Amos by BMY35127

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									                Der Prophet Amos und seine Botschaft
1      Stand der gegenwärtigen Prophetenforschung ..........................................................................2
2      Prophetenamt allgemein..............................................................................................................2
    2.1       Kennzeichen alttestamentlicher Prophetie .......................................................................2
    2.2     „Gericht“ als Proprium der prophetischen Rede? ..........................................................2
      2.2.1     Position Wolffs .............................................................................................................2
      2.2.2     Position Fendlers ..........................................................................................................3
      2.2.3     Position Keels ...............................................................................................................4
      2.2.4     Position Zenger .............................................................................................................6
      2.2.5     Position Jeremias’ .........................................................................................................7
3      Zeit und Umstände des Amos ......................................................................................................7
    3.1       Soziale Krise: trotz / wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs.....................................7
    3.2       Politische Krise ...................................................................................................................8
    3.3       Prophetische Totalopposition ............................................................................................8
    3.4       Hiskianischen Reformen ....................................................................................................9
4      Der Prophet Amos .....................................................................................................................10
    4.1       Biographisches ..................................................................................................................10
    4.2     Funktion und Aufgabe des Amos nach dem Amosbuch ...............................................10
      4.2.1     ... in den Visionsgeschichten (7,1-8; 8;1f.; 9,1-4) ......................................................11
      4.2.2     ... im Disputationswort (3,3-6,8*): „Wenn Gott redet“ ..............................................11
      4.2.3     ... in der Auseinandersetzung mit Amazja (7,10-17) ..................................................11
      4.2.4     ... in der Prophetentheologie der exilischen und nachexilischen Zeit ........................12
5      Entstehung des Amosbuches .....................................................................................................12
    5.1     Traditionsschichten des Amosbuches .............................................................................12
      5.1.1     Mündliche Überlieferung erfährt Verschriftung.........................................................12
      5.1.2     Fortführung der prophetischen Verkündigung durch Amosschule (7,7-9,10) ...........13
      5.1.3     Exilisch-nachexilische Bearbeitung bzw. Konzeption der Endgestalt des Am ..........15
    5.2       Das Amosbuch als Teil des Dodekapropheton ...............................................................16
6      Theologie des Amosbuches .......................................................................................................17
    6.1       Leben und Tod in Am 5,1-17 ...........................................................................................17
    6.2     Gericht und „Gottesbegegnung“ .....................................................................................19
      6.2.1     Das „Wie des Gerichts“ ..............................................................................................19
      6.2.2     Jeremias, Die Mitte des Amosbuches .........................................................................19
    6.3     Sozialkritik des Amos .......................................................................................................20
      6.3.1     Soziale Krise: trotz / wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs ................................20
      6.3.2     „Frühkapitalismus“, „Rentenkapitalismus“ oder „Tributarismus“? ...........................21
      6.3.3     Sozialkritisch relevante Amos-Texte..........................................................................22
      6.3.4     Die Sozialkritik des Amos ..........................................................................................25
      6.3.5     Die Kultkritik..............................................................................................................25
      6.3.6     Rechtskritik.................................................................................................................26
      6.3.7     Mahnung und Umkehr ................................................................................................26




                                                                        1
1         Stand der gegenwärtigen Prophetenforschung
Jeremias, Grundtendenzen der gegenwärtigen Prophetenforschung, in ders., Hosea und Amos, Tübingen 1996,1ff.




2         Prophetenamt allgemein
2.1       Kennzeichen alttestamentlicher Prophetie
Mari-Briefe (Prophetie ausserhalb Israels): politische und kultische Augenblicks-Kritik an einen
König. Form: Nähe Heilswort oder Gerichtsprophetie (~ AT)
Unterschiede: keine schriftliche Weitergabe, wesenhaft mündliche Worte.
AT: Entwicklung der Prophet (s. Vorlesung Albertz)
schon zu Zeit Sauls: Prophetengilden, die mit Musik in Ekstase bringen
9. Jhd.: 400 Propheten, die im Nordreich unter ihrem Leiter Zedekia am Hof angestellt sind (1Kön
22) (zur Zeit Elias (aus klösterlichen/familiären Gemeinschaften)
8. Jhd.:

Verschriftung von Prophetenworten:
 durch den Propheten selber
       - meistens aus aktuellem Anlass (722, 587/6 usw.)
       - schriftliche Fixierung als Reaktion auf abgelehnte mündliche Botschaft:
          z.B. Jes-„Denkschrift“ (Jes 6-8,18): eigentlich ist die Verkündigung des Jes während des syr.-ephraim. Krieges
          ein bedingungsloses Heilswort; die schriftliche Form enthält deutliche Warnungen, sich nicht mit dem Feind
          einzulassen.
 (später) durch Prophetenschüler
         Sammlung und Systematisierung der Lehre
        - Wort hat eine Bedeutung über die geschichtliche Stunde hinaus: Anlass und
        geschichtlicher Ort (z.B. Amos: 2 Jahre vor dem Erdbeben) - aber: auch allgemeingültige
        Wahrheit
         Aktualisierung der Lehre
 Einbindung der Texte in die Lehrtradition („Auf dem Weg zum Kanon“)
        - Weitere Bearbeitungsschichten greifen auch auf andere ältere Prophetenworte zurück: Sie
        fragen nicht nur nach Gottes Willen in der Situation der historischen Propheten, sondern
        nach einem „Gesamtwillen Gottes“: Was alle Propheten gemeinsam haben, soll vermittelt
        werden.

2.2       „Gericht“ als Proprium der prophetischen Rede?
Amos: Prophet der Umkehr oder Bote, das bevorstehende Ende Israels anzusagen?

2.2.1 Position Wolffs
aus: Wolff, Hans Walter, Die eigentliche Botschaft der klassischen Propheten, in: Beiträge zur Alttestamentlichen
Theologie, FS für Walter Zimmerli, hg. v. H. Donner, Göttingen 1977, S. 547-557.
siehe auch: H.W. Wolff, Die Stunde des Amos, Prophetie und Protest, München 31974

1. Ruf zur Umkehr1 als eigentliche durchgängige Verkündigungsabsicht (M. Buber): Prophet redet in der
„Entscheidungsmächtigkeit“ des Augenblicks
dagegen Hans Walter Wolff:
         1. Der Ruf nach „´sub“ (Umkehr) wird kein einziges Mal als Mahnung, sondern nur als Anklage verwandt:
         Eigentlich sollte Umkehr erfolgen, erfolgt aber nicht!2

1
    Vgl. dtn. Verkündigung: „Kehret um von euern bösen Wegen und haltet meine Gebote und meine Satzungen.“
2
    Wolff, 549.


