Jugendbauh�tte Romrod by twK0Ey

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									Hessischer Rundfunk
Hörfunk – Bildungsprogramm
Redaktion: Christiane Knauf
Aufnahme: .2003




           WISSENsWERT

                       Ein freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege
                               Die Jugendbauhütte in Romrod

                                        MS: Antje Schwarzmeier

                                                                                                Sendung:
                                                                                              Freitag,
                                        12.09.2003, 08:40 Uhr, hr2




Sprecherin:


Regie: Gudrun Rothaug




                                          03 – 208
COPYRIGHT:
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Antje Schwarzmeier
030/62734817
0179/2940737

                              Jugendbauhütte Romrod


Atmo Werkstattgeräusche Hämmern und Sägemaschine

(Tracks 7,8,9,12,13 MD Hanja)


O-Ton Hanja 12
Wir benutzen hauptsächlich Eichenholz zur Zweitverwendung, damit es auch wirklich
trocken ist. Also die Eiche, die da liegt, die ist vielleicht vor sechs, sieben Jahren
geschnitten und ist aber immer noch nicht trocken. Deshalb Eiche zur
Zweitverwendung, also von alten Fachwerkhäusern die abgerissen wurden.

Sprecherin:
Hanja Fritze ist gerade dabei, alte Eichenbalken so aufzubereiten, dass damit das
marode Holz in einem Fachwerkhaus in Lohe in Nordhessen ersetzt werden kann.
Souverän bedient die junge, schlanke Frau die monströse Hobelmaschine.

Atmo Maschine


Sprecherin:

Hanjas Einsatzort ist die Zimmerei Hess und Büse in Borken. Der Betrieb hat sich auf
die Sanierung von Fachwerkgebäuden spezialisiert. Mittlerweile weiß Hanja bestens
Bescheid über die Besonderheiten des nordhessischen Fachwerks. Sie hat kleine
Dorfkirchen wieder begehbar gemacht und Schmuckstücken wie dem
Hochzeitshaus in Fritzlar zu neuem Glanz verholfen.
Hanja hat viel gelernt – mehr als sie erwartet hatte, denn eigentlich wollte die
Abiturientin nur die Zeit überbrücken, die sie brauchte, um eine Lehrstelle als
Zimmerin zu finden. Als Frau ist das nach wie vor nicht so einfach. Auch in der
Zimmerei Hess und Büse musste sich Hanja bei ihrem Meister erstmal Respekt
verschaffen.
.

O-Ton Hanja17


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Es war so, dass ich die Bohrmaschine in die Hand genommen hab und gebohrt hab
und dann hat er gesehen, aha, die stellt sich nicht ganz so doof an und hat mir nen
Hammer in die Hand gegeben zum Hämmern. Ich hab zwar nicht alle Nägel glatt
reingkriegt, aber es sah so aus, als würd ich das auch hinkriegen. Und dann hab ich
was Schweres getragen, dann war der Respekt da und ich hab auch Aufgaben
gekriegt. Dann hat sich das halt so gesteigert, dass es so vom Meister her, der hat
mir dann am zweiten Tag schon nen Hammer mitgebracht, damit ich einen eigenen
habe und dann konnte ich auch mitarbeiten. Andere Mitarbeiter, die nehmen mir halt
gerne was aus der Hand, ah Mädchen, quäl dich doch nicht, machst dich kaputt, und
reißen mir immer alles aus der Hand. Aber nehm ich mir dann halt zurück und machs
trotzdem .

Sprecherin:

Gleich zu Beginn ihres freiwilligen Jahres in der Denkmalpflege bekam Hanja
Gelegenheit, richtig zuzupacken. Der Dachstuhl der evangelischen Kirche in Mehlen
musste erneuert werden. Ihr Meister, Michael Schwarz, erinnert sich:

O-Ton, Track 2 2
Da hatten wir dann betriebsbedingt keine Leute frei, dann hab ich gesagt, na gut,
dann geh ich eben mal ein paar Tage mit ihr alleine da hin und das hat dann halt so
gut geklappt - mittlerweile waren wir fast nur noch zu zweit an der Baustelle. (3)
Sie hat schon Talent, das kann man ja nicht ableugnen. Passgenaues Arbeiten, es
liegt ihr, wenn man sie richtig eingewiesen hat, dann funktioniert das eigentlich schon

Sprecherin:
Hanja hat das freiwillige Jahr in der Denkmalpflege inzwischen abgeschlossen und
eine Lehrstelle in einer modernen Zimmerei im Wendland gefunden.
Anders als Hanja wissen viele Jugendliche nach der Schule nicht so genau, was sie
wollen. Für sie ist das freiwilligen Jahr eine Chance, mehr über die eigenen
Fähigkeiten herauszufinden, sich persönlich und beruflich zu orientieren.


