Erziehung und Unterricht am Ausgang des Mittelalters

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Erziehung und Unterricht am Ausgang des Mittelalters Powered By Docstoc
					      I.   Erziehung und Unterricht am Ausgang des Mittelalters (Die Vormoderne)

     II.   Die Pädagogik der Aufklärungszeit (Der Beginn der Moderne-16. bis 18. Jahrhundert)

    III.   Der erste „Traum“ von einem „Gemeinsamen Haus Europas“ und der Abschied von der Idee eines „Heiligen römische
           Reiches“ (Erziehung und Unterricht zur Zeit der napoleonschen Kriege)

    IV. Erziehung und Unterricht am Ende des „Heiligen römischen Reiches“ (Die Zeit der Suche nach nationaler Identität,
        Liberalismus und Pädagogik)

     V. Das „Jahrhundert des Kindes“ (Ellen Key) und der „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler)
        (Liberalismus, Christentum, Nationalsozialismus und Marxismus)

    VI. Erziehung und Unterricht an der Schwelle zur Jahrtausendwende (Menschenrechte, Integration, die Idee eines „Europas
        der Vaterländer“)

    I.         Erziehung und Unterricht am Ausgang des Mittelalters (Die Vormoderne)

Artes liberales - Sieben Freie Künste
Die "artes liberales" (lat. "freie Künste") bezeichnen in der Antike und im Mittelalter die Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur
Unterrichtung eines freien Mannes für nötig erachtet wurden. Darunter wurden die sogenannten " Sieben Freien Künste"
verstanden, d.h. für Lehrfächer bzw. Wissenschaften, deren Aneignung im Allgemeinen nicht dem Lebensunterhalt diente. Die
artes liberales umfassten einige Bestandteile der einst sehr hoch entwickelten und hochstehenden antiken Bildung und
Wissenschaft und stellten das gesamte theoretische Bildungs- und Wissensgut der niedergehenden Antike und fast des gesamten
Mittelalters dar. Frühmittelalter wurden die artes liberales als notwendige Vorstufe zu den theologischen Studien angesehen.
Nach der Entstehung und Herausbildung der Universitäten im 12. Jahrhundert und 13. Jahrhundert wurden sie der sogenannten
Artistenfakultät als Propädeutik zur Philosophie gelehrt und galten als obligatorische Vorbildung für das Studium der
Jurisprudenz, der Medizin und der Theologie. Aus den Artsitenfakultäten sind die späteren philosophischen Fakultäten der
Universitäten hervorgegangen. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts bildeten die artes liberales die eigentliche Wissenschaft, waren
sie die Summe des mittelalterlichen Bildungsgutes. Erst das Eindringen des antiken und arabischen Wissensgutes in die
westeuropäische feudale Welt beendete die ausschließliche Vorherrschaft der "Sieben Freien Künste" als alleiniger Wissenschaft.

Aufbau des Bildungssystems:
Die sieben freien Künste sind die in Antike und Mittelalter gelehrten sieben klassischen Studienfächer.
Die Freien Künste (artes liberales), die gegenüber den praktischen Künsten (Artes mechanicae) höher bewertet
wurden, waren:
         Grammatik,
         Dialektik,
         Rhetorik,
         Geometrie,
         Arithmetik,
         Astronomie und
         Musik.

Sie wurden personifiziert in Form von weiblichen Allegorien und mit folgenden Attributen dargestellt:
Grammatik - Rute
Dialektik - Schlange
Rhetorik - Tafel & Griffel
Geometrie - Zirkel
Arithmetik - Rechenbrett
Astronomie - Astrolabium
Musik - Musikinstrument

Im Mittelalter wurden die Freien Künste in Klöstern gelehrt. Man unterschied das Grundstudium (Trivium) und das
weiterführende Quadrivium.

Zum Trivium gehörten die sprachlichen Fächer
       Grammatik (mit Literatur),
       Dialektik oder Logik und
       Rhetorik (mit Recht und Ethik).

Zum Quadrivium gehörten die mathematischen Fächer
      Arithmetik,

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        Geometrie (die Geographie und Naturgeschichte beinhaltete),
        Astronomie, in der auch Astrologie behandelt wurde, sowie
        Musik, insbesondere Kirchenmusik.

Nach Abschluss des Quadriviums erhielt der Schüler den akademischen Grad eines Magisters der Künste. Mit dem Aufkommen
des Humanismus, besser gesagt Renaissance-Humanismus und der Aufklärung wurde die klassische Fächeraufteilung weitgehend
aufgegeben. Dennoch basierten die Studia humanitatis auf dieser.

Als Merkvers für die Sieben artes liberales diente in früheren Zeiten das folgende lateinische Epigramm: „Gram loquitur, Dia
verba docet, Rhe verba ministrat / Mus canit, Ar numerat, Geo ponderat, Ast colit astra“ (dt.: "Die Grammatik enthält die Sprache,
die Dialektik erklärt die Worte, die Rhetorik lehrt das Reden / Die Musik singt, die Arithmetik zählt, die Geometrie misst das
Gewicht, die Astronomie behandelt die Sterne")

Die sieben „freien Künste“ waren der Bildungsweg für Gelehrte und Kleriker. Im Mittelalter war Schulbildung nur für angehende
Geistliche vorgesehen und fand vor allem in Klöstern statt. Unterrichtssprache war das Kirchenlatein. Dieses didaktische System
fand seit dem 14. Jahrhundert statt.

         Einschub: Geschichte der Universität
                    Mittelalterliche Universitäten
         Die ersten Universitäten, welche nach heutigem Sprachgebrauch jedoch nur einzelne Fakultäten waren, finden wir im
         11. Jahrhundert in Italien; es waren die Rechtsschulen zu Ravenna, Bologna und Padua und die medizinische Schule zu
         Salerno. Festere korporative Verfassung als Hochschule, obwohl immer noch klerikaler Art, errang zuerst die
         Universität zu Paris, die seit dem 12. Jahrhundert die Führung auf dem Gebiet der Theologie und Philosophie
         übernahm, und als die eigentliche Heimat der Scholastik bezeichnet werden muss. Die Universität zu Paris wurde
         Ausgangspunkt und Muster für fast alle abendländischen Universitäten, besonders die englischen, unter denen Oxford
         durch eine Auswanderung aus Paris unter der Königin Blancha von Kastilien (1226-36), der Ehefrau Ludwig IX.
         mindestens erst zu höherer Bedeutung gelangte, und die deutschen. Eine mit besonderen staatlichen und
         kirchlichen Privilegien ausgestattete Fakultät bildeten freilich schon früher die Juristen in Bologna.
         Als die Bedeutung dieser Körperschaften für das geistige Leben der Völker wuchs, nahmen die Päpste die
         Schutzherrschaft über die neuen Anstalten in Anspruch und dehnten den besonderen Gerichtsstand, welchen die Kirche
         für ihre Angehörigen besaß, auch auf die weltlichen Universitätsangehörigen aus.

In Ravenna ließ Kaiser Justinian eine Rechthochschule gründen. _ daraus entwickelte sich eine Universität mit dem
Schwerpunkt Recht.

1224  Landesfürsten errichten Medizinhochschule
1365  Rudolf der Stifter: Gründung der 2ten deutschen Universität in Wien (1365) erste deutsche Universität: Prag; gegründet
von Karl IV (1348)

Die mittelalterliche Fakultät war eine Durchgangsfakultät. Philosophische Fakultät = „Artistenfakultät“
Der wichtigste akademische Grad war das magisterium, einschließlich einer Lehrbefugnis an einer Universität und der Befugnis,
an einer der drei höheren Fakultäten zu studieren (Doktorat) Das erste Studienjahr nennt man trivium mit den Fächern Grammatik,
Dialektik, Rhetorik. Das zweite Studienjahr nennt man quadrivium, mit den Fächern Arithmetik, Geometrie, Astronomie und
Harmonik.
All diese Unterrichtsfächer wurden in 4 Jahren gelehrt.
(daher auch das Wort trivial = primitiv)

Bildung für Kaufleute:

Der kaufmännische Nachwuchs besuchte zunächst Kloster- und Domschulen, der kaufmännische Schriftverkehr im 14.
Jahrhundert was hauptsächlich in Latein; durch die starke Ausbreitung war die Muttersprache erforderlich  es wurden Schule
gegründet „deutsche Stadtschulen“, in denen schreiben, lesen und rechnen gelehrt wurde

Bildungsweg für Handwerker:

Handwerker hatten einen dreistufigen Ausbildungsgang:
       Lehrling
       Geselle
       Meister

Ihre handwerkliche Ausbildung bestand im Vor- und Nachmachen, Schrift lernten sie nicht.




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Bildung des jungen Adels:

Der junge Adel distanzierte sich von Klerus. Sie hatten keine schriftliche Erziehung sondern eine militärische und administrative.
Der Lehrablauf vollzog sich in sieben Fächern, in den „septem probitates“ = „die 7 ritterlichen Künste“:
        Reiten
        Schwimmen
        Pfeil schießen
        Fechten
        Jagen
        Schach spielen
        Verskunst (Minnesang)

Auch hier war es ein dreistufiger Ausbildungsweg:
        Page, Junker
        Knappe
        Ritter

Bildung der ländlichen bäuerlichen Bevölkerung:

Die Gesellschaft der bäuerlichen Bevölkerung wurde durch Hineinwachsen und Mittun gelehrt. Eine planmäßige Ausbildung gab
es bis weit über das Mittelalter hinaus keine für sie.

     II.       Die Pädagogik der Aufklärungszeit (Der Beginn der Moderne-16. bis 18. Jahrhundert)

KIoster- und Stadtschulen wurden ausgebaut und neu gegründet. Es gab Gelehrten- und Lateinschulen, sogar schon Schulen unter
dem Begriff „Gymnasium“.

Allgemein
Die Anfänge des gehobenen Unterrichts waren im Mittelalter Kloster- und Stadtschulen. Die waren meist kirchliche
Einrichtungen und dienten vor allem der Ausbildung angehender Priester. In den protestantischen Gebieten wurden mit der
Reformation im 16. Jahrhundert häufig auch diese Schulen in Lateinschulen umgestaltet. Die Schulaufsicht wechselte damit zu
den Landesfürsten oder den Räten der Stadt. Hauptziel der Schulausbildung blieb weiterhin der Erwerb Lateinischer
Sprachkenntnisse. Erst im 18. Jahrhundert wurden auch moderne Sprachen und Naturwissenschaften Unterrichtsfächer in der
Schule.

Die Lateinschule dauerte 6 Jahre, danach 2 Jahre die Artistenfakultät und 2 Jahre Medizinische Fakultät oder Juridische Fakultät
oder Theologische Fakultät. Nicht jede Stadt konnte sich voll ausgebaute Lateinschulen leisten, es gab auch Lateinschulen die nur
vier Jahre dauerten. Für die Gemeinderäte waren diese 4 Jahre Ausbildung ausreichend um lesen und kaufmännisches
Rechnen zu erlernen  Vorbildung für den Beruf

Ab dem 18. Jahrhundert wurde Erziehung zum ersten Mal Gegenstand der Wissenschaft.

     II.       1. Jan Komensky (1592- 1670)
auch Johannes Amos Comenius
* 28. März 1592 in Südostmähren; † 15. November 1670 in Amsterdam), war ein Philosoph, Theologe und Pädagoge.
1614-1617 wirkte er als Lehrer an der Brüderschule in mährischen P_erov (Prerau). 1616 wurde er zum Priester der Brüder
geweiht. 1618-1621 war er Pfarrer in Fulnek. Nach der Schlacht am Weißen Berg (1621) hielt er sich versteckt und musste
schließlich 1628 das Land verlassen. Er ließ sich in Lissa in Polen nieder. 1641-1642 unternahm er eine wichtige Reise nach
England. 1642 kehrte er über die Niederlande, Deutschland und Schweden ins von Schweden kontrollierten Elbing zurück. Dort
war er seit 1644 Professor des Elbinger Gymnasiums und unternahm mehrere Reisen nach Deutschland und Schweden. 1648
wurde er zum ersten Bischof der Brüder-Unität ernannt und kehrte dann nach Lissa zurück. In Lissa heiratete er 1649 zum dritten
Mal. 1650 fuhr er dann auf Einladung der in Siebenbürgen regierenden Rákóczis (mit zahlreichen Aufenthalten in Mähren und der
Slowakei) nach Sárospatak (damals in Siebenbürgen). In Sárospatak war er mit der Reformierung der fürstlichen lateinischen
Schule beauftragt. Nach dem Tod des Fürsten Sigismund Rákóczi (1652) musste Comenius allerdings Siebenbürgen wieder
verlassen und kehrte 1654 über die Slowakei und Schlesien nach Lissa zurück, wo er bis zur Zerstörung der Stadt durch polnische
Soldaten im Jahr 1656 blieb. Danach lebte er bis zu seinem Tode in Amsterdam. Gestorben ist er entweder am 15. November oder
am 25. November, der 15. ist wahrscheinlicher (der Unterschied ergibt sich daraus, dass in der Gegend damals sowohl der
gregorianische, als auch der julianische Kalender verwendet wurde). Sieben Tage später wurde er am 22. November 1670 in
Naarden begraben.

Ansichten:
Im Mittelpunkt seiner Pädagogik steht eine christlich humanistische Lebensgestaltung. Die drei philosophischen Grundprinzipen
der Pädagogik von Comenius sind: "omnes, omnia, omnino" (lat.), d.h. "allen Menschen alle Dinge der Welt in grundlegender

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Weise beizubringen". Comenius glaubte an das Ideal des zwangsfreien Unterrichts was er in seinem Motto: "omnia sponte fluant,
absit violentia rebus" (lat.) d.h. "Gewalt sei fern von den Dingen, alles fließe aus eigenem Antrieb", welches auf der Titelseite von
"Orbis sensualium Pictus" erscheint, manifestierte. Comenius sah Pädagogik als eine rettende Kraft, welche die Menschheit durch
die Ausbildung der Jugend zur Weisheit aus dem Verderbnis des 30-Jährigen Krieges wieder herausführen sollte. Als
Lernprinzipien stellte er Lernen durch Tun, Anschauung vor sprachlicher Vermittlung, Muttersprache vor Fremdsprache, Beispiel
(Vorbild) vor die Worte.
In seinen didaktischen Werken forderte Comenius allgemeine Reform des Schulwesens mit einer Schulpflicht für Jungen und
Mädchen mit einer einheitlichen Schulausbildung bis zum 24. Lebensjahr, Anschaulichkeit und Strukturierheit des Unterrichts,
Bezug des Unterrichts zum Alltag, Anschaulichkeit im Unterricht und vieles mehr. Viele Prinzipien sind auch heute ein
Bestandteil des Bildungssystems. Comenius ist der Begründer der Didaktik. Er entwickelte die erste systematisch aufgebaute
Didaktik der Neuzeit.

Die göttliche Weltordnung offenbart sich dem Menschen in drei Büchern:
         Buch von den Werken Gottes (Natur/ Wissenschaft)
         Wort Gottes in der Bibel (Religion)
         Vernunft als Gottesebenbild, die als Mikrokosmos die Welt trägt (Politik)

Sein pädagogisches Hauptwerk ist die „Didactica magna“ (Große Unterrichtslehre), eine der wichtigsten Schriften in der
Geschichte der Didaktik. Untertitel: „Omnes omnia docere artificium“ (Die Kunst, allen alles zu lehren)
Didaktik im engeren Sinn beschäftigt sich mit der Theorie des Unterrichts, in einem weiteren Sinne mit der Theorie und Praxis
des Lehrens und Lernens.
Gott hat uns alle nach seinem Ebenbild geschaffen, es steht allen Menschen zu, unabhängig von Abstammung, Alter, Geschlecht,
… zu lernen. (1. Gedanke der Gleichheitsbildung)
Comenius entwirft ein Idealbild der Schule, Schule ist für ihn ein Ort, an dem der Mensch durch einsichtiges Lernen in
Unversehrtheit in den Ursprung zurückführt. (Nach Comenius gibt es auch keine Erbsünde) Konzept eines umfassenden
Bildungssystems in 4 Entwicklungsstufen die je 6 Jahre umfassen:
O bis 6 Jahre       Kindheit – Mutterschoß – Mutterschule
6 bis 12 Jahre      Knabenalter – Elementarschule – Muttersprachschule
12 bis 18 Jahre     Jüngling – Lateinschule
18 bis 24 Jahre     Mannesalter – Akademie

Dies was die erste Gesamtschulidee, allerdings waren Frauen davon ausgenommen.

Zeit des Umbruchs der Schulen, es erkennt auch der Adel die Bedeutung der Schule. Nun stützt man sich nichtmehr auf die
„pfäffischen Künste“ – man gründet eigen Schulen. Neue Formen des Unterrichts entstehen zwischen dem 16. und 18.
Jahrhundert für den Adel.

     II.       2. Ritterakademien

1589 Collegium illustre
Hohe Karlsschule gegründet 1775 (letzte). In Wien gründet 1746 Maria Theresia eine Ritterakademie, die Jesuiten führten diese
Anstalt, das „ Collegium nobislium Theresianum“

Die Ritterakademien waren die modernen Erziehungsanstalten. Es wurden folgende Fächer unterrichtet:
         moderne Sprachen (natürlich aber auch Latein)
         Mathematik
         Naturwissenschaften
         Arichitektur (typisch für Ritterakademien)
         Geschichte
         Rechtskunde
         Moderne Philosophie
         Selbstbeherrschendes Verhalten („urbanitas“; zum Beispiel: Gesellschaftstanz, Benimm- und Höflichkeitsformen)

Vor allem im 19. Jahrhundert sind die Ritterakademien eines „natürlichen Todes“ gestorben  Privatunterricht, Verlagerung in
Gymnasien.

