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Biographie

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Biographie
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12/4/2011
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Biographie

Biographie

Bios = Leben Graphein = Schreiben

“Life can only be understood backwards but must be lived

forwards.” (Sòren Kierkegard)



„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte,

die er für sein Leben hält.“ (Max Frisch)

Begründungen

 Nichthintergehbarkeit des Subjektiven

 Soziale Strukturen, die von Individuen aktualisiert

werden

 Subjektivität und Struktur

 Es gibt keine Erfahrung an sich - die konkrete

Biographie begrenzt uns räumlich und zeitlich

 Bio = sozialweltliches Orientierungsmedium. Nicht

das Individuum ist Thema soziologischer

Biographieforschung, sondern das soziale Konstrukt

„Biographie

 Ereignisse sind nur in ihrem Verlauf wahrnehmbar

 Das „Ganze“ ist dabei ein unstabiles

(herzustellendes) Beziehungsgefüge

Zwei Zugänge

Lebenslauf Lebensgeschichte

Life-course Life-story

Struktur Subjektivität

Makroperspektive Mikroperspektive

Sequentielle Ordnungen gesellschaftlich Beziehungsformen zw. Subjekt

vorgegebener Muster. Leben in Übergängen und Gesellschaft, Individuum

und(Jugend, Erwachsenenalter, Beruf, Familie, ...) Struktur



Statuspassagen



Ungelebtes Leben

Potentiale und Anstoß zur

Beschäftigung mit (der eigenen) Biographie

Mit Biographien arbeiten ist der Versuch der

Rekonstruktion dessen, was Menschen aus der Welt gemacht

haben, in der sie sich vorfanden

Die Moderne verwandelt Leben in Entscheidungen

Biographien bilden Schnittpunkte zwischen Individuum und

Gesellschaft

Wie bauen Gesellschaftsmitglieder gemeinsam Biographien

auf? Welche Baupläne werden dabei verwendet und

umgestaltet?

Wie erleben Gesellschaftsmitglieder ihre Welt als real,

objektiv gegeben, während sie sie selber interpretativ

mitbauen?

Subjektivität und

Struktur

 Systemtheorie: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner

Teile (Mann, Frau, Kind; Beziehung)

 Gestalttheorie: Figur und Hintergrund, Thema und Feld,

Gestalt und Kontext.

 Husserl: Phänomenologie Die Welt muss stets sinnhaft

ausgelegt werden = Akt der Deutung und Auslegung

 K. Marx: Gesellschaftlichkeit des Lebens. Das Sein

bestimmt das Bewusstsein

 S. Freud: Psychoanalyse: Die Produziertheit des Lebens

aus Trieben; Selbstaktualisierungen, Erinnerungen;

Beziehung zw. Bewusstseinsinhalten, den

Erscheinungsweisen, Symptomen und dem Unbewussten.

Ihre Auflösung muss im Einzelfall erforscht werden

Chicagoer Schule

 W.I. Thomas und G.E. Parks: Soziale Tatsachen

entstehen in kontinuierlicher Interaktion von

individuellem Bewusstsein und sozialer Realität. Der

Blickpunkt der Handelnden ist wesentlich.

 W.I. Thomas/F. Znaniecki The Polish Peasant in Europe

and America (1980-1920).

 Der amerikanische Pragmatismus, (Dewey, Peirce):

Handeln und Erfahren sind interaktive und dialogische

Prozesse; Dewey: Wahrheit ist nur im Prozess des Lernens

zu finden.

 Symbolischer Interaktionismus (Mead, Blumer, Goffman).

Park/Burgess: The City: Änderungen von Einstellungen

der Immigranten in städtischen Ballungszentren

 R. u. H. Lind: Middle Town and Transition: Plötzliche

Industrialisierung einer amerikanischen Kleinstadt

 Schule der ANNALES: Alles Gewordene hat seine

Geschichte. L. Febvre, M. Bloch: Menschen in der

Komplexität ihrer sozialen Beziehungen und Aktivitäten,

sowie ihres Verhältnisses zu den natürlichen

Umweltbedingungen ihrer Existenz

 N. Elias: Der Mensch ist ständig in Bewegung. Er

durchläuft nicht nur einen Prozess, er ist ein Prozess.

 Lebensweltanalysen: Jener Wirklichkeitsbereich unserer

Sozialwelt, den wir für wirklich halten (Schütz,

Berger/Luckmann)

 Biographizität: Sich seiner Subjektivität bewusst werden.

Subjekt und Kontext werden verändert Transitorisches

Lernen (Alheit)

Geschichtswissenschaft:

Oral History

 Vernachlässigte Themenbereiche erschließen,

Geschichte nicht nur aus der Sicht staatstragender Kräfte

(große Persönlichkeiten), sondern auch aus der

Perspektive der Betroffenen rekonstruieren

 Statt Geschichte im Großen und Ganzen zu betrachten,

sollten historische Ungleichzeitigkeiten, wie sie in

regionalen Milieus und in der Provinz zu beobachten sind,

untersucht werden.

 Monopol historischer Archive und schriftlicher

Materialien in Frage gestellt

 Mündlich überlieferte Geschichte als originäre Quelle von

historischen Untersuchungen (Niethammer:

„Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis“, 1985).

Psychologie

 Karl Philipp Moritz (1756-1793) „Magazin zur

Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für

Gelehrte und Ungelehrte“

 Kinderpsychologie des 18. und 19. Jahrhunderts -

Entwicklungspsychologie Charlotte Bühler

(1933): Quantifizierende

Längsschnittuntersuchungen

 Heute gehört die psychologische

Biographieforschung nicht zum psychologischen

mainstream, sondern hat eher eine Randposition

eingenommen

Polen und die

Chicagoer-Schule

 1892 William I. Thomas Department of Sociology mit Florian

Znaniecki The Polish Peasant in Europe and America:

