LW SE WS Marlene Rebecca Gumhold
WS 2009/10 Soldados de Salamina
2009/2010
LW SE La Guerra Civil Española
Ao.Univ.-Prof.
Mag. Dr.phil.
Erna Pfeiffer
Vergangenheitsrekonstruktion
unter dem Aspekt des
Verdrängens, Vergessens und Erinnerns
bei Javier Cercas‘ und David Truebas
Soldados de Salamina
Marlene Rebecca Gumhold
Matr.nr. 0511593
marlene.gumhold@gmail.com
LW SE Marlene Rebecca Gumhold
WS 2009/10 Soldados de Salamina
II
LW SE Marlene Rebecca Gumhold
WS 2009/10 Soldados de Salamina
Inhaltsangabe
1 Einleitung ............................................................................................................................ 1
2 Der lange Weg zur Erinnerungsarbeit in Spanien .............................................................. 3
2.1 Der erste Schritt zur Manipulation: die Erinnerungspolitik der Diktatur Francisco
Francos von 1939 bis 1975 ..................................................................................................... 3
2.2 Der Konsens des Schweigens als Dogma der Transition ............................................. 5
2.3 Das neue Jahrtausend: vom Pfad des Vergessens zum Weg der Wahrheit ................ 7
3 Gedächtnis und Erinnerung, Vergessen und Verdrängen: Vergangenheitsrekonstruktion
in Soldados de Salamina ............................................................................................................. 9
3.1 Kommunikation und Medien als Vermittlungsinstanzen im Erinnerungsprozess .... 10
3.2 Vergessen, Verdrängen und Verschweigen............................................................... 14
3.3 Erinnerung als Versöhnung und Fortbestand des Lebens in Soldados de Salamina 17
4 Schlusswort ...................................................................................................................... 20
5 Quellenangabe ................................................................................................................. 21
5.1 Bibliographie .............................................................................................................. 21
5.2 Webliographie ........................................................................................................... 22
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WS 2009/10 Soldados de Salamina
1 Einleitung
Der Spanische Bürgerkrieg hat in den Köpfen der Menschen nicht nur Bilder des Grauens,
der Verzweiflung und der Trauer hinterlassen, sondern auch einen hohen Grad an Zweifeln,
da sich nach dem Tod Francisco Francos 1975 der Mantel des Schweigens über die nationale
Katastrophe gelegt hat. Die Regierung der Transition ist gemeinsam mit dem
Thronprätendenten des Franco-Regimes, dem heute noch regierenden König Juan Carlos de
Borbón, einen Konsens eingegangen, welcher den blutigen „Bruderzwist“ zwischen
Faschisten und Republikanern totgeschwiegen hat: Statt Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung
des nationalen Traumas wurde die kollektive Verdrängung zum Credo des demokratischen
Neubeginns. Dieses von der Regierung verhängte Vergessen konnte mittels politischer
Unterstützung seitens der rechtspopulären Volkspartei Partido Popular bis ins 21.
Jahrhundert aufrecht erhalten werden, obwohl bereits langsam gesellschaftliche Initiativen
zur Aufarbeitung des Krieges und zur Suche nach Schuldigen ins Rollen kamen. Seit einigen
wenigen Jahren erfährt die Erinnerungsarbeit in Spanien nun einen Aufschwung, welcher
wohl für Opfer und Täter während der Transition kaum denkbar gewesen wäre:
Massengräber werden ausgehoben, Gefallene und Exekutierte exhumiert; die Ära der
(offiziellen) memoria histórica wurde somit eingeläutet. Dieses primär gesellschaftliche
Bemühen um Auf- und Verarbeitung des Kriegsdramas hinterlässt auch in der Literatur des
letzten Jahrzehnts einen symbolischen Fußabdruck – eine Entwicklung, die in der
vorliegenden Arbeit im literarischen Werk Soldados de Salamina von Javier Cercas und der
filmischen Adaptation von David Trueba untersucht werden soll.
Um der Arbeit mehr Authentizität zu verleihen und gleichermaßen die Motivation für die
Tabuisierungsstrategie der Transitionsperiode besser verstehen zu können, soll der Fokus
des ersten Teils dieser Arbeit auf dem historischen Hintergrund – also dem Wandel von der
Manipulation der Geschichte und der Erinnerung unter Francisco Franco zum „Pakt des
Schweigens“ während der transición bis hin zum „Ley de Memoria Histórica“ – liegen. Es sind
besonders die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Spanien der letzten 35
Jahre, welche in diesem Zusammenhang von Belang sind. Der weitere Teil beschäftigt sich
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mit den Konzepten von Gedächtnis und Erinnerung, die in der Literatur- und
Kulturwissenschaft vermehrt zum Tragen kommen, sowie mit einzelnen Überlegungen zu
Verdrängungstendenzen und Erinnerungsarbeit. Zugleich soll mithilfe einzelner Text- und
Filmpassagen aus Soldados de Salamina versucht werden, die Theorien mit den medialen
Darstellungen zu vergleichen und sie zu erklären. Die Historie zusammen mit dem kurzen
Exkurs zu Gedächtnis- und Erinnerungstheorien soll auch helfen, das kollektive Beschweigen
der Guerra Civil Española besser verstehen zu können und das Verhalten der Figuren in Buch
und Film nachvollziehbar zu machen. In diesem Sinne soll die spanische Vergangenheit
rekonstruiert und Tendenzen aufgezeigt werden, die zur Bewältigung der traumatischen
Erlebnisse von 1936 bis 1939 beitragen.
