ISRAEL
Ein altes Land neu entdecken.
WWW.GOISRAEL.DE
Sie möchten weitere Informationen oder eine individuelle Beratung? Dann wenden Sie sich bitte an das Staatliche
Israelische Verkehrsbüro, Telefon: 030/20 39 970.
TEL
AVIV
SPECIAL
ANAT, 27, Architektin
Top Mango
Rock Castro OLI, 20 , DJ
Schuhe aus Marokko Jacke Adidas
Brille Chanel Jeans Levi’s
Kette aus Indien Schuhe Adidas
Tasche Mishi Brille Ray Ban
MIRA, 38, MakeUp-Artist
T-Shirt Mayu
Jeans Fornarina
Schuhe Private Collection
Tasche von der Shenkin Street
Kette Massaryk 17
ROTHSCHILD
BOULEVARD
Fotos Kai von Rabenau /Agentur Winklbauer
Ist es ein Kunststück, zum schönsten Volk der Welt zu zählen, wenn das Durchschnittsalter
bei süßen 34 Jahren liegt? Naja, es vereinfacht die Sache natürlich, dennoch wird einem
der gute Geschmack ja nicht in die Wiege gelegt.
Der ist ausschließlich Verdienst der Jeunesse Dorée selbst, die sich auf den Straßen Tel
Avivs tummelt. Besonders an sonnigen Freitagen fungieren die von Bauhäusern gesäumten
Boulevards als veritable Laufstege und so war es für uns ein Leichtes, die smartesten
Fashionistas der Stadt vor die Kamera zu bekommen.
ORIN LINDA, 24, Kostümbildnerin
weißer Pullover Teens Casualwear
schwarzer Pullover selbstgestrickt
Hose Inbala
Tasche selbstgemacht
TOMER, 26, Fotograf
T-Shirt Fox
Jeans Craiser
Gürtel Zara
Schuhe Converse
EMMELI, 28, Studentin
ELI RAN, 22, Stylist Jacke Flohmarkt in Australien
T-Shirt Dicky Dirt Überrock Rot-Kreuz-Shop in Schweden
Jeans Manz Unterrock gefunden in Australien
Schuhe Gola Schal Hippiefestival in Australien
Uhr Diesel Schuhe aus Thailand
SHIRA, 33, Travellerin
Pullover Top Shop
Hose Tough aus Hongkong
Stiefel Shoola
Jacke Second Hand Shop Berlin
KOREN, 24, Friseur
KINERET, 27, Model T-Shirt 3 Eyes
Kleid Claudette Zorea Jacke aus Kolumbien
Hose Wrangler Jeans TNT
Schuhe MAG Schuhe Puma
ADAM, 33, Student
Jeans Seemannshose aus New York
Weste Markt in Jaffa
T-Shirt aus Australien
ISRAEL, 36, Künstler Schuhe aus Jerusalem
T-Shirt XDYE Kappe aus Indien
Jeans Sicko 19 Schal aus Kambodscha
Brille Ray Ban Tasche aus Thailand
RUTH, 31, Illustratorin
Pullover Vintage
Jeans Levi’s
Blume Hilla Harel
Schuhe Hush Puppies
DANA, 29, Architektin
MICKEY, 30, Interior Designerin Bluse Mango
T-Shirt H&M Hose Delicatessen
Rock Urban Outfitters Schuhe Birkenstock
Stiefel Peninsula Market Hongkong Tasche Mandarina Duck
Brille aus Thailand Brille Roberto Cavalli
IFAD, 33, Brillenverkäuferin
T-Shirt Bazar in Jaffa
Hose Blush Collection
Schuhe Sanita
Brille John Richmond
DANA, 34, Hostess
T-Shirt H&M
Hose Lee
Schuhe Bhonot
Gürtel Vintage
Tasche Flohmarkt Berlin
SHANIE, 27, Köchin im ‘Orka’
T-Shirt French Connection
YAEL, 34, Video Editor Hose Heart
Jacke Current Obsession Jacke Donna Karan
Hose Top Shop Schuhe Camper
Schuhe Puma Brille Vogue
Best of Tel Aviv
LAND
OF PLENTY
Text Ilona Marx
Fotos Kai von Rabenau /Agentur Winklbauer
Drei Farben: Weiß – Schneeweiß, Altweiß und Schmutzig-Weiß. Das sind die Nuancen, denen Tel Aviv
ihren Ruf als ‘White City’ schuldet, und die der Stadt, selbst an einem Wintertag, diese gewisse mediterrane
Leichtigkeit verleihen. Eine Leichtigkeit, die man ihr zunächst nicht zugetraut hätte, beherrschen doch
Szenen von Aufstand und Terror das Bild Israels in den Medien.
Beim ersten Spaziergang auf dem von Bir- jüdischer Architekten ins Land schwappte. ‘Kanaan’, so der biblische Name Israels,
kenfeigen gesäumten Rothschild-Boulevard Sie waren es, die der Stadt die sozialistisch tatsächlich das Land ist, in dem Milch und
verflüchtigt sich der Gedanke an politische inspirierten ‘Form Follows Function’-Bauten Honig fließen.
Ausschreitungen schnell. Die Einwohner Tel bescherten, die diese bis heute prägen.
Avivs, die auch um Mitternacht noch sorg- Doch aller Funktionalität zum Trotz: Der Zahn Zudem eilt Tel Aviv der Ruf voraus, das
los hier flanieren, scheinen das negative der Zeit und die salzige Meerluft machen New York des Nahen Ostens zu sein,
Image des Landes fast schon mit Gewalt auch vor den schicksten Häuserfassaden zumindest in Bezug auf das Nachtleben.
revidieren zu wollen. nicht halt. Um sie vor dem fortschreitenden Und tatsächlich kann hier an jedem Tag der
Verfall zu bewahren, wurde die Stadt 2003 Woche bis in den Morgen hinein aufs
Unschuldig wie der erste Eindruck, so auch von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Exzessivste gefeiert werden, sei es in den
der Name: Tel Aviv heißt übersetzt ‘Früh- Bars und Clubs der Innenstadt, die sich
lingshügel’, ein wenig paradox, wenn man Mit 1,5 Millionen Einwohnern ist der Groß- besonders rund um die Lilienblum Straße
bedenkt, dass die Stadt buchstäblich in den raum Tel Aviv das Ballungszentrum Israels – ballen, oder im jüngst renovierten Hafen-
Sand gesetzt wurde. 1909 zog eine Hand- und der moderne Konterpart zum ge- viertel im Norden der israelischen Metro-
voll Siedler auf eine Düne in Sichtweite des schichtsträchtigen Jerusalem. Zwar ist die pole. Dort wurden einige alte Lagerhallen
arabischen Städtchens Yaffa und machte kleine Nachbarin Yaffa mit einer 4.000 Jahre und Hangars unlängst zu Läden und Lo-
sich an den Bau der ersten Häuser. Bald zurückreichenden Historie nur einen Stein- kalen umgebaut, die das Areal mit Meer-
entstand eine kleine Gemeinde, das heutige wurf entfernt, das wahre Leben spielt sich blick in eine schicke Partyadresse verwan-
Neve Tzedek-Viertel, das nun, knapp hun- jedoch in der jungen Metropole ab. delten.