 Soziale Desintegrationsphänomene genau beschrieben und

mit zahlreichen Dokumenten belegt. 300seitige Autobiographie des

jungen polnischen Arbeitsemigranten Wladek

 „Indem wir die Erfahrungen und Einstellungen eines einzelnen Menschen

analysieren, erhalten wir immer Daten und elementare Fakten, die nicht

ausschließlich auf dieses Individuum begrenzt sind, sondern die mehr oder

weniger als Klassen von Daten und Fakten behandelt werden und so für die

Bestimmung von Gesetzmäßigkeiten des sozialen Prozesses genutzt werden

können. Gleichgültig, ob wir die Materialien für die soziologische Analyse

aus detaillierten Lebensberichten vom konkreten Individuum oder aus der

Beobachtung von Massenphänomenen gewinnen - die Probleme der

soziologischen Analyse sind die gleichen“

Erziehungswissenschaften

Geisteswissenschaftliche

Pädagogik

 W. Dilthey, E. Spranger, H. Nohl, Th. Litt, W. Flitner



 W. Diltheys Lebensphilosophie

 Philosophische Fragen aus der Perspektive der

Alltagserfahrung beantworten, Werte und Einsichten aus dem

Leben selbst (und nicht aus abstrakten begrifflichen

Vernunftsystemen) ableiten. Charakteristisch dafür z. B.

Goethe`s Diktum: Grau ist alle Theorie, grün ist nur der Baum

des Lebens

 Erlebnis. Menschliche Erkenntnis entsteht letztlich nur durch das Erleben

und im erlebten Zusammenhang mit der „gedankenbildenden Arbeit des

Lebens“. Die spezifische Methode geisteswissenschaftlicher Erkenntnis

besteht für Dilthey deshalb in dem Nacherleben dessen, was in der

Geschichte von einzelnen Menschen erlebt wurde. Verstehen ist in diesem

Sinne Nacherleben.

 Sinn: Wird für mit Hilfe des Mechanismus der

Zusammenhangsbildung hervorgebracht

 "Der Lebensverlauf besteht aus Teilen, besteht aus Erlebnissen,

die in einem inneren Zusammenhang miteinander stehen. Jedes

einzelne Erlebnis ist (...) durch die Struktur mit anderen Teilen

zu einem Zusammenhang verbunden. In allem Geistigen finden

wir Zusammenhang; so ist Zusammenhang eine Kategorie, die

aus dem Leben entspringt."

 Zusammenhangsbildung ist Leistung des

Bewusstseins, das Beziehungen zwischen Teilen und

einem Ganzen beständig herstellt und in neuen

biographischen Situationen überprüft bzw. verändert =

Biographisierung.

 Biographie = Einheit, innerhalb derer die Fülle von

Erfahrungen und Ereignissen des gelebten Lebens zu

einem Zusammenhang organisiert wird.

Phänomenologie

 Husserl (1959 - 1938): Die Welt muss sinnhaft

ausgelegt werden. "Die Welt, die für uns ist, ist

die in unserem menschlichen Leben Sinn habende

und immer neuen Sinn für uns gewinnende, Sinn

und auch Geltung." (Husserl 1954, 266)

 Sinn muss erst vom Menschen hergestellt

werden, ist ein Akt der Deutung und

Auslegung. Wissenschaft darf hierbei nicht am

Vorbild des mathematisch-

naturwissenschaftlichen Paradigmas ausgerichtet

sein.

Das Interpretative

Paradigma

 Wilson (1973): Interpretationsleistungen der

Subjekte (lehnt die Übernahme einer

naturwissenschaftlichen Methodologie ab).

 Normatives Paradigma: Unabhängige,

sogenannte objektive Wirklichkeitsbereiche

 Frage: Wie konstruieren Menschen ihre

Wirklichkeit? Ansetzen an der Alltagswelt der

Betroffenen. Handeln ist zentral für die

Herstellung von Sinn und Bedeutung

 Systematisch in Rechnung gestellt wird die im Prozess

der Sozialisation gebildete Fähigkeit, soziale und

natürliche Zusammenhänge zu deuten.

 Die prinzipielle Gegebenheit dieser Fähigkeit zur

Deutung (in Abhängigkeit von soziostrukturellen,

institutionellen wie auch lebensgeschichtlichen

Zusammenhängen) wird als

 Deutungs-oder Interpretationsapriori bezeichnet.

 Der Mensch verleiht seinen/ihren Wahrnehmungen

Bedeutung in Prozessen der immer schon ablaufenden

Interpretation. Wahrnehmung ist also immer schon

Interpretation und Selektion.

 Soziales Handeln beruht auf einem solchen

Interpretationsprozess, ist Resultat desselben.

Bedeutungszumessung, Relevanzabschätzung

und Sinnverleihung sind Ausdrücke, die

denselben Prozess beschreiben.

 Die sinnhafte Strukturierung des sozialen

Handelns geschieht durch die Handelnden selbst.

Neben die Kategorien Ursache und Wirkung

wird die Kategorie Sinnhaftigkeit für das

Verständnis von sozialem Handeln wesentlich.

 Intention: Gesellschaftliche Tatsachen über die

Bedeutungszuschreibung der Handelnden

erschließen, die „... Methodik des Zugriffs zu

gesellschaftlichen Tatsachen ..." erfolgt "... über

die Wirklichkeitskonzeption der Handelnden"

Wissensoziologie

 Alfred Schütz: Wie bringen Menschen Sinn in ihre

Lebenswelt? Welcher subjektive Sinn liegt einem

fremden Verhalten zugrunde? Sinnherstellung ist

wesentlich an Sozialität gebunden.

 Analysen zur Lebenswelt: Theorie der mannigfaltigen

Wirklichkeiten.

 Gesellschaftsmitglieder verarbeiten die Komplexität des

soziokulturellen Bedeutungsgefüges in der Weise, dass

sie sie in relativ abgeschlossenen Sinnprovinzen

organisieren. Der Mensch lebt immer in mehreren Welten: die

Welt des Alltags, die der Wissenschaften, die des Traumes. Das

Kennzeichen ist, daß diese Welten geschlossene Sinnuniversa sind,

durch die ich wandern kann. Immer werde ich jedoch zur

gemeinsamen alltäglichen Lebenswelt zurückkehren (Skripttheorie)

Wissenssoziologie im engeren Sinne

 „Die Wissenssoziologie hat die Aufgabe, die

gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit zu

analysieren." (Berger/Luckmann 1969, 3).

 Gegenstand der Wissenssoziologie: Was in

einer Gesellschaft als Wissen gilt. Die

interpretative Eigenaktivität des Subjektes bei

der Untersuchung kognitiver, psychischer und

sozialer Prozesse zur Geltung bringen.

