One of the Boys
Als Katy Perry die dritte Klasse besuchte, forderte der Lehrer die Kids auf, eine „Visionstafel“ zu
basteln, eine bunte Bildercollage aus Zeitschriften, die alle Träume und Ziele repräsentieren, die
man hoffte im Leben zu erreichen. Das war 1993 und die Sängerin Selena hatte gerade einen
Grammy gewonnen. Also wählte die neunjährige Katy Perry dieses Siegerfoto der Latin-Pop-
Sängerin mit der Auszeichnung in der Hand aus. Sechzehn Jahre später ist Katy Perry zum
ersten Mal für einen Grammy für ihre Nr.1-Single „I Kissed A Girl“ nominiert. Das dazugehörige
Album wurde mehrfach mit Platin ausgezeichnet und ging bisher weltweit über 2 Millionen Mal
über die Ladentheke. Die Verkaufszahlen für Downloads, Singles und Klingeltönen stehen bei
über 13 Millionen! „Ich hab die Collage von damals wieder gefunden, als ich umgezogen bin“,
erzählt Perry, jetzt 24 Jahre alt. „Ich wusste sogar schon als Kind, wo ich sein wollte. Ich habe
damals nur nicht gewusst, dass ich einfach einen Schritt nach dem anderen gehen muss, um
tatsächlich eines Tages anzukommen.“
Perry’s selbstloser Einsatz, von ihrem Songwriting, ihrem Gesangstalent und ihrem
beeindruckenden Charisma gar nicht erst zu sprechen, führten zu einem atemberaubenden Jahr
für das Pop Starlet mit dem rabenschwarzen Haar. Mit ihrem frechen Humor und dem sexy Pin-
Up-Girl Style wurde sie zum absoluten „Breakthrough Star 2008“, wie das Blender Magazine es
zusammenfasst.
Man könnte sagen, dass alles im April 2008 begann, als Madonna in der Radioshow von Ryan
Seacrest erklärte, ihr Lieblingssong ist Perry’s „Ur So Gay“ (von der 2007er EP). “Es war aus
ihrer Sicht sicher nur ein kleiner Kommentar. Aber es war ein verdammt riesiger in meiner Welt“,
erinnert sich Perry. „Es war so, als ob ein Kreuzfahrtschiff das Dock verlässt und das war die
Champagner-Taufe.“ Kurz nachdem sie von der Queen of Pop in den Himmel gelobt wurde,
veröffentlichte Perry ihre Debütsingle “I Kissed A Girl” — eine provokative Ode an die Schönheit
der Frauen, die im Sommer 2008 im Radio rauf und runter lief und direkt auf Platz 1 der Billboard
Hot 100 schoss. Dort blieb die Single für 7 Wochen – genauso lange wie es einst nur die Beatles
geschafft haben. Das Video war für fünf MTV Video Music Awards nominiert (u.a. für Best New
Artist) und thronte auf Platz 1. Der Song stand in 22 Ländern an der Spitze der Airplaycharts und
wurde 2009 bei den People’s Choice Awards als „Favorite Pop Song“ ausgezeichnet. “I Kissed A
Girl” verkaufte sich weltweit über 6 Millionen Mal. Ihre Popularität machte sie aber auch zur
Zielscheibe des konservativen Fox News Kommentators Bill O Reilly, der eine Talkrunde um sich
scharte, um die Effekte des Songs auf die amerikanische Jugend zu analysieren. Perry wurde
von den Lesern des Rolling Stone und PerezHilton.com zum „Best New Artist“ gewählt.
Mit der Veröffentlichung von One Of The Boys präsentierte Perry ihre scharfsinnigen und -
züngigen Songs, kunterbunt, frech, laut, voller Girlpower und ebenso gefühlvoll und verletzlich
wie z.B. ihre neueste Single „Thinking Of You“. “Ich denke, die Menschen mögen Künstler, die
unterschiedliche Seiten von sich zeigen. Es ist ja cool, seine Angst zu zeigen, aber wenn das
alles ist, was du zu bieten hast, dann wird es schnell langweilig. Alles, was ich schreibe, ob es
fröhlich ist oder traurig, hat immer auch Humor.“ Bestes Beispiel: Die zweite Single “Hot N Cold,”
Perry’s zweiter internationaler Nr. 1-Hit, der insgesamt als Download fast 3 Millionen Mal verkauft
wurde. Der Videoclip mit dem grell-bunten Hochzeitsthema, wurde die am zweitmeisten
gesehene Video-Premiere aller Zeiten auf MySpace und bewies allen Zweiflern, dass der Erfolg
dieser in Netzstrümpfen und Seidencorsagen bekleideten jungen Frau keine einmalige Sache
war. Als die Kult-TV-Show Saturday Night Live (u.a. Lieferant der Sarah Palin Sketche mit Tina
Fey) sie in einem Sketch veräppelt hatte, war es offiziell: Katy Perry wurde zu einem kulturellen
Phänomen!