                                                            2
        2. Visionen und Auftrag befehlen keine Mahn-, sondern Gerichtspredigt, weil sie das Gericht für unabwendbar
        halten. 3:
2. Die Ansage der kommenden Geschichtswende
        
         Propheten deuten ungeheurer Umbruch an, treten aber nicht als Reformer auf.
        Sie wissen um die Zukunft (Zukunftsgewissheit: 8,2 4), dennoch kein richtiges Proprium!
3. „Wesentliche Botschaft des Propheten ist das unausweichliche Anstürmen Gottes, vor das sie
Israel stellen.“5
Das Ende ist gekommen (8,2);“Ich gehen nicht mehr schonend an ihm (Volk) vorüber“, 3.Vision,
7,8): Gerichtsankündigung
Der unausweichliche Blick JHWHs setzt das Ende 6: Wenn in allen Gassen und in allen Weingärten
die Leichlieder heulen (5,16), dann nur aus einem Grund:“ Ich schreite durch die Mitte, hat JHWH
gesagt“ (5,17). -> Unheilstag nicht Phillister- oder Assur-Tag, sondern Tag JHWHs.
(Umkehr und Geschichtsumbrüche können nur von der Gerichtsperspektive des Prophetenwortes
verstanden werden: Natürlich ist JHWH kein geschichtsloses Fatum, sondern schließt Umkehr in
begrenzter Weise ein7; aber: Erst im geänderten Verhältnis zu JHWH kann Israel politisch gegen
den assyrischen Großkönig verschont bleiben (Hos). Wie ändert sich die Welt, wenn der Prophet
Israel vor die Wirklichkeit JHWHs stellt!)

Zusammenfassung Wolff durch Zenger:
 Amos muss das Ende (8,2) der bisherigen Heilsgeschichte ankündigen (Zwang der Verkündigung)
. Dissoziierung (Trennung) von göttlicher Gerichtsbotschaft und (prophetischer) Begründung:
Scheltworte, Anklage, Strafbegründung alles Prophetenworte; nur Gerichtsankündigung =
Gotteswort.
 Problem: theologischer Weg von Israel zur Kirche wird deutlich:
         Amos stösst Israel unter die Völker zurück -> „Pfingsten erscheint im Negativ. Der zaum
        zwischen Gottesvolk und Weltvölkern wird schon abgebrochen.“8
         Schuld der Gegenwart ist unabweichlich - Gericht der Zukunft ist unausweichlich.
        -> bereitet vor, dass J.C. unabweisbare Schuld und unausweichliches Gericht auf sich
        nimmt.
Problem beim Skopus „Gerichtsverkündigung“:(z.B. G. Wanke):
 Warum predigt Amos überhaupt noch?
Pfarrerspredigt :Gericht ist beschlossen, in kurzer Zeit wird Euch eine Atombombe auf den Kopf
fallen. Da das Gericht ohnehin nicht zu entgehen ist, sind soziale Reformen völlig überflüssig.
-> Warum redet der Prophet dann überhaupt? Wozu die Schocksprache des Amos, wenn ohnehin
alles beschlossen ist?
-> Ausstehendes Gericht steht auch im eschatologischen Vorbehalt, will man ebenso dogmatisch
argumentieren (~ J.B. Metz)


2.2.2 Position Fendlers
Zeichnet verschiedene Adressaten der Amos-Verkündigung heraus: Unter-, Mittel- und
Oberschicht.
-> Botschaft an ganz Israel, um „die allgemeine heillose Zerrüttung als Grund für das kommende,
von Jahwe gewirkte zotale Unheil kenntlich zu machen.“ (Fendler, 52.
 historisch und textlich nicht überzeugend.


3
  Ausnahme Am 5,4: „Suchet das Gute, nicht das Böse.“ - Aber auch 1./2. Vision? Differenzieren!
4
  8:2 Und er sprach: Was siehst du, Amos? Ich aber antwortete: Einen Korb mit reifem Obst. Da sprach der HERR zu
mir: Reif zum Ende ist mein Volk Israel; ich will ihm nichts mehr übersehen.
5
  Wolff, 552, auch Zimmerli. – Dabei verwendet Hosea eine etwas andere Sprache: Name 3. Kind;“ Nicht mein Volk“;
stäekere Betonung von Gottes Barmherzigkeit, durch die das Volk die unmögliche Umkehr doch vollzieht.
6
  Ende Israels übrigens nicht durch Gott-Verlassenheit, sondern in der schonungslosen Gottesbegegnung!
7
  Am 5,4.
8
  Wolff-Kommentar 1969


                                                         3
 Das Geeintsein im angekündigten Unheil als Negation des verlorengegangenen sozialen
Gleichgewichts?
--------------

Albertz, Religionsgechichte I:
„partielle Kritik [an Gesellschaft anhand Recht und Gerechtigkeit] und totale
Gerichtsankündigung“: JHWH hat viel Mühe in den Weinberg gesteckt (Jes 5), dass er auch Früchte
tragen soll.

2.2.3 Position Keels
Keel, Othmar, Rechttun oder Annahme des Gerichts? Erwägungen zu Amos, dem frühen Jesaja und Micha
eine Linie mit K. Koch, M. Buber, G. Fohrer9

1.In der typisch prophetischen gehören Aufdeckung der Schuld und das Ankündigen des mit ihr
verbundenen Unheils (Tun-Ergehens-Zusammenhang) engstens zusammen. Anlass zum Reden ist
die Schuld.
        Wolff: „Die Gesellschaftskritik des Amos kann nur theologisch gesehen: Ende des Staates Israel aufgrund der
        unweigerlich folgenden Gerichtstat seines Gottes.“
        Dagegen mit K. Koch10:
         Nirgends wird vom Auslöschen des ganzen Volk Israels gesprochen: Ernte (8,2) wird Ende
        sicher nicht für leidende Gerechte bringen (2,6; 5,12)
         elliptische Art der Gedankenbildung mit zwei Brennpunkten:
                 1. Schuldaufweis: unhaltbare Zustände in Israel/Juda (Scheltwort, Gegenwartskritik)
                 2. Gerichtsankündigung: die von außen in naher Zukunft einbrechende Katastrophe
                 denn:
                  Gattung Gerichtsrede selten von Propheten aufgenommen (nur: Jes 1,2f., Jer 2,.4ff.)
                  Vokabel „Strafe“ fehlt [Es gibt kein Wort für Strafe, aber „awon“ deckt „böse Tat“,
                 „Schuld“ und „Strafe“ ab (Handwörterbuch)]
                  Hinweis auf Prozesssituation fehlt [aber: zu juridisches Verständnis von Gericht,
                 dabei im Orient: eher metaphorische Verwendung von Gerichtsterminologie]
        Schuldaufweis und Gerichtsankündigung stehen aber auch im engen Zusammenhang:
                 Weil sich Samaria Schätze angesammelt hat, gibt es Raub (Am 3,9-11)
                 - Weil Lehmziegelhäuser mit Mitteln gebaut wurden, die aus den wirtschaftliche Schwachen
                 herausgepresst wurden, wird man die Häuser nicht bewohnen (Am 5,11f.)
                 - Weil sich die Oberschicht Samarias als Spitze der Nation fühlt, wird sie an der Spitze des Zuges
                 marschieren, die das Land verlassen muss (Am 6,1-7)
                 -> Tun-Ergehens-Zusammenhang von Untat (awon) und Unheil (awon): „Die
                 Ordnung, nach der Gutes Heil und Böses Unheil produziert, ist eine von der Gottheit
                 gesetzte Ordnung.“ (Keel, 203.205)
        Woran entzündet sich die prophetische Kritik?
        „Man hat fast den Eindruck, als ob der göttliche Faktor ausgeschaltet“, für Schelt- und
        Drohwort, Schuld und Schicksal JHWH nicht explizit bemüht werden müsse.
        Kritik entzündet sich an gesellschaftlichen Umwälzungen, die von Amos als nationale
        Katastrophe empfunden und als solche demaskiert wurden. Die Gerichtsankündigungen sind
        nichts anderes als die unheilvollen Folgen. (Keel gegen Wolff, auch gegen Weiser11)
        -> Kritik am betrügerischen Kornhandel nicht aufgrund einzelner Akte, weil darin die Tendenz deutlich wird,
        große Teile der Bevölkerung zu Schuldsklaven zu machen. (Am 2,6; 8,6)


9
  „Das wahre Ziel der Prophetie bestand darin, den schuldigen Menschen jener Zeit zur Umkehr oder Erlösung zu
führen und dadurch das heil des verlorenen Menschen zu bewirken.“ (Fohrer, Bemerkungen zum neueren Verständnis
der Propheten, in.: ders., Studien zur atl. Prophetie, 1967.
10
   K. Koch, Die Entstehung der sozialen Kritik bei den Propheten, in: Probleme bliblischer Theologie, FC G.v. Rad, Hg.
W.H. Wolff, München 1971, 236ff.
11
   So Weiser. Er stellt dann aber doch die Missstände, die Amos anspricht, in keinen Zusammenhang zueinander und
nimmt somit seine These ein wenig zurück.