dert Jahre später, im Schatten von Hoch- So gibt es, über das gesamte Stadtgebiet
hausneubauten ein beschauliches Refugi- verteilt, beispielsweise eine ganze Reihe Überhaupt, das Meer: Trotz einiger Hotel-
um für die junge Bourgeoisie geworden ist. kleiner Modeateliers zu entdecken, deren burgen, die in den 70er Jahren hier entstan-
Betreiber sich offenbar auch gerne mal von den, hat der Sandstrand, der die City an
Der neuere und weitaus größere Teil der der architektonischen Grundidee ihrer ihrer Westflanke säumt, echten Urlaubs-
Stadt, der zwischen 1930 und 1960 errich- Heimatstadt, sprich den Bauhaus-Prinzi- charakter. Insbesondere am Sabbat, dem
tet wurde, gleicht einem Bauhaus-Freilicht- pien, inspirieren lassen. Jedenfalls tragen jüdischen Ruhetag, ist er Wohnzimmer und
museum. Mit einer Ansammlung von rund viele ihrer Entwürfe schlichte, konstruktivi- Spielwiese der Einwohner in einem und
4.000 ‘Exponaten’, die von subtropischer stische Züge. Ein großes Spektrum an selbst im Winter wird hier schon am frühen
Vegetation eingerahmt sind, ist Tel Aviv so internationalen Einflüssen dagegen birgt die Morgen gejoggt, geangelt und das beliebte
etwas wie die größte Bauhaus-Siedlung der Restaurant- und Barszene. Spanische Beachtennis gespielt.
Welt. Dies ist ironischerweise Nazi- Tapas, georgische Lammeintöpfe oder An Lebensqualität mangelt es Tel Aviv also
Deutschland, beziehungsweise der fünften österreichischer Apfelkuchen – die Möglich- mitnichten. Und sollte der Traum vieler
großen Einwanderungswelle zu verdanken, keiten, von hier aus zu lukullischen Aus- Menschen hier von einer friedlichen
mit der in den 30er Jahren ein Schwung flügen in aller Herren Länder aufzubrechen,
sind scheinbar unbegrenzt. Und schon
allein ein Gang über den von Früchten und
Gewürzen überbordenden Carmel-Markt
bestärkt den Glauben daran, dass
30
Koexistenz von Palästinensern und Israelis Fremdenführerin erwies, haben sie die fol-
doch endlich in Erfüllung gehen, so stünde genden Hot Spots von Tel Aviv zusammen-
dem Aufschwung des gelobten Landes gestellt.
wohl nichts mehr im Wege. Eine Hoffnung,
auf die auch der Stararchitekt und Designer
Philipp Starck setzt. Arbeitet er doch Vielen Dank an Gila Kaplan, sowie an
momentan in Tel Aviv an einem Apartment- Henriette Pansold und Renate Wikarski vom
turm mit durchgestylten Luxuslofts, deren Staatlichen Israelischen Verkehrsbüro;
Mieter künftig das fantastische Panorama Marion Paderna von El Al; Merev Uziel, Dani
der Stadt mit den pittoresk hingewürfelten Neumann, Benjamin-Gad Ninnayi und Karl
weißen Kuben genießen dürfen. Valter vom Israelischen Touristik
Ministerium, Wendy Geri vom Sheraton
Dem Berliner Fotografen Kai von Rabenau Hotel Tel Aviv, Eli Ziv von der Tel Aviv Hotel
und der j’n’c Redakteurin Ilona Marx Association, Jürgen Merkel von Superstar
genügte allerdings auch der allmorgendli- Reisen, Ashai vom Tahel, Nir vom Cordelia,
che Blick aus dem Sheraton Tower Hotel Sammy, Uri und Kobi.
auf Stadt und Strand, um sie recht zügig
aus den Federn zu treiben. Mit Hilfe der
Ortskenntnisse der israelischen Grafikde-
signerin Gila Kaplan, die sich als exzellente
Orna & Ella
Dass Frauen in Israel stärker als in unserer
Gesellschaft ihren Mann stehen, selbstbe-
wusster auftreten und sich untereinander
solidarischer verhalten, ist ein Phänomen,
das oftmals mit der allgemeinen Wehrpflicht
in Verbindung gebracht wird. Ob der Dienst
an der Waffe das adäquate Mittel ist, um
tradierte Rollenmuster aufzubrechen, sei
dahingestellt, auffällig ist und bleibt, dass
auch in Tel Aviv weiblicher Unternehmer-
geist allgegenwärtig ist. Ein sehr schönes
Beispiel dafür ist ‘Orna und Ella’. Orna
Agmon und Ella Shine führen in enger Zu-
sammenarbeit das in doppelter Hinsicht
geschmackvolle Lokal. Zum einen sticht
das Café-Restaurant dank seiner schönen
Schlichtheit aus dem Gros des Shenkin-
Street-Fashiontrashs heraus. Zum anderen
sind sowohl die Speisen der Tages- und
Abendkarte als auch die hausgemachten
Kuchen von erlesener Köstlichkeit. Addiert
man die zentrale Lage und die moderaten
Preise, ergibt sich ein hübsches Sümm-
chen an Vorzügen, welches ‘Orna und Ella’
insbesondere am Freitag, dem neuralgi-
schen Shopping- und Ausgehtermin, zum
beliebten Treffpunkt der Beautiful People
macht.
