definier t                                      sie auf Gastsp
                                                                                                                                                         iel-                                                                        6. Humor: das Komische im Tragischen
                                    Von A wie
                                                           e d i t i o n Fre
        e d i t i o n Fre




                                    Arbeitslosigkeit                                     Trauma neu –                                   reisen in den                                                                                finden, über sich selbst lachen.
                                                                                                                                                        elt
                                    bis Z wie Zeit-                                      ein Standard-                                   Iran gewamm                                                                                 7. Moral: Wissen, was gut und schlecht
                                     management.                                         werk.                                           haben.
                                                                                                                                                                                                                                     ist, der Wille, für diesen Glauben auch
                                                                                CHUR                                             CHUR                                                  CHUR
                 FRANZ. BROS
                            CHUR                                     FRANZ. BROS                                     FRANZ. BROS                                            FRANZ. BROS                                              Risiken einzugehen.
     276 SEITEN,                                         328 SEITEN,      IEN VON MAR
                                                                                       IA                160 SEITEN,     SS-FOTOGRAF
                                                                                                                                    IEN                         250 SEITEN,
     EUR 19,80                                           48 FARBFOTOGRAF                                 15 SCHWARZWEI 3-936252-14-9                            EUR 19,80                                                            (Project Resilience, 1990, Washington)
                 52-08-4                                                                                              B 978-                                                 6252-10-1
     ISBN 3-9362                                         VEDD ER                 -06-8                   EUR 16,80; IS                                          ISBN 978-3-93
                                                                      BN 3-936252
                                                         EUR 19,80; IS
                                                                                                                                                                                                                                        Zusammenstellung: Barbara Leitner
Freitag 20
16. Mai 2008                                                                                                                             KULTUR                                                                                                                     19

D
                                                  Erika Sulzer-Kleinemeier
        er folgende Text kreist um die Frage,
        was 1968 bedeutete, vor allem, was es
        mir bedeutete, und was es dort be-
        deutete, wo ich 1968 studierte, in
Marburg, einem exzentrischen Zentrum der
Studentenbewegung. Davon, wie ich dort
hingeriet, warum, was ich damals gelernt
habe, von wem und auf welche Weise. Man
kann darin Gedanken und Theorien neu be-
sichtigen, die mir damals wichtig waren, dar-
unter auch einige, die mir heute noch wichtig
sind. Man findet darin Glücksmomente, die
sich nicht festhalten ließen. Sie lachen über
Irrtümer, auch über die eigenen, wenn auch
längst nicht über alle.

Wie ich nach Marburg kam
Wenn man 1966 in Nordhessen Abitur ge-
macht hatte, ein nobles Fach wie Literatur,
Geschichte, Soziologie oder Philosophie stu-
dieren wollte (keineswegs eines von denen,
die damals ohne Ansehen waren wie Jura
oder Volkswirtschaft), wenn man 1966 wegen
der großen Koalition aus der SPD ausgetre-
ten war, wenn man wissen wollte, warum die
einen reich waren und nicht arbeiteten, wäh-
rend die anderen, mein Vater etwa, viel arbei-
teten, schlecht dafür entlohnt wurden und
trotzdem die Bild-Zeitung lasen, wenn man
wissen wollte, warum Herr Eisenberg, der
einzige überlebende Jude in meinem Ort, im-
mer noch isoliert war, während der Massen-
mörder, der neben uns seinen Garten pflegte,
ein angesehener Mann blieb; wenn man wis-
sen wollte, warum der Polizeichef von Saigon
mit dem Segen der Amerikaner auf dem
berühmten Foto einem jungen Vietnamesen
das Gehirn aus dem Kopf schießen durfte,
wie es unser Nachbar früher in Polen mit den
Juden gemacht hatte, wenn man so war und
das alles wissen wollte, vielleicht sogar, wie
dies alles zu ändern sei, dann hatte man da-
mals nur die Wahl zwischen Frankfurt und
Marburg, zwischen Adorno und Abendroth.
Für die Juristen kam noch Gießen dazu, we-
gen Ridder. Aber Jurist wollte ich aus er-
wähnten Prestigegründen nicht werden.
