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					Alter
   Anziani
Vieillesse
                                Hauptergebnisse
                                und Folgerungen
                                aus dem Nationalen
                                Forschungsprogramm
                                NFP32




François Höpflinger und Astrid Stuckelberger
In Zusammenarbeit mit Hermann-Michel Hagmann
und mit der Unterstützung von : Peter Binswanger, François Huber,
Charles Kleiber, Mimi Lepori Bonetti, Pasqualina Perrig-Chiello,
Yvonne Preiswerk, Jean-Pierre Rageth, Hannes B. Stähelin,
Helmut Schneider, Hans Schmid, Jean Wertheimer.

Bern, 1999
Alter
   Anziani
Vieillesse




François Höpflinger und Astrid Stuckelberger
In Zusammenarbeit mit Hermann-Michel Hagmann,
Präsident der Expertengruppe NFP 32
und mit der Unterstützung der Mitglieder der Expertengruppe :
Peter Binswanger, François Huber, Charles Kleiber, Mimi Lepori Bonetti,
Pasqualina Perrig-Chiello, Yvonne Preiswerk, Jean-Pierre Rageth,
Hannes B. Stähelin, Helmut Schneider, Hans Schmid, Jean Wertheimer.
Uebersetzungen
Französische Version : A. Stuckelberger
Italienische Version : G. Bernasconi-Romano
Englische Version:     J. Haller Pratt
Vorwort
          Als zu Beginn der 90er Jahre der Bundesrat den Schweizerischen Nationalfonds mit
          der Ausarbeitung eines nationalen Forschungsprogrammes (NFP 32) zum Thema
          «Alter» beauftragte, nahmen gerontologische Fragestellungen in der schweizeri-
          schen Forschungslandschaft noch eine eher marginale Stellung ein. Heute ist die
          Situation im positiven Sinne grundlegend anders.

          Dank der qualitativ hochstehenden Forschungstätigkeit von rund dressig wissen-
          schaftlichen Forschungsteams, unterstützt durch eine qualifizierte
          Programmeleitung und der Begleitung einer engagierten Expertengruppe hat die
          Forschung zur demographischen Alterung und Alternsprozessen in der Schweiz
          einen entscheidenden Schritt vorwärts gemacht. Der vorliegende wissenschaftli-
          che Synthesebericht zum NFP 32, gemeinsam redigiert von Prof. François
          Höpflinger (Programmleiter), A. Stuckelberger (Adjunktin der Programmleitung),
          und der Expertengruppe NFP 32 vermittelt hierzu eine gute Illustration. Die
          Diversität der angesprochenen Themen un der Reichtum der gewonnenen
          Ergebnisse belegen auch die gesellschaftliche Bedeutung der sozio-demographi-
          schen Entwicklungen und des Themas. Für diesen Forschungsfortschritt ist allen
          ForscherInnen, der Programmeleitung sowie der Expertengruppe hiermit herzlich
          gedankt.

          Die Herausforderungen der demographischen Alterung und namentlich auch der
          beachtlichen Verlängerung der menschlichen Lebenserwartungen erfordern eine
          Kontinuität, Vertiefung und Umsetzung der entsprechenden Forschungen. Es ist in
          diesem Sinn, dass die wichtigsten Akteure des NFP 32, mit Unterstützung des
          Schweizerichen Nationalfonds, die Gründung eines Universitären Instituts «Alter
          und Generationen»/Institut universitaire «Ages et Générations» (INAG) beschlossen
          haben. Die Zielsetsungen des INAG sind dreierlei:
          - die Förderung interdiziplinärer Diskussionen und die Diffusion entsprechender
             Forschungsabeiten im Bereich von Lebensalter und Generationen beziehun-
             gen,
          - die Entwicklung von gerontologischer Lehre und Forschung in einer gesamt-
             schweizerichen und kulturübergreifenden Perspektive,
          - die Stimulation einer verbesserten Kommunikation zwischen
             Grundlagenforschung, angewandter Forschung und parktischer Altersarbeit.

          Mit Hilfe eines flexiblen Netzwerkes der Kooperation und dem gemeinsamen
          Einsatz von Kompetenzen hoffen wir, dass dem Abenteuer «Alterforschung» -
          gleichzeitig komplex und faszinierend - ein langes Leben gewährt wird.




                                                    Prof. Hermann-Michel Hagmann
                                                    Präsident der Expertengruppen NFP 32




                                      3
Inhaltsverzeichnis

               Vorwort          . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3   E) Gesundheitliches Befinden
                                                                                                  im Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .43
               Einleitung
                                                                                                    1     Demographische Alterung und
               Grundsätze moderner
                                                                                                          Gesundheitskosten
               Altersforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6
                                                                                                    2     Gesundheitliches Befinden älterer
                                                                                                          und betagter Menschen
               A) Stellung und Aktivitäten älterer
                  Menschen in unserer Gesellschaft . . . .8                                         3     Hörprobleme und Einschränkungen
                                                                                                          der Kommunikation
                    1    Bilder zum Alter
                                                                                                    4     Zum Gesundheitsverhalten älterer
                    2    Gesellschaftliche Teilnahme und
                                                                                                          Menschen
                         Freiwilligentätigkeit älterer
                         Menschen                                                                   5     Ausmass des Hilfebedarfs und
                                                                                                          ungedeckte Bedürfnisse
                    3    Seniorengruppen und
                         Rentnervereine - hin zur                                                   6     Unfallbedingte Behinderung:
                         Seniorenbewegung?                                                                Betagte nach einer
                                                                                                          Schenkelhalsfraktur
                    4    Forschung mit und durch ältere
                         Menschen                                                                   7     Hauptresultate und Perspektiven

                    5    Hauptresultate und Perspektiven
                                                                                               F) Behandlungs- und Pflegeformen für
                                                                                                  betagte Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . .54
               B) Pensionierung und Übergänge in die
                  nachberufliche Phase . . . . . . . . . . . . . .15                                1     Familiale Pflege dementer
                                                                                                          Angehöriger
                    1    Entwicklungen auf dem
                         Arbeitsmarkt                                                               2     Ambulante Pflege und
                                                                                                          Betreuungsformen
                    2    Zur Seniorenpolitik in schweizeri-
                         schen Unternehmungen                                                       3     Elektronische Hilfsmittel zugunsten
                                                                                                          betagter Menschen
                    3    Übergänge in den Ruhestand
                                                                                                    4     Kognitive Psychotherapie bei
                    4    Ausländer und Ausländerinnen im
                                                                                                          Depressionen im Alter
                         Übergang ins Rentenalter
                                                                                                    5     Präventive geriatrische
                    5    Hauptresultate und Perspektiven
                                                                                                          Hausbesuche
                                                                                                    6     Hauptresultate und Folgerungen
               C) Wirtschaftliche und soziale Lage älterer
                  Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .22
                                                                                               Anregungen für die weitere
                    1    Altersvorsorge unter neuen demo-
                                                                                               gerontologische Forschung . . . . .67
                         graphischen Herausforderungen
                    2    Zur wirtschaftlichen Lage von                                         Schlussgedanken                         . . . . . . . . . . . . . . . . .68
                         Rentnern und Rentnerinnen
                    3    Soziale Beziehungen älterer                                           Anhang            . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .69
                         Menschen
                                                                                                    I:    Verantwortliche des NFP 32
                    4    Wohnen im Alter
                                                                                                    II: Liste aller NFP 32 Projekte
                    5    Betagte Menschen in Alters- und
                                                                                                    III: Bisherige Hauptpublikationen aus
                         Pflegeeinrichtungen
                                                                                                         dem NFP 32
                    6    Hauptresultate und Perspektiven

               D) Persönlichkeit, Wohlbefinden und
                  Ressourcen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .35
                    1    Wohlbefinden im Alter
                    2    Sportliche Aktivität und
                         Wohlbefinden
                    3    Gedächtnisleistungen und
                         Gedächtnistraining
                    4    Depressionen und depressive
                         Symptome
                    5    Dementielle Erkrankungen
                    6    Hauptresultate und Perspektiven
Einleitung

                                          In dieser Schrift sind zentrale                              In der Schweiz steigt der Anteil von
                                          Ergebnisse und Folgerungen aufge-                            RentnerInnen an, weil seit Mitte der
                                          führt, welche sich aus                                       1960er Jahren das Geburtenniveau
                                          Forschungsprojekten des Nationalen                           sank. Da die geburtenstarke
                                          Forschungsprogrammes (NFP 32)                                Jahrgänge (‘Baby-Boom’-
                                          ‘Alter’ ergeben. Das Nationale                               Generation) wenig Kinder zur Welt
                                          Forschungsprogramm (NFP 32) ‘Alter’                          brachten, wird vor allem das Älter-
                                          umfasste ingesamt 28                                         werden der ‘Baby-Boom’-Generation
                                          Forschungsprojekte zu den fünf fol-                          zu einer demographischen Alterung
                                          genden Themenbereichen:1                                     der Bevölkerung führen. In den letzten
                                          1) Stellung und Aktivitäten von                              Jahrzehnten ergab sich zusätzlich ein
                                              RentnerInnen in der Gesellschaft,                        demographisches Altern von der
                                          2) Soziale und wirtschaftliche Lage                          Spitze der Bevölkerungspyramide her,
                                              älterer Menschen,                                        da sich die Lebenserwartung der
                                          3) Pensionierung und Übergang in die                         über 65-jährigen Frauen und Männer
                                              nachberufliche Lebensphase,                              deutlich erhöht hat. Dieser Prozess
                                          4) Gesundheit und Krankheit im Alter                         dürfte sich in Zukunft fortsetzen.
                                          5) Neue Behandlungs- und                                     Dadurch wird speziell die Zahl hoch-
                                              Pflegeformen für betagte                                 betagter Menschen rasch ansteigen.
                                              Menschen.                                                Die Schweiz sieht sich analog ande-
                                                                                                       ren Ländern Europas somit einer dop-
                                          Sachgemäss werden in dieser Schrift                          pelten demographischen Alterung
                                          viele Forschungsergebnisse und                               gegenüber: Einerseits erhöht sich der
                                          Folgerungen nur angetönt.2 Manche                            Anteil älterer Menschen als Folge des
                                          Vorschläge bedürfen einer vertieften                         Geburtenrückgangs. Andererseits stei-
                                          Bearbeitung. Altern ist ein Thema, das                       gen Zahl und Anteil betagter
                                          alle Frauen und Männer angeht.                               Menschen aufgrund einer erhöhten
                                          Alterspolitische Fragen sind daher am                        Lebenserwartung älterer Menschen
                                          besten durch demokratische                                   an. 3
                                          Diskussionen zu lösen.
                                                                                                       Grundsätze moderner Altersforschung
                                          Im Rahmen einer aktiven Politik
                                          zugunsten älterer und betagter                               Die moderne Altersforschung sieht
                                          Menschen stehen primär drei Ziele im                         sich einer doppelten Revolution
                                          Zentrum. Diese Zielsetzungen können                          gegenüber: Einerseits lassen sich für
                                          mit den folgenden drei Stichworten                           die Altersforschung enorme
                                          umschrieben werden:                                          Fortschritte festhalten. Andererseits
                                          - Selbständigkeit: Erhaltung und                             verändern sich Lage und Stellung
                                             Stärkung der Selbständigkeit älte-                        älterer Menschen. Die heutigen
                                             rer und betagter Menschen in                              RentnerInnen erleben in vielerlei
                                             ihrem alltäglichen Leben,                                 Hinsicht ein anderes Altern als frühere
                                          - Solidarität: Stärkung der gegensei-                        RentnerInnen. AltersforscherInnen ste-
                                             tigen Hilfe und Solidarität zwischen                      hen vor der Herausforderung, dass
                                             verschiedenen Generationen und                            sich sowohl die Wissenschaft als auch
                                             zwischen verschiedenen Gruppen                            die soziale Realität des Alters rasch
                                             älterer Menschen (gesunde versus                          wandelt.
                                             behinderte Betagte usw.),
                                          - Teilnahme: Erhalt und Stärkung der                         Dabei haben sich in den letzten
                                             aktiven Teilnahme älterer Männer                          Jahrzehnten primär fünf zentrale
                                             und Frauen am gesellschaftlichen                          Punkte herausgeschält:
                                             Geschehen unserer Gesellschaft.




1   Die Liste aller NFP 32-Projekte ist in Anhang II aufgeführt.
2   Ein umfangreicher wissenschaftlicher Abschlussbericht des NFP 32 liegt in Buchform vor: François
    Höpflinger, Astrid Stuckelberger (1999) Demographische Alterung und individuelles Altern.
    Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm ‘Alter/ Vieillesse /Anziani’, Zürich: Seismo-
    Verlag; frz.: Vieillissement démographique et vieillesses individuelles, Genève: Georg.
3   Für Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung siehe: Bundesamt für Statistik (1996) Szenarien zur
    Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 1995-2050, Bern: Bundesamt für Statistik (inkl. CD-Rom-
    Version).



                                                                                       6
1) Beobachtungen, welche über
   heutige betagte Menschen
   gemacht werden, sagen wenig
   über die zukünftige Gestaltung des
   Alterns aus.
2) Die Lage und das Befinden älterer
   Menschen haben sich in den letz-
   ten Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht
   verbessert.
3) Gleichaltrige Frauen und Männern
   zeigen in allen Bereichen enorme
   Unterschiede, und der typische
   Rentner bzw. die typische
   Rentnerin existiert nicht.
4) Das menschliche Altern ist in
   hohem Masse gestaltbar, und bei
   betagten und hochbetagten
   Menschen ergeben sich beträchtli-
   che, unausgeschöpfte
   Lebenschancen.
5) Negative und falsche Bilder über
   das Alter beeinflussen die
   Lebenssituation und das
   Lebensgefühl älterer Menschen
   negativ. Sie tragen bei, dass ältere
   Menschen in unserer Gesellschaft
   einen geringen Stellenwert genies-
   sen.




                             7
A) Stellung und Aktivitäten älterer Menschen in unserer Gesellschaft
                                        1 Bilder zum Alter                                                Generationenbeziehungen angespro-
                                                                                                          chen (‘Sie haben gern Kontakt mit
                                        In einem gewissen Sinne kann von                                  anderen Generationen’).
                                        einem Paradox des Alters gespro-
                                        chen werden: Gesellschaftlich und                                 Neben dem Bild aktiven Alters
                                        kulturell ist das hohe Alter die jüngste                          besteht weiterhin ein traditionelles Bild
                                        aller Lebensphasen, da unsere                                     ‘geruhsamen Alters’. Das Klischee
                                        Vorgänger meist nicht so alt wurden.                              vom ‘Ruhestand’ besteht somit wei-
                                        Deshalb besteht in unserer                                        terhin, aber es wird immer mehr
                                        Gesellschaft noch keine positive                                  durch das Bild aktiven Alters konkur-
                                        Kultur für alte Menschen. Die heutige                             renziert. Der aktuelle Zwiespalt zwi-
                                        Gesellschaft hat in vielerlei Hinsicht                            schen Ruhestand und aktivem Altern
                                        die Langlebigkeit moderner                                        wird von heutigen RentnerInnen inso-
                                        Menschen noch nicht bewältigt.                                    fern wahrgenommen, als sie häufig
                                                                                                          gleichzeitig beide Bilder (aktives Alter
                                        Eine detaillierte Analyse von Bildern                             und geruhsames Alter) hervorheben.
                                        zum Alter lässt sechs Klischees hervor-
                                        treten: 1                                                         Neben den vier bisher aufgeführten
                                                                                                          Altersbilder zeigen sich zwei weitere,
                                        Eine erste Vorstellung bezieht sich auf                           weniger bedeutsame Klischees: Auf
                                        die behauptete Einsamkeit, Isolation                              der einen Seite ist die Gleichstellung
                                        und Abhängigkeit alter Menschen.                                  ‘alt=krank’ weiterhin vorhanden. Auf
                                        Damit verbunden wird oft ein Mangel                               der anderen Seite existiert hintergrün-
                                        an Autonomie und eine depressive                                  dig der Wunsch nach ‘weisen Alten’
                                        Stimmung vermutet. Dieses Altersbild                              (wobei unklar ist, was Weisheit
                                        entspricht dem traditionellen Defizit-                            tatsächlich ist).
                                        Modell des Alters.
                                                                                                          Auffallend ist die widersprüchliche
                                        Ein zweites Bild des Alters dreht sich                            Kombination positiver und negativer
                                        um mangelnde Anpassungsfähigkeit                                  Vorstellungen zum Alter, und dies
                                        und kognitive Einbussen: ‘Ältere Leute                            sowohl bei jungen Menschen als
                                        sind über aktuelle Trends schlecht im                             auch bei den älteren Menschen.
                                        Bild, sie sind nicht mehr ‘in’, sie haben                         Darin widerspiegelt sich die existenti-
                                        Gedächtnisprobleme und sind oft                                   elle Zweideutigkeit einer
                                        desorientiert’. ‘Konservativ und desori-                          Lebensphase, die neben
                                        entiert’ sind zwei Vorurteile, welche in                          Entwicklungschancen unbestreitbar
                                        der einen oder anderen Weise häufig                               erhöhte gesundheitliche Risiken mit
                                        hervortreten; etwa wenn von den                                   sich bringt. Sachgemäss sehen sich
                                        ‘senilen Alten’ gesprochen wird oder                              vor allem ältere Männer und Frauen
                                        wenn befürchtet wird, die demogra-                                mit dieser Ambivalenz des Alters
                                        phische Alterung würde zu einer kon-                              direkt konfrontiert. Ältere Befragte
                                        servativen Gesellschaft führen.                                   heben deshalb gleichzeitig positive
                                                                                                          wie negative Altersbilder hervor. Das
                                        Während die ersten zwei Altersbilder                              Nebeneinander positiver und negati-
                                        vermutete Defizite des Alters anspre-                             ver Altersbilder weist aber auch auf
                                        chen, ist die dritte Vorstellung positi-                          einen allmählichen Wandel des Bild
                                        ver. Es zeichnet sich zum einen durch                             des Alters in der Gesellschaft hin.
                                        eine Betonung der Aktivitäten im Alter                            Negative Vorstellungen vom Alter
                                        aus (‘Alte Menschen sind häufig aktiv,                            werden vermehrt in Frage gestellt
                                        und sie profitieren von der                                       und durch positive Modelle erfolgrei-
                                        Pensionierung, um neue Aktivitäten zu                             chen Alterns zumindest ergänzt. Eine
                                        entwickeln’). Zum anderen wird ihre                               Aufgabe der Altersforschung besteht
                                        vermittelnde Stellung in bezug auf                                darin, falsche oder veraltete


1   Patricia Roux; Pierre Gobet; Alain Clémence, et al. (1994) Stereotypes et relations entre générati-
    ons, Rapport final de recherche PNR32, Projet 4032-35701, Lausanne (mimeo.).




                                                                                       8
                                        Vorstellungen über das Alter zu                               für politische, soziale und kulturelle
                                        bekämpfen.                                                    Aktivitäten.

                                        2 Gesellschaftliche Teilnahme und                             Um Freiwilligentätigkeit im Alter zu
                                          Freiwilligentätigkeit älterer                               analysieren, wurde im Rahmen des
                                          Menschen                                                    Forschungsinstituts für Verbands- und
                                                                                                      Genossenschafts-Management der
                                        Die steigende Zahl gesunder, gut aus-                         Universität Fribourg eine Studie durch-
                                        gebildeter und kompetenter älterer                            geführt. Das Ziel war, anhand eines
                                        Menschen wirft Fragen bezüglich der                           konkreten Beispiels (‘Senioren helfen
                                        sozialen und gesellschaftspolitischen                         Senioren’) Chancen und Potential an
                                        Tätigkeiten und Engagements von                               Freiwilligenarbeit bei RentnerInnen zu
                                        RentnerInnen auf: Inwiefern können                            erfassen. Dabei sollte auch erarbeitet
                                        und sollen RentnerInnen einen nützli-                         werden, welche organisatorischen
                                        chen Beitrag zur Gesellschaft leisten?                        Faktoren die Freiwilligenarbeit pensio-
                                        Inwiefern entwickelt sich eine aktive                         nierter Menschen fördern oder behin-
                                        Seniorenbewegung, und welches                                 dern. 1
                                        könnte der gesellschaftspolitische
                                        Beitrag einer solchen                                         Auf der einen Seite wurde deutlich,
                                        Seniorenbewegung sein? Solche                                 dass die durch junge Alte geleistete
                                        Fragen werden vor allem in                                    Freiwilligenarbeit schon heute eine
                                        Diskussionen zur                                              Grössenordnung erreicht, die nicht zu
                                        Generationensolidarität angespro-                             ignorieren ist. Ein genereller Rückzug
                                        chen. Im 1995 publizierten Bericht der                        dieser Altersgruppe würde spürbare
                                        eidgenössischen Kommission ‘Altern in                         Lücken in unserer Gesellschaft hinter-
                                        der Schweiz’ wurde ein neuer                                  lassen. Dabei werden zwei
                                        Gesellschaftsvertrag vorgeschlagen:                           Denkansätze zur Freiwilligenarbeit
                                        «Je knapper die finanziellen Mittel                           erkennbar: Zum einen existiert ein
                                        werden und je grösser der Anteil der                          altruistisch orientierter Ansatz, der
                                        Rentnerinnen und Rentner an der                               vom selbstlosen Engagement im
                                        erwachsenen Bevölkerung, desto                                Interesse der Gesellschaft ausgeht.
                                        eher drängt es sich auf, dass das                             Zum anderen besteht ein rational-
                                        brachliegende Wissen und Können                               ökonomisch ausgerichteter Ansatz,
                                        genutzt wird. Denn es gibt zuneh-                             welcher Freiwilligenarbeit als rationa-
                                        mend mehr Aufgaben, die für die                               len, wenn auch nicht geldmässig
                                        Gesellschaft wesentlich sind, ohne                            geregelten Austauschprozess von
                                        dass es dafür bezahlte Stellen                                Ressourcen (Zeit, Kompetenzen)
                                        gäbe.»(S. 566).                                               betrachtet. Vermutlich werden sich
                                                                                                      die Auseinandersetzungen zwischen
                                        Tatsächlich ist in bezug auf soziale                          den beiden Denkansätzen im
                                        und gesellschaftspolitische Aktivitäten                       Freiwilligensektor inskünftig verschär-
                                        älterer Menschen vieles in Bewegung,                          fen, da sich eine verstärkte Tendenz
                                        auch weil Generationen mit neuen                              abzeichnet, auch Freiwilligenarbeit
                                        Wertvorstellungen ins Rentenalter ein-                        gemäss ökonomischen Kriterien zu
                                        treten. Gleichzeitig zeigt sich, dass                         beurteilen.
                                        klare Modelle zum Engagement älte-
                                        rer Menschen weitgehend fehlen. Die                           Auf der anderen Seite ist das nicht
                                        RenterInnen von heute befinden sich                           mobilisierte Potential in dieser
                                        in der Lage von Zeitpionieren, welche                         Altersgruppe beträchtlich. Eine 1995
                                        Stück für Stück neues Terrain zu                              durchgeführte schriftliche Befragung
                                        erobern haben. Zu vermeiden ist                               bei 1’555 älteren Mitarbeitern und
                                        gleichzeitig ein Ausschluss älterer                           2’600 pensionierten Mitarbeitern grös-
                                        Menschen, etwa durch ‘Alterslimiten’                          serer schweizerischer


1   Vgl. Hans Lichtsteiner (1995) Freiwilligenarbeit im Alter. Analyse und Massnahmen zur Förderung
    der Freiwilligenarbeit in Nonprofit-Organisationen, Zürich: Dissertation.




                                                                                      9
                                        Unternehmungen liess markante                                       bewältigen zu können, andererseits
                                        Diskrepanzen zwischen der allgemei-                                 erleichtert es die Integration neuer
                                        nen Bereitschaft zum Engagement                                     Freiwilliger in die Organisation. Der
                                        und dem tatsächlichen sozialen                                      erste Eindruck, den Freiwillige
                                        Engagement erkennen: Vor der                                        gewinnen, prägt die Beziehung zur
                                        Pensionierung waren über 60% der                                    Organisation und ist ein entschei-
                                        Befragten ziemlich sicher bereit, sich                              dender Faktor, ob das Engagement
                                        nach der Pensionierung in sozialen                                  nur kurzfristig oder von Dauer ist.
                                        Bereichen zu engagieren, wenn ihnen                            4.   Möglichst weitgehende Anpassung
                                        eine interessante und sinnvolle                                     der Aufgaben an die Bedürfnisse
                                        Tätigkeit angeboten würde. Faktisch                                 und Interessen von Freiwilligen. Die
                                        waren jedoch nur 18% der pensionier-                                Aufgaben von Freiwilligen sind indi-
                                        ten Befragten nach eigenen Angaben                                  viduell und attraktiv zu gestalten.
                                        tatsächlich sozial engagiert.1                                      Eine attraktive Aufgabe heisst vor
                                                                                                            allem, dass Freiwillige die
                                        Insgesamt zeigt sich eine beträchtliche                             Möglichkeiten haben, sich in eine
                                        Kluft zwischen der allgemeinen                                      Aufgabe einzubringen, Neues zu
                                        Bereitschaft zur Hilfe und der tatsäch-                             lernen und Erfahrungen zu sam-
                                        lich geleisteten Freiwilligenarbeit älte-                           meln.
                                        rer Menschen. Um pensionierte                                  5.   Vertretung der Interessen von
                                        Menschen besser in freiwillige                                      Freiwilligen gegenüber dem Staat
                                        Tätigkeiten einzubinden, sind spezielle                             oder der Öffentlichkeit. Ein
                                        Anstrengungen und organisatorische                                  Engagement zugunsten von
                                        Massnahmen notwendig.                                               Freiwilligen signalisiert, dass man
                                                                                                            ihre Anliegen und ihren Beitrag
                                        Empfehlungen zur Förderung der                                      ernst nimmt.
                                        Freiwilligentätigkeit von Senioren 2                           6.   Durchführung gemeinsamer
                                        1. Erstellung eines leicht verständli-                              Werbeaktionen zur Rekrutierung
                                           chen, klar aufgebauten Leitbildes,                               von Freiwilligen. Finden sich
                                           in der die Rolle von Freiwilligen in                             Organisationen aus verschiedenen
                                           der Organisation definiert wird. Die                             Bereichen zu einer gemeinsamen
                                           Rolle von Freiwilligen sowie ihr                                 Aktion, so können potentiellen
                                           Beitrag sind klar zu definieren. Dazu                            Freiwilligen verschiedene
                                           gehört, dass der Einsatz von                                     Aufgabengebiete angeboten wer-
                                           Freiwilligen bei der Planung eines                               den. Dies kann sich vor allem bei
                                           langfristigen Leistungskonzepts ein-                             der Rekrutierung von neupensio-
                                           bezogen wird.                                                    nierten Frauen und Männer auszah-
                                        2. Klare Eingliederung der Freiwilligen                             len, die zwar zu einem
                                           in die Aufbau- und                                               Engagement durchaus bereit sind,
                                           Ablauforganisation der Institution.                              jedoch noch keine konkreten
                                           Dazu gehört die Ausarbeitung                                     Vorstellungen über Form und Inhalt
                                           eines Führungskonzepts für                                       eines Engagements aufweisen.
                                           Freiwillige, worin Aufgaben,                                7.   Segmentierung des Angebots an
                                           Kompetenzen und Verantwortung                                    Freiwilligenarbeit. Das Verständnis
                                           von Freiwilligen festgehalten wer-                               von Freiwilligenarbeit ist bei den
                                           den. Damit lassen sich unnötige                                  RentnerInnen unterschiedlich:
                                           Konflikte zwischen Haupt- und                                    Einige verstehen Freiwilligenarbeit
                                           Ehrenamtlichen vermeiden.                                        eher als altruistische Handlung,
                                        3. Erstellung eines Einführungskonzepts                             andere Personen sind primär an
                                           für Freiwillige. Eine systematische                              sozialen Kontakten und Austausch
                                           Einfühung und Einweisung gibt                                    interessiert.
                                           Freiwilligen einerseits die notwendi-                       8.   Schaffung eines zielgruppenge-
                                           ge Sicherheit, gestellte Aufgaben                                rechten Anreiz-Systems auch bei


1   Vgl. Achim Brosziewski; Peter Farago; Peter Gross; Claude Hunold, Olaf Zorzi (1997) Altenpolitik
    schweizerischer Unternehmungen und ihr Beitrag zum Übergang vom Erwerbs- zum Rentnerleben
    und zur sozialen Integration betagter Erwerbstätiger, St.Gallen: Abschlussbericht, Mai 1997 (NF-
    Projekt 4032-33699).
2   Vgl. Hans Lichtsteiner, Freiwilligenarbeit im Alter. Analyse und Massnahmen zur Förderung der
    Freiwilligenarbeit in Nonprofit-Organisationen, Zürich 1995.




                                                                                     10
                                            der Freiwilligenarbeit. Dazu kann                          Renterassoziation oder
                                            etwa das Recht gehören, im                                 Pensioniertenvereinigung ist (wobei
                                            Bedarfsfall die gleiche                                    die Mehrheit dieser Mitglieder eher
                                            Dienstleistung selber beziehen zu                          passive denn aktive Mitglieder sind).
                                            können (Gegenseitigkeit). Auch                             Nur eine kleine Minderheit der
                                            die Schaffung neuer sozialer                               Pensionierten ist gesellschaftspolitisch
                                            Kontakte kann ein wichtiger Anreiz                         oder alterspolitisch aktiv. Auffallend
                                            sein (etwa gefördert durch                                 ist, dass in diesem Bereich des schwei-
                                            Freiwilligentreffs, gemeinsame                             zerischen Vereinslebens vieles ‘im Fluss
                                            Reisen oder Schulung usw.).                                ist’. Jährlich entstehen neue
                                            Längerfristig aktive Freiwillige soll-                     Seniorengruppen, während andere
                                            ten ein Recht auf Weiter- und                              Gruppierungen sich auflösen, allmäh-
                                            Fortbildung geniessen, so dass                             lich einschlafen oder fusionieren. Die
                                            Pensionierte ihre sozialen und                             Seniorenbewegung ist momentan
                                            fachlichen Kompetenzen im                                  eine bewegte Szene, die in keiner
                                            Rahmen von Freiwilligenarbeit aus-                         Weise als konsolidiert betrachtet wer-
                                            weiten können.                                             den kann. Es ist jedoch unzweifelhaft,
                                                                                                       dass den Seniorenorganisationen
                                       3 Seniorengruppen und                                           auch in der Schweiz zunehmend
                                         Rentnervereine - hin zur                                      mehr Gewicht zu-kommt; dies umso
                                         Seniorenbewegung?                                             mehr, als in der heutigen
                                                                                                       Rentnergeneration viele Frauen und
                                       Demographische und gesellschaftli-                              Männer über hohe fachliche und
                                       che Wandlungen führen nicht nur zu                              soziale Kompetenzen verfügen.
                                       einem erhöhten gesellschaftlichen
                                       Gewicht älterer Menschen, sondern                               Seniorengruppen und
                                       auch zu einer aktiveren Gestaltung                              Seniorenbewegung in der Schweiz:
                                       der nachberuflichen Phase. In diesem                            Fragen und Antwortversuche
                                       Rahmen erhalten
                                       Seniorengruppierungen eine verstärk-                            1) Gibt es in der Schweiz eine eigent-
                                       te Bedeutung. Form, Zielsetzungen                                  liche ‘Seniorenbewegung’?: Wenn
                                       und Aktivitäten heutiger                                           man an eine einheitliche
                                       Seniorengruppen sind enorm vielfältig                              Bewegung denkt, die eine
                                       (wie eine entsprechende NFP 32-                                    bestimmte Botschaft in die öffentli-
                                       Studie illustrierte).1 Neben                                       che Diskussion bringen kann, heisst
                                       Gruppierungen und Vereinigungen,                                   die Antwort: Nein. Noch ist die
                                       welche die Interessen der                                          Gruppierungen die bunte Vielfalt
                                       Pensionierten wahrnehmen und ver-                                  wichtig; sie pflegen ihre
                                       teidigen, bestehen Gruppen, welche                                 Eigenheiten, legen Wert auf
                                       sich primär um Freizeitgestaltung und                              Unabhängigkeit. Vorstösse und
                                       Unterhaltung kümmern. Wiederum                                     Aktivitäten entwickeln sich mei-
                                       andere Gruppen von Senioren befas-                                 stens auf lokaler Ebene. Seit zehn
                                       sen sich mit Bildung und Kultur (z.B. im                           Jahren zeichnet sich jedoch eine
                                       Rahmen von Seniorenuniversitäten),                                 Tendenz zur gegenseitigen
                                       oder sie bieten Dienstleistungen für                               Absprache oder zu
                                       Senioren oder andere                                               Zusammenschlüssen ab. Das
                                       Personengruppen an.                                                Bewusstsein einer gemeinsamen
                                       Gesamtschweizerisch gibt es kein                                   Welt der Pensionierten entsteht in
                                       Verzeichnis über Seniorengruppen                                   den unterschiedlichsten
                                       und ihre Mitgliederstärke. Es kann                                 Gruppierungen; manchmal aus
                                       jedoch geschätzt werden, dass rund                                 einem spontanen Enthusiasmus
                                       ein Viertel aller AHV-RentnerInnen                                 heraus, manchmal aus Gründen
                                       Mitglied irgendeiner Seniorengruppe,                               der Vernunft. Ausserdem ist es


1   Die Ergebnisse dieser Studie wurden sowohl in französischer als auch in deutscher Sprache veröf-
    fentlicht. Französische Fassung: Jean-Pierre Fragnière, Dominique Puenzieux, Philippe Badan,
    Sylvie Meyer (1996) Retraités en action. L’engagement social des groupements de retraités,
    Lausanne: Réalités Sociales, Deutschsprachige Fassung: Dominique Puenzieux; Jean-Pierre
    Fragnière; Philippe Badan; Sylvie Meyer (1997) Bewegt ins Alter. Das Engagement von
    Altengruppierungen, Zürich: Seismo.




                                                                                    11
   nicht Einheitlichkeit, welche               anerkannt zu werden und ihre
   Schwung in die Sache bringt, son-           materielle Existenzsicherung zu
   dern viel eher eine                         bewahren. Eine massive politische
   Zusammenarbeit, die auf                     Mobilisierung der RentnerInnen ist
   Unterschiede Rücksicht nimmt.               nur zu erwarten, wenn das heutige
2) Sind Rentnergruppierungen etwas             System der sozialen Sicherheit
   Neues?: Die Alterspolitik hat sich in       grundsätzlich in Frage gestellt,
   diesem Jahrhundert allmählich               oder wenn ältere Menschen offen
   entwickelt. Eindeutig ist die               diskriminiert werden.
   Verlagerung von der blossen              4) Führt eine Stärkung der
   Betreuung bedürftiger ‘Greise’ auf          Seniorenbewegung nicht zum
   die Lebensgestaltung nach der               Generationenkonflikt?: Die
   Pensionierung. Für die Entwicklung          Stärkung der Beziehungen zwi-
   von Rentnergruppierungen war                schen den Generationen ist vielen
   lange Zeit der Kampf für die AHV            Seniorengruppierungen ein zentra-
   und ihren Ausbau zentral.                   les Anliegen. Ein Ziel vieler
   Langsam, aber stetig sind die               Seniorenvereine ist die Förderung
   Rentnerorganisationen gewach-               der Solidarität zwischen den
   sen, einen klaren Aufschwung                Generationen, und zunehmend
   haben sie jedoch erst ab Mitte der          mehr Seniorengruppen suchen
   1980er Jahre erlebt. Momentan ist           aktiv eine Zusammenarbeit mit
   allerdings höchstens jeder vierte           den jüngeren Generationen. Wenn
   Pensionierte Mitglied einer                 Spannungen zwischen den
   Seniorengruppe bzw. eines                   Generatonen auftreten, dann
   Rentnerverbandes. Im Moment                 kaum aufgrund engagierter
   sind die aktiven RentnerInnen               Seniorengruppen. Konflikte zwi-
   noch eine Minderheit; eine                  schen Generatonen entstehen
   Minderheit, die jedoch immer prä-           eher aufgrund von Unwissenheit,
   senter und stärker wird. Viele sozia-       Abschottung oder Passivität,
   le und kulturelle Innovationen, wel-        gepaart mit Vorurteilen über Jung
   che die Gesellschaft verändert              und Alt.
   haben, sind schlussendlich von           5) Wer kommt an die Spitze einer
   Minderheiten ausgelöst worden.              Seniorengruppierung? Manche
3) Droht wirklich eine ‘Alten-Gefahr’          Seniorengruppen stützen sich stark
   durch ein politisches Übergewicht           auf versierte und anerkannte
   der RentnerInnen?: Alarmierende             Personen, die schon im
   Vorstellungen über eine ‘Herrschaft         Berufsleben Führungsfunktionen
   der Alten’ gehen häufig von                 ausübten. Gleichzeitig zeigt sich
   falschen Grundlagen aus.                    daneben eine Tendenz, dass bei
   Untersuchungen widerlegen die               den Seniorengruppen auch Leute
   Vorstellung, dass ältere Menschen           zum Zug kommen, die bisher
   nur ihre eigenen Interessen vertre-         wenig Möglichkeiten besassen,
   ten und als einheitlichen                   ihre Fähigkeiten zu zeigen und ent-
   Stimmblock auftreten. Politische            sprechende Positionen einzuneh-
   Unterschiede werden durch das               men. Momentan sind die Männer
   Eintreten ins AHV-Alter nicht aus-          in vielen Gruppierungen bei den
   gelöscht, und die Interessen unter-         Vorständen noch bestimmend.
   schiedlicher Gruppen älterer                Auch bei öffentlichen Auftritten
   Menschen variieren enorm. Eine              stehen meist Männer zuvorderst.
   starke ‘Partei der Alten’ ist nicht zu      Zahl und Anteil älterer Frauen, die
   erwarten. Gemeinsam ist älteren             sich aktiv engagieren, steigen
   Menschen höchstens das allge-               jedoch an. Immer mehr Frauen
   meine Ziel, von der Gesellschaft            setzen im Alter die Fähigkeiten ein,




                              12
                                            die sie früher kaum entwickeln                                Personen selbst? Diese Fragen werden
                                            konnten. In Anbetracht der länge-                             umso lauter gestellt, als ältere Frauen
                                            ren Lebenserwartung sowie stei-                               und Männer sich zusehends nicht als
                                            genden Bildungsqualifikationen                                passive Forschungsobjekte, sondern
                                            von Frauen ist es naheliegend,                                als handelnde Subjekte verstehen.
                                            dass Frauen auch in der
                                            Seniorenbewegung immer mehr                                   Im Rahmen des Nationalen
                                            eine zentrale Rolle einnehmen                                 Forschungsprogramms (NFP 32) wurde
                                            werden.                                                       diesen neuen Tendenzen bewusst
                                         6) Wie sieht das soziale Engagement                              Rechnung getragen. Einerseits wurden
                                            der Pensionierten in Zukunft aus?:                            sowohl die Rahmenbedingungen
                                            In den letzten zwei Jahrzehnten                               einer erfolgreichen Zusammenarbeit
                                            zeichnete sich die                                            junger ForscherInnen und pensionier-
                                            Seniorenbewegung durch eine                                   ter Fachleute als auch die
                                            verstärkte Dynamik, eine enorme                               Möglichkeiten gerontologischer
                                            Vielfalt und deutlich erhöhte                                 Forschung durch ältere Menschen
                                            Kompetenzen aus. Diese                                        ausführlich diskutiert.1 Andererseits
                                            Entwicklung wird sich - mit dem                               waren zwei Forschungsprojekte gezielt
                                            Eintreten neuer Generationen ins                              als Forschung mit bzw. durch ältere
                                            Rentenalter - weiter fortsetzen.                              Personen konzipiert.
                                            Fortsetzen wird sich wahrscheinlich
                                            auch eine verstärkte politische                               So wurde eine qualitative Analyse
                                            und sozialpolitische Ausrichtung                              über erlebte Einsamkeit bei verwitwe-
                                            vieler Seniorengruppierungen (die                             ten Tessiner Frauen in Zusammenarbeit
                                            teilweise radikale gesellschaftliche                          mit der ATTE (Associazione Ticinese
                                            Umstrukturierungen diskutieren).                              Terza Età) durchgeführt. Die beteilig-
                                            Die verschiedenen Gruppen,                                    ten älteren Menschen führten unter
                                            Vereine und Assoziationen werden                              methodischer Anleitung durch eine
                                            allerdings auch in Zukunft nicht                              jüngere Forscherin nicht nur die
                                            geschlossen auftreten und somit                               Interviews durch, sondern sie waren
                                            keinen homogenen Block bilden.                                auch bei der Gestaltung der Studie
                                            Aber sie werden der Gesundheits-                              und später bei der Verbreitung der
                                            und Sozialarbeit eine neue                                    Ergebnisse aktiv beteiligt.2 Im Rahmen
                                            Richtung weisen, indem sie neue                               des Nationalen
                                            Anregungen verfolgen und sich im                              Forschungsprogrammes ‘Alter’ war
                                            Rahmen ihrer Aktivitäten an deren                             auch eine Forschungsgruppe der
                                            Umsetzung mitbeteiligen.                                      Genfer Seniorenuniversität aktiv. Mit
                                                                                                          Hilfe qualitativer Interviews - welche
                                         4 Forschung mit und durch ältere                                 von pensionierten Frauen und
                                           Menschen                                                       Männern durchgeführt und ausgewer-
                                                                                                          tet wurden - gelang es, die Prozesse
                                         Die Entwicklung der                                              der Anpassung an Alter, Verwitwung
                                         Seniorenuniversitäten zu aktiven                                 und Einsamkeit in ihrer ganzen Vielfalt
                                         Bildungs- und                                                    zu erfassen. Die Arbeiten und
                                         Forschungseinrichtungen sowie eine                               Publikationen dieser
                                         steigende Zahl pensionierter                                     Forschungsgruppe tragen dazu bei,
                                         Wissenschaftler und                                              dass ein sonst vernachlässigtes Thema
                                         Wissenschaftlerinnen beginnen sich                               - Verwitwung von Frauen und
                                         auf die Gestaltung der                                           Männern und die Anpassung an das
                                         Altersforschung selbst auszuwirken.                              Leben danach - in differenzierter
                                         Weshalb soll nur über ältere                                     Weise behandelt wurde.3
                                         Menschen geforscht werden? Wieso
                                         nicht Forschung mit oder durch ältere


1   Thea Moretti-Varile (ed.) (1996) L’implication des personnes âgées dans la recherche, Lausanne:
    Réalités Sociales.
2   Thea Moretti-Varile (ed.) (1996) Solitudine no... ma tristezza. Vissuti ed esperienze raccontate da
    un gruppo di vedove, Giubiasco: Associazione ticinese terza età.
3   Vgl. Groupe ‘Sol’ de l’Université du 3e âge de Genève (1992) La solitude, ça s’apprend!
    L’expérience du veuvage racontée par celles qui la vivent, Genève: Georg, sowie Groupe ‘Sol’
    de l’Université du 3e âge de Genève (1996) Vivre sans elle. Le veuvage au masculin, Genève:
    Georg.