ORNA & ELLA
35 Shenkin Street
Tel Aviv
T +972 36204753
Abu Chassan Vince n’ Tamar
Es gibt nicht viele Orte, an denen Humus, Einer Autopanne haben Vince Muster und
das traditionelle arabische Kichererbsen- Tamar Cotenzedek es zu verdanken, dass
püree, warm auf den Tisch kommt. Abu sie die Inhaber eines der schönsten New-
Chassan ist einer davon – und er gilt als der comer-Restaurants Tel Avivs sind. Nach-
beste. Das kleine Imbissrestaurant liegt dem ihr Wagen vor etwa zwei Jahren in der
standesgemäß in der von maurischer Nähe des Industriegebiets liegen geblieben
Architektur dominierten Stadt Jaffa, der mit war, machten sich die beiden auf die Suche
viertausendjähriger Vergangenheit ver- nach einer Werkstatt – und stießen auf das
gleichsweise steinalten Nachbarin Tel Avivs. leerstehende Gebäude an der Hatzfira
Das Mittagstischprozedere, an dem das Street. Es war in desolatem Zustand und
bunt durchmischte Publikum für die warme, auch nicht zu vermieten, aber das Paar
leckere und günstige Mahlzeit teilnimmt, bohrte und bettelte so lange, bis sich der
läuft in rasantem Tempo ab: Schlange ste- Eigentümer schließlich erweichen ließ und
hen, Teller mit Humus greifen, freies ihnen die Renovierung erlaubte. Die
Plätzchen ergattern, Humus und Pitabrot in Mischung aus Garagenarchitektur und
irrwitziger Geschwindigkeit verzehren, schlichtem Gaststubenmobiliar gibt dem
Sitzplatz räumen und raus. Dass alles so Raum seinen markanten Charakter. Das
schnell gehen muss, hat einen Grund. Um Essen, das aus der offenen Küche kommt,
ein Uhr mittags schließt Abu schon wieder, wird auf charmanten Flohmarktservicen
und wer sich zu spät anstellt, wird nicht angerichtet und ist nicht nur köstlich, son-
mehr bedient und muss bis zum nächsten dern auch bezahlbar. Gründe genug, um
Tag auf den nahrhaften Brei verzichten. den Platz zum Hot Spot zu erheben, an
dem sogar an einem winterlichen Montag
ohne Vorreservierung kein Tisch zu bekom-
men ist.
Abu Chassan
1 Hadolfin Street
Old Jaffa
VINCE N’ TAMAR
10 Hatzfira Street
Tel Aviv
T +972 36390407
33
Nanuchka Hafatzim
Georgien in Israel. Angesichts der unter- Das hebräische Wort ‘Hafatzim’ hat zwei
schiedlichen Herkunft ihrer Einwohner ist Bedeutungen: Es bezeichnet sowohl einen
Tel Aviv als Melting Pot bekannt, wobei Gegenstand als auch einen Wunsch, ein
besonders der osteuropäische Einfluss hier Verlangen. Insofern ist der Name des
vielerorts hautnah spürbar ist. So wundert Interior Design Ladens an der Shlush Street
es auch nicht weiter, dass auf der Lilien- geschickt gewählt, geht es hier doch um
blum Street, auf der sich ein Lokal an das ‘Objekte der Begierde’ – Einrichtungsob-
nächste reiht, auch ein georgisches Bar- jekte wohlgemerkt. Klare Linien und natürli-
Restaurant existiert. Es wird jedoch keines- che Materialien zeichnen die Homeacces-
wegs nur von melancholisch-heimwehge- soires von Hafatzim aus. Seit zehn Jahren
plagten Exil-Georgiern frequentiert. Viel- schon existiert der Innenausstatter im neo-
mehr ist Nana, die Besitzerin, eine feste bourgeoisen Viertel Neve Tzedek und durch
Größe im Nachtleben von Tel Aviv, so dass die Lage erklärt sich auch die Kundschaft,
selbst unter der Woche die Stimmung in die hier ein und aus geht: Jung, gebildet
ihrer Bar gegen Mitternacht gerne mal und besserverdienend ist das Publikum,
überkocht. Schuld sind nicht zuletzt die das sich für die in Israel, Ägypten, Süd-
leckeren Cocktails wie der Passionsfrucht frankreich, Indien und Vietnam hergestellten
Margherita oder der Nanuchka, eine gefähr- Möbel, Lampen, Kissen und Küchenwaren
liche Mischung aus Wodka, Cranberry begeistert.
Juice, Limetten und Minze.
NANUCHKA
28 Lilienblum Street
Tel Aviv
T +972 35162254
HAFATZIM
27 Shlush Street
Tel Aviv
T +972 35178744
34
Delicatessen
Der spielerische Umgang mit modischen
Konventionen ist eines der Gestaltungs-
prinzipien von Idit Barak, der Inhaberin von
Delicatessen. Mit ihrer Mode will die 30-
Jährige, die am New Yorker Fashion
Institute of Technology lernte, Regeln und
Sehgewohnheiten durchbrechen. Ihren
Kundinnen, Karrierefrauen von Ende
Zwanzig bis Mitte Vierzig, scheint das zu
gefallen. Immerhin gibt es in Israel schon
acht Shops, die ihre textilen Leckerbissen
verkaufen und sogar in New York ist ihre
Mode zu haben. Die Einrichtung des
Ladens stammt von dem Innenarchitekten
Guy Zucker, der mit Materialien des tägli-
chen Gebrauchs wie Papprohren,
Kleberollen und beschichteten Folien ein
originelles und kostengünstiges Interieur
geschaffen hat.
DELICATESSEN
4 Barzilay Street
Tel Aviv
T +972 35602297
www.delicatessen-studio.com
Radical Comme il Faut Manta Ray
Obwohl ‘comme il faut’ in Sinne von ‘Wie Der kleine Urlaub für zwischendurch. Das
es sich gehört’ eher einen moralischen Manta Ray, das sich in einer Bucht unter-
Impetus hat, interpretiert Sibyl Goldfiner, halb von Neve Tzedek, dem ältesten Teil Tel
Designerin und Mitbegründerin der gleich- Avivs befindet, ist wohl das schönste Fisch-
namigen israelischen Modefirma, den fran- restaurant der Stadt. Schon beim Betreten
zösischen Ausdruck auf eine andere Art: des halbrunden Raumes, der mit Holz-
‘Wie es sein sollte’, lautet ihre Übersetzung, planken ausgelegt ist, werden Erinnerungen
die von dem Idealismus zeugt, der die Un- an laue, mediterrane Ferienabende wach.
ternehmensphilosophie prägt. Denn nach Das perfekte Meerespanorama, das sowohl
Goldfiner müsste das moderne Frauenbild von drinnen, als auch von der Veranda aus
gründlich revidiert werden, dafür kämpft die genossen werden kann, tut sein Übriges.
