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Freitag, 24.04.2009
Schäuble redet Unsinn.
Gestern in Berlin. Schäubles bewundernswerte Verdienste um die Deutsche Einheit sind unbestritten, und zunächst redete er darüber, in faszinierender Weise. Doch dann kam eine unschuldige Frage aus dem Publikum: Herr Schäuble, was kann die Ökonomen-Zunft in dieser Finanzkrise beitragen? Seine Antwort am Ende, im wesentlichen: “Die Ökonomen gebrauchen zuviel Mathematik. Niemand hat mehr die Konstruktionen auf den Finanzmärkten verstanden. Die Ökonomen haben gedacht, Volkswirtschaftslehre ist eine Naturwissenschaft und haben vergessen, daß es eine Sozialwissenschaft
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ist.” So ein Unsinn. Ich stelle mir gerade vor, was Herr Stäuble wohl auf einem Physik-Kongreß vor 100 Jahren gesagt hätte, was denn die Physiker so beitragen könnten. “Die Physiker gebrauchen zuviel Mathematik. Sie haben vergessen, das Physik eine Naturwissenschaft ist, und nicht abstrakte Philosophie”. Aber ja, sicherlich doch. Oder was hätte ein Politiker wie Schäuble gesagt, als in der Medizin Röntgenstrahlen zum ersten Mal eingesetzt wurden. “Weniger Physik bitte. Die Medizin hat vergessen, daß sie keine Physik ist.” Nein, Herr Schäuble. Die Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft: danke für den Hinweis, aber das haben wir bereits seit einer Weile gewußt. Und die Forschung ist lebendiger denn je. Volkswirte wissen auch, daß eine Volkswirtschaft ein ziemlich großes und durchaus komplexes Gebilde ist, dessen manigfache Wechselwirkungen häufig alles andere als auf den ersten Blick intuitiv sind. Einige Zusammenhänge sind einfach, sicher. Andere sind komplizierter. Um dort den Überblick nicht zu verlieren, ist die Mathematik außerordentlich hilfreich. Die damit konstruierten Modelle sind Hilfen, sind Analyse-Instrumente, um Klarheit und Einblick zu erhalten. Manchmal liefern sie eine gute Beschreibung, manchmal nicht: und gerade darum wird in der Wissenschaft viel und gerne gestritten. Die Modelle liefern Zahlen, sicherlich: meist aber notwendigerweise mit “standard errors”, also mit Fehlergrenzen, die ein ernsthafter Volkswirt nicht misachten wird. Wohl aber die Politik und leider auch die Öffentlichkeit. Konjunkturprognosen mit Fehlergrenzen zu veröffentlichen, beispielsweise, ist immer noch kaum möglich. Deswegen hat mein Kollege Zimmermann – wie ich finde, richtig! – entschieden, diesmal keine Frühjahrsprognose zu veröffentlichen: es ist schmerzlich, die Unsicherheiten nicht kommunizieren zu dürfen. Das Problem hier ist nicht, daß die Volkswirte da etwas nicht verstehen. Die Politik versteht es nicht. Kein Vorwurf hier. Aber dann den Volkswirten vorwerfen, man hielte diese Zusammenhänge für naturwissenschaftliche Gesetze, Herr Schäuble? Hallo? Ok, ein bischen Sozialwissenschaft und Hobbysoziologie, daher. Wie, nur, kommt Herr Schäuble zu diesem Satz? Unterhält er sich etwa regelmäßig mit ernsthaften Ökonomen und beschäftigt sich ernsthaft mit den einschlägigen Fachjournalen, um sich dieses Urteil zu erlauben? Wohl kaum. Eher ist zu vermuten, daß ihm seine Beamtenschaft solche Sätze ins Ohr flüstert. Da kommen wir der Sache schon näher, Herr Schäuble: es ist nicht die Wissenschaft, die da irgendetwas nicht versteht, es sind ihre Beamten! Die Beamten in den Schaltzentralen, in den Ministerien: wer von Ihnen verfolgt denn wirklich ernsthaft die volkswirtschaftliche Literatur, wer kann von sich ernsthaft behaupten, auf dem Stand der Dinge in Sachen wissenschaftlicher Erkenntnis zu sein? Ich höre, im Arbeitsministerium gibt es da wohl inzwischen ernsthafte Leute, die sich z.B. mit der ökonometrischen Evaluation arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen auskennen – aber woanders? Gibt es Anreize dazu, gibt es Zeit dafür, daß diese Beamten der Wissenschaft “auf den Puls fühlen”, oder holt man sich die Leute hinein, belässt sie auf ihrem Kenntnisstand, und lässt sie die nächsten 20 Jahre Reden schreiben? Hat man darauf geachtet, daß die Beamten fit sind, was den Kenntnisstand der relevanten Wissenschaft angeht, oder igelt man sich da ein, bis auf die gelegentliche Zurkenntnisnahme eines Gutachtens dann und wann? Ich vermute also: die Bundesregierung (und der gehört Herr Schäuble bis auf kurze Unterbrechungen schon seit meiner Jugend an, habe ich den Eindruck!) hat es kläglich versäumt, in die Expertise im Haus zu investieren. Nun steht sie da, und versteht die Welt nicht mehr. Sie steht da, und spricht die Sprache der Wissenschaft nicht mehr, die sich mit diesen Dingen beschäftigt. Sie hat kaum Leute im Haus, die halbwegs den Kontakt gehalten haben. Die Bundesregierung befindet sich in der schwersten Finanzkrise seit der großen Depression wissenschaftlich gesehen im Blindflug, ist ahnungslos.
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5/27/2009
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Katastrophal. Und Schuld ist – na klar – die Wissenschaft? Oder die Mathematik in der Volkswirtschaftslehre? Nicht doch. Nun ist das alles eine Vermutung. Wenn Sie falsch ist, dann kann man ja hier vielleicht einmal die Experten in den Ministerien nennen, die sich mit der modernen Forschung gut auskennen, die regelmäßig die international führenden Journale lesen und mit den wichtigsten Konferenzen und deren Ergebnissen Schritt halten – und die sich daraufhin dann auch ein Urteil erlauben dürfen. Herr Schäuble: wie wär’s? Wen würden Sie da benennen? huhlig um #20:25 in 89 Kommentare | TrackBack (0) | Artikel versenden
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Dirk kommentiert: "Die Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft: danke für den Hinweis, aber das haben wir bereits seit einer Weile gewußt." Wenn die Ökonomen dies bereits wüssten, dann gäbe es keinen akreditierten Studiengang ohne Pflichtveranstaltungen in Wissenschaftstheorie. Den Erfolg der modernen Makroönomie kann man ja leicht testen. Es ist kein Geheimnis, dass aktuell aufgrund von Unsicherheiten Investitionen und Kaufentscheidungen aufgeschoben werden. Weder die RBC noch die neokeynesianischen DSGE Modelle bilden diesen Sachverhalt ab. Oder können Sie ein Standard Makromodell nennen, das diesen simplen Sachverhalt erklärt? Die RBC Modelle aus Chicago schon mal gar nicht, die sind falsifiziert. Dass die mathematische Volkswirtschaftslehre (Hier darf man "mathematisch" nicht mit "exakt" verwechseln, denn die Ungenauigkeiten befinden sich in den Annahmen) an Ihre Grenzen stößt, ist sehr wohl den Ökonomen bewusst. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Debatten über den Umgang mit der aktuellen Krise verbal und ohne Bezug auf Veröffentlichungen geführt werden? Dirk | 24.04.2009 - 22:43
jan kommentiert: @Dirk: Die Debatten werden ja durchaus auch in den großen Tageszeitungen unter Bezug auf Veröffentlichungen geführt -- allerdings sind das meistens empirische Papiere. Auf der theoretischen Ebene scheint tatsächlich derzeit IS/LM wieder das Modell zu sein, anhand dessen die meisten Leute ihre Gedanken ordnen. Das ist schade, aber Krisen waren ja schon öfters ein Ansporn für große theoretische Fortschritte. Die Frage ist doch, ob diese Fortschritte ohne formale
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Modelle zu erreichen sind. Das Alternativszenario zu Fortschritten bei der formalen Theorie ist doch vielleicht eher weiterer Bedeutungsverlust der Theorie zugunsten der empirischen Forschung. Aber nebenbei: Die hier immer so vehement vertretene Ablehnung ordnungspolitischer Ansätze kann ich auch nicht nachvollziehen. Ein Koexistenz mit vorurteilsfreiem, gegenseitigem Interesse sollte doch möglich sein. jan | 24.04.2009 - 23:41
Dirk kommentiert: @Jan Da die Stichprobe (N=1 oder N=2) zu klein ist, kommt man in diesem speziellen Fall mit Empirie leider nicht weit. Wenn ich es richtig verstehe, ist das Hauptargumentr gegen Fiskalpolitik, dass der Staat gar nicht genau die inaktiven Ressourcen adressieren kann. (Ricardian Äquivalenz hängt ja extrem von der verinfachenden Annahme unendlicher Lebenszeit ab, so dass sie nicht ernstzunehmen ist.) So einfach dieses Gegenargument ist, es gibt KEIN Makromodell, auf das sich die Vetreter dieser Aussage beziehen können. Das liegt daran, dass es in ALLEN (sagen wir zur Sicherheit "fast allen") Makromodellen nur ein repräsentatives Konsumgut gibt. Eine Annahme, die natürlich nur deswegen getroffen wird, weil sie erst das Rechnen erlaubt. Welchen Sinn aber haben die Ergebnisse eines solchen Modells, so mathematisch exakt die Lösung auch aus den Annahmen abgeleitet ist, wenn die entscheidende Ungenauigkeit schon in den Annahmen steckt (nur ein Gut)? "Das Alternativszenario zu Fortschritten bei der formalen Theorie ist doch vielleicht eher weiterer Bedeutungsverlust der Theorie zugunsten der empirischen Forschung." Ich glaube das Gegenteil ist der Fall. Das Korsett, das sich die mathematische Wirstchaftstheorie anzieht ist zu eng um erfolgreich zu sein. Ich sage es mal so: Mir ist ein statisches zwei Perioden Modell lieber als ein dynamisches Mehrperiodenmodell, welches nur deswegen lösbar ist, weil es entscheidende Fakten in den Annahmen ausschließt. Sprich: gute qualitative Resultate (die genauso formal sein können) sind besser als die allermeisten quantitativen, die sich am Ende nur als Anmaßung entpuppen. Dirk | 25.04.2009 - 11:32
jan kommentiert: @Dirk: Ich glaube, Du hast einerseits recht, daß wir an einem Punkt sind, an dem Makro-Theorie nicht mehr einfach so weitermachen kann, wie bisher. Also mit der Vorstellung, Makro müßte sich mit einer sich im allgemeinen Gleichgewicht befindenden, stetig wachsenden Modellökonomie beschäftigen, deren Gleichgewicht halt ab und zu mal zufällig gestört wird.
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Aber das spricht vielleicht nicht gegen den Formalismus, sondern nur gegen diese Art von Formalismus. Es gibt ja z.B. in einigen Gebieten der Ökonomik einen kleinen Trend hin zu Simulationsmodellen mit heterogenen Populationen. Mal sehen, ob und wann dieser Trend die Makroökonomik voll erfaßt. Selbst der alte Hayek hat ja mal geschrieben, daß das Problem der Ökonomik nicht der quanitative Ansatz ist, sondern die Tatsache, daß die formalen Ansätze seiner Zeit nicht ausreichten, um die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes zu erfassen. Er hatte aber die Hoffnung, daß wir mal die nötigen Werkzeuge haben würden. jan | 25.04.2009 - 13:15
Dirk kommentiert: @Jan Einverstanden, Makroökonomie sollte mit wissenschaftlichen Methoden betrieben werden und damit formal sein in diesem Sinne. Es spricht auch nichts dagegen, mathematische Formalität zu verwenden, wo immer dies möglich ist. Es spricht aber einiges dagegen, simplizistische Annahmen zu treffen nur um am Ende eine Zahl herauszubekommen. So verstehe ich auch Hayeks Kritik an den Wirtschaftswissenschaften, die er in seiner Nobelpreisrede mit dem Titel "The Pretence of Knowledge" vorbrachte: "It seems to me that this failure of the economists to guide policy more successfully is closely connected with their propensity to imitate as closely as possible the procedures of the brilliantly successful physical sciences - an attempt which in our field may lead to outright error. It is an approach which has come to be described as the "scientistic" attitude - an attitude which, as I defined it some thirty years ago, "is decidedly unscientific in the true sense of the word, since it involves a mechanical and uncritical application of habits of thought to fields different from those in which they have been formed." Hayek steht offenkundig näher bei Schäuble als bei Herrn Uhlig. Dirk | 25.04.2009 - 14:34
Marc kommentiert: Leitfaden zur Vermeidung von Komplexität 1. Machen Sie keine Geschäfte. 2. Reduzieren Sie Ihre Erledigungen auf null. 3. Gehen Sie nicht aus dem Haus. 4. Telefonieren Sie nicht. 5. Sprechen Sie mit niemandem. 6. Bleiben Sie im Bett. 7. Schließen Sie die Augen. 8. Hören Sie auf zu atmen.
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5/27/2009
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http://www.brandeins.de/home/inhalte.asp? MenuID=130&MagID=69&sid=su62143185425577975&umenuid=1 Mich würde interessieren, wann Sie (@jan & Dirk) das letzte mal ein mathematisch statistisches Modell entworfen haben und zu welchem Zweck es diente. Ich persönlich habe gestern das Letzte gebaut. Veröffentlichen darf ich es leider nicht, da hat mein Arbeitgeber was gegen. Ob es nun komplex ist oder nicht, ist mir persönlich relativ egal. Es soll seinen Zweck erfüllen. Wenn es dies nicht so richtig tut, werden wohl ein paar deutsche Banken in ein oder zwei Jahren ernsthafte Schwierigkeiten bekommen. Und da ist auch der Punkt. Kein Mensch interessiert sich dafür, Modelle um ihrer selbst Willen zu entwerfen. Sie haben alle ein konkretes Ziel, eine Aufgabe. Die einen sollen ökonomische Zusammenhänge zeigen, andere sind Werkzeuge um Banken, Versicherungen oder Konzerne zu steuern. Wieder andere werden eingesetzt um Medikamente zu entwickeln oder das Wetter vorherzusagen. Merkwürdigerweise sind sie sich alle erstaunlich ähnlich. Wenn man bei der Entwicklung ein paar zu viele "simplizistische Annahmen" trifft ist entweder die Wettervorhersage falsch, die Medikamente sind wirkungslos, die Bank ist pleite und man verbrennt im Feuer der Kritik. Modelle sind Werkzeuge, eine Methode. Fundamentale Kritik an Modellen höre ich jeden Tag. Eine Alternative zu ihnen habe ich noch nicht gesehen. Was ich jedoch vor ein paar Jahren gesehen habe, waren viele lustige und ganz einfache Modelle um z.B. ABS Produkte zu bewerten, oder die Konjunktur in Kreditportfolien zu berücksichtigen (nein, leider keine DSGE Modelle). Haben sogar Bankvorstände verstanden. Sie kamen auch alle ohne "simplizistische Annahmen" aus und die Konsistenz zu den Folgesystemen brauchte man auch nicht betrachten. War ja auch unnötig, weil solche Dinge wie z.B. ein Teilmodell welches den Immobilienmarkt beschreibt gar nicht vorhanden war. In der letzten Zeit darf ich mir des öfteren Reden von Politikern anhören, in denen sie sich zu Modellen äußern. Oft merkt man, das sie sich zum ersten mal in ihrem Leben mit diesem Thema auseinandersetzen. Die meisten von Ihnen erzählen Dinge wie der Herr Schäuble. Was ich von den sehr geehrten Damen und Herren Politikern dagegen noch nie gehört habe, ist z.B. das der Airbag in ihrem Auto möglichst einfach konstruiert sein soll und alle Berechnungen bei der Entwicklung möglichst nachvollziebar sein müssen. Ich wette sie wollen einfach nur, dass sie einen Autounfall überleben und sich jemand Gedanken um die vielen Wechselwirkungen, die in einer solchen Situation auftreten, gemacht hat. Mathematisch statistische Modelle sind dabei übrigens äußerst hilfreich. Marc | 25.04.2009 - 21:48
Michael kommentiert: @Marc Gut gesagt. Wenn der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang klar ist und genügend Daten vorliegen, können mathematisch-statistische Modelle definitiv hilfreich sein. Trifft das jedoch auch auf die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise zu?