           Einschub: der mathematische Turm
           Mathematischer Turm, ältestes Hochhaus Europas, 1749-58 vom Stift Kremsmünster nach Plänen von Anselm Desing
           errichtetes, 50m hohes, Bauwerk. Die Kuppelräume dienten den astronomischen und meteorologischen Beobachtungen
           (Wetteraufzeichnungen seit 1763). In den Sälen sind jetzt die 1975/76 neu aufgestellten naturwissenschaftlichen
           Stiftssammlungen untergebracht. An den Stiegenwänden hängen 240 Porträts von Mitgliedern der 1789 aufgelassenen
           Ritterakademien. www.stift-kremsmuenster.at/sternw.htm



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     II.       3. Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)

*28. Juni 1712 in Genf, † 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris
Kindheit und Jugend
Rousseau wurde geboren in Genf als Sohn eines protestantischen Uhrmachers französischer Herkunft. Seine Mutter starb bald
nach seiner Geburt und auch sein Vater verschwand aus seinem Leben, als er 10 war, so dass er eine unstete Kindheit und Jugend
hatte und ziemlich herumgeschubst wurde. Mit 12 wurde er Lehrling bei einem Gerichtsschreiber, später bei einem Gravierer, der
ihn wegen seiner Bockigkeit schlug. Als er 1728 bei der abendlichen Rückkehr von einem Sonntagsspaziergang die Genfer
Stadttore verschlossen fand, ging er kurz entschlossen auf Wanderschaft und geriet über einen Priester an die Fromme Mme de
Warens in Annecy (Savoyen), die gerade zum Katholizismus konvertiert war. Diese nahm ihn auf und schickte ihn bald weiter
nach Turin in das Hospice des catéchumènes (ein Internat zur religiösen Umerziehung), wo er sich bekehren und katholisch taufen
ließ, was er später aber widerrief.
Zurück in Annecy besuchte er auf Wunsch von Mme de Warens das dortige Priesterseminar, brach jedoch bald ab, weil er lieber
Musiker werden wollte. Bei dem Kapellmeister, der ihn sein Handwerk lehren sollte, hielt er es aber auch nicht aus. Nach zwei,
drei Jahren unsteter Wanderschaft (unter anderem marschierte er zu Fuß nach Paris – und enttäuscht zurück) kroch er 1731 wieder
bei Mme de Warens unter, die ihn nun wie einen Ziehsohn aufnahm. Bei „maman“ las er, musizierte und begann zu schreiben.
Auch wurde er – etwas widerstrebend – von ihr in die Anfangsgründe der Liebe eingeführt. Nach acht glücklichen und für seine
Bildung sehr fruchtbaren Jahren erhielt er jedoch einen Rivalen in Gestalt des neuen Sekretärs von Mme de Warens.

Mühsame Anfänge und erster Ruhm
Rousseau war einige Zeit Hauslehrer in Lyon und ging dann (1742) nach Paris. Er begleitete 1743 als Privatsekretär den
französischen Botschafter nach Venedig, hielt es aber wieder einmal nicht aus und kehrte 1744 zurück nach Paris. Hier fand er
nun Anschluss an andere junge Intellektuelle, insbesondere Denis Diderot und Melchior Grimm. Über Diderot und Grimm erhielt
er Zutritt zu einigen Salons, blieb dort meist jedoch frustrierter Zaungast, da er nicht brillant parlieren konnte. Auch privat machte
er sich eher unglücklich: 1745 liierte er sich mit der Dienstmagd Thérèse Levasseur, die, da er kaum Geld verdiente, arbeiten
musste und deshalb ihre fünf gemeinsamen Kinder nach der Geburt bei den Findelkindern (Enfants trouvés) ablud, wo sie
vermutlich, wie die meisten so entsorgten Säuglinge, nicht überlebten.
1749 besuchte Rousseau den in der Festung Vincennes inhaftierten Diderot und las unterwegs im Mercure de France die
Preisfrage der Académie von Dijon: „Hat die Renaissance der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu
reinigen?“ Er hatte die provokante Idee, die Frage zu verneinen, und schreib seinen Discours sur les Sciences et les Arts
(Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste, 1750), worin er die nach Luxus strebende zeitgenössische europäische
Gesellschaft in die sittliche Dekadenz abgleiten sieht. Der Diskurs lief den optimistischen Vorstellungen der meisten
Intellektuellen der Zeit zwar völlig entgegen, fiel aber trotzdem auf erstaunlich fruchtbaren Boden. Rousseau erhielt den ersten
Preis und wurde über Nacht berühmt. 1752 wurden mit Erfolg seine Opber Le Devin de village (der Dorfwahrsager) und seine
Komödie Narcisse aufgeführt. Er hätte sich nun etablieren können und sollte sogar am Hof eingeführt werden, doch lehnte er das
ab und mutierte zum Natur-Apostel.
1754 reiste er nach Genf, nahm dort die Staatsbürgerschaft wieder an und schwor dem Katholizismus ab. 1755 machte er sich bei
der Staatsgewalt und allen Etablierten verdächtig mit seinem Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les
hommes (Abhandlung über Ursprünge und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen), der die Antwort war auf eine
weitere Preisfrage der Académie von Dijon: „Was ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen und wird sie vom
Naturrecht erlaubt?“ Rousseau, der kleinbürgerliche Habenichts, erklärt hierhin die soziale Ungleichheit aus der Herausbildung
der Arbeitsteilung und der dadurch ermöglichten Aneignung der Erträge der Arbeit Vieler durch einige Wenige, die anschließend
auch die Herrschaft okkupieren und autoritäre Staatswesen organisieren, um ihren Besitzstand zu schützen. Rousseau wurde mit
dieser wahrhaft revolutionären Schrift einer der Väter des europäischen Sozialismus.

Denken
Rousseau macht die Gesellschaft dafür verantwortlich, dass der Menschheit die natürlichen Stärken verloren gingen. Die
Gesellschaft dient dem einzigen Zweck, Eigentum und Macht der Besitzenden zu sichern. Das Eigentum führt jedoch zu
Ungleichheit und Unfreiheit. Er fordert, dss den Menschen die „Ungewissheit, die Unschuld und die Armut“ zurückgegeben
werden solle, damit sie von den Übeln des wissenschaftlichen Fortschritts erlöst sei. In seinen Werken setzt er sich mit dem
Problem auseinander, wie eine Erziehung ohne negative Beeinflussung durch die Gesellschaft möglich sein könnte (siehe sein
Werk: Emile oder Über die Erziehung). Damit beeinflusste er u.a. Leo Tolstoi und dessen Bauernschule von Jasnaja Poljana.
Anders als die Masse der Aufklärer fordert Rousseau nicht, den Verstand zu gebrauchen. Vielmehr will er den Menschen dazu
bringen, auf sein Gefühl zu vertrauen. Da für ihn jeder Mensch ein natürliches Kontrollorgan (Gewissen) besitzt, haben
Entscheidungen, die er unbeeinflusst trifft stets gute Absichten. Die Übel, die man in der Welt findet, sind auf Handlungen
zurückzuführen, die von der Gesellschaft beeinflusst wurden. Der Mensch ist ergo durch die Vergesellschaftung ein Gefangener
geworden. Aus diesem Grund forderte Rousseau die Volkssouveränität, da „der Gehorsam gegenüber dem Gesetz, das man sich
selbst vorschreibt, Freiheit sei“.

Pädagogik
In Rousseaus pädagogischen Hauptwerk „Emile oder über die Erziehung“ wird die fiktive Erziehung eines Zöglings (Emile)
Rousseaus beschrieben. Die Erziehung beginnt im Kindesalter und erstreckt sich bis zum ca. 25. Lebenjahr, dann heiratet Emile
seine Sophie. Die Kindheit ist zunächst das Alter der Natur, in dieser Zeit lernt Emile v.a. die Naturwissenschaften kennen. Dann
folgt der Abschnitt der Pubertät und schließlich das Alter der Vernunft: die Jugendzeit. Erst jetzt kann man an den Zögling mit

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geistigen „Inhalten“ (Philosophie, Religion, Politik) herantreten. Viele Pädagogen nach Rousseau verkennen die Bedeutung die er
der Natur beimisst und setzten Erziehung mit Entwicklung gleich (z.B. Maria Montessori, Ellen Key). So wie sich die Natur
selbständig entwickelt soll sich auch das Kind einfach entwickeln und jegliche Eingriffe von außen sind zu unterlassen.
Rousseau versteht unter „natürlicher Entwicklung“ aber die Herausbildung der menschlichen Vernunft und nicht die Entwicklung
eines urwüchsigen Wilden der in der Natur haust. Rousseau betont zwar immer wieder die Selbständigkeit des Zöglings der sich
vieles selbst aneignet (das Ziel, das der Erzieher vor Augen hat, ist ihn zum Menschen zu erziehen und das ist schwierig genug)
wenn es denn für ihn nützlich ist; die eigentliche Kunst der Erziehung aber besteht darin, dass der Zögling nur das will was er
wollen soll. Er wird also doch indirekt durch den Erzieher Rousseau geleitet.
Seine Theorien besonders bezüglich der Erziehung beeinflussten wichtige Persönlichkeiten wie Giovanni Bosco
und Johann Heinrich Pestalozzi.

Kurzfassung:

Rousseau beteiligte sich an einem Preisausschreiben der Akademie von Dijon, Frage: „Hat der Fortschritt der
Wissenschaft und Künste zur Reinigung der Sitten beigetragen?“
Rousseau verneinte diese Frage und erhielt 1750 dafür den ersten Preis.
Er schrieb weitere philosophische Stücke bis 1762.
Seine beiden Hauptwerke:
„Der Gesellschaftsvertrag“ und
„Emile oder über die Erziehung“
1778 ist Rousseau gestorben, „der Gesellschaftsvertrag“ ist Höhepunkt seiner politischen Philosophie. Der erste
Satz stellt Rousseaus Programm des Buches dar (war früher so üblich): „Der Mensch wird frei geboren und liegt überall in
Ketten.“
Der erste Satz aus der zweiten Hauptschrift „Emile oder über die Erziehung“ lautet: „Alles ist gut wie es aus den Händen des
Schöpfers kommt. Alles entartet unter den Händen des Menschen.“
Rousseau sieht in der Aufgabe des Erziehers den „Heranwachsenden von verderblichen Einflüssen der Erdenwelt zu bewahren“.
Erziehung soll nur darüber wachen, dass die Autonomie des Zu- Erziehenden bewahrt wird- „Erziehung des Wachsenlassens)
(Begriss wurde im 20. Jahrhundert geprägt). Rousseaus Pädagogik ist „negative Erziehung“, wobei negativ hier nicht wertend
gemeint ist, es bedeutet, der Erzieher soll nicht führend eingreifen. Erziehung soll auf dem Lande geschehen!
Zu unterscheiden ist Rousseaus Erziehungsbegriff mit dem von Kant.

    II.        4. Immanuel Kant (1724- 1804)

*22. April 1724 in Königsberg, Ostpreußen; † 12. Februar 1804, Königsberg

Leben
Als viertes Kind eines Riemermeisters stammt er aus einfachen Verhältnissen. Sein Elternhaus war stark pietistisch geprägt, seine
Mutter für Bildung sehr aufgeschlossen. So kam er 1732 an das Friedrichskollegium, wurde gefördert und begann bereits 1740
mit dem Studium an der Albertina, der Königsberger Universität. Obwohl für Theologie eingeschrieben interessierte sich Kant
sehr stark für die Naturwissenschaften und wurde durch den Professor für Logik und Metaphysik, Martin Knutzen, mit den
Lehren von Leibniz und Newton bekannt gemacht. Nach Abschluss des Studiums 1746 verdiente Kant sich für neun Jahre seinen
Lebensunterhalt als Hauslehrer. Er war zunächst Hauslehrer bis ca. 1750 bei dem reformierten Prediger Daniel Ernst Andersch
(tätig ab 1728 - 1771) in Judtschen bei Gumbinnen, einer Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler. Wir finden
ihn als Taufpaten im dortigen Kirchenbuch, wo er 1748 als 'studiosus philosophiae' bezeichnet wird. Dann wurde er Hauslehrer
bis ca. 1753 auf dem Gut des Majors Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß- Arnsdorf bei Mohrungen.
Zeitgleich mit der Veröffentlichung seiner ersten wichtigen Schrift mit dem Titel „Allgemeine Naturgeschichte und der Himmel“
(1755) wurde Kant Privatdozent in Königsberg und nahm eine umfangreiche Lehrtätigkeit auf. Zu den Themen gehörten Logik,
Metaphysik, Anthropologie, Moralphilosophie, natürliche Theologie, Mathematik, Physik, Mechanik, Geographie, Pädagogik und
Naturrecht. Seine Vorlesungen hatten einen hohen Zuspruch. Johann Gottfried Herder, der 1762-64 bei ihm hörte, schrieb später
darüber: Mit dankbarer Freude erinnere ich mich aus meinen Jugendjahren der Bekanntschaft und des Unterrichts eines
Philosophen, der mir ein wahrer Lehrer der Humanität war (...) Seine Philosophie weckte das eigne Denken auf, und ich kann mir
beinahe nichts Erleseneres und Wirksameres hierzu vorstellen, als sein Vortrag war. Eine erste Bewerbung auf den Lehrstuhl für
Logik und Metaphysik im Jahre 1759 schlug fehl. Einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Dichtkunst lehnte Kant 1762 ab. Dennoch
hatte Kant seine damals weltoffene Heimatstadt Königsberg so gut wie nie verlassen. So schlug er auch die Gelegenheiten aus,
1769 in Erlangen und 1770 in Jena zu lehren, bevor er im Jahr 1770 endlich im Alter von 46 Jahren den von ihm immer
angestrebten Ruf der Universität Königsberg auf die Stelle eines Professors für Logik und Metaphysik erhielt. Auch den mit einer
deutlich höheren Vergütung verbundenen Ruf an die damals berühmte Universität von Halle lehnte er im Jahre 1778 trotz der
besonderen Bitte des Kultusministers von Zedlitz ab. 1786 und 1788 war Kant Rektor der Universität in Königsberg. 1787 wurde
er in die Berliner Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Die letzten 15 Jahre seines Lebens waren gekennzeichnet durch
den sich stetig zuspitzenden Konflikt mit der Zensurbehörde, die der preußische König Friedrich Wilhelm durch seinen neuen
Kultusminister Wöllner
(Nachfolger Zedlitz nach dem Tode König Friedrich II) leitet. Kant hielt seine Lehrtätigkeit bis 1796 aufrecht, erhielt aber die
Weisung, sich seiner religiösen Schriften zu enthalten, da sie deistisches und sozinianisches Gedankengut verbreiten würden,
welches nicht Bibelkonform sei. Hierauf beklagte sich sein Freund, der Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift in Berlin,

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Johann Erich Biester, beim König, der aber seine Beschwerde ablehnte. Kant befolgte einen streng geregelten Tagesablauf:
Morgens um fünf Uhr steht er auf und geht um 22 Uhr zu Bett. Zum Mittagessen lädt er meist Freunde ein und pflegt die
Geselligkeit, vermeidet dabei aber philosophische Themen. Außerdem macht er täglich zur gleichen Zeit einen Spaziergang.
Seinem Hausdiener namens Lampe schrieb Heinrich Heine in seinem Werk „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in
Deutschland“ scherzhaft einen Einfluss auf Kants Philosophie zu: „Der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme
Mensch nicht glücklich sein - das sagt die praktische Vernunft - meinetwegen - so mag auch die praktische Vernunft die Existenz
Gottes verbürgen.“ Infolge dieses Arguments unterscheidet Kant zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, und mit dieser,
wie mit einem Zauberstäbchen, belebt er wieder den Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.
Kant verbrachte nahezu sein ganzes Leben in Königsberg, wo er auch 1804 fast 80-jährig starb. Sein Grabmal befindet sich am
Königsberger Dom.

Kants Bedeutung liegt eher auf Philosophie, er hat aber 2 Jahre lang in Königsberg in seinen
Philosophievorlesungen Pädagogik gelesen.

Hauptwerk Kants: „Kritik der reinen Vernunft“ (1781)
Kant unterschied darin zwischen zwei Begriffen:
          transzendent = das Übersinnliche (Frage nach Gott)
          transzendental = die Untersuchung der Möglichkeit einer jeden Erfahrung (bezieht sich auf das
Erkenntnisvermögen)
Transzendent und transzendental sind nicht deckungsgleich, sondern streng zu unterscheiden. Will man diesen Unterschied mit
pointierter Verkürzung formulieren, so versteht man unter Transzendenz das denkende über sich Hinausgehen. Dies ist vor allem
im Platonismus das Motiv, welches als Ziel des Denkens das Eine als den Ursprung des Kosmos anvisiert. Transzendental
hingegen bezeichnet die kantsche Umkehrung dieses Motivs zu einem in sich Hineingehen, um vor dem Denken zuerst die
Möglichkeiten des Denkens zu erfahren. Analog zum Ziel des Einen in der Transzendenz steht bei Kant das Selbstbewusstsein des
Denkenden Subjekts. Eine transzendentale Erkenntnis beinhaltet die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung,
befasst sich also mit den Voraussetzungen ihrer Möglichkeit (vor aller Erfahrung bzw. Erkenntnis liegend, diese aber erst
ermöglichend, bedingend), und so definiert Kant den Begriff transzendental wie folgt:
"Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnis von
Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, beschäftigt". (Kritik der reinen Vernunft) Kants Philosophie nennt man
auch Transzendentalphilosophie. Transzendentalphilosophie befasst sich mit den im menschlichen Subjekt vor aller Erfahrung
liegenden Quellen der Erkenntnis.
Kant fragt nicht nach den Objekten der Erkenntnis, sondern nach der dem Subjekt innewohnenden Befähigung, dem
Erkenntnisvermögen, seinen Möglichkeiten und Grenzen. Transzendental nennt er "die Untersuchung der Möglichkeit einer jeden
Erfahrung" - eine Untersuchung, die sich auf das Erkenntnisvermögen bezieht. Der Begriff 'Transzendent' hat dagegen den
Sinninhalt des Überschreitens aller möglichen Erfahrung. Transzendentalphilosophie bezeichnet die von Immanuel Kant
eingeführten Ausdrücke für die “übergreifende” (transzendierende), d. h. reflexive Bewegung weg von der unmittelbar
gegenstandsgerichteten Betrachtung zur Analyse unserer Beziehungen auf die Gegenstände. Transzendentalphilosophie stellt also
ein Beziehungsdenken und die wissenschaftliche Kultivierung der theoretischen Reflexion dar. Diese transzendentale Wende
bedeutete eine “kopernikanische Revolution” in der Philosophie und war der große Durchbruch (nach Descartes’ Ansatz beim
Selbstbewußtsein) zu Philosophie als Selbstentfaltung der methodischen Reflexion.

