Biographie
Biographie
Bios = Leben Graphein = Schreiben
“Life can only be understood backwards but must be lived
forwards.” (Sòren Kierkegard)
„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte,
die er für sein Leben hält.“ (Max Frisch)
Begründungen
Nichthintergehbarkeit des Subjektiven
Soziale Strukturen, die von Individuen aktualisiert
werden
Subjektivität und Struktur
Es gibt keine Erfahrung an sich - die konkrete
Biographie begrenzt uns räumlich und zeitlich
Bio = sozialweltliches Orientierungsmedium. Nicht
das Individuum ist Thema soziologischer
Biographieforschung, sondern das soziale Konstrukt
„Biographie
Ereignisse sind nur in ihrem Verlauf wahrnehmbar
Das „Ganze“ ist dabei ein unstabiles
(herzustellendes) Beziehungsgefüge
Zwei Zugänge
Lebenslauf Lebensgeschichte
Life-course Life-story
Struktur Subjektivität
Makroperspektive Mikroperspektive
Sequentielle Ordnungen gesellschaftlich Beziehungsformen zw. Subjekt
vorgegebener Muster. Leben in Übergängen und Gesellschaft, Individuum
und(Jugend, Erwachsenenalter, Beruf, Familie, ...) Struktur
Statuspassagen
Ungelebtes Leben
Potentiale und Anstoß zur
Beschäftigung mit (der eigenen) Biographie
Mit Biographien arbeiten ist der Versuch der
Rekonstruktion dessen, was Menschen aus der Welt gemacht
haben, in der sie sich vorfanden
Die Moderne verwandelt Leben in Entscheidungen
Biographien bilden Schnittpunkte zwischen Individuum und
Gesellschaft
Wie bauen Gesellschaftsmitglieder gemeinsam Biographien
auf? Welche Baupläne werden dabei verwendet und
umgestaltet?
Wie erleben Gesellschaftsmitglieder ihre Welt als real,
objektiv gegeben, während sie sie selber interpretativ
mitbauen?
Subjektivität und
Struktur
Systemtheorie: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner
Teile (Mann, Frau, Kind; Beziehung)
Gestalttheorie: Figur und Hintergrund, Thema und Feld,
Gestalt und Kontext.
Husserl: Phänomenologie Die Welt muss stets sinnhaft
ausgelegt werden = Akt der Deutung und Auslegung
K. Marx: Gesellschaftlichkeit des Lebens. Das Sein
bestimmt das Bewusstsein
S. Freud: Psychoanalyse: Die Produziertheit des Lebens
aus Trieben; Selbstaktualisierungen, Erinnerungen;
Beziehung zw. Bewusstseinsinhalten, den
Erscheinungsweisen, Symptomen und dem Unbewussten.
Ihre Auflösung muss im Einzelfall erforscht werden
Chicagoer Schule
W.I. Thomas und G.E. Parks: Soziale Tatsachen
entstehen in kontinuierlicher Interaktion von
individuellem Bewusstsein und sozialer Realität. Der
Blickpunkt der Handelnden ist wesentlich.
W.I. Thomas/F. Znaniecki The Polish Peasant in Europe
and America (1980-1920).
Der amerikanische Pragmatismus, (Dewey, Peirce):
Handeln und Erfahren sind interaktive und dialogische
Prozesse; Dewey: Wahrheit ist nur im Prozess des Lernens
zu finden.
Symbolischer Interaktionismus (Mead, Blumer, Goffman).
Park/Burgess: The City: Änderungen von Einstellungen
der Immigranten in städtischen Ballungszentren
R. u. H. Lind: Middle Town and Transition: Plötzliche
Industrialisierung einer amerikanischen Kleinstadt
Schule der ANNALES: Alles Gewordene hat seine
Geschichte. L. Febvre, M. Bloch: Menschen in der
Komplexität ihrer sozialen Beziehungen und Aktivitäten,
sowie ihres Verhältnisses zu den natürlichen
Umweltbedingungen ihrer Existenz
N. Elias: Der Mensch ist ständig in Bewegung. Er
durchläuft nicht nur einen Prozess, er ist ein Prozess.
Lebensweltanalysen: Jener Wirklichkeitsbereich unserer
Sozialwelt, den wir für wirklich halten (Schütz,
Berger/Luckmann)
Biographizität: Sich seiner Subjektivität bewusst werden.
Subjekt und Kontext werden verändert Transitorisches
Lernen (Alheit)
Geschichtswissenschaft:
Oral History
Vernachlässigte Themenbereiche erschließen,
Geschichte nicht nur aus der Sicht staatstragender Kräfte
(große Persönlichkeiten), sondern auch aus der
Perspektive der Betroffenen rekonstruieren
Statt Geschichte im Großen und Ganzen zu betrachten,
sollten historische Ungleichzeitigkeiten, wie sie in
regionalen Milieus und in der Provinz zu beobachten sind,
untersucht werden.
Monopol historischer Archive und schriftlicher
Materialien in Frage gestellt
Mündlich überlieferte Geschichte als originäre Quelle von
historischen Untersuchungen (Niethammer:
„Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis“, 1985).
Psychologie
Karl Philipp Moritz (1756-1793) „Magazin zur
Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für
Gelehrte und Ungelehrte“
Kinderpsychologie des 18. und 19. Jahrhunderts -
Entwicklungspsychologie Charlotte Bühler
(1933): Quantifizierende
Längsschnittuntersuchungen
Heute gehört die psychologische
Biographieforschung nicht zum psychologischen
mainstream, sondern hat eher eine Randposition
eingenommen
Polen und die
Chicagoer-Schule
1892 William I. Thomas Department of Sociology mit Florian
Znaniecki The Polish Peasant in Europe and America:
Soziale Desintegrationsphänomene genau beschrieben und
mit zahlreichen Dokumenten belegt. 300seitige Autobiographie des
jungen polnischen Arbeitsemigranten Wladek
„Indem wir die Erfahrungen und Einstellungen eines einzelnen Menschen
analysieren, erhalten wir immer Daten und elementare Fakten, die nicht
ausschließlich auf dieses Individuum begrenzt sind, sondern die mehr oder
weniger als Klassen von Daten und Fakten behandelt werden und so für die
Bestimmung von Gesetzmäßigkeiten des sozialen Prozesses genutzt werden
können. Gleichgültig, ob wir die Materialien für die soziologische Analyse
aus detaillierten Lebensberichten vom konkreten Individuum oder aus der
Beobachtung von Massenphänomenen gewinnen - die Probleme der
soziologischen Analyse sind die gleichen“
Erziehungswissenschaften
Geisteswissenschaftliche
Pädagogik
W. Dilthey, E. Spranger, H. Nohl, Th. Litt, W. Flitner
W. Diltheys Lebensphilosophie
Philosophische Fragen aus der Perspektive der
Alltagserfahrung beantworten, Werte und Einsichten aus dem
Leben selbst (und nicht aus abstrakten begrifflichen
Vernunftsystemen) ableiten. Charakteristisch dafür z. B.