 Phänomenologischer Impuls - Prozesse der

Bedeutungs- und Sinnherstellung als Prozesse

der Konstruktion von Selbst- und Weltbildern

untersuchen.

Symbolischer Interaktionismus

 Prämisse der Interaktionsbedingtheit individueller

Bedeutungszuschreibungen

 Jegliches soziale Handeln ist symbolisch vermittelt, in

unterschiedlichen sozialen Handlungskontexten wirken

unterschiedliche Gültigkeitskriterien. Global wirken hier

folgende Mechanismen:

 Menschen handeln Dingen, Situationen u. dgl. gegenüber

auf der Grundlage der Bedeutungen, die diese Dingen,

Situationen u. dgl. für sie besitzen.

 Die Bedeutung dieser Dinge, Situationen wird konstruiert

und entsteht in sozialer Interaktion.

 Die Bedeutungen werden in interpretativen Prozessen

hergestellt und modifiziert (vgl. Blumer 1973, S. 81).

 Alle "Tatsachen" sind also schon immer

interpretierte Tatsachen, sind ausgewählt, mit

Bedeutung und Sinn unterlegt.

 Jede/r Handelnde hat sich im Laufe seines Lebens

Routinen und Wissensbestände angeeignet, die es

ermöglichen, mit anderen Menschen und (neuen)

Situationen zurechtzukommen, ohne dass dieser

Gesamtbestand an Wissen in seiner

Grundstruktur situationsgebunden und

biographiespezifisch explizit verortet ist, der

jedoch den "harten Kern" des allgemeinen Wissens

in allen Gesellschaften ausmacht (vgl. dazu

Luckmann 1981).

Ethnotheorie

Ethnomethodologie

 Harold Garfinkel, Aaron Cicourel, Harvey Sacks

 Der Objektbereich der Ethnotheorie ist das

kulturspezifische Wissens- und Erkenntnissystem.

 Art und Weise, wie Angehörige einer Kultur ihre

Objektwelt wie auch die soziale Welt ordnen,

wahrnehmen, definieren und klassifizieren, wie sie

ihnen oder ihren Handlungen, auch Ereignissen

Bedeutung zuschreiben, und welcher Sinn sich im Zuge

von Bedeutungszuschreibungen ergibt.

 Die kognitive Welt des Menschen ist von Bedeutungen

durchwirkt, die es zu erschließen gilt.

 Ethnomethodologie ist vor allem an formalen,

universalen Regeln interessiert, die alltäglichen

Interaktionen als Interaktionslogik zugrundeliegen.

Nicht der Einzelmensch steht im Zentrum

 Hauptfrage: Wie wird die Gesellschaft

zusammengefügt?

 Vom ,Warum zum Wie„. Es geht also um die Prozeduren,

über die alltäglich Interagierende verfügen, um ihre

Alltagshandlungen routineförmig abzuwickeln. Die

(unbewusste) Teilhabe der Menschen am gesellschaftlich

geteilten Wissen zeigt sich überwiegend in

Routinehandlungen, die Konsistenz und Zusammenhang,

Vertrautheit und Orientierung in das Alltagsleben bringen.

 Eine Handlung wird also weder im Kontext Reiz-Reaktion,

noch im Kontext Erfüllung von Verhaltenserwartungen

gesehen, sondern eine soziale Handlung ist immer auch ein

Akt des Hervorbringens, wobei die Regeln des Vollzuges

aus der Perspektive des Subjekts zu verstehen sind: Wie

wird eine Handlung zustandegebracht?

Paul Ricœur

 „Zeit und Erzählung“:Wechselseitige Abhängigkeit von menschlicher

Zeiterfahrung und narrativen Strukturen. Jede Form von Zeiterfahrung und

also auch Geschichtsschreibung müsse, so lautet Ricœurs These, immer in

die Form einer Erzählung gebracht werden. Auch die vermeintlich „wahre

Geschichte“ sei als eine erzählte und interpretierte Zeit stets von der Fiktion

durchwirkt.

 „Die Identität eines Individuums oder einer Gemeinschaft angeben, heißt auf

die Frage antworten: wer hat diese Handlung ausgeführt, wer ist der

Handelnde, der Urheber? Auf diese Frage wird zunächst so geantwortet, daß

jemand benannt wird, das heißt, durch einen Eigennamen bezeichnet wird.

(...). Auf die Frage „wer?“ antworten heißt, die Geschichte eines Lebens

erzählen. Der erzählte Geschichte gibt das wer der Handlung an. Die Identität

des wer ist also bloß selber eine narrative Identität“ (Ricœur 1991, S. 395)

 „Die Geschichte eines Lebens wird ständig refiguriert durch all die wahren

oder fiktiven Geschichten, die ein Subjekt über sich selbst erzählt. Diese

Refiguration macht das Leben zu einem Gewebe erzählter Geschichten“

(Ricœur 1991, S. 396)

 „Narrative Identität“: Die Erinnerung ist nicht Festhalten wahrgenommener

Ereignisse und vollzogener Handlungen, sondern die Kontinuität der Person

in der narrativ eingeholten Verbindung von Sinnzusammenhängen der Person

besteht.

 Das Chaos von Ereignissen, Erlebnissen, Begegnungen, Eindrücken ist zu

strukturieren und in Bezug zu dem, was Selbst war und neu wird, zu setzen.

Dies kann in Gesprächen, Geschichten und Erzählungen geschehen, die der

Selbstverständigung dienen, und die dazu beitragen, „... daß die Zeit in dem

Maße zur menschlichen wird, in dem sie sich nach einem Modus des

Narrativen gestaltet, und daß die Erzählung ihren vollen Sinn erlangt, wenn sie

eine Bedingung der zeitlichen Existenz wird“ (Ricœur 1988, S. 87)

 „Individuum und Gemeinschaft konstituieren sich in ihrer Identität dadurch,

daß sie bestimmte Erzählungen rezipieren, die dann für beide zu ihrer

tatsächlichen Geschichte werden“ (Ricœur 1991, S. 397)

 „So gesehen ist die narrative Identität in ständiger Bildung und Auflösung

begriffen“ (Ricœur 1991, S. 399). Statt einer statischen Identität stellt das

Subjekt seine Narrativität her. Sich die eigene Geschichte immer wieder neu

zu erzählen, sie zu finden und zu erfinden im Gespräch mit Anderen, frühere

Erzählungen zu überarbeiten und neu zu interpretieren, ist hier der Antrieb.