  Frankfurt lag ferner. Schon nach Auto-
bahnkilometern. Frankfurt war eine Groß-
stadt, ziemlich unübersichtlich für einen jun-
gen Mann vom Land. Die Stadt dominierte                                                                                                                                                                                                                 Wolfgang Abendroth
die Universität, nicht umgekehrt. Aber auch                                                                                                                                                                                                                        bei einer
sonst lag Frankfurt ferner. Die paar kleinen                                 Karl-Heinz Götze                                                                                                                                                        Studentenversammlung
Texte von Adorno, die ich kannte, waren zu




                                                                             Ein weites, dunkles Feld
schlau für mich, hatten nicht die Sprache, die
ich kannte. Es war faszinierend, aber es war
mir zu fremd. Auch das Bürgerliche darin,
das ich gerochen haben muss. Liberales,
kunstsinniges Bürgertum gab es in meinem
Nordhessen so wenig wie Marxismus und
Donauerschinger Musiktage. Zu fern.
  Also Marburg. Die gleiche Landschaft wie                                   ZAUBER ■         Wie ich zum ersten Mal Wolfgang Abendroth begegnet bin
bei uns. Ein kleiner
Ort auch, nur größer                                                         um in der Gegenwart anzukommen, die bür-            gelobt wurde. Dann nahm er erleichtert das        merkung zu wiederholen, nun müsse der
und vor allem geist-                                                         gerliche Revolution und die Geschichte der          Wort und hielt zwei Stunden Vorlesung, bei        Herr Student aber gehen.
gesättigt, was von
Hofgeismar noch nie
jemand behauptet
                          Freitag                                            Arbeiterbewegung.
                                                                               Die freilich nicht ganz. Mein Vater kam aus
                                                                             der Sozialdemokratischen Arbeiterbewe-
                                                                                                                                 der man keine Stecknadel hätte fallen hören
                                                                                                                                 können und keiner auf die Uhr schaute. Sie
                                                                                                                                 war nie vorbereitet. Sie hätte immer weiter
                                                                                                                                                                                     Er erzählte die Geschichte Rockers, als sei
                                                                                                                                                                                   sie seine eigene gewesen und ein bisschen war
                                                                                                                                                                                   das auch so, denn auch er war ja mehrfach aus


                          ’
                           68
hat. Eine richtige                                                           gung Hamburgs am Ende der Weimarer Re-              gehen können. Sie vermittelte allemal den         der SPD ausgeschlossen und dann wegen der
deutsche      Univer-                                                        publik. Er hasste die Nazis. Und er hat seinen      Eindruck, dass er alles wusste über die Ge-       SPD aus der SBZ und irgendwie immer Dis-
sitätsstadt. Alles war                                                       Gewerkschaftsbeitrag bezahlt bis zum Ende,          schichte der Arbeiterbewegung. Erlebtes, Er-      sident. Und immer auch ein bisschen Anar-
Universität, selbst                                                          als das Geld schon überwiesen statt kassiert        innertes, Gehörtes und Erforschtes flossen        chist, zumindest, wenn er die Asche auf den
die Verbindungshäu-                                                          wurde, was ihn störte. Aber er redete nicht         ungetrennt zusammen zu einer Erzählung,           Anzug schnipste. Theoretisch natürlich
ser und das Schloss                                                          häufig darüber, schon wegen meiner Mutter,          die nie die Frage aufkommen ließ, warum           nicht, aber er sagte auch nichts Schlechtes
und die Kliniken.                                                            die gern so sein wollte wie die anderen in          man das wissen solle.                             über Rudolf Rocker, sprach über ihn, wie
Universität mit den                                                          Hofgeismar. Ich wollte aber gern darüber re-          Zum ersten Mal saß ich ihm gegenüber, als es    über jemanden aus der Familie spricht, der
Beringwerken hin-                                                            den, schon als Kind. Man merkt, alles lief mit      in der Sprechstunde das Thema für die Haus-       gelegentlich Dummheiten gemacht hat, aber
term Berg und einem kleinen Bahnhof, das                                     geradezu eherner Notwendigkeit auf Mar-             arbeit auszumachen galt. Zweimal kam ich          kein schlechter Kerl war. Am Ende bestimm-
war Marburg. Protestantisch von Philipp                                      burg hinaus, auf Germanistik und Politische         vergeblich, weil er auch bei den Sprechstunden    te er mich, ich solle Rockers Hohenkirchner
dem Zweiten bis Bultmann. Die erste protes-                                  Wissenschaften und ein bisschen Philosophie         die Zeit vergaß und die später Kommenden          Zeit erforschen, als Aufgabe viel zu schwer
tantische Universität Deutschlands. Heftig                                   fürs Lehramt, auf Abendroth und die Ge-             unverrichteter Dinge wieder nach Hause ge-        für mich natürlich.