In der „Kritik der reinen Vernunft“ weist Kant darauf hin, dass Lernen mehr sein sollte als auswendig lernen. Es geht um
selbstständiges Denken, um Selbstbestimmung und Freiheit.

In seinem zweiten Hauptwerk „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) legt Kant dar, dass der Mensch in sich das Sittengesetz
vorfindet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Sittlich Gutes gründet in eigenes Bewusstsein  Begriff der Autonomie, der freien Selbstbestimmung  Ethik

Ethik
„Was sollen wir tun?“ Ziel der erkenntnistheoretischen Untersuchungen in der KrV war es, ein theoretisches Fundament für die
praktische Philosophie zu schaffen. So untersucht Kant zunächst einmal in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS)
und stärker ausformuliert in der Kritik der praktischen Vernunft (KpV) die Bedingungen der Möglichkeit von Sollensaussagen.
Nicht die Religion, nicht der Common Sense oder die empirische Praxis können diese Frage beantworten, sondern nur die reine
Vernunft. Kants theoretische Überlegungen zur Ethik bestehen aus drei Elementen: Dem sittlich Guten, der Annahme der Freiheit
des Willens und der allgemeinen Maxime des kategorischen Imperativs. Sittlichkeit ist das Moment der Vernunft, das auf
praktisches Handeln gerichtet ist. Sie ist eine regulative Idee, die im Menschen a priori vorhanden ist. Der Mensch ist ein
intelligentes Wesen, d. h. er ist in der Lage in der Vernunft unabhängig von sinnlichen, auch triebhaften Einflüssen zu denken und
zu entscheiden. Der Mensch ist nicht heteronom (fremdbestimmt), sondern selbstbestimmt (autonom). „Der Wille ist ein
Vermögen, nur dasjenige auszuwählen, was die Vernunft unabhängig von der Neigung als gut erkennt.“ Dies bedeutet, dass die
ethische Entscheidung im Subjekt liegt. Kant ist durchaus bewusst, dass die Forderung der Sittlichkeit ein Ideal ist, und dass kein
Mensch sie zu jeder Zeit erfüllen kann. Dennoch ist er der Auffassung, dass jeder Mensch den Maßstab der Sittlichkeit in sich hat
und weiß, was er nach dem Gesetz der Sittlichkeit tun sollte. Der autonome Wille (der Vernunft) gebietet also die sittlich gute
Handlung. Die Vernunft legt dem Menschen die Pflicht auf, dem Gebot der Sittlichkeit zu folgen. Auch einer breiten
Öffentlichkeit bekannt geworden ist der kategorische Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich

Alexandra Bisanz                       Severinski - Geschichte der Erziehung – SS 06                                         7
wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Im kategorischen Imperativ beschreibt Kant das allgemeine Prinzip, nach
dem ich meine Handlungen moralisch beurteilen kann. Zur Verdeutlichung formuliert Kant den kategorischen Imperativ in den
GMS in vier weiteren Fassungen. „Praktische Grundsätze sind Sätze, welche eine allgemeine Bestimmung des Willens enthalten,
die mehrere praktische Regeln unter sich hat. Sie sind subjektiv oder Maximen, wenn die Bedingung nur als für den Willen des
Subjekts gültig von ihm angesehen wird.“ In der praktischen Anwendung muss die gefundene Maxime in sich widerspruchsfrei
sein und mit meinem tatsächlichen Willen übereinstimmen. Kants Ethik ist also eine Pflichtethik im Gegensatz zu einer
Tugendethik, die Aristoteles vertritt. Die konkrete Ausformulierung seiner Ethik nimmt Kant in der Metaphysik der Sitten vor, die
sich in die beiden Hauptabschnitte über die Rechtslehre und über die Tugendlehre unterteilt. Weitere Aussagen zur praktischen
Philosophie finden sich z. B. in der Anthropologie und in den Pädagogikvorlesungen.

„Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung“ Kant im Gegensatz zu „den Menschen bewahren vor der Verdorbenheit
der Menschen“ Rousseau

Bei Kant hat der Erzieher die Aufgabe, die Ideen der Humanität zu verwirklichen. Der Erzieher darf Beispiel sein, muss aber dem
Zögling Entscheidungsfreiheit lassen.

Rousseau und Kant sind eher Philosophen als Pädagogen, bei ihnen ist das philosophische Gedankengut mit dem pädagogischen
verschmolzen.
Rousseaus „wachsen lassen des Kindes“ ist aber zum Beispiel in der Heilpädagogik problematisch, es ist nur sinnvoll, solange es
keine Probleme gibt. Ein blindes/ gehörloses Kind kann nicht durch wachsen lassen gebildet werden.

    II.        5. Die Philanthropisten

Johann Bernhard Basedow wird mit der Philanthropie in Verbindung gebracht. Das Wort leitet sich ab aus dem griechischen
Wort philos = Freund und anthropos = Mensch bedeutet also Menschenfreunde/Menschenfreundlichkeit.
Diese selbstständige pädagogische Bewegung begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 1774 gründet Basedow in
Dessau die erste Internatschule, die nach den Grundsätzen der Philanthropie eingerichtet wurde („Vorstellungen an
Menschenfreunde“). Noch heute gibt es Einrichtungen, die sich „Philanthropin“ nennen. Dieses „Philanthropin“, ein internat,
sollte eine Musterschule werden und stellte sich in die Traditon Kants.
Bis 1800 gab es 16 Philanthropin. Das Neue an dieser Schule:
          Schüler tragen keine Perücken
          Sie haben kurz geschnittene Haare
          Tragen Matrosenanzüge (vgl. Die Wiener Sängerknaben)
          Es geht um Abhärtung und Stählung des Körpers (Leibesübungen, Wanderungen)
          Schule sollte eine Stätte des Spielens und des Wohlfühlens sein (erste Idee des lustbetonten Lernens)
          Auch das Erlernen einer Handwerklichen Arbeit war ein wichtiges Bildungsziel
Die Philanthropie wurde zu einer gesamt europäischen Bewegung, vergleichbar heute mit Greenpeace. Sie wurde von den
Regierungen und Fürsten bzw. Herrschern nicht beanstandet. Außerdem waren die Philanthropen für eine aufgeklärte Bildung,
allerdings sind nicht im Sinne der französischen Revolution, was die Herrscher sehr erfreute.
Joachim Heinrich Campe gab das „Revisionswerk“ heraus, dass von Philanthropisten zwischen 1785 und 1792 geschrieben
wurde und aus 16 Bänden bestand. Campe war nicht nur der Herausgeber des Revisionswerks sondern auch der Hauslehrer von
Alexander und Wilhelm Humboldt. Das Dutzend Philanthropisten, welche das Revisionswerk schrieben, waren allesamt Pfarrer
und Theologen und sehr aufgeklärt. Alle wurden sie deshalb von ihren Pfarrgemeinden vertrieben und haben sich Erziehung und
Unterricht gewidmet. Im Werk wird beschrieben, dass alle bestehenden Ansichten und Konzepte über die Erziehung einer
systematischen, d.h. empirischen, Überprüfung unterzogen werden sollten, in die auch die körperliche Entwicklung und damit die
„körperliche Erziehung“ oder die „physische Erziehung“, die Gesundheit einbezogen werden sollte.
In der Schweiz war das geistige Haupt der philanthropischen Gesellschaft Isaak Iselin.

Was war das Neue an dieser Erziehungsvorstellung?
Die menschliche Bestimmung ist Gemeinnützigkeit oder bürgerliche Brauchbarkeit = Leitidee der Aufklärungspädagogik.
Sie berufen sich auf Rousseau, aber Rousseau hat das nicht so gemeint. Bei Rousseau ist zwar die Rede vom
Nutzen/Brauchbarkeit der Bildung, aber für Rousseau war brauchbare Bildung lebensnahe Bildung (lernen was man zur
Bewältigung des Lebens braucht, hilft im Berufs- und Privatleben), bei den Philanthropen hingegen wird aus dem Begriff
Brauchbarkeit die bürgerliche Brauchbarkeit  die Fähigkeit Geld zu verdienen und so Steuern zu zahlen. Durch seinen Beruf
also einen Beitrag zum Gemeinwohl machen.

          Einschub: franz. Revolution (1789 – 1799)
          Die ersten beiden Stände (Klerus und Adel) teilten sich die politische Macht. Bürger und Bauern waren nicht beteiligt,
          obwohl das Bürgertum wirtschaftlich erstarkt war. Dies und andere Missstände führten zu einem dramatisch
          schwindenden Vertrauen im dritten Stand. Revolutionäre traten an: Wenn der 3. Stand den Staat durch die
          Steuerabgaben erhält, dann sollten sie auch das Sagen haben. Verglichen wurde das mit einem Bienenstock: In einem
          Bienenstock leben Arbeitsbienen (3. Stand) und Drohnen (1. und 2. Stand). Die Drohnen werden nach ihrem Dienst
          liquidiert!!  so also gehörten auch 1. und 2. Stand liquidiert (Erfindung der Guillotine).


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Das Prinzip wurde schließlich auch auf blinde und gehörlose Menschen ausgelegt, da man erkannte, dass auch sie eine
Bildungsfähigkeit besitzen. Auch sie können einen Beruf ausüben, sich somit selbst erhalten und Steuern zahlen, wodurch sie zu
einem Vollmitglied des 3. Standes wurden.
Allerdings wurde die bürgerliche Brauchbarkeit missverstanden. Es war nicht gemeint, diese Menschen zu Arbeitssklaven zu
machen, sonder sie zu Mitgliedern der Gesellschaft mit allen Rechten zu machen und sie zu Pflichterfüllung zu befähigen.

    II.       6. Die pietistische Pädagogik

Vertreter der pietistischen Pädagogik waren:
Philipp Jakob Spener          (1635 – 1705)  Begründer
August Herman Francke (1663 – 1727)
Johann Julius Hecker          (1707 – 1768)

Sowohl Francke als auch Spener waren beide Theologen und Pfarrer. Der Pietismus war eng mit der evangelischen Theologie
verknüpft. Er entstand aus Protest gegen die Scheinheiligkeit der lutherischen Orthodoxie. Luthers Glaube war eine
Kopfgläubigkeit ohne Gefühle, wohingegen beim Pietismus Glaube eine innere Sache, eines Sache des Herzens war. Es sollte ein
lebendiger Glaube geschaffen werden.
Im Sozialpädagogischen Bereich hatte der böhmische Bischof Comenius neue Denkmuster eröffnet. Jeder sollte die Möglichkeit
zur Bildung erhalten. Theoretische Lerninhalte sollten durch Praxisbezogene Lehren erweitert werden.
Kinder und Jugendliche wurden erstmals als solche erkannt und nicht wie kleine Erwachsene behandelt. Das Erziehungsziel war
religiös ausgerichtet: Wissenschaft und Künste sollen zu Ehren Gottes ausgeführt werden und nicht zum eigenen Nutzen erlernt
werden. Dies soll einem vor dem Bösen bewahren, vor der Erbsünde, die jedes Kind belastet. Die Erziehung muss den
Eigenwillen der Kinder brechen und sie zur Gehorsamkeit bringen (Gottes Willen).
1692 kam Francke ohne Geld nach Halle und gründete 1694 mit nur wenig Geld eine Armenschule. 1695 gründete er außerdem
ein Waisenhaus und eine Bürgerschule für Kinder mit reichen Eltern. Mit dem Schulgeld der Bürgerschule finanzierte er seine
anderen Einrichtungen. Es entstanden weiters 2 deutsche Schulen (Elementarschulen), 2 voll ausgebaute Lateinschulen, 2
Lehrerschulen und eine Erziehungsanstalt für Mädchen höherer Schichten.
Als Francke stirbt hat er ca. 2000-3000 Gulden. In Halle gibt es heute noch seine Schulen.
Die Bildungsinhalte waren sehr modern und standen im Gegensatz zur Aufklärung und der Idee der bürgerlichen Brauchbarkeit.
Das Ziel war eine Verherrlichung Gottes zur Erkenntnis seiner Schöpfung. Es wurde Geschichte, Geographie, Botanik, Griechisch
und Französisch aber auch Drechseln, Glasschleifen usw. gelehrt. Diese Fächer und Handwerke wurden normal nur auf
Universitäten gelehrt.

Ein Schüler des Lehrerseminars war Johan Julius Hecker (Pfarrer & Prediger in Berlin). Er gründete 1747 eine Realschule
(neuer Schultyp) an der technisches Zeichnen, Architektur, Gartenbau und ähnliches unterrichtet wurde (heute etwas zwischen
BHS und RG). Der reformpädagogische Ansatz Heckers, in der Realschule war erstmals schulische mit einer an der späteren
Berufspraxis orientierten Ausbildung zu verbinden, was großen Einfluss auf die pädagogische Entwicklung in Preußen hatte.
Zudem erkannte er, dass für diesen neuen Schultypus besonders geschulte Lehrer gebraucht wurden. Auch diese Idee konnte er
durchsetzen, 1753 wurde der von ihm gegründeten Realschule ein Küster- (= Messner) und Schulmeisterseminar angegliedert.

Hecker wird dann von Friedrich II. beauftragt ein Schulgesetz für Preußen zu entwerfen, was er auch macht und 1763 tritt das
„General-Landschulreglement“ in Kraft.

    II.       7. Die „Allgemeine Schulordnung“ Maria Theresias (1774)

Maria Theresia hat versucht, Österreich zu einem zentralistischen Beamtenstaat zu machen. Die zentralistische Organisation
Preußens war ihr Vorbild. Ein Teil davon war die Schulreform Heckers, die 1963 in Kraft trat.

Nach der Eroberung Schlesiens war Friedrich II. damit konfrontiert, dass ein Großteil der Bevölkerung evangelisch war. Der
evangelische Teil der Bevölkerung kämpfe auch nicht tapfer gegen die Preußen. Friedrich II. hatte Angst vor der Unterdrückung
der katholischen Bevölkerung und wollte sich dagegenstellen. Die Pfarrer hatten zu der Zeit Pfarrschulen in denen nur ein
niedriges Elementarbildungsniveau erreicht wurde. Den Abt von Sagan störte das, er wusste, dass es in Berlin ein Lehrerseminar
(das von Hecker) gab und schickte seine Lehrer dort hin. Dieser Abt von Sagen, Abt Johann Ignaz Felbiger, verfasste eine
Neufassung des Landschulreglements welches Katholiken mit einschloss (1765). Das Gesetz: „Königlich preußisches
Landschulreglement für die römisch Katholischen des Herzogtums Schlesien und der Grafschaft Glatz“ galt für katholische
Kinder.
Für protestantische Kinder galt weiterhin das Landschulreglement; es war das modernste Schulgesetz aller Länder der
österreichisch-ungarischen Monarchie.

Am 6. Dezember 1774 erhob auch Maria Theresia dieses zum Gesetz: „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-,
Haupt- und Trivialschulen in sämtlichen Kaiserlich-Königlichen Erbländern“. Es galt nur für Schulen in denen Deutsch
unterreichtet wurde und hielt sich bis 1869.