                                                           4
        Kritik an Oberschicht nicht wegen Reichtums an sich, sondern weil er durch die Ausbeutung der wirtschaftlich
        Schwachen ermöglicht wird (am 3,9-10; 4,1-3; 5,11)
       -> eher Tun-Ergehens-Zusammenhang als vorschnelle Brücke zu dogmatischen loci wie
       Gesetz-Evangelium!
2. Die Unheils-Visionen sind von ihrer Funktion sekundär
       Historische Berufung/Beauftragung des Amos (nach 3,8) muss nicht primär als
       Gerichtsankündiger sein, sondern könnte sich analog zu Micha von den „falschen
       Propheten“ unterscheiden, dass er Kraft Gottes besitzt, (soziale) Vergehen anzuprangern12:
        Ich aber bin erfüllt mit Kraft (dem Geiste JHWHs) und Recht(sempfinden) und Stärke , um Jakob sein
        Verbrechen (pasa) zu künden und Israel sein Vergehen (hatta’t) (Mi 3,8)
        Um gesellschaftliche Missstände zu kritisieren und ihre Unheilsfolgen abzusehen, braucht er
        nicht die Berufung auf JHWH. (s.o.)
        Der Prophet bezieht sich auf JHWH, weil
         seine Hörer den Zusammenhang zwischen Untat und Unheil glauben auflösen zu können:
        (Sie meinen, hamas ausüben zu können, sich aber dem Unheilstag fernhalten zu können (Am 6,3))
         Sie meinen, diesen Tun-Ergehens-Zusammenhang mit Berufung auf JHWH aufheben,
        Untat und Unheil dissoziieren zu können.
        Hier liegt der Ansatz der Kultkritik: Die negative Konsequenz für das Engagement der Propheten für Recht und
        Gerechtigkeit ist „ihre Polemik gegen den Kult, sofern nämlich der Kult ein Versuch ist, den allgemeinen
        Bedingungen der Gerechtigkeit zu entgehen und eine Ausnahmestellung zur Gottheit zu erlangen, damit sei
        von ihrer Strenge zugunsten des Opfernden absehe.“13
      An dieser Stelle hat die Unheilsankündigung ihren Platz und ihre Funktion: Wo man dem
      Prophet bei seiner Berufung auf JHWH scheinbar unüberwindbare Hindernisse aufbaut14,
      reagiert er mit Bezug auf Visionen:
          1. Er will den Hörern den Rückzug auf Heilswillen JHWHs abschneiden: Wer Unrecht
               tut, kann sich nicht auf JHWH berufen.
          2. er will sich selbst legitimieren als den persönlich Betroffenen
          3. Unheilsankündigung kann nicht das Primäre sein15, sondern eine Reaktion auf
               Selbstrechfertigung und Selbsttäuschung des Hörers (Prophet als Verteidiger
               Gottes?!)
      Problem: Ist der Visionenzyklus wirklich so zu verstehen, dass Taktik des Boten primär
      gegenüber Inhalt der Botschaft ist?
3. Amos, der frühe Jes und Mi wollen durch ihre Verkündigung das Volk zur Umkehr bewegen
        Wolff: „Gerichtsbotschaft darf nicht als Form des Bußrufes verhüllt werden. [...] Amos erwartet nicht mehr
        Umkehr, sondern höchsten die Bereitschaft, die Anklage als gerechte Begründung des finsteren Tag JHWHs
        anzuhören.“16
        Dagegen Keel:
         Umkehr ist nicht nur verhüllt, sondern gelegentlich explizit: Am 5,4-6.14-15; 4,6-12)
         Das heraufziehende Gericht als gerecht anzuerkennen, wird nirgends explizit gefordert.
        -> zweiaktiges Prophetenwort des Amos:
               1. Untaten werden begangen und haben ihre Folgen (Tun-Ergehens-Zusammenhang)
               – aber 2.: positive Folge ist nicht Gerichtsdoxologie, sondern Umkehrpredigt (~
               Nathan, Ninivetiten17)


12
   (Warum soll es Gottes geringere Tat sein, einem Menschen dies zu schenken als die Gabe der
Gerichtsverkündigung?)
13
   schon Wellhausen. Interessant: An kultischen Aktivitäten ließen es ja die Hörer des Amos nicht fehlen, aber sie
wiegten sich in Selbstsicherheit und missbrauchten Kultort als Selbstbeweihräucherung.
14 bei Amos wohl auch: Auseinandersetzung mit Amazja: Staat lässt Amos nicht mehr verkündigen und schaufelt damit
sein eigenes Grab.
15
   Gegen Wolff, Weiser.
16
   Kommentar, 1965, 125.
17
   vgl. David und Batseba: Da er sein Verbrechen eingesteht, stirbt „nur“ das Kind, nicht er. Vgl. Ninive in Jon:
Niniviten versuchen erfolgreich, Gott umzustimmen. Vgl. besonders Ez 3: Warnung als unmittelbare
Gerichtsankündigung (Du wirst sterben, 3,18), aber Reaktion ist Umkehr, nicht Gerichtsdoxologie (3,19). Entsprechend
stammen die Gerichtsdoxologien des Am aus exilisch-nachexilischer Zeit (4,13; 5,8; 9,5f.).


                                                         5
              Ziel ist nicht Rechtfertigung des im Gericht erschienenen Gottes, sondern die mit der
              Unheilsverkündigung Bedrohten am Leben zu erhalten:
              Umkehr und Leben als Ziel der Verkündigung des Amos
       Problem: Es gibt eine zweifach Ankündigung, dass keiner dem Gericht entrinnen wird:
      Am 2,14-16; 9,2-4*
4. Man darf die Kritik des Am nicht christologisch verzerren:
       völlig verdorbene Gesellschaft [Amos hat keine totale Skepsis gegen
      Erneuerungsversuche!]
       paulinisch (lutherische) Allgemeinheit der Sünde [zwar radikale Protesthaltung, aber keine
      ontologischen Urteile, auch keine Königskritik; Kultkritik nur o.g. Aspekten!]
       Sozialkritik ist nicht nur Prämisse für Botschaft vom neuen Herzen und neuen Bund,
      sondern bitterernste Forderungen nach Recht und Gerechtigkeit, ohne die kein „Leben“ von
      einer Gesellschaft ausgeht.
           Sie wollen zu Recht und Gerechtigkeit aufrufen. Erst dort, wo der Mensch das versucht und scheitert, kann das
           Vertrauen auf Neuen Bund und neues Herz aus ideologischem Akt zu einem legitimen, notwendigen Vollzug
           und zu einem Evangelium werden. Ansonsten hält er nur davon ab, Recht und Gerechtigkeit zu üben.