protestantisch war ich bis vor ein paar Jahren                               schichte der Arbeiterbewegung.                      hen mussten. Er saß, nein, er lag halb im grau-
auch gewesen, sogar mit leichtem pietisti-                                     Berufspraktische Überlegungen spielten            en Anzug und einem Hemd ohne Manschet-            Einer von uns
schen Beigeschmack. Ich war sehr moralisch,                                  keine Rolle. Die Aussicht, Studienrat zu wer-       tenknöpfe mit sehr großen Füßen und großen,
wenn auch nicht jederzeit, bibelfest, aber mit                               den, kam jemandem wie mir, dem die Mutter           sich gestisch selbstständig machenden Hän-        Außerhalb der Zeit, wenn er erzählte, und
schlechten Lateinkenntnissen, was vom spä-                                   die mittlere Inspektorenlaufbahn auf dem            den auf einer Art Sofa, begrüßte mich freudig,    doch darin, Geschichte ganz als Gegenwart,
ten Wechsel aufs Gymnasium herrührte, ro-                                    heimischen Landratsamt zugedacht hatte,             als seien wir alte Bekannte, fragte nach mei-     sichtbar nichts wollend für sich selbst, außer
mantisch auch, wie Bettina und Clemens und                                   ziemlich glänzend vor. Und Studienrat konn-         nem Alter und meinem Herkommen. Ich               sein Wissen zu verbreiten (von den Zigaret-
Achim und Savigny und die Grimms, die hier                                   te damals beinahe jeder von den fünf Prozent        schämte mich ein wenig ob der geringen Be-        ten natürlich abgesehen), Sozialist mit einem
gewohnt hatten. Ich wusste das damals nicht.                                 eines Jahrgangs werden, die das Abitur              deutung der Stadt, aus der ich kam, und sagte,    großen Herzen für Dissidenz, für Anarchie,
Aber es passte, wenn ich es auch nicht zuge-                                 schafften. Und wer das Abitur schaffte,             man müsse sie nicht kennen. »Hofgeismar?          gütig, aber unbeugsam: Abendroth war ei-
geben hätte.                                                                 schaffte in sechs Jahren auch das Staatsex-         Aber das liegt doch 15 Kilometer von Hohen-       ner, war vielleicht der einzige der linken
  Bescheidenes Elternhaus, provinzielle Her-                                 amen. Notfalls mit vier minus. Das reichte          kirchen, wo Rudolf Rocker war.« Hohenkir-         Hochschullehrer, der seine Lehre so mit sei-
kunft, ohne Weltläufigkeit, Drang ins Offene,                                damals noch. 1966 ist lange her.                    chen ist noch viel kleiner als Hofgeismar. Ich    ner Existenz beglaubigte, dass kein Verdacht
Protestantismus, als erstes wirkliches Buch                                                                                      kannte den dortigen Pfarrer und ein allerdings    dazwischen Platz fand. Das machte ihn aus,
die Bibel, die ersten Versuche in Textherme-                                 In der Sprechstunde                                 hübsches Mädchen aus meiner ehemaligen            der Enthusiasmus des Wissens und dessen
neutik in den Bibelstunden des Christlichen                                                                                      Parallelklasse. Rudolf Rocker kannte ich          Beglaubigung durch das eigene Leben. Seine
Vereins junger Männer, gestreift von pietisti-                               Ich habe Abendroth dann bald bei Studen-            nicht. Aber der Name gefiel mir.                  Schriften sind von vergleichsweise geringer
scher Gefühlskultur, mit dem Leben nur aus                                   tenvollversammlungen gehört, wo er als ein-           Abendroth brachte er in Fahrt. Er zündete       Bedeutung. Er musste persönlich dabei sein,
den Büchern vertraut, voller romantischem                                    ziger Professor immer willkommen war, ja            sich hastig eine neue Zigarette an der Glut der   sonst wirkte der Zauber nicht. Für Jugendli-
Unbehagen an der Normalität und Sehnsucht                                    erwartet wurde. Er saß mit zerknittertem            vorigen an und begann mir Rockers Lebens-         che, die gerade erst bei den Eltern und dann