                                                                                        13
Die bisherigen Erfahrungen zeigen,        In jedem Fall lohnt es sich, nicht nur
dass Forschung durch pensionierte         über ältere Menschen zu forschen,
Frauen und Männer erfolgreich sein        sondern im Rahmen gerontologischer
kann. Für den Erfolg sind allerdings      Projekte auch mit älteren Menschen
einige Voraussetzungen wichtig:           selbst zusammenzuarbeiten.
Erstens muss eine über längere Zeit
funktionierende Kerngruppe von akti-      5 Hauptresultate und Perspektiven
ven Personen vorhanden sein, die
längerfristige Forschungsvorhaben         Vorurteile und negative Vorstellungen
vorantreiben kann. Einzelforschung ist    zum Alter belasten weiterhin das
zwar in einigen Bereichen (z.B.           Lebensgefühl älterer Menschen. Zwar
Lokalgeschichte) möglich, aber die        bestehen zunehmend mehr positive
meisten wissenschaftlichen Themen         Modelle erfolgreichen Alterns, aber
lassen sich heute nur in Teamarbeit       falsche und verzerrte Vorstellungen
erarbeiten. Zweitens braucht es eine      über das Alter halten sich hartnäckig.
gute fachliche und methodische            Alterspolitik besteht deshalb auch
Begleitung, da ohne aktualisierte         darin, Vorurteilen über das Alter entge-
fachliche und methodische                 genzutreten. Auch die Altersforschung
Kenntnisse weder qualitative noch         hat die Aufgabe, durch ihre
quantitative Analysen möglich sind.       Ergebnisse falsche Vorstellungen zum
Die Zusammenarbeit zwischen jünge-        Altern zu entkräften. Nur so kann eine
ren ForscherInnen und                     systematische Diskriminierung älterer
SeniorenforscherInnen funktioniert        Menschen verhindert werden.
umso besser, je klarer die gegenseiti-
gen Zielvorstellungen und                 Schon heute leisten viele Rentner und
Forschungsmotivationen schon im           Rentnerinnen gesellschaftlich wertvolle
Vorfeld der Forschungsarbeit diskutiert   Freiwilligenarbeit, und sie tragen damit
und geklärt werden. Drittens sind eini-   zum gesellschaftlichen Wohlstand bei.
ge Forschungsfragen und                   Allerdings ist das noch nicht mobilisier-
Vorgehensweisen für eine aktive           te Potential an freiwilligen Tätigkeiten
Mitwirkung älterer Menschen besser        bei RentnerInnen beträchtlich.
geeignet als andere Themen oder           Organisatorische Massnahmen sind
Methoden. So handelt es sich bei der      vielerorts notwendig, um das
aktuellen Seniorenforschung primär        Engagement älterer Menschen zu för-
um qualitative Forschung mit oft loka-    dern. Gleichzeitig sind Bestrebungen
lem Charakter. Was durch Senioren         zu vermeiden, die gesellschaftliche
initiierte und durchgeführte geronto-     Teilnahme älterer Menschen durch
logische Projekte betrifft, haben diese   ‘Alterslimiten’ einzuschränken.
häufig eine stark lebensgeschichtli-
che Ausrichtung, was einschliesst,        Seit den 1980er Jahren erleben viele
dass qualitative Interviews gegenüber     Seniorengruppen und -vereine einen
standardisierten Interviews bevorzugt     neuen Aufschwung. Damit zeichnet
werden. Viele dieser                      sich die Seniorenbewegung durch
Forschungsarbeiten gehen zudem in         eine verstärkte Dynamik, erhöhte
die Richtung handlungsorientierter        Vielfalt und vestärkte Kompetenzen
Projekte, z.B. Begleit- und               aus. Diese Entwicklung wird sich - mit
Aktionsforschung. Interessanterweise      dem Eintreten neuer Generationen ins
greifen SeniorenforscherInnen             Rentenalter - weiter fortsetzen. In die-
Forschungsmethoden auf, die in den        sem Rahmen gewinnt auch die
1970er Jahren von der                     Zusammenarbeit zwischen
Studentenbewegung propagiert wur-         AltersforscherInnen und älteren
den.                                      Menschen eine verstärkte Bedeutung.




                            14
B) Pensionierung und Übergänge in die nachberufliche Phase
                                       1 Entwicklungen auf dem                                          Bevölkerung ab. Bis zum Jahre 2010
                                         Arbeitsmarkt                                                   dürften auf 100 40-65-jährige Frauen
                                                                                                        und Männer noch 77 20-39-jährige
                                       Die Verankerung einer geregelten                                 Personen entfallen. Auch danach
                                       nachberuflichen Phase im Leben                                   bleibt die Erwerbsbevölkerung zumin-
                                       einer Mehrzahl älterer Menschen ist                              dest demographisch betrachtet
                                       eine neue Entwicklung. Noch 1960                                 mehrheitlich in den Händen älterer
                                       waren 59% der 65-69-jährigen Männer                              Arbeitskräfte. Dadurch wird sich der
                                       weiterhin erwerbstätig. Erst in den letz-                        Strukturwandel der Wirtschaft in
                                       ten Jahrzehnten wurde die                                        Zukunft weniger über den Eintritt jun-
                                       Erwerbstätigkeit älterer Menschen zur                            ger Erwachsener ins Berufsleben voll-
                                       Ausnahme. Zusätzlich ergab sich in                               ziehen können. Vielmehr wird der wirt-
                                       den letzten Jahrzehnten in vielen                                schaftliche Wandel vermehrt von den
                                       europäischen Ländern ein verstärkter                             Erwerbstätigen mittleren und höheren
                                       Trend zu Frühpensionierungen. Damit                              Alters getragen werden müssen. Die
                                       sanken die Erwerbsquoten nament-                                 demographische Zukunft des
                                       lich 60-64-jähriger und teilweise auch                           Arbeitsmarktes erzwingt längerfristig
                                       55-jähriger Männer ab. Steigende                                 drei grundlegende Veränderungen,
                                       Arbeitslosigkeit sowie wirtschaftliche                           welche quer zu den konjunkturell
                                       Umstrukturierungen haben diesen                                  bedingten Arbeitsmarkttrends von
                                       Trend zusätzlich angeheizt. Allerdings                           heute stehen: Erstens kann sich die
                                       haben sich Hoffnungen, durch                                     zukünftige Wirtschaft eine
                                       Forcierung von Frühpensionierungen                               Benachteiligung und Diskriminierung
                                       das Problem der                                                  älterer ArbeitnehmerInnen nicht mehr
                                       Jugendarbeitslosigkeit zu lösen, nicht                           leisten. Zweitens muss die schulisch-
                                       erfüllt. Hingegen hat diese Strategie                            berufliche Fort- und Weiterbildung
                                       zur Benachteiligung älterer                                      auch über 40-jähriger Arbeitskräfte
                                       ArbeitnehmerInnen beigetragen.                                   gefördert werden. Drittens erscheint
                                                                                                        die aktuelle Forcierung von
                                       Im Vergleich zu anderen europäi-                                 Frühpensionierungen nicht haltbar.
                                       schen Ländern erfolgte der Trend zu                              Längerfristig ist selbst eine Erhöhung
                                       vorzeitigen Pensionierung in der                                 des Rentenalters nicht undenkbar,
                                       Schweiz erst relativ spät. Bis heute                             weil dadurch das Verhältnis zwischen
                                       weist die Schweiz im internationalen                             erwerbsfähiger Bevölkerung und
                                       Vergleich eine hohe                                              RentnerInnen verbessert wird.
                                       Erwerbsbeteiligung älterer                                       Allerdings ist zu beachten, dass jede
                                       Arbeitnehmer auf. 1 Dazu trägt auch                              Erhöhung des Rentenalters die demo-
                                       bei, dass die staatliche Altersvorsorge                          graphische Alterung der
                                       immer noch relativ strikt an feste                               Erwerbsbevölkerung zusätzlich ver-
                                       Altersgrenzen gebunden ist.                                      stärkt. Arbeitsmarkt- und sozialpolitisch
                                       Verstärkte Überlegungen zu flexiblen                             macht eine Erhöhung des
                                       Regelungen der Pensionierung lassen                              Rentenalters deshalb nur Sinn, wenn
                                       sich erst ab den 1990er Jahren fest-                             garantiert werden kann, dass die
                                       halten.                                                          zusätzlichen älteren Arbeitskräfte wei-
                                                                                                        terhin beschäftigt bleiben. Eine
                                       Während das zahlenmässige                                        Erhöhung des Rentenalters müsste in
                                       Verhältnis zwischen jüngerer und älte-                           jedem Fall durch Massnahmen zur
                                       rer Erwerbsbevölkerung gegenwärtig                               Förderung von Fortbildung und zum
                                       in etwa ausgeglichen ist, zeichnet                               Abbau altersmässiger
                                       sich in den nächsten Jahren eine                                 Diskriminierungen begleitet werden.
                                       rasche Verschiebung in Richtung
                                       einer merkbaren demographischen
                                       Alterung der erwerbsfähigen


1   Vgl. Jean-Marie Le Goff (1999) Les trajectoires des travailleurs âgés sur le marché du travail en
    Suisse et en Europe, avec l’appui de H.-Michel Hagmann et François Höpflinger, INAG, Lausanne,
    Réalités sociales.




                                                                                     15
                                        2 Zur Seniorenpolitik in schweizeri-                              Dienstleistungen bis zur Einrichtung
                                          schen Unternehmungen                                            eines mehr oder weniger ausgebau-
                                                                                                          ten eigenen Angebotes gehen.
                                        Ein an der Universität St.Gallen von
                                        Prof. Peter Gross geleitetes                                      2. Wie werden Modelle der
                                        Forschungsprojekt befasste sich mit                                  Flexibilisierung des Rentenalters
                                        der Politik schweizerischer                                          beurteilt, und welche
                                        Unternehmungen rund um Fragen der                                    Randbedingungen für neue
                                        Pensionierung. Dazu wurden sowohl                                    Formen der Zeitgestaltung im Alter
                                        grössere deutschschweizerische                                       werden von den Unternehmen
                                        Unternehmen als auch                                                 gesehen?:
                                        MitarbeiterInnen vor und nach der
                                        Pensionierung befragt. 1                                          Aus der Sicht der Unternehmen ste-
                                                                                                          hen bei der Beurteilung von
                                        1. Existieren unternehmenspolitische                              Flexibilisierungsmodellen gegenwärtig
                                           Konzepte für eine Senioritätspolitik                           die von konjunkturellen und strukturel-
                                           in schweizerischen Unternehmen?:                               len Umbrüchen geprägte wirtschaftli-
                                                                                                          che Lage sowie Diskussion um neue
                                        Unternehmenspolitische Konzepte                                   Arbeitszeitmodelle im Vordergrund.
                                        einer Alterspolitik gibt es nur in                                Dabei wird die Flexibilisierung des
                                        Ausnahmefällen. Meist handelt es sich                             Rentenalters als ein Element generel-
                                        um grosse Firmen, die im Rahmen                                   ler Flexibilisierungsbemühungen auf
                                        oder im Anschluss an die                                          dem Gebiet der (Lebens-)Arbeitszeit
                                        Ausarbeitung unternehmerischer                                    verstanden, welche den
                                        Leitbilder entsprechende Grundlagen                               Unternehmen die Ausrichtung auf die
                                        zur Alterspolitik erarbeitet haben.                               schnellen Veränderungen in den
                                        Formulierte Alterspolitiken zielen meist                          Märkten erleichtern soll. Sofern sie
                                        auf einen geregelten Übergang ins                                 diesem Ziel dienen, werden entspre-
                                        Rentenalter. Sie beziehen neben                                   chende Massnahmen grundsätzlich
                                        rechtlichen auch gesundheitliche und                              begrüsst.
                                        soziale Fragen ein. Wo solche
                                        Konzepte vorhanden sind, werden sie                               Der praktischen Umsetzung stehen
                                        durch entsprechende Kurs- und                                     allerdings Hemmnisse entgegen. Dazu
                                        Betreuungsangebote ergänzt.                                       gehören versicherungsrechtliche
                                                                                                          Bestimmungen, welche den
                                        In den allermeisten Unternehmen lie-                              Unternehmen auf dem Gebiet der
                                        gen jedoch zur Zeit keine program-                                Altersvorsorge nur einen begrenzten
                                        matischen Grundlagen zur                                          Spielraum lassen. Zudem spielen auch
                                        Alterspolitik vor. Ob und wieviel an                              kulturelle Aspekte eine nicht zu unter-
                                        Pensionierungsvorbereitung und -                                  schätzende Rolle: Der mit einer konse-
                                        betreuung angeboten wird, ist weit-                               quenten Flexibilisierung einhergehen-
                                        gehend vom Problembewusstsein                                     de Zuwachs an Autonomie auf Seiten
                                        und der Initiative der zuständigen                                der Beschäftigten sowie die erhöhten
                                        Personalverantwortlichen sowie ihrer                              Anforderungen ans
                                        Durchsetzungsfähigkeit in bezug auf                               Personalmanagement (z.B. grössere
                                        die Mobilisierung der notwendigen                                 Spielräume im Hinblick auf die mittel-
                                        Ressourcen abhängig. In der Praxis                                fristige Personalplanung) können zu
                                        gibt es zahlreiche Formen, die von                                Zurückhaltung führen, die mehr mit
                                        quasi-sozialarbeiterischer                                        Führungsproblemen als mit dem
                                        Einzelfallbetreuung über den Einkauf                              Prinzip der Flexibilisierung als solchem
                                        professionell angebotener Kurse und                               zu tun haben.




1   Achim Brosziewski; Peter Farago; Peter Gross; Claude Hunold, Olaf Zorzi (1997) Altenpolitik schwei-
    zerischer Unternehmungen und ihr Beitrag zum Übergang vom Erwerbs- zum Rentnerleben und
    zur sozialen Integration betagter Erwerbstätiger, St.Gallen: Abschlussbericht, Mai 1997 (NF-Projekt
    4032-33699).




                                                                                      16
                                       3. Welche Bedeutung haben                                         sowohl sechs Monate vor als auch
                                          Senioritätspolitik und die konkreten                           sechs Monate nach erfolgter
                                          Aktivitäten der Unternehmungen                                 Pensionierung erfasst wurden.
                                          für ältere und ehemalige                                       Nochmals ein Jahr später (d.h. 18
                                          Erwerbstätige?:                                                Monate nach der Pensionierung)
                                                                                                         erfolgte eine dritte Befragung, in der
                                       Für die Beschäftigten im Rentenalter                              Annahme, dass wichtige
                                       sind die Angebote zur Begleitung im                               Anpassungsprozesse zu diesem
                                       Übergang vom aktiven Berufsleben in                               Zeitpunkt weitgehend abgeschlossen
                                       den Ruhestand von grosser                                         seien.1
                                       Bedeutung. Sie bieten konkrete
                                       Hilfestellungen bei rechtlichen, finanzi-                         Das Wohlbefinden der Schweizer
                                       ellen und gesundheitlichen Fragen.                                Bevölkerung kurz vor der
                                       Darüber hinaus ermöglichen sie es,                                Pensionierung ist gut und sinkt auch
                                       sich im Kontakt zu Gleichaltrigen und                             nach der Pensionierung kaum.
                                       meist zusammen mit dem                                            Trotzdem lassen sich einige
                                       Lebenspartner mit der neuen                                       Risikofaktoren nennen, die zu einer
                                       Situation zu beschäftigen. Die heutige                            Beeinträchtigung der Befindlichkeit
                                       Generation von RentnerInnen schätzt                               führen können. Dabei geht es neben
                                       Angebote des früheren Arbeitgebers,                               dem sozialen Status vor allem um das
                                       welche regelmässige Kontakte zu                                   soziale Netz, welches für das
                                       anderen Ehemaligen ermöglichen.                                   Wohlbefinden von Bedeutung ist.
                                       Ob dies so bleiben wird, wenn                                     Schliesslich sind
                                       Generationen ins Rentenalter kom-                                 Persönlichkeitsfaktoren - wie
                                       men, für welche die Bindung zum                                   Optimismus und emotionale Stabilität
                                       Betrieb schon während ihres                                       - von Bedeutung. Während
                                       Berufslebens eine geringere Rolle                                 Massnahmen gegen eine
                                       gespielt hat, muss sich in Zukunft wei-                           Benachteiligung von Frauen und zur
                                       sen.                                                              Förderung niederer sozioökonomi-
                                                                                                         schen Schichten in erster Linie über
                                       Die Nachfrage nach Kursen und                                     gesetzliche Regelungen ergriffen wer-
                                       anderen Aktivitäten im Übergang                                   den müssen, sind bei der Forderung
                                       zum Rentenalter besteht unabhängig                                nach starken sozialen Netzen die
                                       von der Unternehmensgrösse. Da                                    sozialen Institutionen angesprochen:
                                       aber nur grosse Firmen in der Lage                                Ihr Ziel muss es sein, in jedem
                                       sind, diese Nachfrage in Eigenregie zu                            Lebensalter soziale Fertigkeiten zu för-
                                       befriedigen, gibt es einen Bedarf                                 dern und institutionalisierte Angebote
                                       nach entsprechenden Angeboten                                     zu Sozialaktivitäten sicherzustellen,
                                       von dritter Seite. Solche Angebote                                damit der sozialen Isolation vorge-
                                       sind vorhanden. Wenn die                                          beugt wird.
                                       Beschäftigten von ihnen Kenntnis
                                       haben, ist meist auch das Interesse                               Die Auseinandersetzung mit dem
                                       vernehmbar, daran teilnehmen zu                                   bevorstehenden Ruhestand ist ein
                                       können.                                                           Thema, das seit langer Zeit immer
                                                                                                         wieder untersucht wurde. In der vor-
                                       3 Übergänge in den Ruhestand                                      liegenden Untersuchung konnten
                                                                                                         allerdings keine umfassenden
                                       An der Universität Fribourg untersuch-                            Zusammenhänge zwischen
                                       te eine Forschungsgruppe unter der                                Vorbereitung auf die Pensionierung
                                       Leitung von Prof. Hans-Dieter                                     und Anpassung an die nachberufli-
                                       Schneider die Situation von                                       che Zeit nachgewiesen werden.
                                       ArbeitnehmerInnen vor und nach der                                Dieses Ergebniis sollte jedoch nicht
                                       Pensionierung, wobei die Leute                                    zum Schluss verleiten, Vorbereitung sei


1   Vgl. Regula Buchmüller, Sabine Dobler, Tina Kiefer, Frank Margulies, Philipp Mayring, Markus
    Melching, Hans-Dieter Schneider (1996) Vor dem Ruhestand. Eine psychologische Untersuchung
    zum Erleben der Zeit vor der Pensionierung, Bern: Huber; Regula Buchmüller, Sabine Dobler, Philipp
    Mayring, Hans-Dieter Schneider (1997) Übergänge in den Ruhestand. Eine psychologische
    Längsschnittuntersuchung zum Erleben der Pensionierung, Schlussbericht, Fribourg (mimeo).




                                                                                     17
                                      eine vernachlässigbare Grösse.                           Arbeitnehmern enorm viel verlangt;
                                      Vielmehr dürfte es darum gehen, ver-                     die Arbeitszeit ist hoch und der
                                      schiedene Arten von                                      Leistungsdruck enorm. Daher sind
                                      Vorbereitungsangeboten anzubieten                        Faktoren wie Mitbestimmung,
                                      und zu verbreiten. Dabei muss der                        Handlungsspielraum und gesundheits-
                                      Tatsache Rechnung getragen wer-                          förderliche Bedingungen am
                                      den, dass sich ältere Menschen in                        Arbeitsplatz sehr wichig, auch weil sol-
                                      unterschiedlichen Lebensumständen                        che Faktoren auch das nachberufli-
                                      befinden und verschiedene Berufs-                        che Leben positiv beeinflussen.
                                      und Bildungsschichten je eigene
                                      Bedürfnisse haben. Weiter ist zu                         Die heutige Zeit ist aber auch
                                      bedenken, dass diejenigen Personen,                      geprägt von einer ausserordentlichen
                                      die weniger aktiv am gesellschaftli-                     Freizeitkultur. Schon vor der
                                      chen Leben teilhaben, schwer                             Pensionierung ist die Freizeit wichtig
                                      erreichbar sind. Sie sind es jedoch                      und sollte gepflegt werden, um so
                                      vielfach, die aufgrund unangemesse-                      mehr als die Ergebnisse belegen, dass
                                      ner Auseinandersetzung mit der eige-                     die Freizeitaktivitäten im Übergang in
                                      nen Lebenssituation später mit ver-                      die Pensionierung von Kontinuität
                                      meidbaren Problemen konfrontiert                         geprägt sind. Eine aktive und zufrie-
                                      werden. Daher sind niederschwellige                      dene Rentnerinnen- und
                                      und in ihrer thematischen Ausrichtung                    Rentnergeneration wird bloss existie-
                                      vielfältige Angebote zu unterbreiten.                    ren, wenn die Betroffenen bereits in
                                                                                               früheren Jahren erlernen, ihre freie
                                      Die Bewältigung der Pensionierung                        Zeit sinnstiftend und zufriedenstellend
                                      sowie des kommenden Alters lassen                        zu gestalten. Andererseits darf nicht
                                      sich lernen. Dabei geht es offenbar                      übersehen werden, dass weiterhin ein
                                      weniger darum, dass man sich kurz                        grosser Anteil der älteren Menschen
                                      vor diesem Lebensereignis intensiv mit                   über eine hohe Arbeitsorientierung
                                      den bevorstehenden Veränderungen                         verfügt. Sie sind es gewohnt, einen
                                      auseinandersetzt. Wichtig ist vielmehr                   grossen Teil ihres Lebens und
                                      während des ganzen Lebens unter                          Engagements in die Arbeit zu stecken
                                      kompetenzfördernden Bedingungen                          und sich dort Status und Befriedigung
                                      leben zu können. Dazu gehören                            zu holen. Diesem Umstand ist
                                      neben ausreichenden materiellen                          Rechnung zu tragen, indem eine
                                      Voraussetzungen vor allem soziale                        Flexibilisierung des Rentenalters reali-
                                      Strukturen, welche die                                   siert wird. Damit kann den unter-
                                      Persönlichkeitsentwicklung in einem                      schiedlichen individuellen
                                      dauerhaften Prozess sicherstellen.                       Voraussetzungen Rechnung getragen
                                                                                               werden: Personen, die sich beispiels-
                                      Gerade Selbstwirksamkeitsüberzeu-                        weise ausgebrannt fühlen, können
                                      gung1, ein positives persönliches                        von grösseren Urlauben oder einer
                                      Altersbild sowie das Gefühl, die eige-                   früheren Pensionierung Gebrauch
                                      nen Berufsziele erreicht zu haben, för-                  machen. Wer sich stark mit der Arbeit
                                      dern diese Kompetenz und damit die                       identifiziert, sollte hingegen auch über
                                      Chancen, mit neuen, allenfalls                           das normale Rentenalter hinaus aktiv
                                      beschwerlichen Situationen zurecht                       bleiben können.
                                      zu kommen. Zu den persönlichkeitsför-
                                      dernden Faktoren gehören auch                            4 Ausländer und Ausländerinnen im
                                      Arbeitsbedingungen, die nicht                              Übergang ins Rentenalter
                                      gesundheitlich schädigend oder
                                      belastend sind. Ende des 20.                             Die ausländische Wohnbevölkerung
                                      Jahrhunderts wird von den                                ist nicht nur bei den
                                      Arbeitnehmerinnen und                                    Einkommensschwachen übervertre-


1   Ueberzeugung, sein eigenes Leben und Schicksal selbst wirksam beeinflussen zu können (im
    Gegensatz zu einer mehr fatalistischen Lebenshaltung).




                                                                                  18
                                          ten, sondern auch ihre Wohnqualität                                  ren. Die übrigen 39% optieren ange-
                                          und soziale Integration liegt deutlich                               sichts des Entscheidungsdilemmas für
                                          unter dem Niveau der einheimischen                                   ein Pendeln zwischen Heimatort und
                                          Bevölkerung. Die starke                                              jetzigem Wohnort (eine Strategie, die
                                          Armutsbetroffenheit der ausländi-                                    dank verbesserten und verbilligten
                                          schen Bevölkerung ist sozialpolitisch                                Transportmöglichkeiten für viele
                                          insofern relevant, als zunehmend                                     ItalienerInnen und SpanierInnen
                                          mehr ‘Gastarbeiter’, die in den                                      durchaus realistisch geworden ist).
                                          1960er und 1970er Jahren in die                                      Die Männer tendieren eher auf eine
                                          Schweiz einwanderten, das                                            Rückkehr, wogegen die Frauen auf-
                                          Rentenalter erreichen. Selbst wenn                                   grund familialer Bindungen eher zum
                                          ein Teil der pensionierten                                           Verbleiben tendieren. Dies kann bei
                                          AusländerInnen in ihre Heimat zurück-                                älteren Ehepaaren zu ausgedehnten
                                          kehrt, werden Zahl und Anteil auslän-                                Diskussionen führen. Der endgültige
                                          discher AHV-RentnerInnen in den                                      Entschluss, in der Schweiz zu bleiben,
                                          nächsten Jahren deutlich ansteigen.                                  zu pendeln oder zurückzukehren,
                                          Aufgrund ihrer Einkommenslage wer-                                   hängt von familialen, gesundheitli-
                                          den manche dieser ausländischen                                      chen und finanziellen Gegebenheiten
                                          RentnerInnen auf                                                     ab. So waren die Rückkehrwilligen
                                          Ergänzungsleistungen zur AHV ange-                                   häufiger Menschen ohne in der Nähe
                                          wiesen sein. Entsprechend wichtig ist                                lebende Kinder. Eine Rückkehr oder
                                          eine gute Information dieser Gruppe                                  ein Pendeln setzen zudem eine gute
                                          über ihre Rechtsansprüche.                                           Gesundheit sowie eine hohe finanziel-
                                                                                                               le Absicherung voraus.
                                          In einem von Rosita Fibbi (Universität                               Finanzschwache ImmigrantInnen
                                          Lausanne) und Claudio Bolzmann                                       müssen oft in der Schweiz wohnhaft
                                          (Universität Genf) durchgeführten                                    bleiben, weil sie sonst ihr Anrecht auf
                                          Projekt wurde gezielt die Situation von                              Ergänzungsleistungen zur AHV verlie-
                                          AusländerInnen im Übergang ins                                       ren. Zwei Drittel derjenigen, die
                                          Rentenalter untersucht, wobei im                                     sowohl eine Rückkehr als auch ein
                                          Rahmen einer Befragung in Genf und                                   Pendeln ausschlossen, waren als
                                          Basel wohnhafte ItalienerInnen und                                   finanzschwach einzustufen. Das
                                          SpanierInnen im Alter zwischen 55-64                                 Verbleiben älterer AusländerInnen in
                                          Jahren einbezogen wurden. Die gros-                                  der Schweiz ist nicht immer frei
                                          se Mehrheit dieser AusländerInnen                                    gewählt, sondern mit sozialrechtli-
                                          wanderte zu Beginn und Mitte der                                     chen Regeln verhängt.
                                          1960er Jahre in die Schweiz ein. Es
                                          handelt sich somit um eine ausländi-                                 Wie bei Schweizern weisen ausländi-
                                          sche Bevölkerungsgruppe, welche                                      sche Arbeitskräfte, die ihr Berufsleben
                                          sich schon lange in der Schweiz auf-                                 als erfolgreich definieren, häufiger ein
                                          hält. 1                                                              positives Bild der Pensionierung auf. In
                                                                                                               der Gruppe der Erfolgreichen vertre-
                                          Die NFP 32-Studie weist nach, dass                                   ten 70% ein positives Image, gegenü-
                                          die Entscheidung, nach der                                           ber nur 42% bei Befragten, die ihr
                                          Pensionierung in ihre ursprüngliche                                  Berufsleben nicht als erfolgreich defi-
                                          Heimat zurückzukehren oder in der                                    nieren. Darin widerspiegelt sich der
                                          Schweiz zu verbleiben, vielen                                        bei der Studie ‘Übergänge in den
                                          ItalienerInnen und SpanierInnen                                      Ruhestand’ ebenfalls beobachtete
                                          schwer fällt. Direkt nach den                                        Sachverhalt, dass berufliche
                                          Zukunftsplänen befragt, zeigt sich                                   Misserfolge die nachberufliche Phase
                                          eine Dreiteilung der Meinungen: 35%                                  belasten. Berufliche Misserfolge und
                                          der Befragten wollen in der Schweiz                                  hohe körperliche Arbeitsbelastungen
                                          verbleiben und 27% wollen zurückkeh-                                 waren gerade bei dieser Generation


1   Vgl. Claudio Bolzman, Rosita Fibbi (1993) Les immigrés face à la retraite: rester ou retourner?,
    Revue suisse d’Economie politique et de Statistique, 129,3: 371-38; Claudio Bolzman, Rosita Fibbi,
    Marie Vial (1996) La population âgée immigrée face à la retraite: Problème social et probléma-
    tique de recherche, in: H.R.Wicker, J.L. Alber et al. (eds.) L’altérité dans la société: migration, eth-
    nicité, état, Zürich: Seismo: 123-142.




                                                                                           19
ausländischer Arbeitskräfte recht häu-    Unterschichtung durch
fig. Gleichzeitig ist auch das            FremdarbeiterInnen zeitigt in den
Arbeitslosenrisiko 55-64-jähriger aus-    1990er Jahren negative gesundheitli-
ländischer Arbeitskräfte höher als bei    che Folgen.
gleichaltrigen Schweizern. Auch ein
vorzeitiger Abbruch der                   Die Hauptempfehlung ist, dass dieser
Erwerbstätigkeit ist bei ausländischen    zahlenmässig wachsenden Gruppe
Arbeitskräften vergleichsweise häufig,    der Wohnbevölkerung sozial- und
wobei zwangsweise frühpensionierte        gesundheitspolitisch vermehrte
Ausländer mit ihrer jetzigen Situation    Beachtung geschenkt werden muss.
am häufigsten unzufrieden sind.           Dazu gehört einerseits eine frühzeitige
                                          und umfassende Information über
Die Auswahlprozesse der                   ihre rechtliche und sozialversiche-
Arbeitskräftemigration führten in einer   rungsbezogene Lage bei einer even-
ersten Phase der Immigration zu einer     tuellen Rückkehr in ihr Heimatland.
gesundheitlich positiven Auswahl von      Dazu gehört aber auch die
Ausländern; sei es, dass vor allem        Durchführung spezieller
gesunde Personen auswanderten; sei        Vorbereitungskurse zur Pensionierung
es, dass nur körperlich gesunde           für ausländische Menschen.
Arbeitskräfte eine                        Tatsächlich wurden in entsprechen-
Einwanderungserlaubnis erhielten.         den Pilotkursen der Pro Senectute
Heute wird sichtbar, dass sich die        ‘Pensionamento: rimanere - rientrare -
gesundheitliche Situation dieser aus-     pendolare?’ gute Erfahrungen
ländischen Arbeitskräfte im Alter vor     gemacht.
und nach der Pensionierung klar ver-
schlechtert hat: Bei allen                5 Hauptresultate und Perspektiven
Gesundheitsindikatoren zeigen ältere
ausländische Frauen und Männer            Angesichts der sich abzeichnenden
schlechtere Werte als gleichaltrige       demographischen Alterung der
SchweizerInnen. So treten körperliche     Erwerbsbevölkerung erweist sich eine
Beschwerden bei AusländerInnen vor        Politik vorzeitiger Pensionierung immer
dem AHV-Alter deutlich häufiger auf       mehr als Sackgasse (wie etwa auch
als bei SchweizerInnen, und 28% der       die OECD feststellt). Nicht nur wird
befragten 55-64-jährigen                  damit nur die Finanzierung der
AusländerInnen bezogen eine               Altersvorsorge zusätzlich belastet, son-
Invalidenrente (gegenüber 12% der         dern es gehen auch wertvolle
Gesamtbevölkerung gleichen Alters).       Kompetenzen älterer
Häufig sind Rückenbeschwerden,            ArbeitnehmerInnen verloren. Alle
welche von rund 44% der befragten         Vorstösse zur Flexibilisierung des
AusländerInnen angeführt wurden.          Pensionierungsalters sollten deshalb
Häufig sind aber auch                     auch die Möglichkeit einer ‘Flexibilität
Beinschmerzen, vor allem bei Frauen       nach oben’ beinhalten (z.B. Recht
(langes Stehen im Beruf).                 auf Weiterbeschäftigung nach
Ausländische Frauen leiden zudem          Erreichen des offiziellen AHV-Alters,
oft an Kopfschmerzen. Ein                 Teilrentensystem, welches eine
Hauptgrund des schlechten gesund-         Teilzeiterwerbstätigkeit nach Erreichen
heitlichen Befindens älterer ausländi-    des AHV-Alters erleichtert). Zu wenig
scher Menschen sind die jahrzehnte-       Firmen und Unternehmen haben bis-
lang hohen Arbeitsbelastungen. Sie        her erkannt, dass sich die zukünftige
mussten oft jene Arbeitstätigkeiten       Wirtschaft eine Benachteilung älterer
übernehmen, welche Schweizer nicht        ArbeitnehmerInnen immer weniger
mehr ausüben wollten. Die in den          leisten kann. Angesichts der erwart-
1960er Jahren stattgefundene soziale      baren demographischen Entwicklung




                            20
auf dem Arbeitsmarkt muss die schu-        die Durchführung spezieller
lisch-berufliche Fort- und                 Vorbereitungskurse zur Pensionierung
Weiterbildung über 40-jähriger             für ausländische Menschen.
Arbeitskräfte zukünftig stärker geför-     Entsprechende Pilotkurse der Pro
dert werden.                               Senectute zeigten gute Erfahrungen.

Im übrigen stellen Längsschnitt-
vergleiche klar, dass Vorstellungen
vom ‘Pensionierungsschock’ endgül-
tig in den Bereich populärer Mythen
gehören. Das persönliche
Wohlbefinden verändert sich im allge-
meinen nach der Pensionierung kaum
wesentlich. Auch das Aktivitätsprofil
nach der Pensionierung stützt die
These einer starken Kontinuität.
Unmittelbar nach der Pensionierung
ändert sich häufig weniger, als allge-
mein vermutet wird.