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2 Der lange Weg zur Erinnerungsarbeit in Spanien
2.1 Der erste Schritt zur Manipulation: die Erinnerungspolitik der Diktatur
Francisco Francos von 1939 bis 1975
Mit dem Aufstieg Francisco Francos zum Caudillo Spaniens endet einer der vielleicht
blutigsten und dramatischsten Kriege auf spanischem Boden: der Spanische Bürgerkrieg
zwischen den zu dieser Zeit in ganz Europa aufstrebenden Faschisten und den
Republikanern, die für die Erhaltung der Zweiten Republik nach der Diktatur José Antonio
Primo de Riveras kämpften. Der Ausgang des Krieges ist bekannt: Es kam zu einer der
längsten Diktaturen auf unserem Kontinent. War der Krieg durch physische Gräueltaten
gekennzeichnet, kam es nun jahrzehntelang zu psychologischer, ja man könnte sogar sagen
zu ideologischer Folter im Sinne des Regimes. Dies zeichnete sich in Form der sogenannten
damnatio historiae, also einer Verdammnis der Geschichte, als Primärziel in der
systematischen Eliminierung der kulturgeschichtlichen Historie des Landes in allen Bereichen
ab:
*…+ *F+ísicamente, asesinando a los líderes del lado republicano; políticamente,
repartiendo el poder sin compromisos entre los vencedores; intelectualmente por
medio de censura y prohibiciones; propagandísticamente con indoctrinaciones
unilaterales; culturalmente, eliminando los símbolos de aquella aparente “Anti-
España” que había sido obligada a capitular incondicionalmente después de una larga
guerra de casi tres años de duración. (BERNECKER 2009: 16)
Es beginnt nun unter Franco eine Art Gehirnwäsche, die sich als Erinnerungspolitik tarnte
und sich zum Ziel setzte, “die Spur der eigenen Verbrechen aus dem Gedächtnis der
Menschen“ zu löschen bzw. die neue Herrschaft „durch symbolische Politik zu legitimieren“
(BERNECKER & BRINKMANN 2008: 151). Franco griff bei der Schaffung eines neuen historischen
Gedächtnisses und der Tilgung der republikanischen Werte Methoden auf, welche sich
tagtäglich in das Gedächtnis der Menschen „einbrennen“ würden. Als Beispiel sollen hier die
Namensänderungen bedeutender öffentlicher Plätze und Straßen dienen, die das neue
Propagandawerkzeug der Nation wurden: Aus Plaza de la República wurde Paseo de José
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Antonio (BERNECKER & BRINKMANN 2008: 213), der Name Parque de la Alamedilla musste
Parque del General Primo de Rivera weichen (BERNECKER & BRINKMANN 2008: 215).
Obwohl das franquistische Regime eine „historische Säuberung“ im eigenen Land vornahm,
gab es jedoch gewisse Ausnahmen in der Geschichte, auf die man mit großem Stolz
zurückblickte: nämlich auf jene Herrscher, die Spanien zu einer politischen und religiösen
Einheit sowie zu einer Weltmacht aufsteigen ließen. Hier ist freilich die Rede von den
berühmten Reyes Católicos, Eltern der inquisición, von deren Enkel Carlos V und dem
weltfremden Felipe II, der Spanien im 16. Jahrhundert in die Isolation führte – ähnlich wie
Franco im 20. Jahrhundert. Die Motivation Francos, diese Herrscher als Vorbilder für das
neue Spanien zu wählen, liegt auf der Hand: Sie teilen einen überragenden Nationalstolz, das
Interesse, das Land von Fremden und Freiheitsdenkern zu „bereinigen“ und Kirche und Staat
zu vereinen. Folglich erscheint es also auch nicht überraschend, dass Teile des Emblems der
RRCC zum nationalen Symbol des Franco-Regimes erklärt wurden: „*…+ el águila imperial, el
yugo y las flechas de los Reyes Católicos y el lema: Una, Grande, Libre.“ (BERNECKER 2009: 21).
Kurz gesagt wollten die Sieger des Bürgerkriegs „ihre Herrschaft in die Tradition einer weit
zurückreichenden, glorreichen Vergangenheit ein[zu]ordnen und sich selbst in der
historischen Kontinuität imperialer Großmacht *zu+ präsentieren“ (BERNECKER & BRINKMANN
2008: 152).
Die Medien trugen auch erheblich zum verherrlichenden Bild des Diktators Francisco Franco
bei und entwickelten sich über die Jahre hinweg immer mehr zur perfekt funktionierenden
Propagandamaschinerie, die versuchte, die franquistische Ideologie zu legitimieren. Im
Gegensatz zur neutralen Haltung Javier Cercas‘ gegenüber der Diktatur in seinem Werk
Soldados de Salamina, idealisierten die propagandistischen Autoren Taten aus dem
Bürgerkrieg und trugen „bewußt oder unbewußt zur Mythenbildung und literarischen
Rechtfertigung des franquistischen Herrschaftsanspruchs bei“ (BERNECKER & BRINKMANN 2008:
175). Zum Hauptwerkzeug des Regimes im medialen Bereich wurde die Wochenschau NO-
DO – Noticiarios y Documentales –, welche darauf spezialisiert war, den Diktator als Befreier
der Nation zu präsentieren (vgl. BERNECKER 2009: 21). Alles in allem schaffte das Regime somit
die Erinnerung an ein republikanisches Spanien zu tilgen und das historische Gedächtnis der
Menschen zu manipulieren und zu kontrollieren.
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2.2 Der Konsens des Schweigens als Dogma der Transition
Seit 1947 war Spanien offiziell eine Monarchie, die unter einem Diktator geführt wurde. Der
damalige Thronprätendent und heutige spanische König Juan Carlos de Borbón wurde nur
zwei Tage nach dem Tod Francisco Francos am 20. November 1975, dem offiziellen Ende der
Diktatur, inthronisiert. Folglich standen Spanien und sein Volk vor einer neuen
Herausforderung und einem großen Rätsel: Würde mit dem Tod des Caudillo und der
Inthronisierung des Bourbonenkönigs auch der Franquismus enden? Würde sich die
Staatspolitik von heute auf morgen ändern? Würde sich der König dem Wunsch des búnker1
entgegensetzen, das autoritäre System fortzuführen? (vgl. BERNECKER & BRINKMANN 2008:
229). Viele Fragen und, wie die Geschichte uns lehren wird, wenige Antworten, denn „*…+ no
hubo una clara ruptura democrática con la dictadura franquista“ (BERNECKER 2009: 27).
Anstatt sich den Problemen offen anzunehmen und den Bürgerkrieg – die Wurzel allen Übels
– und die Diktatur Francos ins Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Interesses zu
rücken, entschied man sich, die Erinnerungen ruhen zu lassen und schlichtweg zu
beschweigen. Diese Entscheidung wird heute oftmals als „pacto del olvido“ (FROIDEVAUX
2009: 42) bezeichnet, der auf dem einfachen Kompromiss beruhte, den Mantel des
Schweigens über die problematische Vergangenheit des Landes zu breiten und
Anschuldigungen, Werturteile oder Ähnliches über diese Zeit zu unterlassen (ibid.).
Seitens der Bevölkerung, besonders auch der Wissenschaftler und Literaten der Transition,
gab es allerdings oftmals Bemühungen, mehr Information über den Bürgerkrieg zu erhalten,
um diesen psychisch und gesellschaftlich aufzuarbeiten (vgl. BERNECKER 2009: 24f.). Diese
wurden allerdings seitens der Politik stark zurückgedrängt und den Menschen wurde – wie
auch während der Diktatur – eingeredet, dass man die Vergangenheit auf sich beruhen
lassen sollte. Die folgende Textpassage aus dem Artikel „Una guerra civil no es un
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=gesellschaftliche Gruppe, die an der Ideologie des faschistisch-franquistischen Regimes festhielt (vgl.