nach etwas Großen, Ganzen und Gerechten,                                     Anzug und verrutschtem Schlips auf den Stu-         geschichte zu erzählen, der in der alten, revo-   bei den Lehrern und dann bei den Politikern
schwankend zwischen einem Ich geradezu                                       fen des Audimax, hatte schlohweißes Haar,           lutionären SPD schon den revisionistischen        entdeckt haben, dass da ein weites, dunkles
Fichteschen Ausmaßes und dem, was die                                        eine dicke Brille und wirkte doch jung. Ohne        Kurs der Parteiführung bekämpft hatte, aus-       Feld ist zwischen Reden und Handeln, ein
Psychoanalytiker Kleinheitsselbst nennen –                                   sich anzubiedern, löschte er den Generati-          geschlossen wurde, sich dem Anarchismus           weites dunkles Feld, das sie bei sich selbst nie
kurz: Ich war ausgestattet mit dem Besten                                    ons- und den Hierarchieunterschied einfach          zuwandte, mit Kropotkin befreundet war,           zuzulassen sich gerade vorgenommen haben,
und dem Schlechtesten, was die deutsche                                      aus. Das konnte keiner sonst und das funk-          nach Paris und dann nach London emigrier-         wirken Menschen wie Abendroth unwider-
Geistesgeschichte zwischen 1500 und – sagen                                  tionierte nur, weil es ihm in Fleisch und Blut      te, dort Streiks anzettelte, Arbeiterbildungs-    stehlich. So gesehen war er jung, dieser Mann                      Karl-Heinz Götze ist
wir – 1815 ausmacht. Nur eben im ganz, ganz                                  war. Im Seminar, in dem an meinem Studien-          vereine und Gewerkschaften gründete, inter-       in dem von Gefängnis und Verfolgung ver-                           Professor für deutsche
Kleinen, als grobe Prägung, kaum als Wissen.                                 anfang circa 100 Studenten saßen, stellte er        niert wurde, 1918 zur Revolution nach             brauchten Körper, einer von uns. Und zu-                           Literatur und Landes-
Aber Marburg war ja auch klein. Das traf sich                                am Anfang immer eine didaktische Frage,             Deutschland zurückkam, 1933 wieder ins            gleich war er ein Lehrer. Hohenkirchen sah                         kunde an der Univer-
gut. Das weitere 19. Jahrhundert war in mir                                  weil das gerade Mode wurde. Sie war von der         Exil ging und schließlich in New York starb,      auf einmal anders aus, rockiger, anarchischer,                     sität Aix-en-Provence,
wenig vertreten. Von den Treibels hatte ich                                  Art »Wie hieß noch die große deutsche Re-           blind, aber ungebrochen. Beiläufig kam auch       mit weiter Perspektive auf Paris, London und                       Frankreich. Er hat
nichts und kannte ich nichts, von den Bud-                                   volutionärin, die 1919 ermordet, wurde...«,         Hohenkirchen vor. Beim Erzählen klopfte er        New York. Es war gar nicht immer so gewe-                          Bücher über die Ge-
denbrooks noch weniger. Die Frankfurter                                      Stille, »die man dann im Landwehrkanal              die Asche seiner Zigaretten auf seine graue       sen in Nordhessen, wie ich es erlebt habe, die                     schichte der Germanis-
Universität wurde gegründet, als in Deutsch-                                 fand«, Glucksen, »weiß es keiner?« Bis dann         Hose, verrieb sie gedankenlos und erzählte        Geschichte begann nicht in den fünfziger           tik veröffentlicht, über Böll, Koeppen
land die Treibels dran waren. In die Frank-                                  einer, der es nicht begriffen hatte, unter allge-   ungerührt weiter. Nur die Kippen drückte er       Jahren und musste auch nicht immer so wei-         und Weiss, über das heutige Frankreich
furter Universität hätte ich nicht gepasst. Ich                              meinem Lachen Rosa Luxemburg sagte und              im Aschenbecher aus, den die Sekretärin re-       ter gehen. Das hat er vermittelt, so, dass ich     und über die französische Küche und
hatte das 19. Jahrhundert erst nachzuholen,                                  von Abendroth ganz überschwänglich dafür            gelmäßig lehrte, nicht ohne folgenlos die Be-     es verstehen konnte. Dauerhaft.               ■    ihre Köche.