Die Bewältigung der Pensionierung
und des kommenden Alters lassen
sich lernen, allerdings genügen kurzfri-
stig angelegte Vorbereitungskurse zur
Pensionierung nicht. Vielmehr liefert
die Längsschnittstudie Hinweise dar-
auf, dass allgemeine Kompetenzen
und Ressourcen, die während des
gesamten Lebens die Bewältigung
von Schwierigkeiten und
Anforderungen erleichtern, auch das
Wohlbefinden im Ruhestand fördern.
An die Stelle der (oder vielleicht vor-
sichtiger: neben den) bisherigen
Formen einer Vorbereitung auf den
Ruhestand muss eine allgemeine
Kompetenzförderung treten.

Eine besondere Risikogruppe im Über-
gang ins Rentenalter stellen ältere
ausländische Männer und Frauen dar.
Diese Gruppe leidet überdurch-
schnittlich unter schlechten wirt-
schaftlichen und gesundheitlichen
Bedingungen. Sie sind auch von
zwangsweisen Frühpensionierungen
besonders stark betroffen. Häufig sind
diese Menschen über ihre Rechte
schlecht informiert, und sozialrechtli-
che Probleme entstehen vor allem,
wenn ausländische Arbeitskräfte
ohne Abklärung in ihr Heimatland
zurückkehren. Zu empfehlen ist auch




                             21
C) Wirtschaftliche und soziale Lage älterer Menschen
                    1 Altersvorsorge unter neuen demo-        res Umlageverfahren zu sanieren:
                      graphischen Herausforderungen           1) die Lohnbeiträge werden erhöht,
                                                                  was angesichts hoher
                    Insgesamt hat sich in der Schweiz             Lohnnebenkosten wirtschaftspoli-
                    dank der Verankerung des drei                 tisch auf immer mehr Widerstände
                    Säulenprinzips (1.Säule: AHV, 2. Säule:       stösst. Denkbar ist auch eine brei-
                    berufliche Vorsorge, 3. Säule: privates       tere Abstützung der Finanzierung,
                    Sparen) ein funktionierendes System           indem zusätzlich allgemeine
                    der Altersvorsorge entwickelt, wel-           Steuermittel eingesetzt werden.
                    ches die wirtschaftliche Existenz alter       Tatsächlich ist in der Schweiz die
                    Menschen absichert. Die Armut im              Mitfinanzierung der AHV durch
                    Alter konnte wirksam bekämpft wer-            indirekte Steuern (Mehrwertsteuer)
                    den. Damit darf die aktuelle                  vorgesehen. Damit tragen auch
                    Altersvorsorge der Schweiz als sozial-        die RentnerInnen zur Finanzierung
                    politischen Erfolg gewertet werden.           der Altersversorgung bei.
                    International gilt die Altersvorsorge     2) die Rentenleistungen werden
                    der Schweiz dank ihrer Verteilung auf         gekürzt, direkt oder indirekt durch
                    Umlage- und Kapitaldeckungs-                  Verzicht auf eine volle Anpassung
                    verfahren generell als vorbildlich. Im        an Lohnniveau oder Inflation.
                    Gegensatz zu häufig geäusserten               Allerdings besteht bei dieser
                    Vermutungen hat der Ausbau der                Strategie die Gefahr, dass Armut
                    AHV die Generationenbeziehungen               im Alter erneut zu einem häufigen
                    nicht belastet, sondern entlastet. So         Problem werden kann.
                    erleichtert die wirtschaftliche           3) das Rentenalter wird erhöht (wie
                    Absicherung im Alter es der älteren           dies einige europäische Länder
                    Generation, sich gegenüber sozialen           zumindest für die Zukunft vorgese-
                    und kulturellen Neuerungen der jün-           hen haben). Gegenwärtig stösst
                    geren Generationen zu öffnen.                 eine solche Strategie auf arbeits-
                                                                  marktpolitische Widerstände, und
                    Eine entscheidende Frage ist, ob die          der Trend der letzten Jahre verläuft
                    Altersvorsorge angesichts der sich            faktisch in die Gegenrichtung
                    abzeichnenden demographischen                 einer zunehmenden Zahl vorzeiti-
                    Alterung tragbar bleibt. Besonders            ger Pensionierungen. Längerfristig
                    stark von demographischen                     ist jedoch mit einer Anhebung des
                    Verschiebungen betroffen sind                 Rentenalters zu rechnen.
                    Rentensysteme, welche auf einem
                    durch Lohnbeiträge finanzierten           Das System der beruflichen Vorsorge,
                    Umlageverfahren beruhen. In einem         welches gemäss dem
                    solchen System wirkt sich demogra-        Kapitaldeckungsverfahren funktio-
                    phische Alterung negativ auf das          niert, ist zwar von der demographi-
                    finanzielle Gleichgewicht der             schen Alterung weniger direkt betrof-
                    Rentenkassen aus, da die Zahl der         fen, aber auch hier können sich bei
                    AltersrentnerInnen rascher ansteigt als   rasch ansteigender demographischer
                    die Zahl beitragspflichtiger erwerb-      Alterung ökonomische Probleme
                    stätiger Personen.                        ergeben. So kann angespartes
                                                              Kapital nur ausgezahlt werden, wenn
                    Die Schweiz und die übrigen europäi-      genügend Produktionskapazitäten
                    schen Ländern sehen sich aufgrund         vorhanden sind. Unter ungünstigen
                    der zukünftigen Entwicklungen alle        Umständen kann die Auszahlung von
                    mit Fragen einer Reform ihrer aktuel-     Pensionsansprüchen zur Entwertung
                    len Rentensysteme konfrontiert.           des angehäuften Kapitals führen.
                    Grundsätzlich existieren drei             Beispielsweise können sich Probleme
                    Reformmöglichkeiten, um ein defizitä-     ergeben, wenn Pensionsgelder, wel-




                                                 22
                                        che in Immobilien angelegt werden,                               können. Allerdings zeigen sich in der
                                        aufgrund schrumpfender                                           wirtschaftlichen Lage älterer
                                        Bevölkerungszahlen und damit gerin-                              Menschen weiterhin regionale
                                        ger Nachfrage nach Wohnraum an                                   Unterschiede, und namentlich die
                                        Wert verlieren. Gleichzeitig ist die                             Tessiner RentnerInnen sind durch ein
                                        Leistungssicherheit der beruflichen                              unterdurchschnittliches Einkommen
                                        Vorsorge eng mit der Qualität der                                charakterisiert. Gleichzeitig zeigen
                                        Anlagepolitik und der Effizienz der                              sich sowohl beim Einkomnen als auch
                                        Aufsichtsorgane verknüpft, da sich                               beim Vermögen enorme soziale
                                        eine fehlgeleitete Anlagepolitik von                             Unterschiede.
                                        Pensionskassen langfristig negativ aus-
                                        wirkt. Die Entwicklung neuer interna-                            Hauptergebnisse in Thesenform 3
                                        tionaler Kapitalmärkte und                                       1. Das Armutsrisiko heutiger
                                        Finanzinstrumente erzwingt ständige                                 RentnerInnen ist nur deshalb
                                        Neuanpassungen der Anlagepolitik                                    gering, weil die AHV in den letzten
                                        und der Anlagekontrolle.                                            Jahrzehnten stark ausgebaut
                                                                                                            wurde und weil mit dem System
                                        Aufgrund dieser Herausforderungen                                   von Ergänzungsleistungen (EL) eine
                                        wurde im Rahmen des NFP 32 von Dr.                                  bedarfsangepasste Form der
                                        Werner Nussbaum, Rechtsexperte der                                  Existenzsicherung für AHV-
                                        beruflichen Vorsorge, eine verglei-                                 RentnerInnen besteht. Ein bedeu-
                                        chende Studie über                                                  tender Teil der AHV-RentnerInnen
                                        Leistungssicherung,                                                 (rund ein Viertel) ist zwar nicht
                                        Vermögensanlage und                                                 eigentlich arm, jedoch eher ein-
                                        Kontrolleffizienz in der beruflichen                                kommensschwach (und ohne
                                        Altersvorsorge durchgeführt. Diese                                  grosse Einkommensreserven).
                                        Studie liess eine ganze Reihe mögli-                                Sozialpolitische Entscheidungen
                                        cher Reformen zur Verbesserung der                                  und Massnahmen sind auch ins-
                                        Vermögensanlage, Kontrolle und                                      künftig für die Entwicklung der
                                        Leistungssicherung in der beruflichen                               Altersarmut entscheidend. Sozialer
                                        Vorsorge erkennen 1                                                 Abbau kann rasch zu einer erneu-
                                                                                                            ten Verarmung mancher älterer
                                        2 Zur wirtschaftlichen Lage von                                     Menschen führen.
                                          Rentnern und Rentnerinnen                                      2. Bis zu einem Drittel aller
                                                                                                            Anspruchsberechtigten verzichtet
                                        Dank Ausbau der Altersvorsorge und                                  gemäss Nationaler Armutsstudie
                                        allgemeinem Wohlstandsgewinn hat                                    auf Ergänzungsleistungen zur AHV,
                                        sich das Armutsrisiko von Rentnern                                  teilweise aufgrund mangelnder
                                        und Rentnerinnen in den letzten                                     Information, teilweise aus der
                                        Jahrzehnten deutlich reduziert. Auch                                Motivation heraus, nicht ‘abhän-
                                        die Ergebnisse der Nationalen                                       gig zu sein’. Der Anteil von EL-
                                        Armutsstudie 2 zeigen, dass die                                     BezügerInnen bei jungen Rentnern
                                        AltersrentnerInnen heute kein über-                                 und Rentnerinnen dürfte mittelfri-
                                        durchschnittliches Armutsrisiko mehr                                stig eher sinken oder in etwa stabil
                                        aufweisen. Dies gilt insbesondere für                               bleiben. Hingegen ist bei den
                                        die ‘jungen RentnerInnen’, die auf-                                 Hochbetagten eher mit einem
                                        grund des Aufbaus der Altersvorsorge                                ansteigenden Anteil von EL-
                                        (mit ihren drei Säulen) wirtschaftlich in                           BezügerInnen zu rechnen (da die
                                        hohem Masse abgesichert sind. Auch                                  EL immer häufiger zur Deckung
                                        inskünftig dürfte dies so bleiben, da                               von Pflegeheimkosten benützt
                                        die nachrückenden Generationen                                      wird). Auch inskünftig dürfte der
                                        immer stärker mit Rentenzahlungen                                   Anteil von Frauen, die auf EL
                                        aus der beruflichen Vorsorge rechnen                                angewiesen sind, höher sein als


1   Vgl. Werner Nussbaum (1996) Das amerikanische System der beruflichen Vorsorge im Vergleich           2   Die entsprechenden Analysen zur wirtschaftlichen Lage
    mit dem schweizerischen System, Soziale Sicherheit 3/96: 112-129 sowie Werner Nussbaum (1999)            äberer Menschen erfolgten in enger Zusammenarbeit zwi-
    Das System der beruflichen Vorsorge in den USA im Vergleich zum schweizerischen Recht, Bern:             schen dem NFP 29 (Wandel der Lebensformen und soziale
    Haupt. Im Anschluss an diese Studie wurde April 1996 von Dr. Werner Nussbaum und anderen                 Sicherheit) und dem NFP 32 (Alter), vgl. Robert E. Leu,
    Personen in Bern der Verein Innovation Zweite Säule gegründet. Dieser ‘Think Tank’ soll beitragen,       Stefan Burri, Tom Priester (1997) Lebensqualität und Armut
    die berufliche Vorsorge der Schweiz den erhöhten Anforderungen moderner Kapitalmärkte anzu-              in der Schweiz, Bern: Haupt.
    passen. Dazu gehören Analysen neuer Instrumente und Möglichkeiten internationaler                    3   Vgl. François Höpflinger (1997) Zur Entwicklung der Armut
    Kapitalanlagen sowie der Einsatz moderner Technologien für die Durchführung der beruflichen              und des Armutsrisikos bei zukünftigen Rentnerinnen und
    Vorsorge.                                                                                                Rentnern, Fachpublikation 1/97, Zürich: Pro Senectute (frz:
                                                                                                             Le développement de la pauvreté et du risque de pau-
                                                                                                             vreté chez les futurs retraités).

                                                                                      23
   bei gleichaltrigen Männern. Bei           langjähriger Arbeitslosigkeit ohne
   jungen Rentnern deutet sich eine          finanzielle Reserven und resigniert
   allmähliche Angleichung des               ins AHV-Alter eintreten, eher
   Armutsrisikos beider Geschlechter         ansteigen. Bei den Hochbetagten
   an.                                       ist zudem mit einer wachsenden
3. Die Schweiz ist - wie andere              Gruppe von Frauen und Männern
   Länder auch - durch eine                  zu rechnen, die aufgrund von
   Ungleichverteilung von                    Krankheit und Pflegebedürftigkeit
   Einkommen und Vermögen cha-               allmählich verarmen (weil ihr
   rakterisiert. Auch die Einkommens-        angespartes Vermögen aufgezehrt
   und Vermögenslage der älteren             wurde).
   Bevölkerung ist ungleich, und bei      6. Als eine zentrale Problemgruppe
   den zukünftigen                           mit überdurchschnittlichem
   Rentnergenerationen werden sich           Armutsrisiko kurz vor oder nach der
   die sozialen Ungleichheiten weiter        Pensionierung erweisen sich
   verstärken. Damit werden Fragen           namentlich ausländische Frauen
   einer Umverteilung innerhalb der          und Männer (die im Durchschnitt
   älteren Bevölkerung eine erhöhte          auch eine schlechtere Gesundheit
   Sprengkraft erhalten. In Zukunft          aufweisen). Da in den nächsten
   geht es nicht nur um die Solidarität      Jahren mehr ausländische
   zwischen jüngeren und älteren             Arbeitskräfte ins AHV-Alter treten,
   Menschen, sondern vermehrt                dürfte auch die Zahl einkommens-
   auch um die Solidarität zwischen          schwacher bzw. auf EL angewie-
   wohlhabenden und einkommens-              sener Ausländer ansteigen.
   schwachen RentnerInnen.
4. Insgesamt betrachtet ist für die       Als allgemeine Folgerung aus den
   nächsten zehn Jahre eher mit           verschiedenen Trends und
   einer weiteren Verbesserung der        Entwicklungen ergibt sich die
   wirtschaftlichen und sozialen Lage     Empfehlung Beratung und Betreuung
   der Mehrheit der RentnerInnen zu       im Altersbereich noch stärker ziel- und
   rechnen (auch weil zunehmend           bedarfsorientiert auszurichten, wobei
   mehr gut qualifizierte, aktive und     wirtschaftliche, soziale und psychi-
   gesunde Personen ins Rentenalter       sche Problemlagen häufig gleichzei-
   eintreten). Allerdings beschwört       tig angegangen werden müssen.
   die wirtschaftliche Ungleichheit bei
   RentnerInnen die Gefahr einer          3 Soziale Beziehungen älterer
   ‘Zwei-Klassen-Situation’ herauf,         Menschen
   und für eine Minderheit von
   RentnerInnen dürfte sich die sozia-    Gute Kontakte und eine hohe soziale
   le und wirtschaftliche Lage relativ    Unterstützung sind bei älteren und
   verschlechtern.                        betagten Menschen zentrale
5. Vor allem Personen, die schon in       Elemente ihrer Lebensqualität. Gute
   früheren Lebensjahren aus sozialen     soziale Beziehungen wirken sich posi-
   Netzwerken oder der Arbeitswelt        tiv auf Wohlbefinden und Gesundheit
   ausgeschlossen wurden, bilden im       aus. Informationen über die Kontakte
   Alter eine Risikogruppe. Die wirt-     zuhause lebender älterer Menschen
   schaftliche Krise der 1990er Jahre     mit Angehörigen, Freunden und
   hat sich noch nicht massenweise        Nachbarn wurden insbesondere im
   auf die wirtschaftliche Lage der       Rahmen des vom ‘Centre
   RentnerInnen ausgewirkt. Inskünftig    Interfacultaire de Gérontologie’ (CIG)
   dürfte jedoch die Zahl älterer         durchgeführten NFP 32-Projektes
   Menschen, die aufgrund zwangs-         ‘Autonomie im Alter und soziokulturel-
   weiser Frühpensionierung oder          le Umwelt’ erhoben. Die




                            24
                                          Studienanlage erlaubte sowohl einen                                 Kontakte zu den Enkelkindern, sofern
                                          Vergleich zwischen unterschiedlichen                                vorhanden. Dagegen sind Kontakte
                                          Regionen (Genf als urbanes Zentrum,                                 mit den Geschwistern, Schwagern,
                                          Zentralwallis als ländlich-industrielle                             Schwägerin, Neffen, Nichten sowie
                                          Region) als auch zwischen den                                       Cousins oder Cousinen deutlich selte-
                                          Jahren 1979 und 1994.1 Die                                          ner, vor allem in städtischen
                                          Hauptergebnisse lassen wie folgt                                    Regionen. Im Zeitvergleich 1979 bis
                                          zusammenfassen:                                                     1994 haben sich die familialen
                                                                                                              Kontakte - im Gegensatz zu dem, was
                                          Familienverhältnisse: Der Anteil zuhau-                             oft behauptet wird - eher verstärkt.
                                          se lebender älterer Menschen ohne                                   Die These vom Zerfall familialer
                                          Angehörige ist gering, auch bei den                                 Beziehungen wird nicht gestützt, im
                                          über 80-jährigen Menschen. Die mei-                                 Gegenteil. So sind heute etwa
                                          sten älteren Menschen haben Kinder                                  gemeinsame Ferien von Grosseltern
                                          und Enkelkinder sowie zumindest ein                                 und Enkelkindern häufiger als früher.
                                          überlebendes Geschwister. Dank stei-                                Dies hängt mit der besseren
                                          gender gemeinsamer Lebenszeit von                                   Gesundheit älterer Menschen zusam-
                                          Generationen hat sich der Anteil älte-                              men, wodurch aktive Grosseltern-
                                          rer Menschen mit Angehörigen aus                                    schaft überhaupt erst möglich wurde.
                                          anderen Generationen (Kinder,
                                          Enkelkinder) im Zeitvergleich erhöht.                               Freundschaften: Das
                                          Die überwiegende Mehrzahl der                                       Freundschaftsnetz älterer Menschen
                                          RentnerInnen kann zumindest auf ein                                 hat sich zwischen 1979 und 1994 ein-
                                          überlebendes Kind zählen. In den                                    deutig ausgeweitet: Der Anteil von
                                          meisten Fällen können ältere                                        RentnerInnen mit zwei oder mehr
                                          Menschen von heute auf ein diversifi-                               engen Freunden ist in beiden
                                          ziertes familiales Netzwerk zurückgrei-                             Regionen (Genf, Zentralwallis) ange-
                                          fen. Im Gegensatz zu hie und da                                     stiegen, wogegen sich der Anteil älte-
                                          geäusserten Vorstellungen hat sich                                  rer Menschen ohne enge Freunde
                                          der Anteil betagter Menschen ohne                                   reduziert hat. Während 1979 im
                                          Angehörige bisher keineswegs erhöht.                                Zentralwallis 38% der 65-jährigen und
                                          Eher ist das Gegenteil der Fall, und                                älteren Menschen keine engen
                                          der Anteil älterer Menschen mit voll-                               Freunde nannten, waren es 1994 nur
                                          ständiger Familie (PartnerIn, minde-                                noch 23%. Demgegenüber hat sich
                                          stens ein Kind, ein Enkelkind und ein                               der Anteil derjenigen mit zwei oder
                                          Geschwister) ist angestiegen.                                       mehr engen Freunden von 50% auf
                                                                                                              64% erhöht. Analog verlief die
                                          Kontakte zu Angehörigen: Die häufig-                                Entwicklung in Genf, wo der Anteil
                                          sten Kontakte ergeben sich erwar-                                   älterer Menschen ohne enge Freunde
                                          tungsgemäss mit den eigenen                                         zwischen 1979 und 1994 von 37% auf
                                          Kindern. Gut zwei Drittel der                                       19% sank. Der Anteil der Befragten mit
                                          GenferInnen und gut drei Viertel der                                zwei oder mehr Freundschafts-
                                          WalliserInnen im Alter von 60 bis 79                                beziehungen erhöhte sich hier von
                                          Jahren, welche Kinder hatten, trafen                                51% auf 71%. Auch diese Daten wei-
                                          sich 1994 einmal pro Woche oder                                     sen auf eine Verbesserung der sozia-
                                          häufiger mit einem oder mehreren                                    len Beziehungen bei heutigen
                                          ihrer Kinder. Die Daten der                                         RentnerInnen hin.
                                          Schweizerischen Gesundheits-
                                          befragung 1992/93 belegen eben-                                     Nachbarschaft: Die Nachbarschafts-
                                          falls, dass über 70% der Betagten, die                              beziehungen älterer Menschen sind
                                          Kinder haben, mindestens einmal pro                                 nicht besonders ausgeprägt. Gemäss
                                          Woche eines ihrer Kinder sehen.2                                    Nationaler Armutsstudie 1992 verzich-
                                          Häufig und intensiv sind auch die                                   ten rund 40% der AHV-RentnerInnen


1   Vgl. Christian Lalive d’Epinay (sous la dir. de) (1998) Vieillesses au fil du temps (1979-1994). Santé,
    situations de vie et formes de participation des personnes âgées en Suisse, Genève: Centre
    Interfacultaire de Gérontologie (Rapport final, version préliminaire). Zur Studienanlage vgl. auch
    Christine Bétemps, Jean-François Bickel, Matthias Brunner, Cornelia Hummel. (1997) Journal d’une
    enquête: La récolte des données d’une recherche transversale par échantillon aléatoire stratifié,
    Lausanne: Réalités Sociales.
2   Vgl. Theodor Abelin, Valerie Beer, Felix Gurtner, (Hrsg.) (1998) Gesundheit der Betagten in der
    Schweiz, Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 1992/93, Bern: Haupt, S. 128.




                                                                                          25
                                          auf gegenseitige Besuche von                                       ter Alltagsvorstellungen behaupten).
                                          Nachbarn. Auch die Walliser und                                    Der Anteil sozial isolierter RentnerInnen
                                          Genfer RentnerInnen pflegen vielfach                               sank im Wallis von 13% auf 6%, und sie
                                          keine oder höchstens eine neutrale                                 blieb in Genf mit 13% stabil. In etwa
                                          Beziehung zu ihren Nachbarn. In der                                analoge Werte wurden in einer 1997 in
                                          gesamtschweizerischen Univox-                                      der Stadt Zürich durchgeführten Studie
                                          Befragung 1998 erklärten 27% der 65-                               ermittelt, wo der Anteil stark isolierter
                                          84-jährigen SchweizerInnen, kaum                                   älterer Menschen - d.h. Menschen
                                          nähere Kontakte zu Nachbarn zu                                     ohne Angehörige, Freunde oder gute
                                          pflegen. Man grüsst sich gegenseitig                               Nachbarschaftsbeziehungen - um die
                                          und hält hie und da ein                                            10% der über 70-jährigen Zürcher
                                          ‘Schwätzchen’, aber sonst ergeben                                  EinwohnerInnen betrug.1 Einsamkeit im
                                          sich wenig Beziehungen. In weniger                                 Alter existiert, aber sie ist nicht zuneh-
                                          als einem Drittel der Fälle helfen sich                            mend, und sie betrifft auch bei den
                                          die Nachbarn gegenseitig mit kleinen                               Hochbetagten nur eine Minderheit.
                                          Dienstleistungen aus. Enge Nachbar-                                Wichtig ist deshalb, die Gleichung
                                          schaftskontakte sind auch bei älteren                              ‘alt=einsam’ zu vergessen, um sich
                                          Menschen die Ausnahme, und im                                      dafür gezielt der Minderheit einsamer
                                          Zeitvergleich 1979 bis 1994 haben sich                             alter Menschen anzunehmen.2
                                          die Kontakte zu den Nachbarn
                                          zusätzlich gelockert, vor allem in städ-                           4 Wohnen im Alter
                                          tischen Regionen. Dies hängt auch
                                          damit zusammen, dass viele AHV-                                    Das Wohnen gehört zu den wichtigen
                                          RentnerInnen heute mobil sind und in                               Lebensbereichen älterer Personen. Es
                                          ihren sozialen Kontakten weniger auf                               hat zentrale Auswirkungen auf ihre
                                          die unmittelbare (und nicht wählba-                                gesellschaftliche Integration.
                                          re) Nachbarschaft angewiesen sind.                                 Probleme wie zunehmende
                                                                                                             Einsamkeit, hervorgerufen durch das
                                          Gesamtbild: Werden familiale und                                   Wegsterben des Partners oder gleich-
                                          freundschaftliche Kontakte zusam-                                  altriger Freunde, oder die Abnahme
                                          mengefasst, ergibt sich folgendes Bild:                            der Kräfte, die viel Alltägliches müh-
                                          Erstens weist nur eine geringe                                     sam werden lässt, können je nach
                                          Minderheit der zuhause lebenden                                    Wohnsituation erleichtert oder ver-
                                          AHV-RentnerInnen keine oder nur                                    schlimmert werden. Geeignete
                                          schwache Sozialbeziehungen auf.                                    Wohnverhältnisse ohne Barrieren kön-
                                          Soziale Isolation ist auch bei älteren                             nen die Lebensqualität entscheidend
                                          Menschen die Ausnahme. Zwar steigt                                 verbessern. Zwischen Selbständigkeit
                                          der Anteil sozial isolierter Menschen mit                          im Alter und Wohn qualität besteht ein
                                          steigendem Alter an, aber vielfach ist                             enger Zusammenhang.
                                          es nicht das Alter an sich, sondern
                                          schon früher vorhandene soziale                                    Bereits heute umfasst jeder vierte
                                          Lücken oder der Tod von PartnerIn                                  Haushalt in der Schweiz zumindest
                                          oder FreundInnen, welche bei                                       eine Person im Rentenalter.3 Die
                                          Hochbetagten zu sozialer Isolation bei-                            RentnerInnen werden in Zukunft eine
                                          tragen. Da Frauen häufiger eine                                    der wichtigsten Nachfragegruppen
                                          Verwitwung erleiden als Männer ist das                             auf dem Wohnungsmarkt bilden.
                                          Risiko sozialer Isolation bei Frauen                               Gleichzeitig ändern sich die Wohnbe-
                                          höher als bei Männern.                                             dürfnisse und -wünsche der älteren
                                                                                                             Bevölkerung rasch, da jede
                                          Zweitens lässt sich nicht feststellen,                             Generation durch ihre spezifische
                                          dass soziale Isolation in den letzten fün-                         Lebensgeschichte geprägt ist.
                                          fzehn Jahren zugenommen hätte (wie
                                          Anhänger kulturpessimistisch gepräg-


1   Vgl. Brigitte Wehrli-Schindler (1997) Sozialberatung für über 70-jährige Personen in der Stadt Zürich
    - Bedürfnisse, Angebote und ihre Nutzung, Zürich: Sozialdepartement der Stadt Zürich.
2   Zum subjektiven Erlebnis von Einsamkeit wurde im Tessin gezielt eine qualitative Studie durchge-
    führt, vgl. Thea Moretti-Varile (ed.) (1996) Solitudine no... ma tristezza. Vissuti ed esperienze rac-
    contate da un gruppo di vedove, Giubiasco: Associazione ticinese terza età.
3   Zur Wohnsituation der älteren Menschen in der Schweiz, vgl. Michal Arend (1996)
    Wohnversorgung und Wohnsituation älterer Menschen in der Schweiz. Datendossier, Zürich:
    Synergo (mimeo).



                                                                                           26
                                        Wohnen im Alter: Grundsätze und                                     bleiben können, ist es nicht getan.
                                        Empfehlungen 1                                                      Das zentrale Postulat heutiger
                                        1) Eine individuell auf die persönli-                               Alterskonzepte, die Förderung des
                                           chen Bedürfnisse und Wünsche                                     ‘Zuhause-Bleibens’, bedarf beglei-
                                           ausgerichtete Wohnform erleich-                                  tender Massnahmen (z.B. Ausbau
                                           tert das Leben - auch im Alter.                                  ambulanter Dienste sowie
                                        2) Definiert man Wahlmöglichkeiten                                  Stärkung sozialer Netze, in denen
                                           als einen Aspekt der                                             sich auch alleinstehende Betagte
                                           Lebensqualität, muss ein zentrales                               integriert fühlen).
                                           Ziel der Alterspolitik sein, für die                          7) Es gilt Massnahmen zu finden, die
                                           vielfältigen Bedürfnisse älterer und                             beitragen, dass die Vorteile des
                                           sehr alter Menschen eine Vielfalt                                eigenständigen Wohnens mög-
                                           an Wohnformen zu schaffen, aus                                   lichst lange überwiegen. Dazu
                                           denen sie entsprechend ihren spe-                                besteht auch die Möglichkeit,
                                           zifischen Bedürfnissen die für sie                               Wohnquartiere besser auf die
                                           richtige wählen können.                                          Bedürfnisse älterer Menschen ein-
                                        3) Soll das intergenerationelle                                     zurichten. Ziel ist es einerseits
                                           Zusammenleben in einer Siedlung                                  Gemeinschaft unter den
                                           funktionieren, ist baulich auf die                               Bewohnerinnen und Bewohnern zu
                                           unterschiedlichen Bedürfnisse                                    fördern und anderer-seits deren
                                           Rücksicht zu nehmen (Lärmschutz,                                 Unabhängigkeit zu bewahren.
                                           Anordnung der Wohnung). Zur                                      Interventionen auf das
                                           Förderung intergenerationeller                                   Wohnumfeld und die
                                           Kontakte braucht es in der Regel                                 Siedlungsstruktur sind auf verschie-
                                           eine Betreuung der                                               denen Ebenen möglich:
                                           Bewohnerschaft durch den                                         a) politische Ebene der
                                           Bauträger (Genossenschaft,                                           Gemeinde, z.B. Sanierung
                                           Vermieter), durch                                                    gefährlicher Strassenüber-
                                           Gemeinwesenarbeiterin oder                                           gänge, Temporeduktion,
                                           durch eine weitgehende                                               Verbesserung der
                                           Selbstorganisation.                                                  Quartierinfrastruktur
                                        4) Wichtige Voraussetzungen für funk-                                   (Quartierzentren, ambulante
                                           tionierende Alterswohnungen sind                                     Dienste, Spitex-Zentrum), ver-
                                           eine zentrale Lage, günstiger                                        stärkte Mitsprache der älteren
                                           Mietzins, hoher Komfort (moderne                                     Bevölkerung. So sollte in
                                           Wohnungen, praktische Küchen                                         Wohnquartieren und grösseren
                                           und Badezimmer) sowie eine gute                                      Siedlungen eine Überprüfung
                                           Betreuung.                                                           aus der Sicht der Bedürfnisse
                                        5) Neue Wohnformen gewinnen                                             älterer Menschen stattfinden.
                                           zunehmend an Bedeutung. Vor                                          Analog der Umwelt- und
                                           allem bei Hochbetagten nimmt                                         Sozialverträglichkeit lassen sich
                                           der Bedarf nach betreuten                                            Siedlungsstrukturen auf ihre
                                           Pflegewohnungen bzw.                                                 Verträglichkeit für ältere
                                           Pflegewohngruppen zu. Die bishe-                                     Menschen und namentlich für
                                           rigen Erfahrungen mit betreuten                                      Betagte mit Behinderungen
                                           Pflegewohnungen und                                                  überprüfen.3
                                           Pflegewohngruppen zeigen, dass                                   b) Ebene der privaten Eigentümer,
                                           damit die noch vorhandene                                            z.B. sanfte Wohnraum-
                                           Selbständigkeit der                                                  sanierungen, Förderung der
                                           BewohnerInnen gefördert wird. 2                                      gegenseitigen Hilfe, bei grösse-
                                        6) Allein mit der Zielsetzung, dass alte                                ren Wohnsiedlungen Umbau
                                           Menschen so lange wie möglich in                                     einiger Wohnungen zu
                                           ihren eigenen vier Wänden ver-                                       Alterswohnungen, Schaffung


1   Vgl. Brigitte Wehrli-Schindler (1997) Wohnen im Alter. Zwischen Zuhause und Heim, Zürich: Seismo-
    Verlag.
2   Vgl. Daniel Gredig (Hrsg.) (1995) Dezentrale Pflegestationen. Ein Modell der Betagtenpflege wird
    10 Jahre alt. Festschrift zum 10jährigen Bestehen der Stiftung Mme Dessaules, Biel, Biel: Stiftung
    Mme Dessaules.
3   Vgl. R. Welter; R. Simmen; K. Helwing (1994) Innovative Altersplanung im städtischen Umfeld, NFP
    25-Projektbericht No. 68, Zürich.




                                                                                      27
      von Gemeinschaftsräumen,            wird nicht allein vom
      Wohnanpassungen für ältere          Gesundheitszustand, sondern auch
      Mieter ermöglichen usw. Die         von sozialen Faktoren bestimmt. Von
      Pro Senectute des Kantons           Bedeutung sind insbesondere
      Zürich hat 1994 ein Projekt für     Zivilstand, Einkommen und das
      Beratungen und Pilotprojekte        Vorhandensein von Nachkommen:
      zum Thema ‘Wohnung-                 Unverheiratete Betagte befinden sich
      sanpassungen’ initiiert, um älte-   häufiger in Alters- und Pflegeheimen
      re Menschen über die                als Verheiratete. Reiche Betagte
      Möglichkeiten besser aufzu-         leben länger in privaten Haushalten
      klären. Auch die Schweizer-         als Arme, und Betagte mit Kindern
      ische Fachstelle für behinder-      werden häufiger zu Hause gepflegt.
      tengerechtes Bauen in Zürich
      hat eine Reihe konkreter            Gleichzeitig sind regionale Faktoren
      Modelle zur Wohnanpassung für       bedeutsam, und der Anteil betagter
      junge und ältere Menschen mit       Menschen in Alters- und
      Behinderungen ausgearbeitet.        Pflegeheimen variiert in der Schweiz
   c) Ebene der BewohnerInnen, z.B.       je nach Kanton. Interessanterweise
      soziale Kontakte aufbauen und       besteht keine klare Beziehung mit der
      pflegen, bei Nachbar-               demographischen Alterung. Es sind
      schaftshilfe aktiv sein, nicht      nicht die Kantone mit dem höchsten
      mehr genutzten Wohnraum ver-        Anteil an Hochbetagten, die ihr
      mieten, Wohnung oder Haus           Angebot an Heim- und Pflegeplätzen
      baulich anpassen.                   ausgebaut haben, sondern das ent-
   d) Ebene der Architektur und der       sprechende Angebot hat eher mit
      Haushaltstechnologie: Durch         sozialpolitischen Gegebenheiten zu
      entsprechende architektoni-         tun (Tradition von Bürgerheimen, feh-
      sche Massnahmen kann ‘behin-        lender Ausbau von Spitex-Diensten).
      dertengerecht’ gebaut wer-          So ist der Anteil von Betagten in
      den. Gleichzeitig zeichnen sich     Alters- und Pflegeheimen vor allem in
      neue haushaltstechnologische        ländlichen und katholischen
      Innovationen ab, welche ein         Regionen der Deutschschweiz ver-
      selbständiges Haushalten auch       gleichsweise hoch. Dagegen sind in
      bei Behinderungen erlauben          westschweizerischen Kantonen, wel-
      (automatische Fenster- und          che ihre ambulante Pflege seit länge-
      Türöffnung, infrarotgesteuerte      rem ausgebaut haben, relativ wenig
      Lichtschalter usw.)                 Betagte in institutionellen
                                          Einrichtungen plaziert.
5 Betagte Menschen in Alters- und
  Pflegeeinrichtungen                     Veraltete Vorstellungen sowie
                                          Vorbehalte gegenüber institutionellen
Gegenwärtig wohnen in der Schweiz         Wohnformen führen dazu, dass Alters-
weniger als 4% aller 65-79-jährigen       und Pflegeheime weiterhin einen
Menschen in Alters- und                   schlechten Ruf geniessen. Auf der
Pflegeeinrichtungen. Selbst bei den       anderen Seite ist unverkennbar, dass
80-jährigen und älteren Menschen ist      sich viele Alters- und Pflegeheime in
weniger als ein Viertel in einem Heim     den letzten Jahren stark modernisiert
oder einem Spital untergebracht. Erst     und professionalisiert haben, wodurch
im hohen Alter wird ein solcher           die Kluft zwischen Wirklichkeit und
Aufenthalt häufiger, und 1993 lebten      populären Vorstellungen noch breiter
38% der über 85-jährigen Menschen         wurde. Um die vielfältige Wirklichkeit
in der Schweiz in Alters- und             heutiger Alters- und Pflegewohn-
Pflegeeinrichtungen. Ein Heimübertritt    einrichtungen genauer zu erfassen,




                            28
                                        wurde im Rahmen des NFP 32 eine                            Umzug in ein Heim
                                        Vergleichsstudie durchgeführt.1 Dazu
                                        wurden Alters- und                                         Weil der Wechsel von einer privaten
                                        Pflegewohneinrichtungen mit minde-                         Wohnung in eine Alters- und
                                        stens 12 Personen aus vier Kantonen                        Pflegeeinrichtung als massive
                                        (Bern, Genf, Waadt, Wallis) unter-                         Lebensumstellung wahrgenommen
                                        sucht.                                                     und erlebt wird, sind Massnahmen zur
                                                                                                   Erleichterung des Übergangs in die
                                        Zusammensetzung der                                        neue Wohn- und Lebenssituation
                                        BewohnerInnen                                              besonders wichtig. Dazu gehören
                                                                                                   etwa die freie Wahl eines Heimes,
                                        Das durchschnittliche Alter der                            eine selbstgetroffene Entscheidung
                                        HeimbewohnerInnen in den erfassten                         sowie eine gute Vorinformation.
                                        Einrichtungen lag 1994 bei 83 Jahren,                      Vorgängige Besuche oder ein
                                        und die Hälfte der Heimbewohn-                             ‘Schnupper’-Aufenthalt werden oft
                                        erInnen (zu 75% Frauen) war 84 Jahre                       gezielt angeboten. In über 90% aller
                                        alt oder älter. Nur 5% der                                 untersuchten Heime gehörte es schon
                                        HeimbewohnerInnen waren nicht im                           1994 zum Standard, sich mit zukünfti-
                                        AHV-Alter (primär Bewohner psychia-                        gen Heimbewohnern zu unterhalten
                                        trischer und psychogeriatrischer                           bzw. sich gegenseitig zu informieren.
                                        Einrichtungen). Das Durchschnittsalter                     Auch Vorgespräche mit Angehörigen
                                        der Bewohner von Alters- und                               werden häufig unternommen.
                                        Pflegeheimen hat sich seither weiter                       Eintretens-Rituale sind heute ebenfalls
                                        erhöht und dürfte auch in Zukunft                          häufig. So wird eine neue
                                        weiter ansteigen. Entsprechend ist die                     Heimbewohnerin in 78% aller Heime
                                        funktionale Autonomie der                                  den bisherigen Bewohnern vorge-
                                        HeimbewohnerInnen häufig einge-                            stellt.
                                        schränkt. So waren in den 1994 unter-
                                        suchten Heimen nur 32% aller                               Der Umzug in eine Alterseinrichtung
                                        BewohnerInnen in der Lage, das Heim                        verlangt von den Betagten zwangs-
                                        ohne fremde Hilfe für Spaziergänge                         läufig den Verzicht auf einen grossen
                                        oder Einkäufe zu verlassen. Weitere                        Teil ihrer gewohnten Einrichtungen
                                        32% konnten sich ohne Hilfe im Heim                        und persönlichen Dinge. Eine explora-
                                        bewegen, 31% benötigten jedoch                             tive Studie über psychologische
                                        dazu die Hilfe einer Person, und 5%                        Hintergründe beim Umzug in ein
                                        waren voll bettlägrig. Zudem wiesen                        Heim2 liess erkennen, dass bei der
                                        48% der HeimbewohnerInnen wegen                            Entscheidung, welche Einrichtungen
                                        psychischen oder physischen                                und Gegenstände mitgenommen
                                        Behinderungen deutliche                                    oder zurückgelassen werden, weniger
                                        Kommunikations- und Beziehungs-                            die Nützlichkeit der Dinge als ihre
                                        probleme auf, und bei 25% zeigten                          emotionale und biographische
                                        sich deutliche Anzeichen von Angst-                        Bedeutsamkeit im Vordergrund ste-
                                        oder Depressionszustände. Es handelt                       hen. Betagte versuchen auf je indivi-
                                        sich mehrheitlich um eine hochbe-                          duelle Weise ganze Ensembles von
                                        tagte Bevölkerung, die besonderer                          vertrauten Dingen am neuen
                                        Pflege und Betreuung bedarf und in                         Wohnort zu rekonstruieren.
                                        der die Beibehaltung sozialer
                                        Kontakte und Aktivitäten vielfach auf                      Die Gewöhnung an die neue
                                        massive Schwierigkeiten stösst. Im                         Wohnsituation hängt von einer
                                        übrigen bezogen 65% der                                    Vielzahl von Faktoren ab (Freiwilligkeit
                                        HeimbewohnerInnen 1994                                     versus Zwangshaftigkeit des Eintritts,
                                        Ergänzungsleistungen zur AHV.                              bisherige Lebenssituation, physische
                                                                                                   und psychische Gesundheit, soziale


1   Etienne Christe, Antoinette Genton Trachsel, Elisabeth Hirsch Durrett, Pierre Mermoud (1997)
    Relations sociales et institutions, Rapport de recherche, 20 août 1997, Genève (mimeo).
2   Projekt ‘Wohnen im Alter. Die Bedeutung von Geborgenheit und Zuhause’ (Prof. A. Lang).