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5/27/2009
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Beginne am Anfang: Wie kann man ein Modell bauen, welches die Krise lösen hilft, wenn sie noch nicht verstanden wird? Es ist Unfug jetzt darüber zu debattieren, ob mathematische Modelle hilfreich sind oder nicht. Das ist ein Nebenschauplatz. Es geht zunächst um das Verstehen und dabei ist es von untergeordneter Bedeutung, auf welchem Wege man zu Erkenntnissen und mehr Aufschluss über den Gesamtzusammenhang des Problems gelangt. Leider ist das Experimentieren in diesem Fall eine überaus heikle Angelegenheit, wie Sie ja auch hervorgehoben haben. Umso gründlicher sollte man bei der Frage der Klärung vorgehen und nicht schon zu früh mögliche Wege zur Erkenntnis verbauen. Doch diese unvoreingenommne Offenheit kann ich weder in der politischen noch in der ökonomischen Debatte wirklich erkennen. Hier geht es offenbar eher um die Verteidigung von Denkschulen und z. T. auch Ideologien. Das ist ganz sicher eine Sackgasse. Die Frage ist, wann wir sie werden verlassen können. MFG Michael | 26.04.2009 - 12:33
Daniel B kommentiert: Seit Samuelsons Arbeit zum Zufallscharaker von Finanzmarktpreisen ("Proof that properly anticipated prices fluctuate randomly", Industrial Management Review 1965) hat die Stochastik gerade im Risikomanagement von Banken immer mehr an Einfluss gewonnen. Man muss doch folgendes bezüglich der Rolle stochastischer Modell in der Finanzmarktkrise feststellen: Zum einen wurden mit den Modellen die tatsächlichen Risiken zum Teil deutlich unterschätzt, auch aufgrund falscher Annahmen z.B. zu Ausfallkorrelationen und Ausfallwahrscheinlichkeiten. Ggf. waren auch in einzelnen Fällen die Modelle an sich ungeeignet oder zumindest nicht hinreichend. Andererseits führte die Komplexität der Modelle dazu, dass sie von einigen Marktteilnehmern nicht mehr verstanden wurden und es gleichzeitig schwierig wurde, sich ändernde Marktparameter in ihnen zu berücksichtigen (und einzupreisen). Das ist es schließlich, was eine korrekte Bewertung der betroffenen Papiere seit Ausbruch der Krise so schwierig macht. Diese Unsicherheit hat doch maßgeblich zur "Panik von 2007/2008" beigetragen. Wie von Marc schon angedeutet muss man doch ferner feststellen, dass die Kritiker an stochastischen Modellen bisher keine Alternative aufgezeigt haben. Und alle Erkenntnisse im Bereich des Risikomanagement lassen mich doch zumindest zweifeln, dass eine solche Alternative überhaupt existiert. Ich sehe das grundsätzliche Problem darin, dass nach Jahren des Umgangs mit Risikomodellen viele Verantwortliche auf die Modelle vertraut haben, ohne deren Ergebnisse und Implikationen zu hinterfragen.
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5/27/2009
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Objektiv erschien vor 2007 (und evtl. sogar heute) das Ausfallrisiko der AAA-Tranche eines Kreditportfolios selbst bei mittlerer oder hoher individueller Ausfallwahrscheinlichkeit der Kreditnehmer (und gleichzeitigem credit enhancement durch den Originator) für die meisten Investoren vertretbar. Banker werden sagen, dass einige der Entwicklungen nicht vorhersehbar waren. Wer hätte beispielsweise vor 2007 erwartet, dass die irische Tochter Depfa der HRE eines Tages Probleme bekommen sollte, seine etwa mit kommunalen Pfandbriefen besicherten Commercial Papers zu verkaufen. In den meisten Betrachtungen der Risiken aus der Fristentransformation wurden damals vor allem Zinsänderungsrisiken, nicht aber (oder nur in weit geringerem Umfang) Liquiditätsrisiken berücksichtigt. Ich plädiere dafür, dass in Zukunft die zweifellos notwendigen Kredit- und Kreditportoliomodelle durch Stress Tests unter Berücksichtigung auch sehr unwahrscheinlicher Szenarien ergänzt werden. Dabei muss es sich um Szenarien handeln,die das Prädikat "worst case" tatsächlich verdienen. Daniel B | 26.04.2009 - 22:51
rb kommentiert: @Dirk Wenn man die Literatur nicht kennt, sollte man sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Daher mal ein bisschen Eigenwerbung. Mein neues Paper: Firm-Specific Productivity Risk over the Business Cycle: Facts and Aggregate Implications (joint with C. Bayer -- University of Bonn), zu finden auf http://wwwpersonal.umich.edu/~rudib/research.htm setzt sich genau mit diesem Thema - Unsicherheit und Konjunktur - (wenn auch mit negativem Ergebnis) auseinander. Es enthaelt aber auch einen relativ ausfuehrlichen Literaturteil, der zeigt, dass das von Dirk genannte Thema ein alter Hut ist. Und das alles wohlgemerkt mit formalen Modellen und jedenfalls zum Teil sehr DSGE. Ich verstehe einfach nicht, dass Leute, die offensichtlich DSGE Modelle nicht wirklich kennen, glauben, da kompetent drueber schreiben zu koennen. Ach ja, und noch was: ich mag auch Modelle mit heterogenen Guetern, aber hast du einen konkreten Verdacht, warum solche uns helfen koennten, die Krise besser zu verstehen. Wenn ja, lass uns ein Paper drueber schreiben. rb rb | 27.04.2009 - 17:26
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5/27/2009
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Dirk kommentiert: @rb diese Literatur, die Investitionsdynamik aus einer Kombination aus Irreversibilität (oder Anpassungskosten) und Unsicherheit und dann über den bekannten Real Option effekt erklärt, ist mir bekannt. Vor allem Bloom und Bloom et al. Diese neue Literatur (2008/2009) finde ich auch gut . Sie ist übrigens ein gutes Beispiel für das, was ich oben schrieb. Weil die Behandlung von irreversiblen Investitionen in dynamischen Modellen für alte Computer zu komplex war, hat man lieber (siehe RBC Modelle) Reversibilität angenommen anstatt auf ein statisches Modell auszuweichen. Das allles sind neue Modelle und bei weitem keine Standardmodelle. (Übrigens wieso wird Veracierto in Ihrem Paper nicht zitiert? )
Heterogene Güter sind notwendig um zu verstehen warum Fiskalpolitik nur eingeschränkt erfolgreich sein kann. Gäbe oder gibt es nur ein representatives Gut, kann ein Nachfrageshock immer mit zusätzlicher Staatsnachfrage kompensiert werden. Der Staat trifft dann immer genau die "idle resources". Dirk | 28.04.2009 - 13:33
Staunender Gast kommentiert: Sagen wir mal so: Schäuble hat schon Recht. Mathematik und Statistik sind nur sehr hilfreiche Instrumente, die dann sinnvoll eingesetzt werden, wenn ein kluger Kopf sie verwendet. Allerdings ist es mittlerweile so, dass es an klugen Köpfen mangelt - und die Technokraten, die meinen, allein von ihrer Mathematik und Statistik leben zu können, die Überhand gewinnen. Auf diesem Weg scheint das gut gelernte Handwerk zur Wissenschaft zu gerinnen. Nehmen wir uns Herrn Uhlig zum Beispiel, der zwar grandios mit dem Handwerkszeug umgehen kann, aber nie ein genialer Bildhauer wird, weil er den Blick für das Ganze gar nicht im Auge hat. So hat er zwei Aufsätze in referierten ausländischen Journals über Ostdeutschland vorgelegt, die in Deutschland kaum erschienen wären, weil er irgendwelche Berechnungen auf der Ebene von Stadtund Landkreisen vorlegt, die hierzulande deshalb nicht akzeptiert worden wären, dass Untersuchungen auf Kreisebene nicht der Stand der Wissenschaft sind - und so etwas noch nicht einmal in Diplom-Arbeiten zugelassen worden wäre. Vielmehr orientiert sich die Forschung hierzulande an zusammengefassten regionalen Einheiten - statt an Kreisen an Raumordnungsregionen oder Arbeitsmarktregionen. Dazu gibt es massenhaft Literatur - die Herr Uhlig aber nicht zur Kenntnis genommen hat. Als "Überflieger" geht es ihm eher um l'art pour l'art in statistischer Hinsicht als um wissenschaftliche Erkenntnis. Eine Petitesse am Rande - Zitat Uhlig: "Einige Zusammenhänge sind einfach, sicher. Andere sind komplizierter. Um dort den Überblick nicht zu verlieren, ist die Mathematik außerordentlich hilfreich." Genau so funktioniert es nicht - einmal abgesehen davon, dass Ulich Kompliziertheit mit Komplexität
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verwechselt. Erst geht es um eine vernünftige Theorie und Hypothesenbildung, dann kommt eine kritische Bewertung der verfügbaren Daten und erst dann das mathematische Handwerk. Staunender Gast | 28.04.2009 - 18:20
Felix kommentiert: Hallo Herr Uhlig, im weiteren möchte ich nicht auf die schnöde Ökonomie eingehen, dass bleibt meiner Berufszeit vorbehalten. Vielmehr möchte ich ihnen Helfen! Sie sind ein passionierter Kreuzritter der "mathematischen VWL", dass finde ich sehr löblich und möchte Sie mit Kräften unterstützen. 1) Es ist Grundsätzlich ein feiner Schachzug eine Argumentation für seine Sache mit einem Vergleich o.ä. anzufangen der den Fall klar erscheinen lässt. Politiker selber tun sowas dauernd, z.B. wenn es um die Rolle des Staates in der Wirtschaft geht ( ...der Schiedsrichter sollte nie bei einer Mannschaft mitspielen...). Nur sollte der Vergleich nicht an den Haaren herbeigezogen werden: Es kommt eher schräg rüber dem Leser vorzugaukeln, dass es in der Physik vor 100 Jahren ähnliche Diskussionen gegeben hätte wenn Newton schon seit 200 Jahren tot ist... 2) Möchten sie eine Person überzeugen, zeigen sie ihr besser nicht, dass Sie sie für inkompetent bezüglich der Thematik halten. Wollte man in der Schule eine bessere Note haben, hat man dem Lehrer auch nicht gesagt, dass es an der scheiß Unterrichtsqualität liegt (das war übrigens ein guter Vergleich ;-) 3)Nie zur Generalkritik übergehen, 1. wegen 2) und 2. wirkt dies auch auf dritte zu emotional. Man schließt dann darauf, dass auch für sie, ähnlich wie wohl für Herrn Schäuble, gar nicht das Thema selber im Zentrum steht, sondern vielmehr der Groll gegenüber einer Personengruppe. Der Leser sollte immer denken, dass sie mit ihrem Beitrag die Diskussion konstruktiv voran treiben wollen. Insbesondere an Wissenschaftler besteht dabei ein hoher Anspruch. 4) Wenn man Generalkritik übt, sollte diese validierbar sein. Ich weiß auch nicht, ob die Mitarbeiter von Herrn Schäuble oder auch anderen Ministerien Journals lesen und Erfahrungen in der Ökonometrie haben. Sicher ist jedoch, dass es - man mag es kaum glauben - in Deutschland Leute gibt, welche diese Kompetenzen besitzen, und die Bundesregierung genau diese auch zu Rate zieht: Wissenschaftliche Beiräte. Eines der jüngsten Mitgleider: Armin Falk. 5) Noch ein paar allgemeine Hinweise: -Geben sie ihrem Gegner immer ein bischen Recht. In diesem Falle würde ein etwas reflektiertes Verhalten ausreichen. Einfach mal sagen: Reine Mathematik ist vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, aber allemal besser als wie bisher einfach aus dem Bauch heraus zu argumentieren. - Lernen sie ihren Gegner besser kennen! Er ist immerhin mit einer Volkswirtin verheiratet, vielleicht hatte er Morgens einfach nur Ehekrach und hat sich mit dem Statement etwas Frust von der Seele geredet ;-) Und jetzt Kopf hoch! Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, wenn sie mit Zahlen umgehen können, wird es ihnen bestimmt nicht schwer fallen die menschliche Psyche zu verstehen und sie zu beeinflussen. Oder war es vielleicht genau dass, was Herr Schäuble bei ihnen bemängelte? Beste Grüße Felix | 29.04.2009 - 19:32
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5/27/2009