                                                                                                                                                                                                                                              Freitag 20
20                                                                                                           ALLTAG                                                                                                                          16. Mai 2008




                                                                                                                                                                                                                   Berliner Abende

                                                                                                                                                                                                                   VOR MITTERNACHT
                                                                                                                                                                                                                   Von Karsten Laske

                                                                                                                                                                                                                   Reichelt hatte es vorgemacht, Kaiser’s
                                                                                                                                                                                                                   zog nach. In einigen Berliner Super-
                                                                                                                                                                                                                   märkten kann man jetzt shoppen bis ul-
                                                                                                                                                                                                                   timo. Einkaufen für Spättrinker, Schlaf-
                                                                                                                                                                                                                   lose und Workoholics, vom Morgen bis
                                                                                                                                                                                                                   Mitternacht. Endlich. Eins der Geschäf-
                                                                                                                                                                                                                   te ist gleich bei mir ums Eck.
                                                                                                                                                                                                                     Von morgens bis mitternachts. Ein an-
                                                                                                                                                                                                                   derer Herr Kaiser als der Nahrungs-
                                                                                                                                                                                                                   händler schrieb 1912 ein Theaterstück
                                                                                                                                                                                                                   dieses Titels. Seine Figuren scheinen den
                                                                                                                                                                                                                   Laden zu bevölkern: eine Hure, ein Sol-
                                                                                                                                                                                                                   dat, ein rotgesichtiger Herr, winterlich
                                                                                                                                                                                                                   mit Fellmütze und Wollschal. Wo mag
                                                                                                                                                                                                                   der Held des Stücks, der Bankangestell-
                                                                                                                                                                                                                   te mit dem geklauten Geld sein?
                                                                                                                                                                                                                     »Impulskäufer« nennt das Unterneh-
                                                                                                                                                                                                                   men uns späte Kunden. Mitternächtlich
                                                                                                                                                                                                                   blasse Gestalten, Umgetriebene. Wir la-
                                                                                                                                                                                                                   den Spagetti, Snacks und Spirituosen als
                                                                                                                                                                                                                   gäb’s kein Morgen. Zwischen den Kühl-
                                                                                                                                                                                                                   truhen riecht es übel. Ein junges »Füll-
                                                                                                                                                                                                                   team« schließt die Lücken in den Rega-
                                                                                                                                                                                                                   len. Vor den Türen draußen lagern
                                                                                                                                                                                                                   Hunde. Ihr Bellen dringt bis ins Ge-
                                                                                                                                                                                                                   schäft. Beide Frauen an den Kassen sind
                                                                                                                                                                                                                   dick beleibt, Leih-Kräfte, die keinen
                                                                                                                                                                                                                   Nachtzuschlag kriegen. Den Security-
                                                                                                                                                                                                                   Typen kenne ich, er wohnt in meinem
                                                                                                                                                                                                                   Haus. Der ist auch nicht bei Kaiser’s an-
                                                                                                                                                                                                                   gestellt, der arbeitet für eine Wach-
                                                                                                                                                                                                                   schutzfirma.