Goethe`s Diktum: Grau ist alle Theorie, grün ist nur der Baum
des Lebens
Erlebnis. Menschliche Erkenntnis entsteht letztlich nur durch das Erleben
und im erlebten Zusammenhang mit der „gedankenbildenden Arbeit des
Lebens“. Die spezifische Methode geisteswissenschaftlicher Erkenntnis
besteht für Dilthey deshalb in dem Nacherleben dessen, was in der
Geschichte von einzelnen Menschen erlebt wurde. Verstehen ist in diesem
Sinne Nacherleben.
Sinn: Wird für mit Hilfe des Mechanismus der
Zusammenhangsbildung hervorgebracht
"Der Lebensverlauf besteht aus Teilen, besteht aus Erlebnissen,
die in einem inneren Zusammenhang miteinander stehen. Jedes
einzelne Erlebnis ist (...) durch die Struktur mit anderen Teilen
zu einem Zusammenhang verbunden. In allem Geistigen finden
wir Zusammenhang; so ist Zusammenhang eine Kategorie, die
aus dem Leben entspringt."
Zusammenhangsbildung ist Leistung des
Bewusstseins, das Beziehungen zwischen Teilen und
einem Ganzen beständig herstellt und in neuen
biographischen Situationen überprüft bzw. verändert =
Biographisierung.
Biographie = Einheit, innerhalb derer die Fülle von
Erfahrungen und Ereignissen des gelebten Lebens zu
einem Zusammenhang organisiert wird.
Phänomenologie
Husserl (1959 - 1938): Die Welt muss sinnhaft
ausgelegt werden. "Die Welt, die für uns ist, ist
die in unserem menschlichen Leben Sinn habende
und immer neuen Sinn für uns gewinnende, Sinn
und auch Geltung." (Husserl 1954, 266)
Sinn muss erst vom Menschen hergestellt
werden, ist ein Akt der Deutung und
Auslegung. Wissenschaft darf hierbei nicht am
Vorbild des mathematisch-
naturwissenschaftlichen Paradigmas ausgerichtet
sein.
Das Interpretative
Paradigma
Wilson (1973): Interpretationsleistungen der
Subjekte (lehnt die Übernahme einer
naturwissenschaftlichen Methodologie ab).
Normatives Paradigma: Unabhängige,
sogenannte objektive Wirklichkeitsbereiche
Frage: Wie konstruieren Menschen ihre
Wirklichkeit? Ansetzen an der Alltagswelt der
Betroffenen. Handeln ist zentral für die
Herstellung von Sinn und Bedeutung
Systematisch in Rechnung gestellt wird die im Prozess
der Sozialisation gebildete Fähigkeit, soziale und
natürliche Zusammenhänge zu deuten.
Die prinzipielle Gegebenheit dieser Fähigkeit zur
Deutung (in Abhängigkeit von soziostrukturellen,
institutionellen wie auch lebensgeschichtlichen
Zusammenhängen) wird als
Deutungs-oder Interpretationsapriori bezeichnet.
Der Mensch verleiht seinen/ihren Wahrnehmungen
Bedeutung in Prozessen der immer schon ablaufenden
Interpretation. Wahrnehmung ist also immer schon
Interpretation und Selektion.
Soziales Handeln beruht auf einem solchen
Interpretationsprozess, ist Resultat desselben.
Bedeutungszumessung, Relevanzabschätzung
und Sinnverleihung sind Ausdrücke, die
denselben Prozess beschreiben.
Die sinnhafte Strukturierung des sozialen
Handelns geschieht durch die Handelnden selbst.
Neben die Kategorien Ursache und Wirkung
wird die Kategorie Sinnhaftigkeit für das
Verständnis von sozialem Handeln wesentlich.
Intention: Gesellschaftliche Tatsachen über die
Bedeutungszuschreibung der Handelnden
erschließen, die „... Methodik des Zugriffs zu
gesellschaftlichen Tatsachen ..." erfolgt "... über
die Wirklichkeitskonzeption der Handelnden"
Wissensoziologie
Alfred Schütz: Wie bringen Menschen Sinn in ihre
Lebenswelt? Welcher subjektive Sinn liegt einem
fremden Verhalten zugrunde? Sinnherstellung ist
wesentlich an Sozialität gebunden.
Analysen zur Lebenswelt: Theorie der mannigfaltigen
Wirklichkeiten.
Gesellschaftsmitglieder verarbeiten die Komplexität des
soziokulturellen Bedeutungsgefüges in der Weise, dass
sie sie in relativ abgeschlossenen Sinnprovinzen
organisieren. Der Mensch lebt immer in mehreren Welten: die
Welt des Alltags, die der Wissenschaften, die des Traumes. Das
Kennzeichen ist, daß diese Welten geschlossene Sinnuniversa sind,
durch die ich wandern kann. Immer werde ich jedoch zur
gemeinsamen alltäglichen Lebenswelt zurückkehren (Skripttheorie)
Wissenssoziologie im engeren Sinne
„Die Wissenssoziologie hat die Aufgabe, die
gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit zu
analysieren." (Berger/Luckmann 1969, 3).
Gegenstand der Wissenssoziologie: Was in
einer Gesellschaft als Wissen gilt. Die
interpretative Eigenaktivität des Subjektes bei
der Untersuchung kognitiver, psychischer und
sozialer Prozesse zur Geltung bringen.