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Evariste Galois kommentiert: Der Artikel von Herrn Uhlig hat mal wieder bestenfalls Bildzeitungsniveau! Ich wundere mich jedesmal darueber, wie ein offensichtlich intelligenter Mensch sich immer wieder selbst oeffentlich bloss stellt. Der Vergleich Oekonomie mit Physik vor 100 Jahren ist abstruss! Eine Wissenschaft muss sich am Ergebniss messen lassen und und nicht an den ihr zugrunde liegenden Methoden. In der Natur gibt es Gesetze, die wir entdecken koennen, mathematisch beschreiben und danach nach belieben nutzen koennen. Die Gesetze aendern sich nicht. Weder im Zeitablauf noch durch die Tatsache, dass jemand das Gesetz kennt bzw. fuer seine Zwecke benutzt. In der Oekonomie ist dies jedoch anders. Es gibt keine Gesetze sondern nur Tendenzen. Und genau das ist der Unterschied und ich denke Herr Schaueble hat dies auch mit seiner Kritik ansprechen wollen. Man kann Tendenzen beschreiben, mathematisch oder mit Worten. Man kann sie zu einem Zeitpunkt "messen". Man kann sie aber nicht exakt vorhersagen oder gar nutzen. Immer komplizierter werdende Modelle bringen hier keine weitere Einsicht mehr. Je exakter man eine Tendenz zu beschreiben versucht, desto ungenauer und unrealistischer wird das Ergebniss. Das wenige an "gesichertem" Wissen in der Oekonomie geht auf simple Erfahrungswerte zurueck oder auf einfache Modelle. Mathematik in der Oekonomie ist zum Selbstzweck geworden. Wer sie beherrscht macht eine akademische Karriere, publiziert in anerkannten Journals, traegt aber nichts zum Fortschritt der menschlichen Zivilisation bei. (der Artikel von Herrn rb und Herr rb selbst, sind dafuer grandiose Beispiele). Evariste Galois | 30.04.2009 - 09:58
muhkuh kommentiert: @Evariste Galois "...Der Vergleich Oekonomie mit Physik vor 100 Jahren ist abstruss!..." Sie haben hier Recht, es sind ca. 300 Jahre... Wenn ich mal so frei sein darf, gucke ich mal auf die tollen BWLStrategie/Organisation/Management/Marketing Leute. Die füllen zwar die MBA-Kurse noch und nöcher mit Schrott, der 1) theorielos ist, 2) Buzzwording darstellt, 3) jahrzehntealtes Faustregeln Zeug ist, und einfach Alles neuverpackt. Dieser ganze Kram hat mehr mit Mode, Fashion, Zeitgenössisches, und v.a. einer schönen Verpackung zu tun. Selfulling Prophecy sage ich nur. Wenn Sie irgendeinen Karriereristen einreden BSC ist super, Offshoring der letzte Schrei, IFRS muss sein, etc etc etc., dann glauben die das irgendwann (wer glaubt hat das Denken schon lange aufgegeben), setzen es um, und am Ende kommt so ein BWL-Guru daher und sagt er hat es schon immer gewusst. Tut mir Leid, auf der einen Seite wird auf Mikroebene Irrationalität gelehrt/gefordert, und woanders noch auf Von-Morgenstern-Neumann rumgeritten. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es noch nicht mal Einigkeit darüber ob der Apfel vom Baum fällt, und das ist nunmal 16.Jhd. Und jetzt kommen noch diese Wirtschaftstheologen, die glauben die Sonne drehe sich um die Erde... muhkuh | 30.04.2009 - 14:07
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Jorge kommentiert: "In den Wirtschaftswissenschaften gibt es noch nicht mal Einigkeit darüber ob der Apfel vom Baum fällt, und das ist nunmal 16.Jhd." Sicher, dass nicht der Baum vom Apfel fällt? Jorge | 30.04.2009 - 22:55
rb kommentiert: Ich schaue gerade CNN und da ueberschlagen sich die Experten zu betonen, dass keiner serioes vorhersagen kann, wie sich die Schweinegrippe entwickeln wird. Sie kann in sechs Wochen vorbei sein oder sich zu einer weltweiten Pandemie entwickeln. Uebrigens - ich habe noch nirgends gehoert, dass die fuehrenden Virologen der Welt den Ausbruch vorhergesagt haetten. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Wo sind eigentlich jetzt die Schreihaelse, die den Biologen Unwissenschaftlichkeit vorwerfen, weil sie das nicht geschafft haben. Wo sind die Methodenkritiker, die von den Biologen fordern, eine mehr verbale Methode zu verwenden, damit Virologie auch jeder verstehen kann? Oder sollen wir gar in Genesis nachschauen, um die Entwicklung von Viren besser zu verstehen. Um Missverstaendnissen vorzubeugen, ich wuerde eine solche Kritik nicht teilen, weil ich weiss, dass Wissenschaft nicht primaer Prognose ist. Nicht einmal in einer Naturwissenschaft, wo doch angeblich alles so exakt ist. Die Biologen machen das schon richtig, ich vertraue denen. Aber von den Schreihaelsen haette ich schon etwas mehr Konsequenz erwartet. Ich probiere es mal mit ein bisschen Kuechenpsychologie: koennte es vielleicht damit zu tun haben, das Oekonomen im Gegensatz zu Biologen, manchmal unangenehme Sachen sagen, wie Loehne sind zu hoch, Globalisierung und Handel sind gut, etc.? Jetzt die Krise ist doch gute Payback Zeit. rb | 01.05.2009 - 00:46
Dirk kommentiert: @rb Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Biologen und Virolgen erheben gar nicht den Anspruch Grippeepidemien vorrauszusagen. Dafür sind sie aber ziemlich gut darin, Epidemien zu erklären (Krankheitserreger zu identifizieren) und Abhilfen zu schaffen (Impfstoffentwicklung) Makroökonomen tun sein Jahrzehnten nichts anderes als über Business Cycles nachzudenken und wenn dann mal einer kommt, sind sie ratlos. Sowohl was die Ursachen angeht als auch mögliche Lösunsgwege. Anhand Ihrer und Herrn Uhlig's Beispiele, kann man übrigens schon den Verdacht aufstellen, dass Sie - anders als oben behauptet - Ökonomie für eine Naturwissenschaft halten. Der Neid auf Physiker und
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Biologen springt einem geradezu ins Gesicht. Wenn ich mal ein wenig "Küchenpsychologie" betreiben darf, dann haben die meisten Ökonomen einen ziemlichen Neidkomplex. Kaum eine ihrer Theorien ist empirisch überprüfbar (oder hält einer Überprüfung stand). Es gibt keine Experimente, mit denen (Makro-) Theorien verifiziert oder falsifiziert werden können. Und somit verbleibt als einziges Mittel, mit dem sich die Ökonomen gegenseitig auf die Schulter klopfen können, Autorität. Deswegen keifen die auch immer so und blasen sich so auf. Das erklärt auch, warum Physiker trotz ihrer beeindruckenden Leistungen viel bescheidener sind, wenn es um die Gültigkeit ihrer Theorien geht, als Ökonomen. Übrigens darf man das (blinde) Anwenden mathematischer Konstrukte und Rechnen nicht mit mathematischer Logik verwechseln. Dirk | 01.05.2009 - 12:29
evariste galois kommentiert: @rb ich denke nicht, dass es primaer daran liegt, dass die oekonomen unangenehme sachen sagen, sondern daran dass man von vier oekonomen vier komplett unterschiedliche meinungen hoert. oekonomische debatten zeigen doch, dass niemand so richtig versteht, wie ein dynamisches und komplexes system wie die wirtschaft funktioniert. zwangslauefig muss sich die oekonomenzunft dann auch die frage gefallen lassen, ob ihre methoden angemessen sind und sogar ob ihre wissenschaft eigentlich wirklich wissenschaft ist oder einfach ein spiel mit mathematischen modellen. und genau hier ist der punkt. oekonomen wie herr uhlig und herr rb reagieren sehr, sehr empfindlich teilweise sogar agressiv auf eine solche kritik, da das argument sehr schwer wiegt. die angst liegt darin begruendet, dass man erkennt wie sinnvoll oekonomie wirklich betrieben werden kann. davon haengt viel ab ... forschungsgelder, ruhm, ehre und nicht zuletzt ein bisschen selbstrespekt, der verloren geht, wenn man sich eingestehen muss, ein ziel nicht erreichen zu koennen, den falschen beruf gewaehlt zu haben (zumindest wenn man die ambition hat wissenschafltich zu arbeiten). evariste galois | 01.05.2009 - 12:57
rb kommentiert: @Dirk, Galois Danke fuer Ihre Beitraege. Fangen wir noch mal von vorne an: 1) Die fehlende Prognosekraft gilt uebrigens nicht nur fuer die Virologen (Galois - auch die Virologen sind unterschiedlicher Meinung, was die Entwicklung der Schweinegrippe angeht, das war ja der Punkt). Evolutionsbiologen koennen meines Wissens die Entwicklung der Arten nicht wirklich vorhersagen, Metereologen keine Tornados (jedenfalls nicht mit wirklicher Vorwarnzeit), Aehnliches gilt fuer Seismologen, was Erdbeben angeht. Ja sogar: Kosmologen sind immer noch zerstritten ueber das Ende des Universums und neuerdings auch ueber dessen Anfang. Wohlgemerkt alles gute, harte Naturwissenschaften. 2) Letztere, die Kosmologie, ist uebrigens auch ein Gegenbeispiel zu Dirks Anmerkung zur
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empirischen Ueberpruefbarkeit. Wenn ich es richtig sehe, ist die moderne Physik/Kosmologie in einer enormen "Krise", weil das Standardteilchenmodell nicht so richtig funktioniert, und die Antworten darauf (z.B. Stringtheorie) in weiten Bereichen kaum empirische Ueberpruefung zulassen. Wie gesagt, ich wuerde das der Physik nie ankreiden, so ist nun mal Wissenschaft. Manchmal gibt es Krisen und eine gewisse Ratlosigkeit. 3) Dirk, die meisten serioesen, akademischen Oekonomen sind - gelinde gesagt - sehr vorsichtig, was Prognose angeht, wenn sie sie nicht gaenzlich fuer unmoeglich halten. Herr Uhlig hat das letztens in einem Blog glaube ich ausgefuehrt. Robert Lucas hat das immer wieder betont. Nur dann heisst es immer wieder: wozu seid ihr gut, wenn ihr nicht mal prognostizieren koennt? Ich stimme Ihnen zu, das Prognosefaehigkeit nicht das alleinige oder wichtigste Kriterium fuer Wissenschaftlichkeit ist, und die meisten akademischen Oekonomen sind da bei Ihnen. 4) Etwas anders sieht es bei den professionellen Prognostikern wie den Forschungsinstituten aus, die leben davon Prognosen abzugeben (genau das wird uebrigens von den meisten akademischen Oekonomen kritisiert). Aber auch da gilt: die wollen das so machen, dass sie Szenarioanalysen und Konfidenzbaender angeben um Ihre Prognose. Dann kommen aber Politiker, die nicht mal Statistik 101 verstehen, und wollen Punktprognosen. Deswegen hat Zimmermann ja seine Prognosen ausgesetzt - sehr gut. 5) Virologen helfen, Oekonomen nicht. Um es mal etwas ironisch zu sagen: bis jetzt sind wohl ueber 100 Menschen an der Schweinegrippe gestorben. Ein paar Millionen Menschen weltweit arbeitslos durch die Krise. 100 Leben gegen einige Millionen Arbeitslose - wer hat da mehr Dreck am Stecken? Aber lassen wir mal den Sarkasmus beiseite. Virologen koennen viele Krankheiten wie HIV, aber auch andere, immer noch nicht heilen, trotz jahrelanger Forschung mit unglaublich mehr Mitteln als jemals Oekonomen fuer Ihre Forschung bekommen wuerden. Wie gesagt: kein Vorwurf, die Probleme sind hart. Umgekehrt - sehe ich z.B. bis jetzt noch keine 25 Prozent Arbeitslose, so wie wir sie in der Great Depression gesehen haben. Also mal langsam. Wir werden das serioes erst wirklich viel spaeter wissen, aber es gibt Gruende anzunehmen, dass Wirtschaftspolitik auch Schlimmeres verhindert hat. 6)Zur Mathematik: nur weil Natwis und Wiwis beide formale und quantitative Argumente verwenden heisst das erstens noch nicht, dass einer auf den anderen neidisch ist (warum auch?) und zweitens heisst es nicht, dass die Art der Mathematik auch nur aehnlich ist. Die Mathematik ist ein so weites Feld, da gibt es durchaus Unterschiede. Um ein Beispiel zu nehmen: zukunftsorientierte Variablen wie Erwartungen und Wahrscheinlichkeitseinschaetzungen (Dirk und Galois - an dieser Stelle kommt die fehlplatzierte Kritik an rationalen Erwartungen eurerseits) spielen meines Wissens keine Rolle in physikalischen Gleichungen, sind aber prominent in oekonomischen Gleichungen. Nur weil beides Gleichungen sind, heisst das noch nicht, dass sie viel gemeinsam haben. 7) Wie viele Oekonomen kennen Sie eigentlich? Mit wie vielen interagieren Sie auf taeglicher Basis, zu welchen Kongressen mit vielen Oekonomen gehen Sie? Woher wissen Sie das mit dem Neidkomplex oder der Bitterkeit? Die meisten Oekonomen, die ich kenne, sind erstens bescheidene Menschen, die in Ehrfurcht vor dem komplexen Gebilde Wirtschaft stehen und frei zugeben, wie wenig wir wissen (allen voran Herr Uhlig und meine Wenigkeit - gerade Herr Uhlig hat das im Hinblick auf die Wirkungen der Fiskalpolitik immer wieder betont). Und ich kenne auch keine Oekonomen mit einem Neidkomplex - den meisten Oekonomen macht ihre Arbeit Spass, und entweder wissen Sie recht wenig ueber Biologie und Physik (ja, Dirk und Galois, jetzt kommt der Fachidiotenvorwurf an dieser Stelle) oder aber Sie zollen Respekt vor der tagtaeglichen Arbeit der Kollegen in den Natwis. Wenn es einen Neidkomplex gibt, dann von den Natwis auf uns, weil wir deutlich mehr verdienen.