                                                                                                                                                                                                                     Im Erdgeschoss lebt er, in einer winzi-
                                                                                                                                                                                                                   gen Wohnung mit großem Fenster zur
                                                                                                                                                                                                                   Straße, allein. Damit man ihm nicht wie
                                                                                                                                                                                                                   durch ein Schaufenster in sein Leben
                                                                                                                                                                                                                   guckt, hält er die Rollläden immer ge-
                                                                                                                                                                                                                   schlossen. Nur manchmal, spät in der
                                                                                                                                                                                                                   Nacht, wenn er nach Hause kommt,
                                                                                                                                                                                                                   öffnet er sie kurz, um zu lüften. Dann




                                                                                                                                                                                                   Robert Michel
                                                                                                                                                                                                                   schläft er den ganzen Tag.
                                                                                                                                                                                                                     Einmal nahm ich ein Paket für ihn an,
                                                                                                                                                                                                                   das er lange nicht holte. Es lag bei mir im
                                                                                                                                                                                                                   Flur, stand im Weg. Ich griff es, schüt-
                                                                                                                                                                                                                   telte, horchte. Wenn es tickt, das weiß
                                                                                                                                                                                                                   man ja, ist es eine Zeitbombe. Es tickte
Christoph D. Brumme                                                                                                                                                                                                aber nicht. Ein Plan, sich eines verhass-
                                                                                                                                                                                                                   ten Nachbarn zu entledigen, kam mir in

SELBST MEPHISTO FROR IM ELENDSTAL                                                                                                                                                                                  den Sinn. Er muss allerdings immer da
                                                                                                                                                                                                                   sein, dieser Nachbar, und stets alle Pa-
                                                                                                                                                                                                                   kete im Haus entgegen nehmen, sonst
                                                                                                                                                                                                                   funktioniert’s nicht. Man schickt sich
Im Kalten Krieg war der Harz in zwei Hälften geteilt. Das Dorf Elend lag östlich der Grenze                                                                                                                        einfach selbst eine Bombe, die dann bei
                                                                                                                                                                                                                   ihm explodiert. Zugegeben – ein etwas
Luftlinie drei Kilometer waren es von mei-         fort alle vertrauenswürdigen Klassenkamera-         Die Lehrer wiesen uns Schüler an, auf        Kind erstickt, die Mutter platzt«, denn es                     heikler Plan, eine Rechnung mit vielen
nem Kinderzimmer in Elend im Harz zum              den, so dass bereits nach der nächsten Pause      Grenzverletzer zu achten, immer, beim Fo-      »geht es zu des Bösen Haus«, auf den                           Unbekannten. Vielleicht lag es dran,
ersten Grenzzaun und zu den Minenfeldern           so gut wie alle Schüler vom Verrat des Klas-      rellenschießen oder beim Schlittschuhlaufen.   Brocken.                                                       dass der Mann beim Wachschutz arbei-
an der deutsch-deutschen Grenze. Genau wie         senlehrers an seinen Idealen in Kenntnis ge-      Ein Polizist durchsuchte jeden Morgen den                                                                     tet, dass ich überhaupt auf solch finste-
Franz Kafka es beschreibt, war das nächste         setzt waren. Wir brauchten keine Bild-Zei-        Schulbus auf dem Weg von Elend nach            Nur einmal war ich auf dem Gipfel, wieder                      re Gedanken kam.
Dorf unerreichbar, weil es schon »im We-           tung. In mündlichen Kulturen verbreiten sich      Schierke nach Grenzverletzern. Erholungs-      unter dem Verdacht, ein Grenzverletzer zu                        Jedenfalls, ich brachte ihm das Paket.
