Einführung in die Psychologie
1. Einleitung
Anfänge der Psychologie als Wissenschaft: vor rund 150 Jahren
hängt zusammen mit: wissenschaftliche Sicht der Evolution des Menschen, Ausdifferenzierung
der klassischen Naturwissenschaften, Industrialisierung der westlichen Welt
Alltagsbezogenheit und Lebenskompetenz der Psychologie:
fast alle globalen Probleme lassen sich auf psychische Faktoren zurückführen
noch besser: passt zu individuellen Fragestellungen und Problemlagen
Ziel: kritische Distanz zum Fach Gefahr einer Dogmatisierung unterbunden
Weg: Beschäftigung mit den wissenschaftstheoretischen Prinzipien und den geschichtlichen
Strömungen der Psychologie
2. Definitionen der Psychologie
freie Übersetzung: Seelenkunde (gr. psyché = Hauch, Leben, Seele; gr. logos = Wort, Begriff)
Wurzeln des Seelenbegriffs: „homo sapiens sapientis“ (Versuch der Erklärung der Kontinuität
des Ich-Erlebens und der Unvermeidlichkeit des Todes in einer philosophisch-religiösen
Anwandlung)
Verstellung einer unsterblichen Seele: plausibler Erklärungsansatz für existentielle Zweifel und
damit verbundene Ängste
o Bourne und Ekstrand:
„wissenschaftliche Erforschung von Verhalten“
(sehr breit angelegt, impliziert auch Soziologie, Kommunikationswissenschaften,
Verhaltensforschung,...)
o Zimbardo und Gerrig:
„Verhalten, Erleben und Bewusstsein des Menschen, deren Entwicklung über die
Lebensspanne und deren innere und äußere Bedingungen und Ursachen“
(Erleben und Bewusstsein explizit angesprochen, Bedeutung introspektiver Prozesse
betont, aber nur beim Menschen?)
o Rohracher:
„Wissenschaft, welche die bewussten Vorgänge und Zustände sowie deren Ursachen
und Wirkungen untersucht“
(alle unbewussten und automatisch ablaufenden Vorgänge vernachlässigt)
o Mandler:
„Psyche ist komplexes, einem Individuum zugeschriebenes
Informationsverarbeitungssystem, das Input verarbeitet und Output an die
verschiedenen Subsysteme und die Außenwelt abgibt“
(Bewusstsein ist wie eine Lupe, psychische Prozesse = alle Vorgänge der
Verhaltensregulation, bewusste Vorgänge = Spezialfunktionen)
o Spitzer, Maderthander:
„Psychische Abläufe als Ausprägung und Übertragung von Erregungen“
(Inhalte des Bewusstseins haben stärkste Aktivierung, werden deshalb bevorzugt
gespeichert, in Bezug gesetzt und können über Sprache kontrolliert werden)
o Dörner und Selg:
„Wissenschaft von den variablen Regulationen“
(variable Regulation ist die nicht genetisch vorprogrammierte Aktion auf gegebene
Umwelt- oder Innenweltbedingungen; möglichst Allgemeine Definition, nicht
zufriedenstellend für generelle Definition)
o Dörner und Selg:
„Gegenstand der Psychologie kann alles werden, was erlebbar ist und/oder sich im
Verhalten äußert.“
(Aufgrund der offenen Grenzen und den vielen thematischen Überlappungen)
3. Ziele der Psychologie
Beschreiben – präzises, systematisches und theoriegeleitetes Erfassen von Daten
Erklären – versuchen Daten anhand von Hypothesen oder Gesetzen hinsichtlich ihres
Kausalzusammenhanges zu interpretieren
Vorhersagen – bei Vorinformationen unter Heranziehung psychologischer Gesetze
Konklusionen über nicht bekannte Informationen ableiten
Verändern – Entwicklung eines Repertoires von Bedingungen, die eine Veränderung
psychischer Strukturen und Abläufe erlauben
4. Wissenschaftlichkeit und Wahrheit
Allgemein gültige Kriterien für Wissenschaftlichkeit:
Sachverhalten müssen wirklich vorhanden sein
Aussagen über Sachverhalte und die abgeleiteten Gesetz müssen prüfbar sein
Widerspruchsfrei (vgl. Kohärenz) und auch Ableitungen möglich
Beinhaltung von Verallgemeinerungen
Die vier Wahrheitskriterien:
Kohärenz – innere Widerspruchsfreiheit einer Aussage und logische Verträglichkeit mit
anderen
Korrespondenz – für eine theoretische Aussage eine inhaltliche Entsprechung mit
empirischen Beobachtungen
Pragmatik – Aussagen führt in den Realität zu richtigen Prognosen
Konsensus – Meinungsübereinstimung unter Wissenschaftlern
Paradigma = Zusammenfassung wissenschaftsspezifischer/ gegenstandsadäquater Normen;
konkrete Kriterien für Wissenschaftlichkeit in einem Fach meist nur implizit festgelegt;
Psychologie ist „multiparadigmatische“ Wissenschaft,
weil innerhalb der einzelnen Subdisziplinen oft unterschiedliche Forschungsnormen
Richtungsstreitigkeiten
5. Geschichtliche Entwicklung der Psychologie als Wissenschaft
500 v. Chr. Griechische Philosophen systematische Ansichten über die Seele, ihre Teile
und ihre Funktionen
1873/74 Wilhelm Wundt Inhalte des Bewusstseins lassen sich in
Empfindungen, Vorstellungen und Gefühle erlegen
Strukturalismus / Introspektion
1890 William James Konzentration aus die handlungssteuernde Funktion
des Bewusstseins Funktionalismus
1894 Wilhelm Dilthey Forderung nach einer geisteswissenschaftlichen
