Die Moriz und Elsa von Kuffner-Stiftung by ghkgkyyt

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									                       Die Moriz und Elsa von Kuffner-Stiftung
                                      von Claus Schellenberg *


Die Moriz und Elsa von Kuffner-Stiftung                  Im Laufe der Jahre wurde die Pacht an
hält die Erinnerung wach an eine aus                     die männlichen Nachkommen weiter-
Österreich stammende jüdische Familie                    vererbt, die sich geschäftlich zusätzlich
ganz besonderer Art, die durch Familien-                 mit dem Handel von Rohprodukten,
sinn und Schaffenskraft zum Wohlstand                    Wolle und Gemischtwaren befassten.
gelangt war und sich durch ihre Wohltä-                  Insbesondere durch den Betrieb des
tigkeit und offene Hand für die Anliegen                 Wollhandels und der Branntweinbrenne-
ihrer Mitmenschen einen Namen gemacht                    rei gelangte die Familie zu erheblichem
hat.                                                     Wohlstand, so dass sie im Jahre 1805 das
                                                         fürstliche Branntweinhaus und einen
Die österreichische Familie Kuffner                      jährlichen Lehens- oder Konzessionszins
Die eindrückliche Familiengeschichte                     erwerben konnte. Die Brennerei wurde
kann bis ins 18. Jahrhundert zurückver-                  erweitert und die neu erfundenen Dampf-
folgt werden, wo Jehuda Löb Kuffner,                     Brennapparate eingebaut sowie zusätzlich
Ahnherr der Familie, Pächter des fürst-                  eine Mälzerei zur Erzeugung von rauch-
lichen Branntweinhauses zu Lundenburg                    geruchsfreiem Malz erstellt. Die Fabrik
war. Lundenburg, heute Breclav, gehörte                  florierte auch deshalb, weil sie mit dem
einst zu Österreich-Ungarn und liegt                     "Propinationsrecht" und dem "Ver-
heute in der Slowakei.                                   schleissrecht" ausgestattet war, d.h. sie
Eine Anekdote erzählt, wie Löb Kuffner                   besass im gesamten Herrschaftsbezirk
zu seinem Stammhaus kam: Der regie-                      das Fabrikationsmonopol sowie das
rende Fürst Joseph Wenzel von und zu                     Alleinvertriebsrecht.
Liechtenstein, bekannt als grosser                       Im Jahre 1832 kam die Pacht des fürstli-
Schachfreund, spielte einst in seinem                    chen Bräuhauses in Lundenburg hinzu,
Wiener Palais eine wichtige Schachpartie                 das bisher unter herrschaftlicher Regie
mit einem französischen Marquis. Als es                  gestanden hatte. Die Kuffners wandten
sehr schlecht für den Fürsten stand, der                 sich damit einem Industriezweig zu, der
Marquis daraufhin überhebliche und                       später in der Familie die grösste Bedeu-
spöttische Bemerkungen plazierte, war                    tung erhalten sollte.
der Fürst verärgert. Dieser schlug nun                   1850 kauften Jacob und Ignaz Kuffner
vor, dass sein als hervorragender Schach-                ein grosses Anwesen mit Brauhaus,
spieler bekannte Pächter Löb an seiner                   Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Lager-
Stelle die Partie zu Ende spielen möge.                  halle und einem grossen Obstgarten.
Der Marquis erklärte sich einverstanden.                 Später errichteten sie eine Spiritusfabrik
So wurde Löb ins Palais gebracht und                     und nahmen die eigene Hefeerzeugung
konnte tatsächlich die Partie noch gewin-                auf. 1867 wurden Eiskeller, Lagerkeller,
nen. Zutiefst dankbar baute der Fürst dem                Brennerei, Wagenremise und ein Speise-
Löb Kuffner auf fürstlichem Grund ein                    salon gebaut und ab 1876 in raschem
Haus, das das Stammhaus der Familie                      Rhythmus weitere Innovationen vorge-
wurde und bis 1871 stets von Familien-                   nommen. So blieb die Produktion immer
mitgliedern bewohnt war.                                 auf der Höhe der Zeit.

*
 Rechtsanwalt Dr. Claus Schellenberg ist Präsident der Moriz und Elsa von Kuffner-Stiftung. Er dankt
Bianka Dörr, ref. iur. an der Universität Marburg, Sommer-Praktikantin in der Anwaltskanzlei Schellenberg
& Haissly, für ihre Mithilfe bei der Redaktion dieses Artikels.