sten« lag. Im Kalten Krieg war der Harz in         Nachrichten rasch.                                gäste, die hier ihren Gewerkschaftsurlaub      sein, diesmal im Alter von 21 Jahren. Meine                    Schlaftrunken öffnete er. Ich sah, dass er
zwei Hälften geteilt, Die Gegend zwischen            Schließlich hatte der Klassenlehrer an mir      verbrachten, durften im Wald nur bestimm-      Ausrede, weshalb ich zu nahe an 500-Meter-                     seine Tür von innen vernietet und ver-
Schierke und Elend, wie ein Kapitel im Faust       die Stalin’sche Regel erprobt, dass Fragen        te, mit roten Schildern gekennzeichnete Wege   Streifen geraten war, der letzten Schutzzone                   nagelt hatte mit einer Stahlplatte und
überschrieben ist, lag östlich der Grenze in       sich von selbst beantworten. Weshalb wird         betreten. Sie wurden auf Musterwanderun-       vor dem ersten Zaun: Ich suche Rhododen-                       Schaumstoff. Gepanzert gegen Lärm
einer militärischen Sperrzone.                     der Sozialismus siegen? Der Sozialismus wird      gen darüber belehrt. Die Luft war gesund,      dronferrugineum, die Rostblättrige Alpen-                      aus dem Treppenhaus. Ein Rohr, das
  Über Staus und Unfälle, die im Westen pas-       siegen, weil der Sozialismus unbesiegbar ist.     nur wenige im Dorf besaßen Autos. Die          rose. Der Berg war zaubertoll an diesem                        von der Wohnung über ihm durch sei-
sierten, war ich dank der ausführlichen            Weshalb bist du der Anführer der Gruppe?          Lastkraftwagen von der Armee brachten je-      Tag. Es lag Schnee, die Brockenstraße war                      nen Flur führt, hat er ebenfalls dick und
Nachrichten im Deutschlandfunk besser in-          Weil ein Kollektiv nur von einem Anführer         den Tag Betonteile an die Grenze. Das war      nur einspurig befahrbar, so dass die Grenzer                   fest mit Schaumstoff umwickelt. Er liebt
formiert als über die Paragraphen, die zu mei-     verleitet werden kann.                            natürlich ein Staatsgeheimnis, man guckte      mit dem LKW nicht wenden konnten und                           wohl die Stille, dachte ich. Er sprach
nen Verhaftungen wegen des Verdachts auf             Wir waren im einzigen Hotel des Ortes ei-       hin und redete nicht darüber.                  mich, mit geschlossener Plane zwar, erst auf                   auch nicht und dankte mir kaum.
»Republikflucht« führten. Abtasten, hinle-         nige Male mit dem Fahrstuhl gefahren, die           Der Ort ist verrucht, es stinkt aus allen    den Gipfel fahren mussten, bevor das Ge-                         Jetzt, im Laden, erkennt er mich nicht.
gen, weil eine Mine irgendwo im Grenzstrei-        große Welt wollten wir schnuppern, eine Ah-       Winkeln. »Im Berg glüht der Mammon / Da        spräch in der Kaserne von Schierke weiter-                     Steht in seiner schwarzen Uniform, der
fen explodiert war, das erlebte ich als Sieben-    nung von leichten Aufstiegen erhalten. Wie        steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden /       ging.                                                          Midnight Cowboy, und blickt wie aus
jähriger auf einer Radtour. Doch der Staats-       könnt ihr das machen, in Turnschuhen, in          Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor« Der       Über dem Berg, derweilen, stieg ein Dampf,                   Sehschlitzen. Wen observiert er? Die lu-
feind war ein Reh gewesen, und ich durfte          Trainingskleidung? Wir kamen vom Fußball-         Hexenmeister mahnt zur Eile, obwohl »das       Glut leuchtete, es zogen Schwaden.                             stige wasserstoffblonde Kassiererin?
nach Hause radeln.                                 platz, die Hotelgäste hätten sich erschrecken                                                                                                                   Richtig. Er schleicht sich an. Wird er sie
  Aus dem Westen kamen die Wunderdinge,            können. Vier Jungs, wer war der Anführer?                                                                                                                       jetzt verhaften? Von hinten greift er ihr
die Weihnachtspakete, Formel-1-Matchbox,           Die Strafe für unser Vergehen: Verweis vor                                                                                                                      in den Nacken. Sie juchzt leise auf.