Unternehmerin seit nunmehr 20 Jahren. Und sind erst mal die Speisen auf dem
Und das nicht nur mit ihrer Mode, welche Tisch, setzt die totale Entspannung ein:
Körper und Persönlichkeit ihrer Trägerinnen Vorwiegend einheimisches Meeresgetier,
gleichermaßen respektvoll berücksichtigt. das dank eines hohen Umschlages und der
Auch außerhalb des geschäftlichen Rah- kleinen Küche oft sogar zweimal täglich
mens engagiert sich Goldfiner für die weib- fangfrisch eingekauft wird, erfährt im Manta
lichen Belange. So ist sie im Kampf gegen Ray seine lukullische Vollendung. So wie
den Brustkrebs aktiv und hat ein Branchen- etwa die Dorade, die in ein Püree von Jeru-
buch für Frauen herausgegeben. Ein Kon- salemer Artischocken gebettet ist und mit
zept, das aufgeht, und so ist ihr Shop im Mangochutney serviert wird. Oder der
renovierten Hafen von Tel Aviv auch nur Zope, der von hausgemachten Gnoccis,
einer von einem halben Dutzend Stores, Spargel und getrocknetem türkischem Ka-
allerdings einer mit besonderem Flair. viar begleitet wird. Nicht zu vergessen die
Neben dem ‘Radical Comme il Faut’-Laden, Vorspeisen, von denen gleich ein Dutzend
in dem eine ausgefallene Special-Range mit einem großen Tablett an den Tisch
der Kollektion zusammen mit belgischer gebracht wird und die den Hauptgerichten
und deutscher Avantgarde verkauft wird, an Raffinesse in nichts nachstehen.
gibt es ein Café mit großer Terrasse, das Ursprünglich stand an dieser Stelle übri-
auch ganz dem Goldfiner-Spirit geweiht ist. gens nur eine Standbude, deren Rudimente
auch sogar noch vorhanden sind: Sie ist
jetzt, nach leichter Veredelung, die Bar des
Lokals.
RADICAL COMME IL FAUT
Bait Banamal Hangar 26
Tel Aviv Harbor
T +972 36025530
www.comme-il-faut.com
MANTA RAY
Hatayelet Morad
Tel Aviv
T +972 35174773
www.mantaray.co.il
37
Café Tamar Shoshana
Obwohl Tel Aviv eine junge Stadt ist, ver- Es gibt nicht viele Läden auf der Shenkin
fügt sie über eine sehr lebendige Kaffee- Street, der Haupteinkaufsmeile für das
haustradition, die sich sowohl aus arabi- junge, fashionable Tel Aviv, die etwas ande-
schen Einflüssen speist als auch die Ge- res anbieten als mit heißer Nadel genähte
pflogenheiten der aus Europa immigrierten Pronta Moda. Deshalb sticht das Schau-
jüdischen Einwanderer in sich aufgenom- fenster von Shoshana auch sofort ins Auge.
men hat. Eines, wenn nicht DAS Urgestein Es ist über und über mit Spielzeug vollge-
dieser Trinkkultur ist Sarah Stern. Das Café stopft, das jedoch nichts mit den hierzulan-
Tamar, das sie seit 15 Jahren auf der beleb- de gängigen Toys’R’Us-Schrecklichkeiten
ten Shenkin Street betreibt, ist das Wohn- gemein hat. Vielmehr handelt es sich um
zimmer der hiesigen Elite und seine Wände eine Sammlung, die seit über 40 Jahren
sind gespickt mit den Fotos der israeli- existiert und nun Stück für Stück aufgelöst
schen Prominenz. Ob Richter, Künstler, wird. Zum größten Teil unberührt und noch
Professoren oder Schauspieler, Sarah kennt in Originalverpackung warten hier tsche-
sie alle, und dank ihres angenehmen choslowakische Handfiguren, amerikani-
Wesens bleibt der geistreiche Zirkel ihr seit sche Blechautos und japanische Anzieh-
Jahren treu. Insbesondere an Freitagen ver- püppchen auf ihre Käufer. Inmitten des
wandelt sich das Café Tamar in eine Art ganzen Kinderglücks: Shoshana, eine ältere
intellektuellen Salon, der Gertrude Stein vor Dame mit großer Hornbrille, die wie ein
Neid erblassen ließe. überstilisierter Charakter aus einem Tim
Burton-Film über all ihre bunten Schätze
wacht.
CAFÉ TAMAR
57 Shenkin Street
Tel Aviv
SHOSHANA
58 Shenkin Street
Tel Aviv
T +972 35609049
38
Bookworm
Dass Bücherwürmer nicht nur Appetit auf
Buchstaben haben, sondern ab und zu
auch an leiblicher Nahrung interessiert sind,
haben sich Eliana und Fanny zu Nutze
gemacht. Ihre Kombination aus Buchladen
und Bistro erfreut sich großer Beliebtheit
bei der schöngeistigen Intelligenzia Tel
Avivs. Und auch die zentrale Lage am
belebten Yitzhak-Rabin-Platz, unweit der
Stelle, an der der israelische Ministerpräsi-
dent vor zehn Jahren ermordet wurde, wirkt
sich positiv auf das Geschäft aus. Doch
Roni Bar Politik ist nicht das Hauptanliegen der bei-
den Inhaberinnen. Vielmehr sind Kunst,
Der Hafen Tel Avivs, bis vor wenigen Jahren Design, Architektur und Psychologie die
noch ein ungastlicher Ort, hat durch die vorherrschenden Sujets in den langen
Renovierung der einzelnen Hangars und Regalen, die die vordere Hälfte des Raumes
den nachfolgenden Einzug von Bars, einnehmen und im hinteren Teil nahtlos in
Restaurants, Galerien, Fitnessclubs und die Theke übergehen. Wem die häusliche
Modeläden ein zweites Leben begonnen. Bibliothek nicht mehr ausreichend Inspi-
Zentrum der neuen Vergnügungs- und ration bietet, kann hier, im Fortsatz des
Lifestylelokalität ist das Bait Banamal, was Wurms sozusagen, bis in den späten
übersetzt nichts anderes heißt als ‘Das Abend der geglückten Synthese aus geisti-
Haus im Hafen’. Hier befinden sich, wie um ger Anregung und weltlichem Genuss frö-
einen Dorfplatz gruppiert, das ‘Comme il nen.
Faut’-Café, der dazugehörige ‘Radical’-
Shop, ein Sexshop für Frauen und – der
Laden von Roni Bar. In großzügigem, mini-
BOOKWORM
malistischem Ambiente verkauft die einhei- 9 Rabin Square
mische Designerin ihre avantgardistischen Tel Aviv
T +972 35298490
Feinstrick- und Feinrippmodelle, reduziert www.bookworm.co.il
gestalteten Gold- und Silberschmuck sowie
ausgefallene Homeaccessoires.