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8) Wo wir allerdings empfindlich drauf reagieren, sind Falschbehauptungen und Halbwahrheiten von Leuten wie Frau Ohr, die sich Professoren fuer VWL nennen, die unser aller Steuergelder verteilen und (z.B. in der DFG sitzen) und als Gehalt bekommen und deren wissenschaftliche Ambitionen sich auf Hundeoekonomie erstreckt (siehe Webpage). rb | 01.05.2009 - 14:36
Matthias kommentiert: Also den Vergleich mit Naturwissenschaften finde ich doch etwas an den Haaren herbei gezogen. Sicher stößt die Physik im subatomaren Bereich langsam an ihre Grenzen, aber in der Ökonomie gibt es doch einfach eine viel größere Anzahl an Freiheitsgrade, die exakte Berechnungen geradezu unmöglich machen. Vorgänge lassen sich nicht in ihrer Gesamtheit, sondern nur durch isolierte Betrachtung einzelner Sachverhalte analysieren. Die wissenschaftlichkeit würde ich der VWL deshalb aber auch nicht absprechen, da die Ungenauigkeit ja nicht in der Methode, sondern in der Komplexität des Untersuchungsobjekts begründet liegt. Matthias | 01.05.2009 - 17:36
Dietmar kommentiert: Ich bringe mal eine andere Perspektive in die Diskussion. Ich glaube die Ökonomie hat ganz einfach ein massives Vermittlungsproblem. Viele Leute glauben oder massen sich an, etwas von Wirtschaft zu verstehen, darum lässt sich auch leicht mitreden. Bei Naturwissenschaften ist das anders, das wird schon in der Schule gehasst und die wenigstens kennen die grundlegensten Gesetze der Natur. Trotzdem oder gerade deswegen, haben die Leute mehr "Ehrfurcht" vor zb Biologie, Physik, etc. Vielleicht auch weils in der Wahrnehmung weiter weg ist. Und was momentan mit der Grippe abläuft, lässt sich eher mit sozialen Theorien beschreiben. Bis jetzt viel heisse Luft um nichts. Dietmar | 01.05.2009 - 18:43
Marc kommentiert: 2. Versuch Ich denke, dass Prof. Uhlig vollkommen und ausnahmslos recht hat. Ich denke nur, dass die Konsequenzen wesentlich dramatischer sind, als Ihnen allen bewusst ist. Menschen wie der Herr Schäuble genießen das Privileg einer Meinungsführerschaft. Sie tätigen fachlich blödsinnige Äußerungen und ein großteil der Bevölkerung glaubt dies und fängt an das nachzuplappern. In Deutschland funktioniert übrigens immer noch erstaunlich gut. Diese Menschen, die das nachplappern sitzen dann nicht nur Zuhause und in der Kneipe an der Ecke, sondern in den Stiftungen, an den Töpfen die Forschungsgelder verteilen und in den Leitungsetagen von Konzernen, Banken und Versicherungen. Die entscheiden dann z.B. wie Komplex dass Modell
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sein darf, dass die Arbeitslosigkeit vorhersagt. (Die einzige zyklische Komponente im aggregierten Ausfallrisiko von Privatkunden) Da gibt es Datenbanken, mit N >> 1.000.000.000 individueller Beobachtungen und >> als 300 Variablen, und dann darf man diese dann lediglich mit einer simplen multivariaten linearen Regression auswerten und dann erklären, warum die Schätzung dann nicht prozyklisch ist... Die Bundesbank fährt auf Kongresse und erklärt, warum man Modelle die in Banken arbeiten ja nicht mit einem akademischen Anspruch ausbauen darf, aber alle Portfoliomodelle demnächst auch Herden verhalten richtig berücksichtigen sollen. In Forschungsinstituten sitzen Wissenschaftler, die gerne mal Spitzenforschung betreiben würden, aber weil der Direktor auf Leute wie den Herrn Schäuble hört, bleiben die Paper im persönlichen Laufwerk liegen und werden nie veröffentlicht. Und dann sitzt man da und sieht zu, wie die Bankenaufsicht in zusammenarbeit mit den Politikern die Fundamente für die nächste Weltwirtschaftskrise legen und Menschen, die substanziell dazu beitragen können das Verständnis für die Kapitalmärkte zu verbessern gesagt bekommen, sie hätten da ein Vermittlungsproblem. Marc | 02.05.2009 - 11:43
evariste galois kommentiert: @rb wenn sie schon die aktuelle krise als beispiel fuer die errungenschaften der oekonomen anfuehren, dann darf ich sie mal daran erinnnern, dass ein wesentlicher teil der oekonomenzunft jahrzentelang fuer ein system argumentiert hat, durch welches diese krise erst ermoeglicht wurde. argumente fuer die deregulierung der finanzmaerkte und modelle die spekulation als mittel zur effizenzsteigerung auf den maerkten rechtfertigen sind auf dem mist von meist amerikanischen oekonomen gewachsen. mit einem mathematischen modell kann man alles rechtfertigen oder erklaeren, ob es nun eine antizyklische konjunkturpolitik, deregulierung, protektionismus oder sonst was ist. wer kann die validitaet ueberpruefen? niemand, da es wie ich schon geschrieben habe keine gesetze sondern nur tendenzen gibt, die sich auch noch aendern, sobald man was am system selbst aendern will. die oekonomie basiert grundlegend auf glauben und zwangslauefig restriktiven und unrealistischen annahmen, damit man die theorie in ein mathematischen korsett pressen kann. evariste galois | 02.05.2009 - 19:55
Daniel B kommentiert: @Marc Ihren ersten beiden Absätzen möchte ich zunächst voll und ganz zustimmen. Ich verfüge vermutlich auch bei weitem nicht über Ihren Sachverstand hinsichtlich mathematischer Modelle, stelle mir allerdings einige Fragen aus Sicht eines Betriebswirts ohne vorheriges Mathematik-Studium. Man kann natürlich ein Modell immer mehr verfeinern und damit die Realität immer genauer modellieren - das Modell damit komplexer machen. Es gibt in der Wissenschaft eine ganze Reihe von Beispiele bezogen auf das Kreditrisiko (vgl. nur als eins der mir bekannten Beispiele Das/Sundaram (2000), die Kreditderivate auf Basis am Markt beobachtbarer Größen bewerten). Allerdings handelt es sich dabei doch immer um die
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Realität der Vergangenheit. Sie nutzen schließlich auch Daten der Vergangenheit, um z.B. Ausfallwahrscheinlichkeiten, Korrelationen oder wie bei Ihrem Beispiel vom Einfatormodell Arbeitslosigkeit zu schätzen. Wenn sie nun ein (nahezu) perfektes Modell DIESER Realität erstellt haben, ist das doch noch lange kein Modell, welches die Zukunft mit hinreichender Sicherheit vorhersagt (insbesondere bei derart unvorhersehbaren Ereignissen wie 2007/2008)? Daniel B | 03.05.2009 - 20:38
Evariste Galois kommentiert: @MArc Es ist ein Irrglaube, dass komplexere Modelle die Realitaet immer genauer abbilden. Je mehr Variablen man in ein Modell aufnimmt, umso mehr Unsicherheit hat man (etwa durch Messfehler). Dies gilt vor allem in der Oekonomie, da Naturgemaess hier die Daten revidiert werden. Wir haben schon Probleme die Vergangenheit richtig statistisch zu erfassen. Das ist auch der Unterschied zum Airbag beispiel. Das Problem ist, dass wir uns durch solche Modelle eine Sicherheit vorgaukeln, die wir nicht haben. Von daher gibt es sehr wohl gute Argumente dafuer solche Modelle einfach zu halten, um sie fuer Moeglichst viele fuehrende Mitarbeiter verstaendlich zu machen. Ein komplexes Modell, dass die wahren Risiken nicht wirklch abbildet, jedoch so kompliziert ist, dass nur diejenigen, die es entwickeln es wirklich verstehen, bringt im Endeffekt nur Unsicherheit. Evariste Galois | 04.05.2009 - 10:04
Arndt Bendowski kommentiert: Das wahre Drama des Herrn Uhlig und einiger (nicht aller) anderer praktizierender "Stars" der Szene ist das absolute Unvermögen dass was an Herrn Schäubles Worten richtig ist zu verstehen. Aus genau diesem Grund ist der erstklassige Techniker Uhlig eben auch kein begnadeter Ökonomon. Man könnte die derzeit allseits vernehmbare Kritik auch anders formulieren: es gibt zu viele gute Klempner und viel zu wenig gute Baumeister in der Ökonomie. Das ist in gewissen Hinsicht natürlich keine wirklich konstruktive Kritik, schliesslich liegt es primär an der individuellen Begabung, ob einer das Zeug zum Baumeister hat. Eine Berechtigung erfährt diese Art von Kritik vielleicht dadurch, dass die moderne Ökonomie in manchen Teilbereichen eben einer Diktatur der Klempner gleicht. Und das diese Diktatur leider precious little erreicht hat. (Auch wenn die Klempner dies naturgemäss anders sehen.) Der Aufruf von Frau Ohr ist in diesem Sinne - auch wenn man sich inhaltlich nicht anschliessen mag - eine nette Erinnerung an die Klempner dieser Welt. Arndt Bendowski | 04.05.2009 - 23:52
rb kommentiert: Ach wissen Sie, Herr Bendowski: ich finde Klempner ist doch ein ganz ehrbarer Beruf. Ich finde auch ein sehr notwendiger, damit Baumeister wie Sie nicht in der Scheisse schwimmen. rb | 05.05.2009 - 13:11
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paul68 kommentiert: Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, wie so oft. Der Transmissionsmechanismus, mit dem wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse für die praktische Wirtschafts- und Finanzpolitik fruchtbar gemacht werden können, hakt von beiden Seiten, das wird in der derzeitigen Krise schmerzhaft deutlich. Tatsächlich fehlt es in der deutschen Ministerialbürokratie an wirtschaftswissenschaftlicher Kompetenz, und zwar an allen Ecken und Enden. Das kann ich Ihnen als in diesem Bereich Arbeitender aus erster Hand bestätigen. Andererseits ist es auch mehr als offensichtlich, dass die ökonomische Spitzenforschung kaum vorzeigbare Leistungen bei der Verwertbarmachung ihrer Erkenntnisse für die Politikberatung vorweisen kann. Öffentlich allimentierte Forschungsinstitute und Beratergremien, bezahlte Expertisen, Beiräte und gemeinsame Konferenzen können nur fruchtbar werden, wenn das Interesse an effektiver Politikberatung beiderseitig ist. Dass es am wissenschaftlichen Verständnis auf Seiten der Regierung und ihrer Bürokratie fehlt, ist das Eine. Das Andere ist aber der mangelnde Mut und das fehlende Interesse bzw. das kaum festzustellende Bemühen und die fehlenden Anreize, die eigenen Forschungsleistungen politikkompatibel aufzubereiten und zu kommunizieren. Viel zu viele Spitzenforscher ziehen sich in ihren Elfenbeinturm zurück. Schnippische Bemerkungen aus der sicheren Ferne und elaborierte Modelle im Fachjournal sind oftmals attraktiver, als zu nah an die politische Detailarbeit zu geraten und sich dabei zu verbrennen. Eine typische Anreizproblematik, kennen wir doch, oder? Konstruktive Vorschläge zu ihrer Lösung stünden auch Herrn Uhlig besser zu Gesicht als dem Unsinn von Herrn Schäuble mit einem Frontalangriff zu begegnen, der nicht erkennen lässt, dass der Kern der Problematik verstanden wurde. Ziemlich typisch für das derzeitige Verhältnis zwischen unserer Zunft und der Politik. paul68 | 05.05.2009 - 16:43
bodo behrendt kommentiert: Mein Vorschlag: einige ausgewählte Vertreter der exakten Volkswirtschaftslehre (also Vertreter der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie, Spieltheorie, Optimumtheorie etc.) lassen sich auf eine coram publico geführte Dismussion (Tagung oder ähnliches) über ihre (mathematische) Vorstellung der Welt ein. Qualifikationsanforderung ist die Kenntnis der wesentlichen Fundamente ihres Faches wie die Schriften von Léon Walras, Maurice Allais, Gérard Debreu und Edmont Malinvaud. Wer hat den Mut? Im übrigen: mathematische Schule oder Ordoliberalismus, es sind die zwei Seiten der Medaille namens Ratlosigkeit der tradierten Volkswirtschaftslehre. Walter Eucken ist ein Schlüssel dafür, sprach er doch von der "seelenlosen Arithmetik" der mathematischen Ökonomie, mit der in den 1940ern keine effektive Front gegen die Planwirtschaft errichtet werden konnte. Aber das entzieht sich dem Verständnis der gegenwärtigen Job-Hoppern. B.B. bodo behrendt | 05.05.2009 - 17:34
Arndt Bendowski kommentiert: @rb: Wie kommen Sie darauf, dass ich etwas gegen Klempner einzuwenden hätte oder denke, dass wir die nicht brauchen? Und weiter: zum Baumeister hat es bei mir nicht gereicht. Ob Ihre selbst zugeordnete Klempnereigenschaft mir hingegen das Schwimmen in unerfreulichen Dingen erspart hat oder noch ersparen wird, da bin ich mir nicht so sicher. (Kenne Ihre Arbeit nicht, aber die von CB
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sehr wohl, und das ist nicht gerade der Typ von Oekonom den es meiner Meinung nach braucht um die Forschungslandschaft in eine bessere Richtung zu ändern.) Ansonsten, Hut ab, Ihre Ignoranz steht der von HU wirklich in nichts nach, Chicago werden Sie dann wohl auch noch schaffen. (Warum sage ich das: Naja, an Intelligenz kann es Ihnen nicht mangeln, hoffe ich mal, dann muss es die intellektuelle Offenheit sein. Denn: die Worte von Schäuble enthalten durchaus Wahres und Bedenkenswertes, auch wenn es nur ein kleiner Teil seiner Aussage ist. Darum sollte es doch in der Diskussion gehen, oder?) @Paul68: Stimme fast 100%ig zu nur dass ich es nicht so gut hätte schreiben können. Arndt Bendowski | 05.05.2009 - 20:39
Michael kommentiert: @Arndt Bendowski Eine schöne Metapher, aber ich denke, Sie entwickeln das Bild aus einer verkehrten Perspektive. Es gibt durchaus viele Baumeister – sie alle haben beim Bau des gerade einstürzenden Hauses mitgewirkt. Wenn Sie die fragen, warum das Haus einstürzt, ist nicht zu erwarten, dass Sie eine schlüssige Erklärung bekommen. Die Geschichte lehrt, dass jene Baumeister, die Ihnen eine Erklärungen bieten können, von der Diskussion über die Ursachen des Einsturzes ausgeschlossen und sogar diskreditiert werden – nämlich von den Baumeistern des einstürzenden Hauses. Das beste Beispiel: John M. Keynes – und den (bzw. die Vertreter seiner Lehre) lässt man heute nur mitreden, weil man ihn schon kennt. Es erstaunt mich, dass Sie dies zu übersehen scheinen. @Paul68 Ich bleibe mal im Bild: Alle sind sich gegenwärtig darin einig, das vom Einsturz bedrohte Haus zu erhalten – die Politik, staatliche Stellen und selbstredend die Baumeister des Hauses sowie die Klempner. Sie haben eine volkswirtschaftliche Ausbildung, haben Sie hier einmal angemerkt, und sind, um im Bild von Herrn Bendowski zu bleiben, sozusagen ein Handwerker. Denken Sie nicht auch, das Haus müsse erhalten werden? Schließlich haben Sie Ihre volkswirtschaftlichen Kenntnisse von den Baumeistern desselben erhalten!? Wieso glauben Sie – mit Blick auf die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise sowie die erkennbaren Probleme der Ökonomen, damit umzugehen -, es wäre viel erreicht, wenn in den Ministerien mehr wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz aufgebaut würde und die Baumeister des Hauses, welches wackelt und einzustürzen droht, ihre Erklärungen in verständlicherer Form vortrügen? Ich persönlich denke, Sie werden von letzteren keine Erklärung bekommen, wenn die Konstruktion des Hauses falsch ist und die Politik sowie ministeriale Stellen würden eine solche auch gar nicht hören wollen, wenn man die Konsequenzen für beide Seiten bedenkt. Das ist evident, finden Sie nicht? Mfg Michael | 06.05.2009 - 19:13
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ein weiterer staunender Leser kommentiert: @ Uhlig: Beim Durchlesen der Kommentare zu Ihrem Beitrag sehen Sie, was ein polemisch verfasster Artikel bewirken kann. Im Interesse der Wissenschaft und uns allen wäre es besser gewesen, wenn Sie Ihre Ansicht etwas nüchterner formuliert und auf diese Weise eine etwas unaufgeregtere Diskussion herbeigeführt hätten. Zur Frage VWL / Naturwissenschaft: Ich erinnere mich noch gut an eine Makro II - Vorlesung bei Prof. Burda (SS 2002), in welcher er den jungen Studenten gegenüber äußerte, er würde die Volkswirtschaftslehre von heute - bezogen auf Instrumentarium und Stand der Erkenntnis - mit der Naturwissenschaft von vor 100 Jahren vergleichen. ein weiterer staunender Leser | 06.05.2009 - 20:15
Harald Uhlig kommentiert: Lieber staunender Leser: na, das passt doch dann gut zu meinem Kommentar, dass Schäubles Aussage jetzt genauso unsinnig ist, wie eine entsprechende Aufforderung an Physiker vor 100 Jahren, nicht wahr? Ich habe allerdings immer noch niemanden gehört, der mir die volkswirt-wissenschaftlich ausgewiesenen Experten in den Ministerien benennt: ich vermute, es gibt sie nicht. Ich kenne einige Leute dort, die recht frustriert sind, daß ihnen zuwenig Zeit dazu bleibt. Die Aufforderung an die Bundesregierung, hier einmal deutlich zu investieren, muß sicher stehen bleiben. Danke also für die Zustimmung zu meinem Kommentar. Harald Uhlig | 06.05.2009 - 21:08
Evariste Galois kommentiert: Lieber Herr Uhlig, unabhaengig von inhaltlichen Problemen und Kontroversen sehe ich eine gewisse Arroganz, Ignoranz und Selbstgerechtheit als ein sehr grosses Problem in der Oekonomenzunft. Ich moechte wirklich niemanden beleidigen. Allerdings muss ich feststellen, dass gerade Ihr Blog ein Musterbeispiel dafuer ist. Es stehen hier ca. 10 bis 15 kritische Beitraege unter Ihrem Artikel. Kritik wird meistens ignoriert oder mit Gegenbeispielen aus anderen Wissenschaftszweigen gekontert, die leider oftmals einer einfachen, kritischen Betrachtung nicht standhalten. Ich finde ihr Vorgehen wirklich nicht wissenschaftlich sondern es gleicht eher das eines Politikers. Wenn sie schon einen oeffentlichen Blog betreiben und Ihnen die Oekonomie wirklich am Herzen liegt, dann sollten sie auch auf die Kritik einiger Kommentatoren inhaltlich und sachlich eingehen. Ich faende es auch besser einen solchen Artikel von Anfang an auf einer sachlichen Ebene zu halten. Und ein bisschen Selbstkritik hat noch niemanden geschadet ;-) Evariste Galois | 07.05.2009 - 10:21
Dirk kommentiert: "Ich habe allerdings immer noch niemanden gehört, der mir die volkswirt-wissenschaftlich ausgewiesenen Experten in den Ministerien benennt: ich vermute, es gibt sie nicht. Ich kenne einige Leute dort, die recht frustriert sind, daß ihnen zuwenig Zeit dazu bleibt. Die Aufforderung an die Bundesregierung, hier einmal deutlich zu investieren, muß sicher stehen bleiben."