                                                                                      29
Kompetenzen usw.). Die Umstellung          In jedem Fall zeigen sich verstärkte
an einen neuen Alltagsrhythmus, an         Bestrebungen, das Klischee vom
eine neue Umgebung, an neue                ‘abgeschlossenen Heim’ zu überwin-
Menschen usw. ist oft schwierig und        den. Die Teilnahme und Integration
kann in der ersten Zeit zu                 von Angehörigen hängt allerdings
Missverständnissen, Aggressivität oder     von der Qualität der vorherigen
Resignation führen. Deshalb ist eine       Beziehungen ab. Frühere familiale
feste Betreuungsperson für die erste       Konflikte werden durch den
Zeit besonders wichtig, und tatsäch-       Heimeintritt nicht aufgelöst, sondern
lich ist es in der Mehrheit der Heime      teilweise aufgrund von
üblich, neueintretenden Personen           Schuldgefühlen verstärkt. Oft sind
eine besondere Betreuungsperson            Ehepartner, Geschwister oder
zuzuweisen. In den Heimen wird viel        FreundInnen betagter
unternommen, um Besuche von                HeimbewohnerInnen ebenfalls hoch-
Angehörigen oder FreundInnen zu            betagt, was ihre aktive Partizipation
fördern. So gaben 84% der Heime an,        an der Betreuung und Pflege ein-
dass Besuche jederzeit möglich seien.      schränkt.
Auch in sozialer Hinsicht sind viele
Alters- und Pflegeeinrichtungen offe-      Während die Kontakte mit
ner und flexibler, als es traditionellen   Angehörigen oder engen
Vorstellungen vom ‘Heimleben’ ent-         FreundInnen zumeist auch nach dem
spricht.                                   Heimeintritt weiterbestehen und von
                                           vielen Heimen aktiv gefördert wer-
Soziale Beziehungen von                    den, reduzieren sich die Kontakte mit
HeimbewohnerInnen                          dem weiteren Bekanntenkreis oder
                                           mit Vereinen deutlich. Dafür verant-
Die zentralen Kontaktpersonen von          wortlich ist einerseits der oft schlechte
HeimbewohnerInnen sind Angehörige          Gesundheitszustand betagter
und Freunde, wogegen ehemalige             HeimbewohnerInnen. Andererseits
Nachbarn als Kontaktpersonen               sind viele Vereine und Clubs auf akti-
zurücktreten. Die meisten Heime            ve Senioren fixiert, wodurch
bemühen sich, die Angehörigen,             HeimbewohnerInnen vielfach von
soweit vorhanden, einzubeziehen. So        vornherein ausgeschlossen werden.
boten 82% der 1994 befragten Heime
den Angehörigen die Möglichkeit an,        Ein Hauptmerkmal des Lebens in
sich an den Aktivitäten im Heim zu         einem Alters- und Pflegeheim ist der
beteiligen. In 83% der Heime durften       gemeinschaftliche Charakter von
Angehörige oder FreundInnen an             Wohnen und Zusammenleben; ein
den Mahlzeiten teilnehmen, und 41%         gemeinschaftlicher Charakter, der
der Heime waren bereit, Angehörige         sich vom privaten Wohnen und
oder Freunde an der Pflege zu beteili-     Haushalten abhebt. Privatheit wird
gen. Hingegen war und ist es ver-          reduziert, auf der anderen Seite erge-
gleichsweise selten, Angehörige an         ben sich neue Möglichkeiten des
der Personalschulung und bei               Zusammenlebens. Neue Kontakte,
Teamdiskussionen des Personals teil-       aber auch neue Konflikte ergeben
nehmen zu lassen. Aus Platzgründen         sich auf zwei Ebenen:
war und ist es ebenfalls relativ selten,
dass Angehörige und Freunde im             a) Kontakte zwischen BewohnerInnen
Heim selbst übernachten können (nur           und Personal: Hier scheint die
18% der Heime boten 1994 diese                Heimgrösse eine entscheidende
Möglichkeit an).                              Variable zu sein, da grössere
                                              Heime (mit mehr Personal) häufig
                                              die formelle Organisation eines




                             30
   Spitals übernehmen. Hierarchische     führen bei HeimbewohnerInnen zu
   und formale Regeln einer effizien-    bedeutsamen Einschränkungen sozia-
   ten Organisations- und                ler Aktivitäten. Aus diesem Grund sind
   Personalführung wirken sich auf       gezielte Aktivierung und Animation in
   die Beziehungen zu den                diesen Einrichtungen zentral, und
   BewohnerInnen auf. Es sind vor        tatsächlich gaben 66% der erfassten
   allem Routinisierung, Arbeitsstress   Heime an, eine oder mehrere
   sowie Zeitmangel aufgrund knap-       Personen speziell mit Aktivierungs-
   per Stellenprozente, welche in vie-   und Animationsaufgaben zu beschäf-
   len Heimen die Qualität sozialer      tigen. Die Vielfalt des
   Beziehungen einschränken.             Aktivierungsangebots variiert je nach
   Personaleinsparungen gehen oft        Heim, wobei die Heimgrösse sowie
   auf Kosten menschlicher               das Bestehen einer speziellen
   Beziehungen.                          Animatorin wichtige Einflussvariablen
b) Kontakte unter BewohnerInnen:         darstellen. Häufig sind Turnen, hand-
   Eindeutige Aussagen über die          werkliches Arbeiten und Basteln,
   Kontakte unter den Bewohnern          Gesellschaftsspiele, gemeinsames
   werden dadurch erschwert, dass        Ansehen von Filmen und Videos
   Heimleitung und Pflegepersonal        sowie lokale Ausflüge. An zweiter
   über die gegenseitigen Kontakte       Stelle stehen aktive kulturelle
   der BewohnerInnen nicht immer         Tätigkeiten, wie Gruppendiskussionen,
   informiert sind. Konflikte unter      Gesangs- und Musikgruppen,
   BewohnerInnen werden rasch            Theaterspielen sowie
   sichtbar, wogegen neue                Tanzveranstaltungen. Dabei zeigt
   Freundschaften oft still und unauf-   sich, dass einige klassische Angebote
   fällig entstehen und funktionieren.   (wie Stricken und Basteln) an Interesse
   Trotz aller Einschränkungen schei-    verlieren, wogegen andere
   nen jedoch neue Freundschaften        Aktivierungsangebote - wie
   im Heim nicht selten zu sein, vor     Gedächtnistraining, Musiktheraphien
   allem unter Frauen.                   sowie Ausflüge - populärer werden.

Insgesamt zeigt sich innerhalb von       Eine genauere Analyse der
Alters- und Pflegeheimen eine Vielfalt   Aktivitätsmuster zeigt, dass der
sozialer Kontaktformen, menschlicher     Grossteil aller Aktivitäten im Heim
Konflikte und persönlicher               stattfindet und vom Heimpersonal
Anpassungen, wodurch Vorstellungen       organisiert wird. Darin finden neue
vom Alters- und Pflegeheim als ein-      aktivitätstheoretische Ansätze der
heitlichen Lebensraum widerlegt wer-     Sozialgerontologie ihren Ausdruck. Bei
den.                                     den Aktivitäten ausserhalb des Heims
                                         stehen lokale Ausflüge
Aktivitäten in Alters- und               (Museumsbesuche, kleine Wanderung
Pflegeeinrichtungen                      mit anschliessendem Café usw.) im
                                         Vordergrund. Insgesamt wird - nicht
Beim Aufbau und der Gestaltung des       unerwartet - deutlich, dass bei gerin-
Heimlebens spielen die angebotenen       ger funktionaler Autonomie der
Aktivitäten eine zentrale Rolle. Dabei   HeimbewohnerInnen mehr Aktivitäten
muss berücksichtigt werden, dass         vom Heim selbst organisiert werden.
Alters- und Pflegeheime sich vielfach
aus Personen zusammensetzen, deren       Eine aktive Teilnahme von
Aktivitäten aus gesundheitlichen         HeimbewohnerInnen an den alltägli-
Gründen massiven Einschränkungen         chen Arbeiten und Aufgaben eines
unterliegen. Namentlich psychische       Heimes wirkt nicht nur aktivierend und
Probleme (Demenz, Depression)            integrierend, sondern sie kann die




                             31
Leistungsfähigkeit von Heimen verbes-     den allerdings die Mitspracherechte
sern. Auch diesbezüglich ist die Praxis   der BewohnerInnen in den letzten
je nach Alters- und Pflegeheim unter-     Jahren ausgebaut, z.B. in der Form,
schiedlich, wobei heute wieder ver-       dass die BewohnerInnen bei wichti-
mehrt auf eine aktive Partizipation       gen Entscheidungen angefragt wer-
betagter BewohnerInnen an                 den. Hingegen ist eine direkte
Alltagsaufgaben Wert gelegt wird. An      Vertretung der BewohnerInnen in der
erster Stelle steht das gegenseitige      Heimleitung bzw. beim
Aushelfen unter den                       Leitungsgremium noch selten (und sie
HeimbewohnerInnen, wobei dies             war 1994 nur in 2% der erfassten
jedoch nur in rund einem Drittel aller    Heime verankert). Eine
Heime häufig geschieht. An zweiter        Interessengruppe von
Stelle stehen Haushaltstätigkeiten, wie   HeimbewohnerInnen ist ebenfalls sel-
Tisch decken, Bett machen, Mithilfe in    ten (1994: 4% der Heime). Häufiger
der Küche usw. Seltener ist die           sind regelmässige Versammlungen, in
Teilnahme von HeimbewohnerInnen           denen BewohnerInnen ihre Wünsche
bei administrativen und pflegerischen     anbringen können. Solche
Aufgaben. Es ist klar, dass das           Versammlungen wurden 1994 in 23%
Ausmass solcher täglichen                 aller Heime durchgeführt. 30% der
Alltagshilfen von der Mobilität und       Heime kannten insofern eine indirekte
psychischen Gesundheit der                Vertretung der Heimbewohner, als
BewohnerInnen abhängt. Gleichzeitig       Angehörigen gewisse
wird von den BewohnerInnen im all-        Mitspracherechte eingeräumt wurde.
gemeinen mehr verlangt, wenn das          In 62% aller erfassten Heime bestand
Personal knapp ist. Nur in wenigen        1994 jedoch noch keine spezielle
Heimen besteht - trotz grundsätzlich      Struktur zur Vertretung oder
positiver Einstellung zur vermehrten      Mitsprache der HeimbewohnerInnen.
Teilnahme der HeimbewohnerInnen -         Als Gründe für eine fehlende
jedoch ein klares und ausgearbeite-       Vertretung und Mitbestimmung der
tes Konzept zur Mithilfe an               BewohnerInnen wurden im Rahmen
Alltagsaufgaben.                          der Befragung von den
                                          Heimleitungen primär zwei Faktoren
Mitsprache                                angeführt; die fehlende Mobilisierung
                                          und das geringe Interesse der mei-
In den letzten Jahrzehnten hat die        sten BewohnerInnen einerseits und
Frage der Rechte von                      die enorme Heterogenität und
BewohnerInnen institutioneller            Individualität der Bedürfnisse der
Einrichtungen eine verstärkte             HeimbewohnerInnen (wodurch das
Aktualität erhalten. So ist etwa in       klassische Prinzip einer
Quebec die Mitwirkung von                 Interessenvertretung sinnlos sei).
HeimbewohnerInnen gesetzlich fest-        Tatsächlich ist Individualisierung -
gelegt, und die Europäische               etwa im Sinn einer freien Wahl des
Gemeinschaft verabschiedete 1993          Menus, der Aktivitäten usw. - diejeni-
eine Charta über die Rechte und           ge Mitsprachestrategie, welche
Freiheiten älterer Menschen, in wel-      heute in den Heimen eindeutig vor-
cher auch die Mitwirkung von              herrscht. Dennoch zeigt das Beispiel
HeimbewohnerInnen angesprochen            einiger Heime, dass vor allem in grös-
wurde. In der Schweiz besteht gegen-      seren Heime verschiedene Formen
wärtig keine gesetzliche Grundlage        der Mitsprache und Mitbestimmung
über Mitwirkungsrechte von                (wie Arbeitsgruppen, Stammtische,
Bewohnern institutioneller                Heimräten usw.) selbst bei betagten
Einrichtungen . In verschiedenen          Personen mit gesundheitlichen
Heimen und Alterseinrichtungen wur-       Einschränkungen sinnvoll sein können.




                            32
Es steht zu erwarten, dass künftige        Hochbetagten nimmt der Bedarf
Betagtengenerationen vermehrt auf          nach betreuten Wohnformen oder
Mitsprache und Mitbestimmung               Pflegewohngruppen zu. Zu fördern
pochen werden.                             sind aber auch alle Massnahmen,
                                           welche generationenübergreifende
6 Hauptresultate und Perspektiven          Kontakte erleichtern.

Die Altersvorsorge der Schweiz - mit       Im Gegensatz zu pessimistischen
ihrem drei Säulenprinzip - hat sich        Alltagsvorstellungen haben sich die
bewährt und wesentlich zur Reduktion       sozialen Beziehungen älterer
der Altersarmut beigetragen. Auch          Menschen eher verbessert als ver-
inskünftig dürfte es sinnvoll sein, ein    schlechtert. Dies gilt insbesondere für
Gleichgewicht zwischen Umlage- und         die Kontakte zu Angehörigen und zu
Kapitaldeckungsverfahren beizube-          FreundInnen. Nur eine geringe
halten. Bei der beruflichen Vorsorge       Minderheit älterer Menschen weist
sind Leistungssicherung,                   keine oder nur schwache
Vermögensanlage und Kontrolle bes-         Sozialbeziehungen auf. Soziale
ser an die neuen, globalisierten           Isolation oder Einsamkeit im Alter ist
Finanzmärkte und Finanzinstrumente         nicht die Norm. Trotzdem ist es wich-
anzupassen.                                tig, sich gezielt der Minderheit einsa-
                                           mer alter Menschen anzunehmen
Das Armutsrisiko von RentnerInnen hat      (etwa durch Stärkung freund- und
sich deutlich reduziert. Auch inskünftig   nachbarschaftlicher Kontakte, durch
ist eher mit einer weiteren                ambulante Dienste, die sensibel auf
Verbesserung der wirtschaftlichen          Problemlagen reagieren usw.).
Lage vieler RentnerInnen zu rechnen.
Gleichzeitig zeigen sich jedoch deutli-    Selbst bei den 80-jährigen und älte-
che Ungleichheiten der wirtschaftli-       ren Menschen lebt weniger als ein
chen Ressourcen älterer Menschen.          Viertel in einem Heim oder einer
In Zukunft geht es somit nicht allein      Pflegeeinrichtung. Das
um die Solidarität zwischen jüngeren       Durchschnittsalter der
und älteren Menschen, sondern auch         BewohnerInnen von Alters- und
um die Solidarität zwischen wohlha-        Pflegeheimen hat sich in den letzten
benden und einkommensschwachen             Jahrzehnten klar erhöht und dürfte
RentnerInnen. Und auch in Zukunft          sich weiter erhöhen.
werden die Ergänzungsleistungen zur        Dementsprechend ist der Anteil
AHV ein unverzichtbares Element zur        behinderter oder in ihrer
Existenzsicherung einkommensschwa-         Selbständigkeit eingeschränkter
cher älterer und betagter Menschen         BewohnerInnen in den meisten
sein.                                      Einrichtungen hoch. Die
                                           Detailanalyse zeigt, dass Alters- und
Die Wohnqualität der meisten älteren       Pflegeeinrichtungen von heute kaum
und betagten Menschen in der               mehr früheren Vorstellungen entspre-
Schweiz ist hoch. Aufgrund der vielfäl-    chen. Die meisten Alters- und
tigen Bedürftnisse älterer und betag-      Pflegeeinrichtungen haben sich
ter Menschen ist eine Vielfalt unter-      gegen aussen geöffnet, und immer
schiedlicher Wohnformen notwendig.         mehr Einrichtungen unterstützen und
Die Förderung des ‘Zuhause-Bleibens’       fördern die Individualität ihrer
bedarf jedoch vor allem bei hochbe-        BewohnerInnen. Damit werden
tagten Menschen begleitende                Vorstellungen vom Alters- und
Massnahmen (z.B. Ausbau ambulan-           Pflegeheim als ‘kollektive Wohnform’
ter Dienste, behindertengerechte           stark relativiert. Das Hauptproblem
Wohnformen usw.). Vor allem bei            liegt weniger in der fehlenden




                             33
Qualität der meisten Einrichtungen,
als in weiterbestehenden negativen
und falschen Bildern vom
‘Altersheim’.




                           34
D) Persönlichkeit, Wohlbefinden und Ressourcen
                                        1 Wohlbefinden im Alter                                               Befriedigende Sozialkontakte im
                                                                                                              Alter waren positiv verbunden mit
                                        Sowohl in der 1992 durchgeführten                                     der Fähigkeit, Eigeninitiative zu
                                        Nationalen Armutsstudie als auch in                                   entwickeln, bei gleichzeitiger
                                        der Schweizerischen                                                   Offenheit für die Hilfe anderer
                                        Gesundheitsbefragung 1992/93 wur-                                     Personen. Bei der jüngeren
                                        den zwei Sachverhalte deutlich: 1                                     Altersgruppe (65-74 Jahre) war die
                                        Einerseits zeichnen sich die meisten                                  subjektive
                                        Menschen in der Schweiz durch ein                                     Gedächtniseinschätzung positiv
                                        hohes allgemeines Wohlbefinden aus,                                   mit Kontaktzufriedenheit assoziiert.
                                        und dies gilt auch für die ältere                                     Eine positive Einschätzung der
                                        Bevölkerung. Dabei führt auch der                                     eigenen geistigen Fähigkeiten
                                        Übergang in die nachberufliche                                        scheint eine Voraussetzung zu sein,
                                        Lebensphase nicht zu einem allge-                                     um nach der Pensionierung gesell-
                                        meinen Absinken von                                                   schaftlich teilnehmen zu können
                                        Lebenszufriedenheit und                                               bzw. zu wollen.
                                        Wohlbefinden. Andererseits sind ver-                               2) Qualität und nicht Quantität an
                                        schiedene Besorgnissymptome in der                                    Kontakten ist entscheidend: Weder
                                        älteren Bevölkerung relativ häufig.                                   die Häufigkeit der sozialen
                                        Verbreitet sind namentlich                                            Kontakte noch der Umstand, mit
                                        Erschöpfung, Schlafstörungen,                                         wem man zusammenwohnte (ob
                                        Kopfschmerzen, Sorgen über                                            mit Angehörigen oder Freunden)
                                        Gesundheit und Ängste.                                                erwiesen sich für die
                                                                                                              Kontaktzufriedenheit älterer Frauen
                                        Eine detaillierte und theoretisch gelei-                              und Männer als entscheidend.
                                        tete Untersuchung zentraler                                           Hingegen war die Einschätzung
                                        Einflussfaktoren von Wohlbefinden im                                  der Wichtigkeit sozialer Kontakte
                                        Alter erfolgte im Rahmen eines inter-                                 positiv mit einer hohen
                                        disziplinären Altersprojekts (IDA-                                    Kontaktzufriedenheit verknüpft.
                                        Projekt). Beim IDA-Projekt handelt es                                 Offenbar kommt es weniger auf
                                        sich um die Weiterführung einer medi-                                 die Enge und Intimität des sozialen
                                        zinischen Langzeitstudie ‘Basler                                      Netzwerkes an, als vielmehr auf
                                        Studie’ und ihre Erweiterung um psy-                                  die emotionale Einstellung zu
                                        chologische Gesichtspunkte für 1993                                   sozialen Kontakten (Offenheit,
                                        und 1995. Untersucht wurden ehema-                                    Wertschätzung).
                                        lige ArbeiterInnen und Angestellte
                                        grosser Chemieunternehmen aus                                      • Psychisches Wohlbefinden
                                        dem Raum Basel im Alter von 65 bis
                                        94 Jahren, die schon 1960, 1965 und                                Die Analyse verschiedener physischer,
                                        1971 erfasst worden waren. Die von                                 psychologischer und sozialer
                                        Pasqualina Perrig-Chiello durchgführ-                              Prädiktoren liess primär drei zentrale
                                        te Analyse der Einflussfaktoren von                                Hauptergebnisse hervortreten:
                                        Wohlbefinden im Alter liess zusam-                                 1) Bedeutung von
                                        mengefasst folgendes erkennen: 2                                      Kontrollüberzeugungen und
                                                                                                              Gedächtnisselbsteinschätzung:
                                        • Zufriedenheit mit sozialen                                          Die Einschätzung der eigenen
                                          Kontakten                                                           Gedächtnisfähigkeit sowie die
                                                                                                              Überzeugung, auch im Alter sein
                                        Hierzu ergaben sich zwei                                              eigenes Leben beeinflussen zu
                                        Hauptbeobachtungen:                                                   können, sind bei jüngeren
                                        1) Glaube an die eigenen                                              RentnerInnen für das
                                           Fähigkeiten und                                                    Wohlbefinden zentral. Bei den
                                           Einflussmöglichkeiten:                                             betagten Menschen spielt das


1   Vgl. Robert E. Leu, Stefan Burri,.Tom Priester (1997) Lebensqualität und Armut in der Schweiz, Bern:
    Haupt; Theodor Abelin, Valerie Beer, Felix Gurtner (Hrsg.) (1998) Gesundheit der Betagten in der
    Schweiz, Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 1992/93, Bern: Haupt.
2   Pasqualina Perrig-Chiello (1997) Wohlbefinden im Alter. Körperliche, psychische und soziale
    Determinanten und Ressourcen, Weinheim: Juventa.




                                                                                       35
                                         Thema Kontrolle und Schicksal               nige, der kränker ist, konsumiert
                                         eine noch bedeutsamere Rolle: Je            mehr Medikamente, sondern der-
                                         weniger betagte Personen sich               jenige, der sich krank fühlt. In der
                                         vom Schicksal abhängig sehen                IDA-Studie zeigte sich zudem zwi-
                                         und je mehr sie ihr Leben als bein-         schen subjektiver
                                         flussbar ansehen, desto höher ist           Gesundheitseinschätzung und
                                         ihr Wohlbefinden.                           objektivem Gesundheitszustand
                                      2) Einfluss von Lebensereignissen und          kein bedeutsamer
                                         sozialer Netzwerke: Negative                Zusammenhang. Dieser Befund
                                         Lebensereignisse zeigen erwar-              fügt sich gut in die Serie von
                                         tungsgemäss einen negativen                 Arbeiten ein, die nur schwache
                                         Einfluss auf das Wohlbefinden älte-         oder gar keine Zusammenhänge
                                         rer Menschen. Bei den 65-74jähri-           zwischen subjektiver und objektiver
                                         gen Befragten war hohes                     Gesundheit fanden.
                                         Wohlbefinden auch mit einer              2) Gesundes Altern ist biographisch
                                         hohen Wertschätzung der sozialen            verankert: Die früher untersuchten
                                         Kontakte assoziiert. Bei den 75jähri-       Gesundheitsindikatoren erklärten
                                         gen und älteren Befragten war               einen wesentlichen Teil des aktuel-
                                         Wohlbefinden hingegen mit der               len gesundheitlichen
                                         Gewissheit verknüpft, im Notfall            Wohlbefindens. So waren erhöhte
                                         auf einen Partner bzw. auf näch-            Blutdruckwerte und ein tiefer
                                         ste Angehörige zurückgreifen zu             Vitamin-B1-alpha-Blutspiegel - wie
                                         können.                                     sie 1971 gemessen wurden - mehr
                                      3) Rolle von Konstitution und                  als 20 Jahre später mit schlechte-
                                         Gesundheitsverhalten: Ein fragile-          rem gesundheitlichem
                                         rer Körperbau, höheres biologi-             Wohlbefinden assoziiert. Auch der
                                         sches Alter 1 und leichtere                 prophylaktische Wert früheren
                                         Erschöpfung gehen bei älteren               Gesundheitsverhalten wurde inso-
                                         Menschen einher mit geringerem              fern sichtbar, als die regelmässige
                                         Wohlbefinden. Bei der jüngeren              Einnahme von Beruhigungsmitteln
                                         Altersgruppe (65-74 Jahre) war ein          (Tranquilizern) und häufiges
                                         höheres Ausmass an körperlichen             Rauchen selbst zwei Jahrzehnte
                                         Aktivitäten, bei den Betagten (75           später zu einer verminderten
                                         Jahre und älter) hingegen ein               Gesundheit beitrugen.
                                         niedrigerer Medikamentenkonsum           3) Krankheit im Alter ist nicht
                                         mit besserem Wohlbefinden ver-              Schicksal: Erwartungsgemäss
                                         bunden. Auch war die Menge der              waren die Überzeugungen zur
                                         1971 pro Tag gerauchten                     Beeinflussbarkeit von Krankheit
                                         Zigaretten über zwanzig Jahre spä-          und Gesundheit eine bedeutsame
                                         ter negativ mit dem psychischen             Grösse. Besseres gesundheitliches
                                         Wohlbefinden assoziiert.                    Befinden war bei älteren
                                                                                     Menschen verbunden mit
                                      • Gesundheitliches Wohlbefinden                Selbstverantwortlichkeit und der
                                                                                     Überzeugung, Arzt und Medizin für
                                      Die Detailanalyse liess drei zentrale          die Erhaltung der eigenen
                                      Aspekte hervortreten:                          Gesundheit einsetzen zu können.
                                      1) Körperliches Wohlbefinden unter-            Ältere Leute mit schlechter
                                         liegt einer starken Subjektivität: Der      gesundheitlicher Befindlichkeit
                                         Medikamentenkonsum erwies sich              waren umgekehrt eher von der
                                         stärker mit schlechterem gesund-            Schicksalhaftigkeit von Gesundheit
                                         heitlichem Wohlbefinden assoziiert          und Krankheit überzeugt.
                                         als mit objektiven
                                         Krankheitsindikatoren. Nicht derje-


1   Indiziert durch eine geringere Hautfaltendicke der Handoberfläche.




                                                                         36
                                          Der Vergleich jüngerer und älterer                                   Gesundheit und reduzierter funktiona-
                                          Befragten liess einige interessante                                  ler Autonomie ein wichtiges Element
                                          Unterschiede erkennen: So war die                                    der Lebensqualität alter Menschen.
                                          subjektive Gedächtniseinschätzung
                                          ein wichtiger Einflussfaktor psychi-                                 2 Sportliche Aktivität und
                                          schen Wohlbefindens bei den ‘jungen                                    Wohlbefinden
                                          Alten’ (65-74 Jahre), jedoch nicht
                                          mehr bei den 75-jährigen und älteren                                 Zahlreiche Forschungsergebnisse und
                                          Menschen. Dagegen gewannen die                                       Beobachtungen aus Therapie und
                                          gesundheitlichen Überzeugungen bei                                   Rehabilitation belegen die positiven
                                          den Betagten weiter an Gewicht.                                      Auswirkungen von körperlicher
                                          Denkbar sind im hohen Alter dabei                                    Bewegung und sportlicher Aktivitäten
                                          wechselseitige Einflüsse: Einerseits                                 auf den Gesundheitszustand älterer
                                          erhöht das Gefühl, auch im Alter                                     Menschen. Körperliches Training wirkt
                                          noch aktiv etwas für seine                                           zahlreichen Degenerationsprozessen
                                          Gesundheit tun zu können, das                                        entgegen und beeinflusst die körperli-
                                          Wohlbefinden. Andererseits reduziert                                 che Leistungsfähigkeit positiv.
                                          das Auftreten massiver Beschwerden                                   Körperliche Bewegung kann damit
                                          im hohen Alter die Überzeugung,                                      dem Auftreten schwerer Krankheiten
                                          diesbezüglich viel tun zu können.                                    im Alter vorbeugen. Auch im Rahmen
                                                                                                               der IDA-Studie erwies sich sportliche
                                          Insgesamt wird deutlich, dass das                                    Betätigung klar mit körperlicher Kraft
                                          Sprichwort ‘mens sana in corpore                                     verbunden; sei es, weil primär kräftige
                                          sano’ primär für die 65-74-jährigen                                  Personen Sport betreiben; sei es, weil
                                          Personen zutrifft. Dabei sind auch bei                               gezieltes körperliches Training einen
                                          den ‘jungen Alten’ weniger die objek-                                bedeutsamen Kraftzuwachs bringt.
                                          tiven Gesundheitsindikatoren als
                                          deren subjektive Einschätzung                                        Weniger eindeutig als der
                                          bedeutsam. Bei den Betagten ist das                                  Zusammenhang zwischen Training
                                          psychische Wohlbefinden hingegen                                     und körperlicher Leistungsfähigkeit ist
                                          nicht mehr von der gesundheitlichen                                  der Zusammenhang von sportlicher
                                          Einschätzung abhängig. Von                                           Aktivität und psychischem
                                          Bedeutung ist vielmehr die mentale                                   Wohlbefinden im Alter. Um das
                                          Kraft, d.h. einerseits das Gefühl von                                Verhältnis zwischen sportlicher
                                          Kontrolle über Gesundheit und                                        Aktivität und Wohlbefinden im Alter zu
                                          Krankheit und andererseits das                                       erfassen, wurde im Rahmen des IDA-
                                          Gefühl, mit der eigenen                                              Forschungsprojekts eine Studie bei 46
                                          Vergangenheit in Einklang zu sein. Im                                Menschen zwischen 66 und 88 Jahren
                                          höheren Alter steigt - wie eine zusätzli-                            durchgeführt: 23 Personen nahmen
                                          che Analyse zeigte - zudem die                                       an einem gezielten achtwöchigen
                                          Bedeutung von rhythmisierten Tages-,                                 Krafttraining teil, während die übrigen
                                          Wochen- und Jahresabläufen an.                                       23 Personen als Vergleichsgruppe fun-
                                          Durch Rhythmisierungen zeitlicher                                    gierten. Das Krafttraining, einmal pro
                                          Gegebenheiten wird versucht, das                                     Woche durchgeführt, umfasste acht
                                          eigene Leben besser vorhersagbar                                     verschiedene Übungen an
                                          und kontrollierbar zu gestalten. Dabei                               Kraftgeräten. Die einzelnen
                                          ist älteren Menschen ein gut rhythmi-                                Trainingseinheiten dauerten um die 90
                                          sierter Tages- und Wochenablauf vor                                  Minuten, nach einer zehnminütigen
                                          allem wichtig, wenn sie ihren                                        Aufwärmphase. 1
                                          Gesundheitszustand als schlecht ein-
                                          schätzen. Ein guter Tages- und                                       Insgesamt betrachtet zeigten sich in
                                          Wochenrhythmus ist somit insbeson-                                   dieser Studie nur wenige
                                          dere in Situationen eingeschränkter                                  Veränderungen in bezug auf


1   Franziska Krings (1995) Sportliche Aktivität und Wohlbefinden im Alter, Lizentiatsarbeit am Institut für
    Psychologie, Basel: Universität Basel (mimeo.).




                                                                                          37
                                       Wohlbefinden, Nervosität,                                 Projekts wurde ein computergesteuer-
                                       Gedächtniseinschätzung u.a., welche                       ter Gedächtnistest entwickelt, der
                                       klar dem Krafttraining zugeschrieben                      über die ganze Lebensspanne hin-
                                       werden konnten. Es erwies sich, dass                      weg verwendet werden kann. In
                                       ein achtwöchiges Krafttraining höch-                      Rückgriff auf moderne
                                       stens in eingeschränktem Masse zu                         Informationsverarbeitungsmodelle
                                       einer generellen Verbesserung des                         wurden verschiedene
                                       Wohlbefindens führen kann.                                Gedächtnisfunktionen gemessen (wie
                                       Veränderungen zeigten sich allerdings                     implizites und explizites Gedächtnis,
                                       in der Wahrnehmung ihres Lebens                           Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit
                                       und ihrer Umwelt: Die                                     und Reaktionsgeschwindigkeit sowie
                                       TeilnehmerInnen des Krafttrainings                        Wiedererkennung).1
                                       waren nach dem Training weniger
                                       ängstlich, weniger besorgt um ihre                        Die Ergebnisse dieser Studie lassen
                                       Zukunft und empfanden ihr Leben als                       sich wie folgt zusammenfassen: In
                                       ausgefüllter als vor dem Training.                        bezug auf das implizite Gedächtnis
                                       Wahrscheinlich sind diese Effekte                         ergeben sich in der Regel keine
                                       jedoch weniger auf das Krafttraining                      Veränderungen bis ins hohe Alter.
                                       an sich, als auf das soziale Umfeld                       Beim impliziten Gedächtnis handelt es
                                       des Trainings zurückzuführen: Das                         sich um eine Form automatischer
                                       Training fand in einem modern ausge-                      Erfahrungsnutzung, welche ohne
                                       statteten, fast ausschliesslich von jun-                  Erinnerungsbemühungen und oft
                                       gen Leuten besuchten Fitness-Studio                       auch ohne Erinnerungsbewusstsein
                                       statt, womit das Training das                             zustande kommt. Selbst wenn betag-
                                       Vertrauen stärkte, auch neue und                          te Menschen im Extremfall Dinge
                                       jugendbetonte Situationen bewälti-                        sofort wieder vergessen, findet den-
                                       gen zu können. Das soziale Umfeld                         noch Lernen statt. Auch aufgebautes
                                       körperlicher Aktivitäten ist ebenso                       Wissen des Langzeitgedächtnisses
                                       wichtig wie das körperliche Training                      oder der kristallinen Intelligenz
                                       an sich.                                                  (gemessen etwa am Wortschatz)
                                                                                                 kann zumeist mit relativ geringen
                                       3 Gedächtnisleistungen und                                Verlusten bis ins hohe Alter erfolgreich
                                         Gedächtnistraining                                      verwendet werden. Starke alterskorre-
                                                                                                 lierte Einbussen zeigten sich hingegen
                                       Die Beibehaltung der kognitiven                           bei episodischen
                                       Fähigkeiten - namentlich der                              Erinnerungsleistungen, und geradezu
                                       Gedächtnisleistungen - ist eine wichti-                   dramatische Einbussen im hohen Alter
                                       ge Voraussetzung für die                                  fanden sich in
                                       Beibehaltung von Selbständigkeit im                       Verarbeitungsgeschwindigkeit und -
                                       Alter. Die Angst vor einem geistigen                      kapazität. Es scheint, als ob die in
                                       Abbau ist bei vielen älter werdenden                      einem bestimmten Moment verfüg-
                                       Menschen verbreitet, und dies umso                        bare Aufmerksamkeitskapazität und
                                       mehr als ein Gedächtnisverlust oft fäl-                   die damit einhergehende
                                       schlicherweise als zwangsläufige                          Verarbeitungsgeschwindigkeit ein
                                       Folgeerscheinung hohen Alters ange-                       Flaschenhals menschlicher
                                       sehen wird. Zwar werden                                   Denkfähigkeiten darstellen.
                                       Gedächtniseinbussen mit steigendem
                                       Alter häufiger, aber solche                               Insgesamt wird deutlich, dass die
                                       Veränderungen sind einerseits enor-                       kognitiven Funktionen und das
                                       men individuellen Unterschieden                           Gedächtnis im Alter besonders dann
                                       unterworfen. Andererseits betreffen                       negativ berührt werden, wenn alte
                                       sie nicht alle Gedächtnisfunktionen                       Menschen unter Zeitdruck arbeiten,
                                       gleichermassen. Im Rahmen des IDA-                        verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig


1   Vgl. Vera Kling (1996) Kognitive Leistungsmessung bei alten Menschen. Validierung des GFT-
    Gedächtnis-Funktions-Tests, Dissertation, Basel: Universität Basel.