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Besonders bemerkenswert ist, dass sich               er Moriz begeistern konnte. Auf eigenem
alle Familienmitglieder aufgrund ihrer               Grund in Wien-Ottakring liess Moriz von
Bescheidenheit und offenen Hand für die              Kuffner 1883/84 eine Sternwarte mit
Bedürfnisse und Belange ihrer Mitmen-                kreuzförmigem Grundriss und Mittel-
schen eingesetzt haben und sich seiner-              kuppel erbauen, in der neben dem Obser-
zeit grosser Beliebtheit erfreuten.                  vatorium ein Wohn- und Verwaltungs-
                                                     trakt untergebracht waren. Sie wurde mit
Moriz und Elsa von Kuffner                           den modernsten Instrumenten ausgestattet
Moriz von Kuffner war als junger Stu-                und hatte gegenüber der Universitäts-
dent an der Technischen Hochschule in                sternwarte den Vorteil, dass die Beob-
Wien immatrikuliert und leitete seit 1882            achtung nicht durch den über der Stadt
nach dem Tod seines Vaters Ignaz das                 liegenden Dunst beeinträchtigt wurde.
Unternehmen in Wien. Er wohnte in                    Die heute der Stadt Wien gehörende
einem im Stil des Palais Rothschild ge-              Sternwarte wurde von 1989 - 1994 um-
bauten Quartier und versammelte dort bei             fassend renoviert.
zahlreichen Empfängen die politische                 In Wien war Moriz besonders für sein
und intellektuelle Oberschicht von Wien              soziales und gemeinnütziges Wirken be-
um sich.                                             kannt. So trat er unterstützend für viele
Moriz war ein vielseitig interessierter              Belange seiner Mitmenschen ein und rief
Mann, der sich neben seinem Beruf auch               zahlreiche wohltätige Institutionen ins
mit Philosophie, früher englischer und               Leben. Welchen Eindruck er auf seine
französischer Literatur sowie National-              Umgebung machte, ergibt sich beispiels-
ökonomie befasste. Daneben war er Mit-               weise aus einem Brief des alternden
glied verschiedener Clubs und hielt der              Hugo von Hofmannsthal, den dieser am
israelitischen Kultusgemeinde in Wien                31. Januar 1924 an Moriz von Kuffner
durch seine langjährige Vorstandsarbeit              schrieb. "Mit dem Kriegsausgang ist mein
die Treue.                                           Leben in vieler Beziehung mechanisch
Er gründete in Wien-Ottakring eine Kin-              und materiell schwieriger geworden;
derbewahranstalt für Kinder jüdischen                zugleich steigen ja mit den Jahren in der
Glaubens und seine Frau Elsa strickte                eigenthümlichen Lebenssphäre, die mir
jeden Tag ein Kleidungsstück für die                 von der Vorsehung zugewiesen ist, die
Kinder fertig.                                       Anforderungen, die von immer her an die
Vor allem aber war Moriz ein passio-                 produktiven Kräfte, soweit sie vorhanden
nierter Bergsteiger, den eine enge                   sind, gestellt werden; und so fühlt man
Freundschaft mit dem Bergführer Alex-                sich in unmerklicher Weise aber stetig
ander Burgener verband. Mit ihm hat er               von den Mensche abrücken, nicht als ob
fast alle Viertausender der Alpen bestie-            sie einem minder lieb geworden wären,
gen, teilweise sogar auf neuen Routen.               sondern nur weil man sich tiefer in sich
Außerdem interessierte er sich für die               selbst zurückgezogen hat. Einige Bezie-
Geschichte des Bergsteigens sowie die                hungen, die mir besonders wert waren,
alpinistische Literatur und verfasste                sind dadurch aus dem Bereich der
selbst einige Artikel für die österreichi-           Lebenspraxis in den stilleren der freund-
sche Alpen-Zeitschrift.                              lichen Erinnerung gerückt. Aber sie sind
Schliesslich interessierte er sich für Ma-           mir gleich wert geblieben. Die innerliche
thematik und Astronomie, in welchen                  Begegnung sei es, mit Entfernten oder
Fächern er sich durch einen Assistenten              selbst Abgeschiedenen, ja mit den Ge-
der Technischen Hochschule Wien weiter               stalten, die nie im irdischen Sinne gelebt
ausbilden liess. Dieser hatte bereits Pläne          haben, ist ein köstliches Gut, und eines
für eine Sternwarte ausgearbeitet, für die           von denen, die das Alter nicht raubt. Las-