Auch Helene Goose ging es so. Die junge Frau träumte urspünglich vom Theater,
wollte Maskenbildnerin werden. Allerdings fehlten ihr dafür die Vorraussetzungen:
Den Realschulabschluss hatte sie nicht geschafft und um sich für Lehrstellen zu
bewerben, war es auch schon zu spät. Da war das freiwillige Jahr in der
Denkmalpflege eine große Chance, sich auszuprobieren. In ihrer Einsatzstelle,
Schloss Freudenberg bei Wiesbaden, fallen sehr unterschiedliche Arbeiten an:
handwerkliche Restaurierungsarbeiten, Konzeptentwicklung und die Begleitung von
Besuchergruppen durch die Ausstellung.




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O-Ton Helene 20
Im Museum zu arbeiten und Führungen zu machen, hat mir sehr gut gefallen, weil
viele Menschen kommen und die Führungen haben mich auch sehr viel weiter
gebracht. Es ist auch ne andere Art und Weise, wie man mit Menschen umgeht, auf
sie zugeht, mit ihnen spricht. (...19...)..... ich hab viel für mich selbst gelernt und ich
bin durchs Schloß sehr selbstbewußt geworden und es war ein sehr schönes,
erfolgreiches Jahr für mich, kann ich sagen.


Sprecherin

Die hübsche junge Frau hat vor allem ihre kommunikativen Fähigkeiten entdeckt.
Während Abiturienten meist praktische handwerkliche Erfahrungen sammeln wollen,
bevor sie ihr Studium beginnen, finden es Haupt- und Realschüler attraktiv,
theoretisches Wissen zu erwerben bevor sie eine handwerkliche Lehre beginnen.
Hanja und Helene absolvieren ihr freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege im Rahmen
eines Projekts, das den Namen “Jugendbauhütte Romrod” trägt. Der pädagogische
Leiter ist Oliver Dahn. Er betreut die Jugendlichen, wählt geeignete Einsatzstellen
aus und organisiert Seminare. Oliver Dahn ist gelernter Tischler und früher als
junger Mann auf die traditionelle Wanderschaft der Handwerker gegangen.


O-Ton Atmo Zimmermannsklatsch Track 34
Oliver Dahn und die Teilnehmer singen und klatschen
“Frühmorgens um halb sechs stehn wir auf und steigen aufs Gerüst hinauf....darum
aufgeschaut fest Gerüst gebaut und auf seinen Kamerud vertraut...”


O-Ton Wanderschaft Track 7
Die Wanderschaft, das war für mich Reisezeit, das sind Baustellen mit vielen
netten, interessanten Leuten. Ne schöne Zeit, wo ich irgendwie gelernt hab, das
Arbeit was spannendes, interessantes sein kann, viel Leben hat, ganz viel mit mit
Spaß und Lebensfreude zu tun haben kann. Ich habe in dieser Zeit viele
Möglichkeiten für mich entdeckt, zum Beispiel die Denkmalpflege, die damals
durchaus was mit Abenteur und Entdeckung zu ntun hatte Beispiel Baustelle. Und
natürlich war es eine sehr intensive Zeit was Freundschaften angeht. Wir haben
gemeinsam ganz viel auf die Beine gestellt. Das ist eine sehr wichtige Erfahrung.
Dazu gehören auch die traditionellen Lieder...

Sprecherin:
Heute gibt Oliver Dahn sein Wissen und seine Erfahrungen an die nächste
Generation weiter. Er hilft den Jugendlichen auch mal, eine Wohnung zu finden und
besucht sie regelmäßig in ihren Einsatzstellen. Neben Handwerksbetrieben bieten



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auch Museen, Schlösser, Architekten und wissenschaftliche Institute Plätze für die
Jugendlichen.