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Neuerungen durch die „Allgemeine Schulordnung“:

          6jährige Unterrichtspflicht (keine Schulpflicht) für Buben und Mädchen. Wer keine Schule besucht, muss eine Prüfung
           ablegen, ob er den Stoff gelernt hat (Hausunterricht)  vor allem Aristokratenkinder wurden zu Hause unterrichtet.
          Jeder kann seine eigene alternative Schule errichten, man muss nur Nachweise erbringen, dass Kinder das Lernziel
           erreicht haben (ähnlich dem Hausunterricht)
          Wo es keine eigenen Mädchenschulen gibt, müssen Mädchen von Buben zumindest getrennt sitzen 
           Geschlechtertrennung erst 1975 abgeschafft.
          In jedem Ort mit einer Kirche soll eine Trivialschule errichtet werden. 1 oder 2klassige Trivialschule, Dauer 2 Jahre:
           Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen, Anleitung zur Rechtschaffenheit (Ethik)
          In jeder Stadt eine 3-4klassige Hauptschule, Dauer 4 Jahre und in jeder Landeshauptstadt eine 4klassige Normalschule
           (mit Kursen für Erwachsene die Lehrer werden wollten  Probeunterricht, Präparandenkurse, Dauer zwischen 6
           Wochen und 2 Jahren; Unterrichtsgegenstände: Sprachlehre, Naturwissenschaft, Unterrichtsmethodik) Hauptschule:
           Geometrie, Geographie, Geschichte und Latein; Normalschule: Physik, Zeichnen, Latein, Geometrie, Geographie,
           Geschichte
          Neben den Normalschulen gab es noch 6jährige Lateinschulen die nicht berührt wurden, durch den Besuch einer
           Lateinschule bekam man den Hochschulzutritt (Uni)
          4jährige Lateinschulen wurden verstaatlicht und zu Trivial oder Hauptschulen
          Lehrer erhielten ein festes Gehalt
          Alle kirchlichen Schulen wurden verstaatlicht
          Es gab eine geistliche Schulaufsicht, der Generalvikar (heute Landesschulinspektor) war der Stellvertreter des Bischofs

Lehrer hatten ein festes, aber niedriges Gehalt, die Schule wurde meist von der Gemeinde oder den Grundherren erhalten. Die
Trivial- und Hauptschulen hatten eine geistliche Schulaufsicht und Hierarchie. Bei Bezirksschulen waren meist Laien und der
Dekan zuständig. Die geistliche Schulaufsicht gab es in Österreich bis 1869, in Ungarn sogar bis 1919. Der Grund dafür war, dass
Maria Theresia Angst vor einem Aufschrei der Kirche hatte, nachdem sie kirchliche Schulen verstaatlichte, was auch Friedrich II.
in Preußen passierte. Also gab sie der Kirche das Recht der Schulaufsicht. Felbiger 1. Unterrichtsminister
Die Pflichtschullehrerschaft kämpfte gegen die geistliche Schulaufsicht.
 „Trojanisches Pferd“: Die Kirche wehrt sich gegen eine weltliche Schulaufsicht, und ist empört darüber, dass der Staat der Kirche
übergeordnet ist. Trotzdem gelingt es in deutschen/tschechischen Kronländern diese ab 1869 einzuberufen. Da Burgenland zu
Ungarn gehörte gab es dort erst 1919 den ersten weltl. Schulinspektor  Otto Glöckel war ein ungarischer Lehrer in Neudörfl
Burgenland
Die allgemeine Schulordnung sah zwar ein einheitliches Gehalt für Lehrer vor, dieses reichte aber kaum für das Notwendigste.
Daher stellten sich die Lehrer dem Dechant zur Verfügung und konnten bei Hochzeiten etc. ein Zubrot verdienen, wodurch eine
Abhängigkeit der Lehrer entstand.
Außerdem verbreitete sich die Meinung, dass geistliche nicht zum Unterrichten geeignet waren. Es entstand ein Ruf nach
fachlicher Kompetenz und Qualität bei Lehrern. Untaugliche Geistliche lernten das Alphabet und rechnen und wurden dann
Lehrer…

    III.       Der erste „Traum“ von einem „Gemeinsamen Haus Europas“ und der Abschied von der Idee eines
               „Heiligen römischen Reiches“ Erziehung und Unterricht zur Zeit der napoleonischen Kriege)


1789                Französische Revolution
1806-07             Krieg Napoleons gegen Preußen und Russland
14. Oktober 1806    vollständige Niederlage Preußens bei Jena und Auerstädt
14. Juni 1807       Sieg Napoleons in der Schlacht bei Friedland über die Russen

Gab 2 Sichten:
Die einen sprechen von einer entsetzlichen franz. Revolution die eine Blutspur durch Europa zieht.
Die anderen meinen das Napoleon nie bis nach Moskau vordringen hätte können, wenn sich nicht viele seinen Sieg gewünscht
hätten.

Damals standen sich auch zwei Positionen gegenüber:
Europaeuphorie                                vs.                              Idee des heiligen Reiches

Alle Macht in Europa,                             vs.                          Europa der Vaterländer
Europaeinheitliche Regelung                                                    Jedes Land hat vollständige Autonomie

1809                Schlacht bei Aspern (Wien)
                    Napoleon wird vom Österreichischen Erzherzog Karl erstmals geschlagen und es kommt zu einer geistigen
                    Wende. Man ist gelähmt von der Macht Napoleons, doch jetzt gelingt es ihn einmal zu schlagen  durch die
                    Sammlung eines Vielvölkerheeres  1813 Völkerschlacht bei Leipzig wo Napoleon besiegt wird

Alexandra Bisanz                        Severinski - Geschichte der Erziehung – SS 06                                       10
1809                 Wandel in den Köpfen der Menschen  man hat den Mut bzw. die Hoffnung Napoleon zu stoppen
                     Wilhelm von Humboldt wird in das Innenministerium nach Berlin berufen
Diese ganze politische Geschichte fließt in die Bildung ein!
1848                 Februarrevolution in Frankreich und Abdankung des Bürgerkönigs Louis Philippe; Im März eine Revolte in
                     Wien, Straßenkämpfe in Berlin und Unruhen in München
1866                 Schlacht bei Königgrätz, Österreich wird vernichtend geschlagen, es gibt viele Verluste und kaum 1 Familie
                     inÖsterreich/Ungarn wo nicht mind. 1 Gefallener ist, obwohl das Österreichisch-Ungarische Heer 3x              so
                     stark war wie das Preußische.
Vorgeschichte: Preußen stellt ein Ultimatum an Österreich, Wien lehnt ab, weil sie ja ein viel stärkeres Heer haben und die
Schlacht mit Gablenz auch noch siegreich waren in Mähren, doch dann wurden sie in Preußen geschlagen weil:
Die Preußen besaßen das neu erfundene Zündnadelgewehr oder auch Hinterladergewehr genannt, mit Patronen. Österreich hatte
noch Vorderlader, bei denen nach jedem Schuss Pulver eingefüllt werden musste, dieses niedergedrückt wurde und dann erst
gezündet.
Die Niederlage war ein Trauma für die Monarchie, es zeigte, dass der Kaiser und die Monarchie Rückständig waren und die
Bevölkerung rief nach einer notwendigen Modernisierung
Der Druck auf den Kaiser wurde auch von den Unis immer größer, da es damals Lehrstühle nur für Katholiken und Liberale gab.
All dies führt schließlich zum Ende des Absolutismus
1867                  Staatsgrundgesetz: Wissen und Forschung sind Frei! Dieses Gesetz ist bis heute Teil der Österreichischen
                      Verfassung. In allen Materien ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist! Normalerweise ist es so,
                      dass alles was nicht ausdrücklich erlaubt ist grundsätzlich verboten ist.
Weiter Folge: das Staatsgrundgesetz ruft nach Durchführungsgesetzen:
                      Mai 1869  Mai-Gesetz, Leopold Hasner: Reichsvolksschulgesetz galt in Österreich bis 1962
1871                  Gründung des Deutschen Reiches, welches das Heilige römische Reich deutscher Nationen ablöst. Zum
                      abgelösten gehörte Österreich-Ungarn dazu, jetzt zum deutschen Reich gehört Österreich-Ungarn nicht mehr
                      dazu. Wilhelm I. wird 1. deutscher Kaiser.

     III.      1. Johann Heinrich Pestalozzi

*12. Jänner 1746 in Zürich, † 17. Februar 1827 in Brugg (= Goethezeit  Reaktion auf Aufklärung - Gelehrtenbeildung), war ein
Schweizer Pädagoge.
Pestalozzi steht für Elementarbildung und ist mit 1 Fuß schon in einer neuen Zeit (Neuhumanismus)!
Er hat bei Birr (Aargau) eine ökologische Landwirtschaft, in der er naturnahe Produkte produziert und so mehr Geld verlangen
kann  will Manufakturen austricksen. Doch er geht mit der ökologischen Landwirtschaft bankrott und wandelt sie um zu einer
Erziehungsanstalt für Verwahrloste und Arme Kinder, aber auch diese Erziehungsanstalt geht bankrott.
Isaak Iselin war Buchdrucker und Verlegen, gleichzeitig Philanthropist und Aufklärer und auch Pestalozzi stand noch mit einem
Bein in der Aufklärung. Iselin meinte daher Pestalozzi solle seine aufklärerischen Ideen über Volksbildung aufschreiben. Das
Werk wurde stark autobiographisch mit dem Titel: „Die Abendstunde eines Einsiedlers“ (1780). Angeregt von Iselin schreibt er
einen Erziehungsroman über das Leben einer schweizer Familie, die am Bauernhof lebt und erzählt darin, wie sie ihre Kinder
erziehen  1781 „Lienhard & Gertrud“ (wie Rousseaus Emil)  erlangt Weltruhm! Eigentlich war das Buch ja für verarmte
Bauern gedacht, denen Pestalozzi nahe bringen wollte, wie man Kinder richtig erzieht. Die verarmte Bauernschicht konnte sich
aus Kostengründen die Bücher nicht kauen, dafür kamen sie bei den höheren Schichten so gut an, dass sie sogar in mehrere
Sprachen übersetzt wurden und Pestalozzi wieder zu Geld kam. Nun ist Pestalozzi in der Lage seine Volkserzieherischen
Bestrebungen aufzunehmen. Die Gedanken der französischen Revolution greifen nun auch auf die Schweiz über, es gibt viele
Kriegswaisen und Pestalozzi errichtet in Stans eine „Internatsschule“ für Kriegswaisen. Da er abermals in Geldnot geriet
beschreibt er das Stanser Heim, seine Methoden und seine Pädagogik im „Stanser Brief“.
Nun erwirbt er ein Haus in Burgdorf und führt dort seine Idee von Stans weiter. Er schreibt noch weitere Bücher um immer
wieder an Geld zu gelangen. In Ifferten (heute Yverdon) errichtet er ein Schulzentrum, wird später aber von den eigenen
Mitarbeitern hinaus geekelt und sicht sich dann zurück.
Im Schulzentrum verwirklicht Pestalozzi seine Ideen, wobei er 2 Grundideen besitzt:
          Es gibt charakteristische Bereiche in denen Erzogen werden muss. „Gebildet werden muss: Kopf, Herz und Hand!“
           Heute würde man sagen, Lernziele im kognitiven, affinitiven und psychomotorischen.
          Man stand in einer Zeit des Umbruchs und fragte sich wie es weiter gehe. Z.B. Bauernhof vs. Manufakturen. Was soll
           man heute Kindern lehren, damit das, was man ihnen lehrt nicht morgen für sie unbrauchbar ist?  Bildung: Dinge die
           man nicht sehen kann aber hinter allem steht  die Fähigkeit sich neues anzueignen. Pestalozzis Methode würde man
           heute lernen lernen nennen.  formales Lernen/Bildung

     III.      2. Die Theorie der allgemeinen Bildung des Menschen oder der allgemeinen Menschenbildung: Wilhelm von
               Humboldt (1767-1835)

Wilhelm von Humboldt ist ein Vertreter des Neuhumanismus. 7 Jahrelang von 1802 – 1809 war er gesandter des Königreichs
Preußen beim Papst im Vatikanstaat, was allerdings keine sonderlich anspruchsvolle Aufgabe war, da es kaum Konflikte gab.
1809 sollte er dann das „Unterrichtsministerium“ in Berlin übernehmen. Durch die napoleonischen Kriege und die damit
verbundene Niederlage für Preußen kam es zum Überdenken der Strukturen, was wiederum zu verschiedenen Reformen führte.
Friedrich Wilhelm III. suchte darauf hin einen Mann der diese Landwirtschafts-, Verwaltungs- und Heeresreform leiten

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sollte und setzte dafür Heinrich Friedrich Freiherr von und zu Stein (= Innenminister) ein. Innerhalb der Verwaltungsreform
wurde eine Bildungsreform gemacht wofür wiederum Humboldt vorgeschlagen wurde. Da allerdings Napoleon noch nicht besiegt
war und er durch Stein das Französische Imperium in Gefahr sieht verlangt er die Entlassung von Stein. 1812 übernimmt
Hardenberg seine Aufgaben und es kommt schließlich zur Stein-Hardenberg’schen Bildungsreform.

Es war eine dreifache Schulreform:
         Elementarschulreform: Grundlagen der Bildung für alle Kinder durch das lernen exemplarischer Lerninhalte nach
          Pestalozzi (schickt Lehrer zur Schule von Pestalozzi) für jeden, auch für den Ärmsten.
          Vollständige Menschenbildung  Humboldt war Vertreter der Gesamtschulidee. Allgemeine Menschenbildung
         bedeutete Bildung = Menschenbildung. Dies sollte geschehen anhand des klassischen Altertums und alter Sprachen.
         Vgl. Goethe, Schiller
         Die Elementarschule sollte von einer Armenschule zu einer Bildungsstätte werden – allg. Menschenbildung!!!
         Lateinschulreform – werden zu Gymnasien
         Universitätsreform: Friedrich Daniel Schleiermacher war ein junger Pfarrer ohne Stelle und wurde zum Mitarbeiter
          Humboldts. Da Schleiermacher schon früher ein Buch von Johann Friedrich Zöllner rezensierte konnte er auf dessen
          Vorarbeiten zurückgreifen. (Der Preußenkönig wollte nämlich schon viel früher eine Reform machen, doch dann kam
          Napoleon und man hatte kein Geld mehr für eine Bildungsreform und so bringt Zöllner seine Ideen als Buch heraus.)
         In der Gymnasial- und Universitätsreform stützte sich Humboldt auf Zöllner.

Statt den 6 jährigen Lateinschulen gab es jetzt 9 jährige Gymnasien mit viel Mathematik, Sprachunterricht sowie Griechisch und
Latein. Humboldt meint, dass man Latein und Altgriechisch braucht um lernen zu lernen! Das Gymnasium erhielt eine
Abschlussprüfung, das Abitur, was den Schülern eine fachunspezifische Aufnahme an die Universität ermöglichte. Das
Gymnasium sollte also laut Humboldt den Schüler reif werden lassen (Hochschulreife) um „in Einsamkeit und Freiheit sich selbst
zu bilden“ – an der Universität.
1797 hatte Ernst Christian Trapp einen Lehrstuhl für Pädagogik in Halle, aber es gab eigentlich kein Lehramtsstudium.
Humboldt nahm daher die Artistenfakultät aus den Universitäten heraus und sie wurden den Lateinschulen aufgesetzt, die durch
die Reform ja zu Gymnasien wurden. An die Stelle der Artistenfakultät auf der Universität trat dann die Philosophische Fakultät
[(hier konnte man gleich einen Schwerpunkt bilden, z.B. Geschichte) die gleichwertig mit den anderen drei Fakultäten
(medizinische, juristische und theologische) war] an der auch die Ausbildung der Gymnasiallehrer stattfand.
Allerdings blieb etwas vom Charakter der Artistenfakultät erhalten: Medizin, Jus und Theologie sind ein Übersichtsstudium
geblieben (das heißt, dass man zuerst die gesamte Medizin lernen muss um sich im Laufe des Studiums zu spezialisieren).
Universitätslehrer sollten außerdem nicht unterrichten, sondern ein Angebot zum Selbstlernen geben, es gab also
Lehrveranstaltungen, aber keine zwingenden Prüfungen, außer einer großen Abschlussprüfung. Auf Grund dessen und wegen der
großen Zahl der Abbrecher werden dann schließlich doch Prüfungen eingeführt.
Auch die Lehrerbildung war Humboldt sehr wichtig! Früher wurden Pfarrer die keine Pfarrstelle hatten zu Lehrern
„umfunktioniert“.

Klassenbezeichnung der Gymnasien:
    1. Sexta
    2. Quinta
    3. Quarta
    4. Untertertia
    5. Obertertia
    6. Untersekunda
    7. Obersekunda
    8. Unterprima
    9. Oberprima

Interessant an der Reform war auch, dass sie vom Staat bestellt wurde. Die Schule sollte besser werden, vor allem die
Knabenschule sollte tüchtige Soldaten und Offiziere heran bilden, damit es nicht noch einmal zu so einem Debakel kommt wie es
gegen Napoleon der Fall war. Die Reformer sollten also eine bessere vormilitärische Schule schaffen. Sie wiedersetzen sich dem
aber und schaffen somit ein revolutionäres Schulsystem das heute fast überall vorhanden ist.

         Einschub: Polemik: Bildung vs. Ausbildung
         Philanthropen meinen, dass das Studium alter Sprachen eine nur für Wenige nützliche Spezialisierung ist. Sie betonen
         die Nützlichkeit der modernen Wissenschaften für das spätere Leben.
         Neuhumanisten meinen, auch moderne Wissenschaften sind nur für bestimmte Leute nützlich.
         Es steht also materiale Bildung (der Aufklärung) gegen formale Bildung.
         An der Schwelle vom 18. zum 19. Jhdt wurde der Konflikt vehement ausgetragen.
         Neuhumanisten wie Friedrich Emanuel Niethammer (1766 – 1848 = Goethe-Zeit) wollen dem Bildungswert von alten
         Sprachen wieder Geltung verleihen, denn durch diese Kenntnisse wird das Gehirn geschult und so können neue Inhalte
         besser selbst erworben werden.
         Ernst August Evers meint, dass Latein die Sprache zur Schulung für das Gedächtnis ist und dies formale Bildung sei
         und schreibt „Über die Schulbildung zur Bestialität“. Evers gab das Anliegen(formalen Bildungswert der alten

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           Sprachen) der Humanisten auf. Sprachen sind zwar wertvoll und man soll sie lehren, weil sie Menschlichkeit verleihen,
           aber sie sind nicht für die Bildung wertvoll.
           „Humaniora“  Bildungswert haben alte Sprachen nur, weil sie zu mehr Menschlichkeit führen, allerdings fehlt es
           ihnen an Nützlichkeit. Somit können nur Bildungsinhalte die keine Nützlichkeit haben Humaniora sein.
           Bildung ist jenseits aller Nützlichkeit und es entsteht eine kontroverse zwischen Bildung und Ausbildung. Den Gegensatz
           zwischen Ausbildung und Bildung gab es in der Aufklärungspädagogik nicht, er entsteht erst durch Evers. Laut Evers ist
           also die Ausbildung zum Handwerker keine Bildung, sondern nur angeeignetes, nutzloses Wissen ist Bildung. 
           Bildungssinn jenseits aller Nützlichkeit!
           Dies führt aber auch zu einer unmotivierenden Bildungsform  Lateinunterricht der nur auf nicht nützliches zielt muss
           langweilig sein! Außerdem führt es zu einer Abwertung jeder beruflichen Ausbildung in der Gesellschaft  dieser
           Unsinn ist bis heute noch erhalten!
           Der Begriff Humaniora stammt von den Neuhumanisten, die einen formalen Bildungswert hatten  auch im lernen
           lernen sah man ein höheres Menschwerden! Und der Bildungssinn jenseits von Nützlichkeit wurde von Humaniora
           übernommen.

Im Rahmen der Bildungsreform wurde auch eine Universität in Berlin gegründet. In Königsberg und Halle gab es bereits eine.
Zunächst benannte man die Universität in Berlin nach Friedrich Wilhelm, heute ist es allerdings die Humboldt-Universität.