                                                                                    38
                                        ausgeführt werden müssen, oder                                     (Schwerpunkt Mnemotechniken) und
                                        wenn betagte Menschen sich ohne                                    Programmen, welche vermehrt die
                                        zusätzliche Hilfen an etwas erinnern                               persönlichen Voraussetzungen des
                                        müssen. Dagegen funktioniert die                                   Lernens (wie Offenheit,
                                        automatische Speicherung und                                       Leistungsvorstellungen usw.) einbezie-
                                        Nutzung von Erfahrung bei gesunden                                 hen. An reinen
                                        alten Menschen ebenso gut wie bei                                  Gedächtnistrainingsprogrammen wird
                                        jungen Erwachsenen. Oder in ande-                                  vor allem ihre Alltagsferne und ihre zu
                                        ren Worten: Auch im hohen Alter ist                                kurze Dauer kritisiert. Gemäss neueren
                                        lernen möglich, wenn genügend Zeit                                 Ansätzen zur Gedächtnisverbesserung
                                        verwendet wird und auf bisherige                                   sind neben Lern- und
                                        Erfahrungen Bezug genommen wird.                                   Gedächtnistechniken auch psychi-
                                                                                                           sche und physiologische
                                        Objektive Gesundheitsindikatoren                                   Lernvoraussetzungen (emotionale
                                        und Gedächtnisleistungen im Alter                                  Einstellungen, körperliche Verfassung,
                                        korrelierten in dieser Studie positiv.                             Wahrnehmungsbedingungen usw.)
                                        Gesundheitliche Faktoren tragen                                    einzubeziehen.
                                        somit zur Erklärung der individuellen
                                        Unterschiede in der kognitiven                                     Im Rahmen des IDA-Projektes wurde
                                        Leistungsfähigkeit gleichaltriger                                  ein solcher multimodaler Ansatz von
                                        Personen bei. Dabei erwies sich insbe-                             Gedächtnistraining eingesetzt, wobei
                                        sondere die Muskelkraft als bedeutsa-                              das zehnwöchige Training sowohl
                                        mer positiver Einflussfaktor, vor allem                            eine Optimierung kognitiver als auch
                                        für Kurz- und Langzeitgedächtnis.                                  emotionaler Lernvoraussetzungen
                                        Körperliche Kraft und damit auch                                   anstrebte (z.B. via Rollenspielen). Der
                                        Körpertraining verbessern die                                      Vergleich von Trainingsgruppe (23
                                        Gedächtnisleistungen im Alter. Auch                                Personen im Alter von durchschnittlich
                                        antioxidative Vitamine (Ascorbic                                   72 Jahren) mit einer gleichaltrigen
                                        acid, Beta-Carotin und Alpha-                                      Kontrollgruppe zeigte eine signifikante
                                        Tocopherol) waren tendenziell positiv                              Leistungsverbesserung der
                                        mit dem Langzeitgedächtnis älterer                                 Trainingsgruppe in der
                                        Menschen assoziiert. Keinen direkten                               Wiedererkennung von Wörtern und
                                        Einfluss auf die erfassten                                         Symbolen, nicht jedoch bei der freien
                                        Gedächtnisfunktionen zeigten die                                   Erinnerung. Zudem ergab sich am
                                        EKG-Werte, der Blutdruck und entge-                                Ende des Trainings ein besseres
                                        gen der Ausgangshypothese Vitamin                                  Verständnis für die Funktionsweise des
                                        E. 1                                                               Gedächtnisses und damit verbunden
                                                                                                           eine bessere Einschätzung von
                                        Gedächtnistraining                                                 Gedächtnisveränderungen sowie
                                                                                                           eine Wiederbelebung vergessener
                                        Eine zunehmende Zahl älterer und                                   Sinneswahrnehmungen (wie Tast-
                                        betagter Menschen wartet                                           oder Geruchssinn). Als
                                        Gedächtniseinbussen nicht schicksals-                              Nebenergebnis ergab sich aber
                                        ergeben ab, sondern sie versuchen,                                 auch, dass gezielter auf die unter-
                                        solchen Einbussen aktiv entgegenzu-                                schiedlichen Bedürfnisse von Frauen
                                        wirken. In den letzten Jahren entstand                             und Männern eingegangen werden
                                        eine Vielfalt verschiedener Formen                                 sollte, um zu verhindern, dass Frauen
                                        von Gedächtnisprogrammen für älte-                                 beim Training von männlichen
                                        re Menschen. Dabei kann unterschie-                                Strukturen ‘überrollt’ werden.2
                                        den werden zwischen
                                        Trainingsprogrammen, die sich auf
                                        das Training isolierter
                                        Gedächtnisfunktionen konzentrieren


1   Vgl. Walter Perrig, Pasqualina Perrig-Chiello, Hannes B. Stähelin (1997) The relation between antio-
    xidants and memory performance in the old and very old, Journal of the American Geriatrics
    Society, 45,6: 718-724.
2   Andrea Kaiser (1995) Multifunktionales Gedächtnis- und Reattributionstraining im Alter,
    Lizentiatsarbeit, Institut für Psychologie, Basel: Universität Basel.




                                                                                       39
                                       4 Depressionen und depressive                                   damit konsistent mit dem Ergebnis
                                         Symptome                                                      anderer Studien, die auf ein doppelt
                                                                                                       so hohes Depressionsrisiko bei älteren
                                       Ein häufiges Thema der                                          Frauen gegenüber gleichaltrigen
                                       Psychogeriatrie sind Depressionen,                              Männer hinweisen. Darin widerspie-
                                       und entsprechende Studien weisen                                geln sich zum einen geschlechtsbezo-
                                       auf ein erhöhtes Depressionsrisiko bei                          gene Unterschiede in Stress und
                                       einigen Gruppen älterer Menschen                                Belastung. Frauen erfahren im
                                       hin. Da Depressionen oftmals mit                                Durchschnitt mehr Stress und sind
                                       kognitiven Einbussen und Störungen                              häufiger lebenskritischen Ereignissen
                                       assoziiert sind, kann es im einzelnen                           (wie Verwitwung) ausgesetzt als
                                       schwierig sein, kognitive Defizite im                           Männer. Zum anderen ergeben sich
                                       Alter eindeutig dementiellen oder                               Unterschiede im Umgang mit
                                       depressiven Erkrankungen zuzuord-                               Problemen und Stress. So reagieren
                                       nen. Zur sauberen Abschätzung der                               Frauen in Problemlagen häufiger mit
                                       altersspezifischen Häufigkeit dementi-                          depressiven Symptomen, wogegen
                                       eller und/oder depressiver Störungen                            Männer eher mit Aggressivität - auch
                                       wurde im Rahmen des NFP 32 eine                                 sich selbst gegenüber - reagieren.
                                       epidemiologische Studie bei AHV-                                Deshalb weisen Frauen zwar häufiger
                                       RentnerInnen zweier Kantone organi-                             depressive Symptome auf, es sind
                                       siert. 1 Dabei wurden 1995 und 1996 in                          jedoch die Männer, die häufiger
                                       den beiden Kantonen Genf und                                    Selbstmord betreiben.
                                       Zürich 921 Erhebungen bei 65-jähri-
                                       gen und älteren Personen (inkl.                                 Die These, dass depressive Symptome
                                       Personen in Institutionen) durchge-                             altersbedingt ansteigen, wurde hinge-
                                       führt.                                                          gen nicht unterstützt. Die erhöhte
                                                                                                       Häufigkeit von depressiven
                                       Krankhafte Depressionen waren in der                            Stimmungen bei betagten Menschen
                                       Untersuchungspopulation selten. Die                             ist weniger mit dem Alter an sich ver-
                                       Häufigkeit krankhafter Depressionen                             hängt, sondern von lebenskritischen
                                       gemäss ICD-Klassifikation betrug nur                            Ereignissen (Verwitwung, eigene
                                       2%. Häufiger als krankhafte                                     Erkrankung) abhängig. Alter und
                                       Depressionen sind depressive                                    Depression gleichzusetzen erweist sich
                                       Symptome. Auf der Basis einer                                   somit als schwerwiegender Fehler.
                                       umfangreichen Analyse vorliegender
                                       Studienergebnisse schätzt Christian                             Der im Rahmen des Genfer ‘Centre
                                       Adam 2, dass schwere Depressionen                               Interfacultaire de Gérontologie’ (CIG)
                                       im Alter ein Drittel, leichte                                   durchgeführte Zeitvergleich bei
                                       Depressionen dagegen zwei Drittel                               Genfer und Walliser AHV-
                                       aller Fälle ausmachen. In der NFP 32-                           RentnerInnen zeigte im übrigen, dass
                                       Studie wurden depressive Symptome                               depressive Symptome zwischen 1979
                                       durch die ‘Psychogeriatric                                      und 1994 an Gewicht eingebüsst
                                       Assessment Scale (PAS)’ erfasst,                                haben. So leiden heute deutlich
                                       wobei das Vorhandensein von mehr                                weniger RentnerInnen an Müdigkeit
                                       als drei depressiven Symptomen auf                              und Traurigkeit als vor 15 Jahren.3 Die
                                       ein verstärktes Risiko einer depressiven                        Gründe für das bessere psychische
                                       Erkrankung deutet. Dies war bei 4%                              Befinden bzw. die Abnahme depressi-
                                       der 65-jährigen und älteren Männer                              ver Stimmungen liegen einerseits in
                                       und bei 10% der erfassten Frauen der                            wirtschaftlichen und sozialen
                                       Fall. Der geschlechtsspezifische                                Verbesserungen, von denen heutige
                                       Unterschied blieb in der Schweizer                              Rentnerinnen profitieren können.
                                       Studie auch nach Kontrolle anderer                              Andererseits widerspiegeln sie auch
                                       Variablen bedeutsam, und er war                                 Veränderungen im sozialen


1   NFP 32-Studie: Démence, dépression, handicap et maintien des facultés cognitives chez la per-      3   Für Genf: Christian Lalive d’Epinay, Jean-François Bickel,
    sonne âgée/ Demenz, Depression, Handicap und Erhaltung kognitiver Fähigkeiten im Alter: eine           Carole Maystre, Jean-François Riand, Nathalie
    epidemiologische Untersuchung. Gesuchssteller: François R. Herrmann (Genf), Jean-Pierre Michel         Vollenwyder (1997) Les personnes âgées à Genève 1979-
    (Genf), Felix Gutzwiller (Zürich), Alexander Scott Henderson (Canberra), NF-Projekt 4032-042654,       1994. Santé, famille, réseaux d’aide et de soins, Les
    Schlussbericht, Genf 1997 (mimeo.). Dieses Projekt wurde auch von der Schweizer Alzheimer-             cahiers de la santé, No. 8, Genève: Dép. de l’action
    Vereinigung finanziell unterstützt.                                                                    sociale et de la santé., Für Wallis: Christian Lalive d’Epinay,
2   Christian Adam (1998) Depressive Störungen im Alter. Epidemiologische und soziale Bedingungen,         Carole Maystre, Hermann-Michel Hagmann, Jean-
    Weinheim: Juventa.                                                                                     François Riand, Astrid Stuckelberger (1997) Etat de santé
                                                                                                           et réseaux d’aide de la population âgée en Valais cen-
                                                                                                           tral, in: Hermann-Michel Hagmann, Jean-Pierre Fragnière
                                                                                                           (eds.) Maintien à domicile. Le temps de l’affirmation,
                                                                                                           Lausanne: Réalités Sociales: 97-120.
                                                                                    40
                                       Hintergrund, in den persönlichen                                 Protein, das im Lipidstoffwechsel eine
                                       Kompetenzen und Ressourcen sowie                                 wichtige Rolle spielt. Über die Rolle
                                       in der gesundheitlichen Situation                                des apoE-Eiweisses bei der
                                       moderner RentnerInnen.                                           Entstehung von Alzheimer wird schon
                                                                                                        seit einigen Jahren spekuliert. Schon
                                       5 Dementielle Erkrankungen                                       länger ist bekannt, dass vom ApoE-
                                                                                                        Gen drei verschiedene Varianten
                                       Psychische und kognitive Störungen                               (Allele) existieren, die als ApoE2, 3
                                       sind zwar nicht Teil des normalen                                und 4 bezeichnet werden.
                                       Alterns von Menschen, aber das                                   Genetische Studien deuten darauf
                                       Risiko hirnorganischer Erkrankungen ist                          hin, dass namentlich die Vererbung
                                       vor allem bei hochbetagten                                       des Allels ApoE4 sowohl mit einem
                                       Menschen beträchtlich. Die hirnorga-                             höheren Erkrankungsrisiko als auch
                                       nischen Störungen alter Menschen in                              mit einem früheren Einsetzen der
                                       ihren verschiedenen Formen                                       Krankheit verbunden ist. Auch die
                                       (Alzheimer-Krankheit, vaskuläre                                  NFP32-Studie stützt diese zukunftswei-
                                       Demenz, psychoorganisches Syndrom                                sende Forschungsrichtung.
                                       POS) werden seit längerem als eines
                                       der zentralen Probleme des                                       Von den untersuchten 65-jährigen
                                       Gesundheitswesens anerkannt                                      und älteren Frauen und Männer in
                                                                                                        Genf und Zürich litten gut 8% an
                                       Die in Genf und Zürich durchgeführte                             dementiellen Störungen. Sachgemäss
                                       epidemiologische Studie 1 liess erken-                           zeigte sich auch in dieser Studie eine
                                       nen, dass zwischen den beiden                                    starke Zunahme in der Häufigkeit
                                       Sprachregionen keinerlei bedeutsa-                               dementieller Erkrankungen mit stei-
                                       men Unterschiede in der Häufigkeit                               gendem Alter. Eine Umrechnung der
                                       von Demenz bestehen. Da mehr                                     Häufigkeitswerte auf die gesamte
                                       Frauen als Männer ein hohes Alter                                Schweiz lässt erkennen, dass gegen-
                                       erreichen, ist die Mehrheit dementer                             wärtig schätzungsweise über 80’000
                                       Menschen weiblichen Geschlechts. In                              RentnerInnen an hirnorganischen
                                       den untersuchten Generationen ist                                Störungen leiden. Angesichts der stei-
                                       das Bildungsniveau von Frauen                                    genden Zahl hochbetagter
                                       zudem deutlich tiefer als dasjenige                              Menschen ist in den nächsten Jahren
                                       von Männern, was insofern bedeut-                                mit einer steigenden Zahl dementer
                                       sam ist, als messbare kognitive                                  Menschen zu rechnen, was für die
                                       Defizite bei tiefer Bildung rascher auf-                         ambulante und stationäre
                                       treten. Nach statistischer Kontrolle                             Alterspflege eine enorme
                                       von Alter und Ausbildungshintergrund                             Herausforderung darstellt. So wird der
                                       erwiesen sich die geschlechtsspezifi-                            Anteil von Alters- und Pflegeheim-
                                       schen Unterschiede jedoch nicht als                              BewohnerInnen mit dementiellen
                                       bedeutsam. Dies weist darauf hin,                                Störungen weiter ansteigen, und im
                                       dass das Risiko hirnorganischer                                  Jahre 2000 dürften schätzungsweise
                                       Störungen nicht geschlechtsspezifisch                            60% aller Alters- und Pflegeheim-
                                       variiert.                                                        BewohnerInnen an hirnorganischen
                                                                                                        Störungen leiden.
                                       Dagegen war das Vorhandensein
                                       von ein oder zwei Apoe4-Markern mit                              6 Hauptresultate und Perspektiven
                                       einer 3.9fachen Risikoerhöhung von
                                       Demenz assoziiert. Damit ist ein                                 Die älteren Menschen in der Schweiz
                                       Hinweis auf eine spezifische bio-gene-                           zeichnen sich vielfach durch ein
                                       tische Komponente gegeben. Dabei                                 hohes Wohlbefinden aus. Das Alter an
                                       handelt es sich um das Gen für das                               sich führt nicht zur Reduktion des psy-
                                       Apolipoprotein E (ApoE); also um ein                             chischen Wohlbefindens. Das


1   François Herrmann, Jean-Pierre Michel, Felix Gutzwiller, A.S. Henderson (1997) Démence, dépressi-
    on, handicap et maintien des facultés cognitives chez la personne âgée, NF-Projekt 4032-042654,
    Schlussbericht, Genf: mimeo.




                                                                                     41
Sprichwort ‘Ein gesunder Geist in        beim Training von männlichen
einem gesunden Körper’ trifft vor        Strukturen ‘überrollt’ werden, sollte
allem für die unter 75-jährigen          bei Gedächtnistraining gezielter auf
Menschen zu. Dabei wird einerseits       die unterschiedlichen
deutlich, dass gesundes Altern bio-      Lernvoraussetzungen und
graphisch verankert ist, und dass für    Lernbedürfnisse von Frauen und
das persönliche Wohlbefinden weni-       Männern eingegangen werden.
ger die objektive Gesundheit als
deren subjektive Einschätzung            Krankhafte Depressionen sind auch
bedeutsam ist. Bei den über 75-jähri-    im Alter selten. Häufiger sind depressi-
gen Menschen ist das psychiche           ve Stimmungen, namentlich bei
Wohlbefinden eng mit der mentalen        Frauen. Die erhöhte Häufigkeit
Kraft verbunden, dh. einerseits mit      depressiver Stimmungen bei älteren
dem Gefühl von Kontrolle über            Menschen ist jedoch nicht mit dem
Gesundheit und Krankheit und ande-       Alter an sich verknüpft. Entscheidend
rerseits mit dem Gefühl, mit der eige-   sind vielmehr lebenskritische Ereignisse
nen Vergangenheit in Einklang zu         (Verwitwung, Tod enger FreundInnen,
sein.                                    eigene Erkrankung usw.). Im
                                         Zeitvergleich wird deutlich, dass es
Sportliche Aktivitäten und körperliche   heutigen RentnerInnen psychisch
Bewegung wirken sich eindeutig posi-     deutlich besser geht als früheren
tiv auf den Gesundheitszustand älte-     Rentnergenerationen.
rer Menschen aus. Weniger eindeutig
ist die Auswirkungen sportlicher         Hirnorganische Krankheiten sind nicht
Tätigkeiten auf das psychische           Teil des normalen Alterns von
Wohlbefinden. In einer Pilotstudie       Menschen, aber das Risiko hirnorgani-
zeigte sich, dass Training in einem      scher Erkrankungen (Demenz) nimmt
modernen, auch von jungen Leuten         mit steigendem Alter zu. Gegenwärtig
besuchten Fitness-Studio das             leiden über 80’000 RentnerInnen an
Vertrauen stärkte.                       hirnorganischen Störungen, und
                                         angesichts der steigenden Zahl hoch-
Gedächtniseinbussen werden zwar          betagter Menschen stellen dementi-
mit steigendem Alter häufiger, aber      elle Erkrankungen die ambulante und
sie sind enormen individuellen           stationäre Alterspflege vor eine enor-
Unterschieden unterworfen. Zudem         me Herausforderung. Zwar kann
werden nicht alle                        Demenz vorläufig noch nicht präven-
Gedächtnisfunktionen gleichermas-        tiv verhindert werden, aber es beste-
sen betroffen. So funktioniert die       hen zunehmend mehr medikamentö-
automatische Speicherung und             se und therapheutische Verfahren zur
Nutzung von Erfahrung bei gesunden       Verlangsamung und Linderung
alten Menschen ebenso gut wie bei        dementieller Erkrankungen.
jungen Erwachsenen. Auch im hohen        Gleichzeitig ist es zentral, dass die
Alter ist lernen möglich, wenn genü-     Würde auch dementer Menschen
gend Zeit verwendet wird und bisheri-    gewahrt bleibt.
ge Erfahrungen berücksichtigt wer-
den. Gedächtnistraining ist erfolgrei-
cher, wenn neben Lern- und
Gedächtnistechniken auch psychi-
sche und physiologische
Lernvoraussetzungen (emotionale
Einstellungen, Belebung von Tast- und
Geruchssinn usw.) einbezogen wer-
den. Um zu verhindern, dass Frauen




                            42
E) Gesundheitliches Befinden im Alter
                                        1 Demographische Alterung und                                   und Gesundheitskosten wenig mit
                                          Gesundheitskosten                                             dem Kalenderalter zu tun hat, son-
                                                                                                        dern auf das Zusammenwirken der
                                        Auf den ersten Blick ergeben sich                               mit dem Alter zunehmenden
                                        enge Beziehungen zwischen steigen-                              Sterberate und hohen, altersunab-
                                        der demographischer Alterung und                                hängigen Kosten der letzten
                                        steigenden Gesundheitsausgaben,                                 Lebensphase zurückgeht. Diese
                                        da die Mehrheit der Gesundheits-                                Betrachtungsweise relativiert die oft
                                        und Pflegekosten im Alter anfallen.                             angeführten Zusammenhänge zwi-
                                        Eine zunehmende Zahl betagter und                               schen Gesundheitskosten, Alter und
                                        vor allem hochbetagter Frauen und                               demographischer Alterung zusätzlich.
                                        Männer führt - so die Argumentation -                           Deshalb dürften sich Horrorszenarien,
                                        zu erhöhten Ausgaben für                                        welche als Folge der demographi-
                                        Gesundheit und Pflege. Faktisch geht                            schen Entwicklung eine Explosion der
                                        nur ein vergleichsweise kleiner Teil der                        Gesundheitsausgaben voraussagen,
                                        Ausgabensteigerungen im                                         als falsch erweisen.
                                        Gesundheitswesen direkt auf demo-
                                        graphische Verschiebungen zurück.                               2 Gesundheitliches Befinden älterer
                                        Schweizerische Daten lassen erken-                                und betagter Menschen
                                        nen, dass zwischen 1971 und 1991
                                        lediglich ein Fünftel der                                       Gesundheit und Krankheit im Alter
                                        Kostensteigerung in der                                         sind vielschichtige Phänomene.
                                        Krankenversicherung durch die                                   Dabei ist festzuhalten, dass die
                                        demographische Alterung verursacht                              Gleichung ‘alt=krank’ nicht zutrifft.
                                        wurde.1 Eine im Rahmen des NFP 32                               Krankheiten, Beschwerden und
                                        durchgeführte gesundheitsökonomi-                               Behinderungen werden vor allem im
                                        sche Analyse 2 zeigt, dass das Alter                            hohen Lebensalter häufiger, aber
                                        seinen Einfluss auf die                                         zumeist ist dafür nicht das Alter allein
                                        Gesundheitsausgaben verliert, wenn                              entscheidend. Ebenso wichtig sind
                                        die Restlebenszeit berücksichtigt wird.                         soziale und biographische Faktoren.
                                        Es ist primär die Nähe zum                                      Die moderne gerontologische
                                        Todeszeitpunkt, welche die                                      Forschung weist auf vier zentrale
                                        Gesundheitskosten in die Höhe treibt.                           Sachverhalte hin: Erstens ist Krankheit
                                        Die gesundheitlichen Kosten im letz-                            im Alter nicht Schicksal, sondern viel-
                                        ten Lebensjahr einer Person belaufen                            fach biographisch verankert. Zweitens
                                        sich heute schätzungsweise auf zwi-                             ist das gesundheitliche Wohlbefinden
                                        schen 25-30% aller Gesundheitskosten                            älterer Menschen stark subjektiv
                                        der Schweiz, und die Kosten der                                 geprägt. Drittens verlaufen gesund-
                                        medizinischen Betreuung von                                     heitliche Prozesse im Alter nicht linear,
                                        Todkranken übersteigen die durch-                               und die Vorstellung eines unwiderrufli-
                                        schnittlichen Gesundheitsausgaben in                            chen Abbaus der Gesundheit mit stei-
                                        der Schweiz um ein Mehrfaches. Die                              gendem Alter ist falsch. Viertens
                                        Detailanalyse liess erkennen, dass die                          bestehen selbst bei hochbetagten
                                        im letzten Lebensjahr anfallenden                               Menschen viele, bisher wenig genutz-
                                        Gesundheitskosten kaum mit dem                                  te Möglichkeiten der gesundheitli-
                                        Alter variieren. Die Kosten für das letz-                       chen Intervention und Rehabilitation.
                                        te Lebensjahr sind relativ unabhängig
                                        davon, ob jemand im Alter von 70, 80                            Gesundheitseinschätzung älterer
                                        oder 90 Jahren stirbt. Die                                      Menschen
                                        Gesundheitsökonomen Stefan Felder
                                        und Peter Zweifel schliessen aus ihrer                          Zwar nimmt mit steigendem Alter der
                                        Analyse von Krankheitskosten, dass                              Anteil von Frauen und Männer zu,
                                        der Zusammenhang zwischen Alter                                 welche ihre Gesundheit als mittelmäs-


1   Vgl. Bundesamt für Statistik (1996) Herausforderung Bevölkerungswandel. Perspektiven für die
    Schweiz, Bern:102.
2   Vgl. Peter Zweifel, Stefan Felder (Hrsg.) (1996) Eine ökonomische Analyse des Alterungsprozesses,
    Bern: Haupt-Verlag.




                                                                                     43
                                         sig oder schlecht ansehen, aber über-                               starken Unterschiede je nach
                                         raschend ist eher, wieviele ältere                                  Geschlecht. Etwas weniger als eine
                                         Menschen ihre Gesundheit positiv ein-                               von zwei Frauen ab 75 Jahren klagte
                                         schätzen. So erachteten gemäss                                      in der Gesundheitsbefragung 1992/93
                                         Schweizerischer                                                     über körperliche Beschwerden,
                                         Gesundheitsbefragung 1992/92 von                                    jedoch nur jeder vierte Mann dieses
                                         den zuhause lebenden Rentner und                                    Alters. Ein Grund liegt darin, dass
                                         Rentnerinnen im Alter von 65 bis 79                                 Frauen im Alter häufiger an langwieri-
                                         Jahren 72% ihren Gesundheitszustand                                 gen chronischen Erkrankungen (wie
                                         als gut bis sehr gut. Selbst bei den                                Rheuma, Rückenschmerzen und
                                         Hochbetagten (85 Jahre und älter)                                   Schlafstörungen) leiden als Männer.
                                         waren es noch 62%. In der                                           Andererseits wirken sich lebenslange,
                                         Schweizerischen                                                     aber auch aktuelle soziale
                                         Gesundheitsbefragung 1992/93                                        Ungleichheiten aus, und einkom-
                                         schätzten ältere und betagte Männer                                 mensschwache ältere Menschen lei-
                                         ihre Gesundheit leicht besser ein                                   den überdurchschnittlich an gesund-
                                         gleichaltrige Frauen. Ein Hauptgrund                                heitlichen Beschwerden und
                                         für den geschlechtsspezifischen                                     Behinderungen.
                                         Unterschied liegt darin, dass Frauen
                                         im Alter häufiger an körperlichen                                   Sensorische Probleme treten im höhe-
                                         Beschwerden leiden als Männer.                                      ren Lebensalter ebenfalls gehäuft auf,
                                         Gleichzeitig stuften Betagte aus der                                und sie führen teilweise zu massiven
                                         französischen Schweiz ihren                                         Einschränkungen der sozialen
                                         Gesundheitszustand schlechter ein als                               Kommunikation. Vor allem bei den
                                         die Deutschschweizer Betagten.1 Die                                 über 84-jährigen Männern und Frauen
                                         in Genf und dem Zentralwallis durch-                                sind Sehbehinderungen recht häufig.
                                         geführte Vergleichsstudie zeigte im                                 Sehbehinderungen im Alter sind
                                         übrigen, dass der Anteil älterer                                    zumeist eine Folge physiologischer
                                         Menschen, welche ihre eigene                                        Alterungsprozesse, wonach sich
                                         Gesundheit als schlecht einschätzten,                               zunächst die Elastizität der Linse - wel-
                                         zwischen 1979 und 1994 deutlich                                     che die Anpassungsfähigkeit der
                                         sank. Dagegen stieg der Anteil älterer                              Augen regelt - vermindert. Später
                                         Menschen an, welche ihre                                            kann es zu einer Linsentrübung (grau-
                                         Gesundheit als gut erachteten.2 Diese                               er Star) oder zu Glaskörpertrübungen
                                         Ergebnisse deuten an, dass sich die                                 kommen. Bei fortgeschrittener
                                         Gesundheitseinschätzung älterer                                     Trübung der Linse kann diese durch
                                         Menschen in den letzten Jahrzehnten                                 eine Kunststofflinse ersetzt werden,
                                         durchaus positiv entwickelt hat.                                    und tatsächlich gehören Star-
                                                                                                             Operationen heute zu den häufigsten
                                         Häufige gesundheitliche                                             Operationen bei betagten
                                         Beschwerden und sensorische                                         Menschen.
                                         Probleme
                                                                                                             3 Hörprobleme und
                                         Die häufigsten Beschwerden älterer                                    Einschränkungen der
                                         und betagter Menschen betreffen                                       Kommunikation
                                         Gelenkprobleme, Rückenschmerzen,
                                         Schlafstörungen sowie allgemeine                                    Auch das Nachlassen des
                                         Schwäche und Müdigkeit. Detaillierte                                Hörvermögens ist eine häufige
                                         Analysen zeigen, dass das Risiko für                                Störung bei betagten Menschen.
                                         starke körperliche Beschwerden erst                                 In vielen Fällen kann eine
                                         für die über 85jährigen Menschen sig-                               Hörbehinderung heute durch die
                                         nifikant mit dem Alter an sich ver-                                 Benützung eines Hörgeräts kompen-
                                         hängt ist. Auffallend sind einerseits die                           siert werden. Die Daten der


1   Zur Gesundheit zuhause lebender älterer Männer und Frauen, vgl. insbesondere: Theodor Abelin,
    Valerie Beer, Felix Gurtner, (Hrsg.) (1998) Gesundheit der Betagten in der Schweiz, Ergebnisse der
    Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 1992/93, Bern: Haupt.
2   Vgl. Ch. Lalive d’Epinay, C. Maystre, J.-F. Bickel, H.-M. Hagmann, J.-P. Michel, J.-F. Riand (1997) Un
    bilan de santé de la population agée. Comparaison entre deux régions de Suisse et analyse des
    changements sur quinze ans (1979-1994), Cahiers médico-sociaux, 41:109-131.




                                                                                         44
                                       Schweizerischen                                                  mit einem altersabhängigen
                                       Gesundheitsbefragung 1992/93 zei-                                Hörverlust. Im Zentrum des Interesses
                                       gen allerdings, dass nur ein Teil der                            standen die Beziehungen zwischen
                                       schwerhörigen Betagten ein Hörgerät                              dem gemessenen Hörverlust und der
                                       benützt. Die Detailanalyse macht                                 subjektiv empfundenen Behinderung.
                                       deutlich, dass in der Westschweiz                                Dem liegt die Erfahrung zugrunde,
                                       wesentlich weniger Betagte mit                                   dass gerade im Alter die tatsächli-
                                       Hörbehinderung ein Gerät verwen-                                 chen Hör- und
                                       den. Männer ohne Berufsausbildung                                Kommunikationsprobleme mit den
                                       leben ebenfalls überdurchschnittlich                             üblichen Testmethoden nur unzuläng-
                                       häufig mit einer nicht kompensierten                             lich erfasst werden, was teilweise zu
                                       Hörbehinderung. Offensichtlich spie-                             unbefriedigenden Interventionen
                                       len soziale und kulturelle Faktoren                              führt. So wird das Ausmass der funktio-
                                       eine Rolle, ob jemand bei gegebener                              nalen Beeinträchtigung
                                       Hörbehinderung ein Hörgerät verwen-                              (Sprachverständnis, Empfang anderer
                                       det.                                                             auditiver Signale, wie Telefonläuten,
                                                                                                        Klingel, Musik usw.) von der
                                       Für das Auftreten von Hörproblemen                               Lebensweise und der sozialen
                                       älterer Menschen spielen einerseits bis                          Situation mitbeeinflusst. Die Folgen
                                       heute noch nicht vollständig geklärte                            eines Hörverlustes werden somit von
                                       physiologische Alterungsprozesse im                              individuellen Faktoren (wie
                                       Bereich der Hörbahnen eine Rolle.                                Kommunikationsgeschick, emotionale
                                       Andererseits ist auch das Einwirken                              Einstellung) und von der Umgebung
                                       interner und externer Faktoren (wie                              (wie Verhalten von Familie und
                                       lebenslange Lärmbelastung, Nikotin                               Freunden) bestimmt. Die individuelle
                                       und Ernährung) von Bedeutung. Das                                Situation der Betroffenen ist deshalb
                                       klinische Bild der Altersschwerhörigkeit                         in der audiologischen Beratung und
                                       (Presbyakusis) ist charakterisiert durch                         Betreuung zu berücksichtigen.
                                       einen symmetrischen Hörverlust, ins-
                                       besondere im Hochtonbereich. Ein                                 Im Rahmen der Studie kam neben
                                       weiteres Merkmal der                                             audiologischen Messungen auch ein
                                       Altersschwerhörigkeit ist eine                                   neu entwickelter sprachaudiometri-
                                       Beeinträchtigung des                                             scher Test, der ‘Basler Satztest’, zur
                                       Sprachverständnisses, vor allem bei                              Anwendung, um die
                                       lärmigem Hintergrund. Viele                                      Beeinträchtigung der sprachlich-audi-
                                       Betroffene fühlen sich dadurch in ihrer                          tiven Kommunikation im Störlärm zu
                                       Kommunikation eingeschränkt und                                  erfassen (einfache, alltägliche Sätze
                                       ziehen sich aus ihrem gewohnten                                  wurden mit einem kontinuierlichen
                                       sozialen Beziehungsnetz zurück. Die                              Störgeräusch unterlegt). Damit wurde
                                       Folgen können ein Zusammenbruch                                  ein Problem berücksichtigt, unter dem
                                       der Kommunikation und soziale                                    vor allem ältere Menschen leiden: ein
                                       Isolation sein.                                                  reduziertes Sprachverständnis in lauter
                                                                                                        Umgebung (z.B. an einem Fest, in der
                                       Im Rahmen eines NFP 32-Projektes                                 Öffentlichkeit usw.). Die Ergebnisse
                                       wurde an der HNO-Universitätsklinik                              bei dieser Studienpopulation (109
                                       des Kantonsspitals Basel eine explora-                           Männer und 92 Frauen mit dem
                                       tive Studie bei 201 Personen im Alter                            Durchschnittsalter von 72.7 Jahren)
                                       ab 60 Jahren durchgeführt, welche                                zeigten das erwartete klassische Bild
                                       eine Hörverschlechterung wahrge-                                 eines vor allem zu den höheren
                                       nommen hatten.1 Das Ziel der Studie                              Frequenzen hin kontinuierlich abfal-
                                       war eine Bestandesaufnahme der                                   lenden Hörvermögen. Der Vergleich
                                       Kommunikationsstörungen und -                                    von objektivem Hörverlust und
                                       bedürfnisse von älteren Menschen                                 Sprachverständnis liess erkennen,


1   Vgl. S. Bertoli, R. Probst (1995) Troubles de la communication auditive liés au vieillissement,
    Médecine & Hygiène, 53/2094: 2374-2378; S. Bertoli, R. Probst, P. Jordan (1996) Das Hörhandicap -
    eine Ergänzung zum audiometrischen Hörverlust. Ergebnisse einer explorativen Studie über auditi-
    ve Kommunikationsstörungen im Alter, HNO 44: 3376-384; S. Bertoli, R. Probst.(1997) The role of
    TEOAE testing in the evaluation of elderly persons, Ear & Hearing 18: 286-293.




                                                                                     45
                                        dass ein Hörverlust von unter 30                               heitsrelevante Verhaltensweisen und
                                        Dezibel in der Regel noch keinen                               Gewohnheiten angesprochen. Im
                                        grossen Einfluss auf das alltägliche                           Rahmen der Schweizerischen
                                        Sprachverständnis ausübt. Erst bei                             Gesundheitsbefragung 1992/93 wur-
                                        einen Hörverlust von über 30 Dezibel                           den folgende Aspekte des
                                        kommt es rasch zu einer zunehmen-                              Gesundheitsverhaltens berücksichtigt:
                                        den Beeinträchtigung des                                       Ernährung, körperliche Aktivität,
                                        Sprachverständnisses.                                          Alkohol-, Tabak- und
                                                                                                       Medikamentenkonsum sowie das
                                        Dabei zeigten sich grosse Variationen                          Gewicht, da Übergewicht ein wichti-
                                        in der Wahrnehmung eines                                       ger Risikofaktor für Herz-
                                        Hörhandicaps, was belegt, dass ver-                            Kreislaufprobleme darstellt. 1
                                        schiedene Personen unterschiedlich
                                        auf einen Hörverlust reagieren. Das                            Ernährung: Es zeigte sich, dass erstens
                                        Ausmass erlebter Beeinträchtigungen                            Frauen eher auf eine gesunde
                                        wird nur zu einem Teil vom                                     Ernährung achten als Männer und
                                        Schweregrad des Hörverlusts                                    dass zweitens die älteren Menschen
                                        bestimmt, zum anderen Teil jedoch                              etwas ernährungsbewusster sind als
                                        durch Faktoren wie Persönlichkeit,                             jüngere Menschen. Die grössten
                                        Emotionalität, soziale Funktionen und                          Unterschiede zwischen den
                                        Kommunikationsbedürfnisse. Eine                                Altersgruppen zeigen sich im Konsum
                                        Abklärung, welche sich nur auf audio-                          von Fett und in der Vermeidung von
                                        logische Testresultate stützt, geht in                         Salz. Ernährungsbewusstsein wird mit
                                        rund einem Drittel der Fälle an den                            höherer Ausbildung häufiger. Eine
                                        Bedürfnissen des Patienten vorbei.                             Risikogruppe mit oft schlechten
                                        Nicht selten erhalten Patienten auf-                           Ernährungsgewohnheiten sind
                                        grund rein audiologischer Tests ein                            namentlich alleinlebende betagte
                                        Hörgerat angepasst, dass anschlies-                            Männer. Im Gegensatz dazu achten
                                        send in der Schublade verschwindet,                            betagte alleinlebende Frauen eher
                                        wogegen andere Patienten, welche                               auf eine gesunde Ernährung.
                                        über Probleme in der alltäglichen
                                        Kommunikation klagen, mit Hinweis                              Übergewicht: Generell leiden ältere
                                        auf nur leichte Hörverluste vertröstet                         und betagte Menschen häufiger
                                        werden. Eine wichtige Voraussetzung                            unter Übergewicht als jüngere
                                        für die Akzeptanz therapeutischer                              Menschen, und um die 50% der
                                        oder rehabilitativer Massnahmen ist                            Rentner und 38% der Rentnerinnen in
                                        bei Hörproblemen weniger der objek-                            Privathaushaltungen erweisen sich als
                                        tive Verlust als die Wahrnehmung                               übergewichtig. Eigentlich fettsüchtig
                                        funktionaler Einschränkungen. Aus                              ist allerdings nur rund jede zehnte
                                        diesem Grund sollten audiologische                             ältere Person. Übergewicht ist eben-
                                        Abklärungen durch einen                                        falls eng mit sozialen Faktoren ver-
                                        Hörhandicap-Fragebogen ergänzt                                 hängt, und mit steigender Ausbildung
                                        werden, und tatsächlich ist vorgese-                           sinkt der Anteil übergewichtiger älte-
                                        hen, den im Projekt entwickelten                               rer Menschen.
                                        Hörhandicap-Fragebogen als festen
                                        Bestandteil der Hörgeräte-Expertisen                           Körperliche Aktivitäten sind auch in
                                        für die IV und AHV einzusetzen.                                späteren Lebensjahren gesundheits-
                                                                                                       fördernd; sei es, dass damit Überge-
                                        4 Zum Gesundheitsverhalten älterer                             wicht vermieden wird; sei es, dass kör-
                                          Menschen                                                     perliches Training einen Kraftzuwachs
                                                                                                       bringt. Der gesundheitliche und
                                        Mit dem Begriff ‘Gesundheits-                                  präventive Wert vor allem eines dyna-
                                        verhalten’ werden diverse gesund-                              mischen Ausdauertrainings - welches


1   Dazu vgl. insbesondere: Th.Abelin, V. Beer, F. Gurtner (Hrsg.) (1998) Gesundheit der Betagten in
    der Schweiz, Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 1992/93, Bern: Haupt:
    51ff.