RONI BAR
Bait Banamal Hangar 26
Tel Aviv Harbor
T +972 36041067
39
Baalot Melaha Massaryk 17
Vier Frauen, ein Apartment. Die Idee, ge- Eine in Ehren ergraute Lady wacht mit
schäftlich zusammenzuziehen, kam den majestätischem Blick über die Geschäfte
Modeschöpferinnen anlässlich des Jung- bei Massaryk 17. Das Gemälde der Dame
designermarktes, der jeden Freitag den Tel mit Queen-Mom-Appeal, das über dem
Aviver Designnachwuchs ins Dizengoff- Verkaufstresen des Modeladens hängt, ist
Center lockt. Obwohl nur ein Viertel des das Maskottchen des mit jungem israeli-
Quartetts tatsächlich das Schneidern schem Design und alten Vintageschätzchen
gelernt hat, während die anderen drei in bestückten Shops. Die Entwürfe jüngeren
ihrem Werdegang zunächst einen Umweg Datums stammen von Modeschöpfern wie
über Fotografie, Industriedesign sowie Shirly Halperin, Claudette Zorea, Usnat,
Philosophie machten, ergänzen sich ihre Smadar, Harley Queen und Anat Ytzhaki. In
Kollektionen sehr gut. Die Unikate in vierer- die Retroabteilung auf der Empore der
lei Handschrift werden flankiert von unge- 60qm großen Fundgrube gelangen aller-
tragenen Originalen aus den 60ern und dings nur Schwindelfreie.
70ern und in wohnlicher Atmosphäre prä-
sentiert.
MASSARYK 17
17 Kikar Massaryk
Tel Aviv
BAALOT MELAHA T +972 35292616
40 Baaley Melaha Street
Tel Aviv
T +972 36208674
40
Nait Sarah Braun
Die Ausbildung zur Modedesignerin hätte Obwohl Sarah Braun einen urdeutschen
Nait, die an der Mikve Israel Street einen Namen hat, spricht sie neben hebräisch nur
kleinen Laden betreibt, fast dazu bewogen, französisch. Das rührt vor allem daher, dass
ihre Leidenschaft aufzugeben. Die 35- sie ein Jahr an der Pariser Modeschule
Jährige hasste die Schule und alles, was ‘Esmod’ studierte, bevor sie nach Israel
damit zusammenhing. Erst nachdem sie zurückkehrte und an der hiesigen ‘Escole’
diese Erfahrung einigermaßen überwunden ihre Studien abschloss. Minimalistisch, mit
hatte, beschloss sie, ihrem Herzen zu fol- klassischer Note und europäischem Touch,
gen und das Hobby doch noch zum Beruf so beschreibt die 32-Jährige ihren Stil.
zu machen. Die Mode, die Nait hier auf Gerne mischt sie maskuline Elemente in
etwa 30qm anbietet, orientiert sich an den ihre Frauenkollektion und lässt sich dabei
30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhun- von der Ausstrahlung eines Serge Gains-
derts. Durchmischt mit Elementen aus der bourg oder der Aura seiner schönen
Zeit ihrer späten Kindheit, den 70ern und Tochter Charlotte inspirieren. Und wenn sie
80ern, generiert sie so eine neue Klassik, ihre 30- bis 40-jährigen Kundinnen bedient,
die mehr als eine Saison überdauert. dann bevorzugt zu den Chansons einer
Carla Bruni, was Sarahs Liebe zur ‘Grande
Nation’ noch zusätzlich Ausdruck verleiht.
700 Shekel, also umgerechnet ca. 140
NAIT Euro, kostet eine Braun-Hose, nicht allzu
10 Mikve Israel Street
Tel Aviv
viel, gemessen an der Tatsache, dass der
T +972 35600402 Shop an der Dizengoff-Einkaufsmeile liegt.
Obwohl sie diese Lage sehr schätzt, hegt
Braun noch einen großen Wunsch. Einen
Laden in Paris würde sie gerne eröffnen, in
der Nähe der Bastille.
SARAH BRAUN
162 Dizengoff Street
Tel Aviv
T +972 35299902
42
Mish Mish Mersand Joz & Loz
Mischen is possible. Bei Mish Mish, der Auf den ersten Blick unscheinbar, entpuppt Wie viele Lebensläufe der 9. September
schönen old-school Cocktailbar, die sich sich das Mersand an der Ben Yahuda Stras- 2001 nachhaltig verändert hat, lässt sich
hinter einer Spiegeltür auf der Lilienblum se als geschichtsträchtiger Ort. Seit 1955 tatsächlich nicht sagen. Einer davon ist
Street verbirgt, werden die alkoholischen existiert das Café nun schon – in Relation jedoch jener von Osnat Haffman, ihres
Ingredienzien aufs Feinste vermengt. Das zur erst knapp hundertjährigen Stadtge- Zeichens Küchenchefin bei Joz & Loz. Sie
gilt nicht nur für den ‘1850’, einem altmodi- schichte Tel Avivs eine kleine Ewigkeit. verließ damals New York und kehrte nach
schen Drink aus Bourbon Whiskey und Traditionell diente das Mersand als Anlauf- Israel zurück: Eine schwere Entscheidung
Angostura, sondern unter anderem auch für stelle der deutschsprachigen Juden, die für sie, ein Glücksfall aber für Tel Aviv. Denn
den ‘Sidecar’ aus Brandy, Benedictine und sich hier am liebsten zum Kaffee und den hier traf Osnat auf Karen Gerlitz, deren
Cointreau, der hinter der schicken Retro berüchtigt köstlichen Pflaumen-, Apfel- und Leidenschaft der französischen Haute
Theke mit sehr viel Sorgfalt zubereitet wird. Schokoladenkuchen trafen. Ein Teil der ur- Cuisine gilt, und die beiden beschlossen,
Stimmig dazu das anheimelnde 60ties ‘Dr. sprünglichen Klientel, inzwischen steinalt, ihre Kochkünste zu vereinigen. Das Ergeb-
No’ Ambiente, das von einem Innenarchi- kommt immer noch hierher. Man sitzt wie nis dieses kulinarischen Joint Ventures
tekten stammt, der sein Handwerk in Lon- damals auf den kleinen, mit Leder bezoge- kommt seither täglich bei JnL auf den Teller.
don gelernt hat, sowie der jazzy-jazzy, nen Hockern und sieht zu, wie draußen die Eine harmonische Kombination aus prag-
funky-funky Sound. Dem Besitzer Oren Zeit vergeht, während sie drinnen still zu matischer ‘Keep-it-simple’-Küche und fran-
Alkalay, dessen Barkultur durch einige stehen scheint. Doch nicht ganz. Vor drei zösischer Finesse. Dank der ungebremsten
Jahre New York geprägt wurde, gehört Monaten durchbrach ein Ereignis die gleich- Kreativität von Osnat und Karen variiert das
auch das Shesek ein paar Häuser weiter, in förmige Geschichte des Mersand: Um das Menü jeden Tag, wobei bei der Auswahl der
dem sich die talentiertesten Hip-Hop-DJs Café vor der Schließung zu retten, über- Zutaten nach den Regeln des ‘Home-
die Klinke in die Hand geben. nahm der 36-jährige Boaz Tregerana die cooking’ stets die jeweilige Saison im Auge
Kultstätte. Er möchte das Etablissement so behalten wird.
erhalten, wie er es vorgefunden hat, bietet
über den gewohnten Kaffeehausbetrieb hin-
MISH MISH aus aber auch Abendveranstaltungen.