Warum Perry immer dachte, dass sie ein großes Publikum erobern wird, wenn der Weg zum
Ruhm voller geplatzter Träume und noch mehr Möchtegerns gepflastert ist? „Weil ich einfach ich
selbst bin“, erzählt Perry. „Und das ist alles, was die Leute wollen. Sie wollen Künstler, die sie
selbst sind, aber interessante Sachen machen und darüber auf interessante Art und Weise
singen, wie sie es vielleicht selbst versucht haben, aber nicht konnten. Es sind einige Girls auf
mich zu gekommen und haben gesagt ‘Als ich ‘Thinking of You’ gehört habe, erkannte ich mich
total wieder, aber ich habe nie jemanden getroffen, der für meine Gefühle die passenden Worte
gefunden hat’. Ich denke, deshalb können sich die Leute mit mir identifizieren. Und jeder kann
mich treffen. Ich bin nicht unnahbar. Ich bin immer noch dieselbe Person, die ich war, bevor es
die Hitsingles gab. Ich hab jetzt nur einen Terminkalender für Frühstück, Lunch und Dinner.“
Ihre Fans scheinen von Perry’s Mädchen-Von-Nebenan-Qualität begeistert (wenn dieses
Mädchen von nebenan sich selbst als „Glamour Ninja” beschreibt), vielleicht gerade weil alles an
ihr echt ist und eben nicht gespielt. Die Pastorentochter begann schon früh in der Kirche zu
singen. „Mein Vater hat mir 10 Dollar gegeben – für eine Neunjährige sehr viel Geld – um in der
Kirche, bei Familienfeiern, einfach überall zu singen“, erzählt Perry. Sie wuchs mit einer strikten
‚Nur-Kirchenmusik’-Diät auf. Die „weltliche Musik“, wie ihre Mutter sie nannte, war absolut
verboten. Aber eines Nachts bei einer Pyjamaparty war es dank eines Albums von Queen um
Perry geschehen und „der Himmel öffnete sich und rettete mich“. „Von da an waren Queen mein
größter Einfluss. Ihre Musikalität und Texte waren so flammend und real. Ich habe nie wieder
etwas annähernd so außergewöhnliches gehört.“
Als sie 15 Jahre alt war, schien das Ziel, Musik zu machen, längst gesetzt. Sie verbrachte einige
Zeit in Nashville, arbeitete mit professionellen Songwritern zusammen – „jenen Country
Veteranen, die schon ihr ganzes Leben Songs geschrieben haben“ – und feilte an ihren eigenen
Songs. “Jeder meiner Songs ist zu 100% aus meinem Leben.“ Mit 17 Jahren traf Perry den
legendären Produzenten und Songwriter Glen Ballard, der die nächsten Jahre damit verbrachte,
ihr Talent zu fördern und herauszuarbeiten. Die Stärke ihrer Songs und ihre Stimme ließen die
Capitol Music Group aufhorchen und bescherten Perry im Frühjahr 2007 ihren Plattenvertrag.
“Ich hatte schon viele Hochs und Tiefs in dem Business“, erinnert sich Perry. „Bevor ich meinen
Vertrag bekam, war es manchmal echt hart. Ich schrieb den Scheck für meine Miete aus und
direkt daneben ‚Lieber Gott, bitte bitte’. Aber ich bin nicht von den Hollywood-Buchstaben
gesprungen. Am Ende wird doch alles gut.”
Es ist ein langer Weg vom pleite Sein bis zum Shows rocken wie die MTV Latin America „Los
Premios Awards” (wo Perry in einem riesigen pink-farbenen Kuchen versank) oder ihrer
Moderation der MTV Europe Music Awards in Liverpool, England. Dort wurde sie zudem mit dem
“Best New Act”-Award geehrt. Nun macht sich Perry für ihre allererste internationale Live-Tour als
Headliner bereit, nachdem sie im Sommer 2008 die Vans Warped Tour in den USA rockte. Der
Multi-Band-Zirkus hat bei Kritikern den berüchtigten Beinamen ‚Das Bullenrennen von
Pamplona… nur ohne Bullen und der malerischen Umgebung.’ „Warped war das bisher Härteste,
was ich bisher gemacht habe“, gibt Perry zu. „Es war, als wäre ich in der Armee, wie GI Jane
haben sie mir jeden Tag den Arsch versohlt, aber jetzt weiß ich zumindest, wie ich mit jeder noch
so verrückten Situation umgehen muss.“
Eine von den Boys, eine von uns, eine wie keine – Katy Perry wird auch 2009 die Welt auf den
Kopf stellen.
Februar 2009