                                                                                      46
                                         durch einen dauernden Wechsel von                                   Tabakkonsum: Auch beim
                                         Anspannung und Erschlaffung der                                     Tabakkonsum zeigen sich deutliche
                                         Muskulatur gekennzeichnet ist - wird                                Unterschiede zwischen den
                                         allgemein anerkannt.1                                               Geschlechtern: 24% der Rentner und
                                         Erwartungsgemäss reduziert sich die                                 8% der Rentnerinnen rauchen, davon
                                         Häufigkeit körperlicher Aktivitäten in                              5% bzw. 2% 20 oder mehr Zigaretten
                                         den höheren Altersgruppen.                                          pro Tag. Während die älteren
                                         Allerdings widerspiegelt die abneh-                                 Nichtraucherinnen mit 80% klar die
                                         mende Häufigkeit sportlicher bzw.                                   Mehrheit bilden, überwiegen bei den
                                         körperlicher Aktivitäten mit steigen-                               Männern die Ex-Raucher (49%). Das
                                         dem Alter nicht nur einen Effekt des                                Rauchverhalten vieler älterer
                                         Alters (vermehrte Behinderungen und                                 Menschen hat sich im Verlauf ihres
                                         gesundheitliche Einschränkungen,                                    Lebens gewandelt: Viele der heuti-
                                         welche die Mobilität einschränken                                   gen RentnerInnen haben in ihrer
                                         usw.), sondern auch einen                                           Jugend und ihrem frühen
                                         Generationenwandel: Viele ältere                                    Erwachsenenalter geraucht, sie sind
                                         Menschen treiben weniger Sport als                                  jedoch dank besserer Aufklärung
                                         jüngere Menschen, weil in diesen                                    über die Gefahren des Rauchens in
                                         Generation Sport bereits in ihrer                                   späteren Lebensjahren zu
                                         Jugend weniger üblich war. Wie bei                                  Nichtrauchern geworden.
                                         anderen Aspekten des
                                         Gesundheitsverhaltens zeigten sich                                  Das Risiko von Herz-
                                         1992/93 deutliche Zusammenhänge                                     Kreislaufkrankheiten, Lungenkrebs
                                         mit der allgemeinen sozialen Lage,                                  uam. ist stark verhaltensabhängig.
                                         und ältere Menschen mit höherer                                     Damit besteht bei vielen Ursachen
                                         Ausbildung und höherem Einkommen                                    eines vorzeitigen Todes ein grosses
                                         betätigen sich vermehrt körperlich.                                 präventives Potential. Nach Ansicht
                                                                                                             von Forschern sind bis zu 70% der
                                         Alkoholkonsum: Während bei den                                      Krankheiten durch ein tabakloses und
                                         Rentnern der Anteil der Abstinenten                                 ernährungsbewusstes Leben vermeid-
                                         klein (9%) und derjenigen hoch ist                                  bar. Dass Frauen im Durchschnitt
                                         (44%), die mindestens einmal pro Tag                                gesundheitsbewusster leben als
                                         Alkohol konsumieren, so gibt es bei                                 Männer ist eine wichtige Ursache für
                                         den Rentnerinnen mehr                                               ihre höhere Lebenserwartung.
                                         Abstinentinnen (32%) und weniger sol-
                                         che, die mindestens einmal pro Tag                                  Medikamentenkonsum: Der Konsum
                                         Alkohol konsumieren (18%).                                          von Medikamenten steigt mit dem
                                         Zusatzfragen bei den unter 75-jähri-                                Alter signifikant an. Bis zum Alter von
                                         gen Befragten liessen erkennen, dass                                80 Jahren werden vor allem
                                         1992/93 um die 12% der 65-74-jähri-                                 Herz/Blutdruck-Medikamente benützt,
                                         gen Männern mit massiven                                            gefolgt von Schlaf-/Beruhigungs- und
                                         Alkoholproblemen zu kämpfen hat-                                    Schmerz-/Rheumamitteln sowie
                                         ten, gegenüber nur 2% der gleichaltri-                              Vitamin- und Stärkungsmitteln. Ab
                                         gen Frauen. Bei beiden                                              dem Alter von 80 Jahren stehen
                                         Geschlechtern variiert der                                          Schlaf-/Beruhigungs- und
                                         Alkoholkonsum je nach Sprachregion.                                 Schmerzmittel an erster Stelle. Zudem
                                         So ist der Anteil von Rentnern und                                  ist bei den über 85-jährigen Männern
                                         Rentnerinnen, welche täglich alkoho-                                und Frauen eine deutliche Zunahme
                                         lische Getränke konsumieren, in der                                 im Gebrauch von Vitamin- und
                                         Westschweiz und im Tessin deutlich                                  Stärkungsmitteln festzustellen. Hoher
                                         höher als in der Deutschschweiz.                                    Medikamentenkonsum bei zuhause
                                                                                                             lebenden betagten Menschen wurde
                                                                                                             auch in anderen NFP 32 Projekten


1   Zum Sport im Alter vgl. M.-J. Manidi Faes (1998) Le sport tout au long de la vie. Trajectoires sporti-
    ves de seniors du canton de Genève, Lausanne: Réalités Sociales.




                                                                                          47
                                        festgestellt. So nahmen bloss 13% der                           Die Frage, ob heutige Betagte zuviele
                                        im Rahmen der interdisziplinären                                Medikamente konsumieren, ist nicht
                                        Basler Längsschnittstudie befragten                             generell zu beantworten.
                                        Männer und Frauen überhaupt keine                               Medikamente können sowohl Teil der
                                        Medikamente zu sich, obwohl es sich                             Lösung als auch Teil des Problems
                                        bei dieser Studienpopulation um eine                            sein. Die Schweizerische
                                        gesundheitlich positive Auswahl von                             Gesundheitsbefragung 1992/93 deu-
                                        betagten Menschen handelte. 12%                                 tet allerdings auf eine teilweise zu
                                        benützten gelegentlich ein                                      häufige Medikamentenverschreibung
                                        Medikament, und die übrigen 75%                                 hin. Insbesondere werden in der
                                        nahmen regelmässig ein oder mehre-                              Schweiz bei Betagten und dort spezi-
                                        re Medikamente ein. Die im Rahmen                               ell bei Frauen übermässig Schlaf- und
                                        des EIGER-Projekts durchgeführte                                Beruhigungsmittel verschrieben. Auf
                                        Ersterhebung (1993-94) bei 791 zuhau-                           der anderen Seite weisen Ergebnisse
                                        se lebenden Männern und Frauen im                               der EIGER-Studie auf eine mögliche
                                        Alter von 75 Jahren und älter ergab                             Unterbehandlung depressiver
                                        für die Region Bern beim                                        Symptome bei älteren Männern hin.
                                        Medikamentenkonsum ebenfalls
                                        hohe Werte, und im Durchschnitt kon-                            5 Ausmass des Hilfebedarfs und
                                        sumierten diese betagten Personen                                 ungedeckte Bedürfnisse 2
                                        3.8 Medikamente (mit einer Streuung
                                        zwischen 0 bis 20 Medikamenten).                                Beschwerden und Einflüsse, die bei
                                        Davon waren durchschnittlich 2.7                                Betagten Probleme verursachen: 40%
                                        Medikamente (Streuung 0-12                                      bis über 50% der älteren Bevölkerung
                                        Medikamente) rezeptpflichtig und 1.1                            erwähnen Gelenkschmerzen. An
                                        Medikamente (Streuung 0-8                                       nächster Stelle folgen
                                        Medikamente) nicht rezeptpflichtig.                             Rückenbeschwerden bei über 15%
                                        Der Anteil von zuhause lebenden 75-                             der Frauen und 10% der Männer über
                                        jährigen und älteren Menschen, wel-                             65 Jahren. Von Schlafstörungen sind
                                        che gleichzeitig mehr als 5                                     rund 17% der älteren Frauen und 8%
                                        Medikamente einnahmen bzw. ein-                                 der älteren Männer betroffen. Ihre
                                        nehmen mussten, war beträchtlich                                Häufigkeit steigt mit dem Alter an und
                                        (23% bei den Männern, 17% bei den                               erreicht bei Männern und Frauen
                                        Frauen. In allen für die Schweiz durch-                         über 85 Jahren 20%.
                                        geführten Studien zeigen sich beim
                                        Medikamentenkonsum klare                                        12% der Frauen und 6% der Männer
                                        geschlechtsspezifische Unterschiede,                            von 65-74 Jahren berichten über
                                        und Frauen konsumieren mehr                                     Unfälle, die sie in den vorangegange-
                                        Medikamente als gleichaltrige                                   nen 12 Monaten im Haus und Garten
                                        Männer. Die Detailanalyse der EIGER-                            erlitten haben. Somit sind solche
                                        Ersterhebung liess bei Frauen insbe-                            Unfälle häufiger als im Verkehr, beim
                                        sondere einen hochsignifikanten                                 Sport oder bei der Arbeit.
                                        Mehrkonsum von
                                        Vitaminen/Mineralien sowie von                                  10% der älteren Frauen und 3% der
                                        Benzodiazepinen (zur Bekämpfung                                 älteren Männer haben wegen
                                        von Angstsymptomen) und nicht-                                  Schwindel Einschränkungen oder
                                        steroidalen Entzündungshemmern                                  Stürze erlitten (was auch auf den häu-
                                        erkennen. 1 Benzodiazepine, insbeson-                           figen Konsum von Schlaf- und
                                        dere langwirksame Präparate, sind im                            Beruhigungsmitteln zurückzuführen
                                        Alter mit einem erhöhten Risiko der                             ist).
                                        Sturzgefährdung und der
                                        Beeinträchtigung der kognitiven                                 Mit steigendem Alter nehmen
                                        Funktion verbunden.                                             Belästigungen durch den


1   Vgl. A.E. Stuck, B.D. Gloor, D.H. Pfluger et al. (1995) Geschlechtsunterschiede im
    Medikamentenkonsum bei über 75jährigen Personen zu Hause: Eine epidemiologische
    Untersuchung in Bern, Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 28: 394-400.
2   Quelle: Theodor Abelin, Valerie Beer, Felix Gurtner (Hrsg.) (1998) Gesundheit der Betagten in der
    Schweiz, Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 1992/93, Bern: Haupt.




                                                                                      48
Strassenverkehr stark zu, wobei sowohl    denen diese Frage untersucht wer-
bei den älteren Männern als auch bei      den konnte, ist bei 1.7% der Männer
den Frauen Verkehrslärm mit rund 40%      und 4.8% der Frauen ein ungedeckter
und Verkehrsabgase mit über 20%           Hilfebedarf vorhanden. Bezogen auf
häufiger genannt werden als in ande-      diejenigen, die Hilfe benötigen,
ren Altersstufen.                         waren es eine auf vier Frauen (25.9%)
                                          und einer auf acht Männer (12.6%).
Hilfsbedürftigkeit: Es sind vor allem     Das Risiko eines ungedeckten
funktionale Einschränkungen in der        Hilfebedarfs steigt mit dem Alter an.
Fähigkeit, sich selber an- und auszu-     Es ist höher bei Personen, die ohne
ziehen, allein essen zu können oder       PartnerIn leben sowie bei Betagten
selber aufzustehen, welche zur            mit mittlerer oder geringer
Hilfsbedürftigkeit betagter Menschen      Ausbildung. Insgesamt ergeben sich
führen. Eine Hochrechnung auf die         hochgerechnet auf die ganze
ganze Schweiz ergibt, dass 1992/93        Schweiz über 30’000 ältere Menschen
gut 3% der AHV-RentnerInnen, wel-         mit einem ungedeckten Hilfebedarf,
che in ihrem eigenen Haushalt leb-        von denen über 10’000 65-74-jährig,
ten, bei einer dieser grundlegenden       16’000 75-84-jährig und über 5’000 85-
Tätigkeiten des Alltagslebens auf Hilfe   jährig oder älter sind. Der grösste Teil
angewiesen waren. Ein Drittel dieser      des ungedeckten Bedarfs betrifft
hilfsbedürftigen Betagten lebte allein.   Haushaltshilfen, welche durch das
                                          aktuelle Sozial- und
Werden zusätzlich kognitive               Krankenversicherungssystem nicht
Behinderungen (z.B. aufgrund von          vergütet werden.
Demenz) berücksichtigt, waren
1992/93 in der Schweiz rund 7.7% der      Genügend und ungenügend genutz-
zuhause lebenden ältereren                te Möglichkeiten: Ein positiver Befund
Menschen (65 Jahre und älter) in kör-     der Studie ist, dass bei fast allen
perlicher und/oder kognitiver Hinsicht    Schweizern und Schweizerinnen von
bei grundlegenden Aktivitäten des         mehr als 65 Jahren (99.6%) schon min-
Alltagslebens von der Hilfe anderer       destens einmal der Blutdruck gemes-
Personen abhängig. Dies waren             sen worden ist, und bei über 80%
1992/93 hochgerechnet schätzungs-         wurde er in den letzten 12 Monaten
weise 70’000 AHV-RentnerInnen.            erfasst. Damit wird die schweizerische
                                          Bevölkerung durch diese für die Herz-
Unter Berücksichtigung der in institu-    Kreislaufprävention wichtige
tionellen Haushalten wohnenden            Massnahme gut erreicht.
älteren und betagten Menschen
(1990 knapp 75’000 Personen) lässt        Allerdings zeigen andere Studien - ins-
sich festhalten, dass zwischen 10% bis    besondere das Berner EIGER-Projekt -
14% der 65-jährigen und älteren           dass nur bei einem Teil der älteren
Bevölkerung unter erheblichen funk-       Menschen, bei denen ein erhöhter
tionalen Behinderungen leiden. In         Blutdruck festgestellt wurde, dieser
absoluten Zahlen handelt es sich          auch wirksam behandelt wird. Für
gegenwärtig (1999) um zwischen            eine optimale Vorbeugung von
110’000 bis 127’000 Menschen. Um          Hirnschlägen und anderen Folgen
die Hälfte dieser in erheblichem          eines erhöhten Blutdrucks sollte die
Masse behinderten älteren und             Behandlung der Hypertonie, nicht
betagten Menschen lebt weiterhin          zuletzt durch Massnahmen zur
zuhause.                                  Gewichtskontrolle, wirksamer gestal-
                                          tet werden.
Ungedeckte Bedürfnisse: Unter den
Deutschschweizer AHV-Rentner, bei         Ungenützt bleiben oft auch die




                             49
Möglichkeiten zur Verbesserung der        re, betagtenspezifische Massnahmen
Hörqualität. So verfügen rund ein         in den Vordergrund rücken:
Viertel der älteren Männer und            a) betagtenspezifische Prävention:
Frauen, die eine Hörbehinderung auf-          das präventive geriatrische
weisen, über kein Hörgerät (obwohl            Assessment: Möglichkeiten für eine
die Benützung von Hörgeräten positiv          Prävention von Krankheiten und
zur Lebensqualität Hörbehinderter             Behinderungen im Alter liegen vor.
beiträgt). Von praktischer Bedeutung          Dies betrifft vor allem die
ist, dass in der Romandie der Anteil          Früherkennung von alterstypischen
der hörbehinderten Betagten, die              Beschwerden, Behinderungen und
über kein Hörgerät verfügen, dreimal          ungünstigen Lebensumständen
höher ist als in deutschsprachigen            und deren situationsgerechten
Schweiz.                                      Korrektur. Situationen, in denen
                                              eine solche präventiv einsetzende
Auf der anderen Seite lassen sich bei         Hilfe nützlich sein kann, sind weit
älteren Menschen auch Probleme                verbreitet.
einer Überversorgung beobachten.          b) empfohlene präventivmedizinische
So werden in der Schweiz bei                  Leistungen: Verschiedene auch in
Betagten und dort speziell bei Frauen         anderen Alters- oder
übermässig viele Schlaf- und                  Risikogruppen durchgeführte
Beruhigungsmittel verschrieben.               Präventivmassnahmen sollten im
Problematisch ist, dass das                   Alter weitergeführt werden. Dazu
Vorkommen von Schwindel und des-              gehören die Erfassung und
sen gefährlichen Folgen (Stürze) bei          Behandlung von erhöhtem
Konsumenten von Schlaf- und                   Blutdruck, Brustuntersuchungen
Beruhigungsmittel um 60% höher ist als        (die Mammographie jedoch nur
bei Nichtkonsumenten. Eine wichtige           im Alter von 50 bis 70 Jahren), die
Massnahme wurde kürzlich bereits              Grippeimpfung, die Beratung inbe-
getroffen, indem seit dem 1. Juli 1996        zug auf Ernährung,
unter dem teilrevidierten                     Raucherentwöhnung, Alkohol und
Betäubungsgesetz die                          Medikamente. Die präventivmedi-
Benzodiazepine unter verschärfter             zinische Betreuung der älteren
Rezeptpflicht stehen. Ein weiterer            Bevölkerung der Schweiz kann
Ansatz könnte darin bestehen, über            noch deutlich verbessert werden.
die Weiter- und Fortbildung aller Ärzte   c) falsch angebrachte präventive
(nicht nur der Hausärzte, sondern             Leistungen: Wie unsystematisch
auch der Spital- und Spezialärzte) die        die präventivmedizinische
Verschreibungspraxis zu ändern.               Betreuung in der Schweiz ist, zeigt
                                              sich nicht allein in einer ungenü-
Prävention im Alter: Nützliches und           genden Durchführung empfohle-
Überflüssiges: Mit der Aufnahme von           ner Massnahmen, sondern auch in
Art. 26 des neuen                             der häufigen Durchführung von
Krankenversicherungsgesetzes ist die          Massnahmen, deren Wirksamkeit
Honorierung präventiver Leistungen in         nicht erwiesen ist und die zumin-
der ärztlichen Praxis oder durch              dest im Alter nicht empfohlen wer-
andere geeignete Berufe eingeführt            den. Dazu gehört die
worden. Dabei muss man sich im                Cholesterinmessung, die nur zur
Klaren sein, dass Prävention im Alter         Abklärung besonderer
zwar Vieles mit der Prävention in             Risikosituaionen sinnvoll erscheint.
früheren Lebensjahren gemeinsam               Trotzdem zeigt sich, dass bei über
hat, dass aber gewisse Massnahmen             85% der über 65-jährigen Personen
der Prävention im höheren Alter nicht         bereits mindestens einmal eine
mehr angezeigt sind, während ande-            Cholesterinmessung vorgenom-




                            50
                                             men wurde, und dass diese sogar                              ten Frauen und Männern in zwei
                                             im hohen Alter weiterhin erfolgen.                           Kantonen (Genf und Wallis) gezielt
                                             Auch Prostata-Untersuchungen als                             untersucht. Untersucht wurden 253
                                             ‘Screening’-Untersuchung werden                              PatientInnen im Durchschnittsalter
                                             bei älteren Männern nicht emp-                               von 82 Jahren, welche 1995 wegen
                                             fohlen, doch berichten 30-33% der                            einer Schenkelhalsfraktur hospitalisiert
                                             65-84-jährigen Männer über innert                            worden waren. 1
                                             der vergangenen 12 Monate
                                             durchgeführte Prostata-                                      Da Frauen nicht nur länger leben als
                                             Untersuchungen. Schliesslich                                 Männer, sondern auch häufiger an
                                             berichten in der Romandie fast                               Osteoporose leiden, ist es nicht ver-
                                             15% der über 65-jährigen Frauen,                             wunderlich, dass der Anteil von
                                             dass bei ihnen innert 12 Monaten                             Frauen mit 85% sehr hoch lag. In über
                                             eine Mammographie durchgeführt                               70% der Fälle erfolgte die
                                             worden sei. Auch hier scheint es                             Schenkelhalsfraktur zuhause; in fast
                                             sich grossenteils um                                         60% der Fälle als Folge eines Sturzes.
                                             Screeninguntersuchungen bei feh-                             Bei vielen betroffenen PatientInnen
                                             lenden Verdachtsmomenten zu                                  verursachte bzw. verstärkte die
                                             handeln, was in diesem Alter nicht                           Schenkelhalsfraktur sowohl depressive
                                             den Empfehlungen entspricht.                                 Symptome als auch Ängstlichkeit.
                                                                                                          Signifikante Anstiege depressiver
                                        6 Unfallbedingte Behinderung:                                     Symptome und der Ängstlichkeit
                                          Betagte nach einer                                              ergaben sich vor allem in den ersten
                                          Schenkelhalsfraktur                                             drei Monaten nach der Fraktur.
                                                                                                          Sachgemäss war die depressive
                                        Aufgrund von Knochenbrüchigkeit                                   Verstimmung bei PatientInnen, wel-
                                        (Osteoporose) ist die Gefahr einer                                che ihre vorgängige Mobilität nicht
                                        Schenkelhalsfraktur im Alter recht                                mehr erlangten, besonders ausge-
                                        hoch, namentlich bei Frauen. Das                                  prägt. Der Anstieg depressiver
                                        Risiko einer solchen Fraktur ist speziell                         Symptome nach einer
                                        bei betagten Personen ausgeprägt,                                 Schenkelhalsfraktur kann direkt als
                                        welche unter Schwindelgefühlen lei-                               Folge der Fraktur interpretiert werden,
                                        den. Von praktischer Bedeutung ist,                               wogegen die These, dass depressive
                                        dass Betagte, die täglich ärztlich ver-                           Symptome zu einem verstärkten Risiko
                                        ordnete Schlaf- oder                                              einer Schenkelhalsfraktur beitragen,
                                        Beruhigungsmedikmente konsumie-                                   verneint werden muss.
                                        ren, häufiger Schwindel aufweisen
                                        und damit häufiger von dessen                                     Nach drei Monaten hatten 42% der
                                        Konsequenzen (Einschränkungen,                                    überlebenden PatientInnen ihre vor-
                                        Stürze) berichten.                                                herige Mobilität wieder erlangt. Nach
                                                                                                          einem Jahr waren es 49% der überle-
                                        Aufgrund steigender                                               benden Personen. Ein Drittel verblieb
                                        Lebenserwartung dürfte die                                        auch ein Jahr später bettlägrig oder
                                        Häufigkeit von Schenkelhalsfrakturen                              auf einen Rollstuhl angewiesen. Von
                                        weiter zunehmen. Häufig haben sol-                                den ursprünglich zuhause lebenden
                                        che Sturzverletzungen bei Betagten                                PatientInnen musste fast ein Fünftel
                                        langwierige soziale Konsequenzen                                  innert einem Jahr in ein Alter- und
                                        (Unterbruch des normalen                                          Pflegeheim wechseln.
                                        Alltagslebens, soziale Desintegration,
                                        Heimeinweisung). Im Rahmen einer                                  Es zeigen sich somit sowohl
                                        NFP 32-Studie wurden die gesundheit-                              Rehabilitationschancen als auch
                                        lichen und sozialen Auswirkungen                                  grosse Risiken. Entscheidend für eine
                                        einer Schenkelhalsfraktur bei betag-                              erfolgreiche Rehabilitation der


1   Vgl. M.-P.Limagne, J.-P. Michel, et al. (1997) La fracture du col du fémur chez la personne âgée:
    De l’impact de la santé psychique sur la réhabilitation, Cahiers médico-sociaux, 41: 149-160; J.-P.
    Michel, M. Bruchez, C. Bayard, J. Morisod (1998) La fracture du col du femur: Cause de rupture
    du parcours de vie et de desintegration contextuelle, FNRS-Requête No. 4032-35680, Rapport
    final, Genève: HUG (mimeo.).




                                                                                       51
Mobilität nach einem                      7 Hauptresultate und Perspektiven
Schenkelhalsbruch sind vor allem die
ersten drei Monate. Die                   Gesundheitsökonomische Analysen
Rehabilitationschancen sind erwar-        lassen erkennen, dass der
tungsgemäss bei jüngeren                  Zusammenhang zwischen demogra-
PatientInnen höher. Auch das Fehlen       phischer Alterung und steigenden
vorgängiger Frakturen und                 Gesundheitskosten schwächer ist, als
Hospitalisierungen ist mit guten          oft angenommen. Gerontologische
Heilungschancen assoziiert.               Studien zeigen gleichzeitig, dass die
Gleichzeitig sind die                     Gleichung ‘alt=krank’ in dieser allge-
Rehabilitationschancen verheirateter      meinen Form nicht zutrifft. Eine grosse
PatientInnen deutlich höher als bei       Mehrheit der älteren und betagten
unverheirateten Personen (was wahr-       Menschen schätzt ihre Gesundheit als
scheinlich mit ihrer Betreuung zusam-     positiv ein. Auffallend sind dabei
menhängt). Hingegen erwiesen sich         geschlechtsspezifische und soziale
das Geschlecht, der Typ von               Unterschiede. So leiden Frauen im
Frakturen sowie die subjektiven           Alter häufiger an langwierigen chroni-
Gesundheitsindikatoren in dieser          schen Erkrankungen als Männer, und
Studie nicht als eindeutige               einkommensschwache Betagte lei-
Prädiktoren der                           den häufiger an gesundheitlichen
Rehabilitationschancen nach drei          Beschwerden als gutsituierte Betagte.
Monaten. Erst später, nach einem
Jahr, waren subjektive                    Hörprobleme im hohen Alter sind häu-
Gesundheitsindikatoren und                fig. Allerdings benützt nur ein Teil der
Mobilitätsstatus (Mobilität wiederer-     schwerhörigen Betagten ein
langt versus weiterhin immobil) stärker   Hörgerät, und eine spezifische Studie
verhängt. Dabei sind wechselseitige       zeigt, dass Personen sehr unterschied-
Verknüpfungen zu erwarten, indem          lich auf einen Hörverlust reagieren.
schlechte Heilungschancen das             Faktoren wie Persönlichkeit,
Gefühl schlechter Gesundheit verstär-     Emotionalität und
ken, wie umgekehrt eine positive          Kommunikationsbedürfnisse bestim-
Gesundheitsorientierung die               men mit, wie ältere Menschen mit
Heilungschancen erhöht. Dasselbe          Hörverlusten umgehen. Abklärungen,
gilt für die festgestellten Beziehungen   welche sich nur auf audiologische
zwischen Rehabilitationschancen und       Testresultate stützen, gehen deshalb
depressiven Symptomen: Einerseits         in einem Drittel der Fälle an den
verstärken schlechte Chancen die          Bedürfnissen der Betroffenen vorbei.
depressive Stimmung, andererseits
reduzieren depressive Symptome die        Auch bei einer Schenkelhalsfraktur
Chancen einer Rehabilitation. In          werden die Chance einer erfolgrei-
jedem Fall wird deutlich, dass neben      chen Rehabilitation
medizinischen Faktoren auch psychi-       (Wiederherstellung der Mobilität)
sche und soziale Faktoren den rehabi-     neben medizinischen Faktoren auch
litativen Prozess nach einer Fraktur      durch psychische und soziale
bestimmen. Dies bedeutet, dass bei        Faktoren bestimmt. Dies bedeutet,
der Entscheidung über                     dass bei der Entscheidung über
Behandlungsformen und operative           Behandlungsformen die individuelle
Interventionen die individuelle           Ausgangslage älterer und betagter
Ausgangslage der betroffenen              Menschen zu berücksichtigen ist. Das
Personen zu berücksichtigen ist           chronologische Alter allein sollte hin-
(wobei das Alter nur ein Kriterium        gegen höchstens subsidär gewichtet
unter vielen anderen sein sollte).        werden.




                            52
Die Gesundheit im Alter wird stark
durch früheres und aktuelles
Gesundheitsverhalten bestimmt.
Schlechte Ernährungsgewohnheiten,
Übergewicht, mangelhafte körperli-
che Aktivitäten, übermässiger
Alkoholkonsum und Tabakkonsum
beeinflussen das Krankheitsrisiko im
Alter enorm. Bis zu siebzig Prozent der
Krankheiten im Alter wären durch ein
tabakloses und ernährungsbewusstes
Leben vermeidbar. Dass Frauen häufi-
ger gesundheitsbewusst leben als
Männer ist eine wichtige Ursache für
ihre höhere Lebenserwartung.

Unter Berücksichtigung der in institu-
tionellen Haushalten wohnenden
älteren und betagten Menschen lässt
sich festhalten, dass zwischen 10% bis
14% der 65-jährigen und älteren
Bevölkerung unter erheblichen funk-
tionalen Behinderungen leiden. In
absoluten Zahlen handelt es sich
damit gegenwärtig (1999) um zwi-
schen 110’000 bis 127’000 Menschen.
Um die Hälfte dieser in erheblichem
Masse behinderten älteren und
betagten Menschen lebt weiterhin
zuhause.

Trotz Ausbau der gesundheitlichen
Grundversorgung und der ambulan-
ten Pflege besteht immer noch für
nicht wenige betagte Menschen ein
ungedeckter Hilfebedarf. Insgesamt
betrifft dies hochgerechnet auf die
ganze Schweiz um die 30’000 ältere
Menschen. Der grösste Teil des unge-
deckten Bedarfs betrifft
Haushaltshilfen.




                            53
F) Behandlungs- und Pflegeformen für betagte Menschen
                   Die enormen individuellen                Gleichgewicht von Geben und
                   Unterschiede des Alterns weisen in       Nehmen verschiebt sich zu einem
                   die Richtung einer starken               Ungleichgewicht, und früher altbe-
                   Gestaltbarkeit menschlichen Alterns.     kannte Persönlichkeitszüge des
                   Das Altern ist nicht ein Prozess, der    Partners, der Partnerin, der Mutter
                   einfach schicksalshaft geschieht, son-   oder des Vaters werden von der
                   dern ein Prozess, welcher in starkem     Krankheit überlagert. Symptome der
                   Masse gesellschaftlich und individuell   Demenz, wie Depression, Aggression,
                   beeinflussbar ist (wenn auch immer       Angst, Unruhe, Tag-Nachtumkehr,
                   unter Berücksichtigung der               Halluzinationen usw. sind eine weitere
                   Begrenzung jeden menschlichen            Belastung für Patienten und
                   Lebens). Im Alter bestehen beträchtli-   Angehörige. Dabei kann das
                   che Potentiale und kaum ausge-           Sozialleben von Angehörigen einge-
                   schöpfte Handlungsmöglichkeiten; sei     schränkt werden, vor allem, wenn
                   es zur Mobilisierung der Ressourcen      eine Betreuung rund um die Uhr not-
                   und Kompetenzen von Menschen in          wendig ist. Demenz ist häufig eine
                   der nachberuflichen Phase; sei es zur    Krankheit, welche nicht nur den
                   Vorbeugung und Verhinderung von          betroffenen Patienten berührt, son-
                   negativen Alternsprozessen. Die          dern ganze Familiensysteme verän-
                   Möglichkeiten diverser, teilweise        dert.
                   neuer Behandlungs- und
                   Pflegeformen wurden im Rahmen            Angehörige pflegen einen dementen
                   diverser NFP 32-Studien genauer          Patienten häufig solange, bis die
                   untersucht.                              Belastung ihre Kräfte übersteigt.
                                                            Damit steigt das Risiko, dass auch die
                   1 Familiale Pflege dementer              betreuenden Angehörigen erkranken.
                     Angehöriger                            Emotionale Störungen mit
                                                            Symptomen von Angst, Depression
                   Die überwiegende Mehrheit der            und Erschöpfung sind bei pflegenden
                   dementen PatientInnen                    Angehörigen häufig. Es ist deshalb
                   (Alzheimerkranke und andere              zentral, die Probleme zu ermitteln,
                   Demenzformen) wird zuhause von           welche pflegende Angehörige bela-
                   ihren Angehörigen (hauptsächlich         sten und nach Lösungen zu ihrer
                   Partnerin, Partner, Töchter,             Entlastung zu suchen. Dies ist auch
                   Schwiegertöchter) betreut. Die           sozialpolitisch bedeutsam, da nur ein
                   Betreuung eines dementen Patienten       bedürfnisgerechtes, unterstützendes
                   erfordert ein äusserst intensives        Hilfsangebot eine vorzeitige
                   Engagement, und sie kann die - häu-      Heimeinweisung von
                   fig selbst betagten - Partnerinnen und   Demenzpatienten verhindert. Studien
                   Partner an die Grenzen ihrer             zeigen, dass psychosoziale
                   Belastbarkeit drängen. Der fortschrei-   Massnahmen (etwa im Rahmen einer
                   tende Verlauf dementieller               Memory-Klinik) eine Heimplazierung
                   Erkrankungen bringt es mit sich, dass    verzögern oder sogar verhindern kön-
                   Angehörige sich immer wieder auf         nen.
                   veränderte Situationen anpassen
                   müssen. Der demente Mensch büsst         Im Rahmen des NFP 32 wurden zwei
                   immer mehr seine geistigen               Studien über die Belastungen und
                   Fähigkeiten und seine                    Bedürfnisse von Angehörigen zuhause
                   Unabhängigkeit im Alltag ein. Damit      lebender Demenzpatienten durchge-
                   ändert sich auch die Beziehung zwi-      führt. Zum einen wurden in einer von
                   schen einem pflegenden                   Denise Meier und Doris Ermini-
                   Angehörigen und einem dementen           Fünfschilling organisierten Studie
                   Partner. Das partnerschaftliche          Angehörige aus Basel interviewt, die




                                               54
                                          zuhause einen älteren                                              Freiheit häufig erwähnt. Oft mussten
                                          Demenzpatienten oder eine ältere                                   die Angehörigen auf ein eigenes
                                          Demenzpatientin pflegten. Zum                                      Sozialleben, auf Hobbys und
                                          anderen führten Cristina Molo-                                     Vergnügen, aber auch auf persönli-
                                          Bettelini, Nathalie Clerici und Anita                              che Unabhängigkeit verzichten.
                                          Testa-Mader im Tessin eine analoge
                                          Analyse bei zuhause pflegenden                                     Beinahe 40% der Basler Angehörigen
                                          Angehörigen demenzkranker                                          konnten nicht auf die Hilfe ihrer unmit-
                                          Menschen durch. Damit liess sich die                               telbaren Familie zählen, oder sie
                                          Belastung von pflegenden                                           besassen keine weiteren
                                          Angehörigen in zwei kulturell unter-                               Familienmitglieder, die sie unterstützen
                                          schiedlichen Regionen vergleichen. 1                               konnten. Ein weiteres Drittel berichte-
                                                                                                             te von einer familiären
                                          In beiden Studien wurden                                           Zusammenarbeit, die nur selten statt-
                                          Angehörige befragt, die mit einem                                  fände. Auf eine relativ häufige fami-
                                          dementen Patienten zusammenwoh-                                    liäre Zusammenarbeit und
                                          nen und ihn zuhause betreuen.                                      Unterstützung konnten somit weniger
                                          Insgesamt wurden in der Basler Studie                              als 30% der Basler Angehörigen
                                          zwischen Januar 1995 und Dezember                                  zählen. Zudem zeigten beinahe 60%
                                          1996 72 Angehörige interviewt (40                                  der Angehörigen aus Basel grosse
                                          Frauen und 32 Männer). Im Tessin wur-                              Schwierigkeiten, andere Leute um
                                          den zwischen Oktober 1994 und                                      Hilfe zu bitten. Auch professionelle
                                          November 1996 80 Angehörige (62                                    Dienstleistungen wurden lediglich von
                                          Frauen und 18 Männer) interviewt. Im                               der Hälfte der Angehörigen aus Basel
                                          Durchschnitt betrug bei der Basler                                 in Anspruch genommen. Die übrigen
                                          Studie die bisherige Krankheitsdauer                               Angehörigen waren entweder der
                                          62 Monate, und die geschätzte                                      Meinung, dass sie es allein schaffen
                                          Betreuungsdauer lag im Durchschnitt                                würden, oder sie wünschten keine
                                          bei 34 Monaten. In vielen Fällen han-                              fremden Personen in ihrer Wohnung.
                                          delte es sich somit um mehrjährige                                 Wiederum andere Angehörige waren
                                          Pflegeverhältnisse. Dasselbe galt                                  nicht über das Angebot an
                                          auch für die Tessiner PatientInnen, die                            Dienstleistungen informiert.
                                          im Durchschnitt sogar 58 Monate lang
                                          betreut worden waren. Die betreu-                                  Im Tessin konnten aufgrund anderer
                                          ungsfreie Zeit pro Woche lag in Basel                              Familienverhältnisse nur 21% der
                                          und im Tessin im Durchschnitt bei                                  befragten Angehörigen nicht oder
                                          etwa 17 Stunden, d.h. die durch-                                   kaum auf die Unterstützung anderer
                                          schnittliche Betreuerin hat pro Tag nur                            Familienmitglieder zählen. Fast zwei
                                          gerade 2 bis 3 Stunden frei. Auch dies                             Drittel (61%) konnten ziemlich bis oft
                                          weist auf die Intensität der                                       auf eine familiäre Zusammenarbeit
                                          Angehörigenpflege hin.                                             zählen (im Gegensatz zu nur 28% bei
                                                                                                             den Basler Angehörigen).
                                          Als schwierigste Aspekte bei der                                   Entsprechend erwähnten mehr als
                                          Betreuung wurden in Basel die geisti-                              drei Viertel der pflegenden
                                          gen und emotionalen                                                Angehörigen aus dem Tessin keine
                                          Demenzsymptome des Patienten und                                   familiale Konflikte in bezug auf die
                                          seine Schwierigkeiten im Alltag ange-                              Pflege des demenzkranken
                                          geben. Die Tessiner Angehörigen                                    Angehörigen, und sie erhielten in zwei
                                          empfanden häufiger die eigenen                                     Drittel der Fälle (65%) bei der Pflege
                                          psychologischen Probleme als                                       tatsächlich Hilfe durch Verwandte
                                          schwierig. In beiden Studien wurden                                und Bekannte (im Gegensatz zu 21%
                                          das ständige Angebundensein und                                    der Basler Angehörigen). Die kulturel-
                                          die Einengung der persönlichen                                     len Unterschiede familial-verwandt-


1   Denise Meier, Cristina Molo-Bettelini, Doris Ermini-Fünfschilling, Nathalie Clerici, Anita Testa-Mader
    (1998) Belastung und Bedürfnisse von Familienangehörigen, die demente Patienten zuhause
    betreuen. Bericht aus zwei Landesteilen (Basel und Tessin), Synthesebericht, Basel/Mendrisio
    (mimeo.).