Biographie und Pädagogik

 In der Pädagogik wurde schon sehr früh mit (auto-)biographischem

Material gearbeitet. (Rousseau)

 Geschichten greifen hinter die objektive Geschichte.

 Was wir soziale Wirklichkeit nennen, ist uns nur beschränkt aus

eigener Erfahrung zugänglich. Diese ist nur ein Teil dessen, was

andere, die wir bilden oder erziehen wollen, erleben.

 Pädagogische Biographieforschung ist nicht nur an linguistischen

Problemen eines Textes oder soziologischen Bedingungen von

Regularitäten interessiert, sondern auch handlungsorientiert, an

Handlungen sich weiterentwickelnd.

 Dieses Interesse an Handlungen setzt ein Verstehen der Strukturregeln

der Lebenswelten voraus, und dies fordert wiederum, daß die

vorgegebenen Definitionen relativiert werden. Eine so verstandene

Biographieforschung sucht nach Gründen für menschliches Handeln

und Verhalten.

Zugangsweisen

 Autobiographisch: Guided biography - Autobiographische

Selbstthematisierung und -auslegung: Biographie ist ein

vielschichtiger Prozess und nicht nur Resultat.

 Historischer Ansatz: Die Grammatik von Erzählungen verstrickt

die Individuen in die Geschichte von Kollektiven (Habermas)

(oral history) - Dokumentation des Alltäglichen

 Interkultureller Ansatz: Wahrnehmung der Fremdheit

(Migration)

 Emanzipatorischer Ansatz: Differenzen und Gegensätze sind

nicht aufzulösen, sondern zu erkennen (Frauenbildung),

lebenslaufsensibilisierende Konzepte

Was leistet biographieorientierte

Sozialforschung?

 Untersuchung von Unbekanntem und Neuem

 Die subjektiven Deutungen der Situation der

Alltagshandelnden erfassen oder sichtbar machen

 Rekonstruktion latenten Sinns

 Rekonstruktion der Komplexität von

Handlungsstrukturen am Einzelfall

 Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus

 empirisch begründete Hypothesen- und

Theoriebildung

 Hypothesen- und Theorieüberprüfung am Einzelfall

Sozialwissenschaft untersucht eine

bereits interpretierte Welt

Alfred Schütz: Sozialwissenschaft liegt eine bereits entsprechend der

Relevanzstrukturen der in der Sozialwelt lebenden Menschen

gegliederte und gedeutete Welt vor

 Konstruktionen ersten Grades: Menschen haben diese Welt im

voraus gegliedert und interpretiert

 Konstruktionen zweiten Grades sind Konstruktionen jener

Konstruktionen, die im Sozialfeld von den Handelnden gebildet

werden. Soziale Ordnung eines Feldes rekonstruieren

 Selbst- und Weltreferenz im Subjekt durch Sprache

 Latente und manifeste Strukturen

Biographieorientierte

Sozialforschung

 Ist der Gegenstandsbereich überhaupt biographieanalytisch zu

bearbeiten?

 Handelt es sich um lebensgeschichtliche Bedingungen,

Verarbeitungsformen und ihre Folgen in einem bestimmten

Phänomenbereich (z.B. die Alltagswelt einer Hausfrau), und

keine genuin verteilungstheoretische Fragestellung. Darüber

hinaus ist hierzu genügend Zeit und Interesse, sowie ein gewisses

Basiswissen Voraussetzung für den Beginn einer solchen Arbeit.

 Erfahrensbezogene Kenntnisse im Hinblick auf die

Datenerhebung: Wie komme ich in Kontakt mit potentiellen

InformantInnen? Wie formuliere ich meinen Erzählstimulus? Wie

soll ich mich während der lebensgeschichtlichen Haupterzählung

verhalten, wie in der ersten, wie in der zweiten Phase des

Nachfragteils?

Erste Phase der Datenerhebung

 Durchführung der ersten Interviews.

 Die Auswahl der ersten Interviewten ist hier wesentlich, wobei

ich hier (aus eigener Erfahrung) hinweisen werde, niemanden zu

interviewen, der privat bekannt ist, da dies die Interviewsituation

belasten und in der Phase der Auswertung die notwendige

Distanz reduzieren würde.

 Sobald einige Interviews durchgeführt wurden, soll darüber in

der Arbeitsgruppe berichtet werden. Dabei geht es um allgemeine

Diskussion von Felderfahrungen, wonach die Gruppe bei der

 Auswahl eines geeigneten Eckfalles helfen kann. Eckfälle tragen

dazu bei, dass die theoretische Varianz der biographischen und

sozialen Prozesse, die im Zentrum der Untersuchung stehen, zu

einem wesentlichen Teil abgedeckt wird. Das ausgewählte

Interview wird transkribiert, und zwar unter Berücksichtigung

parasprachlicher Phänomene wie Intonationskonturen, Pausen

usw.

Prinzipien einer interpretativen

Datenanalyse

 Interpretative Analyse (vs. subsumtionslogische

Verfahren wie bei der Inhaltsanalyse)

 Abduktives Vorgehen

 Sequentielle Analyse (vs. Neugliederung von Texten)

 Gestalttheoretisches Vorgehen

 Theoretische Verallgemeinerung am Einzelfall (vs.

statistische/numerische Verallgemeinerung)

 Abduktiver Schluss: Im Unterschied zu einer

deduktiven Analyse setzt die Abduktion bei

empirischen Phänomenen, bei Fakten an, ohne dabei

gleich zu Beginn eine bestimmte Theorie zu verfolgen

Interview Durchführung

Narratives Interview

 Narrare = erzählen

 narrativ = nicht Frage und Antwort



 F. Schütze: Das narrative Interview ist ein

sozialwissenschaftliches Erhebungsverfahren, welches den

Informanten zu einer umfassenden und detaillierten

Stegreiferzählung persönlicher Ereignisverwicklungen und

entsprechender Erlebnisse im vorgegebenen Themenbereich

veranlaßt.