Phänomenologischer Impuls - Prozesse der
Bedeutungs- und Sinnherstellung als Prozesse
der Konstruktion von Selbst- und Weltbildern
untersuchen.
Symbolischer Interaktionismus
Prämisse der Interaktionsbedingtheit individueller
Bedeutungszuschreibungen
Jegliches soziale Handeln ist symbolisch vermittelt, in
unterschiedlichen sozialen Handlungskontexten wirken
unterschiedliche Gültigkeitskriterien. Global wirken hier
folgende Mechanismen:
Menschen handeln Dingen, Situationen u. dgl. gegenüber
auf der Grundlage der Bedeutungen, die diese Dingen,
Situationen u. dgl. für sie besitzen.
Die Bedeutung dieser Dinge, Situationen wird konstruiert
und entsteht in sozialer Interaktion.
Die Bedeutungen werden in interpretativen Prozessen
hergestellt und modifiziert (vgl. Blumer 1973, S. 81).
Alle "Tatsachen" sind also schon immer
interpretierte Tatsachen, sind ausgewählt, mit
Bedeutung und Sinn unterlegt.
Jede/r Handelnde hat sich im Laufe seines Lebens
Routinen und Wissensbestände angeeignet, die es
ermöglichen, mit anderen Menschen und (neuen)
Situationen zurechtzukommen, ohne dass dieser
Gesamtbestand an Wissen in seiner
Grundstruktur situationsgebunden und
biographiespezifisch explizit verortet ist, der
jedoch den "harten Kern" des allgemeinen Wissens
in allen Gesellschaften ausmacht (vgl. dazu
Luckmann 1981).
Ethnotheorie
Ethnomethodologie
Harold Garfinkel, Aaron Cicourel, Harvey Sacks
Der Objektbereich der Ethnotheorie ist das
kulturspezifische Wissens- und Erkenntnissystem.
Art und Weise, wie Angehörige einer Kultur ihre
Objektwelt wie auch die soziale Welt ordnen,
wahrnehmen, definieren und klassifizieren, wie sie
ihnen oder ihren Handlungen, auch Ereignissen
Bedeutung zuschreiben, und welcher Sinn sich im Zuge
von Bedeutungszuschreibungen ergibt.
Die kognitive Welt des Menschen ist von Bedeutungen
durchwirkt, die es zu erschließen gilt.
Ethnomethodologie ist vor allem an formalen,
universalen Regeln interessiert, die alltäglichen
Interaktionen als Interaktionslogik zugrundeliegen.
Nicht der Einzelmensch steht im Zentrum
Hauptfrage: Wie wird die Gesellschaft
zusammengefügt?
Vom ,Warum zum Wie„. Es geht also um die Prozeduren,
über die alltäglich Interagierende verfügen, um ihre
Alltagshandlungen routineförmig abzuwickeln. Die
(unbewusste) Teilhabe der Menschen am gesellschaftlich
geteilten Wissen zeigt sich überwiegend in
Routinehandlungen, die Konsistenz und Zusammenhang,
Vertrautheit und Orientierung in das Alltagsleben bringen.
Eine Handlung wird also weder im Kontext Reiz-Reaktion,
noch im Kontext Erfüllung von Verhaltenserwartungen
gesehen, sondern eine soziale Handlung ist immer auch ein
Akt des Hervorbringens, wobei die Regeln des Vollzuges
aus der Perspektive des Subjekts zu verstehen sind: Wie
wird eine Handlung zustandegebracht?
Paul Ricœur
„Zeit und Erzählung“:Wechselseitige Abhängigkeit von menschlicher
Zeiterfahrung und narrativen Strukturen. Jede Form von Zeiterfahrung und
also auch Geschichtsschreibung müsse, so lautet Ricœurs These, immer in
die Form einer Erzählung gebracht werden. Auch die vermeintlich „wahre
Geschichte“ sei als eine erzählte und interpretierte Zeit stets von der Fiktion
durchwirkt.
„Die Identität eines Individuums oder einer Gemeinschaft angeben, heißt auf
die Frage antworten: wer hat diese Handlung ausgeführt, wer ist der
Handelnde, der Urheber? Auf diese Frage wird zunächst so geantwortet, daß
jemand benannt wird, das heißt, durch einen Eigennamen bezeichnet wird.
(...). Auf die Frage „wer?“ antworten heißt, die Geschichte eines Lebens
erzählen. Der erzählte Geschichte gibt das wer der Handlung an. Die Identität
des wer ist also bloß selber eine narrative Identität“ (Ricœur 1991, S. 395)
„Die Geschichte eines Lebens wird ständig refiguriert durch all die wahren
oder fiktiven Geschichten, die ein Subjekt über sich selbst erzählt. Diese
Refiguration macht das Leben zu einem Gewebe erzählter Geschichten“
(Ricœur 1991, S. 396)
„Narrative Identität“: Die Erinnerung ist nicht Festhalten wahrgenommener
Ereignisse und vollzogener Handlungen, sondern die Kontinuität der Person
in der narrativ eingeholten Verbindung von Sinnzusammenhängen der Person
besteht.
Das Chaos von Ereignissen, Erlebnissen, Begegnungen, Eindrücken ist zu
strukturieren und in Bezug zu dem, was Selbst war und neu wird, zu setzen.
Dies kann in Gesprächen, Geschichten und Erzählungen geschehen, die der
Selbstverständigung dienen, und die dazu beitragen, „... daß die Zeit in dem
Maße zur menschlichen wird, in dem sie sich nach einem Modus des
Narrativen gestaltet, und daß die Erzählung ihren vollen Sinn erlangt, wenn sie
eine Bedingung der zeitlichen Existenz wird“ (Ricœur 1988, S. 87)
„Individuum und Gemeinschaft konstituieren sich in ihrer Identität dadurch,
daß sie bestimmte Erzählungen rezipieren, die dann für beide zu ihrer
tatsächlichen Geschichte werden“ (Ricœur 1991, S. 397)
„So gesehen ist die narrative Identität in ständiger Bildung und Auflösung
begriffen“ (Ricœur 1991, S. 399). Statt einer statischen Identität stellt das
Subjekt seine Narrativität her. Sich die eigene Geschichte immer wieder neu
zu erzählen, sie zu finden und zu erfinden im Gespräch mit Anderen, frühere
Erzählungen zu überarbeiten und neu zu interpretieren, ist hier der Antrieb.