BERNECKER & BRINKMANN 2008: 229)
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acontecimiento conmemorable [sic]“, afirma el Gobierno in El País vom 19. Juli 1986 bestätigt
das Engagement der Politiker in der kollektiven Tabuisierungsstrategie der Vergangenheit:
Una guerra civil no es un acontecimiento conmemorable, por más que para quienes
la vivieron y sufrieron constituyera un episodio determinante en su propia
trayectoria biográfica", afirma el Gobierno en un comunicado difundido a mediodía
de ayer. El Ejecutivo añade que "es definitivamente [sic] historia, parte de la memoria
de los españoles y de su experiencia colectiva". "Pero", agrega el comunicado, "no
tiene ya -ni debe tenerla- presencia viva en la realidad de un país cuya conciencia
moral última se basa en los principios de la libertad y de la tolerancia. (El País
[online])
Als Folge dieses Konsens des Vergessens und Verdrängens, welcher zum Dogma des
Handelns der politischen Parteien während der Transition wurde, änderte sich in der
Bevölkerung relativ wenig, vor allem bei den Opfern des Bürgerkriegs, die schon während
der Diktatur zum Schweigen gezwungen und ideologisch indoktriniert wurden. Davon spricht
auch Alexandre Froidevaux (2009: 42), wenn er behauptet
[m]ientras que por décadas los vencedores de la Guerra Civil contaron su versión de
los acontecimientos (durante el franquismo esa versión se convirtió en la historia
oficial) y se conmemoró a sus victimas públicamente, las historias del bando
perdedor se vieron abocadas al silencio – primero durante la dictadura, luego
también en la democracia.
Als Höhepunkt der politischen Maxime des Pakts des Schweigens kam ein Konsens hinzu,
welcher als „Täteramnestie“ in die Geschichte einging: Es wurden nicht nur die Opfer und
deren Erinnerung an die Katastrophe totgeschwiegen, sondern – auf der Basis eines
gegenseitigen Konsens des Verzeihens – erstmals die Täter vor straf- und zivilrechtlicher
Verfolgung staatlich geschützt (vgl. BERNECKER 2008: 240). Um allerdings keine allzu voreiligen
Schlüsse zu ziehen, muss hinzugefügt werden, dass es sich trotz allem bei den Themen
Guerra Civil Española und dictadura de Franco um durchaus sensible Themen handelte,
deren allzu genaue Untersuchung alte Wunden aufgerissen hätte. Darüber hinaus war es
auch eine gewisse Verschleierungstaktik der Politiker, um für die tatsächliche Zahl der Opfer
sowie die Verbrechen gegen die Menschheit unter Francisco Franco nicht geradestehen zu
müssen.
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Einer der möglichen Gründe für die starre Zurückhaltung der Bevölkerung liegt vielleicht an
der Angst – besonders jener, die am Krieg teilgenommen hatten und unter Franco der
grausamen Repression ausgesetzt waren –, auch daran, dass die Furcht vor ähnlichen
Entwicklungen einfach noch zu tief saß. Da mag es schon sein, dass Verdrängung an sich zum
persönlichen „Verarbeitungsprozess“ deklariert wurde, um der Angst nicht in die Augen
sehen zu müssen. Und die Menschen sollten auch recht behalten, denn 1981 stürmten
Faschisten das Parlament, um die Regierung zu stürzen und den Autoritarismus der letzten
Jahrzehnte wieder herzustellen (vgl. BERNECKER & BRINKMANN 2008: 273). Als Folge dessen ist
es leicht möglich, dass die Menschen wirklich nichts mehr von Faschismus, Franco und
Ähnlichem hören wollten und getrost der Erinnerungspolitik oder besser Vergessenspolitik
der Transition nachgaben und sich dieser quasi unterwarfen.
Der Wahlsieg der PP, der rechtsorientierten Volkspartei Spaniens, unter José María Aznar im
Jahre 1996 brachte wenig überraschend keine besondere Wende im Umgang mit der
Geschichtspolitik. Denn während bereits durch Bürgerinitiativen sowie einige Bemühungen
der gegnerischen Großpartei PSOE das Interesse am Bürgerkrieg und der Gewalttaten
Francos geweckt wurde, agierte die PP eher hinderlich, wie folgendes Zitat zeigen soll:
„Hasta finales del gobierno Aznar en marzo de 2004, el ejecutivo obstaculizó casi
todo tipo de trabajo de memoria que podría interpretarse como una condena de los
crímenes franquistas“ (BERNECKER 2009: 34).
Dem Paradigmenwechsel bezüglich der Einstellung zur memoria histórica soll im
Nachfolgenden ein eigenes Subkapitel gewidmet werden, da sowohl politisch und
gesellschaftlich ein wichtiger Durchbruch in der Vergangenheitsbewältigung und im
kollektiven Erinnerungsprozess erzielt wurde.
2.3 Das neue Jahrtausend: vom Pfad des Vergessens zum Weg der Wahrheit
Mit dem Wahlsieg der Sozialisten unter der Führung von José Luis Rodríguez Zapatero im
März 2004, „*…+ finalmente cambió la política de la memoria” (BERNECKER 2009: 34). Man
könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass der Druck jener Teile der Bevölkerung, die eine
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Aufklärung der Vergangenheit forderten, immer größer wurde und der Regierung nur ein
Ausweg blieb: ihm nachzugeben und endlich eine neue Ära in der Geschichtsschreibung
einzuläuten. Es folgten (und folgen noch immer) die offizielle Aufarbeitung der
Kriegserlebnisse, Entschädigungszahlungen an Opfer und die Kreation eines neuen
kulturellen, sozialen und kommunikativen Gedächtnisses der spanischen Bevölkerung, und
das sogenannte Ley de Memoria Histórica, welches 2007 beschlossen wurde und die
Verbrechen gegen die Menschheit für offiziell erklärte (vgl. BERNECKER 2009 & BERNECKER &
BRINKMANN 2008, Kapitel 7).
Die bereits angesprochene Eigeninitiative der Bevölkerung, die den Stein sozusagen ins
Rollen gebracht hat und den Anstoß zur Aufarbeitung des Bürgerkriegs nach fast 70 Jahren
Verschwiegenheit gegeben hat, bezieht sich in unserem konkreten Fall auf den Journalisten
Emilio Silva: In Spanien als Initiator der memoria histórica des 21. Jahrhunderts bekannt
geworden, hat er die Aufmerksamkeit durch die Aushebung eines Massengrabes, in dem er
seinen im Krieg gefallenen Großvater vermutete, auf sich gelenkt. Nachdem er in einer
Zeitschrift von seinem Vorhaben berichtete, kam es zu solch einem Andrang an
Hilfsbereitschaft von Archäologen, Zeitzeugen und Medizinern, dass daraus bald eine
offizielle Organisation zur Bekämpfung des kollektiven Vergessens wurde: die Asociación
para la Recuperación de la Memoria Histórica, kurz ARMH (vgl. BERNECKER & BRINKMANN 2008:
292f.). Als Ergebnis kam es zur Gründung weiterer ähnlicher Organisationen wie zum Beispiel
dem Foro por la Memoria (ibid.), welches sich im Gegensatz zu Emilio Silvas Gruppierung
besonders für die „Erinnerung an das politische Erbe, das die Opfer der franquistischen
Repression repräsentieren“ (BERNECKER & BRINKMANN 2008: 295) einsetzt.