 Hauptmethode = Stegreiferzählung

Erzählen

 Erzählatmosphäre - Interaktionsrahmen

 Erzählen kostet Zeit

 Herausstellen der Erzählenden

 Methodische Kontrolle - herauslocken





Vorbereitung

 Keine Überrumpelung

 Wirkliches Interesse

 Offenlegen des Zweckes

 Offenlegen der InterviewerInnen - etwas von eigener Person einbringen

 Zeit und gleichbleibendes Interesse

 Ratifizierung des Erzählschemas (Methode verstanden?)

 Zurückhaltung in der Erzählung

 Vermeidung von Warum, Wozu Fragen in den ersten Interviewphasen

 Verschieben gezielter Fragen auf Nachfragephase

 Keine Angst vor Fehlern

Ablauf - Phasen



 Einstiegssphase - Aufwärmen, Absichten

 Phase der Haupterzählung - Beginn der

Erzählung - keine Chronologie

 Nachfragephase - Erläuterung

 Bilanzierungsphase - Sinn der Geschichte

- Mögliche Einstiege

- (Raum zur Gestaltentwicklung geben)

-

Ich möchte Sie bitten, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen, all

die Erlebnisse, die für Sie persönlich wichtig waren. Sie

können sich dazu so viel Zeit nehmen, wie Sie möchten. Ich

werde Sie nicht unterbrechen, mir nur einige Notizen machen,

auf die ich später noch eingehen werde.



(Wir interessieren uns für ...) Wir möchten Sie bitten, uns Ihre

Lebensgeschichte zu erzählen, also nicht nur von Ihrer ... zu

berichten, sondern über all die Erlebnisse, die für Sie wichtig

waren. (Wie ging es dann weiter? Was berührt Sie heute noch

sehr.)

Die Haupterzählung soll durch keinerlei (Nach-)

Fragen unterbrochen oder gelenkt werden

Wird (nach Schütze) durch drei Erzählzwänge gesteuert:



Gestaltschließungszwang: Zwang, angefangene Themen

oder Erzählstränge auch abzuschließen

Kondensierungszwang: Zwang, die Erzählung soweit zu

verdichten", dass sie nachvollziehbar bleibt.

Detaillierungszwang: Zwang, Hintergrund- oder

Zusatzinformationen einzubringen, die für das

Verständnis der Erzählung erforderlich sind - auf den

Punkt kommen.

Diese Zwänge sollen dafür sorgen, dass die wichtigsten

Ereignisse berichtet werden.

Die Haupterzählung wird meist durch eine Erzählkoda

abgeschlossen, eine Äußerung, die das Ende der Erzählung

signalisiert, wie z. B. "Ja, das wär's eigentlich".

Zweiter Teil: Die Nachfragephase

 Wichtig, dass Nachfragen wirklich narrativ sind.

 Die Handhabung dieses Nachfrageteils setzt hohe

Aufmerksamkeit und Konzentration (besonders

während des ersten Teils des Interviews) voraus, da sich

InterviewerInnen z.B. Stellen mangelnder Plausibilität

merken müssen, um im Nachfrageteil, der mitunter erst

30 – 50 Minuten später einsetzen kann, zu dieser Stelle

zurückzukehren, um über eine immanente Frage einen

erneuten Erzählimpuls zu platzieren.

Grundtypen des Nachfragens



 1. Ansteuern einer Lebensphase: Können Sie mir über die

Zeit (Kindheit, etc.) noch etwas mehr erzählen?

 2. Ansteuern einer benannten Situation: Sie erwähnten

vorhin wie sie ... Können Sie mir diese Situation noch einmal

genau erzählen?

 Ansteuern einer Belegerzählung zu einem Argument: Können

Sie sich noch an eine Situation erinnern, in der ...

Erzählgenerierendes Nachfragen



 „... als ich mit dem Studium fertig war, kam noch die Geschichte

mit der Schwangerschaft. Anfang 85 habe ich dann zu arbeiten

begonnen, aber dann keine Lust mehr dazu gehabt“

 Offenes Nachfragen: Können Sie noch einmal etwas genauer

erzählen, wie das damals war, als Sie das Studium beendet

haben? Oder:

 Sie erwähnten eine Schwangerschaft. Möchten Sie darüber noch

etwas erzählen?

 Keinesfalls Warum-Fragen: Warum hatten Sie keine Lust mehr

zu arbeiten?

 Geschichte ansteuern, die hinter Argument, Gefühl, ... liegt:

Können Sie sich noch an eine Situation erinnern, in der Ihnen

klar wurde, dass Sie mit der Arbeit aufhören?

Dritter Teil: Die Evaluation

 Aufforderung, sich der eigenen Biographie zusammenfassend und

argumentativ zu nähern - Nutzung der Erklärungs- und

Abstraktionsfähigkeit der InformantInnen als ExpertInnen und

TheoretikerInnen ihrer selbst.

 Menschen entwickelt im Laufe des Lebens Eigen- oder Alltagstheorien, d. h.

Muster, die für sie Situationen erklären.

 Diese stehen wie symbolische Signaturen für ihr eigenes Leben. Sie

beschreiben aus ihrer Sicht Regelmäßigkeiten, bilden gleichzeitig den Rahmen

für neue Erfahrungen. Sie haben oftmals die Qualität einer self-fulfilling-

prophecy. Immer wenn es darauf ankam, habe ich versagt. Oder positiv: Ich

weiß genau, immer, wenn es darauf ankommt, entwickle ich ganz ungeahnte

Kräfte.

 Die einfachsten Beispiele finden sich dafür im Volksmund: Ich bin wie ein

Segel im Wind. Wo gehobelt wird, fliegen Späne. Auch ein blindes Huhn findet einmal

ein Korn

 Alltagstheorien - starke bildlich Ausgestaltung, auch eine starke visuelle

Suggestionskraft. Entscheidend ist jedoch immer die hohe Konzentration der

Botschaft: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

 3. Ansteuern einer Belegerzählung zu einem Argument: Können Sie sich

Rollen im Interview

Keine Warum-Fragen, sondern Wie-Fragen stellen

 Es gibt verschiedene Standardmuster, wie das erste Hauptsegment eines

Interviews bei umsichtig gestellter offener Eingangsfrage gestaltet wird:

 1. chronologisches Erzählmuster

 2. Schlüsselsituationen des eigenen Lebens

 3. Selbsttypisierungen (Künstlerbiographien), d.h. dem Interviewer werden

gleichsam Verstehensanweisungen gegeben.