17 Lilienblum Street
Tel Aviv
Einmal pro Woche gibt es Kabarettauffüh- JOZ & LOZ
51 Yehuda Halevi Street
T +972 35168178 rungen, Samstagnacht treten Sänger auf Tel Aviv
und an drei weiteren Tagen ist ein DJ zu T +972 35606385
Gast.
SHESEK
17 Lilienblum Street
Tel Aviv
T +972 35169520
MERSAND
70 Ben Yehuda Street
Tel Aviv
T +972 35234318
43
Nufar Galpaz
Im Laden von Nufar Galpaz herrscht intime
Atelieratmosphäre. Die schüchterne Indus-
triedesignerin, die hier an ihren unifarbenen,
bauhausorientierten Entwürfen arbeitet, hat
ihre Wirkungsstätte vor einem Jahr von
ihrem Loft hierher verlegt. Ein privates
Ambiente ist dem Shop an der Levontin
Street jedoch erhalten geblieben. Der Spül-
stein, die 50er Jahre Sessel und die Näh-
maschine erzählen von langen, arbeitsrei-
chen Tagen. Und natürlich die Kollektion,
die an den langen Stangen aufgereiht ist.
Seit vier Jahren macht Nufar nun schon
Mode, ‘just in time’, wie sie sagt: Ihre
Entwürfe sind immer genau dann fertig,
wenn der Sommer anfängt. Mit einem
Kollektionsrhythmus wolle sie sich nicht
abplagen. Muss sie auch nicht, denn vor
allem ihr Topseller, eine weite Japan-Hose,
die sie immer wieder in unterschiedlichen
Materialien aufmacht, erfreut sich größter
Beliebtheit.
NUFAR GALPAZ
7 Levontin Street
Tel Aviv
T +972 35601913
Gertrud Shine While U Can
Nicht nur der Name klingt ein bisschen ‘Shine While U Can’ ist ein Wahlspruch, der
nach Walküre, auch die Einrichtung des angesichts der politischen Lage in Israel
winzig kleinen Modegeschäfts, einer ehe- eine tiefere Bedeutung hat und der, den
maligen Parfümerie, verströmt anheimelnde Umständen zum Trotz, besonders von den
altdeutsche Spießigkeit. Das, was in den jungen Tel Avivern gern beherzigt wird – gilt
Regalen und Schubladen der großen die Stadt doch als die Partyhochburg des
Eichenholz-Schrankwand angeboten wird, Landes. Alice, die ihrem kleinen Modeladen
die das zentrale Möbelstück des Ladens dieses Motto zum Namen machte, verbrei-
ist, kommt dafür ungleich frischer daher: Shanihay tet die ‘Carpe Diem’-Botschaft hier seit
Duftiges ‘Darunter’ und feines ‘Darüber’, nunmehr fünf Jahren und hat darüber hin-
das aus der Feder der beiden Inhaberinnen Ihre neue Rolle als Mutter hat Sarit, die aus in der Hauptstadt modische Pionier-
Ruthi und Netta stammt. Die Absolven- Designerin von Shanihay, dermaßen be- arbeit geleistet. Neben ihrer eigenen Kol-
tinnen der hiesigen Shenkar-Schule haben glückt und inspiriert, dass sie sich, sobald lektion, in der sie bevorzugt gewaschene
sich nach dem Modedesignstudium es ihre Zeit zuließ, an den Entwurf einer Jerseys zu konstruktivistischen Kleidungs-
zunächst auf Lingerie spezialisiert, ihren Kindermöbelkollektion machte. Ihre fröh- stücken verarbeitet, führt sie junges israeli-
Einsatzbereich nun aber auch auf Oberbe- lich-fantasievollen und sehr hochwertig ver- sches Design. Besonders stolz ist sie dar-
kleidung ausgedehnt. Dass sie die Konkur- arbeiteten Möbel wurden begeistert aufge- auf, dass einige der Labels, die sie für ihren
renz in dieser Disziplin nicht scheuen, nommen und so bietet die 40-Jährige Shop entdeckt hat, den lokalen Durchbruch
beweist die Präsenz der dänischen Labels inzwischen auch schickes Interior Design geschafft haben und deren Macher inzwi-
Rützow und Day, die den Gertrud-Stil kon- für Erwachsene an. Ihr Grundsatz, alte schen eigene Läden betreiben.
genial untermauern. Handwerkstraditionen zu pflegen, diesen
aber durch den Einsatz moderner Materia-
lien ganz neue Felder zu eröffnen, hat nicht
nur Niederschlag in der Gestaltung der SHINE WHILE U CAN
12 Kikar Massaryk
GERTRUD Einrichtungsgegenstände gefunden, die sie Tel Aviv
77 Frishman Street
Tel Aviv
in ihrem zweigeschossigen Geschäft an der T +972 35298607
T +972 35467747 Nachmani Street verkauft. Auch ihre hand-
gearbeiteten Puppen, finster aussehende
Gorillas und wuchtige Wale, sind nach die-
sem Prinzip gefertigt.
SHANIHAY
36 Nachmani Street
Tel Aviv
T +972 35666987
www.shanihay.com
45
The Shtudio, Tel Aviv
DER OSTEN
SO NAH
Text Ilona Marx
Fotos Kai von Rabenau /Agentur Winklbauer
Tel Aviv gilt als der progressivste Ort in Israel. Er verfügt über eine lebendige Mode- und Kunstszene sowie
ein ausschweifendes Nachtleben. Und obwohl das Land recht klein ist, existiert sowohl hier, in der Hauptstadt,
als auch im nahen Jerusalem eine Akademie, an der Design unterrichtet wird. Dennoch erreicht nur wenig von
dem, was im sogenannten ‘Nahen Osten’ erdacht und erschaffen wird, Westeuropa und angesichts der politi-
schen Lage drängt sich bei uns zwangsläufig die Frage auf, welcher Stellenwert dem Fach in Israel überhaupt
zukommt und ob sich Leben und Arbeit eines israelischen Designers wesentlich von dem eines westlichen
Kollegen unterscheidet.