Abschließend kann gesagt werden, dass es scheint, als wäre die Geduld der Menschen in
Spanien langsam aber sicher zu Ende gegangen: Mit Eigeninitiativen und der Bereitwilligkeit,
nicht länger zu schweigen, haben sie es geschafft, den Bürgerkrieg, die Unterdrückung, die
Morde und Gräueltaten an das Tageslicht zu bringen. Somit haben sie den Beteiligten des
Krieges und deren Angehörigen Gehör verschafft und ihnen eine Plattform geschaffen, die
noch immer tief in den Knochen sitzenden Traumata endlich öffentlich verarbeiten zu
dürfen.
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3 Gedächtnis und Erinnerung, Vergessen und Verdrängen:
Vergangenheitsrekonstruktion in Soldados de Salamina
Zu Beginn möchte ich mit den Worten von Jan Assmann einmal den grundlegenden
Unterschied zwischen Gedächtnis und Erinnerung darlegen. Zum einen, weil sich bei rascher
und alltäglicher Betrachtung der Unterschied als nicht unbedingt klar erweist; zum anderen,
da die beiden Konzepte unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben. Der
Kulturwissenschaftler beschreibt die beiden Begriffe wie folgt:
Die Gedächtniskunst ist auf den Einzelnen bezogen und gibt ihm Techniken in die
Hand, sein Gedächtnis auszubilden. Es handelt sich um die Ausbildung einer
individuellen Kapazität. Bei der Erinnerungskultur dagegen handelt es sich um die
Einhaltung sozialer Verpflichtung. Sie ist auf die Gruppe bezogen. Hier geht es um die
Frage: „Was dürfen wir nicht vergessen?“ (ASSMANN 2007:29f.)
Man sieht nun deutlich, dass Erinnerung ein wichtiger Faktor einer Gesellschaft ist, welcher
besonders auch in Soldados de Salamina zum Tragen kommt. Es geht schließlich darum, den
Bürgerkrieg und die Taten und Fakten, die ihn umgeben, über Generationen hinweg nicht zu
vergessen. Das Einzelgedächtnis entwickelt sich folglich zu Erinnerung und Vergangenheit
wird somit zu einem sozialen Konstrukt innerhalb einer Gesellschaft. Das individuelle
Gedächtnis jedes Menschen konstituiert sich innerhalb eines sozialen Bezugsrahmens. Erst
dann entstehen „Erinnerungen auch persönlichster Art *…+ durch Kommunikation und
Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen“ (ASSMANN 2007: 36). Das heißt,
[d]as Gedächtnis lebt und erhält sich in der Kommunikation; bricht diese ab, bzw.
verschwinden oder ändern sich die Bezugsrahmen der kommunizierten Wirklichkeit,
ist Vergessen die Folge. (ASSMANN 2007: 37)
Mithilfe von Textpassagen bzw. Beschreibungen aus dem Film sollen in den nachfolgenden
Kapiteln die Aspekte des Erinnerns, des Gedächtnisses und des in Spanien so berühmt
berüchtigten Vergessens und Beschweigens genauer betrachtet werden. Es soll gezeigt
werden, wie der Autor und der Regisseur bestimmte Techniken einsetzen, um Kritik an der
Vorgehensweise der Politik zu üben und dem Publikum Einzelschicksale näher zu bringen.
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3.1 Kommunikation und Medien als Vermittlungsinstanzen im
Erinnerungsprozess
Diese im vorangegangenen Kapitel genannte Signifikanz der Kommunikation – sei es
innerhalb der Familie, in Medien oder Zeitzeugenberichten – zeigt sich auch in dem zu
untersuchenden literarischen und medialen Werk. Durch die primäre Kommunikation zweier
Einzelpersonen zu Beginn des Buches – nämlich dem Ich-Erzähler Cercas und Rafael Sánchez
Ferlosio – gelangt ein Teil des individuellen Gedächtnisses zu einer weiteren Person:
*…+ Ferlosio contó la historia del fusilamiento de su padre, la historia que me ha
tenido en vilo durante los dos últimos años. *…+ Esa fue la primera vez que oí contar
la historia, y así la oí contar. En cuanto a la entrevista con Ferlosio, conseguí salvarla
[...] (CERCAS 2008: 17-19).
Durch das abgedruckte Interview wird diese Geschichte in einen sozialen Rahmen
„geworfen“ und Erinnerung an den Bürgerkrieg entsteht: Ein Bindeglied vom individuellen
zum kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung wird hergestellt. Somit spielen die Medien eine
wichtige Rolle in der Erinnerungskultur; ein Ansatz, welcher auch in der Sekundärliteratur zu
finden ist: Hier ist von Texten als „Medien des kollektiven Gedächtnisses“, welche
„erinnerungskulturelle Funktionen“ haben, die Rede (ERLL 2005: 249). Astrid Erll geht sogar
so weit zu sagen, dass „kollektives Gedächtnis2 ohne Medien nicht denkbar *wäre+“ (2005:
251), da die „Konstitution und Zirkulation von Wissen und Versionen einer gemeinsamen
Vergangenheit in sozialen und kulturellen Kontexten überhaupt erst durch Medien
ermöglicht *werden+: durch Mündlichkeit und Schriftlichkeit *…+“ (ibid.). Der Fall von Sánchez
Ferlosio und Javier Cercas, dem Ich-Erzähler, sowie der Verbreitung der Geschichte durch
das Medium Zeitung kann diesen Gedanken durchaus bestätigen.
Im Werk wichtig werden allerdings auch Zeitzeugen, durch deren Augen der Geschichte der
missglückten Erschießung Rafael Sánchez Mazas‘ mehr Authentizität verliehen wird. Sie
dienen – ähnlich den Medien – als Vermittlungsinstanz zwischen Gegenwart und
Vergangenheit, zwischen individueller und kollektiver Erinnerung. Erst durch deren
2
Begriff des französischen Soziologen Maurice Halbwachs
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Berichterstattung kann die Vergangenheit, nämlich jener Tag an dem Rafael Sánchez Mazas
von einem Republikaner vor dem Erschießen gerettet wurde, rekonstruiert werden. Dies
geschieht in Soldados de Salamina über eine äußerst interessante Erzähltechnik, sowohl im
Buch als auch im Film. Der Protagonist Javier bzw. die Protagonistin Lola müssen sich mithilfe
der einzelnen Bruchstücke, die sie von den Zeitzeugen Joaquim Figueras, Daniel Angelats
und María Ferré erzählt bekommen, zusammenfügen, um ein vollständiges Bild der
vergangenen Geschehnisse rekonstruieren zu können. Es handelt sich hier also um ein „Sich-
Nähern an entscheidende Erkenntnisse“, „ein Puzzle, das von der erinnernden Figur erst
noch zusammengefügt werden muss“ (BASSELER & BIRKE 2005: 126). In unserem Fall handelt
es sich vielmehr um den/die Protagonisten/in, der/die das Puzzle anderer sich erinnernder
Figuren zusammenbaut. Dies wird besonders am Ende des Romans deutlich, wenn Javier mit
dem Schriftsteller Roberto Bolaño über einen gewissen Miralles zu sprechen kommt.
