G�rard Genette: Paratexte (Vorwort) � zentrale Aspekte der by y3A0OW5

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									                      Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft WS 2000/01
                     Kolloquium Prof. Dr. M. Schmitz-Emans Theorien, Modelle, Methoden



Text und Kontext: ‚Rezeptionsparameter’
Gérard Genette: [Vorwort zu] Paratexte – zentrale Aspekte der Seminardiskussion


Wir glauben zu wissen, was ein Text ist und was er nicht ist, wo er anfängt und wo er aufhört. Meistens.
Ein “Text präsentiert sich jedoch selten nackt...”
Es ist das Verdienst des französischen Literaturtheoretikers Gérard Genette, mit seinen umfangreichen
Untersuchungen über Palimpseste (Palimpsestes, 1981) und Paratexte (Seuils, 1987) die Einheit des
literarischen Textes, den Werkbegriff an sich, auf höchst interessante und literaturwissenschaftlich
anschlußfähige Weise in Frage gestellt zu haben.
Paratexte ist lesbar erstens als Katalog all jener Phänomene, die ein Buch in seiner Materialität ergänzen, die
sein mediales Erscheinungsbild in hohem Maße prägen. Es muß so als zunehmend problematisch erscheinen,
vom ‚eigentlichen„ oder ‚Haupt„-Text zu sprechen, da Genette in fünfzehn Kapiteln eine Unmenge an
Text-sorten benennt (und mit literarischen Beispielen belegt), die weit mehr als nur ‚Begleiterscheinungen„
darstellen. Die “Schwellen” – als Kategorien des Übergangs in den ‚Haupttext„ – sind aber nur auf den ersten
Blick konsistent und durch die gewählten Beispiele hinreichend erläutert; Genettes Darstellung lädt geradezu
dazu ein, sie mit kritischen Zwischenfragen zu perforieren (“Wenn aber x ein Paratext ist, was ist dann zum
Beispiel mit einem Phänomen wie dem y beim Autor z?”) und Paratextualität als Theorie in entsprechende
komparatistische Zusammenhänge zu stellen. So bietet die Untersuchung zweitens ein ergänzendes
theoretisches Kompendium zum nicht minder weiten Feld der Intertextualität, die ihrerseits als
Instrumentarium der Textanalyse auch immer im Spannungsfeld zwischen ‚pragmatischer„ (z.B. K. Stierle)
und ‚universeller„ (J. Kristeva) Interpretation und Anwendung steht und einem somit kein einheitliches
theoretisches Handwerkszeug liefert.
Nicht zuletzt aufgrund seiner Metaphorik und tendenziellen Ironie muß Genettes Buch sehr kritisch gelesen
werden. Und doch stellt sich heraus, daß Paratextualität als Gegenstand der Diskussion eine weitgehende
Konsensfähigkeit erweist: Vorworte, Kapitelüberschriften, Autorenkommentare, Interviews, Klappentexte
lassen sich in einem ersten analytischen Schritt unter den von Genette vorgeschlagenen Terminus
subsumieren. Für “Lieberhaber [sic] von Formeln” werden einerseits die Äußerungen aus dem “Umfeld
des Textes” und andererseits “alle Mitteilungen, die zumindest ursprünglich außerhalb des Textes
angesiedelt sind”, als Summanden des Oberbegriffs ‚Paratext„ anschaulich mathematisiert: “Paratext =
Peritext + Epitext”. Der Begriff Peritext steht für “die sicherlich typischste Kategorie”, umfaßt er doch vor
allem Titel, Untertitel, Kapitelüberschrift(en) und Vorwort(e), jene Bestandteile eines Buches also, die wir
für gewöhnlich von dessen rein materieller Beschaffenheit (gebundene Ausgabe oder Taschenbuch, mit
Umschlagillustration oder im schmucklosen Einband, in einheitlicher Typographie oder mit Abweichungen /
Hervorhebungen etc.) zu unterscheiden pflegen und als unmittelbare, offensichtlich unverzichtbare
Ingredienzen dessen betrachten, was wir zu lesen beabsichtigen.
        “Immer noch im Umfeld des Textes, aber in respektvollerer (oder vorsichtigerer) Entfernung befinden sich alle
        Mitteilungen, die zumindest ursprünglich außerhalb des Textes angesiedelt sind: im allgemeinen in einem der