 1) InformantInnen sind grundsätzlich ExpertInnen für die eigene Biographie

und nicht für ein Thema. Das bedeutet, dass InterviewerInnen hauptsächlich

Lernende sind, weil sie in der Regel nichts von den Interviewten wissen.

 2) InterviewerInnen sollte die Interviewten vorher nicht kennen, weil sonst

argumentative und narrative Abkürzungen auftreten.

 3) InterviewerInnen dürfen das Detaillierungsniveau nicht durch Nachfragen

bestimmen, die auf die Variierung des Detaillierungsniveaus abzielen.

Rollen im Interview

 4) Narrationen entfalten oft eine befreiende Kraft (Sichaussprechen); es darf

aber keinesfalls eine Therapiesitzung daraus werden. Klare Unterscheidung

zur therapeutischen Situation über das Setting. Der Begriff bezeichnet das

Normengeflecht, das in bestimmten institutionellen Situationen

verhaltensleitend wird.

 Setting in der Supervision (Reflexion und Psychohygiene)

 Setting in der Schule (Frontal- vs. Gruppenunterricht)

 Setting in der Psychotherapie (Arbeit an den inneren Landkarten -

Veränderungsabsichten)

 Das Setting im narrativen Interview dient einzig und allein der

Datenerhebung.

 Ethisches Problem: Sind InformantInnen nur Datenlieferanten?

 Da es sich um eine menschliche Beziehung handelt, die in der Regel hohe

intime Anteile aufweist, gilt die Regel, dass InterviewerInnen zur

Nachbetreuung grundsätzlich bereit sein müssen. Nachbetreuungen haben

aber grundsätzlich die Funktion, Abhängigkeiten und Erwartungen

abzubauen.

Das Forschungstagebuch

 Die Vorbereitung eines Interviews gehört zum Forschungsprozess und sollte

dokumentiert werden:

 Auswahl der InterviewpartnerInnen,

 Kriterien der Auswahl, welche Verabredungen dabei getroffen wurden, wie der erste

Kontakt zustande kam,

 ob man den oder die Befragten bereits länger oder persönlich kennt (Freunde,

Bekannte, eigene Familie, ...)

 Kontextinformationen sollten festgehalten werden, da diese den Interviewverlauf

mitbestimmen können)

 Erläuterung dazu, was man von den Befragten erfahren möchte (Gegenstand und

Thema der Arbeit),

 in welcher Form das Interview stattfinden soll,

 die Klärung der Anonymisierung, Absprachen über eine mögliche Veröffentlichung,

 Absprachen zum weiteren Umgang mit dem Material (bzw. Einsicht in das eigene

transkribierte Interview),

 Absprachen über spätere Gegenleistungen (Rückgabe des getippten Interview als

„Geschenk“).

 Nachbereitung: schriftliche Fixierung des Gesprächsverlaufs und der

Eindrücke, die im Verlauf des Interviews entstanden sind.

Der Rahmen (das Setting)

 Anzustreben ist immer ein Einzelinterview in einem störungsfreien Raum.

 Weitere interessierte Zuhörende, hereinkommende oder durchlaufende

Besucher stören den Interviewverlauf oder machen ein Interview gänzlich

unmöglich. Dabei sollte geklärt sein, dass man für das Interview ausreichend

Zeit zur Verfügung hat, auf beiden Seiten sollten kein Termindruck

entstehen.

 Auch sollte der Rahmen, in dem das Gespräch stattgefunden hat, im

Forschertagebuch beschrieben werden, Störungen oder Unterbrechungen des

Interviews (durch Klingeln, Telefongespräch, Besuch, Heimkehr des Partners,

Kinder etc.) sollten benannt werden.

 Manchmal erhält man im Anschluss an ein Gespräch (oder schon in der

„Aufwärmphase“) zentrale Informationen, die wesentlich zum Verständnis

beitragen und deshalb aufgeschrieben werden sollten.

Verteilung der Aktivität im Verlaufe des

Forschungsprozesses









Ausarbeitung

einer gegen-

standsbezo-

genen Theorie



Ausarbeiten von

Aktivität









Deskriptoren



Datenerhebung

Zeit

Datenproduktion - Transkription

 Text ist immer neue Realität. Reduktion von: Interviewsituation auf

Tonbandmitschnitt auf Text.

 Sparsamkeitsregel: Welches Niveau eines Textes brauche ich zur

Beantwortung meiner konkreten Fragestellung (Dialekt? Pausen?)

 Auf die übliche Satzzeichensetzung wird meist verzichtet

 Eigennamen anonymisieren und durch Großbuchstaben ersetzen. A=

InterviewerIn, B = Interviewte; weitere Eigennamen durch doppelte Klammern

angeben: C ((Name des Freundes))

 Pausen: Dauer der Pause in Sekunden angeben: (4) = vier Sekunden Pause

 Kommentare: in doppelte Klammern setzen ((schnell gesprochen, oder:

lachend))

 Betonungen: Betonte Passagen fett schreiben: nein; leise Teile: eckige

Klammer >leise Sinn -> Text

Rekonstruktion von Sinn / Bedeutung als

Forschungsprozess

Kodieren

 Kernstück der Methode der Grounded Theory

 Textstellen sind Indikatoren für Phänomene des

interessierenden Wirklichkeitsbereichs

 Kodieren weist einer Textstelle einen oder

mehrere Kodes (Stichwörter, Begriffe, Konzepte)

zu

 Kommentare und Memos schreiben

Theorie als

Begriffsnetz entsteht durch die

 Eine Theorie als Begriffsnetz

Verknüpfung der Kodes,

 Zusammenfassung der Kodes in übergeordneten

Kategorien und

 Bilden von zentralen Kategorien.

 Entstehung einer Theorie als Begriffsnetz

(semantisches Netz)

 Prinzip der Gegenstandsverankerung

 Die Begriffe der Theorie sind eine überprüfbare

Folge von

 Interpretationsschritten aus den Textstellen und

sind damit in

 den Phänomenen verankert.