    III.        3. Friedrich Daniel Schleiermacher (1768 – 1834)

Schleiermacher war ein großer Theologe und bedeutender Pädagoge, der die Reform Humboldts mit seinen Kenntnissen über
Zöllners Werk stark beeinflusste. Er war der Ansicht, dass Erziehung die Einwirkung der älteren Generation auf die jüngere sei
(der Gedanke lebt bei Anna Freud weiter), daher gebe es auch eine sittliche Verpflichtung der Älteren.

Ziel seiner Erziehung:
Erziehung soll den Menschen abliefern als ihr Werk an das Gesamte im Staat, in der Kirche, im freien geselligen Verkehr und im
Erkennen oder Wissen. Er meinte damit: Erziehung sollte den Menschen inkulturieren in Kirche, Staat, Gesellschaft und
Wissenschaft; also den Menschen einfügen in Denk- und Wertsysteme. Nach Schleiermacher hat jede Kultur auch Mängel – dazu
ist jedem Jüngling Kraft und Freiheit gegeben um aufzubegehren, Kreativität zu entwickeln und individuelle Anlagen zu bilden.
Sozialisation = Inkulparation/Verinnerlichung der kulturellen Werte.

Doppelte Aufgabe der Erziehung war daher:
        Hineinbilden des Menschen in Staat und Kirche
        Herausbilden von Indivitualität

Seine Pädagogik wurde zwar immer wieder aufgegriffen, fand allerdings nie besondere Breitenwirkung. Schleiermacher hat als
Theologe allerdings auch die Hermeneutik entwickelt.

    III.        4. Die Entwicklung des Humboldt’schen Gymnasiums in Preußen von der Angebots- zur Ausleseschule

In den Städten gab es nur Gymnasien, was Schulen für Knaben waren. Viele gingen mit 14 Jahren vom Gymnasium ab, manche
auch mit 16 Jahren, und erlernten einen Beruf. Nur ein kleiner Teil der Schüler machten einen Abschluss. Das Abgehen vom
Gymnasium und Erlernen eines Berufes galt damals nicht als Schulabbruch. Mit Beginn des 19. Jahrhundert wurde dann das
Abitur eingeführt.
Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Abiturienten an und man befürchtete eine Überfüllung der Gymnasien. In
Wirklichkeit kam es gleichzeitig zu einem fast explosionsartigen Bevölkerungswachstum, was der eigentliche Grund für die
ansteigenden Zahlen der Gymnasiasten war. (Die zahlenmäßige Zunahme war zwar groß, war aber um 2% geringer als der
Anstieg der Geburtenrate)
Nicht nur das es mehr Gymnasiasten gab, man befürchtete auch eine Überfüllung der Universitäten und somit eine
Akademikerarbeitslosigkeit. Aus dieser Angst heraus (die vor allem Bismarck – der damalige preußische Reichskanzler – sah)
kam es zur Überfüllungsdiskussion die einherging mit einer Überbürdungsdiskussion bzw. Leistungsdiskussion. Bismarck meinte:
„Zu viel Bildung führt zur Unzufriedenheit, zur Verschwörung und Aufruhr“. Diese Meinung teilte auch Kaiser Wilhelm II. von
Preußen. 1890 auf der Schulkonferenz sprach er daher von einem „Abiturientenproletariat“.

Das Bürgertum meinte sie hätten ein Eigentumsrecht auf das Abitur und die Schüler die gar nicht bis zum Abitur wollen oder
schlechte Zeugnisse haben sollen von der Schule abgehen, bzw. werden verdrängt wodurch ein hoher Leistungsdruck auch für das
Bürgertum entsteht. Daher entsteht die Idee, dass eine Durchschnittliche Begabung/Fleiß für das Abitur reichen soll. Es sollen
also auch nur so viele in die höhere Schule aufgenommen werden wie es Abitur auszugeben gibt wodurch der Leistungsdruck
geringer wird.
Das Problem lag auch in den ziemlich schlanken Oberstufengängen. Das Lehrergehalt wurde von den Schulen gezahlt, ein
Unterprimar erhielt dasselbe Gehalt wie ein Oberprimar und das obwohl dieser weniger Schüler unterrichtete.




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1889 führt Heinrich v. Gossler 2 Neuerungen ein:
        Die Schulkosten zahlen nicht mehr die Eltern, sondern der Staat von den Steuern aller, wodurch auch auf eine große
         Schülerzahl in der Unterstufe verzichtet werden kann (bis dahin brauchte man viele Unterstufenschüler um die
         Oberstufe mit zu finanzieren).
        Die Leistungsselektion in der Schule wurde ersetzt durch eine soziale Selektion vor dem Eintritt ins Gymnasium. Es
         entstanden „Volksschuloberstufen“.

Die Gymnasien legten 3jährige Vorschulen an, die heutigen Volksschulen. Hier lernten sie den Stoff von 4 Volksschuljahren und
stiegen dann in die unterste Gymnasienklasse ein. Diese waren mit Schulgeld, dafür war man damit berechtigt zum Übertritt in
das Gymnasium ohne eine Prüfung ablegen zu müssen.
Für Kinder von Handwerkern und Beamten gab es eine 4jährige Volksschule ohne Schulgeld, dafür aber musste man eine
Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium machen, was fast unmöglich war, wenn man nicht nur 1er oder 2er hatte.
Die soziale Selektion fand also bereits beim Eintritt in Vorschulen/Volksschulen statt.

4 Vorteile:
         Leistungsdruck wird abgebaut, gegenseitige Konkurrenz abgeschafft
         Niedrigerständige Kinder können durch große Leistung aufsteigen ohne die Kinder der Bürger höheren Standes
          zugefährden
         Soziale Selektion, die als eine intellektuelle verschleiert war
         Schulkosten für Gymnasien wurden auf die Allgemeinheit überwälzt, begünstigte Schichten werden weniger belastet

     III.      5. Die Entdeckung der Bildungsfähigkeit Gehörloser und Blinder (Ende des 18. Jahrhunderts)

Die Legitimationsbasis für die Entdeckung der Bildungsfähigkeit Gehörloser und Blinder liegt in der „bürgerlichen
Brauchbarkeit“ im Sinne der Philanthropen. Das Ziel war es behinderte Bürger zu vollberechtigten und integrierten Bürgern des 3.
Standes zu machen.
1789 während der französischen Revolution gab es Bürgerrechte und Bürgerpflichten. Der Adel und Klerus haben das Sagen im
Staat, zahlen allerdings keine Steuern. Nur der 3. Stand, also die Bürger zahlen Steuern. Daher meinen sie, wer zahlt soll auch die
Macht haben.  dies ist der Gedanke der französischen Revolution  der Bürger will Vollmitglied in der Gesellschaft sein.
Da Blinde und Gehörlose auf die Almosen, Bettelei angewiesen sind, sind sie Bürger 2. Klasse obwohl sie genau solche
Menschen sind wie alle anderen auch.

Anfänge der Gehörlosenbildung:
1770 gründet Abbé Charles Michel de l’Epée mit eigenen Mitteln in Paris die erste Taubstummenschule der Welt. Er hatte
sowohl religiöse Motive der Nächstenliebe als auch aufklärerische Ideen. Die Anfänge der Gehörlosenbildung reichen bis ins 16.
Jahrhundert zurück, setzen sich aber bis ins 18. Jahrhundert nicht durch.
! Heute niemals den Begriff Taubstumm verwenden, denn taube Menschen sind nicht stumm! Heute ist der Begriff „Gehörlos“ in
Verwendung

In der Taubstummenschule wird der Vorläufer der Gebärdensprache unterrichtet. Paris hatte somit etwas wie die Wiener mit ihren
Sängerknaben. Es war wie eine Attraktion. Um an viele Spenden für die Taubstummenschule zu kommen gab man Vorstellungen
in Versailles, es war eine Zurschaustellung Behinderter. Die Lernergebnisse der Gehörlosen haben den Französischen Hof
(Ludwig XVI) so imponiert, dass auch jeder Staatsbesuch in die Taubstummenschule geführt wurde und die Leistungen
vorgeführt bekam.
1777 kam der Kurfürst Friedrich August von Sachsen nach Paris und auch ihm wurden die Erfolge der Taubstummenschule
vorgeführt. Er war so begeistert davon, dass er 1778 das 1. staatliche Gehörloseninstitut der Welt in Leipzig gründete. Als
Lehrer und Leiter wurde der aus Bremen stammende Samuel Heineke eingestellt. Dieser entwickelte die Lautiermethode 
Lautbildung (Lippenlesen, Abtasten des Halses und Kehlkopfes).
1777 besuchte Joseph II seine Schwester Marie Antoinette in Paris und war ebenfalls von der Taubstummenschule begeistert, so
dass er 1779 das erste Gehörloseninstitut in Österreich (Wien) zusammen mit dem Priester Johann Friedrich Stork (war der 1.
Leiter des Instituts und gab schon in Paris Taubstummenunterricht) und dessen Gehilfen Joseph May gründete. May brachte
jedoch bei Joseph II Klagen gegen Stork vor und dieser enthob Stork und machte nun May zum 1. Leiter des Instituts.
Das Taubstummeninstitut wurde am Lobbkowitzplatz mit 12 Plätzen errichtet, 1784 übersiedelte sie auf den Dominikanerplatz
mit 30 Plätzen, 1803 in die Bäckerstraße 9 wo die Gehörlosen das Setzerhandwerk erlernen konnten, 1808 kamen sie in die
Favoritenstraße, 1822 wurde es auf 70 Plätze erweitert und 1863 dann auf 120 Plätze und schließlich kamen sie dann nach
Speising in die Maygasse (heutige Taubstummengasse).

Anfänge der Blindenbildung:
Valentin Haüy war kein Augenarzt oder Lehrer, wie man es in diesem Zusammenhang vermuten würde, sondern Dolmetscher im
Außenministerium in Paris, Mitglied der Philanthropen und stark aufklärerisch.
Er hatte ein Erlebnis an einer Kirchentüre. Vor dieser Kirchentüre gab es eine hohe breite Treppe und dort beobachtete Haüy
einen blinden Knaben der bettelt. Dieser Bettler griff jede Münze die er bekam an und bedankte sich dann unterschiedlich stark.
Haüy fragte sich, wovon der Dank abhing und probierte es aus. Er gab ihm ein Centstück und bekam nur ein Kopfnicken, gab er


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ihm mehr Geld so erntete er großen Dank. Während Haüy dies probierte, merkte er, dass der Bettler mit Hilfe seines Tastsinnes
den Wert der Münze erfasste und erkannte so, dass der Tastsinn für die Bildung von Blinden von Bedeutung ist.

1785 gründete er die weltweit erste unentgeltliche Schule für Blindgeborene. 1804 gründete Johann Wilhelm Klein das zweite
Blindeninstitut in Wien – das erste im deutschsprachigen Raum – im 8. Bezirk in der heutigen Bildengasse.
Damals wurden große Buchstaben mit schweren Pressen in Karton gepresst um den Blinden das Lesen beizubringen. Klein erfand
dann eine Füllfeder die er sich patentieren ließ. Sie hatte eine breite Feder aus Stahl und keine Tinte sondern eine dickflüssige
Paste die an der Luft schnell erstarrte. Mit dieser Füllfeder konnten die Blinden schreiben und lesen, aber auch deren Eltern wurde
es ermöglicht mit ihnen über Briefe zu kommunizieren. Die Technik war aber sehr aufwendig, da man ziemlich viel Paste braucht
musste man oft nachfüllen was sehr umständlich war.
Zur selben Zeit in Frankreich entwickelte Charles Barbier eine Punktschrift die auf die napoleonischen Kriege und die
Entwicklung der Feuerwaffe zurück ging. Wenn man damals eine Order bekam hätte man ein Schwefelholz anzünden müssen um
sie lesen zu können, doch während dessen hätte der Feind schön zielen können und es wäre vorbei gewesen. Um dies zu
vermeiden stach man mit Nadeln die Buchstaben der Order spiegelverkehrt in einen Karton. Auch Barbiers Punktschrift
funktionierte auf diesem Prinzip, was allerdings viel Arbeit war.
Louis Braille entwickelte eine art Stenographie (also eine vereinfachte Art der Barbier’schen Methode), die heutige
Blindenschrift. Die Grundlage bilden 6 Punkte mit deren Hilfe alle 26 Buchstaben des Alphabets und 9 Ziffern dargestellt werden
können  Brailleschrift!
Bsp.:      . . .                                    . . .
           . . . A                                  . . . B
           . . .                                    . . .
Heute gibt es Laptops mit einer speziellen Tastatur und Drucker die die Punkte „stanzen“. Früher hat man in einen Rahmen
Kärtchen eingespannt und die Löcher dann mit der Nadel gestanzt.

Anfänge der Bildung Blinder und Gehörloser – Taubblinder Kinder:
Zu Taubblinden Kindern kann es kommen, wenn während der Geburt beispielsweise Sauerstoffmangel geherrscht hat oder es zu
einer Frühkindlichen Krankheit kam. Dem ersten, dem es gelang, war ein Chirurg aus der Zeit des amerikanischen
Sezessionskriegs, Samuel G. Howe. Er fand Geldgeber mit deren Hilfe er 1832 ein Institut in Boston eröffnen konnte, das
„Perkins-Institut“. Die erste blinde und gehörlose Schülerin war ein Mädchen namens Laura, die nach einer Scharlacherkrankung
erkrankte und daher noch dunkle Erinnerungen an gebräuchliche Gegenstände hatte. Sie wurde unterrichtet, in dem man ihr einen
Gebrauchsgegenstand zum Befühlen gab, an dem ein Zettel klebte auf dem mit Reliefschrift der Name des Gegenstandes stand.
Danach erhielt sie nur den Zettel verbunden mit dem „Zeichen der Gleichheit“ (2 Finger auf die andere Hand). Nach wenigen
Tagen erkannte sie die Bedeutung der Zetteln und konnte einen Zettel mit der Aufschrift „Stuhl“ auf einen solchen legen.
Auch Anne Sullivan wurde dort ausgebildet (Lehrerausbildung) und war die spätere Lehrerin von Hellen Keller – die erste
blinde und gehörlose Person, die das Doktorat für Philosophie an der Universität in Boston erhielt.
Gustav Riemann war ein evangelischer Pfarrer und wurde der erste Blinden- und Gehörlosenlehrer in Europa. Er wurde Leiter
des Oberlinhauses in Babelsberg bei Berlin, welches nach Pfarrer Oberlin in Steinthal benannt wurde. Pfarrer Oberlin hat eine
Darlehns und Sparkasse eingerichtet. Er meinte die Leute sollten sparen und ihr Geld zu ihm bringen. Mit diesem Geld gab er
dann Darlehns aus. Nach dem Börsenkrach in Wien ist ein Pfarrer von Wien zu ihm gereist und hat sich das System erklären
lassen und hat dann in Wien die erste Spar- und Darlehnskasse gegründet  1. österreichische Sparkasse bis heute!

    III.       6. Die Rettungshausbewegung

Die napoleonischen Kriege zogen eine Blutspur durch ganz Europa und viele Zivilpersonen starben wodurch es extrem viele
Kriegswaisen gab. Schon viel früher wurden Waisenhäuser geschaffen, diese sind nun aber überfüllt, da sie gar nicht für so viele
Kinder ausgelegt waren. Es entstanden Banden und ein neues Kriminalproblem. Die Delikte die man ihnen Vorwarf waren
meistens schwerer Raub oder Raubmord, daher versuchte man mit allen Mitteln gegen die organisierten Banden zu kämpfen.
Diese organisierten sich immer besser und es kam zu einer art „Guerillakrieg“ vor allem in deutschen Gebieten.
Hilfe kommt nun aus der reformierten evangelischen lutherischen Kirche aus 2 Motiven:
         Sie wollen die Kinder religiös retten  die Kinder bedrohen ihr ewiges Heil, man will sie vor der Hölle retten
         Man will ihnen ein Rechtschaffendes Leben in der Gesellschaft ermöglichen, sie sozialisieren.

Johannes Falk und Karl F. Horn gründeten 1813 in Weimar die „Gesellschaft der Freunde in Not“. Sie hatten die
Kirchengemeinden hinter sich und die Pfarrer predigten für die Kinder – man muss etwas tun um sie zu resozialisieren – und
durch die Kollekten bekamen Falk und Horn beträchtliche Subventionen. Sie nahmen verwahrloste Kinder auf und vermittelten
sie nach der Pflichtschulzeit als Lehrlinge an Handwerkerfamilien, daher auch der Name Rettungshaus. In Deutschland werden
dann immer mehr Rettungshäuser gegründet, unter anderem auch für schwer Körper- und Geistigbehinderte.
Ziel der Rettungshausbewegung:
         Die Bekehrung zum christlichen Glauben
         Die Sorge der Pädagogik galt nicht nur mehr Kindern mit Sinnesbehinderung sondern auch Verhaltensschwierigen.
         Der Fortschritt der Berufsausbildung über die Pflichtschule hinaus. Davor mussten die Kinder nach der Pflichtschule
          gleich arbeiten gehen und so einen Teil des Geldes ans Waisenhaus zurückzahlen. Dadurch konnten sie keinen Beruf als
          Lehrling erlernen, wodurch es ihnen das ganze restliche Leben schwer fiel eine gute Arbeit zu bekommen. Ohne Arbeit


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           konnten sie sich keine Existenz aufbauen (Wohnung). Da es keine Empfängnisverhütung gab kam es meistens nur zur
           Unterbrechung des Beischlafes was oftmals zu unehelichen Schwangerschaften führte. Dies stellte nur noch mehr
           Probleme dar. Man musste zu den so genannten Engelmacherinnen gehen die einen Schwangerschaftsabbruch
           vornahmen, was allerdings Kindsmord darstellte und eine Straftat war die mit hohen Gefängnisstrafen sogar am Rande
           der Todesstrafe zu verurteilen war…
           Auch Pestalozzi schrieb darüber und zeigte das Problem der normalen Waisenhäuser auf!
           In den Rettungshäusern wurde nach der Beendigung der Schulpflicht kein Geld zurückverlangt, das Lehrgeld wurde von
           den Spenden finanziert.
          Man will also auch den Kindsmord abschaffen un es ihnen ermöglichen selbst einen Hausstand zu gründen.