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Stellen wir zwei ein. Die streiten sich dann die ganze Zeit, ob wir nun eine Inflation oder Deflation zu befürchten haben. Was ist eigentlich der Maßstab für Qualität in der ökonomischen Forschung und wie bemisst man die Validität ihrer Aussagen? Dirk | 07.05.2009 - 11:10
rb kommentiert: "Lieber Herr Uhlig, unabhaengig von inhaltlichen Problemen und Kontroversen sehe ich eine gewisse Arroganz, Ignoranz und Selbstgerechtheit als ein sehr grosses Problem in der Oekonomenzunft." So leitet jemand einen Diskussionsbeitrag ein, der eine sachliche Diskussion fuehren will. Interessant. Man kann von den Verbalkuensten eines verbalen Oekonomen doch einiges lernen. Noch mal: wie viele Oekonomen kennen Sie, mit wie vielen interagieren Sie auf taeglicher Basis? Auf welchen Oekonomenkongressen trifft man Sie? Was ist Ihre sachliche Basis, um so eine fast massenpsychologische Aussage, die die ganze Zunft betrifft, machen zu koennen? Die Beispiele aus den anderen Wissenschaften waren a) notwendig, weil von Kommentatoren Wissenschaftlichkeitskriterien der Naturwissenschaften an die VWL herangetragen wurden, die z.T. von den Naturwissenschaften auch nicht erfuellt werden, und ueberhaupt eine Sinnlosdiskussion darstellen (der Versuch einer formalen normativen Wissenschaftlichkeitsdefinition wurde in der Wissenschaftstheorie vor Jahrzehnten meines Wissens als nicht durchfuehrbar aufgegeben, und das von wesentlich kluegeren Leuten als mir); b) notwendig, weil einige Kuechenpsychologen hier den Oekonomen eine Art Penisneid den Natwis unterstellt haben, fuer den es keine Basis gibt; c) notwendig, um deutlich zu machen, dass Mathematik zunaechst einmal eine Sprache ist, in der man wie M. Hellwig es unlaengst ausdrueckte genau wie in der natuerlichen Sprache Sinnvolles und Sinnloses sagen kann (und ja, es wird VIEL Sinnloses von Oekonomen in dieser Sprache gesagt; ich behaupte, Oekonomen sind die ersten, die das zugeben wuerden - dazu muss man nur mal in einem Seminar bei uns gesessen haben), letzteres aber hat eben nix mit der Sprache selbst zu tun; und dass Mathematik eine Sprache ist, die in der VWL bei naeherem Hinschauhen ganz anderes verwendet wird als in den Natwis; d) ueberhaupt nicht widerlegt, wo denn? rb | 07.05.2009 - 13:29
Evariste Galois kommentiert: @rb es spielt doch gar keine rolle auf wievielen kongressen ich zugegen bin oder wie oft ich mich mit oekonomen unterhalte. ich halte es auch fuer unnoetig hier mit irgendwelchen studien hausieren zu gehen, um seine tauglichkeit kompetent mitreden zu koennen unter beweis zu stellen. dann lassen sie uns mal ueber inhaltliches reden. mathematik ist eine sprache. sie ist auf reiner logik aufgebaut und die verwendbarkeit dieser sprache haengt sehr davon ab, ob man den ausgangspunkt (ausgangsbedingungen) korrekt erfasst hat bzw. erfassen kann. In der elementaren physik ist das moeglich. man kann ein phaenomen beobachten, wiederholen und mathematisch verfassen. unter gleichen bedingungen wird sich dieses phaenomen immer wieder so
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wiederholen, wie es die gleichung beschreibt. in der oekonomie hat man es aber ungleich schwerer. tendenzen koennen nicht isoliert werden. dies oder die modellierung der auesseren einflussfaktoren sind aber die voraussaetzung um ein system mathematisch zu modellieren, aus dem man spaeter sinnvolle analysen fuer die reale welt ableiten will. jetzt werden sie mir an dieser stelle eine liste von erweiterungen der moderenen oekonomie um die ohren hauen wollen. doch genau das ist der punkt. die interaktionen im wirtschaftssystem sind komplex, chaotisch und die elementaren "gesetze" ebenso. sie aendern sich im zeitablauf, passen sich an aeussere bedingungen an, an erwartungen (ja, ja ich weiss da wird auch viel "geforscht") so dass jede erweiterung und modellierung einen ratenschwanz an anderen ungenauigkeiten und einflussfaktoren nach sich zieht. eine sisyphosarbeit! das ganze system kann man nicht analysieren ... zu komplex. einzelne tendenzen zu isolieren mag teilweise machbar sein, allerdings kann man somit nur die vergangenheit analysieren und keine aussagen fuer die politik herleiten (warum? siehe oben). und genau das(!) (nicht etwa die verwendung der mathematik) ist die kritik an der oekonomischen forschung. bevor sie jetzt wieder mit vergleichen bzgl. versagen der exakten wissenschaften kommen. die oekonomische theorie versagt einfachste tendenzen zu analysieren. Evariste Galois | 07.05.2009 - 14:23
Dirk kommentiert: wenn ich Evariste Galois ergänzen darf. Die Kritik ist auch, dass man mit der Sprache der Mathematik gewisse Sachverhalte nicht erfassen kann, die aber beim vorliegenden Problem von enormer Bedeutung sind. Beispiel: Glaubt man den Modellen der Makroökonomie (egal ob RBC oder DSGE) müsste es jetzt eine Ausweitung der Staatsausgaben geben. I-S Markt räumt momentan nicht zu einem positiven Zinssatz, was, das es nur ein repräsentatives Gut gibt, durch zusätzliche Staatsnachfrage ohne Crowding out ausgeglichen werden kann. In jedem Makromodell müsste der Multiplier jetzt (= bei 0 als bindende Grenze für den Zins) bei mindestens 1 liegen. Senkt man die Steuern, kommt es dagegen, glaubt man den Modellen, zu Ricardianischen Äquivalenz. (okay, es gibt zusätzlich den Anreizeffekt. Den gibt es aber immer. Wenn das ein Argument wäre, müsste man IMMER defizitfinanziert die Steuern senken. ) Auf Grundlage welcher theoretischer Modelle plädieren Sie denn für Steuersenkungen und gegen Staatsausgaben? Und wie sieht es mit Barro, dem Neuentdecker der Ricardianischen Äquivalenz mit dem Sie so engen Umgang haben, aus? Dirk | 07.05.2009 - 15:26
Paul68 kommentiert: Vielleicht könnte man den Kern der an sich unsinnigen Aussage von Herrn Schäuble in diesem Beitrag http://blogs.ft.com/maverecon/2009/03/the-unfortunate-uselessness-of-most-state-of-the-artacademic-monetary-economics/
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von Willem Buiter wiederfinden? Wenn ich es richtig verstanden habe, kritisiert er die moderne Makroökonomik vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise für den Grundansatz ihrer verwendeten Modellstruktur, egal ob in der neuklassischen oder neukeynesianischen Variante der DSGE-Analyse. Er kommt zum Schluss: "Both the New Classical and New Keynesian complete markets macroeconomic theories not only did not allow questions about insolvency and illiquidity to be answered. They did not allow such questions to be asked." Und da sich der Mainstream der Ökonomen in diesem Rahmen mit immer ausgefeilteren Arbeiten beschäftigt hat, hält er einen großen Teil der angefallenen Forschungsergebnisse der letzten Jahren für vergebliche Fingerübungen. Vielleicht ist es ja das, was Herr Schäuble instinktiv gemeint hat: die Ökonomen arbeiten und arbeiten, sie modellieren und rechnen, werden immer komplexer in ihren Ausführungen (und für den Laien immer schwerer zu verstehen) - aber trotzdem kommen keine für die Politik besser zu verarbeitenden und zielführenden Empfehlungen heraus. Wenn sich ein solches Gefühl einstellt, kann vielleicht der Eindruck entstehen, als sei die moderne Wirtschaftswissenschaft vor allem mit dem Erzeugen von methodischer Eleganz beschäftigt und weniger mit der Gewinnung von Erkenntnissen. Und da unsere Methodik eben oft im Gewand der Mathematik daher kommt, bekommt sie eben (ungerechtfertigterweise) den Ärger ab. Mich würde interessieren, was diejenigen in diesem Blog, die das fachlich besser beurteilen können, (z.B. Herr Uhlig oder rb) von den Aussagen von Buiter halten. Wenn er Recht hätte, würde das vielleicht tatsächlich bedeuten, dass die Ökonomen andere Sprachen über die Mathematik hinaus stärker benutzen müssten, um tatsächlich der Realität besser gerecht zu werden. Paul68 | 07.05.2009 - 18:34
Arndt Bendowski kommentiert: Buiter hat natürlich Recht, am besten trifft es der Goodhart-Quote in besagtem Blog, den ich übrigens auch schon hier nennen wollte - danke Paul68 - (im Zusammenhang mit einer anderen Debatte, in der ich ein paar ganz ähnliche, technische Kritikpunkte an aktuellen Makromodellen anbrachte, Herr Uhlig aber dazu lieber geschwiegen hat und ich mir eben dachte wozu dann weitere Zeit zu verschwenden): Charles Goodhart, who was fortunate enough not to encounter complete markets macroeconomics and monetary economics during his impressionable, formative years, but only after he had acquired some intellectual immunity, once said of the Dynamic Stochastic General Equilibrium approach which for a while was the staple of central banks’ internal modelling: “It excludes everything I am interested in”. He was right. It excludes everything relevant to the pursuit of financial stability. Ansonsten, die kurzsichtigen in gewissem Sinne autistischen Klempner zu fragen, was sie von all dem halten, ist wohl eine Übung mit beschränktem Unterhaltungswert und gewissem Ausgang. Aber ich lasse mich natürlich auch gerne eines besseren belehren. Ach und noch etwas: Paul68 trifft es exakt, wenn er die Worte von Schäuble nach dem relevanten Inhalt abklopft - warum bekommen das die Herren aus US-Akademia einfach nicht hin? Fehlende Selbstreflektion etwa? Zulange in den USA gewesen? Arndt Bendowski | 07.05.2009 - 20:41
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Dirk kommentiert: @Paul68 Danke für den Link. Aber offenbar hat Buiter keine Ahnung, trifft zu wenig Leute mit moderner ökonomischer Expertise und - wenn man dem Küchenpsyhologen "rb" glauben darf - ist nur deswegen so kritisch, weil er sich von den Forderungen der Ökonomen nach Freihandel und Globalisierung attackiert fühlt. Dirk | 07.05.2009 - 21:46
jan kommentiert: Naja, das ist wieder die Geschichte, die wir bereits am Anfang der Diskussion hatten: Buiter kritisiert auf einer anderen Ebene als Schäuble, er kritisiert eine bestimmte Klasse von Modellen, aber nicht die Verwendung von Mathematik in der Theorie. Buiter wird, wenn er DGSE-Ansätze kritisiert, die Alternative nicht in verbaler VWL sehen, sondern in anderen Ansätzen mathematischer Modellierung. jan | 08.05.2009 - 00:34
Dirk kommentiert: @Jan Buiter kritisiert das, was viele Kritiker hier (mich eingeschlossen) auch die ganze Zeit behaupten. Nicht die Verwendung von Mathematik an sich ist das Problem, sondern (1) die durch sie vorgetäuschte Genauigkeit und (2) die für die Verwendung der Mathematik notwendigen vereinfachenden Annahmen, sowie (3) das Umschiffen von ökonomischen Problemen mit mathematischen Taschenspielertricks (money in the utility function). Und bei (1) hat Schäuble recht. Zweiffellos verwechseln jede Menge Leute (Makroökonomen und "Financial Engineers") Ökonomie mit einer Naturwissenschaft. Die Mathematik verstärkt diesen Eindruck und gaukelt eine Genauigkeit der Theorien vor, die es nicht gibt und die, wenn man sie annimmt, zu bösen Überraschungen führen. Wenn man (1) bis (3) akzeptiert, sehe ich keinen Grund, Schäubles Aussagen zu kritisieren. Selbstverständlich kritisiert Buiter auf einer anderen Ebene als Schäuble. Er weiss als Ökonomon ja auch viel genauer Bescheid. Dirk | 08.05.2009 - 10:00
rb kommentiert: http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,623652,00.html 2 Physiker, 3 Meinungen. Schafft die Mathematik in der Physik ab. Physiker - denkt ganzheitlicher. rb | 08.05.2009 - 20:08
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Dirk kommentiert: @rb nocheinmal: Zu jedem Zeitpunkt ist bei jeder Wissenschaft das Wissen begrenzt und an genau dieser Grenze wird diskutiert. Bei den meisten Wissenschaften, insbesondere der Physik, gibt aber einen harten Kern. Jede Menge gesichertes Wissen (im Sinne reproduzierbarer Resultate bis hin zu "philosophischen" Erkenntnissen). Wo aber ist der harte Kern der Makroökonomie? Wenn man sich jetzt nicht einmal einig ist, ob Fiskalpolitik etwas bringt und oder Inflation oder Deflation zu berfürchten ist, können einem schon Zweifel kommen, ob es überhaupt so etwas wie gesichertes Wissen in der überhaupt Makroökomie gibt. (Jedenfalls solches, welches über Trivialitäten hinausgeht.) Um es zusammenzufassen: Das Problem ist nicht, dass sich Makroökonomen streiten, sondern dass sie sich bei - gemessen am Anspruch (und erst recht der eigenen Anmaßung)- ganz elementaren Fragen streiten, über die sie schon Jahrzehnten wenn nicht Jahrhunderten nachdenken. Wozu sind denn die Ökonomen nützlich, wenn sie keine Politikempfehlung abgeben können? Hier können Sie mal etwas Werbung für Ihre Zunft machen. Daneben stelle fest, dass Sie weder meine Frage nach dem Maßstab für Qualität in der ökonomischen Forschung noch die Frage auf Grundlage welcher theoretischer Modelle Sie Konjunkturprogramme ablehnen (und Steuersenkungen fordern) beantwortet haben. Dirk | 08.05.2009 - 20:55
Dirk kommentiert: Abgesehen davon gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen der "Uneinigkeit" in der Physik und der Makroökonomie: Die Physik lässt sich wie eine Paradewissenschaft nach Kuhn in eine Periode der Normalwissenschaft und Ausserordentlichen Forschung unterteilen. Uneinigkeit gibt es nur zur Zeit der aussergeöhnlichen Forschung, d.h. dann wenn verschiedene Paradigmen miteinander in Konkurrenz stehen. Ganz anders die Ökonomie: Hier gibt es keine Normalwissenschaft, keine Phase der Einigkeit. Und der Methodenstreit, also das, was die Uneinigkeit der Physik ausmacht und ihren Fortschritt ermöglichte, genau das, wird von Ihnen gar nicht erst zugelassen. Dirk | 08.05.2009 - 21:07
Andreas T. kommentiert: Lieber Herr Uhlig, unabhängig davon, was ich über die Äußerungen von Herrn Schäuble denke, sollten die Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland akzeptieren, dass sie etwas produzieren, das sie auch vermarkten müssen. Ein ökonometrisches Modell oder ein DSGE-Modell ist in der Tat ein sehr komplexes Produkt, das für einen Nicht-Ökonomen wie Herrn Schäuble schwer zu fassen ist. Anstatt sich über die Unwissenheit von Beamten und Politikern zu beschweren, sollten sich die