Biographie und Pädagogik
In der Pädagogik wurde schon sehr früh mit (auto-)biographischem
Material gearbeitet. (Rousseau)
Geschichten greifen hinter die objektive Geschichte.
Was wir soziale Wirklichkeit nennen, ist uns nur beschränkt aus
eigener Erfahrung zugänglich. Diese ist nur ein Teil dessen, was
andere, die wir bilden oder erziehen wollen, erleben.
Pädagogische Biographieforschung ist nicht nur an linguistischen
Problemen eines Textes oder soziologischen Bedingungen von
Regularitäten interessiert, sondern auch handlungsorientiert, an
Handlungen sich weiterentwickelnd.
Dieses Interesse an Handlungen setzt ein Verstehen der Strukturregeln
der Lebenswelten voraus, und dies fordert wiederum, daß die
vorgegebenen Definitionen relativiert werden. Eine so verstandene
Biographieforschung sucht nach Gründen für menschliches Handeln
und Verhalten.
Zugangsweisen
Autobiographisch: Guided biography - Autobiographische
Selbstthematisierung und -auslegung: Biographie ist ein
vielschichtiger Prozess und nicht nur Resultat.
Historischer Ansatz: Die Grammatik von Erzählungen verstrickt
die Individuen in die Geschichte von Kollektiven (Habermas)
(oral history) - Dokumentation des Alltäglichen
Interkultureller Ansatz: Wahrnehmung der Fremdheit
(Migration)
Emanzipatorischer Ansatz: Differenzen und Gegensätze sind
nicht aufzulösen, sondern zu erkennen (Frauenbildung),
lebenslaufsensibilisierende Konzepte
Was leistet biographieorientierte
Sozialforschung?
Untersuchung von Unbekanntem und Neuem
Die subjektiven Deutungen der Situation der
Alltagshandelnden erfassen oder sichtbar machen
Rekonstruktion latenten Sinns
Rekonstruktion der Komplexität von
Handlungsstrukturen am Einzelfall
Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus
empirisch begründete Hypothesen- und
Theoriebildung
Hypothesen- und Theorieüberprüfung am Einzelfall
Sozialwissenschaft untersucht eine
bereits interpretierte Welt
Alfred Schütz: Sozialwissenschaft liegt eine bereits entsprechend der
Relevanzstrukturen der in der Sozialwelt lebenden Menschen
gegliederte und gedeutete Welt vor
Konstruktionen ersten Grades: Menschen haben diese Welt im
voraus gegliedert und interpretiert
Konstruktionen zweiten Grades sind Konstruktionen jener
Konstruktionen, die im Sozialfeld von den Handelnden gebildet
werden. Soziale Ordnung eines Feldes rekonstruieren
Selbst- und Weltreferenz im Subjekt durch Sprache
Latente und manifeste Strukturen
Biographieorientierte
Sozialforschung
Ist der Gegenstandsbereich überhaupt biographieanalytisch zu
bearbeiten?
Handelt es sich um lebensgeschichtliche Bedingungen,
Verarbeitungsformen und ihre Folgen in einem bestimmten
Phänomenbereich (z.B. die Alltagswelt einer Hausfrau), und
keine genuin verteilungstheoretische Fragestellung. Darüber
hinaus ist hierzu genügend Zeit und Interesse, sowie ein gewisses
Basiswissen Voraussetzung für den Beginn einer solchen Arbeit.
Erfahrensbezogene Kenntnisse im Hinblick auf die
Datenerhebung: Wie komme ich in Kontakt mit potentiellen
InformantInnen? Wie formuliere ich meinen Erzählstimulus? Wie
soll ich mich während der lebensgeschichtlichen Haupterzählung
verhalten, wie in der ersten, wie in der zweiten Phase des
Nachfragteils?
Erste Phase der Datenerhebung
Durchführung der ersten Interviews.
Die Auswahl der ersten Interviewten ist hier wesentlich, wobei
ich hier (aus eigener Erfahrung) hinweisen werde, niemanden zu
interviewen, der privat bekannt ist, da dies die Interviewsituation
belasten und in der Phase der Auswertung die notwendige
Distanz reduzieren würde.
Sobald einige Interviews durchgeführt wurden, soll darüber in
der Arbeitsgruppe berichtet werden. Dabei geht es um allgemeine
Diskussion von Felderfahrungen, wonach die Gruppe bei der
Auswahl eines geeigneten Eckfalles helfen kann. Eckfälle tragen
dazu bei, dass die theoretische Varianz der biographischen und
sozialen Prozesse, die im Zentrum der Untersuchung stehen, zu
einem wesentlichen Teil abgedeckt wird. Das ausgewählte
Interview wird transkribiert, und zwar unter Berücksichtigung
parasprachlicher Phänomene wie Intonationskonturen, Pausen
usw.
Prinzipien einer interpretativen
Datenanalyse
Interpretative Analyse (vs. subsumtionslogische
Verfahren wie bei der Inhaltsanalyse)
Abduktives Vorgehen
Sequentielle Analyse (vs. Neugliederung von Texten)
Gestalttheoretisches Vorgehen
Theoretische Verallgemeinerung am Einzelfall (vs.
statistische/numerische Verallgemeinerung)
Abduktiver Schluss: Im Unterschied zu einer
deduktiven Analyse setzt die Abduktion bei
empirischen Phänomenen, bei Fakten an, ohne dabei
gleich zu Beginn eine bestimmte Theorie zu verfolgen
Interview Durchführung
Narratives Interview
Narrare = erzählen
narrativ = nicht Frage und Antwort
F. Schütze: Das narrative Interview ist ein
sozialwissenschaftliches Erhebungsverfahren, welches den
Informanten zu einer umfassenden und detaillierten
Stegreiferzählung persönlicher Ereignisverwicklungen und
entsprechender Erlebnisse im vorgegebenen Themenbereich
veranlaßt.