Constant Comparative

Method

Der konzeptuelle Gehalt von Daten erschließt

 sich aus dem permanenten Vergleich mit

 Ähnlichem und Unähnlichem

 Dabei kann es sich um reale oder um

 theoretische Vergleichsdaten handeln

 Erst: Strategie d. minimalen Vergleichs

 Später: Strategie d. maximalen Vergleichs

Phasen des Kodierens

 1. Offenes Kodieren

 2. Ordnen der Zwischenergebnisse

 3. Axiales Kodieren

 4. Integration der Ergebnisse zu einer Theorie –

selektives Kodieren

 5. Darstellung der Ergebnisse

Offenes

Kodieren

Text in Bezug auf das interessierende Phänomen

aufbrechen

 Zeile-für-Zeile Analyse, Kontrastieren,

Dimensionalisieren

 In-vivo- Kodes Begriffe oder Redewendungen aus

dem

 Datenmaterial als Kodelabel aufgreifen - Sichert

Datenbasiertheit (kein Import abstrakter Konzepte)

Ergebnisse

 Liste von Kodename

 Kommentare mit Erläuterungen der Konzepte und

 weiterführende Überlegungen

 Kodenotizen

 Memos: Erläuterung der Zusammenhänge zwischen

Vorgehensweise

ARBEITSSCHRITTE

Gesamte Fallsequenz

4. Fallgeschichte Versch. Sequenzen

Typologien

wissenschafts- Zentrales Konzept

Muster

theoretische

Anfertigen der strukturellen

Beschreibung Strukturelle

3. Geschichten zu

anthropologische

Themenbereichen 1. INTERVIEW



Phänomene Dimensionalisieren

Oberbegriffe Sequenzieren

Ergeben sich aus: 2. Achsenkategorien

hermeneutische Kontextualisieren

Ausgangsfrage(n) Begriffsnetze Kodieren

Phänomene, die sich

herauskristallisieren

Zwischenergebniss

e

Sortieren nach Kodefamilien

Gemeinsames Abstraktionskriterium

Aufstellen von Begriffsnetzen

Kodes und Kodefamilien lassen sich als Begriffshierarchien oder

–netze darstellen

• Bottom-up: von Kodes/Kodefamilien zu Begriffshierarchien

• Top-Down: Kodes um zentrale Kodes gruppieren (Mind Map)

Methoden der Fokussierung

• Vorläufige Nichtbeachtung von Kodes

• Synonyme (Vorzugsbenennung)

• Oberbegriffe

Axiales Kodieren

• Verfeinerung und Differenzierung der Kategorien

• Achsenkategorien bilden

• Finden von Relationen und

• Ausarbeitung zu einem Begriffsnetz (semantisches Netz)

Vorgehensweise

1. Ermitteln der Achsenkategorien

2. Aufsuchen von Textstellen zur Kategorie

3. Ausarbeiten der Achsenkategorien

4. Ausarbeiten der Relationen

Kodierparadigmen

Zusammenfassung von Kodes zu Kategorien

(Oberbegriffen)

Festlegen von Relationen zwischen Kategorien, dadurch

Konstruktion einer Ordnung

Relationstypen („Kodierschema“)

• ist-Ursache-für

• ist-Phänomen-von

• ist-Kontext-für

• ist-intervenierende-Bedingung-für

• ist-Strategie-für

• ist-Konsequenz-von

• Konstruktion eines Begriffsnetzes (semantisches Netzwerk)

• Auswahl der wichtigen, als theoretisch fruchtbar beurteilten

Kategorien

• Verifizierung am Text (induktiv-deduktive Spirale)

Kodierparadigmen nach Strauss

Integration der Ergebnisse zu einer

Theorie – selektives Kodieren



Entdecken des „roten Fadens‘‘ im

Datenmaterial

Identifizieren des zentralen Konzeptes

(core category)

selektives Neu- und Nachkodieren des

Materials im Hinblick auf das zentrale

Konzept

Theoretische

Sättigung

Stellt den (vorläufigen) Endpunkt der

Konzept- und Theorieentwicklung dar



Kriterium: : Neue Daten bringen keine neuen

Einsichten mehr



Problem: Wann ist das Kriterium erfüllt?

Problem: Dynamik der empirischen Welt

Theoretisches Sampling Statistisches Sampling

Grundgesamtheit ist nur vage Umfang der Grundgesamtheit

definiert und der Umfang der ist in der Regel bekannt

Grundgesamtheit ist vorab

unbekannt

Merkmale der Grundgesamtheit Merkmalsverteilung in der

sind vorab kaum bekannt und Grundgesamtheit ist auf der

werden im Laufe des Forschungs- Basis der Stichprobenergebnisse

prozesses immer wieder neu bestimmt abschätzbar

Mehrmalige Ziehung von Fällen In der Regel einmalige Ziehung

für die Stichprobe nach sich einer Stichprobe nach einem vorab fest-

jeweils aus der bereits erfolgten gelegten Plan, keine Änderung der

Auswertung ergebenen Kriterien Auswahlkriterien

Stichprobengröße vorab Stichprobengröße in der

nicht definiert Regel vorab festgelegt

Gütekriterien

Wie und mit welcher Begründung wurde das

Ausgangssample ausgewählt?

Welche wesentlichen Kategorien wurden

entwickelt?

Welche wesentlichen Ereignisse und Handlungen

dienten als Indikatoren für diese Kategorien?

Auf der Basis welcher Kategorien wurde das

theoretical sampling durchgeführt? Als wie

repräsentative haben sich diese Kategorien

erwiesen?

Gütekriterien

Welche Hypothesen wurden entwickelt und auf welcher

Basis wurden sie entwickelt und getestet?

Gab es Fälle, in denen Hypothesen mit den geprüften

Wirklichkeitsausschnitten nicht in übereinstimmten und wie

wurden diese Diskrepanzen erklärt bzw. die Hypothesen

weiterentwickelt?

!Wann und wie wurde die Kernkategorie ausgewählt?

Plötzlich oder schrittweise? War das schwierig oder

einfach?

Wie wurde die letztendliche analytische Entscheidung

begründet?