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Wirtschaftswissenschaftler, die in ihren Vorlesungen den Stundenten etwas von Gewinnmaximierung und Vermarktungsstrategien erzählen, endlich einmal ein Konzept überlegen, wie sie ihre Produkte an den Mann/Frau/Politiker bringen wollen. Ob man es nun will oder nicht sind die von Ihnen so verfluchten Politiker nunmal Ihre Kunden. Wenn ein Berater in einem Unternehmen seine Kunden so behandeln würde wie Sie, lieber Herr Uhlig, Ihre Kunden in diesem Blogg, dann wäre er zurecht bald arbeitslos. Vielleicht bekommt mit einer anderen "Vermarktungsstrategie" die ökonomische Forschung in Deutschland damit auch bald einen anderen Stellenwert und damit auch mehr Forschungsgelder?!? Das sollte doch Anreiz genug sein! Andreas T. | 08.05.2009 - 22:05
Jorge kommentiert: Mich würde mal interessieren wie es in anderen Ländern, etwa den Vereinigten Staaten, um den Einfluss der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung auf Entscheidungsträger in der Politik steht. Immerhin gehörten dem Council of Economic Adviser in der Vergangenheit schon so mancher namhafter Ökonom an. Ist diese Gruppe nur Deckmäntelchen um das Regierungshandeln als wissenschaftlich fundiert erscheinen zu lassen, oder übt das CEA tatsächlich Einfluss bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen aus? Die Gutachten des deutschen Sachverständigenrats werden von der Politik ja oft eher als störend empfunden. Jorge | 09.05.2009 - 00:43
Arndt Bendowski kommentiert: @Dirk (in mehreren Beiträgen): Super Zusammenfassung! Arndt Bendowski | 09.05.2009 - 13:02
Leonard kommentiert: Die kognitive Rigidität des Autors stößt in noch unbekannte Welten vor. Die argumentative Logik besticht vorallem durch herrausragende Arroganz über politische Institutionen und Administration. Grundlegendes Problembewußtsein wird negiert. Die Analogie der VWL zur Medizin ist grenzt an dramatische Ironie. Das große Thema der Medizin ist doch gerade, dass sie sich nicht als Physik, als kausale Mechanik versteht. Einfach nur Peinlich ! omg Leonard | 10.05.2009 - 12:54
Evariste Galois kommentiert: Schade, dass von den Herrn Topakademikern Uhlig und Bachmann hier jeder Kritikpunkt mit "totschlagargumenten" gekontert wird. Entweder wird auf Probleme in anderen Wissenschaften verwiesen, um so das eigene Versagen zu relativieren oder die Kompetenz des Kritikers wird
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hinterfragt. Wozu dient dieser Blog eigentlich? Da hier ja fast jeder Kommentator die Schaueblekritik teilweise als vernuenftig ansieht und auf der anderen Seite Uhlig und Bachmann stehen muss man sagen, bisher steht es, was Argumente betrifft: Kommentatoren vs. Uhlig/Bachmann 15:0. Evariste Galois | 11.05.2009 - 13:46
Evariste Galois kommentiert: Ich moechte noch diese Endlosdiskussion um das Equity Premium "Puzzle" als Negativbeispiel von Modellierung in der Oekonommie anfuehren. Eine Theorie, die schlichtweg falsch war hat einen Rattenschwanz von Publikationen und "Forschung" zur Erklaerung des vermeintlichen "Puzzles" nach sich gezogen. Evariste Galois | 11.05.2009 - 13:50
Dirk kommentiert: Ich stelle fest, dass meine Frage auf Grundlage welcher theoretischen Modelle Sie (H.Uhlig) Konjunkturprogramme ablehenen und Steuersenkungen befürworten, nicht beantwortet haben. Ich bin jetzt so dreist und werte das als Eingeständnis, dass es eine solche nicht gibt. Ihre Argumentation ist, anders als etwa die von Krugman, eine rein verbale. Einen besseren Beleg für die von mir vertretene These, dass das Korsett, das sich die Ökonomie mit der Mathematik anlegt, zu eng ist und sich gewisse Sachverhalte im formalen Rigorismus nicht abbilden lassen, kann es nicht geben. Dirk | 11.05.2009 - 14:48
veblen kommentiert: @Dirk Also wenn H. Uhlig keine Lust hat, die Frage zu beantworten, dann lassen wir das halt Brad DeLong machen. Dieser meint, dass die Sichtweise der Chicago-Schule im Wesentlichen auf Ricardianischer Äquivalenz und der Quantitätstheorie basiert. Aber irgendwie wollen ihm die Schlussfolgerungen nicht einleuchten... http://braddelong.posterous.com/delong-econ-202b-lecture-may-7-2009-trying-an veblen | 11.05.2009 - 20:55
Dirk kommentiert: @veblen Danke für den Link. Allerdings beantwortet er die Frage eben nicht. Ricardische Äquivalenz gilt nämlich für defizitfinanzierte Steuersenkunegn (die Uhlig fordert) und eben nicht für kurzfristig angehobene Staatsausgaben (die Chicago Größen inkl. Uhlig ablehnen) wie Krugman anmerkte (siehe Link). Ich mag Krugmans Schlussfolgerungen nicht und stimme ihm auch nicht zu aber mE ist er einer der wenigen, die intelligent argumentieren. Wenn man die Modelle der Makroökonomie ernst nimmt - und zwar egal welche, ob neoklassische oder neokeynesianische , dann kommt man zu dem Schluss, dass Staatsausgaben wirken und Steuersenkungen nicht. (Geldmengenerweiterungen können laut Modelle wirken, aber nur weil dubioser Weise Geld in die Nutzensfunktion gesteckt wird ).
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Dass Herr Uhlig nicht antwortet, liegt nicht daran, dass er keine Lust hat, sondern dass er es nicht kann. Es gibt für seine These (Steuersenkung wirkt, Staatsausgaben nicht) keine theoretische Grundlage. http://krugman.blogs.nytimes.com/2009/04/06/one-more-time/ Dirk | 11.05.2009 - 21:55
jan kommentiert: Vielleicht stehe ich ja auf dem Schlauch, weil ich gerade sehr müde bin, aber ist Krugmans Argument denn richtig? Wieso brauche ich denn, wie er behauptet, eine *permanente* defizitfinanzierte Staatsausgabenerhöhung für das Argument, daß deficit spending nicht expansiv ist? Wenn der Staat sich in t=1 mit 100 Euro verschuldet, um G zu erhöhen und plant, in t=n die Schulden zu tilgen, dann zahlt er ab t=2 r*100 Zinsen und in t=n zahlt er (1+r)100. Der Gegenwartswert der Zahlungsströme ist 100. Also muß ich, um auf zukünftige Steuerzahlungen vorbereitet zu sein, in t=1 genau 100 zusätzlich sparen. Bei einer *einmaligen*, nicht permanenten defizitfinanzierten Ausgabenerhöhung. jan | 11.05.2009 - 23:45
Dirk kommentiert: @Jan Ja, wenn er 100 Euro heute spart, käme er genau hin. Aber diese Strategie maximiert NICHT seinen Nutzen. Besser wäre es die 100 Euro verteilt über die Zunkunft zu sparen. Deutlicher wird das bei einem Extrembeispiel, bei dem ich heute 20.000 sparen müsste um den Staat in Zunkunft zu bedienen. Dirk | 12.05.2009 - 00:14
Dirk kommentiert: @Jan Ja, wenn ich jetzt 100 Euro spare, käme ich genau hin und könnte den Staat in Zukunft bedienen. Aber diese Strategie maximiert nicht meinen Nutzen. Günstiger wäre es den Konsumstrom bzw. die Sparleistung über die Zeit zu glätten. Deutlicher wird es, wenn es nicht um 100 sondern um 100.000 Euro geht. Dirk | 12.05.2009 - 00:17
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dirk kommentiert: @Jan, Ja, wenn ich 100 Euro heute spare, komme ich genau hin und kann den Staat bedienen. Aber das maximiert NICHT meinen Nutzen. Günstiger wäre es, den Konsumstrom bzw. die Sparleistung über die Zeit zu glätten. Deutlicher wird es, wenn es nicht um 100 sondern um 100.000 Euro ginge. (ich schicke das jetzt ein drittes Mal, über eine andere Email adresse um zu testen, ob man mich in den Spam filter geworfen hat. ) dirk | 12.05.2009 - 00:20
dirk kommentiert: test dirk | 12.05.2009 - 00:23
dirk kommentiert: okay, sorry, offenbar ein Problem beim Server. Die letzten drei Kommentare können gelöscht werden. Hier ist noch ein Kommentar, der es auf den Punkt bringt: (2) The debate about the bank bailout, and the stimulus package, has all revolved around issues that are entirely at the level of Econ 1. What is the multiplier from government spending? Does government spending crowd out private spending? How quickly can you increase government spending? If you got a A in college in Econ 1 you are an expert in this debate: fully an equal of Summers and Geithner. Exakt so ist es. Die gesamte Makroökonomie der mindestens letzten 30 Jahre, ist völlig irrelevant. http://delong.typepad.com/egregious_moderation/2009/05/greg-clark-dismal-scientists-how-the-crash -is-reshaping-economics.html dirk | 12.05.2009 - 00:25
realien kommentiert: Unter dem Titel „Kann man den Modellen trauen?“ waren auf dem WEF-Kongress im Januar 2009 in Davos Sätze zu hören wie: „Ein Meter voraus herrscht Dunkelheit. Wir sind darauf eingerichtet Katastrophen aufzuräumen, aber nicht darauf, sie zu verhindern. Wir können Entscheidungen finden unterstützen, aber nicht die Zukunft voraussagen. Wir hatten die Illusion, alles kontrollieren zu können. Wir müssen lernen zu sagen‚ ich weiss es nicht und zu fragen gibt es noch andere Möglichkeiten?“
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Und Nassim Taleb, der Autor des Bestsellers 'Der schwarze Schwan' sagte: „Alle Modelle sind Bullshit, man soll sich auf nichts verlassen.“ Dazu eine Frage aus dem Publikum, wie sollen wir denn die Studenten an unseren Universitäten unterrichten?... Eine konkrete Antwort wurde nicht gegeben... Nach dem Disput @Dirk, Jan, rb... sollte als Ergebnis ein Anfangsstudium der Physik, zur Vorbereitung auf VWL, keine schlechte Empfehlung sein. In Folge hat die Wertediskussion, die modellhaft-mathematische Volkswirtschaftslehre ersetzt. realien | 12.05.2009 - 05:14
jan kommentiert: @Dirk: Ah, klar, bei Krugman geht der Anstieg der öffentlichen Verschuldung nicht als lump-sumTransfer an den Steuerzahler zurück. Hätte mir auch selbst auffallen können. @Realien: Nassim Taleb ist zuallererst mal ein populistischer Krisengewinnler. Für die VWL ist er das, was für die Medizin Leute sind, die die Schulmedizin angreifen und mit Petersilie Krebs heilen wollen. jan | 12.05.2009 - 07:50
Dirk kommentiert: @Realien "Dazu eine Frage aus dem Publikum, wie sollen wir denn die Studenten an unseren Universitäten unterrichten?" Sie haben die Antwort selbst gegeben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein Physik oder Mathematik-Studium fast schon eine Obermenge des VWL Studiums ist (Herr Uhlig ist ja auch Diplom Mathematiker). Man kann es so sagen: Im Grundstudium optimiert man in der VWL mit Lagrange ohne es zu sagen (Grenzrate der Substititution= Verhältnis der Preise). Das - und ein paar triviale Begriife - ist alles, was man im Grundstudium wissen muss. Im Doktorandenprogramm beschäftigt man sich mit Variationsproblemen. Auch ohne es so zu nennen und unter Ignoranz aller intellektuellen Herausforderungen (was okay ist, denn die sind für Ökonomie nun mal uninteressant), in dem man sie numerisch und teilweise auch nur eine linearisisierung numerisch berechnet. Der Naturwissenschaftler hat da den Vorteil, dass er sich nicht von Begriffsblasen beeindrucken lässt. @Jan Es ist schon erstaunlich, dass Barro für Steuersenkunegn und gegen Staatsausgaben ist, obwohl sein eigenes Modell, das er als Argument anführt, genau das Gegenteil nahe legt. Bei soviel intellektueller Aufrichtigkeit wundert es auch nicht, dass er über Keynes referiert ohne ihn gelesen zu haben. Dirk | 12.05.2009 - 11:21
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jan kommentiert: @Dirk: Bin mir gar nicht sicher, ob Barro an RÄ als empirisches Phänomen wirklich glaubt. Es könnte auch ein Mißverständnis ähnlich wie beim Coase-Theorem sein: Coase schrieb auch irgendwann mal, daß er vor allem klar machen wollte, welche restriktiven Bedingungen man braucht, damit private Verhandlungslösungen funktionieren. Eine ähnliche Motivation könnte ja hinter Barros alten RÄ-Papieren stecken. Und dann... geben wir die Steuersenkungen vor allem denen, die kein wirksames Vererbungsmotiv haben, dann funktioniert das schon. Man muß aber glaube ich auch sehen, daß viele Makroökonomen in der aktuellen Debatte fast komplett theorielos argumentieren und ihre Argumente stattdessen vor allem mit empirischen Resultaten (Multiplikatorschätzungen etc.) untermauern. Und Barros Schwerpunkt ist inzwischen ja auch eher in der Empirie. jan | 12.05.2009 - 11:55
Dirk kommentiert: @Jan "Man muß aber glaube ich auch sehen, daß viele Makroökonomen in der aktuellen Debatte fast komplett theorielos argumentieren und ihre Argumente stattdessen vor allem mit empirischen Resultaten (Multiplikatorschätzungen etc.) untermauern." Das ist ja gerade der Punkt. Die Theorie, also das mathematische Korsett, hilft nicht weiter und deswegen wird es abgelegt. Das ist auch völlig in Ordnung, nur kann ich einfach nicht nachvollziehen wie Uhlig und Co den Formalismus der Makroökonmie als einzig wahre Methode in den Himmel loben aber selber, bei den eigenen Argumenten, längst davon abgekehrt sind. Das ist ein Widerspruch. Empirie hilft hier leider auch nicht viel weiter, denn dazu ist die Stichprobe zu gering. Wieviele Situationen in denen der Gleichgewichtszins negativ ist/wäre hat es in der Vergangenheit gegeben? Mir fallen nur zwei ein. Japan und die Weltwirtschaftskrise. Dirk | 12.05.2009 - 14:33
PS kommentiert: Zur Originalquelle, den Aussagen von Herrn Schäuble: "Die Ökonomen gebrauchen zuviel Mathematik. Niemand hat mehr die Konstruktionen auf den Finanzmärkten verstanden. Die Ökonomen haben gedacht, Volkswirtschaftslehre ist eine Naturwissenschaft und haben vergessen, daß es eine Sozialwissenschaft ist.” Es ist das gute Recht von Herrn Uhlig - allerdings schon etwas ruppig - wenn er behauptet, dass diese Äußerungen von Herrn Schäuble Unsinn seien. Schließlich lebt Wissenschaft nicht davon, dass man mit seiner Meinung hinterm Berg hält. Allerdings ist es meiner Ansicht auch das gute Recht von Herrn Schäuble, eine eigene Meinung zu haben und - solange er nicht vom Gegenteil überzeugt ist - auf seiner Meinung zu beharren.