Die wichtigsten/berühmtesten Rettunshäuser:
        Johannes Falk „Gesellschaft der Freunde in Not“ in Weimar
        1833: Johann H. Wichern „Raues Haus“ in Hamburg (hatte ein eigenes Haus mit Lehrwerkstätten und beschäftigte
         Lehrmeister)
        1874: Pfarrer Theodor Hoppe „Oberlinshaus“ in Babelsberg (Berlin) (Nachfolger in der Leitung = Gustav Riemann:
         erster Taubblindenlehrer in Deutschland)

    III.       7. Die Verallgemeinerungsbewegung

Ein großes Problem im 19. Jahrhundert war die Beschränktheit der Heimplätze. Johann Baptist Graser (1829 „Didaktik der
Elementarschule auf der Grundlage der Taubstummenpädagogik), Wilhelm Harnisch und Pfarrer Wilhelm Friedrich Daniel
gaben den Anstoß den Mangel an Heimplätzen wettzumachen, indem man mental beeinträchtigte Kinder in normale Schulen
integriert. Dies nennt man die Verallgemeinerungsbewegung. Der Versuch der Integration gelingt ein paar Jahre lang, geht dann
aber schief, denn es gibt keine speziellen pädagogischen Akademien (nur Präparandenkurse), daher auch keine spezielle
Ausbildung. Das Problem der Verallgemeinerungspädagogik war, dass kein Know-how vorhanden war. Allerdings ist sie auch die
erste Integrationsbewegung. Mit der heutigen hat sie viele Ähnlichkeiten, aber auch Unterschieden:
Heute:
          Integration in „Nicht-Sonderschulen“ für ein gemeinsames Schulbild
          Alle mental beeinträchtigten Kinder werden unterrichtet
          Spezifische Ausbildung für Lehrer in 8 Semestern in eigenen Pädagogischen Akademien entweder zum Gehörlosen
           oder zum Blindenlehrer
Damals:
          Integrationsklassen als Ersatz für Heimplätze
          Nur Sinnesgeschädigte Kinder werden unterrichtet
          Überforderung der Lehrer (jeder musste alles können – sowohl Blindenschrift als auch Gebärdensprache, nach einer
           max. 2jährigen Ausbildung)

    III.       8. Die Gründung Orthopädischer Institute

Johann Georg Heine war Instrumentenmacher und Bandagist und stand in den Anfängen des eigenen medizinischen Faches
Orthopädie. An der Universität in Würzburg entwickelte er orthopädische Geräte und Hilfsmittel z.B. die Streckgeräte um
Körperbehinderungen in nicht chirurgischer Form zu kompensieren/rehabilitieren (Beispiel Zahnspange: man bringt den Körper
in eine Drucksituation um ihn in die richtige Stellung zu versetzen. Er wurde zum Doktor der Orthopädie ernannt und man
errichtete 1816 ein orthopädisches Institut mit ihm als Leiter. Diese Streckgeräte bedurften allerdings eines langen
Krankenhausaufenthalts (ca. 6 Jahre) was zu Lerndefiziten führt. Um kein schulisches Defizit zu bekommen führte Heine erstmals
in Würzburg den Unterricht am Krankenbett ein.

    III.       9. Industrieschule für Körperbehinderte

Die Industrieschulen waren weltliche Gründungen die Unterricht mit Arbeit verbanden. Damals gab es noch keine Rettungshäuser
und man wollte die Jugendlichen vom Betteln abhalten und sie später auch arbeiten lassen. Buben bekamen landwirtschaftliche
Arbeiten und Mädchen musste nähen, spinnen, Seide zupfen, sowie Strümpfe, Socken, Winterschuhe und Hemden anfertigen.
Industrieschulen waren allerdings nur Eintagsfliegen und Mitte des 19. Jahrhunderts schon wieder verschwunden.

    IV.        Erziehung und Unterricht am Ende des „Heiligen römischen Reiches“ (Die Zeit der Suche nach nationaler
               Identität, Liberalismus und Pädagogik)

1848       Nationalversammlung: Erzherzog Johann sollte Kaiserwahl einleiten- dazu kam es aber nicht
1849       Friedrich Wilhelm III lehnt die Kaiserwürde ab
1871       Preußenkönig Wilhelm I wird Kaiser und es entsteht das „geeinigte Königreich Deutschlands“ als Nachfolger des
           heiligen römischen Reiches – ohne Österreich!




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Nach den napoleonischen Kriegen begannen die Leute allmählich wieder ein besseres Leben zu haben. Die Geburtenrate stieg und
die Menschen denken darüber nach, wie es zu den napoleonischen Kriegen hatte kommen können  1 Heer überrennt ganz
Europa.
Großbritannien und Frankreich sind Nationalstaaten, wohingegen das Heilige Römische Reich und Italien nur „Fleckerlteppiche“
sind bei denen die Landesverteidigung schwieriger Diskussionen und Kompromisse bedurften. Man meint, wenn das heilige
römische Reich ein Nationalstaat wäre, so hätte man ein starkes Heer gehabt und Napoleon hätte keine Chance gehabt. Aus
diesem Gedanken heraus wird eine Nationalidentität gesucht und der Liberalismus kommt auf.

    IV.        1. Was ist Liberalismus?

Liberalismus ist die Haltung, die überkommende Normen, Wertvorstellungen und gesellschaftliche Verhaltensweisen
vorurteilslos kritisch, neuen Denkweisen aber aufgeschlossen gegenüber steht.
Seinen Ursprung hat er in der Wirtschaft Großbritanniens, wo dogmatisches Denken abgelehnt und das Recht und die
größtmögliche persönliche Freiheit des Einzelnen zum Grundsatz sozialen Handelns wird.
Die Abwehr der Allmacht des Staates ist daher das Hauptmerkmal aller Richtungen des Liberalismus.

          Einschub: Freiheit des Einzelnen
                     Homosexuelle Ehe
          Soll man Homosexuelle Ehen erlauben oder bringt dass einen Rückgang der Geburtenrate?
          Die Angelsachsen sind bei solchen Fragen immer sehr liberal und es gelingt ihnen bei Kernanliegen einen Kompromiss
          zu finden. Im Gegensatz dazu stehen die Kontinentalliberalen (Europa), die nur ungern Kompromisse eingehen.

Liberalismus in der Pädagogik:
         Nach den napoleonischen Kriegen kommt es zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung 
          Modernisierungsschock auch in den Schulen  Idee der deutschen Nationalerziehung, weil nationale Identität
          Verteidigungskraft verstärkt
         Abschied von der Identifizierung des heiligen römischen Reiches

          Einschub: Von der Hauslehrerpädagogik zur Schulpädagogik
          Herbart wird 1809 Nachfolger Kants an seinem Lehrstuhl für Philosophie in Königsberg. 1833 wird er dann auf den
          Göttinger Lehrstuhl der Philosophie berufen.
          Die Bildsamkeit des Menschen im Gegensatz zur Formbarkeit der Materie bildet den Grundbegriff seiner Pädagogik.
          Nur der Mensch kann zur Sittlichkeit gebildet werden!
          Ende des 19. Jahrhunderts gehört Physik, Chemie und Mathematik zu den exakten Wissenschaften und alle anderen
          Wissenschaften werden daran gemessen. Daher fühlen sich die alten Fächer plötzlich vor dem Hinausschmiss, da z.B.
          die Geschichtswissenschaft keine mathematisch genauen Daten liefern konnte.
          Die Universitäten hatten schon immer mit einem auf und ab zu kämpfen – ähnlich einer Sinuskurve. Leibnitz meinte zu
          der Zeit, dass die Universitäten keiner mehr besuchen wird und dann kam doch wieder ein Aufstieg im Ansehen.
          Die praktische Philosophie – die Ethik – zeigt das Ziel der Erziehung (Sittlichkeit), die Psychologie den Weg, die Mittel,
          die Möglichkeiten und Grenzen der Pädagogik.
          Materialien sind formbar – Formbarkeit: Chemie und Physik
          Menschen sind bildbar – Bildbarkeit: Pädagogik

    IV.        2. Herbartianismus

Herbartianismus wird eine Richtung der Pädagogik genannt die auf Johann Friedrich Herbart (1776 – 1841) zurückgeht, in der
zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts in Deutschland tonangebend war und in viele andere Länder ausstrahlte. Vertreter (unter
anderem): Wilhelm Rein (1847 – 1929).
Sie waren im Verein für Wissenschaftliche Pädagogik (1868 – ca. 1927) organisiert. Als bleibende Verdienste der Herbart Shcüler
wird genannt:
          Sie bahnten der Pädagogik den Weg an die Universitäten als eigenständige Disziplin mit eigenen Lehrstühlen
          Sie etablierten pädagogische Universitätsseminare mit Übungsschulen
          Sie formulierten die didaktischen Funktionen, also das pädagogische Einmaleins eines jeden Lehrers
          Sie belebten den schulischen Alltag und begründeten die Praxis der Schulreisen
          Sie forderten und gestalteten die Fortbildung der Lehrer
          Sie thematisierten die Schulverwaltungsfrage und forderten die „Emancipation der Schule“ (Stoy)
          Sie setzen sich für die soziale Hebung des Lehrerstandes ein
Kritisiert wurde der Herbartianismus von der Reformpädagogik. Aus ihrer Sicht war von Herbarts Anliegen, über die Bildung des
Intellekts den sittlichen Willen wecken zu wollen, nur noch ein starres Unterrichtsschema übrig geblieben. Vernachlässigt wurden
dabei Herbarts Forderung nach „eigener Beweglichkeit“ der Schüler und die emotionale Bildung ursprünglicher Werturteile an
ästhetischen Beispielen.

Der Herbartianismus will die deutsche Nationalschule.


Alexandra Bisanz                        Severinski - Geschichte der Erziehung – SS 06                                        17
Wilhelm Rein: Schule = Stamm, Familie = Wurzeln, Militär = Krone
Johann Friedrich Herbart: Nachfolger von Kant in Königsberg, ordentlicher Professor der Philosophie. Er bot lebenslang
Vorlesungen zu Pädagogik an und publizierte Bücher zu diesem Thema. 1833 wird er nach Göttingen gerufen. Er wollte
öffentliche Schulen beschränken, dafür mehr Hauslehrer (sei effektiver). Auch Everett Reiner und Herr von Illich waren dieser
Meinung, nur noch konkreter: „Schafft die Schulen ab!“. Lehrer sollten an Pädagogischen Akademien zum Einzelunterricht
ausgebildet werden und sich wie Musiklehrer niederlassen.
Herbarts Prinzip des Unterrichts:
2 Theorien:
         Lehrplantheorie (Entwicklung eines Lehrplans für Einzelunterricht)
         Stufenmodel = Formalstufen = Formalstufentheorie (in kürzester Zeit Maximum herausholen, jede Stunde sollte gleich
          aufgebaut werden: Aufbau einer Privatstunde:
               o Stufe der Klarheit (Vorbereitung) (worum geht es?)
               o Stufe der Assoziation (Darbietung) (Zusammenhänge erkennen)
               o Stufe der Besinnung des Systems (Verknüpfungen mit dem bisher gelernten) (Verstehen, Klarheit)
               o Stufe der Methode (Zusammenfassung und Anwendung) (Einbettung in Wissen)

Herbarts Schüler, Tuiskon Ziller und Wilhelm Rein, erreichten mit diesem Modell Weltruhm, Herbartianismus war eine neue
Modewelle, ist heute aber tot (war für Einzelunterricht erfunden worden, nicht für ein Schulsystem). Ivan Illich, Evere und
Reimer wollten eine Schulung der Gesellschaft und haben dafür nur Spott geerntet.

    IV.       3. Die Alternative zum Herbartianismus: Der Geist Pestalozzis in der Volksschule

Vertreter: Adolf Diesterweg (1790 – 1866) liberaler Schuldirektor
Hauptwerk: „Bildung für Lehrer und die es werden wollen – methodisch praktische Anweisung zur Führung des
Lehramts“
Er meinte damit, dass Erziehung die Möglichkeit ist sich selbst zu bestimmen. Ziel der Erziehung sei die Mündigkeit (=sich selbst
zu bestimmen). Hauptmittel ist die Selbstständigkeit des Wahren, Guten und Schönen. Diesterweg bevorzugt in der Volkschule
die formale Bildung (Lernen lernen) und meint, dass Lehrerpersönlichkeiten sehr wichtig seien  forderte freien Lehrstand,
Kampf gegen geistliche Schulaufsicht

    IV.       4. Die österreichische Mittelschulreform von 1849

Es wurde eine Modernisierung des Bildungswesens gefordert. Franz Joseph II. leitete die ersten Reformschritte ein 
„Ministerium des öffentlichen Unterrichts“. Der erste Unterrichtsminister war Franz von Sommaruga. Er wurde beauftragt eine
Schulreform zu machen. Damals gab es 6klassige Volksschulen und 6klassige Lateinschulen. In den Landeshauptstädten (Linz,
Klagenfurt) wo es keine Universitäten gab, gab es 2jährige Kurse. Diese konnte man absolvieren und danach eine höhere Fakultät
besuchen.
1809 war bereits in Preußen eine Bildungsreform (unter Humboldt) wo ein 9jähriges Gymnasium mit Abitur eingeführt wurde.
Nun, ein halbes Jahrhundert später, geschah dies auch in Österreich.
Sommaruga ruft den Prager Universitätsprofessor Franz Exner nach Wien und bildet mit ihm einen Arbeitskreis, dazu stieß
später auch der Wiener Mediziner Ernst Freiherr von Feuchtersleben (war Direktor des Dekanats). Sommaruga gibt seinen
Posten schnell wieder auf und Feuchtersleben wird sein Nachfolger. Auch Feuchtersleben gibt bald auf und im Juli 1849 wird Leo
von Thun – Hohenstein Unterrichtsminister. Leo von Thun – Hohenstein ruft als 2. Vorsitzenden Hermann Bonitz herbei.
Exner und Bonitz geben im September ihren „Entwurf der Gymnasien und Realschulen in Österreich“ ab. 1849 tritt das Gesetz in
Kraft.
Die Neuerungen:
         8klassiges Gymnasium (Lateinschule mit 2 Jahren Artisten) schließt ab mit
         Matura
         Idee der neuhumanistischen Bildung
         Moderner als das preußische Gymnasium (naturwissenschafltiche Fächer waren gleichbedeutende Hauptfächer)

1848               Pflichtschullehrerbildung auf 1 Jahr angehoben / 1849 auf 2 Jahre
1848               geistliche Schulaufsicht aufgehoben in Österreich und durch die weltliche ersetzt
1849               in Österreich durch dieses Gesetz 6jährige Realschule
1855               Vertrag zwischen Österreich und Vatikan „Konkordat“ – geistliche Schulaufsicht kehrt zurück
1855               Unterrichtsministerium wird aufgelöst
seit 1856          Handelsakademien
1867               Kaiser Franz Joseph erlässt Staatsgrundgesetz
1869               Das Österreichische Reichs- und Volksschulgesetz
seit 1870er        3 – 4klassige Staatsgewerbeschulen (Höhere Technische Lehranstalten)




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    IV.        5. Das österreichische Reichs- und Volksschulgesetz 1869 – RVG

Nun wird reformiert, was 1849 vergessen wurde. Aufgrund der allgemeinen Schulordnung wurde die 6jährige Unterrichtspflicht
auf 8 Jahre angehoben. Nach der allgemeinen Schulordnung gab es 2 Jahre Trivialschule und 4 Jahre Haupt- oder Normalschule.
Mit dem RVG gab es nun eine 5jährige Volksschule und eine 3jährige Bürgerschule (statt der 4jährigen Hauptschule). Die
Pflichtschullehrerbildung wurde von 2 auf 4 Jahre verlängert und es gab eigene Lehrerbildungsschulen.
Die 1849 gegründete Realschule wurde durch das RVG von 6 auf 7 Jahre verlängert und mit einer Reifeprüfung zur Zulassung an
der technischen Universität versehen.
Durch das RVG fällt die geistliche Schulaufsicht, es werden weltliche Schulinspektoren eingesetzt. Das Staatsgrundgesetz und
das RVG wurden in Deutschösterreich, Böhmen und Mähren eingeführt. Die allgemeine Schulordnung Maria Theresias mit
geistlicher Schulaufsicht blieb in den Ländern der Stephanskrone bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1919. (Ungarn, Kroatien)
Es gab also zwei Schulreformen in Österreich 1849 – Reform der höheren Bildung und 1869 – Reform der Pflichtschulbildung.
Nicht berührt von der Schulreform wurde das Schulwesen für Behinderte (Halbtagsschulen)

    IV.        6. Hilfsschulen, Schwerhörigenschulen, Sehbehindertenschulen, Sprachheilschulen und Schulen für
               Verhaltensgestörte

Eingebettet in den Geist der Zeit der Bildung Behinderter gründete Guggenmoos Gotthard in Hallein 1816 eine Kretinanstalt.
Kretinen sind Menschen mit mentaler Beeinträchtigung. Sie wurden auch als Idioten bezeichnet. Idiot war damals kein
diskriminierender Ausdruck. Idios = eigen, selbst/weltabgewandt. Im 19. Jahrhundert gab es bereits Idiotenanstalten und der
Begriff wurde negativ. Da Guggenmoos den Begriff Idiotenanstalt nicht wollte nahm er den aus dem französischen stammenden
Begriff Kretin.
1840 - 1870        Zeitalter von Anstaltsgründungen, Anstalten waren Internate
1873               in Wien: ambivalente aber einschneidende Neuerung:
                   Pressgasse 24 (4. Bezirk): Volksschule mit erster Hilfsschulklasse wird errichtet. Paul Hübner
(Gehörlosenlehrer) verhalf dieser Idee zum Durchbruch. Er meinte schwach-behinderte Kinder seien als bildungsfähig
anzunehmen und gewöhnlicher Unterricht sei für Lernschwache Kinder nicht ausreichend. Da sich dieser Gedanke bewährte
wurde 1885 in Wien (Anastasius-Grüngasse, 1100 Wien) die 1. Hilfsschule Wiens gegründet.