2.2.4 Position Zenger
nach Zenger, Die eigentliche Botschaft des Amos. Von der Relevanz der Politischen Theologie in einer exegetischen
Kontroversen, 1988
Dass die von Gott gesetzte Ordnung, wonach Böses Unheil produziert, zur Amoszeit nicht mehr
funktionierte, ist der Grund, warum Amos so reden musste, wie es tat: weder als Bote des absoluten
Endes Israel (Wolff), noch als pastoraler Bußprediger zur Rettung von Bösewichtern (Keel).
Als was dann?

2.2.4.1             Exegetischer Befund
1. Visionszyklus: Gericht nicht unbedingt über „ganz“ Israel
Der Visionszyklus als ganzer (9-7) beschriebt Ende von ganz Israel.
3./4. Vision beschreiben Ende eines Teils Israels18: Ernte der reifen Früchte
erst recht 5. Vision (Gott auf Altar): Keiner, der zur Ernte vorgesehen ist, wird entkommen. Es ist
aber nicht ausdrücklich von ganz Israel die Rede
Dramaturgie der 1./2. Vision bestätigt: Heuschrecken und Flut/Feuer werden „ganzes“ Land
vernichten -> geschieht durch Amos’ Fürbitte nicht. (Amos will nicht, das Schuldige und
Unschuldige zugleich geschädigt werden.)
Umgekehrt 3.-5.Vision: Die Schwere der Schuld reicht nicht mehr aus, dass der Prophet noch
Fürbitte halten könnte. Aber hier kann nur die Schuld derer gemeint sein, die reif für die Ernte sind.

2. Gericht trifft Mächtige und Reiche ...
 Ihnen gilt Kritik und die Gerichtsankündigungen:
         Söhne Israels, die luxuriös in Samaria wohnen -> Vernichtung der Paläste (3,15)
         (3,1.12b)
         Baschanskühe (4,1)                                  -> Deportation der Kühe (4,2)
         jene aus Volk Israel, die Jungfrau Israel zu        -> Dezimierung des Militärs, Tote in den Städten
         Boden gestreckt haben (5,1)                         und Weinbergen (5)
 Sie sind die Täter-Gruppe analog zu verbrecherischen Völkern der Völkersprüche
         Völkerpruchzyklus (1-2*) macht die Schwere des Verbrechens deutlich:
          Israel fügt sich Verbrechen eigenem Volk zu.
         -> Nach T-E-Zusammenhang: nicht nationale Ausrottung, sondern Gericht den Schuldigen
         und Solidarität Gottes besonders mit den Ausgebeuteten.
3. ..., weil ihr Verhalten Auslöser der gesellschaftlichen und theologischen Krise sind


18
     D.K. nur 4. Vision!


                                                            6
          1. Recht und Gerechtigkeit schützen nicht mehr Zusammenleben, sondern werden zum
         Instrumentarium des Todes pervertiert. [Weheruf (5,7-17*)]
          Recht und Gerechtigkeit ist gefährdet durch: Stolz (6,8), Heilsgewissheit (6,1) und
         Selbstüberschätzung der Erfolgreichen und Mächtigen (6,13) [dritter Weheruf (6,1-14*)]
          JHWH kann nicht tatenlos hinnehmen, wenn ER selbst durch Israels unsoziale
         Gesellschaftspraktiken diskreditiert: Israel verdankt sich der Liebe Gottes.

4. Gerichtsprediger gegen alle, die Geschichte Gottes mit den Menschen pervertieren
 berufen als Diagnostiker der Krankheiten Israels und Botschafter der bleibenden Liebe JHWHs zu Israel als Familie
JHWHs
 Er kämpft gegen die Perversion der Befreiungstat JHWHs, für gesellschaftlich-politische Erneuerungspotential der
biblischen Gottestradition
- Er predigt nicht Warnung und Mahnungen (würde Perversion der Geschichte JHWHs mit seinem
Volk verharmlosen).
- Er predigt nicht allein Umkehr.
- Er ist auch nicht Bote des absoluten Endes (das „Vielleicht“ der Umkehr), wohl aber predigt er das
Gericht für die Schuldigen, die ruhigen Gewissens die Verelendung der Kleinbauern und die
strukturelle Verhinderung der Menschlichkeit hinnehmen, ja betreiben.
 -> Er zeigt Gott mit seiner „Option für die Armen“ und macht deutlich: Nicht die Unterdrücker,
sondern sie sind das Volk Gottes: Wer zu ihm gehören will, kann nicht zugleich Bedrücker der
Armen sein.

2.2.5 Position Jeremias’
Jeremias, Das Proprium der alttestamentlichen Prophetie, in: ders., Hosea und Amos, Tübingen 1996, 20ff.




3        Zeit und Umstände des Amos
(im Folgenden nach Albertz, Religionsgeschichte I, 245ff.)
Amos wirkte um 760 in Juda.
pol. Vormachtstellung: neuassyrisches Reich (883-612, Untergang Ninives)
Norden:      seit 845 hat Jehu-Dynastie die Omriden abgelöst.
             Jerobeam II (787-747): politische Erfolge im Osten und Norden; Frühkapitalismus
             Sacharja, Menahem, Pekachja, Pekach (bis 732)
             Hosea (732-724)

Süden:           801-773: Amasja
                 787-736: Asarja/Ussia
                 759-744 Jotam

Soziale Krise und außenpolitische Bedrohung durch das neuassyrische Reich.
Die prophetische Kritik ist nicht mehr an Einzelpersonen gerichtet, sonder an die
Gesamtgesellschaft (bis hin zur Prophezeiung des Untergangs des Staates)

Die Propheten erfahren eine weitgehende Ablehnung und dürften nur eine geringe unmittelbare
Breitenwirkung gehabt haben: Am, Hos ProJes, Mi

3.1      Soziale Krise: trotz / wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs
Die Wurzeln zur sozialen Krise liegen bereits in der Staatenbildung. Erste Zuspitzung: 8.Jhd.
   - Donner: neues Bodenrecht (Bestechung der Beamten mit Krongut)
   - Lorentz: „Rentenkapitalismus“ (s.u.)



                                                             7
     -   Plemnath: Übergang von Subsistenz19- zur Marktwirtschaft

Die vorstaatliche tribale Gesellschaft geht auseinander: soziale Zugehörigkeit nach Grundbesitz
   - Überschusswirtschaft statt Subsistenzwirtschaft
   - finanzieller Druck auf Bauern durch expandierende Oberschicht
   - antikes Kreditwesen: hohe Pfände, Zinse; Personalhaftung:20
-> Verlust der Solidarität: Entstehung von Armen (ebjon), Schwachen (dal), Elenden (ani).

3.2      Politische Krise
Das geschickte Lavieren zwischen den Großmächten ist zu Ende:
738: Tilgat-Pileser III führt Israel in die Vasallität.
Es entstehen rivalisierende Koalitionen: pro- oder anti-assyrisch.
-> Syrisch-ephraimitischer Krieg: Israel greift erfolglos Israel an, weil es sich nicht an der anti-
assyrischen Koalition beteiligen will. Ahas (Juda) ruft Assyrer zur Hilfe. (Jes 7-8; Hos 5)
-> Dies führt auch zur Vassalität Judas.