                                                                                          55
schaftlicher Strukturen und sozialer      depressive Symptome auf. Sind die
Netzwerke zwischen italienisch- und       Krankheitssymptome des Patienten
deutschsprachigen Regionen wider-         weniger ausgeprägt, scheint eher
spiegeln sich in der familialen Pflege    Angst vorherrschend zu sein. In fortge-
dementer Menschen. Gleichzeitig           schrittenen Demenzstadien - mit aus-
wurden im Tessin professionelle           geprägteren Demenzsymptomen und
Dienstleistungen häufiger in Anspruch     vermehrter Betreuungsbedürftigkeit
genommen als in Basel. Im Tessin war      des Patienten - ist hingegen die sub-
der Anteil pflegender Angehöriger,        jektive Belastung und auch die
die Mühe zeigten, andere Leute um         Gefahr krankhafter
Hilfe anzugehen, geringer als in Basel.   Depressionszustände des
                                          Angehörigen höher.
In Basel und dem Tessin fühlten sich
rund 30% der befragten Angehörigen        Empfehlungen zur Entlastung von und
durch die Pflegesituation nur gering-     Hilfe an Angehörigen, die demente
fügig belastet. In beiden Regionen        Patienten betreuen
wiesen 43% eine leichte bis mässige
Belastung auf, wogegen 26% eine           1. Von zentraler Bedeutung sind unter-
mehr als mässige bis schwere              stützende und beratende Gespräche
Belastung erfuhren. Die Belastung         mit Fachpersonen. Beratende
eines pflegenden Angehörigen ist          Gespräche, in welchen den
einerseits durch kognitive Defizite des   Angehörigen Informationen über die
Patienten und ihre negativen              dementielle Erkrankung und prakti-
Auswirkungen auf das Alltagsleben         sche Hilfestellungen für den Umgang
bedingt. Belastend sind insbesondere      mit den Auswirkungen der
negative Verhaltensauswirkungen der       Demenzsymptome erhalten, tragen
Krankheit, wie verminderte Flexiblität    bereits in den Anfangsphasen der
und reduzierte Verhaltenskontrolle,       Krankheit dazu bei, die Angst von
verändertes persönliches und soziales     Angehörigen zu lindern. Sie helfen
Verhalten sowie die Vernachlässigung      auch, die Betreuungsaufgaben adä-
der Körperpflege. Andererseits sind       quat zu planen. Da die heute ent-
aber auch Familienkonflikte, eine feh-    wickelten Diagnosemöglichkeiten
lende soziale Unterstützung in der        eine immer frühere Diagnose demen-
Betreuung sowie Angstgefühle der          tieller Erkrankungen erlauben, wird
pflegenden Person bedeutsam.              eine frühzeitige Information und
                                          Beratung von Angehörigen immer
Im Tessin berichteten 44% der pfle-       wichtiger.
genden Angehörigen von ernsthaften
eigenen gesundheitlichen Problemen.       2. Ein breites Angebot zur Entlastung
In Basel waren es sogar 70% der           pflegender Angehöriger ist notwen-
Angehörigen, die gesundheitliche          dig. Zu diesem Angebot gehören
Probleme angaben, welche die              ambulante Dienste (Spitex-Dienste,
Betreuung des Patienten zusätzlich        Tagesbetreuung),
erschweren würden. Von den betreu-        Entlastungsaufenthalte (Medizinisch-
enden Ehepartnerinnen - zumeist           indizierte Kurzaufenthalte in Spitälern
selbst hochbetagt - wurden am häu-        oder Heimen, Ferien für
figsten psychische bzw. psychosoma-       Demenzpatienten), ausgebaute
tische und rheumatische/orthopädi-        Beratungs- und Therapie-
sche Probleme erwähnt. Über 40%           möglichkeiten (Gedächtnistraining)
der befragten Angehörigen zeigten in      und gut organisierte
beiden Studien Angstsymptome, und         Angehörigengruppen (wie sie etwa
26% der Basler Angehörigen sowie          die Alzheimervereinigung anbietet).
18% der Tessiner Angehörigen wiesen




                             56
                                        3. Notwendig ist ein Ausbau von                                    dass alleinlebende Betagte ambulan-
                                        Tagesheimplätzen speziell für demen-                               te Dienste häufiger beanspruchen
                                        te PatientInnen, namentlich zur zeit-                              (ein Effekt, der auch nach Kontrolle
                                        weisen Entlastung stark belasteter                                 von Alter und Behinderungsgrad mar-
                                        Angehöriger. Hier besteht in den mei-                              kant bleibt). Zudem beanspruchen
                                        sten Regionen der Schweiz noch eine                                Betagte mit höherer Ausbildung
                                        Mangelsituation.                                                   ambulante Dienste fast doppelt so
                                                                                                           häufig als Betagte mit geringer
                                        4. Wer zuhause regelmässig eine                                    Ausbildung (möglicherweise weil
                                        betagte, kranke oder behinderte                                    Betagte aus unteren Sozialschichten
                                        Person betreut und pflegt, sollte einen                            über vorhandene Angebote weniger
                                        Pflegebeitrag erhalten (wie dies im                                gut infomiert sind sowie mehr Mühe
                                        Kanton Basel-Stadt der Fall ist).                                  haben, Hilfe anzufordern). Gemäss
                                        Familiale Pflege sollte gegenüber insti-                           der schweizerischen
                                        tutioneller Pflege finanziell keine                                Gesundheitsbefragung 1992/93
                                        Benachteiligung erfahren.                                          besteht gerade bei Personen mit
                                                                                                           geringer Ausbildung sowie bei betag-
                                        Angemessene Unterstützungs-                                        ten Frauen nicht selten ein ungedeck-
                                        möglichkeiten durch ausgebildetem                                  ter Hilfsbedarf.
                                        Personal sowie unterstützende und
                                        beratende Gespräche mit                                            Die föderalistische Struktur der
                                        Fachpersonen führen nicht nur zur                                  Schweiz im allgemeinen und des
                                        Entlastung pflegender Angehöriger,                                 Gesundheitswesens im speziellen führt
                                        sondern auch zu einer Kosten-                                      allerdings dazu, dass sich in verschie-
                                        reduktion im Gesundheitswesen,                                     denen Regionen unterschiedliche
                                        einerseits durch die Verzögerng einer                              Strukturen ambulanter Pflege- und
                                        teuren Heim- und Spitalplazierung                                  Betreuung entwickelt haben. Auch
                                        dementer Patienten und andererseits                                bestehen in vielen Regionen weiter-
                                        durch eine Reduktion langfristiger                                 hin strukturelle Unvereinbarkeiten und
                                        Gesundheitsrisiken bei den                                         Konflikte zwischen akuter und ambu-
                                        Angehörigen selbst.                                                lanter Alterspflege. In vielen Regionen
                                                                                                           fehlt es auch an einer integrierten,
                                        2 Ambulante Pflege und                                             systemorientierten Informationspolitik,
                                          Betreuungsformen                                                 welche es erlauben würde, alle
                                                                                                           Pflegeleistungen ambulanter Art in
                                        In den letzten Jahren kam es in vielen                             ihrer wechselseitigen Dynamik zu
                                        Regionen der Schweiz zu einem ver-                                 erfassen.
                                        stärkten Ausbau ambulanter Pflege-
                                        und Betreuungsangebote. Damit wird                                 Angesichts der zunehmenden demo-
                                        einerseits die professionelle Pflege                               graphischen Alterung und der anstei-
                                        betagter Menschen - in Ergänzung zur                               genden Kosten sozial-medizinischer
                                        familialen Pflege - gestärkt, anderer-                             Pflege sind genaue Informationen
                                        seits wird damit auch die Autonomie                                jedoch immer wichtiger. Nur so kann
                                        zuhause lebender älterer Menschen                                  die zukünftige Verteilung beschränk-
                                        verstärkt. 1 Da sich Modelle spitalex-                             ter Mittel optimal gestaltet werden.
                                        terner Pflege und Betreuung zuerst in                              Im Rahmen eines von Frau Dr. Brigitte
                                        der Westschweiz durchsetzte, variiert                              Santos-Eggimann geleiteten
                                        die Inanspruchnahme ambulanter                                     Evaluationsprojektes wurden deshalb
                                        Diensten regional. So beanspruchen                                 Instrumente zur Erfassung sozio-medizi-
                                        in der Westschweiz deutlich mehr                                   nischer Leistungen bei betagten
                                        Betagte ambulante Pflege- und                                      Menschen entwickelt. 2 Benützt und
                                        Betreuungsformen als in der                                        entwickelt wurde im Rahmen des
                                        Deutschschweiz. Daneben zeigt sich,                                Projekts ein sozio-medizinisches


1   Zur Entwicklung und Qualitätssicherung ambulanter Pflege, vgl. Hermann-Michel Hagmann, Jean-
    Pierre Fragnière (1997) Maintien à domicile. Le temps de l’affirmation, Lausanne: Réalités
    Sociales; Spitex Verband Schweiz (1998) Spitex im Trend - Trends für Spitex /Aide et soins à domici-
    le - Profils d’avenir, Bern: Huber.
2   Vgl. B. Santos-Eggimann, N. Chavaz, A. Clerc Berod, P. Laurence, F. Zobel (1999) Modèle d’éva-
    luation des politiques cantonales de prise en charge médico-sociale des personnes âgées chro-
    niquement dépendantes et place du maintien à domicile, Requête Nr. 4032-35702, Lausanne:
    Institut Universitaire de Médecine Sociale et Préventive (Rapport final).




                                                                                       57
                                        Informationssystem ‘Balance of Care’,                            Entscheidungen für verschiedene
                                        welches eine Planung regionaler bzw.                             Arten der Pflegebedürftigkeit festzu-
                                        kantonaler Ressourcen für ambulante                              halten. So kann beispielsweise festge-
                                        Alterspflege erlaubt. In dieses                                  stellt werden, welche
                                        Informationssystem werden einerseits                             Kostenauswirkungen auf die ambu-
                                        sozio-demographische Variablen (z.B.                             lante Pflege eine andere
                                        Altersverteilung und Häufigkeit pfle-                            Präferenzordnung aufweisen würde,
                                        gebedürftiger Betagter) einbezogen.                              oder welche Auswirkungen neue
                                        Andererseits werden                                              Werthaltungen und
                                        Pflegebedürfnisse betagter                                       Pflegevorstellungen zukünftiger
                                        Menschen berücksichtigt, indem - auf                             Betagter haben könnten.
                                        der Basis der Schweizerischen
                                        Gesundheitsbefragung und eigener                                 Konkret getestet wurde das neu ent-
                                        Erhebungen - verschiedene Typen                                  wickelte Informationssystem in den
                                        bzw. Profile von Pflegebedürftigkeit                             fünf Kantonen Bern, Genf, Wallis,
                                        herausgearbeitet wurden. Die                                     Waadt und Zürich. Dabei wurde sicht-
                                        Typologie unterschiedlicher Formen                               bar, dass ein solches
                                        von Pflegebedürfigkeit wurde ansch-                              Informationssystem auch bei mangel-
                                        liessend als Basis für die Evaluation                            hafter Datenlage gute
                                        typenspezifischer Pflegeformen und                               Entscheidungsgrundlagen bietet.
                                        Pflegeaufwendungen verwendet. In                                 Zudem wurde sichtbar, dass das
                                        einem zusätzlichen Schritt wurden -                              Evaluationsverfahren gemäss
                                        via Befragung - die Pflegepreferenzen                            ‘Balance-of-Care’-System - bei ent-
                                        der professionell tätigen Personen                               sprechender Anpassung - für unter-
                                        einerseits und der betagten                                      schiedlich strukturierte
                                        Menschen andererseits erfasst.                                   Gesundheitssysteme nutzbar
                                                                                                         gemacht werden kann. 1
                                        Das Informationssystem ‘Balance of
                                        Care’ erlaubt zum einen eine diffe-                              3 Elektronische Hilfsmittel zugunsten
                                        renzierte Erfassung der Bedürfnisse                                betagter Menschen
                                        nach ambulanter Pflege, und zwar
                                        auch dann, wenn die vorhandenen                                  Die rasante Entwicklung mikroelektro-
                                        Informationen noch lückenhaft sind.                              nischer Instrumente und Hilfsmittel
                                        Zum anderen können damit politische                              eröffnet auch älteren und betagten
                                        Entscheidungen zur                                               Menschen neue Möglichkeiten. Via
                                        Ressourcenverteilung im ambulanten                               Internet können sich ältere Menschen
                                        Bereich explizit gemacht werden, da                              über neue Medikamente und
                                        die Auswirkungen unterschiedlicher                               Therapieformen informieren, gleich-
                                        Optionen klar werden. So können                                  zeitig aber auch gleichgesinnte
                                        etwa die Folgen von                                              Personen finden, die ihre Hobbies und
                                        Kosteneinsparungen auf die Qualität                              Interessen teilen.2 Dank fernbedienten
                                        unterschiedlicher Typen von Pflege                               Geräten können bettlägrige
                                        erfasst werden. Umgekehrt lässt sich                             Menschen ihr Telefon oder ihren
                                        feststellen, wie sich die ambulante                              Fernseher bedienen, und mittels elek-
                                        Pflege entwickelt, wenn von den                                  tronischer Sicherung kann im Notfall
                                        Präferenzen der professionell tätigen                            (z.B. nach einem Sturz) rasch Hilfe her-
                                        Personen bzw. den Präferenzen der                                beigerufen werden. Im Idealfall erlau-
                                        betroffenen betagten Menschen aus-                               ben elektronisch eingerichtete
                                        gegangen wird. Die Differenzierung                               Wohnungen ein automatisches Öff-
                                        nach Typen von Pflegebedürftigkeit                               nen und Schliessen von Türen oder
                                        vermeidet zudem demographische                                   Fenstern, ein geregeltes An- und
                                        Fehlprojektionen und erlaubt es                                  Abschalten von Kochherden usw.
                                        gleichzeitig, die Folgen politischer


1   Das computerunterstützte Informationssystem ‘Balance of Care’ kann - bei Berücksichtigung des
    Copyright - interessierten Kantonen zur Verfügung gestellt werden. Kontakt: Frau Dr. B. Santos-
    Eggimann, Unité des services de santé de l’Institut universitaire de médecine sociale et préventi-
    ve de Lausanne.
2   Das Internet wird von immer mehr SeniorInnen aktiv benützt, und entsprechende Kurse finden
    grossen Anklang. Seit Mai 1998 besteht ein spezielles Seniorweb, welches von der EURAG, der Pro
    Senectute und der Migros getragen wird (http://www.seniorweb.ch).




                                                                                      58
                                         Im Rahmen einer Pilotstudie des                                        ven Hilfsmittel gehören auch elek-
                                         Nationalen Forschungsprogrammes                                        tronische Sicherungssysteme, wel-
                                         (NFP 32) ‘Alter’ wurde untersucht,                                     che den Aufenthaltsort verwirrter
                                         unter welchen Bedingungen elektro-                                     Heiminsassen anzeigen oder wel-
                                         nische Hilfsmittel behinderten                                         che unberechtigten Personen den
                                         Betagten dienstbar gemacht werden                                      Zugang zu Zimmern verweigern,
                                         können. Durchgeführt wurde das                                         usw.
                                         Forschungsprojekt in enger interdiszi-
                                         plinärer Zusammenarbeit vom                                         Erfahrungen mit aktiven elektroni-
                                         Soziologischen Institut der Universität                             schen Hilfsmitteln
                                         Neuenburg und der ebenfalls in
                                         Neuenburg beheimateten                                              Die Akzeptanz der Hilfsmittel setzt eine
                                         Schweizerischen Stiftung für elektroni-                             sorgfältige Begleitung und mehrmali-
                                         sche Hilfsmittel (Fondation Suisse pour                             ges Erklären voraus. Sofern dies
                                         les Téléthèses).1 Dabei kamen zwei                                  gewährleistet war, führen auch
                                         unterschiedliche Formen elektroni-                                  Pannen oder technische
                                         scher Hilfsmittel zum Einsatz:                                      Anfangsschwierigkeiten nicht zu län-
                                         a) aktive technische Hilfsmittel: Es                                gerfristigen Problemen. Mit Ausnahme
                                             handelt sich um elektronische                                   der Telealarmsysteme - die sach-
                                             Hilfsmittel, die eine aktive und frei-                          gemäss nur in Notfällen eingesetzt
                                             willige Intervention der                                        werden - wurden die elektronischen
                                             BenützerInnen erfordern (wie fern-                              Hilfsmittel täglich benützt. Nach sechs
                                             bedientes Telefon, Fernbedienung                                bis neun Monaten waren sie integrier-
                                             von Lichtschaltern, Fenstern, Türen,                            ter Teil des Alltagslebens.
                                             Fernsehen). Damit kann eine geh-
                                             behinderte, bettlägrige oder                                    Im Gegensatz zur Ausgangs-
                                             motorisch behinderte Person ihre                                hypothese der Forscher veränderten
                                             Umwelt zumindest teilweise kon-                                 die mit elektronischen Hilfsmittel aus-
                                             trollieren. Aktive Hilfsmittel drängen                          gestatteten Betagten ihr Alltagsleben
                                             nichts auf, sondern sie öffnen                                  und ihre Alltagsaktivitäten jedoch
                                             Wahlmöglichkeiten. Die Initiative                               nicht merkbar. Vor und nach
                                             verbleibt bei den BenützerInnen,                                Installation aktiver elektronischer
                                             und die Instrumente geben ihnen                                 Hilfsmittel blieben die Aktivitäten weit-
                                             eine erhöhte Autonomie. Sie set-                                gehend dieselben. Es zeigte sich ein-
                                             zen jedoch eine geistige                                        zig, dass die Beibehaltung bisheriger
                                             Eigenaktivität voraus. Aktive tech-                             Tätigkeiten (wie Telephonieren,
                                             nische Hilfsmittel sind bei kogniti-                            Haushaltsführung usw.) erleichtert
                                             ven Behinderungen nur                                           wurde. Die Einführung aktiver elektro-
                                             beschränkt einsetzbar.                                          nischer Hilfsmittel führt bei den
                                         b) passive technische Hilfsmittel:                                  Betagten somit weder zur
                                             Solche Hilfsmittel treten automa-                               Neuorganisation des Alltagslebens
                                             tisch und unabhängig von einer                                  noch zu neuen Aktivitäten, sondern
                                             Intervention eines Benützer in                                  die Hilfsmittel werden primär dazu
                                             Aktion, etwa wenn sich eine Türe                                verwendet, das bisherige Leben unter
                                             selbständig öffnet oder wenn                                    erleichterten Bedingungen weiter zu
                                             nach einem Sturz automatisch ein                                führen.
                                             Notsignal ausgelöst wird. Solche
                                             Mittel sind besonders geeignet in                               Es wurde auch deutlich, dass die
                                             Fällen, wo Personen nicht in der                                Verwendung elektronischer Hilfsmittel
                                             Lage sind, selbständig zu agieren                               weder eine Vereinzelung von
                                             (z.B. aufgrund einer Ohnmacht                                   Betagten fördert (weniger Kontakte,
                                             nach einem Sturz oder aufgrund                                  da selbständiger) noch die sozialen
                                             kognitiver Einbussen). Zu den passi-                            Kontakte erhöht. Soziale


1   Projekt: François Hainard, Jean-Claude Gabus, Jean-Christophe Masson (1995) Téléthèses et
    maintien à domicile des personnes âgées. Etude expérimentale de techniques mises au services
    de personnes âgées dépendantes, Rapport Final, Projet du PNR 32 No. 4032-35633, Neuchâtel.
    Für Informationen über die Fondation Suisse pour les Téléthèses/Stiftung für elektronische Hilfsmittel
    in Neuenburg, siehe Internet: http://www.fst.ch.




                                                                                        59
Konsequenzen ergaben sich insofern,        zurückzuholen oder auf ihrem
als sich die Angehörigen und               Spaziergang zu begleiten.
Betreuungspersonen der Betagten
sicherer fühlten (vor allem, wenn ein      Im Verlauf der Experimentierphase
Telealarm eingesetzt wurde, aber           zeigte sich, dass die betroffenen
auch, wenn das Telephonieren               BewohnerInnen infolge
erleichtert wurde). Auch die Betagten      Verwirrungszustände das Heim pro
selbst fühlten sich besser abgesichert,    Tag durchschnittlich vier bis fünf Mal
z.B. im Notfall Hilfe anzufordern. Und     verliessen (teilweise ohne es selbst zu
dieses Sicherheitsgefühl entlastete die    realisieren). Dank dem elektronischen
sozialen Beziehungen vor allem zu          System wurden auch nächtliche
Angehörigen, die nicht täglich vorbei-     Spaziergänge frühzeitig erfasst.
schauen konnten oder die weiter ent-       Beispielsweise konnte ein betagter
fernt wohnten. Durch das Gefühl            Mann zurückgeholt werden, der das
erhöhter Sicherheit wurde im übrigen       Heim im Winter um vier Uhr nachts im
auch die Selbständigkeit der               Pyjama verlassen wollte.
Betagten gestärkt, da sie selbst ent-
scheiden konnten, wann sie Hilfe           Die Analyse zeigte, dass das elektroni-
benötigten.                                sche Alarmsystem den Bedürfnissen
                                           verschiedener Gruppen entgegen-
Erfahrungen mit passiven elektroni-        kam: Der Direktor des Pflegeheimes
schen Hilfsmittel:                         konnte ein Abschieben verwirrter
                                           Personen in geschlossene
In Alters- und Pflegeeinrichtungen ist     Einrichtungen vermeiden, und das
vor allem Desorientierung ein zentra-      Plegepersonal wurde weniger
les Problem. Damit besteht die             gestresst, da die Gefahr eines
Gefahr, dass HeimbewohnerInnen             Weglaufens und Umherirrens (inklusive
weglaufen und sich verirren. Die tradi-    denkbarer Unfallgefahren) weitge-
tionellen Strategien (Einschliessen,       hend wegfiel. Auch das ständige
Begleiten und Überwachen von               Kontrollieren und Nachsehen - von
HeimbewohnerInnen) erhärten das            den betroffenen Personen als
Bild des Alters- und Pflegeheims als       Einmischung wahrgenommen - ent-
‘totale Institution’. In einigen           fiel. Die HeimbewohnerInnen ohne
Alterseinrichtungen werden desorien-       Desorientierung konnten sich völlig
tierte Betagte deshalb nicht oder nur      frei aus dem Haus bewegen, da die
ungern aufgenommen. Das Ziel der           Probleme der desorientierten
Pilotstudie bestand darin, ein techni-     Personen gelöst werden konnte, ohne
sches Dispositiv einzusetzen, welches      dass die anderen BewohnerInnen in
in selektiver Weise den Weggang            irgendeiner Weise eine Einschränkung
jener Personen anzeigt, die ausser-        ihrer Bewegungsfreiheit erleben mus-
halb des Heimes rasch ihre                 sten (keine geschlossenen Türen,
Orientierung verlieren. Im konkreten       keine sichtbaren Überwachungska-
Fall bestand die technische                meras usw.). Die mit diesem System
Installation in kleinen Sendern (z.B. in   elektronischer Überwachung verwirr-
Form eines Clip oder eines                 ter oder dementer Betagter verbun-
Ansteckknopfs), deren Signale von          dene ethische Grundfrage einer
Antennen in der Nähe der                   Einschränkung der persönlichen
Hauseingänge aufgenommen wer-              Würde muss auf dem Hintergrund sol-
den konnten. Dank der elektroni-           cher Alternativen diskutiert werden.
schen Anzeige war die Identität der        Ethische Fragen können zufriedenstel-
das Haus verlassenden Person               lend beantwortet werden, wenn Vor-
bekannt, so dass die Möglichkeit           und Nachteile des Systems bezogen
bestand, die desorientierte Person         auf den jeweiligen Einzelfall mit




                             60
                                          Pflegepersonal und Angehörigen                                        Änstlichkeit) wird verringert (was auch
                                          schon vor der Installation besprochen                                 den betagten BewohnerInnen zugute
                                          werden. Wie bei den übrigen elektro-                                  kommt). Auf der Grundlage der
                                          nischen Hilfsmittel ist auch bei passi-                               Pilotstudie und den gemachten
                                          ven Systemen eine frühzeitige und                                     Erfahrungen wurde das elektronische
                                          offene Zusammenarbeit aller                                           Sicherungssystem für Alters- und
                                          Beteiligten eine wichtige                                             Pflegeeinrichtungen von der
                                          Voraussetzung für einen Erfolg.                                       Neuenburger «Fondation Suisse pour
                                                                                                                les Téléthèses».
                                          Generell lässt sich festhalten, und dies
                                          hat die Pilotstudie in allen Bereichen                                4 Kognitive Psychotherapie bei
                                          (aktive und passive Hilfsmittel)                                        Depressionen im Alter
                                          gezeigt, dass die Einführung innovati-
                                          ver elektronischer Hilfsmittel für                                    Im Zusammenhang mit depressiven
                                          Betagte eine sorgfältige soziale                                      Symptomen bei älteren oder betag-
                                          Begleitung voraussetzt. Der frühzeitige                               ten Menschen stellt sich die Frage,
                                          Einbezug der Umwelt (Angehörige,                                      inwiefern gezielte psychotherapeuti-
                                          Pflegepersonal, Nachbarn) ist für den                                 sche Interventionen eine Lösung dar-
                                          Erfolg zentral. Das gleiche gilt für die                              stellen. Viele praktische Fragen bei
                                          Information und Aufklärung betroffe-                                  der Anwendung kognitiver
                                          ner Betagter. Eine frühzeitige                                        Psychotherapien für depressive
                                          Information ist umso wichtiger, als                                   betagte Menschen sind noch offen.
                                          manche betagte Menschen ihre                                          Dies gilt speziell für Fragen einer
                                          Bedürfnisse oder Probleme gegen                                       Anpassung der Therapie an altersspe-
                                          aussen nicht richtig zu vertreten wis-                                zifische Veränderungen kognitiver
                                          sen.                                                                  und sensorischer Prozesse. Auch sind
                                                                                                                die Alltags- und Lebensprobleme, mit
                                          Vielfach verändert sich das Verhalten                                 denen betagte Menschen konfron-
                                          betagter Menschen durch die                                           tiert werden, nicht die gleichen wie
                                          Benützung aktiver elektronischer                                      bei jungen Menschen. Aus diesem
                                          Hilfsmittel nicht wesentlich. Die                                     Grund wurde im Rahmen des NFP 32
                                          Hilfsmittel erlauben es behinderten                                   eine experimentelle
                                          Betagten jedoch, ihre Autonomie und                                   Interventionsstudie durchgeführt. Im
                                          ihre Sicherheit (z.B. Alarmieren von                                  Rahmen dieser in Genf von Lucio
                                          Angehörigen) zu erhöhen. Damit                                        Bizzini und Christine Favre durchge-
                                          kommen sie den Bedürfnissen heuti-                                    führten Studie wurden betagte
                                          ger Betagter - für die Selbständigkeit                                depressive Menschen im Alter zwi-
                                          und Sicherheit oberste Werte darstel-                                 schen 60 und 80 Jahren ohne
                                          len - stark entgegen. 1                                               dementielle Symptome einer kogniti-
                                                                                                                ven Psychotherapie unterzogen. Das
                                          Passive elektronische Hilfsmittel erwei-                              hierbei entwickelte
                                          sen sich namentlich für nicht speziali-                               Interventionsmodell integrierte psy-
                                          sierte Alterseinrichtungen als wertvoll,                              chiatrische, neuropsychologische und
                                          da sie eine Durchmischung unter-                                      psychogerontologische Denkansätze,
                                          schiedlicher PatientInnen erleichtern.                                um der Situation betagter Menschen
                                          Dank geeigneten Hilfsmittel lässt sich                                gerecht zu werden. 2 Die
                                          sowohl die Privatsphäre von                                           Interventionen erfolgten auf drei
                                          Bewohnern besser absichern (etwa                                      Ebenen:
                                          gegenüber unbefugtem Eindringen)                                      a) individuelle kognitive Prä-Therapie,
                                          als auch die Sicherheit verwirrter                                         um die betagten PatientInnen auf
                                          Menschen besser garantieren. Viele                                         die Psychotherapie vorzubereiten
                                          Konflikte entfallen, und die Belastung                                     (und um Personen, welche noch
                                          des Personals (unnötige Kontrolle,                                         nie psychotherapeutisch betreut


1   Die Möglichkeiten und Vorteile elektronischer Hilfsmittel für betagte Menschen werden im
    Rahmen eines speziellen NFP32-Video-Films vorgestellt und illustriert: A. Jolliet (1997) Vieillir heureux
    chez soi. Techniques et aides domestiques au service des personnes âgées, Genève: Univideo
    Genève (dt. Fassung: Glückliches Altern zu Hause, ital. Fassung: Invecchiare felici in casa propria)
    (Videofilm von 26 Minuten). Information über: http://www.unige.ch/univideo.
2   Vgl. L. Bizzini, C. Favre (1998a) Psychothérapie cognitive de groupe et dépression dans l’âge: indi-
    ces et mécanismes psychologiques de changement, Rapport final, Genève: Hôpitaux
    Universitaire de Genève (mimeo); L. Bizzini, C. Favre (1998b) Psychothérapie cognitive et dépressi-
    on chez la personne âgée, in: B. Samuel-Lajeunesse, C. Mirabel-Sarron, L. Vera, F. Mehran (eds.)
    Manuel de thérapies comportementales et cognitives, Paris: Dunod.


                                                                                           61
                                            worden waren, mit den                                        5 Präventive geriatrische
                                            ‘Spielregeln’ vertraut zu machen).                             Hausbesuche
                                            Wichtig ist in dieser Phase eine
                                            genaue Vorabklärung sensorischer                             Angesichts der steigenden Zahl hoch-
                                            und kognitiver Einschränkungen,                              betagter Menschen sind verstärkte
                                            um z.B. Kommunikationsprobleme                               Anstrengungen zur Prävention von
                                            aufgrund von Schwerhörigkeit zu                              Pflegebedürftigkeit im Alter von enor-
                                            vermeiden.                                                   mer sozial- und gesundheitspolitischer
                                         b) kognitive Psychotherapie, in wel-                            Bedeutung. Die Prävention von
                                            cher depressive Patienten in indivi-                         Pflegebedürftigkeit im Alter erfordert
                                            duellen Sitzungen über eine Dauer                            ein neues Verständnis von Prävention,
                                            von 4-6 Monaten über die                                     welches weniger auf die Vermeidung
                                            Wechselbeziehungen zwischen                                  frühzeitiger Todesfälle als auf die
                                            Gedanken und Gefühlen aufge-                                 Vermeidung von Behinderungen zielt.
                                            klärt werden, mit dem Ziel, kogniti-                         Da Behinderungen im Alter nicht nur
                                            ve Verzerrungen aufzuheben.                                  von medizinischen Risikofaktoren, son-
                                         c) kognitive Gruppentherapie mit                                dern auch von psychischen, sozialen
                                            Strategien der Dezentrierung. Mit                            und umgebungsbezogenen Aspekten
                                            Strategien der Dezentrierung wird                            abhängig sind, müssen auch nicht-
                                            das geschlossene Denksystem                                  medizinische Risikofaktoren erfasst
                                            depressiver Menschen durchbro-                               und angegangen werden.
                                            chen; sei es, dass alternative                               Angesichts der Vielfalt medizinischer,
                                            Standpunkte und                                              sozialer, psychischer und kontextueller
                                            Problemlösungen offen gelegt                                 Risikofaktoren von Behinderungen im
                                            werden; sei es, dass                                         Alter ist ein multidimensionales geria-
                                            Grundannahmen über sich selbst                               trisches Assessment notwendig, was
                                            explizit gemacht und in Frage                                unter anderem eine enge interdiszi-
                                            gestellt werden.                                             plinäre Teamarbeit umschliesst.2

                                         Die entsprechenden Interventionen -                             Um die Wirksamkeit eines multidimen-
                                         und vor allem kognitive Therapien mit                           sionalen geriatrischen Assessments
                                         Strategien der Dezentrierung - erwie-                           und präventiver Hausbesuche zu
                                         sen sich auch bei betagten depressi-                            erforschen, wurde im Rahmen des
                                         ven Menschen als erfolgreich, und                               Nationalen Forschungsprogrammes
                                         bei mindestens der Hälfte der betei-                            (NFP 32) ‘Alter’ in der Region Bern das
                                         ligten Personen ergaben sich klare                              EIGER-Projekt (Erforschung innovativer
                                         Fortschritte bezüglich ihrer Fähigkeit                          Hausbesuche) durchgeführt.
                                         zur Dezentrierung.1 Allerdings dauern                           Berücksichtigt wurden zuhause leben-
                                         die kognitiven Psychotherapien mit                              de Frauen und Männer im Alter von
                                         dieser Gruppe von Menschen meist                                75 Jahren und mehr. Damit sollten
                                         länger als bei jüngeren Menschen; sei                           drei Fragen beantwortet werden:
                                         es, weil depressive Symptome einen                              Erstens sollte kontrolliert werden, ob
                                         langdauernden biographischen                                    das Verfahren von präventiven
                                         Hintergrund aufweisen; sei es, weil                             Hausbesuchen - wie es in den USA
                                         depressive Symptome durch chroni-                               getestet wurde - auch in der Schweiz
                                         sche Krankheiten und Behinderungen                              mit ihrem anderen Gesundheitssystem
                                         verstärkt werden. Auf der anderen                               wirksam ist. Zweitens sollte getestet
                                         Seite tragen altersbedingte                                     werden, ob alle oder nur eine
                                         Lebenskrisen und Fragilitäten bei                               Untergruppe von älteren Menschen
                                         manchen betagten Menschen zu                                    von einer solchen Intervention profi-
                                         einem akuten Bedarf nach psycho-                                tieren. Und drittens sollten die
                                         therapeutischen Behandlungen bei.                               Vorgesehensweisen der Intervention




1   Das genaue Vorgehen bei diesen Interventionen wird 1999 in einem kleinen Handbuch ‘Thérapie
    cognitive de groupe enrichie de stratégies de décentration (CTDS) pour des personnes âgées
    souffrant de dépression’ vorgestellt.
2   Vgl. A.E. Stuck (1997) State of the Art: Multidimensionales geriatrisches Assessment im Akutspital
    und in der ambulanten Praxis, Schweiz. Med. Wochenschrift, 127: 1781-1788.
    Vgl. H.-Michel Hagmann, J.-P. Fragnière (1997), Maintien à domicile, le temps de l’affirmation,
    Lausanne, Réalités sociales.




                                                                                        62
                                       und deren Einfluss auf die Wirksamkeit                         der Empfehlungen behilflich zu sein.
                                       genauer untersucht werden.                                     Zudem führten sie eine allgemeine
                                                                                                      Gesundheitsberatung durch und zeig-
                                       Anschliessend an eine Erstevaluation                           ten den besuchten Personen, wie sie
                                       von 791 Personen wurden die                                    ihre Probleme selber angehen oder
                                       StudienteilnehmerInnen gemäss                                  mit dem Hausarzt besprechen kön-
                                       einem nach Risikofaktoren geschich-                            nen.
                                       teten Zufallsverfahren in zwei
                                       Gruppen eingeteilt: 264 Personen                               Ergebnisse der Interventionsstudie
                                       wurden der Interventionsgruppe
                                       zugeteilt, welche in den nächsten                              Die Studie liess zusammengefasst vor
                                       zwei Jahren regelmässige präventive                            allem zwei zentrale Sachverhalte
                                       Hausbesuche durch                                              erkennen:
                                       Gesundheitsschwestern erhielten. Die
                                       übrigen 527 Personen wurden der                                Erstens hängt eine präventive Wirkung
                                       Kontrollgruppe ohne solche                                     solcher Hausbesuche von Form und
                                       Hausbesuche zugeteilt. Damit liessen                           Vorgehen der Gesundheitsschwestern
                                       sich Wirkung und Wirksamkeit präven-                           ab. Ein zentraler Faktor für präventive
                                       tiver Hausbesuche genau abgrenzen.                             Wirkungen ambulanter Hausbesuche
                                                                                                      ist eine gute Vorabklärung möglicher
                                       Die Gesundheitsschwestern wurden                               Problemlagen und Gesundheitsrisiken
                                       während des ersten Projektjahres                               beim ersten Besuch. Dieses Ergebnis
                                       gezielt in der Durchführung von                                weist auf die zentrale Bedeutung
                                       präventiven Hausbesuchen ausgebil-                             eines professionell durchgeführten
                                       det, wobei die von den                                         multidimensionalen geriatrischen
                                       Gesundheitsschwestern verwendeten                              Assessments hin. Ohne qualifizierte
                                       Erfassunginstrumente in einem                                  und in der Praxis gut einsetzbare
                                       Handbuch zusammengestellt                                      Erfassungsinstrumente erweisen sich
                                       wurden.1 Bei allen Personen der                                präventive Hausbesuche als wenig
                                       Interventionsgruppe führten die                                wirksam. Zudem wurde sichtbar, dass
                                       Gesundheitsschwestern zu Beginn                                die Wirksamkeit präventiver
                                       und anschliessend in jährlichen                                Hausbesuche von der gewählten
                                       Abständen ein multidimensionales                               Interventionsstrategie der
                                       geriatrisches Assessment durch.                                Gesundheitsschwestern abhängig ist.
                                       Dieses Assessment enthielt eine struk-                         Die präventiv erfolgreichen
                                       turierte Befragung, körperliche und                            Gesundheitsschwestern gaben
                                       funktionale Untersuchungen (Gehör,                             bedeutend mehr Empfehlungen ab,
                                       Sehvermögen, Gedächtnis, Affekt,                               und sie intervenierten häufiger (wie
                                       Gang/Gleichgewicht,                                            die Analyse der Besuchsprotokolle
                                       Ernährungszustand), eine Evaluation                            ergab). Es zeigte sich, dass ein guter
                                       der Wohnsituation und des                                      Kontakt und viel Verständnis für die
                                       Medikamentenkonsums sowie eine                                 betagte Person allein nicht genügen,
                                       einfache Laboruntersuchung.                                    und die Zufriedenheit älterer
                                       Aufgrund dieser Erhebung notierten                             Menschen mit den Hausbesuchen
                                       die Gesundheitsschwestern die beob-                            allein ist kein ausreichendes Kriterium
                                       achteten und anzugehenden                                      für ihre Wirksamkeit. Eine wirksame
                                       Probleme, und sie erarbeiteten in                              präventive Vorgehensweise ist nur auf
                                       Zusammenarbeit mit einem der                                   der Basis genauer Qualitätskriterien
                                       Projektgeriater eine Empfehlungsliste.                         möglich. Dabei sind vor allem die vier
                                       Anschliessend besuchten sie die älte-                          folgenden zentralen Qualitätskriterien
                                       ren Personen in dreimonatigen                                  für eine wirksame Intervention erfor-
                                       Abständen, gaben Empfehlungen ab                               derlich: Notwendig ist erstens eine
                                       und versuchten, bei der Umsetzung                              umfassende Abklärung und


1   Vgl. A. E. Stuck, H. Schmocker, A. Kesselring, A. Lüdin, H. Flückiger (Hrsg.) (1995) Präventive
    Hausbesuche bei älteren Menschen. Grundlagen, Vorgehen und Erfahrungen des Projekts EIGER.
    Erste Fassung, Bern: NFP 32. Ein revidiertes Handbuch wird 1999 vorliegen.