Hauptmethode = Stegreiferzählung
Erzählen
Erzählatmosphäre - Interaktionsrahmen
Erzählen kostet Zeit
Herausstellen der Erzählenden
Methodische Kontrolle - herauslocken
Vorbereitung
Keine Überrumpelung
Wirkliches Interesse
Offenlegen des Zweckes
Offenlegen der InterviewerInnen - etwas von eigener Person einbringen
Zeit und gleichbleibendes Interesse
Ratifizierung des Erzählschemas (Methode verstanden?)
Zurückhaltung in der Erzählung
Vermeidung von Warum, Wozu Fragen in den ersten Interviewphasen
Verschieben gezielter Fragen auf Nachfragephase
Keine Angst vor Fehlern
Ablauf - Phasen
Einstiegssphase - Aufwärmen, Absichten
Phase der Haupterzählung - Beginn der
Erzählung - keine Chronologie
Nachfragephase - Erläuterung
Bilanzierungsphase - Sinn der Geschichte
- Mögliche Einstiege
- (Raum zur Gestaltentwicklung geben)
-
Ich möchte Sie bitten, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen, all
die Erlebnisse, die für Sie persönlich wichtig waren. Sie
können sich dazu so viel Zeit nehmen, wie Sie möchten. Ich
werde Sie nicht unterbrechen, mir nur einige Notizen machen,
auf die ich später noch eingehen werde.
(Wir interessieren uns für ...) Wir möchten Sie bitten, uns Ihre
Lebensgeschichte zu erzählen, also nicht nur von Ihrer ... zu
berichten, sondern über all die Erlebnisse, die für Sie wichtig
waren. (Wie ging es dann weiter? Was berührt Sie heute noch
sehr.)
Die Haupterzählung soll durch keinerlei (Nach-)
Fragen unterbrochen oder gelenkt werden
Wird (nach Schütze) durch drei Erzählzwänge gesteuert:
Gestaltschließungszwang: Zwang, angefangene Themen
oder Erzählstränge auch abzuschließen
Kondensierungszwang: Zwang, die Erzählung soweit zu
verdichten", dass sie nachvollziehbar bleibt.
Detaillierungszwang: Zwang, Hintergrund- oder
Zusatzinformationen einzubringen, die für das
Verständnis der Erzählung erforderlich sind - auf den
Punkt kommen.
Diese Zwänge sollen dafür sorgen, dass die wichtigsten
Ereignisse berichtet werden.
Die Haupterzählung wird meist durch eine Erzählkoda
abgeschlossen, eine Äußerung, die das Ende der Erzählung
signalisiert, wie z. B. "Ja, das wär's eigentlich".
Zweiter Teil: Die Nachfragephase
Wichtig, dass Nachfragen wirklich narrativ sind.
Die Handhabung dieses Nachfrageteils setzt hohe
Aufmerksamkeit und Konzentration (besonders
während des ersten Teils des Interviews) voraus, da sich
InterviewerInnen z.B. Stellen mangelnder Plausibilität
merken müssen, um im Nachfrageteil, der mitunter erst
30 – 50 Minuten später einsetzen kann, zu dieser Stelle
zurückzukehren, um über eine immanente Frage einen
erneuten Erzählimpuls zu platzieren.
Grundtypen des Nachfragens
1. Ansteuern einer Lebensphase: Können Sie mir über die
Zeit (Kindheit, etc.) noch etwas mehr erzählen?
2. Ansteuern einer benannten Situation: Sie erwähnten
vorhin wie sie ... Können Sie mir diese Situation noch einmal
genau erzählen?
Ansteuern einer Belegerzählung zu einem Argument: Können
Sie sich noch an eine Situation erinnern, in der ...
Erzählgenerierendes Nachfragen
„... als ich mit dem Studium fertig war, kam noch die Geschichte
mit der Schwangerschaft. Anfang 85 habe ich dann zu arbeiten
begonnen, aber dann keine Lust mehr dazu gehabt“
Offenes Nachfragen: Können Sie noch einmal etwas genauer
erzählen, wie das damals war, als Sie das Studium beendet
haben? Oder:
Sie erwähnten eine Schwangerschaft. Möchten Sie darüber noch
etwas erzählen?
Keinesfalls Warum-Fragen: Warum hatten Sie keine Lust mehr
zu arbeiten?
Geschichte ansteuern, die hinter Argument, Gefühl, ... liegt:
Können Sie sich noch an eine Situation erinnern, in der Ihnen
klar wurde, dass Sie mit der Arbeit aufhören?
Dritter Teil: Die Evaluation
Aufforderung, sich der eigenen Biographie zusammenfassend und
argumentativ zu nähern - Nutzung der Erklärungs- und
Abstraktionsfähigkeit der InformantInnen als ExpertInnen und
TheoretikerInnen ihrer selbst.
Menschen entwickelt im Laufe des Lebens Eigen- oder Alltagstheorien, d. h.
Muster, die für sie Situationen erklären.
Diese stehen wie symbolische Signaturen für ihr eigenes Leben. Sie
beschreiben aus ihrer Sicht Regelmäßigkeiten, bilden gleichzeitig den Rahmen
für neue Erfahrungen. Sie haben oftmals die Qualität einer self-fulfilling-
prophecy. Immer wenn es darauf ankam, habe ich versagt. Oder positiv: Ich
weiß genau, immer, wenn es darauf ankommt, entwickle ich ganz ungeahnte
Kräfte.
Die einfachsten Beispiele finden sich dafür im Volksmund: Ich bin wie ein
Segel im Wind. Wo gehobelt wird, fliegen Späne. Auch ein blindes Huhn findet einmal
ein Korn
Alltagstheorien - starke bildlich Ausgestaltung, auch eine starke visuelle
Suggestionskraft. Entscheidend ist jedoch immer die hohe Konzentration der
Botschaft: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
3. Ansteuern einer Belegerzählung zu einem Argument: Können Sie sich
Rollen im Interview
Keine Warum-Fragen, sondern Wie-Fragen stellen
Es gibt verschiedene Standardmuster, wie das erste Hauptsegment eines
Interviews bei umsichtig gestellter offener Eingangsfrage gestaltet wird:
1. chronologisches Erzählmuster
2. Schlüsselsituationen des eigenen Lebens
3. Selbsttypisierungen (Künstlerbiographien), d.h. dem Interviewer werden
gleichsam Verstehensanweisungen gegeben.