Das österreichische Pflichtschulwesen war damals nicht einheitlich in der Verwaltung, die Hilfsschulen fielen unter das
Landesschulgesetz. Erst 1962 erhielten sie Bundeskompetenz.

3 Arten der Förderung Leistungsschwacher:
        1904 wird Anton Sickinger Landesschulrat. Sein Ziel war es, die Schüler nach ihren jeweiligen Fähigkeiten zu fördern.
         Dies erreichte er durch die Schaffung eines differenzierten Volksschulsystems. Die begabten Volksschüler wurden auf
         Haupt- und Normalschulklassen aufgeteilt. Die weniger begabten Schüler kamen in Förderklassen, die
         Leistungsschwachen in Hilfsklassen. Für die Klassenstufen 6.-8. wurde Sprachunterricht angeboten um den Wechsel
         auf eine höhere Schule zu ermöglichen. (=Mannheimer Schulsystem, Vorläufer des in Deutschland bis heute gültigen
         Schulsystems) Man kam in die erste Klasse (1a), wenn man diese positiv abschloss konnte man in die 2a aufsteigen.
         Hatte man das Lernziel nicht erreicht kam man in die 2b (mit reduziertem Lehrplan). Konnte man die 2b positiv
         abschließen kam man in die 3b, erreichte man das Lernziel nicht so kam man in die 3c. Somit gab es ab der 3.
         Schulstufe 3 Klassenzüge, wobei es im C-Zug kein Durchfallen mehr gab. (in Deutschland gibt es dieses System heute
         noch an Hauptschulen = Trillingssystem)
         Gegründet wurden Hilfsschulen und Sonderschulen in Österreich um die Geistestötenden Folgen des Repetierens zu
         verhindern.
        1879 in Deutschland wurden Hilfsschulen für Lerngestörte Kinder in Elberfeld und 1898 in Braunschweig und Leipzig
         errichtet.
        1898 gründete man Neben- und Beobachtungsklassen in Berlin (heute Förderklassen). Ziel war das Zurückkehren der
         Kinder in Regelschulklassen, gelang dies nicht kamen sie in Idiotenanstalten.

          Einschub: Kinder mit Hochbegabung
          Es gab damals allgemein eine hohe Repetentenzahl und aber einige fallen in der 1. Volksschulklasse durch, aber auch
          viele in der 2. Klasse, da sie nicht richtig rechen oder lesen/schreiben können. Dies ist ein Phänomen der
          Lernverwahrlosung bei Hochbegabten. Sie können vieles nur durch zuhören erlernen, doch auch sie müssen einiges
          wirklich lernen (z.B. 1x1). Wenn sie des nicht lernen, dann scheint es als hätten sie Lernschwächen und sie kommen in
          die Sonderschule. Bevor sie allerdings in die Sonderschule kommen wird ein Intelligenztest gemacht und spätestens hier
          wird erkannt das sie hochbegabt sind, denn beim Intelligenztest wird schulisch erlerntes nicht gemessen!

Ende des 19.Jahrhunderts werden noch andere Schulen gegründet. 1902 wurde in Berlin die 1. Schwerhörigenklasse eingerichtet
und nach dem 1. Weltkrieg gab es dann auch Sehschwachenschulen in mehreren großen Städten Europas. Bis ins 19. Jahrhundert
hat man sehr Sehschwache Kinder in Blindeninstituten eingeschult und wenig Sehbehinderte in Regelschulen da die Medizin der
Meinung war, dass man einen schwachen Sinn schonen muss um ihn nicht zu verlieren.
Mitte des 19. Jahrhundert jedoch erkannte man, dass ein schwacher Sehsinn gefördert werden muss, selbiges gilt natürlich parallel
dazu für Gehörschwache. Am Beginn des 20. Jahrhunderts beginnt man daher Schwerhörigenklassen bzw. Sehschwachenklassen

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einzurichten und die Errichtung von Halbtagssehschwachenschulen mit hellen Klassen, großen Kontrasten, großen Buchstaben,
keine Brailleschrift, dafür helle weiße Tafeln mit schwarzer Schrift – ganz anders als es in den Blindeninstituten der Fall war.
Zur selben Zeit sind auch Sprachheilschulen entstanden aus den Stottererkursen die es seit 1882 in Braunschweig gab. Aber auch
Schulen für Verhaltensgestörte wurden vereinzelt errichtet. Diese ähnelten allerdings eher einer Zwangsanstalt als einer
therapeutischen Einrichtung im Unterschied zu den Rettungshäusern.

    V.        Das „Jahrhundert des Kindes“ (Ellen Key) und der „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler)
              (Liberalismus, Christentum, Nationalsozialismus und Marxismus) Die Pädagogik des 20. Jahrhunderts

Hier spielt Liberalismus aber auch Jean-Francois Lyotards Supererzählungen eine Rolle. Diese Supererzählungen sind:
Christentum, Nationalsozialismus und Marxismus.
(Vormoderne, Moderne, Postmoderne) Die letzte Phase der Moderne ist geprägt von den 3 großen Ideologien – Christentum,
Nationalsozialismus und Marxismus – es sind Supererzählungen die in erzählender Weise die Welt erklären in eben 3
verschiedenen Sichtweisen.
(Severinski meint es gibt neben dem Nationalsozialismus noch andere ähnliche Supererzählungen die nur nicht so schlimme
Folgen hatten)

    V.        1. Die Schule in Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Jahrhundertwende

Deutschland:
Hier gab es 8klassige Volksschulen, wobei die Gymnasien 3klassige Vorschulen hatten. Weiters gab es 8klassige Sonder- &
Hilfsschulen und ein 9klassiges Gymnasium nach der Vorschule. In Deutschland im Gegensatz zu Österreich gab es an den
Realschulen keine Hochschulberechtigung – diese mittlere Schule schloss also nicht mit einem Abi ab war aber eine höhere
Ausbildung als die Volksschule. Außerdem gab es Lyzeen. Das Ziel der Lyzeen war die Töchter der höheren Stände zu bilden,
damit wenn sie später einen gebildeten Mann heiraten sie in dieser Gesellschaft mitreden können. Sie bekamen zwar an den
Lyzeen eine ähnliche Ausbildung wie die Jungen, bekamen aber keine Hochschulberechtigung. Als man später die Reifeprüfung
auch für Mädchen einführte, merkte man erst, wie gut die Lyzeen-Ausbildung war, da man am Lehrplan nur wenig ändern musste.

Österreich:
Hier gab es 5klassige Volksschulen in den größeren Städten die dann in eine 3jährige Fortsetzung an Bürgerschulen mündete.
Sonst gab es 8klassige Volksschulen und auch 8klassige Sonder- und Hilfsschulen. Nach der. 4. Volksschule konnte man in die
8klassige Mittelschule übertreten – man konnte dabei wählen zwischen Bürgerschule, Realschule (2 moderne Fremdsprachen und
DG) und Gymnasium (mit Latein und Altgriechisch). Außerdem gab es Staatsgewerbsschulen, Handelsakademien und
Handelsschulen sowie Lyzeen. Die Gymnasien und Realschulen hatten keine Vorschulen wie in Deutschland.

Schweiz:
In der Schweiz ist es bis heute von Kanton zu Kanton verschieden. Die Volksschule dauert 4 – 6 Jahre, an den Mittelschulen gab
es Maturitätsprüfungen mit 18, 19 oder 20 Jahren.
Erst durch die „Verordnung über die Anerkennung von Maturitätsausweisen“ 1925 kommt es zu 3 verschiedenen Typen von
Maturitätsschulen:
Typ A: Latein und Altgriechisch
Typ B: Latein und 1 moderne Fremdsprache
Typ C: 2 moderne Fremdsprachen und eine Betonung auf Mathematik und Naturwissenschaften.

    V.        2. Die Entwicklung der Schule von 1900 – 1918 in Deutschland und Österreich

Der Liberalismus und Marxismus führen zur Hinterfragung der Monarchie. Ende des 1. Weltkrieges kam es in ganz Europa zum
Ende der feudalen Regierungsformen. In Deutschland und Österreich wird die Republik ausgerufen, in Großbritannien und
Holland bleiben die Königshäuser, werden aber nur mehr zu Repräsentanten des Staates.
In den letzten Jahren der Monarchie passiert noch folgendes:

Deutsches Reich (ohne Österreich):
Hier ist das Schulwesen Landessache, aber es gibt eine Tendenz zur Vereinheitlichung.
1909 kommt es zur Vereinbarung aller deutschen Länder die gegenseitige Anerkennung des Abiturs
Das höhere Mädchenschulwesen wir in allen Ländern neu geregelt und dem höheren Schulwesen für Jungen angepasst – die
Studienberechtigung für Mädchen eingeführt.
Mit dem Aufstieg von Handel und Gewerbe blühen die „Mittelschulen“ auf und erhalten 1910 die „Mittlere Reife“ aus
militärischen Gründen. Da es einen Offiziermangel gab und man nur Offizier werden konnte wenn man die Reifeprüfung hatte.
Um den Mangel zu kompensieren führt man die Mittlere Reife ein, die zwar keine Studienberechtigung darstellt, allerdings
genügt um Offizier werden zu können.
Es entstehen Fachschulen für verschiedene Berufszweige. Auch Landwirtschafts-, Handels- und Pflichtfortbildungsschulen.




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Österreich:
Auch hier wird die Frage nach der Reformbedürftigkeit des Schulwesens diskutiert. 1906 wird Gustav Machet zum
Unterrichtsminister berufen. Seine Aufgabe war es in Österreich eine Schulreform zu machen, die der aktuellen Diskussion
gerecht wird. Damit ihm dies gelingt, sammelt er verschiedene Vorschläge und die Kulturpolitische Gesellschaft veranstaltete in
Wien die „Mittelschul-Enquête“. Es entsteht schließlich 1908 die Machet’sche Schulreform:
Ab diesem Zeitpunkt gibt es 2 Mittelschulformen:
Das Realgymnasium mit Latein on der 3. – 8. Klasse und einer modernen Fremdsprache ab der ersten Klasse und das Reform-
Realgymnasium ist ähnlich der Realschule mit einer modernen Fremdsprache in allen Klassen und Latein ab der Oberstufe und
einer 2. Fremdsprache in der Oberstufe.

    V.        3. Die Reformpädagogische Bewegung als Alternative zum Herbartianismus

Die reformpädagogische Bewegung ist die Revolution gegen den Herbartianismus und übt heftige Kritik an diesem. Das Positive
am Herbartionismus ist die Anschaulichkeit, in jeder Stunde eine Wiederholung zur Sicherung der Lernleistung), trotzdem gibt es
auch einiges Negatives, beispielsweise ist der Unterricht sehr monoton.
Die reformpädagogische Bewegung ist die Summe von verschiedenen Bewegungen. Die Bezeichnung stammt von Flitzner und
Kudritzki – „Deutsche Reformpädagogik“

Beginn der Reformpädagogik:
1849 wurde Friedrich Wilhelm IV. die erbliche deutsche Kaiserwürde angeboten, doch er lehnt ab.
Damals gab es ein Streben nach der nationalen Identität als Folge der napoleonischen Kriege – Dazu gab es 2 Strömungen:
          Italien und Deutschland zu einem Nationalstaat machen
          Alte Idee eines Staatenbundes
1861 wird König Viktor Emmanuel von Pietmont-Sardinien zum König des Königreichs Italien und es kommt zum Ausruf eines
Königreichs Italien.
1870 nehmen italienische Truppen den römischen Kirchenstaat militärisch (aber gewaltlos) ein
1871 wird König Wilhelm I von Preußen zum Deutschen Kaiser ausgerufen.
Nach der Einigung Deutschland gab es ein Deutsches Reich aber ohne Österreich. Diese bestand jedoch nur aus Kaiser und
Reichskanzler, denn der Rest der Bevölkerung fühlt sich eher als Sachsen, Rheinländer usw. aber nicht als Deutsche. Daher will
man die Jugend so erziehen, dass sie das Reich als Vaterland ansehen – dagegen sprechen aber die neuen Erfindungen wie z.B.
die Eisenbahn.
Durch diese Erfindung entsteht auch die Wandervogelbewegung:
An ihr waren vor allem Lehrer interessiert. Es wurden Wanderungen unternommen, was ein heraus aus der monotonen Schulstube
der Herbartianser bedeutete.
Pädagogik vom Kinde aus – Ellen Key und Berthold Otto. Berthold Otto war kein Lehrer, sondern Lektor des
Brockhausverlages in Leipzig. Er meinte, dass die Schule keine gute Bildungsinstitution sei und lehrte seine Kinder selbst.
Deshalb wird er angeklagt. Da Berlin damals die neue Hauptstadt war und noch einen Kleinstadtcharakter hatte wollte man zur
Weltstadt werden. Die Bildungspolitiker von Berlin lesen über den Fall Otto in der Zeitung und geben ihm ein Haus zum wohnen
und ein 2. wo er seine Schule einrichten konnte. Er verwirklichte dort seinen Gesamtunterricht und den Wochenplan.
Maria Montessori trifft sich mit Kindern und fragt sie was sie lernen wollen. Dann diskutiert man mit ihnen darüber, was
natürlich zu einer unsystematischen Ausrichtung der Lerninhalte führt, wodurch auch die meisten dieser Richtung wieder
ausgestorben sind. Montessori allerdings hat bis heute bestand. Maria Montessori war eine Ärztin und konnte nicht glauben, dass
Kinder mit Lernschwächen als Idioten abgestempelt werden und verkommen. Daher entwickelte sie eine neue Methode des
individuellen Arbeitens – jedes Kind lernt selbstständig.
Pädagogik der Selbstständigkeit – John Dewey und Georg Kerschensteiner. Kerschensteiner übersetzt Werke Deweys ins
deutsche und will, dass alles was man lernt anschaubar/angreifbar ist, was natürlich gerade bei Sprachen sehr schwer ist. Hugo
Gaudig ist auch ein Vertreter der Pädagogik der Selbstständigkeit, allerdings geht es ihm nicht ums angreifen sondern um geistige
Selbstständigkeit.
Paul Ostreich gründete den „Bund entschiedener Schulreformer“ und träumt davon, dass Schulen aufs Land in große Bauernhöfe
verlegt werden. Dort könnten die Schüler arbeiten und so ihre Schulbildung erhalten  Lernen soll Lebensnah sein und beim
Lernen soll nichts gemacht werden wodurch man nicht auch Geld verdienen kann (Marxismus).
Weitere Bewegungen:
Landerziehungsheim-Bewegung begründet von Hermann Lietz. 1898 gründet er das 1. Heim. Sein Mitarbeiter war Gustav
Wyneken und Paul Geheeb. Da diese jedoch mit Lietz streiten gründet Wyneken ein eigenes Landerziehungsheim bei dem sehr
viel wert auf ästhetische Erziehung gelegt wurde. Geheeb gründete die Oberwaldschule in Oberhambach bei Heidelberg die bis
heute existiert. Dann emigrierte er in die Schweiz und gründete die Ecole d’humanité im Berner Oberland.
Waldorfpädagogik – Rudolf Steiner. Rudolf Steiner war Eisenbahnerkind und kam viel herum. Er entwickelte eine eigene
Pädagogik. Der Name kam von der gleichnamigen Zigarettenfirma – Man wollte eine Werksschule für die Kinder der in der
Zigarettenfabrik arbeitenden Frauen. Der Leiter der Fabrik machte daher Steiner das Angebot Direktor der Werksschule zu
werden und so seinen Ideen zu verwirklichen (auch viel Ästhetik). Sein Konzept war so erfolgreich, dass es in der ganzen Welt
bekannt wurde.
In der Waldorfpädagogik heißt es, dass jede Behinderung mit der Seele des Menschen zu tun hat, daher muss Heilpädagogik
Seelenpflege sein.


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Theoretiker der Reformpädagogik wurde Wilhelm Dilthey. Seine Absicht war es den Geistes- und Sozialwissenschaften ein
ihnen praktischen Einfluss sicherndes wissenschaftstheoretisches Fundament zu sichern. (früher waren die Geistes- und
Sozialwissenschaftlichen Fächer vor dem Rausschmiss aus den Univerisäten)
Vorbild Dilthey ist die historische Schule der Rechts- und Geisteswissenschaft und die Hermeneutik Schleiermachers.
In der Psychologie liegen die Grundlagen der Pädagogik und die Pädagogik solle zur angewandten Psyhologie werden und sich
den Geist der historischen Schule zu Eigen machen.
Damals wie heute ist diese Schule die überwiegende Reformpädagogische Bewegung, gehört heute aber eher der Vergangenheit
an genauso wie der Herbartianismus. Die Hermeneutische Pädagogik im Gegensatz dazu ist heute noch immer mehrheitlich
vorhanden.

     V.        4. Die neukantianische Pädagogik als weitere Alternative zum Herbartianismus (Paul Natorp 1854 – 1924
               und Alfred Petzelt 1886 – 1967)

Man nennt sie auch die Prinzipienwissenschaftliche Pädagogik – Transzendentalpädagogik (nicht beweisbar; jenseits der
Erfahrung) usw. Hier wird Pädagogik nicht als von der Philosophie getrennte Einzelwissenschaft angesehen – wie es Dilthey
macht – sondern Pädagogik ist Philosophie der Erziehung (Ethik). Paul Natorp kämpft unter Berufung auf Pestalozzi gegen den
Herbartianismus.
Alfred Petzelt war Volksschul- und Bindenlehrer und meint: Wenn die Pädagogik dem zugriff nicht-pädagogischen Interessen
entzogen bleiben soll, darf man Erziehung nicht – wie Dilthey – nur in ihrer geschichtlichen Gewordenheit sehen. Erziehung
heißt, zu sittlichem Handeln erziehen. Was in bestimmten Situationen sittlich bzw. unsittlich ist, darf nicht nur historisch gesehen
werden – dies kann nur der Betroffene in Verantwortungsbewusstsein erkennen (nicht beliebig).  Ähnlich Kants Ideen nach
Sittlichkeit – kategorischer Imperativ
Der Erzieher soll den Menschen daher zum Verantwortungsbewusstsein führen.