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        Medien (Interviews, Gespräche) oder unter dem Schutz privater Kommunikation (Briefwechsel, Tagebücher und
        ähnliches).”
Hierbei haben wir es dann mit Epitexten zu tun, und jeder mag sich fragen, inwieweit er sie, sofern sie ihm
zugänglich sind, zum (‚besseren„) Verständnis, zur (‚richtigen„) Deutung der fraglichen Erzählung etc.
heranzieht. Genette betont ausdrücklich die Funktionalität des Paratextes, der
        “offenkundig – von punktuellen Ausnahmen abgesehen, die wir da und dort antreffen – in allen seinen Formen ein
        zutiefst heteronomer Hilfsdiskurs ist, der im Dienst einer anderen Sache steht, die seine Daseinsberechtigung bildet,
        nämlich des Textes. Welchen ästhetischen oder ideologischen Gehalt (»schöner Titel«, Manifest-Vorwort) welche
        Koketterie und welche paradoxe Umkehrung der Autor auch in ein paratextuelles Element einbringen mag, es ist
        immer »seinem« Text untergeordnet, und diese Funktionalität bestimmt ganz wesentlich seine Beschaffenheit und
        seine Existenz.”

Hiermit verweist der Verfasser selbst auf all die möglichen und tatsächlichen Ausnahmen vom Genetteschen
Regelwerk. Durchsucht man nämlich die Literaturgeschichte nach Einzelbeispielen, die den Katalog
Genettes verifizieren oder ergänzen könnten, stößt man bezeichnenderweise schon bei Miguel de Cervantes
(El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha) auf eine literarische Selbstreflexion paratextueller Rede:
Cervantes bzw. sein ‚Haupterzähler„ beginnt seinen Roman mit ironischem Understatement (weil sein
Roman bedauerlicherweise keine gelehrten philosophischen Anspielungen etwa auf Platon enthalte, was im
Abschnitt über die Montesino-Höhle – Teil II, Kap. 22f. – widerlegt wird) sowie einem Lamento über
anfängliche Schwierigkeiten beim Abfassen “einer Vorrede und dem unzählbaren Haufen und Katalog [!]
der üblichen Sonette, Epigramme und Lobgedichte, die man den Büchern an den Eingang zu setzen pflegt”.
Ein Freund rät hierauf dem Erzähler:
        “Das erste, woran Ihr Euch stoßt, nämlich daß Sonette, Epigramme oder Lobgedichte Euch für den Eingang des Buches
        fehlen, und zwar solche, die von Personen von Ansehen und Adel herrühren – dem kann dadurch abgeholfen werden, daß
        Ihr selbst einige Mühe darauf verwendet, sie anzufertigen, und nachher könnt Ihr sie taufen und jeden Namen, der Euch
        beliebt, daruntersetzen [...]”
Und so entstehen mit den bekannten Sonetten auf den Titelhelden tatsächlich Paratexte, die man in Genettes
Terminologie als ‚pseudo-allograph„ zu bezeichnen hätte; zudem liegt schon hier im Verweis auf Don
Belianís und den Schildknappen des Amadís eine parodistische Form von Architextualität
(Gattungszusammenhang  Ritterromane) vor, denn nicht “Personen von Ansehen und Adel”, sondern den
fiktiven Zielscheiben der Kritik an Ritterromanzen werden die Elogen auf den Ritter aus der Mancha in den
Mund gelegt.
Eine Vielzahl von Autoren, die den Idealtypus sei es des Vorwortes, sei es der Gattungszuschreibung
ironisch unterlaufen, ließe sich anführen; Beispiele für ein metatextuelles Spiel mit dem Paratext-Konzept
wären etwa Jorge Luis Borges„ Sammlung von Prólogos con un prólogo de prólogos, E.T.A. Hoffmanns
Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes
Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, der Untertitel Eine Biographie von Wolfgang Hildesheimers
Marbot oder auch der Auftakt von Italo Calvinos Se una notte d'inverno un viaggiatore, bei dem geradezu
der ‚Autor‟ seine Leser in ihrer Privatsphäre ertappt und deren bevorstehenden Lektüreprozeß, nicht etwa
eigene ästhetische Absichten oder ähnliches, reflektiert:


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        “Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne
        dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Laß deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen. Mach
        lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen.”