1) InformantInnen sind grundsätzlich ExpertInnen für die eigene Biographie
und nicht für ein Thema. Das bedeutet, dass InterviewerInnen hauptsächlich
Lernende sind, weil sie in der Regel nichts von den Interviewten wissen.
2) InterviewerInnen sollte die Interviewten vorher nicht kennen, weil sonst
argumentative und narrative Abkürzungen auftreten.
3) InterviewerInnen dürfen das Detaillierungsniveau nicht durch Nachfragen
bestimmen, die auf die Variierung des Detaillierungsniveaus abzielen.
Rollen im Interview
4) Narrationen entfalten oft eine befreiende Kraft (Sichaussprechen); es darf
aber keinesfalls eine Therapiesitzung daraus werden. Klare Unterscheidung
zur therapeutischen Situation über das Setting. Der Begriff bezeichnet das
Normengeflecht, das in bestimmten institutionellen Situationen
verhaltensleitend wird.
Setting in der Supervision (Reflexion und Psychohygiene)
Setting in der Schule (Frontal- vs. Gruppenunterricht)
Setting in der Psychotherapie (Arbeit an den inneren Landkarten -
Veränderungsabsichten)
Das Setting im narrativen Interview dient einzig und allein der
Datenerhebung.
Ethisches Problem: Sind InformantInnen nur Datenlieferanten?
Da es sich um eine menschliche Beziehung handelt, die in der Regel hohe
intime Anteile aufweist, gilt die Regel, dass InterviewerInnen zur
Nachbetreuung grundsätzlich bereit sein müssen. Nachbetreuungen haben
aber grundsätzlich die Funktion, Abhängigkeiten und Erwartungen
abzubauen.
Das Forschungstagebuch
Die Vorbereitung eines Interviews gehört zum Forschungsprozess und sollte
dokumentiert werden:
Auswahl der InterviewpartnerInnen,
Kriterien der Auswahl, welche Verabredungen dabei getroffen wurden, wie der erste
Kontakt zustande kam,
ob man den oder die Befragten bereits länger oder persönlich kennt (Freunde,
Bekannte, eigene Familie, ...)
Kontextinformationen sollten festgehalten werden, da diese den Interviewverlauf
mitbestimmen können)
Erläuterung dazu, was man von den Befragten erfahren möchte (Gegenstand und
Thema der Arbeit),
in welcher Form das Interview stattfinden soll,
die Klärung der Anonymisierung, Absprachen über eine mögliche Veröffentlichung,
Absprachen zum weiteren Umgang mit dem Material (bzw. Einsicht in das eigene
transkribierte Interview),
Absprachen über spätere Gegenleistungen (Rückgabe des getippten Interview als
„Geschenk“).
Nachbereitung: schriftliche Fixierung des Gesprächsverlaufs und der
Eindrücke, die im Verlauf des Interviews entstanden sind.
Der Rahmen (das Setting)
Anzustreben ist immer ein Einzelinterview in einem störungsfreien Raum.
Weitere interessierte Zuhörende, hereinkommende oder durchlaufende
Besucher stören den Interviewverlauf oder machen ein Interview gänzlich
unmöglich. Dabei sollte geklärt sein, dass man für das Interview ausreichend
Zeit zur Verfügung hat, auf beiden Seiten sollten kein Termindruck
entstehen.
Auch sollte der Rahmen, in dem das Gespräch stattgefunden hat, im
Forschertagebuch beschrieben werden, Störungen oder Unterbrechungen des
Interviews (durch Klingeln, Telefongespräch, Besuch, Heimkehr des Partners,
Kinder etc.) sollten benannt werden.
Manchmal erhält man im Anschluss an ein Gespräch (oder schon in der
„Aufwärmphase“) zentrale Informationen, die wesentlich zum Verständnis
beitragen und deshalb aufgeschrieben werden sollten.
Verteilung der Aktivität im Verlaufe des
Forschungsprozesses
Ausarbeitung
einer gegen-
standsbezo-
genen Theorie
Ausarbeiten von
Aktivität
Deskriptoren
Datenerhebung
Zeit
Datenproduktion - Transkription
Text ist immer neue Realität. Reduktion von: Interviewsituation auf
Tonbandmitschnitt auf Text.
Sparsamkeitsregel: Welches Niveau eines Textes brauche ich zur
Beantwortung meiner konkreten Fragestellung (Dialekt? Pausen?)
Auf die übliche Satzzeichensetzung wird meist verzichtet
Eigennamen anonymisieren und durch Großbuchstaben ersetzen. A=
InterviewerIn, B = Interviewte; weitere Eigennamen durch doppelte Klammern
angeben: C ((Name des Freundes))
Pausen: Dauer der Pause in Sekunden angeben: (4) = vier Sekunden Pause
Kommentare: in doppelte Klammern setzen ((schnell gesprochen, oder:
lachend))
Betonungen: Betonte Passagen fett schreiben: nein; leise Teile: eckige
Klammer >leise Sinn -> Text
Rekonstruktion von Sinn / Bedeutung als
Forschungsprozess
Kodieren
Kernstück der Methode der Grounded Theory
Textstellen sind Indikatoren für Phänomene des
interessierenden Wirklichkeitsbereichs
Kodieren weist einer Textstelle einen oder
mehrere Kodes (Stichwörter, Begriffe, Konzepte)
zu
Kommentare und Memos schreiben
Theorie als
Begriffsnetz entsteht durch die
Eine Theorie als Begriffsnetz
Verknüpfung der Kodes,
Zusammenfassung der Kodes in übergeordneten
Kategorien und
Bilden von zentralen Kategorien.
Entstehung einer Theorie als Begriffsnetz
(semantisches Netz)
Prinzip der Gegenstandsverankerung
Die Begriffe der Theorie sind eine überprüfbare
Folge von
Interpretationsschritten aus den Textstellen und
sind damit in
den Phänomenen verankert.