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5/27/2009
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Neben dieser bloßen Meinungsfreiheit bestehen jedoch teilweise gute Gründe für Herrn Schäubles Ansicht: - Es scheint offensichtlich, dass der zweite Satz seiner Aussage von den allermeisten Fachleute (heute!) geteilt wird. Wie hätten sich die gigantischen Ungleichgewichte denn sonst ausbilden können?
- Der erste Satz seiner Aussage wurde (wie historisch belegt ist!) genau so auch in der Physik geäußert, als vor ca. 100 die Aufspaltung in Experimentalphysiker und Theoretiker erfolgte. Und selbstverständlich gab es auch Auseinandersetzungen darum, welche Fraktion denn freiwerdende Lehrstühle besetzen sollte. Aber die Theoretiker haben durch Resultate überzeugt! Außerdem waren viele Experimentatoren schlicht erfreut über die Unterstützung durch die Theorie. - Die dritte Aussage von Herrn Schäuble ist wohl so zu verstehen, dass in der Ökonomie sich die grundlegenden Zusammenhänge mit Mathematik nicht besser darstellen lassen als ohne. Auch hier denke ich: Bis jetzt haben die mathematischen Ökonomen nicht wirklich das Gegenteil bewiesen. Lassen sich die Zusammenhänge der Ökonomie wirklich durch Gleichungen besser darstellen als im Fließtext? Gibt es wichtige Erkenntnisse aus den letzten 30 Jahren, die ohne massive Mathe nicht erkannt worden wären? Was können die mathematischien Ökonomen hierzu aufschlussreiches aussagen? PS | 13.05.2009 - 23:44
Evariste Galois kommentiert: Gut, Herr Schaueble wirft hier auch zwei Dinge in einen Topf fuer die eine differenziere Betrachtungsweise angebracht waeren. Auch wenn die Oekonomen gerne ueberall mitreden moechten, behaupte ich mal, dass die Modellierung von Risiken (e.g. Value at risk etc.) und das Pricing von (Kredit-) derivaten keine Gebiete der Oekonomie sondern der Finanzmathematik sind. Es gibt sicherlich ueberscheindungen, aber als Finanzmathematiker moechte ich die Oekonomen mal auf dieser Seite etwas entlasten. In der Tat haben statistische, mathematische Methoden versagt, um Risiken korrekt zu bepreisen und haben auf der anderen Seite immer weitergehende Komplexitaet von Derivaten und Interdependenzen im Finanzsystem vorangegetrieben. Hier war man etwas blind durch den Erfolg, den man mit der Modellierung von Aktienoptionen, Zinsfutures und dergleichen hatte. Die Oekonomen haben aber auch sicherlich einen grossen Teil an Verantwortung zu tragen. Der naehrboden fuer ein solch excessives verhalten ist naemlich auf dem mist von hernn uhlig und seinen chicago kollegen gewachsen die fuer ein weitestgehend derreguliertes finanzsystem aufgrund ihrer simplizistischen mathematischen modelle argumentieren. das kann man sicherlich auch nicht so "schwarz-weiss sehen, wie ich es gerade schreiben, aber die tendenz ist schon richtig und hier muss man auch selbstkritisch sein, herr uhlig. oekonomische theorien, die umgesetzt oder angewendet werden sind meiner einschaetzung nach alle vor den 60iger jahren entwickelt worden und machen sehr generelle aussagen. in den jahren danach,
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5/27/2009
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wurden modelle verfeinert, was mathematische komplexitaet nachsichzog aber keine verwertbaren ergebnisse mehr brachte (auf praktischer ebene). die oekonomen haben halt ihr eigenes sueppchen gekocht und es gab gar keinen bedarf mehr fuer leute in den ministerien, die diese mathematischen spielerein verstehen muessen, da sie fuer praktische wipol irrelevant sind. experten, im sinne von herrn uhlig, braucht man evtl. fuer oekonometrische studien, und zwar um zu verstehen wo der haken bei diesen untersuchen ist und inwiefern man ihnen vertrauen kann. Evariste Galois | 14.05.2009 - 11:50
Dirk kommentiert: Schweigen ist auch eine Antwort. Dirk | 16.05.2009 - 11:49
Martin Weigele kommentiert: Hier hat Wolfgang Schäuble recht (anders als z.B. beim Thema Internet, Datenspeicherung, Bürgerrechte oder früher dem Parteispenden-Amnestiegesetz, das er einst versuchte auf den Weg zu bringen und insofern seinem Machiavellismus bis heute treu geblieben ist). Sehr empfehlenswert ist das Buch von David Orell, "Apollows Arrow - The Science of Prediction - The Future Of Everything". Der Mathematiker Orell weist mit mathematischen Methoden, aber hier für allgemein Interessierte verständlich in Englisch beschrieben nach, dass mathematische Vorhersagemodelle prinzipiellen Grenzen unterliegen, wenn es sich um so komplexe Modelle wie über das Wetter, das Klima, die Börse oder Volkswirtschaft handelt. Siehe auch http://www.postpythagorean.com . Martin Weigele | 18.05.2009 - 19:52
Dirk kommentiert: J @Martin Weigele wobei man in diesem Falle (Wirtschaftswissenschaften mit oder ohne Bezug auf die aktuelle Krise) sagen muss, dass es nicht um Voraussagen geht. Den Schuh muss sich die Ökonomie nicht anziehen. Dirk | 18.05.2009 - 20:04
whitehouse.gov kommentiert: Hallo! Was die ganzen Vorkommentatoren angeht, kann ich leider nicht mithalten mit der ganzen Theorie und den Fachausdrücken und Abkürzungen. Aber in der Praxis war es doch *mal wieder* so: Die USA (plus politischem Anhängsel EU,plus politischem Anhängsel OPEC-Staaten) zusammen mit China und noch auch ein Paar anderen nicht so bedeutenden Teilnehmern an der Weltwirtschaft haben sich überlegt, wie sie den weltweiten Geldkreislauf (und damit auch Warenkreislauf) ankurbeln. Das Ergebnis: Die Bewertungen der Sachvermögen wurde vollkommen überzogen, und daher bekamen alle möglichen Anleihen sehr gute Ratings. Darauf aufbauend konnten scheinbar gesetzeskonforme in Wirklichkeit aber überzogene Kredite gewährt werden, und daraus konnten unrealistisch hohe Gewinne produziert werden.
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Dieses System läuft natürlich nur so lange, bis irgendein Dominostein in der Kette umfällt bzw nicht schnell genug aufgefangen werden kann. Und da *jetzt* absolut niemand weiß, was die verschiedenen Sachwerte wirklich noch wert sind bzw ob sie vollkommen überbelastet sind mit Schulden, kann man Investitionen, die damit direkt oder indirekt zusammenhängen, auch nur entsprechend vorsichtig tätigen. (- Es weiß ja schließlich kein echter Unternehmer im voraus, ob auch er in den Genuß vollkommen unberechtigter Staatsbürgschaft kommt, wenn die Investitionsentscheidung falsch ist.) whitehouse.gov | 19.05.2009 - 13:27
PS kommentiert: @ Dirk "wobei man in diesem Falle (Wirtschaftswissenschaften mit oder ohne Bezug auf die aktuelle Krise) sagen muss, dass es nicht um Voraussagen geht. Den Schuh muss sich die Ökonomie nicht anziehen." Weiß nicht so recht, wie das gemeint ist. Bereits der gemeine Autohändler kann ja bereits voraussehen, wie sich die Nachfrage nach neuen bzw. Gebrauchtwagenfahrzeugen aufgrund der Abwrackprämie zeitlich verändern wird. Und so etwas soll die Ökonomie prinzipiell nicht können oder wollen!? Worin besteht denn dann überhaupt die Aufgabe der Ökonomie? Oder im Sinne der vorgegebenen Fragestellung: Falls die Ökonomen-Zunft noch nicht einmal simple "wenn dann" Kausalitäten ermitteln kann, ist doch nicht ersichtlich, inwieweit sie einen Betrag zum Herauskommen aus der Krise bzw. eine Bewertung verschiedener Handlungsoptionen (Steuersenkung oder Abgebenerhöhung jetzt in der Krise) leisten kann. MFG PS PS | 19.05.2009 - 22:35
Evariste Galois kommentiert: ich behaupte sogar, dass Oekonomen mit ihter Kombination aus Halbwissen (bestenfalls) und ihrer Arroganz und Ignoranz dieses als die absolute Wahrheit verkaufen zu wollen, die rahmenbedingungen fuer diese krise geschaffen haben. die wirtschaftskrise ist hausgemacht und zwar auf den rat von US (chicago) oekonomen hin, die mit ihren nichtsagenden modellen einen gefaehrlichen einfluss, auf politik und wirtschaft ausgeuebt haben. akademische oekonomen haben in deutschland schon lange nichts mehr zu melden. in den usa war das anders, wird sich aber auch aendern ... eine positive erkenntnis der krise Evariste Galois | 20.05.2009 - 11:37
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5/27/2009
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Senol Cetinkaya kommentiert: Herr Prof., Lassen wir den Politikern politik machen und den Gelehrten die Lehre. Mich interesiert es sehr wie Sie zu den negatif Leitzinsen Debatten stehen? Haben Sie evtl. schon Modelle erarbeitet, wie die Wirtschaft bei -5 % Leitzinsen arbeiten würde? Modellvorschlag: Die CB's geben Geld nur an die Banken mit minus Zinsen. D.h. dass Bank A von CB ein Kredit in Höhe von 100 erhaelt und dafür 95 bezahlt und dass dieses Geld, genau dieses Geld in die Wirtschaft fliesen muss. Die Bank verkauft das Geld mit z.B. + 2 % Zinsen. Der Gewinn für die Bank liegt dann bei 7 %. Ist dass überhaupt machbar? Liegt nicht gerade dort evtl das Problem, die Banken vergeben kein Kredit, weil sie Angst haben dass es nicht wieder zurückbezahlt wird. Bzw. sie mit den Einlagen Risiken eingehen weil Aktionaere und Steuererwarter dies so wollen. Je höher das Risiko einer Investement umso höher der Gewinn (Maximierungsprinzip). Aber auf der anderen Seite, volklswirtschaftlich gesehen ist dass Geld gar nicht weg es ist in der Volkswirtschaft. Senol Cetinkaya | 20.05.2009 - 20:50
jan kommentiert: Soso, Herr Galois, das behaupten Sie also. Wenn Sie schon so einen Quark behaupten, können Sie wenigstens versuchen, ihn zu belegen? jan | 21.05.2009 - 12:11
Daniel kommentiert: Bezugnehmend auf Jan und Herrn Galois empfehle ich folgenden Beitrag - insbesondere den letzten Abschnitt. Er ist zumindet teilweise ein Hinweis auf das behauptete "Halbwissen" vieler Ökonomen: http://delong.typepad.com/sdj/2009/05/progress-in-macroeconomics.html Daniel | 21.05.2009 - 16:57
Dirk kommentiert: Diesen Beitrag habe ich oben ja schon einmal zitiert: "Does government spending crowd out private spending? How quickly can you increase government spending? If you got a A in college in Econ 1 you are an expert in this debate: fully an equal of Summers and Geithner. The bailout debate has also been conducted in terms that would be quite familiar to economists in the 1920s and 1930s. There has essentially been no advance in our knowledge in 80 years...." Dem widersprechen weder HU noch RB. :-) Dirk | 21.05.2009 - 18:55
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5/27/2009
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Hans Kolpak kommentiert: Bleibt die Frage, ob Regierungspolitiker an Vorgaben gebunden sind oder ob sie nur eine andere Sprache als Wirtschaftswissenschaftler oder Berater aus der Unternehmenspraxis sprechen. Mit Gefälligkeitsgutachten ist dem deutschen Volk wohl kaum gedient. Allein das geflügelte Wort: "Das ist politisch so gewollt!" deutet sämtliche Ignoranz von Fachwissen und fehlende Anwendung dessen an, was wirtschaftliches Handeln bedeutet. Das Bestechliche am kleinen Einmaleins der Betriebswirtschaft ist die unbestechliche Transparenz der Ergebnisse: 2 x 2 = 4. Das ist Mathematik für Puristen. Wer jedoch die ruinösen Folgen des Zinseszinses verschleiert, greift zu schwammigen Vokabeln aus einem Phrasendrescher. Was sind das für Leute, die aus solch einer Buchstabenwurst fachliche Kompetenz herauslesen? Hans Kolpak Partei der Vernunft Hans Kolpak | 21.05.2009 - 20:14
Senol Cetinkaya kommentiert: Folgender Witz ist unter türkischen VWL Akademikern z.zt. sehr beliebt: Ein Arbeitgeber sucht einen neuen Angestellten. Ein Mathematiker, ein Volkswirt und ein Betriebswirt(Buchhalter) bewerben sich. Beim Bewerbungsgespraech ruft der Chef, den Mathematiker ins Büro und fragt: "Wieviel ist 2 + 2= ?".Der Mathematiker antwortet schnell und praezise: " Vier." "Sind sie sich sicher?",fragt der Arbeitgeber. "100 prozentig." sagt der Mathematiker. Als naechster kommt der Volkswirt an die Reihe und muss die gleiche Frage beantworten. Er überlegt und sagt:" Mit 10 prozentiger Fehlerquote liegt der Mittelwert um die Zahl 4." Der Arbeitgeber bitet den Betriebswirt in sein Büro und stellt die gleiche Frage: " Wieviel sind 2 + 2.?". Der Betriebswirt steht sofort auf, schliesst die Jalousien am Fenster und Tür. Er schaut sich noch einmal vorsichtig im Büro um und flüstert dem Arbeitgeber ins Ohr: "Welches Ergebnis haetten Sie den gerne." Wen hat nach Ihrer Meinung der Arbeitgeber eingestellt.??? Senol Cetinkaya | 22.05.2009 - 18:57