“Frühe”, “originale”, “nachträgliche” und “späte” Paratexte gegeneinander abzugrenzen bedeutet, den
Begriff des Autors in polykontexturaler Weise auszudifferenzieren, ihn auch im ökonomischen
Zusammenhang zu betrachten, da die Kooperation von Verlag/Lektorat und Autor stets Umfang und
Erscheinungsform verschiedenster Peri- und Epitexte entscheidend beeinflußt. In editionsphilologischer
Hinsicht ist Paratextualität insofern von Bedeutung, als im Falle posthum erschienener Texte ein
tendenzieller Autor-Status des Herausgebers, der über Kommentare, Emendationen, Konjekturen etc.
gebietet, nicht zu leugnen ist: Wessen Paratext(e) also hat ein späterer Leser der historisch-kritischen
Ausgabe eigentlich vor sich? Oder: Welcher Fassung gilt bei einer Synopse verschiedener
Entwicklungsstufen z.B. eines Hölderlin-Gedichtes das Hauptaugenmerk? Ist das Faksimile der
handschriftlichen Fassung dann nur ein Paratext zweiten Grades? Stets muß man sich fragen, wer wann
entschieden hat, dieses Element gehört zum Text, jenes aber nicht. Eine weitere, nicht unproblematische
Zeit-Dimension kommt dort zum Tragen, wo Gérard Genette so genannte faktische Paratexte in seinen
Katalog mit aufnimmt:
        “Als faktisch bezeichne ich einen Paratext, der nicht aus einer ausdrücklichen (verbalen oder nichtverbalen)
        Mitteilung besteht, sondern aus einem Faktum, dessen bloße Existenz, wenn diese der Öffentlichkeit bekannt ist,
        dem Text irgendeinen Kommentar hinzufügt oder auf seiner Rezeption lastet.”

Folglich müssen wir Informationen über “das Alter oder das Geschlecht des Autors” und vieles andere
mehr ebenfalls als sprachliche Äußerung im mittelbaren Umfeld genuin literarischer Rede rezipieren, die
etwa einen Roman, den wir als Buch in Händen halten, erst zum Roman machen. Für Genette “steht
zumindest fest, daß das historische Bewußtsein der Epoche, in der ein Werk entstand, für dessen
Lektüre selten ohne Belang ist.” Doch steht ebenso fest, daß der Literaturwissenschaftler, der ein Werk ‚als
ganzes„ interpretatorisch erfassen will, auf der Folie einer so pauschalen Konzeption einen fast
unüberschaubaren, selten homogenen sozial- und kulturhistorischen Datensatz in seine Analyse zu
integrieren hätte; “aber wir müssen zumindest prinzipiell festhalten, daß jeder Kontext als Paratext
wirkt.” ‚Kontextualität„ könnte so womöglich zu einer Art Meta-Methode avancieren, die inter- und
paratextuelle, sozialhistorische, rezeptionsästhetische und editionsphilologische Ansätze kombiniert.
Literaturwissenschaftlich sinnvoller erscheint jedoch eine punktuelle Applikation der Genetteschen
Rezeptionsparameter, und zwar vor allem dort, wo der “Hilfsdikurs” in Gestalt von Peri- oder Epitexten den
Primärdiskurs literarischer Rede in konstitutiver Weise selbstreflexiv ergänzt, kommentiert, konterkariert.


        Genette-Zitate [Fettdruck] aus: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Aus dem Französischen von
        Dieter Hornig. Frankfurt/M.; New York: Campus-Verlag 1992, S. 9-21 [Vorwort].




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