     V.        5. Otto Glöckel (1874 – 1935) und der Durchbruch der reformpädagogischen Bewegung in Österreich

Die Reformpädagogik ist in Deutschland nie zum Durchbruch gekommen, in Österreich allerdings schon!
Vorgeschichte:
1889 begeht Kronprinz Rudolf Selbstmord und Erzherzog Franz Ferdinand wird Thronfolger (er wird später ermordet und nach
ihm kommt Karl I.). Sowohl Franz Ferdinand als auch Karl I waren beide strenge Katholiken. In den letzten Jahren der
Österreich-Ungarischen Monarchie fürchteten die Freiheitlichen (Liberalen) und Sozialdemokraten gleichermaßen, dass das
Reichs-Volksschul-Gesetz bedroht sei (selbiges war ja zuvor von den Freiheitlichen/Liberalen erzwungen worden) bzw. auch in
der Reichshälfte diesseits der Leitha eine Wiedereinführung der geistlichen Schulaufsicht drohte. Daher gründeten führende
Mitglieder der Liberalen und Sozialdemokraten den Verein „Freie Schule: Kinderfreunde“ zum Schutz des RVG 1905. Ihr
Programm:
         Einheitsschule bis zum 14. Lebensjahr
         Pflichtschullehrerbildung durch mind. 2-jährigen Universitätsbesuch
         Arbeitsschule im Sinne Kerschensteiners & Gaudigs
Der Verein bringt jedoch 1918 auseinander.

1919 wird Otte Glöckel Unterstaatssekretär für Unterricht in der 1. Republik (= heute Unterrichtminister). Er Versucht das
Programm der Freien Schule zu verwirklichen.

          Einschub: Staatssekretär – Unterstaatssekretär
          Da es zu wenig Geld für Ministersitze gab, wurden die Staatssekretäre vom Staat bezahlt und bekamen ein Gehalt wie
          Beamte. Die Unterstaatssekretäre arbeiteten schon im öffentlichen Bereich und mussten von diesem Geld weiterleben.

Glöckel stellt den 1. Volksschullehrerplan nach Grundsätzen Kerschensteiners und Gaudigs usw. auf. Als Wien ein eigenes
Bundesland wird, wird Glöckel geschäftsführender Präsident des Wiener Stadtschulrats.
1925 – 1930 gelingt es ihm eine probeweise universitäre Pflichtschullehrerbildung einzuführen. (Leiterin des pädagogischen
Instituts in Wien war Charlotte Bühler.)
1922 – 1927 kam es an einigen Wiener Bürgerschulen zum Einheitsschulversuch
1927 Einheitsschule konnte sich durchsetzen, eine Mehrheit der Österreicher war für die Zusammenlegung. Die Christlichsozialen
wollten diese Idee zu Grabe tragen. Die Schulreform spielte eine große Rolle im Nationalratswahlkampf. Das Kräfteverhältnis
wurde aber kaum verschoben – neuer Nationalrat und gleiches Kräfteverhältnis. Nun konnte man ein neues Schulgesetz schaffen.
Es begann ein beinhartes feilschen zwischen den großen Parteien, auch damals war eine 2/3 Mehrheit notwendig.
Man wollte die Unterstufe der Mittelschule und Bürgerschule durch die Einheitsschule ersetzen. Der Kompromiss war dann, dass
die Einheitsschule abgeschafft wurde und eine 4klassige Hauptschule statt der Bürgerschule eingeführt und die Gymnasien
blieben erhalten. Die Lehrpläne aber wurden wortgleich angepasst, somit hatte man in der Haupt- und Mittelschule gleiche
Chancen. Das Problem war allerdings, dass es zu einer Krise der Hauptschulen führte, denn die Leute fragten sich, warum sie ihre
Kinder in die Hauptschule geben sollten, wenn doch die Lehrpläne sowieso gleich sind.
Im Februar 1934 war Bürgerkrieg und Glöckel wurde verhaftet. Man veränderte die Lehrpläne von Haupt- und Mittelschule, so
dass ein Übertritt praktisch unmöglich wurde – zur Vermeidung einer Maturanten- bzw. Akademikerarbeitslosigkeit.


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    V.        6. Die Schulpolitik der autoritären Regime in Österreich (1933 – 1938) und Deutschland (1933 – 1945)

Deutschland:
1933 gab es Reichswahlen und die NSDAP wird stimmenstärkste Partei. Der Bundespräsident Hindenburg ernennt Hitler zum
Reichskanzler.
Der Nationalsozialismus brachte zwar für die Schule keine revolutionären Einschnitte, aber die mit den Mitteln einer Diktatur
mögliche Betonung des jeweils erwünschten. (laut Blankertz)
Der Nationalsozialismus verachtet die Schule als Relikt des bürgerlichen Leistungssystems. Sie fördern zwar Sportlich-
Hochbegabte, aber sonst niemanden.

„Leistungen“:
         Abschaffung der Oberprima (um für Wehrdienst für Knaben und den Arbeitsdienst der Mädchen 1 Jahr zu gewinnen)
         Rassisch Diskriminierten wird der Oberstufenzugang verweigert
         Viele LehrerInnen, besonders Schulleiter und Schulinspektoren, die der NSDAP nicht beitraten oder schon vor der
          Machtergreifung den Nationalsozialismus kritisierte hatten, wurden zur Wehrmacht eingezogen oder als Lehrer nach
          Polen versetzt.
Da die Polen einen Hass auf die Deutschen hatte, meinte man, der Hass wird sich auf diese Lehrer richten, doch die Polen
erkannten, dass diese Lehrer nicht die wahren Schuldigen sind und behandelten sie daher ganz gut.
Die freien Stellen wurden mit Nationalsozialisten oder HJ-Führer, ohne Lehrerausbildung, besetzt.

Lehrpläne:
        Biologieunterricht: es wurde ein breiter Raum für die Rassenlehre geschaffen
        Geschichte: viel über das Germanentum
        Kennzeichen der NS- Pädagogik:
         Antiintellektualismus („Gebet eines Deutschen“)
         Anstelle der neuhumanistischen Bildung (über die Antike) tritt der Mythos des Germanentums (statt Odyssee die
         Nibelungen gelesen)

Die Aufgabe der Hilfsschule wurde die Rassenpflege. Zur Erhaltung der deutschen und germanischen Rasse wurde für unheilbar
blöde Kinder die T4 (Tiergartenstraße 4) – Aktion gestartet. 1944 erst wurde dieser Befehl eingestellt. Außerdem hat man Kinder
mit angeborenem Schwachsinn zwangssterilisiert („Erbgesuchdheitsgericht“), da man so meinte die Verbreitung aufzuhalten.
Heute weiß man, dass dies ein Trugschluss ist, da es ja dominante und rezessive Krankheiten gibt und erbliche Behinderungen nur
10% ausmachen, das meiste der Erkrankungen erst postnatal zugefügt wird.
In Deutschland kam es dann zu einer Auflösung der Hilfsschulen und das Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschulen
werden zur deutschen Oberschule zusammengelegt.

1933 Selbstauflösung des Parlaments, Dollfuß regierte
1934 Bürgerkrieg in Österreich (siehe ein Kapitel davor)
1935 starb Glöckel
1939 Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich  alle Privatschulen für behinderte Kinder wurden aufgehoben.
Die Hilfsschulen sollen die VS entlasten.

Auch in Österreich gab es eine T4 – Aktion „Euthanasie lebensunwerten Lebens“. In Österreich bleiben in der NS-Zeit die
Hauptschulen bestehen (Illegale Lehrer setzen sich dafür ein!)

    V.        7. Der Wiederaufbau eines demokratischen Schulwesens nach 1945

In Deutschland und Österreich wurde ein demokratisches Schulwesen wieder aufgebaut. Das Problem war, dass viele
Schulgebäude zerstört waren und die nicht zerstörten zu Lagern für zurückgekehrte Vertriebene dienten (Klassen ausgeräumt und
mit Stroh die Böden bedeckt). In den wenigen Schulen gab es daher Wechselunterricht. Außerdem wurde ein Berufsverbot für
NSDAP-Mitglieder ausgesprochen.
In Deutschland gab es eine Wiederherstellung der Lehrpläne wie vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Das Schul- und
Hochschulwesen wurde wieder Sache der Bundesländer wie bis heute. (in der NS-Zeit wurde es zentral durch ein Ministerium in
Berlin geregelt)
In Österreich kam es zur Wiederherstellung der Lehrpläne von vor 1933 und zur wieder Geltung des RVG von 1869.

    V.        8. Paul Heimann (1901 – 1967) und die Berliner Didaktik

In Schlesien geboren und besuchte das Lehrerseminar in Breslau. Da er zunächst keine Anstellung im Schuldienst bekam nahm er
eine Anstellung in einer Privatbank an. Er beschäftigt sich nebenbei mit theoretischer Ästhetik und philosophier Anthropologie
und tritt Anfang der 30er Jahre in den Schuldienst in Berlin ein. Er schreibt eine Hausarbeit über die „Ganzheitsmethode“ im
Erstleseunterricht. Die Kinder lernten keine Buchstaben sondern Wortbilder (Bsp. Apfel zeigen und Wortbild dazu aufschreiben =



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analytische Methode). Erst in der 3. Klasse lernten sie das Alphabet. Diese Methode war besser für die Rechtschreibkenntnisse,
aber eine Benachteiligung für Legastheniker.
Er vervollständigte seine Slawistikkenntnisse und wurde 193 zur Wehrmacht eingezogen. 1946 wird er aus der französischen
Kriegsgefangenschaft entlassen, wird Dozent für Russisch an der pädagogischen Hochschule in Berlin und wird Redakteur der
Zeitschrift „Pädagogik“ der deutschen Akademie der Wissenschaft.

Nach der Teilung Berlins ging er in den Westen und war und wurde an der pädagogischen Hochschule für West-Berlin zunächst
Assistent, dann aber Dozent für systematische Erziehungswissenschaft. 1953 wird er Professor für Erziehungswissenschaft in
West-Berlin und führte seine Arbeiten zu einer praktische begründeten didaktischen Theorie aus den 40er Jahren fort.  Ansatz
der „Berliner Didaktik“.
Es unterscheidet zur Planung von Unterricht 2 Bedingungsfelder und 4 Entscheidungsfelder:

Anthropogene                                    Soziokulturelle

Intentionen                                     Inhalte

Methoden                                        Medien

 Todesstoß für Herbartianismus!!! Heimann geht damit in die Geschichte ein!
Die Anschaulichkeit des Herbartianismus wird durch die Medien abgefangen, Wiederholungen nicht direkt aufgefangen, ist aber
nur wichtig, wenn es auf aufbauendem Stoff beruht. Bei Hermann gab es Lernziele (Intentionen) so, dass in jeder Stunde etwas
neues gemacht wurde und wenn etwas aufbauend war, dann wurde immer darauf Bezug genommen.

Schon Petzelt betont die Wechselwirkung zwischen Inhalt und Methode. Bei Hermann soll die Methode öfters wechseln – 10 min.
zuhören, 10 min. arbeiten.

    V.         9. Die österreichischen Schulgesetze von 1962

Rückblick auf die vergangenen Schulgesetze:

        1774 Allgemeine Schulordnung von Maria Theresia
        1849 die österreichische Mittelschulreform unter Exner und Bonitz (statt Lateinschulen Mittelschulen)
        1869 das österreichische Reichsvolksschulgesetzt RVG (reformiert theresianische Schulform)
        1908 Marchet’sche Schulreform (Realgymnasium und Reform-Realgymnasium werden die neuen Mittelschulen = heute
         höhere Schulen)
        1928 Haupt- und Mittelschulgesetz
        1938 Anschluss – deutsche Schulorganisation auch in Österreich (Hauptschulen bleiben in Österreich erhalten)
        1945 „Maßnahmenerlass“ des Unterrichtsstaatssekretärs (Restauration des Zustandes vor 1933)
        1962 neue Schulreform

An Stelle eines Gesetzes (des RVG) treten eine Reihe neuer Gesetze.

5 Neuerungen:
         Polytechnischer Lehrgang wird geschaffen (Verlängerung der allgemeinen Schulpflicht auf 9 Jahre)
         Bundesweit Hauptschulen mit 2 Klassenzügen (seit 1983 dann 3 Leistungsgruppen)
         Mittelschule in höhere Schule umbenannt, Realschule in Realgymnasium und Realgymnasium durch verschiedene
          Gymnasialformen erweitert.
         Pflichtschullehrerbildung an pädagogischen Akademien verlegt
         10 verschiedene Sonderschultypen bundesweit
Frist von 4 Jahren bis zum Inkrafttreten.

Vor 1962 gab es in manchen Bundesländern (Wien) in reich gegliedertes Sonderschulwesen. In Salzburg und Vorarlberg dagegen
eher typenarme Bereiche und im Burgendland gab es die erste Sonderschule erst 1950.
Das Unterrichtsministerium in Wien war damals für immer mehr Sonderschulen und die Schaffung eines Anstaltszwanges.

Bis 1920 gab es 4 verschiedene Typen von Sonderschulen. (Blinde, Taubstumme, Schwachbefähigte, Schwererziehbare)
1927/28 hab es schon 7 (zusätzlich Sehgestörte, Schwerhörige, Körperbehinderte) und 1962 gab es dann schon 10 (noch dazu
Sprachgestörte, Schwerstbehinderte und Heilstättenschule)

Die Einwände im Burgenland und in Salzburg waren, dass man viele auch in normalen Schulen fördern kann. Von 1920 bis 1958
steigt die Zahl an Sonderschülern explosionsartig an und es werden immer schwächer Behinderte in die Sonderschulen
„eingewiesen“ und Österreich droht dazu ein Land der Sonderschulen zu werden.


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    VI.   Erziehung und Unterricht an der Schwelle zur Jahrtausendwende (Menschenrechte, Integration, die Idee eines
          „Europas der Vaterländer“)

    VI.       1. Integration

1974 – 1984 wurde die integrierte Grundschule nach dänischem Vorbild als Versuch eingeführt. Da im deutschsprachigen Raum
schon sehr früh Behinderte in Schulen gefördert wurden gab es nur kaum Alphabeten. In Dänemark, Holland und Schweden
hingegen wurde Langezeit nichts gemacht, sie wurden nicht geschult und so kam es zu viele Analphabeten. Dadurch, dass sie erst
so spät was machen, gehen sie gleich einen neuen Weg und führen Integrationsschulen ein.
1984 wird der Schulversuch allerdings ohne Proteste abgeschafft. Trotzdem will man in Oberwart 2 Behinderte Kinder in eine
normale Klasse geben. Da dies verboten ist, bekommt die 2. Lehrkraft das Gehalt von den Eltern bezahlt.

1985 findet man heraus, dass der Landeshauptmann 5% eines Schultyps zum Schulversuch erklären kann laut dem
Schulorganisationsgesetz und so werden in Karlsdorf bei Graz und Weißenbach in Tirol und natürlich auch im Burgenland der
Schulversuch eingeleitet.

1988 war dann ein so großer Andrang, dass die 5% nicht mehr ausreichten und man 10% der Sonderschulklassen integrativ
machte. 1991 wird das dann noch mal auf 20% erhöht.

1991/92 versuchte man geistig Behinderte im Realgymnasium zu integrieren (Bruck und Wien 15. an der Schmelz)
1993 15. Schulorganisationsgesetzt (SCHOG-Novelle): Grundschule
           stellt den Eltern frei zu wählen zwischen Sonderschule und Integrationsklasse
1994 Salamanca – Erklärung von 92 Regierungen und 25 internationalen Organisationen über die inklusive Schulpraxis statt
integrativ

1996 17. SCHOG-Novelle: Bis zum Ende der Schulpflicht haben die Eltern die freie Wahl

A. Möckel sagt: Sonderschule war ursprünglich eine Angebotsschule, wird durch die vielen „Einweisungen“ dann aber degradiert.

    VI.       2. Inklusiv vs. Integrativ

Inklusiv meint keine Förderung und Beschulung nach Behindertenkategorien.
Andererseits:
Eltern können zwischen drei verschiedenen Beschulungsmöglichkeiten wählen: reguläre Schulklasse, Kooperationsklasse (in 1
Schulgebäude 1 Klasse ohne päd. Förderbedarf, 1 Klasse mit Förderbedarf, Unterricht findet teilweise gemeinsam, teilweise im
Querschnitt durch die Klassen, in manchen Fächern auch getrennt statt) oder Sonderschulklasse.

Dieses System gibt es heute noch in Australien. Bei uns hat es sich nicht durchgesetzt. Obwohl die Kooperationsklassen gerade
bei Gehörlosen und Schwerhörigen sehr gut ankommen.

    VI.       3. Exzellenz-Egalitätsdebatte (Hochbegabtenförderung)

Die Debatte kommt in Österreich nicht recht in Schwung. Das Problem ist, dass sie stark von den Politikern aufgegriffen wurde
und nicht von den Wissenschaftern.

Trugschluss: Man muss die schwächeren fördern, die Hochbegabten setzten sich eh durch  dem ist nicht so!
Auch Hochbegabte haben große Probleme (Lernverwahrlosung – siehe weiter vorne), sie haben andere Interessen und werden so
auch schnell zu Außenseitern.

Man meint in Österreich man müsse bei den höheren Schulen ansetzen. Hochbegabtenförderung soll jedoch nicht nur dem
Wirtschaftsstandort zugute kommen (durch die Heranbildung von guten Wissenschaftern). Wichtig ist vor allem die
Hilfsbedürftigkeit und diese ist am größten beim Übergang vom Kindergarten in die Volksschule. Durch die späte Förderung
jedoch entgehen einem viele bzw. dort wo der größte Bedarf ist wird nicht gefördert!




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