O-Ton Oliver Dahn (22...)
Das sind schon sehr außergewöhnliche Einsatzstellen, das Städel in Frankfurt zum
Beispiel oder Handwerksbetriebe wie in Borken die Zimmerei, in der die Hania ihr
freiwilliges Jahr verbracht hat. Das sind kleine Betriebe oder Museen, die
normalerweise nicht jeden über ihre Türschwelle schauen lassen, die nicht ihre
Werkstätten öffnen, dass da jeder reinkommen und kucken kann. Man kommt in
solche Einsatzstellen nicht direkt von der Schule rein. Gerade Restauratorinnen, das
ist ein sehr sehr langer Werdegang. Sie müssen drei Jahre Praktikum machen, aber
auch ein Hochschulstudium absolvieren. Das ist wirklich was ganz besonderes, was
die Jugendlichen zum Teil geboten bekommen. Und die Bereitschaft bei den
Einsatzstellen, diese Offenheit, die ich da erlebe, ist sehr sehr groß. Das find ich sehr
schön, das auch zu erleben.

Sprecherin:
Unterstützung kommt nicht nur von den Betrieben und Institutionen, die in Hessen im
denkmalpflegerischen Bereich tätig sind. Die Jugenbauhütte Romrod ist ein
gemeinsames Projekt der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste und der
Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Die organisatorische Leitung liegt bei den
internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten, kurz IJGD genannt. Der Verein, der
sich 1948 gegündet hat, um internationale Jugendbegegnungen zu fördern, hat viel
Erfahrung mit Freiwilligendiensten und Workcamps.
Finanziert wird das freiwillige Jahr in der Denkmalpflege vor allem von der Deutschen
Stiftung Denkmalschutz. Die Jugendlichen arbeiten schließlich nicht umsonst,
sondern bekommen genug Geld, um davon ihren Lebensunterhalt bestreiten zu
können. Schloss Romrod im Vogelsbergkreis, das von der Stiftung aufwändig
restauriert wurde, ist der Namensgeber der Jugendbauhütte. Hier hat die
Denkmalakademie ihren Sitz und hier finden auch Seminare statt. Außerdem ist
Schloss Romrod Einsatzstelle für vier der Freiwilligen.
 Prof. Gottfried Kiesow, Vorstandsvorsitzender der Stiftung und einer der Initiatoren
der Jugendbauhütte Romrod:

O-Ton (38) Kiesow
Die Hauptidee ist, die nächste Generation für den Denkmalschutz zu begeistern.
Nicht dass wir erwarten, dass die nun alle gleich Spender werden, das können sie
erst, wenn sie mal so 50, 60 Jahre alt sind und ihre Familie ernährt haben und ihre
Kinder zur Ausbildung geführt haben, nein es geht darum, auch schon den Keim zu
legen für ein Verständnis, das sich dann in 40, 50 Jahren auch sicher für die Stiftung

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mal auszahlt. Aber zunächst denken wir an die Jugendlichen selbst. (...)Und wenn
man dann später in den Vorstandsetagen der dt. Wirtschaft sitzt und erinnert sich an
das schöne freiwillige Jahr, dann wird man vielleicht auch an die Stiftung denken. Die
Investition ist das Unwichtigste dabei, das Wichtigste ist die Bewußtseinsbildung für
das historische Erbe.

Sprecherin:
.
“Damit Vergangenheit eine Zukunft hat”, so lautet ein Slogan der deutschen Stiftung
Denkmalschutz. Die Teilnehmer des freiwilligen Jahres besuchen insgesamt sieben
Seminare, auf denen traditionelle Handwerkstechniken und baugeschichtliches
Wissen vermittelt werden. Baubiologie, Profanbauten der Romanik oder jüdisches
Leben im Vogelsberg stehen dann zum Beispiel auf dem Stundenplan. Ergänzt wird
das Angebot durch praktische Kurse in denen die Freiwilligen schmieden,
Stuckarbeiten anfertigen oder die traditionellen Techniken des Fachwerkbaus
ausprobieren.

Atmo
Klopfen und Hämmern auf Holz z.B. Track 4 oder 10 gute Atmo mit Stimmengewirr
und Klopfen


Sprecherin:
So ist zum Beispiel in einer Woche eine komplette Lehmfachwerkwand fertig
geworden. Sie dient zur Wärmedämmung eines alten Gehöfts in Romrod, in dem
einige der Freiwilligen in einer Wohngemeinschaft zusammenleben.

Atmo vom Seminar Holzbau

Sprecherin:
Oliver Dahn, pädagogischer Leiter der Jugendbauhütte Romrod und gelernter
Zimmermann erklärt, wie eine klassische Holzverbindung gemacht wird.