Springmesser, französische Federhalter und         allen Schülern der Schule beim Fahnenappell.                                                                                                                    Blickt ihn verliebt an, ihren schwarzen
afrikanische Märchen. Das Radio in unserer           Um dem Lehrer zu zeigen, dass ich keine                                                                                                                       Romeo. Sieht schnell auf ihre Kasse
Küche war fast immer auf den Deutschland-          Angst vor ihm habe, bat ich ihn auf dem Pau-                                                                                                                    zurück. Ich stelle mich an ihr Band.
funk eingestellt.                                  senhof um eine Zigarette. Er führte als Eng-                                                                                                                    Glücklich zieht sie meine Waren über
                                                   lischlehrer keinen Unterricht durch, sondern                                                                                                                    den Scanner. Freut sie sich schon auf ihr
Das »Elendstal« war mein Schulweg zwi-             hielt Propagandareden auf den Sozialismus.        CARTOON                                                                                                       Rendezvous nach Ladenschluss? Ich
schen Elend und Schierke. Dieses Tal ist nach      Niemand belehrte uns so ausführlich wie er,                                                                                                                     sehe die stahlgepanzerte Schallschutz-
meiner Erinnerung etwa drei Kilometer lang,        dass wir ein Auge auf »Grenzverletzer« ha-                                                                                                                      tür, hinter der sie verschwinden wird
die Kalte Bode fließt hier, im Winter ist es oft   ben sollten, Leute, die in den Westen abhau-                                                                                                                    heute Nacht. Sie nennt den Preis. Wie
bitterkalt.                                        en wollen. (Leute wie ihr oder eure Eltern?)                                                                                                                    stets bei Kaiser’s eine astronomische
  Faust und Mephisto machen hier Rast. »In           Auf dem Wurmberg, in Sichtweite der                                                                                                                           Zahl.
die Traum- und Zaubersphäre / Sind wir,            Schule, standen die Anhöranlagen der Ame-                                                                                                                         Wie heißt es in Georg Kaisers Thea-
scheint es, eingegangen«, singen Faust, Me-        rikaner, die mit unseren Stimmen die Fre-                                                                                                                       terstück: Man kauft immer weniger, als
phisto und Irrlicht. Das Irrlicht warnt: »Al-      quenzen erprobten.                                                                                                                                              man bezahlt.
lein bedenkt! der Berg ist heute zaubertoll /
Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen         Nur wenige von den 517 Dorfbewohnern
soll / So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.«       wagten es, nach Einbruch der Dunkelheit
  Nicht so genau nehmen? Jede Äußerung             ihre Häuser zu verlassen und in den nahen
wurde im Grenzgebiet ernst genommen. So            Wäldern zu wandern, den Mond zu betrach-
ernst, dass man selbst beim Fußballspielen         ten und sich vor Baumschatten zu fürchten.
darauf achtete, mit wem man redete. Und es         Die anderen sagten: zu gefährlich, zu nass, zu
war eine Sensation, als der Klassenlehrer, der     kalt, zu unbequem. Die Natur hat das Dorf
ein »Hundertprozentiger« war, ein Über-            Elend reichlich mit Düsternis beschenkt. Es
siedler aus dem Westen, früher Bergmann im         regnet häufig, und die Berge lassen wenig
Ruhrgebiet, wie es hieß, als dieser ganz und       Licht ins Tal. Selbst Mephisto friert hier, ihm
gar parteitreue Lehrer in der Pause im Vor-        ist »winterlich im Leibe«. Mit großem ro-
beigehen sagte: »Na, Bayern war stark ge-          mantischem Gestus schildert Goethe die Dü-
stern, oder?« Ein einziges Mal war er              sternis der Granitfelsen, auf denen sogar die
schwach geworden und hatte zugegeben,              Kompassnadel verrückt spielt. »Und die
dass er Westfernsehen guckte, denn das Spiel       Wurzeln, wie die Schlangen / Winden sich
war nur dort übertragen worden. Als Genos-         aus Fels und Sande / Strecken wunderliche
se war ihm ein schwerer Fehler unterlaufen,        Bande / Uns zu schrecken, uns zu fangen /
und ich, als 14-jähriger Aufrührer, nutzte die-    Aus belebten derben Masern / Strecken sie
sen Fehler schamlos aus und informierte so-        Polypenfasern / Nach dem Wandrer.«

								
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