Südreich: Hiskias Koaliton mit Ägypten gegen die Assurer. Aber Saharib zieht gegen Jerusalem.
Hohe Tribute.

Folgen: 1. Aushöhlung der politischen Moral (Königsmorde, Vertragsbrüche)
       2. Kriegslasten: Verwüstungen, Tribute, Deportationen

3.3      Prophetische Totalopposition
 Sozialkritik
- gegen hemmungslose Expanisionen
- gegen Verdrängung aus Erbbesitz (Mi 2,1)
- gegen Pfand und Kreditwesen (ist Plünderei, Am 5,11)21
- gegen Schuldknechtschaft (ist Terror und Unterdrückung, Am 3,9f., Am 4,1)
- gegen sorglose Luxusleben (am 3,10.15) und ausartenden Feste (Am 6,1-7)
- Oberschicht behindert Rechtsfindung (Am 5,10):
     - Ansprüche der Bauern werden abgewiesen (Am 2,7)
     - per Kaution kann man sich gar vom Todesurteil freikaufen (Am 5,12)

 Kultkritik22
an Priestern: bestechlich bei Auskünften (Mi), trunken (Jes 28), Tempelprostitution (Hosa 4);
steigern Kult, nicht ihre theologische Reflexion (Hos)
an Gottesdienstteilnehmenden: Festfreuden und Weingenuss (Hos 9,1;4,11); frenetischen Heulen
bei Klageliedern und aufgeblähter JHWH-Kult (Hos)
Am, Jes, Mi: Anlehnung des Kultbetriebs an sichm weil er soziale Unrecht und Elend in der
Gesellschaft zudeckt.
- Zurschaustellen von Reichtum (Am 2,8f.),
- sich sein Recht theologisch abgesichern lassen (falsche Heilssicherheit vermitteln lassen)
- Gottesdienst entspricht nicht mehr Solidarität des Alltags und umgekehrt.
-> einem solchen Kult verweigert sich JHWH (Am 5,21-27): Statt Opfer und Gesang fordert JHWH
Recht und Gerechtigkeit (Am 5,24)

 Bewusste, einseitige Parteinahme für Schwächere:

19
   Lebensunterhaltwirtschaft.
20
   Kredit -> dann ggf. Missernte – Darlenen auf Acker. Nächste Ernte: Missernte -> Schuldknechtschaft der Familie –
des Landwirts selber – danach: Dauerskalve/Fremdsklaverei/Tagelöhner ohne Besitz
21
   Beim Gottesdienst (Solidarität?) wird entzogenes Pfandgut zur Schau gestellt! (Am 2,8)
22
   Es beginnt eine Linie, die bis in die josianischen Reformen hineinklingt.


                                                          8
F. Steffenski: Gott wird dann deutlich, wenn man sagt, wogegen man ist.
- Schwache (dal) werden parallelisiert mit Unschuldigen (saddiq): Am 2,6; 5,12)
- aber: Keine Anstachelung zum Aufstand, wohl: ex negativo, d.h. JHWH wird Unrecht
wegnehmen: Befreiungsimpuls.

 Recht und Gerechtigkeit (mischpat , zedeka) als Kriterium der Prophetie und als Grundwerte der
vorstaatlichen Gesellschaft
- gerechter Interessenausgleich zum Wohle aller. (egalitäre Gesellschaft als idealistisches Gegenbild
zur Wirklichkeit)23

Die sozialen Verurteilen sind nicht pauschal, sondern in die Geschichte einzuordnen:
   - JHWH hat viel Mühe in Weinberg gesteckt (Jes 5), so dass er auch Früchte tragen soll.
   - soziales Unrecht wird als „Undankbarkeit“ ggn. Gott und als enttäuschte Liebe verstanden.
   - Gottesbeziehung steht auf dem Spiel (-> partielle Kritik und totale Gerichtsankündigung)

 Gegen Militär- und Bündnispolitik:
Jes bei Ahas: Vertrau Gott, nicht der militärischen Bündnisse!
Politische Verstrickungen sind mangelndes Gottvertrauen!
-> JHWH tritt erstmals in Dinstanz zur staaltichen Macht und zum Militär! (Gott, der Niedrige)
Hos: Israel hat seine Mitte von Ägypten her“ -> Kritik an Bündnispolitik (pakt mit Sanharib)

 Beamtenherrschaft:
Jes: Kritik an Ahas, Hiskia
Hos: Kritik am Königtum an sich (schon Saul war Ausdruck des Zornes Gottes)

Resümee:
 Machtbereich JHWHs wird auf die Völker ausgeweihtet (Am 1):
    JHWH nimmt z.B. Assur zur Durchführung eines Plans)
Machtzuwachs JHWHs heisst nicht mehr automatisch Machtzuwachs Israels
 Distanzierungen JHWHs: Er kann nicht zur religiösen Erhöhung der eigenen Interessen in
Anspruch genommen werden.
    Distanzierung von ungerechter Wirtschaftsordnung, Königtum, Kult
 Berufung auf JHWH ist an Kriterien gebunden:
    JHWH auf der Seite der Schwachen, der Gewaltverzichtenden, deren, denen das Interesse nur
    ihm gilt (Monolatrie)
-> Stärkung der ethischen Dimension des JHWH-Glaubens:
persönl. Frömmigkeit in prophetischen Zirkeln; Schülerkreise als Schutzraum der angefochtenen
Propheten (Jes 8,16; Schüler als Adressaten der Jes.-Denkschrift bzw. des Fremdberichts bei Amos)


3.4     Hiskianischen Reformen
Nach 722: Krisenbewusstsein in breiter Öffentlichkeit.
Hiskianische Reformen als kultische und soziale Reformen durch Impuls des Nordreich-Untergangs
Revision des JHWH-Kults:
   - Nebenkulte und Kultbilder w. abgeschafft;
   - Exklusivität der JHWH-Verehrung auf dem Vormarsch.
Albertz: Bundesbuch als rechtliche Basis der Reformen und Zusammenführung verschiedener Rechtstraditionen (damit
Datierung wie Crüsemann)
    - soziale Zielrichtung: Schuldsklavenfreilassung und Talionsprinzip gegen Bestechlichkeit; Zinsverbot und
         Brachgebot (~ Sabbatgebot: nicht nur für Tiere, sondern auch für Sklaven sinnvoll)
    - Priesterregeln (Ex 22,19)


23
 Ist die Restituierung der vorstaatlichen Verhältnisse das Ziel? Zumindest wird anhand der vorstaatlichen Wirklichkeit
Unrecht und Ungerechtigkeit virulent und sichtbar!