Langsam aber sicher fügt Javier die verschiedensten Erinnerungen der Zeitzeugen zusammen
und kommt zum Schluss, dass es sich bei Miralles um jenen Militär gehandelt haben muss,
der den Falangistenführer Sánchez Mazas im Wald fliehen ließ:
Tumbado en la cama, desvelado y a oscuras (sólo los números del despertador digital
ponían un resplandor rojo en la cerrada tiniebla del dormitorio), la cabeza me hervía,
y en algún momento, de forma inevitable, porque la edad y los fracasos imprimen
prudencia, traté de refrenar el entusiasmo recordando mi último descalabro. Fue
entonces cuando lo pensé. Pensé en el fusilamiento de Sánchez Mazas y en que
Miralles había sido durante toda la guerra civil un soldado de Líster, en que había
estado con él en Madrid, en Aragón, en el Ebro, en la retirada de Cataluña. ‘¿Por qué
no en el Collell?’, pensé. Y en aquel momento, con la engañosa pero aplastante
lucidez del insomnio, como quien encuentra por un azar inverosímil y cuando ya
había abandonado la búsqueda (porque uno nunca encuentra lo que busca, sino lo
que la realidad le entrega) la pieza que faltaba para que un mecanismo completo
pero incapaz desempeñe la función para la que ha sido ideado, me oí murmurar en el
silencio sin luz del dormitorio: ‘Es él’. (CERCAS 2008: 162f.)
Wie bereits erwähnt wurde, kommt es zur Gefahr des Vergessens und des Zerfalls des
Gedächtnisses, wenn die Kommunikation innerhalb eines sozialen Bezugsrahmens nicht
aufrecht erhalten wird. Ein Gespräch, wie es beispielsweise zwischen Miralles und
Javier/Lola im Altenheim in Dijon vorkommt, wird in der Literaturtheorie als sogenannter
„cue“ verstanden (ERLL 2005: 255) – als „Abrufhinweise *…+ die als Erinnerungsanlass dienen“
(ibid.). Einen solchen Erinnerungsanlass für Miralles bieten die beiden Protagonisten (Javier
und Lola), indem sie auf die Erschießung von Rafael Sánchaz Mazas, die amigos del bosque
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und den jungen Soldaten unter Líster eingehen. Miralles beginnt sich daraufhin an den Krieg
und an seine toten Freunde zu erinnern – ein kleines Stück des individuellen Gedächtnisses,
welches zum Kollektivbild des Alltags und des Grauens des Bürgerkriegs beiträgt:
Cuando salí hacia el frente en el 36 iban conmigo otros muchachos. Eran de Terrassa,
como yo; muy jóvenes, casi unos niños, igual que yo; a alguno lo conocía de vista o de
hablar alguna vez con él: a la mayoría no. [...] Hicimos la guerra juntos; las dos: la
nuestra y la otra, aunque las dos eran la misma. Ninguno de ellos sobrevivió. Todos
muertos. El último fue Lela García Segués. Al principio yo me entendía mejor con su
hermano Joan, que era justo de mi edad, pero con el tiempo Lela se convirtió en mi
mejor amigo, el mejor que he tenido nunca: éramos tan amigos que ni siquiera
necesitábamos hablar cuando estábamos juntos. Murió en el verano del cuarenta y
tres, en un pueblo cerca de Trípoli, aplastado por un tanque inglés. (CERCAS 2008:
197f.)
Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass Medien, die das kollektive Gedächtnis stützen
und somit den kollektiven Erinnerungsvorgängen dienen, drei Funktionen haben: Erstens, ist
dies die sogenannte „Speicherfunktion“, deren Aufgabe es ist, „Inhalte des kollektiven
Gedächtnisses zu speichern und durch die Zeit hindurch zur Verfügung zu halten“ (ERLL 2005:
254). Dies ist besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass die heutige Generation, welche
sich mit dem Bürgerkrieg beschäftigt und zum Großteil um Gerechtigkeit kämpft, am Krieg
selbst gar nicht teilgenommen hat und diesen „nur“ aus der neben den Medien vielleicht
wichtigsten historischen Quelle erfahren hat: dem Familiengedächtnis (vgl. BERNECKER &
BRINKMANN 265). Bei der zweiten Funktion der Medien handelt es sich um die Möglichkeit,
die Erinnerungen großen Massen nahezubringen, da sich Informationen über die Medien in
der Bevölkerung verbreiten. Astrid Erll nennt dies die „Funktion der Zirkulation“, die es
ermöglicht, „große Erinnerungsgemeinschaften, in denen face-to-face-Kommunikation nicht
mehr möglich ist, zu synchronisieren“ (ibid.). Die dritte und letzte Aufgabe, die den Medien
im Erinnerungsprozess zukommt, wurde bereits anhand eines Beispiels aus Soldados de
Salamina genannt: die cue-Funktion. Interessant hinzuzufügen wäre hier nur noch, dass „die
gesellschaftliche Übereinkunft für die cue-Funktion von Medien des kollektiven
Gedächtnisses von zentraler Bedeutung *ist+“ (ibid.). Das heißt, dass außerhalb des
kulturellen und historischen Kontexts diese Funktion nicht verstanden werden kann, da es
sich um gesellschaftsspezifische Aspekte handelt. Wenn zum Beispiel Javier oder Lola von
der Falange spricht, so wird in Spanien ein jeder Bürger eine Erinnerung damit verbinden
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oder zumindest wissen, worum es sich handelt. Würde man in einem Gespräch in
Deutschland oder Österreich dieses Thema ansprechen, so werden wahrscheinlich von fast
niemandem Assoziationen hergestellt – wenn jemand in unseren Breitengraden mit diesem
Begriff überhaupt etwas anfangen könnte.