Evariste Galois kommentiert: Jan, natuerlich kann ich dies auch belegen. Ich moechte als beispiel hier folgendes Skript anfuehren http://www.dynmod.vwl.uni-
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muenchen.de/studium/sommersemester09/theoriederfinanz/fm_3slides.pdf die kernaussagen sind die folgenden: "Suppose there is no arbitrage. Then asset markets are complete if and only if they possess a unique vector of state prices.Suppose markets are complete. Then an asset market equilibrium allocation is Pareto efficient." arbitrage verschwindet mit hoeherem handelsvolumen an der boerse. SPEKULATION IST GUT. um die maerkte zu kompletieren, muss jeder zustand bepreist sein (KREDIT-) DERIVATE SIND GUT. keine aussage uber gerechte verteilung, aber eine pareto effiziente wird dann erreicht. restriktive annahmen lassen nun leider kein "vielleicht" zu. viele oekonomen verlassen sich leider allzu sehr auf solche modelle. das ist nun mal gefaherlich wie man an der krise sieht. dahinter steckt auch eine billionenschwere industrie die sowas foerdert. es gibt sicherlich erweiterungen der modelle, aber grundlegend laesst sich dieser vorwurf nicht aus dem weg raeumen. Evariste Galois | 25.05.2009 - 15:54
Dirk kommentiert: Dieser Kritik kann ich jetzt nicht folgen. Kreditderivate, wie etwa die CDOs SIND (wenn handwerklich ordentlich gemacht) eine prima Sache. Wer hätte es gedacht, dass der Kapitalismus armen, mittellosen Menschen Kredite verschafft (Bisher kenne ich nur Linke Kritik von der anderen Seite nach der der arme Menschen diskriminiert würden und so keine Chance hätten). Der Kapitalismus ermöglicht auch armen Kredite. Das ist erstmal eine tolle Sache. Und obendrein versichern sich die Banken gegen den Ausfall, in dem Sie Kredite wie Lebensversicherungen bündeln. Und zudem ncoh in einem liquidem Wertpapier, so dass die Bank geringere Liquiditätsrisiken hat. An sich eine wunderbare Sache, die es auch Zukunft geben wird (zu Recht!) Das Problem ist oder war, dass man die Risiken, vor allen die Makro- oder Korrelatiosrisiken - falsch eingeschätzt hat. Hier, in der Tat, hat auch die Finanzmathematik versagt, bzw. wurde unzulässig und naiv verwendet. (da sie ja in mathematischer Form daherkommt, macht sie nur hypothetische Aussagen. Das hat aber nix mit der hier auch von mir kritisierten Makroökonomie zu tun. Dirk | 25.05.2009 - 23:36
Daniel kommentiert: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Instrumente des Kreditrisikotransfers grundsätzlich sinnvoll sind. Die meisten Praktiken werden auch die Krise überdauern. Natürlich wurde auch das Risiko falsch
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5/27/2009
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eingeschätzt, völlig richtig. Aber: Die Vergabe von NINJA bzw. NINA Loans(No Income, No Assets) war doch keine Geste des guten Willens seitens der Banken, sondern ein (vom Staat unterstützes und für die agierenden Banker jahrelang hoch profitables) System, das zusammenbrechen musste, sobald die Häuserpreise nicht mehr weiter ansteigen bzw. die Zinsen steigen. Ganz abgesehen von stochastischen Modellen und deren Anwendung - ein Gebiet, in dem ebenfalls erhebliche Fehler begangen wurden - hätte dieses Problem von den Akteuren beachtet werden müssen. Und Banken / Versicherer wie AIG haben Kredite und Kredtiportfolios (die darüber hinaus noch in xfacher Anzahl nur fiktiv existierten) versichert, obwohl sie bei Eintreten des Ausfallereignisses gar nicht zur Deckung in der Lage waren (und auch nicht zur Eigenkapitalunterlegung verpflichtet). Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Ich würde zum Thema Subprime-Krise und zum tieferen Verständnis der Geschäftsmodelle inbs. amerikanischer Banken folgende Lektüre empfehlen: Gary Gorton (Yale, FED Kansas City), The Panic of 2007, Link: www.kc.frb.org/publicat/sympos/2008/gorton.08.04.08.pdf Daniel | 26.05.2009 - 01:15
Evariste Galois kommentiert: sich versichern heisst ja erstmal nicht, dass das risiko weg ist, sondern dass es jemand anders hat, der bestenfalls besser damit umgehen kann, bzw. durch akkumulation von risiken die streuung minimiert. das ist theoretisch eine super sache und wird auch erfolgreich bei den meisten versicherungen angewendet. warum funktioniert dies aber nicht so bedenkenlos bei der buendelung von krediten und derivaten auf diese gebuendelten wertpapiere a la cds? nun, es funktioniert sehr gut bei strengen kriterien wie etwa den deutschen pfandbriefen. dort duerfen naemlich nur kredite verbrieft werden, deren restschuld maximal ca. 55 % des wertes der immobilie betraegt. relativ sichere sachen, die den banken zur refinanzierung dienen und weniger zum risikomanagemetn. wenn allerdings kredite mit mittlerer bzw. schlechter bonitaet verbrieft werden koennen, der gegenueber das risiko nicht kennt bzw. falsch einschaetzt, bzw sich selbst wieder versichern kann (durch cds etwa), diese cds dann wiederum aus reinen spekulationsgruenden gehandelt werden, dann geht das gut solange der markt liquide ist. wird er illiquide platzt die blase. das ist eine konsequenz dieses systems und dieser mechanismus wird sich auch in zukunft nicht aendern. der kapitalismus hat hier armen menschen kredite ermoeglicht. er hat sich aber auch selbst an den abrund getrieben und ohne staatseingriffe waere unser finanzsystem zusammengebrochen. ich sehe hier ein versagen im system, das sich auch so immer wieder wiederholen wird. was haben nun die oekonomen damit zu tun? wie ich schon schrieb, ist die bewertung dieser papiere ein problem in der praxis und hat nicht unbedingt was mit den oekonomen zu tun wenn man grosszuegig ist.
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5/27/2009
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die theoretischen argumente, dass dieser risikotransfer unsere wohlfahrt erhoeht, dass die finanzmaerkte am besten ohne regulierung (ueberspitzt) funtkionieren sind jedoch kernaussagen, die sich mathematisch herleiten lassen, nicht unbedingt mit der wirklichkeit uebereinstimmen und, wenn die oekonomen dies als absolute wahrheit promoten, gefaehrlich sein koennen. arroganz gepaart mit halbwissen ist hier eine gefahr fuer uns alle. ich hoffe die politik (vor allem die angelsaechsische) lernt daraus und man laesst die oekonomen im stillen kaemmerlein an makromodellen bauen, hoert ihnen auch weiterhin nicht zu und verleiht einmal jaherlich einen "nobelpreis" fuer die "errungenschaften", um sie ruhigzustellen. Evariste Galois | 26.05.2009 - 09:11
Dirk kommentiert: @Daniel "Aber: Die Vergabe von NINJA bzw. NINA Loans(No Income, No Assets) war doch keine Geste des guten Willens seitens der Banken," Muss es ja auch nicht. Auch das Eigeninteresse anderer kann mir zum Vorteil gereichen. "....sondern ein (vom Staat unterstützes und für die agierenden Banker jahrelang hoch profitables) System, das zusammenbrechen musste, sobald die Häuserpreise nicht mehr weiter ansteigen bzw. die Zinsen steigen." Das "sondern" lässt eigentlich einen Gegensatz erwartebhn, aber der kommt nicht.. Dirk | 26.05.2009 - 11:51
Michael kommentiert: Um es mal ganz platt zu sagen: Mir kommt das ganze wie ein riesiges Schneeballsystem vor. Den letzten beißen dabei die Hunde. Solange der Handel mit solchen Wertpapieren hohe Gewinne verspricht werden Menschen dazu bereit sein größte Risiken einzugehen. Da helfen die besten Risikomodelle nicht. Leider lernt der Kapitalismus seine Lektion nicht, das ist das gefährliche dabei. Michael | 26.05.2009 - 11:57
Dirk kommentiert: @Evariste Galois "die theoretischen argumente, dass dieser risikotransfer unsere wohlfahrt erhoeht, dass die finanzmaerkte am besten ohne regulierung (ueberspitzt) funtkionieren sind jedoch kernaussagen, die sich mathematisch herleiten lassen, nicht unbedingt mit der wirklichkeit uebereinstimmen und, wenn die oekonomen dies als absolute wahrheit promoten, gefaehrlich sein koennen. arroganz gepaart mit halbwissen ist hier eine gefahr fuer uns alle." Ich bin nicht sicher, ob Sie hier recht haben. Bezüglich des Bankensystems gibt es eine Reihe an Artikeln, die sich mit der Notwendigkeit der Regulierung beschäftigen. Und zwar meistens aus Moral Hazard Sicht. Da die Verluste einer Bank beschränkt sind, bestehe ein Anreiz zu hohe Risiken einzugehen. Jedenfalls argumentierten schon früher viele Ökonomen (Stiglitz, Krugman, Hellwig,...) für Regulierung im Finanzsystem. Jedenfalls der Banken.
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5/27/2009
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Seltsam ist jedenfalls, dass Rüttgers und Co auf einmal Hedgefonds regulieren wollen, obwohl die uns überhaupt keine Probleme machten (weil sie problemlos Pleite gehen können), während seine eigene, von ihm beaufsichtigte, Landesbank uns Milliarden kostet. Und ebenso seltsam ist, dass laut Regulierung der Value at Risk das bevorzugte Risikomaß ist, obwohl jeder weiss, dass es ungeignet ist. Gerne möchte ich wissen wie AIG das Risko ihres CDS Portfolios gemesse hat. Mit dem VaR? Dann ist klar, dass sie die Risiken übersehen haben (wobei man sich dann wider über die Dummheit wundern müsste). Was ich sagen möchte ist, ist, dass das Bild "Alle Ökonomen waren gegen Regulierung des Finanzsystems" nicht richtig ist. Und "freier Kapitalverkehr" ist zwar auch eine Deregulierung aber man sollte das Eintreten vieler Ökonomen (längst nicht aller) für eine solchen nicht als Forderung nach Deregulierung schlechthin verstehen. (Das betrifft aber nicht die Kritik an den Makromodellen, welche uns nicht ein Jota bei der Deutung oder gar Bewältigung dieser Krise weiterbringen. ) Dirk | 26.05.2009 - 12:03
evariste galois kommentiert: Dirk, ich denke man kann fast alles mit formalen, mathematischen methoden rechtfertigen. wenn ein oekonom etwas behauptet und ein anderer das gegenteil behauptet, muss einer recht haben. die wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand einen sechser im lotto hat ist auch sehr hoch, obwohl der einzelne lottospieler im blinden tappt. es gibt natuerlich auch vernuenftige oekonomen, die sich von modellen lossagen koennen, um konkrete politikempfehlungen zu geben. andere oekonomen koennen dies jedoch nicht und argumentieren streng nach ergebnissen aus simplen mathematischen modellen. auf solche oekonomen trifft die schaueblekritik recht gut zu und solche oekonomen befinden sich auch im umfeld von herrn uhlig. ich denke chile und die chicago boys dienen hier als ausgezeichnetes beispiel. aig muesste einiges an sicherheiten nachschiessen, als klar wurde, dass sie von den ratingagenturen herabgestuft wurden. diese liquiditaet hatte aig nicht, da eine herabstufung nicht in den modellen beruecksichtigt wurde. die kontrakte konnten auch nicht auf einen schlag verauessert werden, da der bestand einfach enorm war und der markt nach der lehmanpleite illiquide wurde. evariste galois | 26.05.2009 - 13:41
Daniel kommentiert: @Dirk Sind Sie der Meinung, dass die Kreditvergabe ohne Eigenkapital an Personen ohne Einkommen und ohne Vermögen eine gute Idee war. Wieso werden denn dann in Deutschland überhaupt Kreditwürdigkeitsprüfungen vorgenommen. Mein Punkt war, dass dieses System zusammenbrechen musste, weil es nur mit der Annahme gerechtfertigt werden konnte, dass Häuserpreis nicht fallen konnten. Mit Blick auf den extremen Preisanstieg in den Jahren vor Ausbruch der Krise musste jeder vernünftige Banker von einem baldigen Zusammenbruch ausgehen. Zur Reguierungsdebatte: Ich denke die einzige wirklich wirksame Maßnahme bezogen auf die Regulierung einzelner Banken
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(abgesehen von Bilanzierungsvorschriften) wäre es, die Banken zu zwingen, mehr Eigenkapital vorzuhalten. Deutlich mehr und v.a. nicht allein risikogewichtet sondern auch als Ratio. Das könnte die Anreizstrukturen positiv beeinflussen. Bei höheren EK-Quoten haben Aktionäre einen Anreiz, das Management zu geringeren Risiken zu drängen. Und alle Ansätze von risikogewichteten EK-Quoten hängen wiederum von mathematischen Modellen ab (im FAll von IRB nach Basel II handelt es sich ja um einen VaR-Ansatz, der - wie auch Sie sagten - ineffektiv ist). Und ökonomisch müsste doch gelten: Abgesehen von steuerlichen Aspekten und Insolvenzkosten dürfte die Kapitalstruktur irrelevant sein. In der Praxis mag das angers aussehen. Daniel | 27.05.2009 - 13:54
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