                                                          9
       -   offizielle Kultstätten (erster Schritt zur Kultzentralisation: normative Kontrolle der Heiligtümer)



4          Der Prophet Amos
1,1;7,10-17
1:1 Dies ist's, was Amos, der unter den Schafzüchtern von Tekoa war, gesehen hat über Israel zur Zeit Usijas, des Königs von Juda, und Jerobeams,
des Sohnes des Joas, des Königs von Israel, zwei Jahre vor dem Erdbeben.
7:10 Da sandte Amazja, der Priester in Bethel, zu Jerobeam, dem König von Israel, und ließ ihm sagen: Der Amos macht einen Aufruhr gegen dich
im Hause Israel; das Land kann seine Worte nicht ertragen.
7:11 Denn so spricht Amos: Jerobeam wird durchs Schwert sterben, und Israel wird aus seinem Lande gefangen weggeführt werden.
 7:12 Und Amazja sprach zu Amos: Du Seher, geh weg und flieh ins Land Juda und iß dort dein Brot und weissage daselbst.
 7:13 Aber weissage nicht mehr in Bethel; denn es ist des Königs Heiligtum und der Tempel des Königreichs.
 7:14 Amos antwortete und sprach zu Amazja: Ich bin kein Prophet noch ein Prophetenjünger, sondern ich bin ein Hirt, der Maulbeeren züchtet.
 7:15 Aber der HERR nahm mich von der Herde und sprach zu mir: Geh hin und weissage meinem Volk Israel!
 7:16 So höre nun des HERRN Wort! Du sprichst: Weissage nicht wider Israel und eifere nicht wider das Haus Isaak!
 7:17 Darum spricht der HERR: Deine Frau wird in der Stadt zur Hure werden, und deine Söhne und Töchter sollen durchs Schwert fallen und dein
Acker soll mit der Meßschnur ausgeteilt werden. Du aber sollst in einem unreinen Lande sterben, und Israel soll aus seinem Lande vertrieben werden.


4.1        Biographisches

Die Botschaft des Amos
(nach Zenger)
Diagnostiker der Krankheiten Israels und Botschafter der bleibenden Liebe JHWHs zu Israel als
Familie JHWHs
7,14: Ich bin kein nabi (nicht zugehörig zu einem Prophetenkonvent oder zu einer politisierenden
Gruppe von Ekstatikern (7,14: kein ben Nabi); kein institutionalisierter Hof- oder Tempelprediger,
noch zu Ordens- und Genossenschaftspropheten zu zählen.
Er hat keine Ausbildung zum Propheten (will überhaupt nicht predigen, erst recht nicht will er das
sagen, was er predigen muss).
Erklärung und Legitimation seines Auftretens allein: JHWH, der ihn gepackt.
Er redet dunkle Zeiten nicht hell, er dient nicht der Optimierung des status quo
kein „Diener der Stabilität“, sondern Unruhestifter: oppositioneller Einzelprophet, dessen Auftrag
auf die Zukunftsfähigkeit Israels abzielt.
Er ist aber auch kein Sozialrevolutionär und Klassenkämpfer (solidarisiert sich nicht mit und
mobilisiert nicht Kleinbauern)
 Er kämpft gegen die Perversion der Befreiungstat JHWHs, für gesellschaftlich-politische
Erneuerungspotential der biblischen Gottestradition
- Er predigt nicht noch Warnung und Mahnungen (würde Perversion der Geschichte JHWHs mit seinem Volk
verharmlosen).
- Er predigt nicht allein Umkehr.
- Er ist auch nicht Bote des absoluten Endes (das „Vielleicht“ der Umkehr), wohl aber predigt er das Gericht für die
Schuldigen, die ruhigen Gewissens die Verelendung der Kleinbauern und die strukturelle Verhinderung der
Menschlichkeit hinnehmen, ja betreiben.
 -> Er zeigt Gott mit seiner „Option für die Armen“ und macht deutlich: Nicht die Unterdrücker,
sondern sie sind das Volk Gottes: Wer zum Volk Gottes gehören will, kann nicht zugleich Bedrücker
der Armen sein.

4.2        Funktion und Aufgabe des Amos nach dem Amosbuch
(Nach Jeremias, Die Rolle des Propheten nach dem Amosbuch)
 im Am wird häufig über die Aufgabe des Propheten geredet.
 Kein Prophet hat so vehement seine Legitimität verteidigt.24
 Wichtig: die meisten Texte, die über die Funktion des Propheten reden, sind jünger als Amos (Am
7,10-17) oder gar erheblich jünger (Am 2,11f., 3,7;8,11f.;9,9f.). Am Anfang der
Wirkungsgeschichte stehen die Visionsberichte (7,1-8;8,1f.;9,1-4)



24
     Obwohl die Legitimität des Hos, Mi, Jes viel häufiger bestritten wurde!


                                                                       10
4.2.1 ... in den Visionsgeschichten (7,1-8; 8;1f.; 9,1-4)
2x2-Visionen + 1 Vision: Heuschrecken, Feuer + Flut; Bleilot [Einschub Fremdbericht], Reife
Früchte, [Einschub: gegen Reiche/Hunger nach Wort]; Gott auf dem Altar

klimaktisch: Steigerung des Unheils (ggf. analog einem allmählichen Erkenntnisweg)
diametral: hins. der Aufgabe des Propheten

          1. und 2. Vision                                      3. und 4. Vision
Vision    Gott lässt Amos ein Geschehen sehen                   Amos bekommt ein statisches Bild (Symbol) zu sehen,
          (Heuschrecken; Feuer und Flut).                       das gedeutet werden muss (s.u.)
Dialog    Fürbittengebet: Mein Herr JHWH, vergib doch!“ (2.     Kein Fürbittengebet, sondern Frage nach Bedeutung
          Vision bereits mit Abschwächung: „Halt ein!“          des Symbols: Gott enthüllt Symbolgehalt enthüllen26,
          Prophet ist an göttlicher Willenbildung beteiligt:    nachdem Amos nach dem Gesehenen gefragt hat.
          Kann Verwirklichung des göttlichen Plans durch        -> Amos muss (ungewollt) das Unheil herbeirufen
          sein Gebet (Fürbitte) verhindern.25
Rolle     -> Amos als Mittler                                   -> Amos als Gottes Werkzeug
des       Bote Gottes, in Gottes Plan eingeweiht.               ganz auf der Seite Gottes
Amos      Gleichsam: Vertreter des Volkes Israel.               prh. Vollmacht verkürzt: nicht mehr fürbittend
                                                                erweitert: Mehrdeutigkeit aller Rede enthoben
                                                                -> enormer Wahrheitsanspruch!27
Schuld    Schwere Schuld ist vorausgesetzt, sie gefährdet nicht Vergebung scheint nicht mehr realisierbar; Fürbitte ist
Israels   nur Erwählung (33,2), sondern Existenz des Volkes. grundsätzlich effektlos geworden.
Ver-      Amos scheint (zumindest bei 2. Vision) bereits die    Gottes Entscheidung zur Verschonung kennt eine
schonu    Aussichtslosigkeit der Schuldverstrickung zu          Grenze:“ Ich kann nicht mehr (verschonend) an ihm
ng?       erahnen.-> Gottes Verschonung ist „das Äusserste.“: vorübergehen.“ (7;8;8,2 (Israel ist reif))
          „Da reute es den Herrn.“

4.2.2 ... im Disputationswort (3,3-6,8*): „Wenn Gott redet“
3,3-8: Harte Botschaft vom Ende Israels (8,2) wird legitimiert / Zwang der Unheilsverkündigung
herausgestellt (~ Visionsberichte).
        besonders: 3,3-3,6: Er muss, will Unheil nicht aussprechen.
        mit 3,8: Keiner, der auf den Löwen (Gott) trifft, entrinnt diesem Zwang.
Aber anderer Akzent als Visionsberichte:
        3,2: Verantwortung Israels in der Völkerwelt wird angesprochen -< eine grundsätzliche
        Ansprechbarkeit Israels ist impliziert.
        -> 3,8: Der auf den brüllenden Löwen antwortende Prophet bekommt eine Art Wächter-
        Amt. (später: Ez 3,16-21;33: Ez als „Wächter“ und Hos 8,1: „An deinen Mund das Horn!“)
-> Amos als Wächter:28
 haftete dafür, dass alle die Warnung erreicht (haftet aber nicht für den Erfolg der Warnung)