O-Ton 4
Gehämmer... Oliver: was ganz wichtiges, also gerade wenn man noch ein bißchen
ungeübt ist, bevor man was falsches absägt, kennzeichnet man die Stellen, die man
raushaben will mit Schraffierungen...dann sägt man nicht aus versehen das falsche
weg....dann spannen wir das fest und machen die ersten Sägeschnitte.

Atmo
Track , 12, 14 Sägegeräusch mit mehr oder weniger Klopfen im Hintergrund
Atmo 29 Klopfen

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Sprecherin
Hier wird Baugeschichte für die Jugendlichen erlebbar und Teil ihrer eigenen
Gegenwart. Das ist auch der Grund, warum das freiwillige Jahr in der Denkmalpflege
für die 23jährige russische Doktorandin Daria Gwuchimenaya attraktiv ist. An der
Philipps Universität Marburg forscht sie im Fachbereich Geschichte über das
Alltagsleben an mittelalterlichen Herzoghöfen. In ihrer Einsatzstelle, der Städelschen
Kunstsammlung in Frankfurt, nahm die Geschichte für sie Gestalt an.


O-Ton Daria (29)
mittelalterliche Kunst finde ich auch in dem Sinne interessant, dass sie die Welt der
mittelalterlichen Leuten sozusagen beschrieben hat, sozusagen visuell beschrieben
hat. (...)Da sind sehr viele Symbole drin, (..)die uns sehr viel über Mittelalter erzählen
können. Über die Wälder, über die Weltanschauung über Kultur der Leute über
Alltagsleben der Leute..(30)

Sprecherin:
Das freiwillige Jahr in der Denkmalpflege kann sich auch im Lebenslauf sehen
lassen. Daria schreibt jetzt erstmal ihre Doktorarbeit fertig. Im freiwilligen Jahr hat sie
allerdings auch neue berufliche Perspektiven entwickelt.

O-Ton 32
was mir das Jahr gegeben hat, es hat mir zum Nachdenken gebracht, ob pure
Wissenschaft überhaupt meins ist, ob ich dann nachher auch es wollen werde in der
Wissenschaft zu bleiben oder werde ich, würde ich lieber eher so in
Öffentlichkeitsarbeit tätig sein, in Museen oder in Denkmalpflege also in anderen
Bereichen, die näher zu der Gegnwart sind.

Sprecherin
Daria ist der Jugendbauhütte Romrod übrigens erhalten geblieben. Als Teamerin ist
sie bei den Seminaren dabei und gibt ihre Erfahrungen, aber auch ihr geschichtliches
Wissen, an die diesjährigen Freiwilligen weiter. Bisher interessieren sich vorwiegend
junge Frauen für das freiwillige Jahr. Inzwischen können sich aber auch anerkannte
Kriegsdienstverweigerer für das freiwillige Jahr in der Denkmalpflege bewerben und
es als Ersatzdienst anerkennen lassen. Zu tun gibt es jedenfalls genug für die
Teilnehmer der Jugendbauhütte Romrod. Für die Zukunft ist geplant, ein Haus


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gemeinsam zu restaurieren. Prof. Gottfried Kiesow, Vorstandsvorsitzender der
Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der ebenfalls auf Schloß Romrod ansässigen
Denkmalakademie hält bereits in der Umgebung Ausschau nach einem geeigneten
Objekt.
O-Ton Kiesow (42)
(....)Ich bin jetzt mal hier durch den Vogelsberg gefahren und es sind schon wieder
viele Kirchen dringend erneuerungsbedürftig weil man in den 60er Jahren falsche
Technologien verwendet hat. Also Stupertenrod ist zum Beispiel so ne Kirche, die
Farbe ist nicht nur völlig verblasst sondern sperrt auch ab und zerstört so das
Fachwerk, da wird man bald dran müssen, ich habe gesehen die Teufelsmühle, das
bedutendste Denkmal hier im Vogelsberg hat auch schon wieder Schäden, ich bin in
Alsfeld rumgelaufen, ganz schwere Schäden an einem Giebel. Es gibt hier im Umfeld
nicht nur einen besonders großen Schatz sondern er wird auch mehr und mehr
Pflegebedürftig, das ist das Anschauungsmaterial für die Jugendbauhütte und auch
für die Akademie.
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