Gütekriterien in der qualitativen

Sozialforschung

 Hier gibt es keine einheitlichen Gütekriterien

 Intersubjektive Nachvollziehbarkeit

 Dokumentation des Forschungsprozesses in all seinen

einzelnen Schritten,

 Beleg der Interpretationen anhand der erhobenen "Daten",

des "Textes" (Beobachtungsprotokolle, Interviewtranskripte

oder Aufzeichnungen von natürlichen

Kommunikationssituationen)

 Nachvollziehbare Darstellung des Auslegungsprozesses

 Interpretation in Gruppen ist ein Weg, sich intersubjektiver

Nachvollziehbarkeit der Interpretation zu sichern.

 Argumentative Validierung.

Keine Rekonstruktion der Fallgeschichte, sondern:

Welche Funktion hat ein Präsentationsanfang heute,

weshalb wird diese Erfahrung in einer bestimmten

Textsorte thematisiert.

Welches thematische Feld präsentiert das Thema?

Welche Felder werden vermieden, nicht thematisiert,

obwohl sie kopräsent sind?

Wie betten die AutobiographInnen die Erlebnisse

systematisch nur in spezifische Felder ein und

vermeiden mögliche andere den Erlebnissen

inhärente Rahmungen.

Lebensgeschichte ist für Schütze eine sequentiell

geordnete Aufschichtung größerer und kleinerer in

sich geordneter Prozessstrukturen

(=Haltung, die der einzelne Mensch seinen Erfahrungen

gegenüber eingenommen hat bzw. noch einnimmt).

 Biographische Handlungsschemata: Längerfristig angelegte, mehr

oder minder zielgerichtete Handlungspläne, deren Erfahrungsablauf

darin besteht, ob sie realisiert werden oder nicht.

 Institutionelle Ablauf- und Erwartungsmuster: Beziehen sich

auf gesellschaftlich vorgegebene Fahrpläne (z.B.: Familie, Beruf).

 Verlaufskurven: Synonyme für Prozesse des Erleidens und

Getriebenwerdens.

 Wandlungsmuster der Selbstidentität:

Überraschend

wahrgenommene Veränderungen in der Erlebnis- und

Handlungsmöglichkeit und die Entfaltung von Erlebnis- und

Handlungsmöglichkeiten, die mit einem neuen Ich- und Weltbezug

einhergehen

Theoretische Verallgemeinerung

bei Fallrekonstruktionen

 Typenbildung am Einzelfall: Basierend auf der Fragestellung; d.h.

konzentriert auf ein bestimmtes Phänomen (z.B. Umgang mit Erwerbslosigkeit

oder Verlauf einer rechtsradikalen Karriere)

 Kontrastiver Vergleich der Fälle

 (a) minimal kontrastiver Vergleich - es werden Fälle ausgewählt, die zunächst

auf der Oberfläche (da ja noch keine Auswertung erfolgte, können sich die

Tiefenstrukturen dann doch erheblich unterscheiden) hinsichtlich des zu

interessierenden Phänomens zum bereits ausgewerteten Fall Ähnlichkeiten

aufweisen

 (b) maximal kontrastiver Vergleich - hier werden nun Fälle zum Vergleich

herangezogen, die hinsichtlich des zu untersuchenden Phänomens auf der

Oberfläche zunächst maximale Verschiedenheit aufweisen.

 Weitere theoretische Verallgemeinerungen bzw. Konstruktion eines

theoretischen Modells (folgt aus 2.)

Textsorten

 Erzählung: Referiert auf zurückliegende singuläre Ereignisabfolgen, die in einer

Beziehung zeitlicher oder kausaler Aufeinanderfolge zu einander stehen

 Bericht: Ist eine geraffte telegrammstilartige Erzählung, Beschränkung auf eine

unilinieare Ereigniskette ohne Herausarbeitung von Situationen

 Geschichten referieren auf herausragende Ereignisse innerhalb einer Erzählung;

sie weisen den höchsten Indexikalitäts- und Detaillierungsgrad auf. Sie sind

gebunden an eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Ort und an eine bestimmte

Person.

 Beschreibung: ”..entscheidende Unterschied zu Erzählungen liegt darin, daß

Beschreibungen statische Strukturen darstellen. ... Der Vor-gangscharakter der

dargestellten Sachverhalte wird ´eingefroren´” (Kallmeyer / Schütze 1977, S. 201).

 Unterkategorie: verdichtete Situationen - häufig erlebte Ereignisse werden auf eine

Situation komprimiert dargestellt und mit ihren sich wie-erholenden Elementen

beschrieben.

 Argumentationen: theoriehaltige Textelemente, die sowohl innerhalb der

Erzählsequenzen auftreten (dann als Evaluationen ausgewiesen) als auch

außerhalb anzutreffen sind. Außerhalb: Theorieelemente; Bekundungen

allgemeiner Vorstellungen

Textsorten

 Erzählung: Ja, da war ich noch jung und dumm damals und da hat mich mein

Freund also noch leichter überreden können, dass ich das mach, was er will. Und

ich hab das auch alles genau erfüllt. Wie wir einmal ...

 Bericht: Des war immer so im Sommer, wo das Leben für mich einfach leichter ist.

Wir haben das alles so gesehen. Aber kaum war es wieder Winter, ich weiss nicht ...

 Geschichten: Des war so bei meinem Vater einmal, dass er ich weiss des noch ganz

genau, dass er im Urlaub einmal, also wo alle länger geschlafen haben, dass er da so

unangemeldet ins Badezimmer gekommen ist. Ich seh ihn noch vor mir, wie er da

gestanden ist ...

 Beschreibung: Der Sonntag, des war bei uns immer genau geregelt, also, wer wann

aufsteht, was dann gemacht wird, wer die Zeitung zuerst bekommt, was gesagt wird

und so ...

 Unterkategorie: verdichtete Situationen - häufig erlebte Ereignisse werden auf eine

Situation komprimiert dargestellt und mit ihren sich wie-erholenden Elementen

beschrieben.

 Argumentationen: Das war anders als bei meinem 1. Mann. Er war älter und auch

bereiter, auch auf mich einzulassen. Er hatte also schon die Bereitschaft, dass er das

zulassen kann. Dass ich auch wer bin. Das gehört für mich zu einer Partnerschaft

einfach dazu ...


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