4.2.3 ... in der Auseinandersetzung mit Amazja (7,10-17)
7,10-17 bildet Vorstufe zur dtr. Theologie; ursprünglich mündliche Einzelerzählung (zielt auf
Auseinandersetzung Amazja – Amos), in schriftlicher Form aber im Kontext zu lesen: rahmend
hinsichtlich 3. und 4. Vision.
Zentrales Anliegen der Erzählung: Nachgeborene sollen verstehen, dass Gottes Geduld mit seinem
Volk definitiv zu Ende ist und Israel nicht mehr verschont werden kann.
Die Erkenntnis, „Israel ist reif“ (8,2), wird in Verbindung gebracht mit: Wo die staatliche Autorität
Gottes Propheten am Reden hindert, ist Israel unrettbar verloren.
Es ist noch nicht verloren, wenn es schwere Schuld auf sich lädt, weil es ja noch Propheten hat, die
ihm seine Schuld aufweisen.

25
   Vorsicht: Heißt natürlich nicht, dass er auf jegliches Vorhaben Gottes hätte Einfluss nehmen können!
26
   Nicht: Amos fragt, um die Wissbegier des Lesers zu stillen! (Ältere Exegeten)
27
   Unterscheid zu bisherigen Propheten und Paradigma für fortlaufende Prophetie: Am Wahrheitsanspruch des
Propheten hängt das Leben oder der Tod einer ganzen Generation.
28
   Der historische Amos wird sich wohl noch nicht als Wächter verstanden haben.


                                                           11
-> Nichts und niemand kann Israel vor dem Untergang retten als der Prophet. Er verkörpert
Gottes Rettungswillen gegenüber andersweitig längst verlorenen Menschen.

4.2.4 ... in der Prophetentheologie der exilischen und nachexilischen Zeit
Drei Texte, die die Wirkungsgeschichte von Am 7,10-17 (Rettung nur das Prophetenwort!)
widerspiegeln:
Israel hat seinen Prophet verschleudert (2,11f.), das nach dem Wort hungernde Volk ist zum
Verhungern gezwungen (8,11f.), das Sieben vor Augen gibt es kein Vorbeikommen am
Amosbuch, soll es noch Heil geben (9,9f.):
 Am 2,11-1229 (Grausamkeit der Völker = Grausamkeit Israels
        Israel hat die Gabe der Propheten erhalten und diese Gabe schädlich verschleudert.
        -> damit: letzte Rettungstat vertan.
        Damit wird Erfahrung als Am 7,10-17 generalisiert: Die Schuld (Prophet verschleudert)
        steht über gesellschaftlichem Unrecht und Versagen hins. Heilswillen Gottes!
 Am 8,11f.30: Hunger nach Wort
        - Hunger nach dem Wort JHWH (~ Dtn 8,331): Bedürftigkeit der Menschen nach Wort
        - hinsichtlich 7,10-17: Verbot des prophetischen Redens = Entwöhnung Israels von
        Gotteswort („aushungern“): Wenn Israel stirbt, dann an „ungestilltem“ Hunger nach dem
        prophetischen Wort („verhungern“)
 Am 9,9f.32: Aussieben - Läuterungsgericht
         (innerhalb 9,7-15: d.h. im jüngsten Teil des Am)
        zwei Arten Schuld: staatliche Schuld sündige Königreich - persönliche Schuld des Sünders
        -> beides sind 2 Seiten der selben Medaille: Selbstsicherheit des Volkes basiert auf
        Missachtung des Prophetenwortes
        -> sachlich gibt es nur eine Schuld: Gleichgültigkeit ggn. Prophetenwort
        Am Amosbuch vorbei gibt es kein Heil -> institutionelle Verwendung sowie praktische
        Lektüre des Am gefördert!

Bis in die (nach-)exilische Zeit hinein spielt also eine Rolle, dass
 Israel noch immer leichtfertig und gleichgültig mit dem Prophetenwort (des Amos) umgeht.
 damit endgültig sein Heil aufs Spiel setzt: nur Propheten sind Mittler, die Gottes (Unheils-)Pläne
aufzudecken wissen.
 Israel ist noch nicht ganz verloren (mit Blick auf ganzes Amosbuch), wohl aber, wenn es seine
Propheten verstößt.

5       Entstehung des Amosbuches
5.1     Traditionsschichten des Amosbuches
Fritz, Volkmar, Amosbuch, Amos-Schule und historischer Amos, o.O.,o.J.

5.1.1 Mündliche Überlieferung erfährt Verschriftung
„Die Propheten sind ursprünglich nicht Schriftsteller, sondern Redner gewesen: Wer beim Lesen
ihrer Schriften an Tinte und Papier denkt, hat von Anfang an verspielt.“ (Gunkel, erforschte Gesetze
der mündlichen Rede bei Propheten)

29
   „11 Ich habe aus euren Söhnen Propheten erweckt ... 12 Aber ihr gebietet den Prophten und sprecht, sie sollen nicht
weissagen“ – jünger als Am 7,10-17!
30
    8:11 Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der HERR, daß ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen
Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören;
31
   Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht.
32
   9:9 Denn siehe, ich will befehlen und das Haus Israel unter allen Heiden schütteln lassen, gleichwie man mit einem
Sieb schüttelt und kein Stein zur Erde fällt. 9:10 Alle Sünder in meinem Volk sollen durchs Schwert sterben, die da
sagen: Es wird das Unglück nicht so nahe sein noch uns begegnen.


                                                          12
Orte der mündlichen Prophetie: Höfe des Tempels; öffentliche Plätze einer antiken Stadt (d.h.
meistens Stadttore).
Mündliche Verkündigung charakteristisch anders: Einzelworte
Verschriftung: überblickt bereits die Verkündigungsepoche des Propheten
- Jes-Denkschrift nach Abschluss des syr-ephraim. Krieges; -> Aktualisierung, Reflexion der
Botschaft
- Jeremia-Rolle: als Systematisierung und Zusammenfassung der bisherigen Worte
-> Ausweitung des Adressatenkreises: nicht nur König, Politiker, Priester, sondern Gottesvolk;
Sendung zum Hause Israel.
-> Beanspruchung: Prophetenwort hat länger Geltung.