In Zusammenhang mit den Medien ist noch wichtig zu erwähnen, dass das Werk Soldados de
Salamina sehr metatextuell verfasst ist: Es handelt von einem Autor, der über den
Schaffensprozess des Buches mit gleichem Titel schreibt; genauer gesagt verfasst Cercas eine
ganz besondere Art von Geschichte, nämlich ein relato real:
[...] después de casi tres años sin escribir un libro, había llegado el momento de
intentarlo de nuevo, y decidí también que el libro que iba a escribir no sería una
novela, sino un relato real, un relato cosido a la realidad, amasado con hechos y
personajes reales, un relato que estaría centrado en el fusilamiento de Sánchez
Mazas y en las circunstancias que lo precedieron y lo siguieron. (CERCAS 2007: 50)
Kurz gesagt soll die Geschichte eine Erzählung einer wahren Begebenheit sein und auf
wahren Dokumenten und Zeitzeugenberichten aufbauen. Darüber hinaus sollen reale
Persönlichkeiten der Geschichtsschreibung als Figuren fungieren. Daneben gibt es einen
fiktiven Ich-Erzähler, der denselben Namen wie der reale Autor trägt. Die Grenzen zwischen
Fiktion und Realität werden überschritten: Die Leser werden mit einer fiktiven
Rahmenhandlung in der Gegenwart, aber einer realen Binnenhandlung in der Vergangenheit
konfrontiert. Ein allgemein wichtiges Moment in der Etablierung der Geschehnisse in solch
einem relato real ist die Recherche des fiktiven Autors Javier Cercas, da sie „als ein Werk der
Erinnerung und über das Erinnern“ dargestellt werden kann und „*i+m Gedächtnis des
Erzählers die erinnerten Erlebnisse und Ereignisse allererst zusammen *kommen+“ und sich
„zu einem einheitlichen, wenn auch sehr komplexen Sinngefüge“ verbinden (BREITLING 2004:
104). Weiters kommt es ihn Cercas‘ Werk zu einer Art „Zeitkonflikt zwischen einer
fortgeschrittenen und einer rückständigeren Gesellschaftsform“ (HUMPHREY 2005: 88). In
diesem Sinne handelt es sich bei Soldados de Salamina aber mehr um eine Gesellschaft an
sich, da die jüngere Generation, die den Bürgerkrieg nur aus Erzählungen und Büchern
kennt, (siehe Medien, Familiengedächtnis, etc.) einen anderen Zugang zum Thema Guerra
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Civil hat als die Zeitzeugen, die im Buch auftreten. Allein schon der Gedanke, dass überhaupt
noch jemand aus dieser Zeit leben könnte, kommt für den fiktiven Autor überraschend:
–De todas maneras, si de verdad se propone escribir sobre mi padre y Sánchez
Mazas, con quien tiene que hablar es con mi tío. Él sí que conoce todos los detalles. –
¿Qué tío? –Mi tío Joaquim. [...] Otro de los amigos del bosque–. Incrédulo, como si
acabaran de anunciarme la resurrección de un soldado de Salamina, pregunté: –¿Está
vivo? (CERCAS 2007: 54).
Dieser Zeitkonflikt ist bereits im Titel der beiden Werke – des realen und fiktiven - impliziert
und wird dem Lesepublikum vom Erzähler selbst noch einmal explizit erklärt:
*…+ desde que el relato de Ferlosio despertara mi cusiosidad nunca se me había
ocurrido que alguno de los protagonistas de la historia pudiera estar todavía vivo,
como si el hecho no hubiera ocurrido apenas sesenta años atrás, sino que fuera tan
remoto como la batalla de Salamina3. (CERCAS 2007: 41).
3.2 Vergessen, Verdrängen und Verschweigen
In dem vorliegenden literarischen Werk sowie der Adaptation von David Trueba kommt
explizite Kritik an der nicht geleisteten Verarbeitungsarbeit, welche durch die Politik der
Transition unterdrückt wurde, zum Vorschein. Das folgende Beispiel soll diese Überlegung
unterstreichen und zeigen, dass sich die Menschen sehr wohl bewusst waren und sind, dass
die Republikaner und ihre Taten im Krieg nach dem Sieg Francos totgeschwiegen wurden:
‘*La historia de España+ *t+ermina bien para los que ganaron la guerra’, decía. ’Pero
mal para los que la perdimos. Nadie ha tenido ni siquiera el gesto de agradecernos
que lucháramos por la libertad. En todos los pueblos hay monumentos que
conmemoran a los muertos de la guerra. ¿En cuántos de ellos ha visto usted que por
lo menos figuren los nombres de los dos bandos?’ El texto acababa de esta forma: ¡Y
una gran mierda para la Transición!’ (CERCAS 2007: 25)
Diese offene Kritik, die in diesem Fall aus einem Leserbrief an Cercas gerichtet, stammt, zeigt
deutlich, dass sowohl das Regime unter General Franco als auch die Transition das
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Die Schlacht von Salamis gilt als eine der wichtigsten Schlachten der Antike und trug sich um 480 v.Chr.
zwischen Griechen und Persern zu. (vgl. Wikipedia [online]).
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Gedächtnis der Menschen und deren Erinnerung manipuliert bzw. unterdrückt haben. Diese
„schwere Deformation des individuellen Gedächtnisses *…+, die auf den Mangel an
Kommunikationsräumen und auf die langfristige Wirkung der Regimepropaganda
zurückzuführ*en+ *ist+“ (BERNECKER & BRINKMANN 2008: 267), bestätigt die vorangegangenen
Annahmen, dass Kommunikation das Um und Auf ist, um den Vergessens- und
Verdrängungsprozess zu unterbinden und Erlebtes zu verarbeiten. Zu einer ähnlichen
Erkenntnis kam bereits der französische Philosoph Paul Ricœur, der der Erkenntnis der
Geschichte „die Aufgabe einer Trauerarbeit“ zuweist (TENGELYI 2004: 37). Vielmehr noch sei
es von äußerster Wichtigkeit
*…+ ‘die unbestimmte Grenzlinie zwischen dem Vergangenen und dem
Gegenwärtigen‘ in eine bestimmte zu verwandeln, sie nicht wieder verwischen zu
lassen, sie vielmehr unwiderruflich festzusetzen. Darin besteht die größte Leistung
der Geschichtsschreibung. Ricœur verweist auf diese Leistung, wenn er die
Geschichtsschreibung als einen ‘Begräbnisakt‘ kennzeichnet. (TENGELYI 2004: 39)
Da dieses “Zu-Grabe-Tragen“ der Vergangenheit allerdings nie geschehen ist, die
Trauerarbeit nicht geleistet werden durfte und die Menschen „aus den Räumen des
‘kommunikativen Gedächtnisses‘“ ausgegrenzt wurden – sowohl während der Diktatur als
auch der Transition –, war „die Distanzierung von der eigenen Lebensgeschichte“ (BERNECKER
& BRINKMANN 2008: 267) wohl die logische Folge.