Eine Arbeitsgemeinschaft dreier Absolven- Wie unterscheidet sich die Stadt in euren lerne, versuche ich erst einmal, ihn als Per-
ten der Jerusalemer Bezalel-Akademie, Augen von einer westlichen Metropole? son zu verstehen, etwas über seine Vision,
deren Mitglieder seit mehreren Jahren erfol- Gila: Nun, verglichen mit anderen Metropo- seinen Hintergrund zu erfahren. Meine
greich in Grafikdesign und Fotografie tätig len ist Tel Aviv klein. Was uns jedoch zugute Konzepte entwickele ich im Kopf, nicht am
sind und inzwischen allesamt als Lehrer an kommt. In Städten wie Berlin oder London Computer. Ich habe schon eine sehr ge-
ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte arbei- bist du als Grafiker einer von Tausenden. naue Vorstellung von dem fertigen Buch,
ten, versuchte sich in einer Antwort darauf: Wenn du deinen Job in Tel Aviv gut machst, bevor ich mich überhaupt an den Rechner
Gila Kaplan, die zusätzlich zu ihrem Studi- spricht sich das schnell herum, und du setze.
um an der Bezalel-Akademie in Israel auch bekommst viel eher neue, interessante Pro- Danach beginnt die Dialog-Phase. Schön
am Londoner Royal College of Art studierte, jekte angeboten. ist es natürlich, wenn mein Vorschlag direkt
hat sich in ihrem Heimatland vor allem Gila und Kobi, ihr arbeitet teilweise zu zweit, akzeptiert wird, manchmal kommt es dann
durch die Gestaltung von Büchern und Ka- teilweise allein. Wie geht ihr an ein neues aber auch zu einem langwierigen Prozess
talogen in den Bereichen Kunst und Archi- Projekt heran? der Kompromissfindung. Als Grafikdesigner
tektur einen Namen gemacht, ist aber auch Kobi: Nicht selten haben die Kunden schon musst du ein guter Politiker sein, ein Diplo-
für die Geschäftsausstattung einer Vielzahl eine mehr oder weniger konkrete Vorstel- mat, damit am Ende beide Parteien, der
von Restaurants und Modelabels in Tel Aviv lung. Besonders hier in Israel ist es gang Kunde und du, glücklich sind. Dass wir mit
verantwortlich. Einige ihrer Projekte haben und gäbe dem Designer eine Vorlage zu unserer Arbeit eine ganz bestimmte Klientel
es bis in die Publikation des Taschen-Verla- zeigen, die dann nachempfunden werden bedienen, macht es nicht unbedingt einfa-
ges ‘Grafic Design for the 21st Century/ soll. Das ist mitunter ein bisschen anstren- cher. Unsere Auftraggeber kommen aus der
100 of the World’s Best Grafic Designers’ gend, denn oftmals müssen wir viel Über- Mode, der Kunst, der Architektur. Das ist
geschafft. Kobi Franco arbeitet ebenfalls zeugungsarbeit leisten, bis wir unsere Ideen zum einen sehr anregend, weil uns ihre
eng mit dem Kunstbetrieb, darunter auch durchsetzen können. Manchmal läuft es Projekte auch persönlich interessieren. Zum
dem Tel Aviv Museum und dem Israel aber auch ab wie ein Ping-Pong-Spiel: Wir anderen sind diese Kunden auch oft
Museum zusammen, und designte darüber machen Vorschläge, der Kunde steigt dar- schwierig. Sie sind ja selber Kreative.
hinaus eine Reihe von Comicbüchern. Uri auf ein und ein Impuls gibt den anderen. Dann ist es auch Teil des Jobs, sich selbst
Gershuni, Spross einer bekannten Künstler- Das macht am meisten Spaß. Abgesehen zurückzunehmen...?
familie, fotografiert für die größte Tages- davon ist der kreative Anteil an jedem Gila: Natürlich ist das, was wir machen ‘Art-
zeitung des Landes und hat mit seinen frei- Projekt ja eh relativ klein. Die meiste Zeit work’. Du entwickelst deine eigenen Ideen,
en Arbeiten – insbesondere mit einer Serie wird auf die Realisation und Produktion ver- fungierst aber darüber hinaus als eine Art
von Porträts, die in der Nachtclubszene Tel wandt. Katalysator. Es geht beim Grafikdesign vor-
Avivs entstanden – schon zahlreiche Aus- Gila: Generell kann man sagen, dass wir rangig darum, Inhalt sichtbar zu machen.
stellungen bestritten. zunächst versuchen, eine Struktur zu schaf- Wir sind ‘Übersetzer’, filtern die Substanz,
fen. Im nächsten Schritt werden deren Gren-
zen dann ausgeweitet oder sogar über-
schritten. Wenn ich einen Kunden kennen
46
Monokultur, Magazin 2005
ten Beigeschmack. Die Tendenz, sich stark
am Westen zu orientieren, führt leider dazu,
dass wenig Eigenes entsteht. Ich glaube,
Gilas und Kobis Entwürfe unterscheiden
sich in dieser Hinsicht vom Gros der Arbei-
ten unserer Landsleute. Die beiden haben
einen eigenen Stil, der auch den Ort wider-
spiegelt, an dem wir leben.
Eine Art orientalischen Einfluss?
Gila: Nein! Ich sehe das ganz anders. Für
mich macht es keinen großen Unterschied,
ob ich in London lebe und arbeite oder hier.
Meine Entwürfe sind die gleichen. Meine
Arbeit hat nur mit der Person, mit dem Pro-
jekt, zu tun... .
Kobi: Na ja, es gibt schon Unterschiede,
was die Arbeitsbedingungen angeht. Wir
haben hier in Israel nicht die gleichen
Möglichkeiten wie ihr in Europa. Unsere
Materialauswahl ist begrenzt und darüber
hinaus benutzen wir eine Schrift, die anders
aufgebaut ist. Unter anderem müssen wir
uns immer wieder der Herausforderung
stellen, Bücher und Kataloge zu gestalten,
Ein Industriegebiet unweit des Zentrums ist die die in zwei Sprachen erscheinen. Das
Heimat des Shtudios. Auf der großen Dachterrasse
kommen Kobi, Uri und Gila auf neue Gedanken. um sie zugänglicher und ansprechender zu Hebräische wird von rechts nach links gele-
machen. Diese Aufgabe ist teilweise sen und verhält sich dadurch, dass es keine
paradox. Man sollte dem Endprodukt an- Vokale hat, grafisch ganz anders als bei-
merken, dass ein Gestalter am Werk war, spielsweise die englische Sprache. Außer-
gleichzeitig muss das Design transparent dem gibt es eine geringere Auswahl bei den
sein, eher ein Trägermaterial, ein natürlicher hebräischen Schriftschnitten.
Wegweiser.
Gibt es einen typisch israelischen Look?
Uri: Ich weiß nicht, ob ich damit für alle
spreche, aber meiner Meinung nach hat
Design in Israel nicht selten einen bestimm-
47
An Intelligent Person’s Guide To Modern The Comfort Of Strangers/Ian McEwan Les Particules Elementaires/Michel Houellebecq
Culture/Roger Scruton, Zmora Bitan Verlag, 2003 Bavel Publishers Verlag, 2001
Zmora Bitan Verlag, 2003
Gila, du hast unter anderem am Londoner
Royal College of Art studiert, aber auch in
Jerusalem. Kobi ausschließlich in Jerusalem.