Psychologie Hermeneutik
1900 Sigmund Freud Bedeutung der Psychodynamik für das Verhalten
und für psychische Störungen Psychoanalyse
1912 Max Wertheimer anhand von Gestalten und Scheinbewegungen
Erforschung der Organisationsprozesse des Geistes
Gestaltpsychologie
1913 John Watson Ablehnung von introspektiven Begriffen,
ausschließliche Beschäftigung mit der
gesetzmäßigen Beschreibung des Verhaltens
Behaviorismus
1943 Abraham Maslow Mensch als freies, selbstverantwortliches, im
Grunde positives Wesen humanistische
Psychologie
1948/49 Norbert Wiener, Entwicklung der Grundlagen für den
CE Shannon, Informationsverarbeitungsansatz
W Weaver Informationsverarbeitung
1951 Carl Rogers Gegenposition zu Behaviorismus und
Informationsverarbeitungsansatz, Einzigartigkeit
und Eigenverantwortung des Menschen Client-
centered therapy)
ab 1960 Gegenreaktion zu Behaviorismus, Verhalten ist
Ergebnis komplexer kognitiver Regulationsprozesse
Kognitivismus
1963 Konrad Lorenz Menschliche Psyche ist Produkt der Evolution
Evolutionäre Psychologie
1972 Klaus Holzkamp marxistisch fundierte Theorie über bestehende,
bewusstseinsbestimmende „Produktions- und
Herrschaftsinteressen“ Konstruktivismus,
Kritische Psychologie
6. Wissenschaftliche Strömungen und Kontroversen
Leib – Seele Gibt es neben der materiellen Welt auch eine geistige? Sind
Körperliches und geistiges nur 2 Seiten einer Wirklichkeit?
Anlage – Umwelt Wie stark wird das Verhalten durch die Anlagen (endogen)
und die Umwelt (exogen) beeinflusst?
Vergangenheit – Gegenwart Ist der Charakter der vergangene Erfahrungen stabil geprägt
oder kann er sich flexibel auf Gegenwärtiges einstellen?
Freier Wille – Determiniertheit Gibt es Freiheit oder sind wir in lückenlosen Kausalketten
gefangen? Ist Freiheit vielleicht nur bewusstes Erkennen von
Handlungsalternativen?
Bewusst – Unbewusst Welcher Anteil des Verhaltens wird willkürlich und welcher
unwillkürlich gesteuert?
Allgemeingültigkeit – Einzigartigkeit Lassen sich für alle Menschen gleichartige psychologische
Gesetze finden, oder können nur Individuen ausrechend
genau charakterisiert werden? einzelfallsbeschreibend
(idiographisch) oder gesetzesfindend (nomothetisch)? nur
Scheinproblem oft beides angebracht
Wertfreiheit – Wertbekenntnis Soll sich ein Wissenschaftlich möglichst jeglicher subjektiver
Bewertung enthalten oder sich eindeutig zu seinen
Überzeugungen bekennen? (Humanistische vs. Kritische Psy.)
Objektivität – Subjektivität Forschungsergebnisse intersubjektiv gültig Anforderung
einer Einfühlung in andere Lebensrealität
Zergliederung – Ganzheitlichkeit Können psychische Strukturen oder Prozesse in Teilsystem
oder Elemente zerlegt werden? Lass sich Phänomene durch
voneinander unanhängigen Faktoren erklären?
Dynamik – Statik Querschnittanalyse= Momentaufnahmen /
Längsschnittanalysen = Hinblick auf zeitabhängige
Veränderungen
Quantitativ – Qualitativ Quantitative Methoden = Tests, Messungen (leichter zu
verallgemeinern)
Qualitative Methoden = Fallbeschreibungen, Inhaltsanalysen
(detaillierter)
oftmals Einsetzung beider Methoden
7. Praxisbezug und Anwendbarkeit
Die 15 Fachgruppen der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ (DGP)
Allgemeine Klinische –
und Psychotherapie
Arbeits- und Organisations- Medien-
Biologische Methoden und Evaluation
Differentielle, Pädagogische
Persönlichkeits-
und Psychologische Diagnostik
Entwicklungs- Rechts-
Geschichte der Sozial-
Gesundheits- Umwelt-
Verkehrs-
Berufsfelder für Psychologen
Kliniken und sonstige therapeutische Einrichtungen
Beratungsorganisationen
Schulung / Training
Klinisch-psychologische Praxis
Leitung / Führung
Arbeits-, Betriebs- und Organisationsbereiche
Lehre und Forschung
Rechtswesen etc.
8. Ethische Normen und rechtliche Situation
Verpflichtende Ethische Prinzipien für Psychologen
Würde des Menschen wahren
sein Selbstverständnis fördern
keine ideologische Indoktrination betreiben
moralische Normen der Gesellschaft achten
nur seriös werben
nur valides und fundiertes Wissen verwenden
bei Bedarf andere Berufsgruppen zur Konsultation heranziehen
Verschwiegenheitspflicht einhalten
Klienten über mögliche Konsequenzen informieren
höchsten Standard professioneller Kompetenz einsetzen
Psychologengesetz in Österreich
schützt den Titel „PsychologIn“ (nur für Absolventen der Studienrichtung Psychologie)
regelt die Berufsausübung für Gesundheitspsychologen und Klinische Psychologen
schützt die psychologische Tätigkeit selbst nicht
Österreichischer Berufskodex
auf psychologisch begründbare Mängel gesellschaftlicher Werthaltungen hinweisen
keine einseitige Anpassung des Individuums an die Gesellschaft anstreben
Grenzen der eigenen Kompetenzen deklarieren