Im Zusammenhang mit Verdrängung und Vergessen kommt in der filmischen Version von
Soldados de Salamina eine besondere Szene vor, die meiner Meinung nach eine gelungene
Änderung der Ausgangsgeschichte darstellt. Im Gegensatz zur literarischen Fassung, in
welcher Cercas‘ Vater bereits verstorben ist, lebt der Vater der Protagonistin Lola in einem
Altersheim. Als Lola ihm ihren Zeitungsartikel über Antonio Machado und Rafael Sánchez
Mazas vorliest, kommt es zu folgendem Dialog:
[Padre de Lola] – ¿Por qué no me lees algo hija?
[Lola] – Hoy he publicado una cosa en el periódico, ¿te leo eso?
[Padre de Lola] – Sí, sí.
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[Lola] – Cuesta imaginar los años anteriores a la Guerra Civil en España. Cuentan que
los escritores se reunían en barrios y cafés; que se conocían y que se trataban los de
derechas y los de izquierdas. Cuenta que todo eso cambió al estallar la guerra.
[Padre de Lola] – ¿Qué guerra?
[Lola] – De todas las historias de nuestra Guerra Civil, la del poeta Antonio Machado
es una de las más tristes. [...]
(TRUEBA 2002: 07:28-07:57)
Mit einem einzigen Satz des Vaters, nämlich der Frage, um welchen Krieg es sich in Lolas
Artikel handelt, wird deutlich, dass der Pakt des Schweigens der Transition und die
Gedächtnismanipulation während der franquistischen Herrschaft bei jener Generation
„Früchte getragen hat“. Obwohl der Vater von Lola auf den ersten Blick einfach nur senil
erscheint, wird schnell klar, dass es sich bei dieser Szene um eine geschickt eingefädelte
Kritik an der Erinnerungspolitik der beiden Ären handelt. Lolas Vater kann daher nicht
einfach als alter, vergesslicher Mann, sonder vielmehr als Metapher für das
Kollektivvergessen der Bevölkerung Spaniens verstanden werden.
In der Folgeszene, in welcher Lola die Briefe der Leser liest, kommt auch die Sensibilität der
Menschen, mit welcher sie auf das Thema Bürgerkrieg reagieren, deutlich zum Vorschein.
Besonders problematisch ist hier, dass Lola es quasi wagt, einen national und international
anerkannten Lyriker Spaniens mit einem Faschisten zu vergleichen: „¿Cómo se atreve a
comparar al maravilloso poeta Machado con un poeta fascista como Sánchez Mazas?“
(TRUEBA 2002: 11:20-11:30).
Ähnlich dieser Reaktion eines Lesers, ist auch jene von Conchi – der Freundin von Javier bzw.
Lola, als sie erfährt, dass sich das Buch um den Falangisten Sánchez Mazas handelt:
Yo sabía que el argumento de mi libro no iba a gustarle a Conchi, pero, como
tampoco quería que nos llamaran la atención por la escandalera, brevemente traté
de explicárselo. –Tiene miga –comentó en efecto Conchi, con un rictus de asco–.
¡Mira que ponerse a escribir sobre un facha, con la cantidad de buenísimos escritores
rojos que debe de haber por ahí! García Lorca, por ejemplo.– *…+ (CERCAS 2007: 66f.)
bzw.
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[Casandra4] – Una novela sobre la Guerra Civil. ¿Y qué coño se te ha perdido a ti en
esa guerra?
[Lola] – No. No es una novela sobre la guerra...
[Casandra] – No, peor, sobre un facha. Si por lo menos fuera sobre Gacría Lorca, pero
un facha... Los fachas dan mala suerte te lo digo yo.
[Lola] – Si tú lo dices...
[...]
(TRUEBA 2002: 01:01:40-01:02:00)
Entgegen aller Verdrängungstendenzen des letzten Jahrhunderts impliziert diese Reaktion
auf den Zeitungsartikel allerdings, dass die Menschen im 21. Jahrhundert durchaus keinen
Hehl mehr daraus machen, die Schuld am Krieg den Faschisten zuzuschreiben und sich diese
Meinung auch nicht mehr verbieten lassen. Der endgültige Bruch mit der aufgezwungenen
Verschwiegenheit und das Aufarbeiten der Erinnerungen treten fortan vermehrt in der
Gesellschaft auf.
3.3 Erinnerung als Versöhnung und Fortbestand des Lebens in Soldados de
Salamina
Wenn man als Leser ein Buch in Händen hält, welches den Bürgerkrieg Spaniens oder
zumindest Geschichten davon rekonstruiert, so würde man vielleicht davon ausgehen,
Schuldzuweisungen und ideologisch einseitige Berichterstattungen vorzufinden. Soldados de
Salamina verzichtet allerdings auf politische Statements und konzentriert sich einzig und
alleine auf die Wiederherstellung der nationalen Geschichte. Ralph Wildner (2005: 561) sieht
darin einen wichtigen Schritt in der Bewältigung der Vergangenheit:
Wenn in Soldados de Salamina eine ‘geheime Sehnsucht‘ des Publikums bedient
wird, dann vor allem die nach Vergangenheitsbewältigung. Wenn nämlich die
‘historische Schuld‘ gegenüber den vergessenen Helden und Vätern abbezahlt ist, die
Grenzen zwischen Tätern und Opfern fern, gut und böse relativiert sind und man
wieder unterschiedslos über die einen wie die anderen reden und schreiben kann –
dann kann das Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs, noch bevor es richtig gelesen
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Die spätere Freundin Lolas arbeitet als Wahrsagerin unter dem Namen Casandra „porque Conchi no vende
mucho“ (TRUEBA 2002: 24:32).
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wurde, geschlossen werden und man ist in einer neuen, beruhigenden Normalität
angekommen.
Im Sinne einer Versöhnungspolitik geht es Cercas anscheinend lediglich darum, “das
allmähliche Verschwinden von Zeitzeugen dadurch zu kompensieren, dass sie *die ‘Enkel‘+
nun selbst zu Trägern der historischen Erinnerung werden“ (ALTMANN 2009: 219). Somit kann
das Buch als versöhnliche Geste zwischen den verfeindeten Lagern verstanden werden und
als Ausdruck des Wunsches, den Hass, die Vorurteile und Beschuldigungen hinter sich zu
lassen, ohne das historische Erbe zu vernachlässigen.
Das zweite große Ziel dieses literarischen Werkes ist es freilich, die Erinnerungen an die
Vergangenheit zu wahren und sie nicht im Sumpf des Vergessens untergehen zu lassen: „*…+
conservar el recuerdo de lo que es amenazado por el olvido“ (LABANYI 2005: 168). Diese
Absicht drückt Miralles, der vermeintliche Milizionär, welcher Sánchez Mazas am Leben ließ,
in seinem sehr berührenden Monolog am Ende von Soldados de Salamina aus. Sowohl im
Film als auch im Buch kann diese Szene als Schlüsselszene verstanden werden, da die
Verstorbenen durch die Erinnerung an sie lebendig bleiben – und somit trotz pacto del olvido
symbolisch bis ins 21. Jahrhundert überlebt haben.