                                                                                   63
Erkennung der individuellen                entsprechendem Bewegungstraining
Probleme, Risikofaktoren, aber auch        u.a.m. - weniger
der sozialen Ressourcen betagter           Gleichgewichtsprobleme. Gleichzeitig
Menschen. Erforderlich ist zweitens        wurden mehr Grippenimpfungen
die Entwicklung eines adäquaten            durchgeführt, und eine kompetente
individuellen Empfehlungsplans, und        Intervention steigerte den Gebrauch
drittens müssen die älteren Menschen       erwünschter Medikamente (z.B.
bei der Umsetzung der Empfehlungen         Blutdruckmittel, Schmerzmittel) und
kompetent begleitet werden. Viertens       verminderte den Konsum weniger
ist die professionelle Durchführung        erwünschter Medikamente (z.B.
einer allgemeinen                          Benzodiazepine, Antirheumatika).
Gesundheitsberatung notwendig.             Auch die Zahl der
                                           Pflegeheimeinweisungen war bei der
Zweitens sind präventive                   Gruppe ‘Niedriges Risiko’ nach zwei
Hausbesuche nur bei betagten               bzw. drei Jahren hochsignifikant
Personen ohne vorgängig hohe               geringer als in der Kontrollgruppe. Die
gesundheitliche Risiken sinnvoll. Bei      Verbesserung der Selbständigkeit und
Personen mit schon hohen                   der Gang/Gleichgewichtsfunktionen
Gesundheitsrisiken zu Beginn der           zeigt, dass Pflegeheimeinweisungen
Intervention kommen präventive             durch eine Prävention von
Besuche meist zu spät. Dieser              Behinderungen reduziert wurden, und
Sachverhalt wurde im EIGER-Projekt         nicht dadurch, dass ältere Menschen
darin deutlich, dass messbare              einfach länger zuhause betreut wur-
präventive Wirkungen nur bei der           den.
Gruppe ‘Niedriges Risiko’ erfolgten.
Bei der Gruppe ‘Hohes Risiko’ (d.h.        Das Projekt führte kurzfristig zu einer
Personen, welche schon in der              Kostenzunahme, einerseits durch die
Erstabklärung ein hohes Risiko einer       Kosten der Hausbesuche selber und
Behinderung aufwiesen) waren nach          die Kosten zusätzlicher
zwei Jahren keine bedeutsamen              Hausarztkonsultationen. Längerfristig,
präventiven Wirkungen feststellbar.        ab dem dritten Jahr, ergaben sich
Präventive Hausbesuche können              hingegen klare Kosteneinsparungen
somit nur wirksam sein, wenn sie           durch die Reduktion von
rechtzeitig durchgeführt werden, d.h.      Pflegeheimtage. Insofern
bevor betagte Personen an sichtba-         Pflegeheimeinweisungen betagter
ren Beschwerden und Behinderungen          Menschen durch wirksame präventi-
leiden. Bei zuhause lebenden betag-        ve Hausbesuche reduziert werden
ten Menschen mit hohem Risiko von          können, ergeben sich längerfristige
Behinderungen stehen Therapie und          Kosteneinsparungen selbst unter
Rehabilitation, und nicht Prävention,      Berücksichtigung der Zusatzkosten der
im Vordergrund.                            präventiven Hausbesuche. Vor allem
                                           nach drei Jahren schlagen professio-
Präventive Hausbesuchsprogramme            nell durchgeführte präventive
sollten sich daher primär an ‘gesunde      Hausbesuche bei Niedrig-Risiko-
Betagte’ richten (als Ergänzung einer      Personen positiv zu Buche.
ärztlichen Versorgung). Bei den 75-
jährigen und älteren zuhause leben-        Präventive Hausbesuche können
den Personen aus der Gruppe                erfolgreich sein, allerdings nur unter
‘Niedriges Risiko’ führten professionell   Bedingung eines qualifizierten multidi-
und kompetent durchgeführte                mensionalen geriatrischen
Hausbesuche zu weniger                     Assessments zur Vorabklärung und
Abhängigkeit im Alltagsleben.              kompetenter Hausbesuche, welche
Insbesondere ergaben sich - dank           klaren Qualitätskriterien entsprechen.




                             64
Zudem müssen solche präventiven          entstehen Zusatzkosten (und die
Massnahmen frühzeitig durchgeführt       Hausbesuche selbst kosten pro Person
werden.                                  und Jahr zwischen 460 und 530
                                         Franken). Erst in einem zweiten Schritt
Mögliche Konsequenzen für die Praxis     kommt es - dank weniger
                                         Pflegeheimeinweisungen - zu
1) Wie könnten präventive                Kosteneinsparungen. Abklärungen zur
   Hausbesuche ins schweizerische        Finanzierung sind im Gang, und es
   Gesundheitssystem integriert wer-     wird geprüft, welche Möglichkeiten
   den?                                  bestehen, im Rahmen des neuen
                                         Krankenversicherungsgesetzes
 Denkbar sind verschiedene               präventive Hausbesuche als Leistung
Szenarien. Denkbar ist eine              aufzunehmen. Dabei müssen an die
Integration in ausgewählte ärztliche     Durchführung präventiver
Praxen bzw. Ambulatorien oder eine       Hausbesuche genaue
Integration in Spitexorganisationen.     Qualitätsanforderungen gestellt wer-
Für die Hausbesuche ist auf jeden Fall   den (da nur professionell geführte
eine enge Zusammenarbeit mit dem         Hausbesuche präventiv wirksam sind).
Hausarzt erforderlich, da viele
Empfehlungen in den                      4) Wie kann die Ausbildung der
Verantwortungsbereich des                   Fachpersonen sichergestellt wer-
Hausarztes gehören (z.B. Impfungen,         den?
Medikamente).
                                          Die Analysen des Projekts zeigen,
2) Welche Berufsgruppe könnte            dass mit der bestehenden Ausbildung
   präventive Hausbesuche durch-         von Gesundheitsschwestern die
   führen?                               Anforderungen nicht genügend
                                         abgedeckt sind. Ein genaues
Im Projekt EIGER waren es besonders      Anforderungsprofil für
ausgebildete Gesundheitsschwestern,      Gesundheitsschwestern ist deshalb in
in enger Zusammenarbeit mit              Vorbereitung. Auch im ärztlichen
Geriatern. Die Durchführung der          Bereich bestehen zusätzliche geriatri-
Besuche setzt interdisziplinäre          sche Anforderungen. Ab 1999 wer-
Kenntnisse mit medizinisch diagnosti-    den die Erkenntnisse des Projekts
schen Fähigkeiten voraus. Allerdings     EIGER in den nationalen
könnten gewisse Aspekte der              Fortbildungskurs für Geriatrie integriert.
Hausbesuche von anderen
Fachpersonen übernommen werden.          5) Wie kann die Qualität präventiver
Beispielsweise könnte die anfängli-         Hausbesuche sichergestellt wer-
chen multidimensionalen Assessments         den?
teilweise durch geschulte
InterviewerInnen kostengünstiger         Auf der einen Seite ist eine laufende
durchgeführt werden. Gewisse             Dokumentation und Evaluation
Aspekte der Untersuchung könnten         präventiver Hausbesuche notwendig,
auch durch den Hausarzt übernom-         um mögliche Defizite frühzeitig zu
men werden.                              erkennen. Auf der anderen Seite ist
                                         eine Supervision durch ausgebildete
3) Wie können solche Hausbesuche         Experten (Geriater, Hausärzte,
   finanziert werden?                    Gesundheitsschwestern) erforderlich.

Angesichts der steigenden
Gesundheitskosten ist dies eine
Schlüsselfrage. In einer ersten Phase




                            65
6) Wie können ältere Menschen zur         genaue Informationen jedoch immer
   Teilnahme an präventiven               wichtiger. Das im Rahmen des NFP 32
   Hausbesuchen motiviert werden?         entwickelte Informationssystem
                                          ‘Balance of Care’ erlaubt eine diffe-
Eine ethisch verantwortbare               renzierte Erfassung der Bedürfnisse
Gesundheitsberatung ist nur bei frei-     nach ambulanter Pflege, und zwar
williger Teilnahme möglich. Damit         auch bei noch lückenhafter
ältere Menschen an solchen                Informationen. Damit können politi-
Projekten teilnehmen, ist es wichtig,     sche Entscheidungen zur
sie über die Möglichkeiten der            Ressourcenverteilung im ambulanten
Prävention von Behinderung zu orien-      Bereich explizit gemacht werden.
tieren. Noch zu oft werden
Behinderung und Pflegebedürftigkeit       Die Entwicklung neuer mikroelektroni-
im Alter fälschlicherweise als unaus-     scher Instrumente kann auch für
weichliches Schicksal betrachtet. Für     betagte bzw. behinderte Menschen
eine erste Kontaktnahme bestehen          von Nutzen sein. Eine Pilotstudie, in
verschiedene Möglichkeiten, über          welcher aktive und passive elektroni-
den Hausarzt, eine Spitexorganisation,    sche Hilfsmittel bei behinderten
die Gemeinde, eine Krankenkasse           Betagten eingesetzt wurde, demon-
uam.                                      striert mit aller Deutlichkeit, dass neue-
                                          ste Technologien auch für die ältesten
6 Hauptresultate und Folgerungen          Generationen nutzbar gemacht wer-
                                          den können, sofern technologische
Familiale Pflege ist weiterhin ein zen-   Innovationen sozial sorgfältig begleitet
trales, unverzichtbares Element der       werden.
Alterspflege. Gerade auch demente
Betagte werden mehrheitlich von           Die Besonderheiten betagter
Angehörigen gepflegt. Pflegende           Menschen (wie sensorische und kogni-
Angehörige dementer PatientInnen          tive Einschränkungen, biographischer
unterliegen dabei oft starken             Hintergrund) sind auch bei der
Belastungen, sei es durch den             Anwendung kognitiver Psycho-
Pflegeaufwand selbst, sei es durch die    therapien bei Depressionen im Alter zu
Persönlichkeitsveränderungen des          berücksichtigen. Ist diese
dementen Angehörigen. Umso wichti-        Voraussetzung gegeben, erweisen
ger ist deshalb eine angemessene          sich namentlich kognitive Therapien
Unterstützung und Entlastung, sei es      mit Strategien der Dezentrierung auch
dank qualifizierter Beratung durch        bei betagten depressiven Menschen
Fachpersonen, sei es durch ein diversi-   als erfolgreich.
fiziertes Angebot zur Entlastung pfle-
gender Angehöriger.                       Generell zeigt sich, dass
                                          Behinderungen im Alter präventiv vor-
Die ambulante Pflege und Betreuung        gebeugt werden kann. Gerade auch
betagter Menschen ist zu einem wich-      präventive Hausbesuche erweisen
tigen Zweig des Gesundheitssektors        sich nachweisbar als wirksame
geworden. In vielen Regionen fehlt es     Strategie zur Vorbeugung von
jedoch an einer integrierten, systemo-    Behinderungen im Alter, allerdings nur
rientierten Informationspolitik, welche   unter der Voraussetzung eines profes-
es erlauben würde, Pflegeleistungen       sionell durchgeführten multidimensio-
ambulanter Art in ihrer wechselseiti-     nalen geriatrischen Assessments und
gen Dynamik zu erfassen. Angesichts       professionell gestalteter Hausbesuche.
der zunehmenden demographischen           Zudem sind präventive Hausbesuche
Alterung und der ansteigenden             vor allem wirksam, wenn sie frühzeitig
Kosten sozial-medizinischer Pflege sind   einsetzen.




                            66
Anregungen für die weitere gerontologische Forschung
                                       Das NFP 32 hat die gerontologische                   c) Förderung der Verknüpfung zwi-
                                       Forschung in der Schweiz gestärkt. In                   schen Grundlagenforschung,
                                       einigen Bereichen hat das NFP 32                        angewandter Forschung und pro-
                                       auch zur Kontinuität der gerontologi-                   fessioneller Altersarbeit.
                                       schen Forschung beigetragen.
                                       Entsprechend werden einige Projekte                  Weitere Forschung zum Alter/n ist not-
                                       auch nach Abschluss des NFP 32 fort-                 wendig, weil sich die soziale und wirt-
                                       gesetzt. Mit dem Centre Interfacu-                   schaftliche Situation, aber auch das
                                       ltaire de Gérontologie’ in Genf                      persönliche und gesundheitliche
                                       besteht ein qualifiziertes gerontologi-              Befinden älterer Menschen kohorten-
                                       sches Forschungszentrum, und an der                  spezifisch ständig verändert. Die
                                       Universität Zürich wurde - vom NFP 32                Analyse von Kohorteneffekten, aber
                                       in Zusammenarbeit mit Fachleuten                     auch die Ergänzung von
                                       der Altersarbeit angeregt - im Herbst                Querschnittsstudien durch
                                       1998 ein Zentrum für Gerontologie                    Längsschnittstudien sind gerade in
                                       gegründet. In Zusammenarbeit mit                     der Gerontologie von hoher Priorität.
                                       der Pro Senectute organisieren                       Hohe Priorität geniessen in der
                                       Universitätsangehörige seit 1998 jähr-               Altersforschung aber auch
                                       lich eine gerontologische Sommer-                    Interventions- und Pilotstudien bei
                                       akademie, und in Genf besteht mit                    älteren Menschen, da Altern in
                                       dem Geneva International Network                     hohem Masse gestaltbar ist.
                                       on Aging (GINA) ein international
                                       ausgerichtetes Netzwerk zu                           Im Rahmen des NFP 32 konnten wich-
                                       Altersfragen. Fachliche Kontinuität                  tige Arbeiten geleistet werden, es
                                       und Koordination leistet auch die                    bleiben jedoch weiterhin bedeutsa-
                                       Schweiz. Gesellschaft für                            me Lücken. So fehlen etwa Studien zu
                                       Gerontologie, welche seit Anbeginn                   Fragen der Gewalt im Alter bzw. der
                                       eng mit dem NFP 32 zusammenarbei-                    Gewalt gegenüber älteren
                                       tet hat.                                             Menschen, Studien über Religiosität
                                                                                            und religiöses Erleben älterer
                                       Zur Stärkung kontinuierlicher und                    Menschen, Studien zu interkulturellen
                                       sprachübergreifender gerontologi-                    Unterschieden im Altern sowie
                                       scher Diskussionen auf universitärer                 Analysen über langjährige
                                       Ebene wurde - auf Initiative von Prof.               Pflegesituationen. Angesichts der
                                       H.-M.Hagmann, Präsidenten der                        aktuellen Diskussionen über die
                                       Expertengruppe NFP 32 - Oktober                      Pensionierung wären auch Studien
                                       1998 zudem ein Universitäres Institut                über neue Formen der Pensionierung
                                       ‘Alter und Generationen’ (INAG)                      wertvoll. Die zunehmende
                                       gegründet.1 Das INAG - offiziell dem                 Lebenserwartung führt zudem dazu,
                                       Institut Kurt Bösch in Sion angegliedert             dass Aspekte der Hochaltrigkeit
                                       - ist den drei folgenden Zielsetzungen               (Situation der Höchstbetagten,
                                       verpflichtet:                                        Gestaltung der letzten Lebensphase)
                                                                                            zunehmend wichtiger werden. Zentral
                                       a) Förderung von disziplinübergreifen-               ist jedoch bei allen Studien ein diffe-
                                          den Austauschbeziehungen und                      renzieller Ansatz, welcher die enor-
                                          Diskussionen zum Themenbereich                    men sozialen und persönlichen
                                          Alter und Generationen                            Unterschiede zwischen gleichaltrigen
                                                                                            Menschen einbezieht.
                                       b) Förderung gesamtschweizerischer
                                          und sprachübergreifender
                                          Perspektiven und Kooperation in
                                          der angewandten gerontologi-
                                          schen Forschung und Lehre.


1   Genauere Informationen über das Universitäre Institut ‘Alter und Generationen’ unter:
    http://www.ikb.vsnet.ch/INAG.




                                                                                    67
Schlussgedanken
             Die wirtschaftliche und soziale Lage       genutzt werden. Die nachberufliche
             sowie das persönliche Befinden älte-       Lebensphase muss mit Lebenssinn
             rer Menschen in der Schweiz erfuhren       gefüllt werden. Dies schliesst eine
             in den letzten Jahrzehnten in vielerlei    positive, ressourcenorientierte
             Hinsicht eine markante Verbesserung.       Betrachtung des Alters ein. Viele der
             Dafür verantwortlich sind sowohl ein       aktuellen Diskussionen etwa in
             Ausbau der Altersvorsorge als auch         Seniorengruppen sind Schritte in die-
             ein markanter Generationenwandel.          ser Richtung, aber die Anpassung
             Frauen und Männer in der Schweiz           unserer Gesellschaftsstrukturen an die
             leben nicht nur lange, sondern sie         heutige Langlebigkeit ist ein Prozess,
             profitieren vielfach auch von vielen       der uns noch jahrzehntelang beschäf-
             gesunden Lebensjahren. Auch ins-           tigen wird.
             künftig ist für viele Menschen mit einer
             substantiellen Verbesserung der
             Lebensqualität im Alter zu rechnen.
             Soziale und biographische
             Unterschiede führen gleichzeitig aber
             auch zu einer ausgeprägten
             Ungleichheit in der Lebensqualität
             älterer Menschen. Damit wird neben
             der Erhaltung der Solidarität zwischen
             den Generationen zunehmend auch
             die Stärkung der Solidarität unter den
             RentnerInnen zu einer zentralen
             Zukunftsaufgabe.

             Auch gesellschaftspolitisch ist das
             ‘neue Alter’ noch zu bewältigen. Die
             letzten Jahre zeigten durchaus wider-
             sprüchliche Entwicklungen: Einerseits
             kam es zu einer sozio-kulturellen
             Verjüngung der älteren Bevölkerung,
             welche ihre nachberufliche
             Lebensphase häufiger als Phase spä-
             ter Freiheit zu nutzen weiss.
             Andererseits führten die wirtschaftli-
             chen Entwicklungen zu einer früheren
             Ausgliederung von
             ArbeitnehmerInnen aus dem
             Arbeitsmarkt, wodurch Frauen und
             Männer sozusagen immer früher als
             ‘alt’ deklariert wurden. Es ist eindeu-
             tig, dass die Entwicklung zur
             Verkürzung der Lebensarbeitszeit auf-
             grund der demographischen Alterung
             inskünftig nicht fortgesetzt werden
             kann. Neue, flexible Formen der
             Pensionierung, welche auch eine
             Weiterbeschäftigung älterer Frauen
             und Männer einschliessen, werden
             immer notwendiger. Gleichzeitig müs-
             sen Potential und Kompetenzen älte-
             rer Menschen gesellschaftlich besser




                                          68
Anhang I
           Verantwortliche NFP 32


           Das Nationale Forschungsprogramm (NFP 32) wurde von einer Expertengruppe
           geleitet und begleitet. Diese Expertengruppe setzte sich aus Männern und Frauen
           aus drei Sprachregionen und unterschiedlichen Fachrichtungen (Geriatrie,
           Psychologie, Sozialpolitik, Demographie, Anthropologie, Ökonomie ua.) zusam-
           men. Dank der hohen gerontologischen Qualifikation der Expertengruppe konn-
           ten alle anstehenden Entscheidungen und Arbeiten erfolgreich durchgeführt wer-
           den.


           Präsident der Expertengruppe:
           Prof. Hermann-Michel Hagmann, Laboratoire de démographie de l’Université de
           Genève, Leiter des Centre médico-social régional, Sierre



           Mitglieder:      1



           Dr Peter Binswanger, Lugano (ehemals Stiftingspräsident der Pro Senectute, 1996
           verstorben).2
           François Huber, Office fédéral des assurances sociales (OFAS), Berne
           Dr Charles Kleiber, Secrétaire d’Etat, directeur du Groupement de la science et
           de la recherche, Berne
           Mimi Lepori Bonetti, Consulenza sociale e non profit CONSONO, Lugano
           Prof. Pasqualina Perrig-Chiello, Psychologisches Institut, Bern et Institut universitaire
           Kurt Boesch, Sion
           Prof. Yvonne Preiswerk, Institut d’Etudes du Développement, Genève
           (1999 verstorben)
           Dr Jean-Pierre Rageth, Direction de l’action sociale, Genève
           Prof. Hans Schmid, représentant de la Division IV du FNRS, St-Gall
           Prof. Helmut Schneider, Wirtschaftswissenschaftliches Institut der Universität Zürich
           Prof. Hannes B. Stähelin, Geriatrische Universitätsklinik, Kantonsspital Basel
           Prof. Jean Wertheimer, Hôpital de psycho-gériatrie, Prilly (1999 verstorben)



           Sekretariat:
           Dr. Christian Mottas, Schweiz. Nationalfonds, Abteilung IV, Bern



           Programmleitung:
           Prof. Dr. François Höpflinger, Soziologisches Institut der Universität Zürich, Direktor
           Dr. Astrid Stuckelberger, HUG -Belle-Idée, Chêne-Bourg, Genève, Adjunktin.




           1   Bei der Konzeptualiserung und Vorbereitung des NFP 32 war - neben den nachfolgend angeführ-
               ten Mitgliedern - auch Prof. Hans-Dieter Schneider entscheidend engagiert.
           2   Dr. iur Peter Binswanger war während Jahrzehnten entscheidend beim Ausbau der AHV enga-
               giert. Seinem Engagement für die gerontologische Forschung ist es mit zu verdanken, dass ein
               NFP ‘Alter’ zustande kam.




                                                       69
Anhang II
            Liste aller NFP 32 Projekte

            A) Themenbereich: Stellung und Aktivitäten von RentnerInnen in der Gesellschaft
            Erwerbsarbeit von Rentnern und Implikationen für die soziale Sicherheit
               Gesuchsteller: Prof. Joseph Deiss, Spartaco Greppi, ISES, Université Miséricorde,
               Fribourg.
            Stereotypen und Solidarität zwischen Generationen
               Gesuchsteller: Dr. Patricia Roux, Prof. Jean-Claude Deschamps, Prof. Willem
               Doise, Prof. Alain Clémence, Institut des Sciences sociales et pédagogiques,
               Université de Lausanne; Mitarbeiter: Pierre Gobet.
            Soziale Aktivitäten von Rentnergruppen
               Gesuchsteller: Prof. Jean-Pierre Fragnière, Ecole d’études sociales et pédago-
               giques, Lausanne; MitarbeiterInnen: Philippe Badan, Dominique Puenzieux,
               Sylvie Meyer.
            Soziale Freiwilligenarbeit «im Alter für das Alter»
               Gesuchsteller: Prof. Ernst-Bernd Blümle, Prof. Robert Purtschert, Dr. Sebastian
               Schnyder, Forschungsinstitut für Verbands- und Genossenschafts-Management,
               Fribourg. Wissenschaftliche Bearbeitung: Dr. Hans Lichtsteiner.

            B) Themenbereich: Soziale und wirtschaftliche Lage älterer Menschen
            Autonomie im Alter und soziokulturelle Umwelt
              Gesuchsteller: Prof. Christian Lalive d’Epinay, Prof. Jean-Pierre Michel, Prof. Eric
              Fuchs, Prof. André Rougemont, Prof. Eugen Horber, Centre Interfacultaire de
              Gérontologie (CIG), Genève; MitarbeiterInnen: Christine Bétemps, Jean-
              François Bickel, Carole Maystre, Jean-François Riand, sowie in ausgewählten
              Phasen des Projektes: Cornelia Hummel, Nathalie Vollenwyder, Dario Spini,
              Astrid Stuckelberger, Manfred Urben.
            Die sozio-ökonomische Lage der Rentner in privaten Rentnerhaushalten
               Gesuchsteller: Dr. Laurent Donzé, Prof. Remigio Ratti, Prof. Mauro Baranzini,
               Istituto di Ricerche Economiche (IRE), Bellinzona.
            Die Lage der über 60jährigen in der Schweiz (Nationale Armutsstudie)
               Gesuchsteller: Prof. Robert E. Leu, Volkswirtschaftliches Institut der Universität
               Bern, Mitarbeiter: Stefan Burri, Tom Priester.
            Wohnverhältnisse, Wohnraumversorgung und räumliche Verteilung betagter
            Menschen
              Gesuchstellung und Bearbeitung Dr. Michal Arend, Synergo Zürich; Brigit Wehrli-
              Schindler, Zürich.
            Wohnen im Alter. Die Bedeutung von Geborgenheit und Zuhause
              Gesuchsteller: Prof. Alfred Lang, Kilian Bühlmann, MitarbeiterInnen: Stefanie
              Güggi, Isabel Marty, Hubert Studer, Institut für Psychologie der Universität Bern.
            Sozialbeziehungen in Altersheimen
               Gesuchstellung und Bearbeitung: Etienne Christe, Elisabeth Hirsch Durrett,
               Antoinette Genton Trachsel, Pierre Mermoud, Institut d’Etudes Sociales,
               Genève. Mitarbeiterin: Barbara Müller, Bern.
            Einsamkeit und Lebensgeschichte im Alter
               Gesuchstellerin und Bearbeitung: Thea Moretti-Varile, Bellinzona
            Anpassung an Alter, Verwitwung und Einsamkeit
              Gesuchsteller: Prof. Jean Fabre, Madeleine Rudhardt, Groupe ‘Sol’ de
              l’Université du 3ème âge de Genève, Mitarbeit: Mitglieder der Seniorenuniversität
              Genf.




                                          70
Les trajectoires des travailleurs âgés sur le marché du travail en Suisse et en
Europe
   Gesuchsteller: Jean-Marie Le Goff, und mit der Unterstützung von H.-Michel
   Hagmann et François Höpflinger, INAG.

C) Themenbereich: Pensionierung und Übergang in die nachberufliche
   Lebensphase
Altenpolitik schweizerischer Unternehmungen und ihr Beitrag zum Übergang vom
Erwerbs- zum Rentnerleben
   Gesuchsteller: Prof. Peter Gross, Soziologisches Seminar an der Hochschule St.
   Gallen, Mitarbeiter: Achim Brosziewski, Peter Farago, Claude Hunold, Olaf Zorzi.
Übergänge in den Ruhestand. Eine psychologische Längsschnittuntersuchung
  Gesuchsteller: Prof. Hans-Dieter Schneider, Dr. Sabine Dobler, PD Dr. Philipp
  Mayring, MitarbeiterInnen: Regula Buchmüller sowie zeitweise Tina Kiefer,
  Markus Melching, Psychologisches Institut der Universität Freiburg.
Übergang in den Ruhestand - Zukunftsperspektiven von Immigranten
  GesuchstellerIn: Dr. Rosita Fibbi, Institut de Sociologie et d’Anthropologie,
  Université de Lausanne, Dr. Claudio Bolzman, Institut d’Etudes Sociales Genève,
  Mitarbeiterin: Marie Vial.
Systemvergleichende Untersuchung bezüglich Leistungssicherung,
Vermögensanlage und Kontrolleffizienz in der beruflichen Altersvorsorge
   Gesuchsteller: Dr. Werner Nussbaum-Zimmermann, Dr. Ernst Rätzer, Bern.

D) Themenbereich: Gesundheit und Krankheit im Alter
Alter und Alterung in der Schweiz: Ökonomische Analyse des Verhaltens im
Gesundheits- und Pflegebereich
   Gesuchsteller: Prof. Peter Zweifel, Institut für Empirische Wirtschaftsforschung
   Zürich, Prof. Stefan Felder, MitarbeiterInnen: Dr. Sandra Nocera, Markus Meier,
   Wolfram Strüwe.
Die Gesundheit der Betagten in der Schweiz. Ergebnisse der Schweizerischen
Gesundheitsbefragung 1992/93
   Gesuchsteller: Prof. Theodor Abelin, Institut für Sozial- und Präventivmedizin der
   Universität Bern, Prof. Felix Gutzwiller, Institut für Sozial- und Präventivmedizin der
   Universität Zürich, Dr. Felix Gurtner, Dr. Brigitte Bisig, Dr. Andreas Stuck,
   MitarbeiterInnen: Dr. Valeria Beer, Dr. Patricia Mbumaston, Dr. Marianne Müller.
Autonomie, Gesundheit und Wohlbefinden im Alter
  Gesuchsteller: Prof. Walter Perrig, Institut für Psychologie der Universität Bern, Dr.
  Eva Krebs-Roubicek, Psychiatrische Universitätsklinik Basel, Prof. Hannes B.
  Stähelin, Geriatrische Universitätsklinik Basel, Dr. Rolf Ehrsam, Institut für Sport
  Basel, MitarbeiterInnen: PD Dr. Pasqualina Perrig-Chiello, Andrea Kaiser, Vera
  Kling, Franziska Krings, Dr. Manette Ruch, Beat Meier.
Demenz, Depressionen, und erfolgreiches kognitives Altern in der Schweiz
  Gesuchsteller: Dr. François R. Herrmann, Hôpital de Gériatrie Genève, Prof.
  Jean-Pierre Michel, Prof. Felix Gutzwiller, Prof. Alexander Scott Henderson,
  MitarbeiterInnen: Dr. Reinhild Mulligan, Dr. Vladeta Ajdacic-Gross.




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Schenkelhalsfraktur im Alter: Lebenszyklischer Unterbruch und Aspekte sozialer
Desintegration
   Gesuchsteller: Dr. Michel Bruchez, Clinique Sainte-Claire, Sierre, Prof. Jean-
   Pierre Michel, Institutions Universitaires de Gériatrie, Genève, Dr. Claude
   Bayard, MitarbeiterInnen: Dr. Bernard Grab, Marie-Pascal Limagne, François
   Monin.
Bedürfnisse, Störungen und Verbesserungen der auditiven Kommunikation im Alter
  Gesuchsteller: Prof. Rudolf Probst, HNO, Universitäts Klinik am Kantonsspital
  Basel, Dr. Kurt Tschopp, Dr. Frances P. Harris, Mitarbeiterin: Sibylle Bertoli.
Alter und Demenz: Belastung und Bedürfnisse von Familienangehörigen im Tessin
   Gesuchstellerin: Dr. Cristina Molo-Bettelini, Ospedale Neuropsichiatrico
   Cantonale, Mendrisio, Mitarbeiterinnen: Nathalie Clerici, Anita Testa-Mader.
Belastung und Bedürfnisse von Familienangehörigen, die demente Patienten
betreuen
   Gesuchstellerin: Dr. Doris Ermini-Fünfschilling, Memory Klinik Basel, Mitarbeiterin:
   Dr. Denise Meier.


E) Themenbereich: Neue Behandlungs- und Pflegeformen für betagte Menschen
Evaluation sozio-medizinischer Politiken und Stellung spitalexterner Pflege betagter
Menschen
   Gesuchsteller: Dr. Brigitte Santos-Eggimann, Bernard Bachelard, Gérald Tinturier,
   Christine Schaub, Institut universitaire de médecine sociale et préventive,
   Lausanne. MitarbeiterInnen: Nicole Chavaz, Annick Clerc Berod, Laurence
   Peer, Frank Zobel.
Depressionen im Alter und kognitive Psychotherapie
  Gesuchsteller: Dr. Lucio Bizzini, Prof. Jacques Richard, Prof. Daniel Stern,
  Institutions Universitaires de Psychiatrie de Genève (IUPG), Mitarbeiterin:
  Christine Favre.
Elektronische Hilfsmittel und spitalexterne Pflege von Betagten
   Gesuchsteller: Prof. François Hainard, Institut de sociologie et science politique,
   Neuchâtel, Jean-Claude Gabus, Fondation Suisse pour les Téléthèses,
   Neuchâtel, Mitarbeiter: Cédric Berger, Jean-Christophe Masson.
Projekt EIGER: Erforschung von innovativen geriatrischen Hausbesuchen
   Gesuchsteller: PD Dr. Andreas Stuck, Zieglerspital Bern, Klinik Geriatrie-
   Rehabilitation, Bern, Dr. Charles Chappuis, Prof. Theodor Abelin, Prof. Robert E.
   Leu, Dr. Thomas Spuhler, Prof. Ruth Meyer Schweizer, Annelise Lüdin-Anderegg;
   MitarbeiterInnen: Dr. Stefan Bachmann, Gabriella Bauen, Prof. John C. Beck,
   Heidi Gafner, Gerhard Gillmann, Beat Gloor, Dr. Felix Gurtner, Dr. Annemarie
   Kesselring, Nicole Langel, Heidi Schmocker, Iris West.




                             72
Anhang III
             Hauptpublikationen aus dem NFP 32


             Abelin, Theodor; Beer, Valerie; Gurtner, Felix (Hrsg.) (1998) Gesundheit der
             Betagten in der Schweiz. Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung
             von 1992/93, Bern: Haupt.

             Bétemps, Christine; Bickel, Jean-François; Brunner, Martin; Hummel, Cornelia (1997)
             Journal d’une enquête: La récolte des données d’une recherche transversale par
             échantillon aléatoire stratifié, Lausanne: Réalités Sociales.

             Buchmüller, Regula; Dobler, Sabine, u.a. (1996) Vor dem Ruhestand. Eine psycholo-
             gische Untersuchung zum Erleben der Zeit vor der Pensionierung, Bern: Verlag
             Hans Huber.

             Buchmüller, Regula; Mayring, Philipp; Schneider, Hans-Dieter; Dobler, Sabine (1998)
             Uebergänge in den Ruhestand, Zürich: NFP 32.

             Fabre, J.; Delachaux, E.; Weber A. (1996) Le devenir des femmes et des hommes
             qui ont perdu leur conjoint, Genève: Uni 3 de l’Université de Genève.

             Fragnière, Jean-Pierre; Puenzieux, Dominique; Badan, Philippe; Meyer, Sylvie
             (1996) Retraités en action. L’engagement social des groupements de retraités,
             Lausanne: Réalites Sociales.

             Groupe ‘Sol’ de l’Université du 3e âge de Genève (1996) Vivre sans elle. Le veuva-
             ge au masculin, Genève: Georg.

             Hagmann, Hermann-Michel; Fragnière, Jean-Pierre (eds.) (1997) Le maintien à
             domicile. Etat des lieux et perspectives, Lausanne: Réalités Sociales.

             Höpflinger, François; Stuckelberger, Astrid (1992) Alter und Altersforschung in der
             Schweiz, Zürich: Seismo-Verlag, frz: Vieillesse et recherche sur la vieillesse en Suisse,
             Lausanne: Realités Sociales 1992.

             Höpflinger, François (1994) Frauen im Alter - Alter der Frauen. Ein
             Forschungsdossier, Zürich: Seismo-Verlag (2. verbesserte Auflage 1997).

             Höpflinger, François; Stuckelberger, Astrid (1999) Demographische Alterung und
             individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm ‘Alter /
             Vieillesses / Anziani’, Zürich: Seismo.

             Institut de Sociologie de l’Université de Neuchâtel (ed.) (1994) Vieillesses: Enjeux
             personnels et de société, Cahiers des l’ISSP No. 16, Neuchâtel.

             Lalive d’Epinay, Christian; Bickel, Jean-François; Maystre, Carole et al. (1997) Les
             personnes âgées à Genève 1979-1994. Santé, famille, réseaux d’aide et de soins,
             Cahiers de la Santé, No. 8, Genève: Département de l’action sociale et de la
             santé.

             Lichtsteiner, Hans (1995) Freiwilligenarbeit im Alter. Analyse und Massnahmen zur
             Förderung der Freiwilligenarbeit in Nonprofit-Organisationen, Zürich: Dissertation.




                                           73
Lalive d’Epinay, Christian; Bickel, Jean-François; Maystre, Carole; Hagmann,
Hermann-Michel; Michel, Jean-Pierre; Riand, Jean-François (1997) Un bilan de la
population âgée. Comparaison entre deux régions de Suisse et analyse des cha-
gements sur quinze ans (1979-1994), Cahiers médicaux-sociaux, Vol. 41, No. 2,
Genève, 1997.

Leu, Robert E.; Burri, Stefan; Priester, Tom (1997) Lebensqualität und Armut in der
Schweiz, Bern: Haupt.

Masson, J.-C.; Hainard, F.; Gabus, J.-C. (1995) Téléthèses et maintien à domicile
des personnes âgées. Etude experimentale de techniques au service de person-
nes âgées dépendantes, Cahier de l’ISSP, No. 18, Neuchâtel: Université de
Neuchâtel.

Moretti-Varile, Thea (ed.) (1996) L’implication des personnes âgées dans la recher-
che, Lausanne: Réalités Sociales.

Moretti-Varile, Thea (ed.) (1996) Solitudine no... ma tristezza. Vissuti ed esperienze
raccontate da un gruppo di vedove, Giubiasco: Associazione ticinese terza età.

Nussbaum, Werner (1999) Das System der beruflichen Vorsorge in den USA im
Vergleich zum schweizerischen Recht, Bern: Haupt.

Perrig-Chiello, Pasqualina (1997) Wohlbefinden im Alter. Körperliche, psychische
und soziale Determinanten und Ressourcen, Weinheim: Juventa.

Puenzieux, Dominique; Jean-Pierre Fragnière, Philippe Badan, Sylvie Meyer (1997)
Bewegt ins Alter. Das Engagement von Altengruppierungen, Zürich: Seismo-Verlag.

Stuckelberger, Astrid; Höpflinger, François (1996) Vieilliessement différentiel: hom-
mes et femmes. Dossier de recherche, Zürich: Seismo.

Wehrli-Schindler, Brigitte (1997) Wohnen im Alter. Zwischen Zuhause und Heim,
Zürich: Seismo-Verlag.

Zweifel, Peter; Felder, Stefan (Hrsg.) (1996) Eine ökonomische Analyse des
Alterungsprozesses, Bern: Haupt.


NFP 32-Videofilm:

Jolliet, Aimé (1997) Vieillir heureux chez soi. Techniques et aides domestiques au
service des personnes âgées, Univideo Genève (dt. Fassung: Glückliches Altern zu
Hause, ital. Fassung: Invecchiare felici in casa propria) (Videofilm von 26
Minuten).Videoregie: Aimé Jolliet, Unividéo Genève (e-mail: univideo@unige.ch);
Assistentin: Isabelle Hochstaetter; Studio: Pierre Burdet; Univideo auf Internet:
http://www.unige.ch/univideo




                             74

				
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