Wie nehmt ihr, angesichts dieser unterschiedli-
chen Erfahrungen, das Grafikdesign in eurem
Land wahr?
Gila: In Bezug auf Grafikdesign hat Israel
noch einiges aufzuholen. Es ist ein sehr jun-
ges Land, in dem sich orientalische und
westliche Einflüsse mischen und sehr wenig
Struktur herrscht. Sieh dir zum Beispiel die
Straßenbeschilderung an: Alles hier ist ein
‘Hatizrach’ (Will Shine),
Einladung für eine Fotoausstellung, wenig durcheinander, weil es so übereilt
David Adika entsteht. Entsprechend der Orientierung am
‘American Way of Life’ sind Geschwindigkeit
und Kommerzialität die obersten Gebote.
Deshalb sind wir froh, in der Nische, in der
wir arbeiten, etwas bewegen zu können.
Kobi: Das empfinde ich genauso. In Bezug
auf Ästhetik herrscht hier noch sehr viel
Konfusion. Dazu kommt, dass die jüdische
Kultur sich auf das Wort gründet und nicht
auf die Form. Erst in den letzten 10 bis 20
Jahren haben wir angefangen, auch forma-
len Aspekten Bedeutung beizumessen.
Welchen Stellenwert hat Grafikdesign in einem
Land, das seit Jahrzehnten von politischen Un-
ruhen gekennzeichnet ist? Ist es reiner Luxus?
‘Team Work’,
Einladung für eine Kunstausstellung, 2005, Gila: Viele Leute hier verstehen zunächst
Kalisher Art School gar nicht, was wir machen. Dass hinter
jedem Buch auch ein Grafikdesigner steckt,
ist ihnen oft nicht klar. In letzter Zeit ist das
Bewusstsein für diese Dinge jedoch ge-
wachsen, dennoch bleiben wir in einem ge-
wissen Stadium stecken. Weil die Auflagen
der hebräischen Bücher recht klein sind und
viele Publikationen erst gar nicht das Land
verlassen, werden sie auch international oft
nicht wahrgenommen.
Welche Unterschiede gibt es im Studium?
Gila: Bezalel in Jerusalem ist eine wirklich
gute Akademie. Der Ton hier ist jedoch
rauer als in London. Ich glaube, es liegt zum
‘A New Building’,
Einladung für eine Architekturausstellung, Teil am allgemeinen Wehrdienst. Man spürt
The Tel Aviv Museum Of Art, 2004
48
Mode Broschüre
Nait, Winter 2004
bei den Studenten irgendwie eine militante Gila: Ich weiß nicht, ob es den anderen
Haltung, ein sehr starkes Konkurrenzden- auch so geht, aber ich bin nicht sicher, ob
ken. Außerdem ist der Anspruch ein anderer. ich hierher gehöre, ob ich hier sein sollte.
Es sollen so viele Arbeiten wie möglich in Nicht nur kulturell betrachtet. Du arbeitest
kürzester Zeit fertiggestellt werden. Statt hart in diesem Land, zahlst eine Menge
Qualität wird Quantität gefordert. Immer Steuern, und doch hast du das Gefühl, dass
wenn ich in Europa bin, habe ich das vieles gegen dich ist. Ich denke oft darüber
Gefühl, dass es gelassener zugeht. Weil nach, ob ich hier richtig bin oder weggehen
man nicht wie hier ständig hinter Zeit, Geld sollte.
und Konsumgütern herhetzt. Uri: Wir fühlen uns als Minderheit. Mit dem,
Das Studium in London war paradiesisch für was wir machen, sind wir tatsächlich Freaks
mich: Zwei Jahre lang wurde auf mich ein- hier. Als Gila aus Deutschland zurück kam,
gegangen, ich durfte die Projekte verwirkli- war sie ganz erfüllt von dem Gefühl, eine
chen, die mir am Herzen lagen, wurde dabei von vielen gewesen zu sein.
unterstützt und meine Meinung zählte. Das Sind Politik und Religion wichtig für euch
hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. oder denkt ihr gar nicht darüber nach?
Wie haben sich die Studenten und Studien- Uri: Ehrlich gesagt: Wir versuchen, nicht
bedingungen verändert, seit ihr Bezalel verlas- darüber nachzudenken.
sen habt? Gila: Ich glaube, viele klammern diese Fra-
Kobi: Zum einen muss gesagt werde, dass gen inzwischen aus. Ich habe meinen Stu-
das Grafikdesign Department von 30 auf denten beispielsweise neulich eine Aufgabe
100 Studenten pro Jahrgang gewachsen ist. zum Thema ‘Zeit’ gegeben, die sie frei bear-
Der Studiengang heißt jetzt ‘Visuelle Kom- beiten durften. Sie konnten also einen per-
munikation’ und umfasst Medien, Grafik sönlichen, historischen, politischen oder reli-
Design, Illustration und Werbung. Unter der giösen Bezug zu dem Begriff herstellen.
gestiegenen Zahl der Studenten hat leider Aber ausnahmslos alle haben ihn ganz pri-
die Qualität ein bisschen gelitten. Man ist vat behandelt. Ich finde, das ist doch ein
schon sehr motiviert und arbeitet hart. Aber Zeichen.
es gibt beispielsweise keinen intensiven Kobi: Ja, viele haben die endlosen Diskus-
Austausch mit anderen Ländern. sionen und Anspielungen satt.
Gila: In dem Zusammenhang möchte ich Gila: Kein Wunder! Was willst du dazu sa-
noch etwas zum Thema Selbstbewusstsein gen, was noch nicht gesagt wurde? Unsere
loswerden. Wir in Israel vergleichen uns Lage hier ist ein Phänomen, aber man kann
ständig mit Europa, ja, mit der ganzen Welt. sich ja nicht ständig damit beschäftigen.
Und fühlen uns immer irgendwie unterlegen. Mich interessieren die einzelnen Menschen,
Wir sind jung, isoliert, konfus und, na ja, ein ihre Kreativität und ihre Versuche, sich
wenig unterentwickelt... . selbst zu erfinden.
Uri: Das ist fast schon Teil der jüdischen Tra-
dition. Auf der einen Seite fühlen wir uns Vielen Dank für das Gespräch.
unterlegen, gleichzeitig fühlen wir uns aber
auch überlegen. Weil wir das erwählte Volk
sind. Das meine ich natürlich nicht ganz
ernst.
Dead Herring,
Comics Anthologie, 2004,
Atus Independent Comics
49