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sen Sie es mich einmal aussprechen, mein           Glück im Unglück war, dass die Kuffners
lieber Herr von Kuffner, dass ich Ihnen            einen wohlwollenden Käufer fanden, der
in dieser Weise häufig begegne, und nie            das ganze Aktienpaket der Brauerei samt
ohne ein schönes Gefühl. Ihr tiefer Le-            Nebenbetrieben erwarb.
bensernst, die Gestalt, die Sie Ihrem Ge-          Auch Moriz und sein Sohn Stephan wur-
spräch zu geben wussten, Ihre seltene              den von der Gestapo heimgesucht, die
wahre Bemühung um geistige Güter, die              zahlreiche Liegenschaften und Kunstge-
zarte bescheidene Abwägung und Lauter-             genstände       beschlagnahmte.     Beide
keit des Urteils wirken in einem treuen            wussten, dass sie sobald wie möglich
Gedächtnis ein unzerstörbares Bild Ihrer           Österreich verlassen mussten, obwohl
geistigen Persönlichkeit. Sehr gütig und           sich Moriz in einem schlechten gesund-
wohlwollend sind Sie mir immer begeg-              heitlichen Zustand befand.
net. Möge das Gefühl liebevoller Ach-              Auf Fürsprache des Bergfreundes
tung, mit dem ich Ihnen stets anhangen             Zsigmondy wurde ihnen im zweiten An-
werde, Ihnen indem ich es ausspreche,              lauf der Aufenthalt in der Schweiz be-
auch etwas Freude bereiten."                       willigt. Im August 1938, als sich der Ge-
Moriz und Elsa von Kuffner hatten drei             sundheitszustand von Moriz etwas stabi-
Söhne, von denen der Älteste, Ignaz, für           lisiert hatte, flogen die Zwillinge mit
alle technischen Angelegenheiten der               ihrem Vater nach Zürich. Während sie-
Brauerei verantwortlich war. Er starb              ben Monaten wurde Moriz noch in der
unerwartet im Februar 1938 und hinter-             Klinik Hirslanden in Zürich von Schwe-
liess eine einzige Tochter, Vera, die mit          stern der Pflegerinnenschule Zürich so-
Walter Eberstadt verheiratet ist, zwei             wie des Lindenhofspitals Bern betreut. Er
Söhne hat und seit vielen Jahren in New            verstarb am 5. März 1939 und seine Urne
York lebt. Im übrigen hatten Moriz und             wurde auf dem Friedhof Rehalp beige-
Elsa auch die Zwillinge Johann (Hans)              setzt.
und Stephan, die beide ledig blieben und           Sein Tod wurde im national-sozialisti-
sich nach dem Krieg zum katholischen               schen Österreich, wo er als grosser Indu-
Glauben bekannten.                                 strieller und Wohltäter gewirkt hatte,
Hans war Dr. Ing. Agr. und betreute vor            nicht beachtet.
dem Krieg die ausgedehnten landwirt-               Noch heute hängt im Bergmuseum in
schaftlichen Interessen der Familie in             Zermatt ein grosses, von der Familie
Dioszegh/Slowakei. Stephan war für die             Kuffner gestiftetes Bild des Matterhorns.
kaufmännische Seite der Brauerei in                Darunter befindet sich eine Fotografie,
Wien verantwortlich. Er war sozial sehr            auf der Moriz und Elsa von Kuffner zu-
aufgeschlossen und sorgte, wie schon               sammen mit den Bergführern Josef Furrer
Vater und Grossvater, für vorbildliche             und Alexander Burgener abgelichtet sind.
und fortschrittliche Arbeitsbedingungen.           Die Zwillingsbrüder blieben Junggesellen
                                                   und übten keinen Beruf mehr aus.
Die Zeit des Nationalsozialismus                   Stephan reiste nach dem Tod seines
Mit dem Einmarsch Hitlers in Österreich            Vaters viel und liess sich zunächst in
am 13. März 1938 brach das Verhängnis              Kuba, dann in New York nieder, wo er
auch über die Familie Kuffner herein.              das amerikanische Bürgerrecht erwarb.
Bereits Anfang des Jahres waren Elsa               Sein endgültiger Wohnsitz wurde jedoch
und Sohn Ignaz verstorben und die Fa-              Zürich. Hans fuhr zunächst nach Paris
milie musste, um einer Konfiszierung               und dann in die USA. Sein letzter Wohn-
ihres Besitzes zu entgehen, in aller Eile          sitz war Lausanne.
ihr Unternehmen verkaufen.