Constant Comparative
Method
Der konzeptuelle Gehalt von Daten erschließt
sich aus dem permanenten Vergleich mit
Ähnlichem und Unähnlichem
Dabei kann es sich um reale oder um
theoretische Vergleichsdaten handeln
Erst: Strategie d. minimalen Vergleichs
Später: Strategie d. maximalen Vergleichs
Phasen des Kodierens
1. Offenes Kodieren
2. Ordnen der Zwischenergebnisse
3. Axiales Kodieren
4. Integration der Ergebnisse zu einer Theorie –
selektives Kodieren
5. Darstellung der Ergebnisse
Offenes
Kodieren
Text in Bezug auf das interessierende Phänomen
aufbrechen
Zeile-für-Zeile Analyse, Kontrastieren,
Dimensionalisieren
In-vivo- Kodes Begriffe oder Redewendungen aus
dem
Datenmaterial als Kodelabel aufgreifen - Sichert
Datenbasiertheit (kein Import abstrakter Konzepte)
Ergebnisse
Liste von Kodename
Kommentare mit Erläuterungen der Konzepte und
weiterführende Überlegungen
Kodenotizen
Memos: Erläuterung der Zusammenhänge zwischen
Vorgehensweise
ARBEITSSCHRITTE
Gesamte Fallsequenz
4. Fallgeschichte Versch. Sequenzen
Typologien
wissenschafts- Zentrales Konzept
Muster
theoretische
Anfertigen der strukturellen
Beschreibung Strukturelle
3. Geschichten zu
anthropologische
Themenbereichen 1. INTERVIEW
Phänomene Dimensionalisieren
Oberbegriffe Sequenzieren
Ergeben sich aus: 2. Achsenkategorien
hermeneutische Kontextualisieren
Ausgangsfrage(n) Begriffsnetze Kodieren
Phänomene, die sich
herauskristallisieren
Zwischenergebniss
e
Sortieren nach Kodefamilien
Gemeinsames Abstraktionskriterium
Aufstellen von Begriffsnetzen
Kodes und Kodefamilien lassen sich als Begriffshierarchien oder
–netze darstellen
• Bottom-up: von Kodes/Kodefamilien zu Begriffshierarchien
• Top-Down: Kodes um zentrale Kodes gruppieren (Mind Map)
Methoden der Fokussierung
• Vorläufige Nichtbeachtung von Kodes
• Synonyme (Vorzugsbenennung)
• Oberbegriffe
Axiales Kodieren
• Verfeinerung und Differenzierung der Kategorien
• Achsenkategorien bilden
• Finden von Relationen und
• Ausarbeitung zu einem Begriffsnetz (semantisches Netz)
Vorgehensweise
1. Ermitteln der Achsenkategorien
2. Aufsuchen von Textstellen zur Kategorie
3. Ausarbeiten der Achsenkategorien
4. Ausarbeiten der Relationen
Kodierparadigmen
Zusammenfassung von Kodes zu Kategorien
(Oberbegriffen)
Festlegen von Relationen zwischen Kategorien, dadurch
Konstruktion einer Ordnung
Relationstypen („Kodierschema“)
• ist-Ursache-für
• ist-Phänomen-von
• ist-Kontext-für
• ist-intervenierende-Bedingung-für
• ist-Strategie-für
• ist-Konsequenz-von
• Konstruktion eines Begriffsnetzes (semantisches Netzwerk)
• Auswahl der wichtigen, als theoretisch fruchtbar beurteilten
Kategorien
• Verifizierung am Text (induktiv-deduktive Spirale)
Kodierparadigmen nach Strauss
Integration der Ergebnisse zu einer
Theorie – selektives Kodieren
Entdecken des „roten Fadens‘‘ im
Datenmaterial
Identifizieren des zentralen Konzeptes
(core category)
selektives Neu- und Nachkodieren des
Materials im Hinblick auf das zentrale
Konzept
Theoretische
Sättigung
Stellt den (vorläufigen) Endpunkt der
Konzept- und Theorieentwicklung dar
Kriterium: : Neue Daten bringen keine neuen
Einsichten mehr
Problem: Wann ist das Kriterium erfüllt?
Problem: Dynamik der empirischen Welt
Theoretisches Sampling Statistisches Sampling
Grundgesamtheit ist nur vage Umfang der Grundgesamtheit
definiert und der Umfang der ist in der Regel bekannt
Grundgesamtheit ist vorab
unbekannt
Merkmale der Grundgesamtheit Merkmalsverteilung in der
sind vorab kaum bekannt und Grundgesamtheit ist auf der
werden im Laufe des Forschungs- Basis der Stichprobenergebnisse
prozesses immer wieder neu bestimmt abschätzbar
Mehrmalige Ziehung von Fällen In der Regel einmalige Ziehung
für die Stichprobe nach sich einer Stichprobe nach einem vorab fest-
jeweils aus der bereits erfolgten gelegten Plan, keine Änderung der
Auswertung ergebenen Kriterien Auswahlkriterien
Stichprobengröße vorab Stichprobengröße in der
nicht definiert Regel vorab festgelegt
Gütekriterien
Wie und mit welcher Begründung wurde das
Ausgangssample ausgewählt?
Welche wesentlichen Kategorien wurden
entwickelt?
Welche wesentlichen Ereignisse und Handlungen
dienten als Indikatoren für diese Kategorien?
Auf der Basis welcher Kategorien wurde das
theoretical sampling durchgeführt? Als wie
repräsentative haben sich diese Kategorien
erwiesen?
Gütekriterien
Welche Hypothesen wurden entwickelt und auf welcher
Basis wurden sie entwickelt und getestet?
Gab es Fälle, in denen Hypothesen mit den geprüften
Wirklichkeitsausschnitten nicht in übereinstimmten und wie
wurden diese Diskrepanzen erklärt bzw. die Hypothesen
weiterentwickelt?
!Wann und wie wurde die Kernkategorie ausgewählt?
Plötzlich oder schrittweise? War das schwierig oder
einfach?
Wie wurde die letztendliche analytische Entscheidung
begründet?