Nadie se acuerda de ellos, ¿sabe?. Nadie. Nadie se acuerda siquiera de por qué
murieron, de por qué no tuvieron mujer e hijos y una habitación con sol; nadie, y,
menos que nadie, la gente por la que pelearon. No hay ni va a haber nunca ninguna
calle miserable de ningún pueblo miserable de ninguna mierda de país que vaya a
llevar nunca el nombre de ninguno de ellos. ¿Lo entiende?. Lo entiende, ¿verdad?.
Ah, pero yo me acuerdo, vaya si me acuerdo, me acuerdo de todos, de Lela y de Joan
y de Gabi y de Odena y de Pipo y de Brugada y de Gudayol, no sé por qué lo hago
pero lo hago, no pasa un solo día sin que piense en ellos. (Cercas 2007: 198f.)
Die Antwort auf das Warum des Nichtvergessens gibt der fiktive Ich-Erzähler:
‘*Miralles+ Se acuerda por lo mismo que yo me acuerdo de mi padre y Ferlosio del
suyo y Miquel Aguirre del suyo y Jaume Figueras del suyo y Bolaño de sus amigos
latinoamericanos, todos soldados muertos en guerras de antemano perdidas: se
acuerda porque, aunque hace sesenta años que fallecieron, todavía no están
muertos, precisamente porque él se acuerda de ellos. [...] Pero cuando Miralles
muera’, pensé, ’sus amigos también morirán del todo, porque no habrá nadie que se
acuerde de ellos para que no mueran.’ (CERCAS 2007: 199)
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Miralles schafft für seine Freunde somit einen „Akt der Belebung“, welcher dazu dient, die
Toten „nicht dem Verschwinden preiszugeben, sondern kraft der Erinnerung als Mitglied der
Gemeinschaft festzuhalten und in die fortschreitende Gegenwart mitzunehmen (ASSMANN
2007: 33). Durch das individuelle Gedächtnis und die Kommunikation mit dem Erzähler bzw.
der Protagonisten im Film (siehe TRUEBA 2002: 01:43:20-01:45:00) bleibt die Erinnerung an
die Gefallenen lebendig. Darüber hinaus entsteht durch die weitere mediale Verarbeitung
ein Weitertragen derselben, da sich das Gedächtnis Miralles‘ – seine individuellen
Erinnerungen – in der Kommunikation erhalten. Nach dem Besuch bei Miralles ist dies
ebenfalls die Absicht von Javier/Lola Cercas: durch das Verfassen des relato real zu
verhindern, dass die Menschen, die im Krieg kämpften – egal auf welcher Seite – nicht in
Vergessenheit geraten:
*…+ lo vi entero, acabado, desde el principio hasta el final, desde la primera hasta la
última línea, allí supe que, aunque en ningún lugar de ninguna ciudad de ninguna
mierda de país fuera a haber nunca una calle que llevara el nombre de Miralles,
mientras yo contase su historia Miralles seguiría de algún modo viviendo y seguirían
viviendo también, siempre que yo hablase de ellos, los hermanos García Segués –
Joan y Lela – y Miquel Cardos y Gabi Baldrich y Pipo Canal y el Gordo Odena y Santi
Brugada y Jordi Gudayol, seguirían viviendo aunque llevaran muchos años muertos,
muertos, muertos, muertos, hablaría de Miralles y de todos ellos, sin dejarme a
ninguno, y por supuesto de los hermanos Figueras y de Angelats y de María Ferré, y
también de mi padre y hasta los jóvenes latinoamericanos de Bolaño, pero sobre
todo de Sánchez Mazas y de ese pelotón de soldados que a última hora siempre ha
salvado la civilización [...] (CERCAS 2007: 206f.)
bzw.
[Lola] – Nos volveremos a ver, claro que sí. No me olvidaré de usted. No me olvidaré
de usted. No me olvidaré de usted. No dejaré que se olviden de usted. (TRUEBA 2002:
01:48:50)
Der Streifzug durch die Geschichte endet somit für die fiktiven Figuren ähnlich wie jene für
Menschen in der realen Welt des 21. Jahrhunderts: Alle setzen sich für eine „lebendige“
Erinnerung ein, für ein Verarbeiten der schrecklichen Erfahrungen im Spanischen
Bürgerkrieg, für das Fortleben der individuellen Geschichten, um die Kontinuität der
kollektiven Geschichte Spaniens zu gewährleisten. Schlussendlich wurde somit im Buch, im
Film und in der Realität der Mantel des Schweigens von der Welt genommen – ein möglicher
Garant für das Überleben der Erinnerungen.
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4 Schlusswort
Als Ergebnis der Gedächtnis- und Erinnerungsmanipulation unter Francisco Franco und dem
Konsens der Verschwiegenheit statuiert Spanien ein wichtiges Exempel: Seine Geschichte
zeigt, dass Erinnerungen – sowohl kollektiver als auch individueller Natur – wichtige
Faktoren in der Verarbeitung von Traumata sind und einen Beitrag zur Identitätsbildung
leisten. Charakterisiert durch die franquistische sowie postfranquistische
Verdrängungsarbeit gelang es die Erinnerungsarbeit in beiden genannten Perioden bis ins
21. Jahrhundert zu unterdrücken. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen und dem
Interesse der Bevölkerung, die Geschichte des eigenen Landes, die so oft mit der Geschichte
der eigenen Familie einher ging, zu erforschen, begann eine neue Ära der
Geschichtsschreibung: Die memoria histórica Spaniens wurde geboren und erfährt seit
einem Jahrzehnt einen regelrechten Boom: Statt Verdrängung der Vergangenheit wird das
bewusste Erinnern zum Dogma der Gegenwart.
Neben Organisationsgründungen zur Wahrung des historischen Erbes wurden auch mediale
Formen wie Literatur und Fernsehen zu Trägern kollektiver Erinnerung. Einen solchen Fall
bildet Soldados de Salamina von Javier Cercas, welches ohne Werturteile im Sinne einer
Versöhnungspolitik einzelne Erinnerungen an den Bürgerkrieg (und vor allem an das
fusilamiento de Rafael Sánchez Mazas) zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügt. Es wird
hier einzig und alleine das allgemeine Ziel der memoria histórica verfolgt: den Wert der
Erinnerung an die Geschichte des eigenen Landes zu bewahren, ohne sich in
Schuldzuweisungen und ideologischer Propaganda zu verlieren. Man kann auch getrost
sagen, dass dies gelungen ist. Mag das Leben einzelner Menschen auch vergehen, die
Erinnerung an sie bleibt aufrecht, solange andere versuchen, ihre Geschichte zu wahren und
weiterzuerzählen.
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5 Quellenangabe
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