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Die Moriz und Elsa von Kuffner-Stif-                Stephan (gest. 1976). Sie hat heute ein
tung                                                Vermögen von über CHF 40 Mio. und
Die Moriz und Elsa von Kuffner-Sitftung             hat seit ihrer Errichtung vor 39 Jahren bis
(MEKS) wurde im Jahre 1960 von                      heute Spenden von etwa CHF 25 Mio.
Stephan Kuffner - in seiner Bescheiden-             ausgerichtet, davon etwa CHF 5 Mio. an
heit benutzte er das seinem Grossvater              Studierende, vorab aus den Berggebieten,
verliehene Adelsprädikat "von" nicht -              CHF 3.5 Mio. an die Altersunterstützung
gegründet. Zu diesem Schritt haben ihn              und die Ausbildung von Krankenpflege-
mehrere Gründe bewogen: Zunächst                    personal, CHF 6 Mio. an zahlreiche
wollte Stephan der Schweiz seinen gros-             schweizerische Sozialwerke aller Art,
sen Dank kundtun für das Asyl, das sein             CHF 0.7 Mio. an in Bedrängnis geratene
Vater und er in den Wirren des Zweiten              Familien und Einzelpersonen sowie
Weltkrieges hier gefunden hatten. Hinzu             knapp CHF 10 Mio. an Gemeinden und
kommt, dass Stephan selbst die Schweiz              Familien in Bergregionen. Die Gesamt-
und ihre Institutionen sehr schätzte.               summe der heute ausgerichteten Spenden
Schon seit frühester Jugend hatte er sei-           beträgt etwa CHF 2.5 Mio. pro Jahr.
nen Vater auf Bergtouren durch die                  Gemäss ausdrücklicher Bestimmung in
schweizerischen Alpen begleitet und die             der Stiftungsurkunde sollen bei der Aus-
Berggegenden besucht.                               richtung von Spenden Religion und poli-
Es war ihm daher ein grosses Anliegen,              tische Gesinnung der Empfänger keine
auch der Bergbevölkerung finanzielle                Rolle spielen, jedoch sollen sie das
Unterstützung und Hilfe zukommen zu                 Schweizer Bürgerrecht besitzen. Letzte-
lassen. Ziel war, die weitere Entvölke-             res ist eine höchst bemerkenswerte Vor-
rung dieser Gebiete zu verhindern und               schrift des aus einer jüdischen Familie in
das dortige Leben lebenswert und wirt-              Österreich stammenden, in die Schweiz
schaftlich zumutbar zu erhalten.                    geflüchteten Stifters und ein Ausdruck
Zürich als Heimat einer Universität und             der Dankbarkeit an unser Land.
der ETH erschien ihm für die Förderung
begabter Jugendlicher aus Berg- oder
Voralpengebieten geradezu ideal. Anfang
der 60iger Jahre, als die Zahl der Stipen-
diaten noch überschaubar war, pflegte
Stephan Kuffner stets nähere Beziehung
zu seinen Stipendiaten, lud sie zum Essen
ein und interessierte sich für die Fort-
schritte in ihrem Studium.
Mit den Krankenschwestern, die seinen
Vater während mehreren Monaten ge-
pflegt und betreut hatten, blieb Stephan
eng verbunden. So stellte er über Jahre
namhafte Beiträge für betagte und kranke
Schwestern zur Verfügung.
Daneben erhalten auch zahlreiche
schweizerische Sozialwerke aller Art
sowie in Not geratene Familien und Ein-
zelpersonen finanzielle Unterstützung
durch die MEKS.
Die MEKS war Alleinerbin der Zwil-
lingsbrüder Hans (gest. 1973) und



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