Gütekriterien in der qualitativen
Sozialforschung
Hier gibt es keine einheitlichen Gütekriterien
Intersubjektive Nachvollziehbarkeit
Dokumentation des Forschungsprozesses in all seinen
einzelnen Schritten,
Beleg der Interpretationen anhand der erhobenen "Daten",
des "Textes" (Beobachtungsprotokolle, Interviewtranskripte
oder Aufzeichnungen von natürlichen
Kommunikationssituationen)
Nachvollziehbare Darstellung des Auslegungsprozesses
Interpretation in Gruppen ist ein Weg, sich intersubjektiver
Nachvollziehbarkeit der Interpretation zu sichern.
Argumentative Validierung.
Keine Rekonstruktion der Fallgeschichte, sondern:
Welche Funktion hat ein Präsentationsanfang heute,
weshalb wird diese Erfahrung in einer bestimmten
Textsorte thematisiert.
Welches thematische Feld präsentiert das Thema?
Welche Felder werden vermieden, nicht thematisiert,
obwohl sie kopräsent sind?
Wie betten die AutobiographInnen die Erlebnisse
systematisch nur in spezifische Felder ein und
vermeiden mögliche andere den Erlebnissen
inhärente Rahmungen.
Lebensgeschichte ist für Schütze eine sequentiell
geordnete Aufschichtung größerer und kleinerer in
sich geordneter Prozessstrukturen
(=Haltung, die der einzelne Mensch seinen Erfahrungen
gegenüber eingenommen hat bzw. noch einnimmt).
Biographische Handlungsschemata: Längerfristig angelegte, mehr
oder minder zielgerichtete Handlungspläne, deren Erfahrungsablauf
darin besteht, ob sie realisiert werden oder nicht.
Institutionelle Ablauf- und Erwartungsmuster: Beziehen sich
auf gesellschaftlich vorgegebene Fahrpläne (z.B.: Familie, Beruf).
Verlaufskurven: Synonyme für Prozesse des Erleidens und
Getriebenwerdens.
Wandlungsmuster der Selbstidentität:
Überraschend
wahrgenommene Veränderungen in der Erlebnis- und
Handlungsmöglichkeit und die Entfaltung von Erlebnis- und
Handlungsmöglichkeiten, die mit einem neuen Ich- und Weltbezug
einhergehen
Theoretische Verallgemeinerung
bei Fallrekonstruktionen
Typenbildung am Einzelfall: Basierend auf der Fragestellung; d.h.
konzentriert auf ein bestimmtes Phänomen (z.B. Umgang mit Erwerbslosigkeit
oder Verlauf einer rechtsradikalen Karriere)
Kontrastiver Vergleich der Fälle
(a) minimal kontrastiver Vergleich - es werden Fälle ausgewählt, die zunächst
auf der Oberfläche (da ja noch keine Auswertung erfolgte, können sich die
Tiefenstrukturen dann doch erheblich unterscheiden) hinsichtlich des zu
interessierenden Phänomens zum bereits ausgewerteten Fall Ähnlichkeiten
aufweisen
(b) maximal kontrastiver Vergleich - hier werden nun Fälle zum Vergleich
herangezogen, die hinsichtlich des zu untersuchenden Phänomens auf der
Oberfläche zunächst maximale Verschiedenheit aufweisen.
Weitere theoretische Verallgemeinerungen bzw. Konstruktion eines
theoretischen Modells (folgt aus 2.)
Textsorten
Erzählung: Referiert auf zurückliegende singuläre Ereignisabfolgen, die in einer
Beziehung zeitlicher oder kausaler Aufeinanderfolge zu einander stehen
Bericht: Ist eine geraffte telegrammstilartige Erzählung, Beschränkung auf eine
unilinieare Ereigniskette ohne Herausarbeitung von Situationen
Geschichten referieren auf herausragende Ereignisse innerhalb einer Erzählung;
sie weisen den höchsten Indexikalitäts- und Detaillierungsgrad auf. Sie sind
gebunden an eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Ort und an eine bestimmte
Person.
Beschreibung: ”..entscheidende Unterschied zu Erzählungen liegt darin, daß
Beschreibungen statische Strukturen darstellen. ... Der Vor-gangscharakter der
dargestellten Sachverhalte wird ´eingefroren´” (Kallmeyer / Schütze 1977, S. 201).
Unterkategorie: verdichtete Situationen - häufig erlebte Ereignisse werden auf eine
Situation komprimiert dargestellt und mit ihren sich wie-erholenden Elementen
beschrieben.
Argumentationen: theoriehaltige Textelemente, die sowohl innerhalb der
Erzählsequenzen auftreten (dann als Evaluationen ausgewiesen) als auch
außerhalb anzutreffen sind. Außerhalb: Theorieelemente; Bekundungen
allgemeiner Vorstellungen
Textsorten
Erzählung: Ja, da war ich noch jung und dumm damals und da hat mich mein
Freund also noch leichter überreden können, dass ich das mach, was er will. Und
ich hab das auch alles genau erfüllt. Wie wir einmal ...
Bericht: Des war immer so im Sommer, wo das Leben für mich einfach leichter ist.
Wir haben das alles so gesehen. Aber kaum war es wieder Winter, ich weiss nicht ...
Geschichten: Des war so bei meinem Vater einmal, dass er ich weiss des noch ganz
genau, dass er im Urlaub einmal, also wo alle länger geschlafen haben, dass er da so
unangemeldet ins Badezimmer gekommen ist. Ich seh ihn noch vor mir, wie er da
gestanden ist ...
Beschreibung: Der Sonntag, des war bei uns immer genau geregelt, also, wer wann
aufsteht, was dann gemacht wird, wer die Zeitung zuerst bekommt, was gesagt wird
und so ...
Unterkategorie: verdichtete Situationen - häufig erlebte Ereignisse werden auf eine
Situation komprimiert dargestellt und mit ihren sich wie-erholenden Elementen
beschrieben.
Argumentationen: Das war anders als bei meinem 1. Mann. Er war älter und auch
bereiter, auch auf mich einzulassen. Er hatte also schon die Bereitschaft, dass er das
zulassen kann. Dass ich auch wer bin. Das gehört für mich zu einer Partnerschaft
einfach dazu ...