5.1.2 Fortführung der prophetischen Verkündigung durch Amosschule (7,7-
9,10)33
Verschriftung des Amos-Buches durch eine Amos-Schule. Kern: 3-6, aber schwierig, die älteste
Schicht offen zu legen: exilisch-nachex. Redaktion kann älteste Vorlage verändert haben (s.u.)!
 Der ursprüngliche Aufbau wurde nur durch abschließende Heilsverkündigung verändert bzw.
durch die Unterbrechungen der Visionsberichte (7,10-17).
Amos-Schule dürfte Amosworte (8,4-734, Gegen die Reichen*) oder Neubildungen (8,9-10.13.14.;
7,10-17) nachträglich eingegliedert haben (um 760-730).
        Begründung: Inhaltliche Differenzen der Visionen
        - Motiv der Reue JHWHs fehlt in 3. gegenüber 1./2. Vision. Bleilot / Brechstange steht für
        sichtbares Zeichen der Vernichtung des Volkes.
        Da aber eine schlagartige politische Veränderung historisch nicht belegt ist (erst 734 beginnt
        Eroberung Tiglat-Pilesers III), 3. Vision aber gut auf 722 (Untergangs Israels) zutrifft, dürfte
        es sich um einen Nachtrag handeln. -> Es lag ältere Sammlung (Amosworte?) vor (7,1-3.4-
        6), die ergänzt wurde.
        - Die damit verbundene Umdeutung passt zu 7,10-17 und mit 4./.5. Vision (8,1-3;9,1-4).
Am 7,7-9,10 (d.h. weiteren Visionen, Fremdbericht und Sprüchen (des Propheten?)) wurde von
Amos-Schule angefügt und damit Ankündigung des Gerichts verschärft.
[[[Frage: ursprüngliches Ende von Amosbuch hier nicht geklärt!]]]
 Fremdvölkersprüche (nach 722)
- Literarische Gattung, die nicht auf die mündliche Tradition des Amos zurückgehen (ca. 720-700
auf der Erfahrung mit Tiglat-Pileser III).
- Israel-Strophe (2,6-9.13-16) setzt der Botschaft wegen 3-6* voraus, entstammt gleicher Zeit und
gleichem Umkreis (Amosschule oder einer weiteren Bearbeitungsinstanz gleicher theologischer
Ausrichtung)
 Echte Amos-Sprüche in 3-6?
Keine formalen Kriterien: Amos-Schule hat selber in 3-6* Aktualisierungen ihrer Botschaft (d.h.
radikalisierte Unheilsverkündigung angesichts der assyrischen Eroberung) eingezeichnet. Echte
Sprüche von Amos sind nur dort zu suchen, wo sie inhaltlich und formal mit 1./2. Vision
übereinstimmen: (Fritz)
    - bildhafte Sprache
    - mangelnder Bezug auf konkrete Ereignisse -> allgemeine Unheilsprophetie
    - Fehlen des Schuldaufweises
    - [kurze Sprüche, keine Kompositionen (mündlich!)]
Danach nur 2 echte Amosworte:
        1.) 3,12a.b*, durch Botenformel eingeleitet:
           „So hat JHWH gesprochen: Wie der Hirt ausreißt aus dem Maul des Löwen, zwei Wadenbeine oder einen
           Ohrzipfel, so werden die Israeliten herausgerissen.“



33
     Jeremias spricht lieber von den „Worten des Amos“, als von der Amos-Schule.
34
     Wolff schreibt 8,4-7 Amos zu, doch weist die Stellung außerhalb 3-6 eher auf sekundäre Bildung hin (so Fritz).


                                                            13
         unbestimmte Aussage der Unheilsankündigung (~ Ex 22,12: Der Hirte muss die Reste des
         gerissenen Tieres dem Eigentümer der Herde als Beweis des Verlustes vorlegen) und
         bildliche Redeweise
         2.) 5,3 (ebenfalls mit Botenformel eingeleitet):
         „So hat der Herr JHWH gesprochen: ‚Die Stadt, die als Tausendschaft ausrückt - hundert bekommt sie zurück;
         und die als Hundertschaft ausrückt – zehn bekommt sie zurück.“
         Später wurde 5,1.2 davor gesetzt, um die Aussage zu verschärfen und auf das Volk Israel zu übertragen.35
         Aber: Aussagen 1.) und 2.) unterscheiden sich aber von 1./2. Visionen: dort: Möglichkeit der
         Änderung durch Fürbitte, hier: nach Unheil bleibt nur ein Rest übrig
Danach keine echten Amos-Worte:
         1.) Weherufe 5,18-27 und 6,1-14 (exakt: 5,7; 5,18; 6,1*.3-6a)
         - zielen auf konkrete Personen(z.B. gegen die Vornehmen, 6ff.), nicht auf das ganze Volk
         (so 1./2. Visionen)
         - Der Tag JHWH nicht als strahlender Tag, sondern als Tag des Sieges der Feinde zielt
         historisch auf 734-722.
         -> durch redaktionelle Zusätze ergänzt und durch Sprüche erweitert (5,16.17; 5,21-24.2736;
         6,8.11; 6;12)
         2.) restlichen Weisheitssprüche 3,1-5,6
         z.B. Gerichtsankündigungen 3,9-11.13-15; 4,1-3 (gegen Samaria/Samarias Frauen):
         - bewusste Komposition -> kaum aus der mündlichen Überlieferung des Amos’
         - theologische Reflexion vorausgesetzt
         - konkrete Geschehnisse vor Augen (durch assyrische Eroberung bedingt)
         - Tun-Ergehens-Zusammenhang, in mündlicher Botschaft des Amos nicht zu erkennen
Resümee Fritz:
Fritz misst der Amos-Schule also ein größeren Wirkungskreis zu als Wolff: Mehr Schulbildung,
weniger historischer Amos.
Der Amos-Kreis hat angesichts der geschichtlichen Entwicklung die Wahrheit prophetischer Schau
und Verkündigung des Amos anerkannt und das Geschick Israels als Erfüllung der Amos-
Prophetie verstanden.
Entsprechend wurde anhand dieser Ereignisse (734/722) die Botschaft aktualisiert: „Insgesamt stellt
sich so das Buch des Amos weitgehend als ein großes vaticinium ex eventu dar, um da
eingetroffene Unheil als gerechtes Handeln Jahwes zu deuten.“37
Der Prophet schaut Unheil, wendet es durch Fürbitte ab; da die Gesichte ihn als Träger göttlichen
Offenbarung qualifizieren, er ist Mittler und Fürsprecher des Volkes.
Die Amos-Schule fixiert (Verschriftung; Zusammenstellen des Grundbestands 3-6; 7-9 um ca. 750-
720) und gestaltet seine Botschaft aus aufgrund der neuen geschichtlichen Situation (Erweiterungen
3-6; Vorschaltung 1.2).
„Mit dem Amosbuch wird erstmals die Prophetie als umfassende Deutung der Geschichte in der
Form der Ankündigung des Gotteswillen für die Zukunft fassbar.“38
Amos-Schule hat mehr getan, als Worte des Amos zusammenzustellen: einzelne Worte sollten nicht
isoliert werden , sondern in ein Ganzes der prophetischen Botschaft gehören. (Jeremias)

Fritz: eher Radikalisierung des historischen des historischen Amos durch seine Schüler (3./.4
Vision!) - dagegen Jeremias: Amos war der „unerbitterlich harte Gerichtsprophet“ (Wolff) bzw.
differenzierter: s.u. (wahre Amos-Worte, Jeremias)

Zur Systematisierung der Amos-Botschaft durch die Amosschüler
Jeremias, Hosea und Amos, 149ff.


35
   „5:1 Höret, ihr vom Hause Israel, dies Wort; denn ich muß dies Klagelied über euch anstimmen: 5:2 Die Jungfrau
Israel ist gefallen, daß sie nicht wieder aufstehen wird; sie ist zu Boden gestoßen, und niemand ist da, der ihr aufhelfe.“
36
   „Der äußere Gottesdienst tut’s nicht.“
37
   V. Fritz, a.a.O., 41.
38
   V. Fritz, a.a.O., 42.


                                                            14
Ordnungsprinzip der Amos-Schule: Am 3-6 wird durch 3,1 und 5,1 aber auch durch Doxologien
4;13 und 5,8 strukturiert.
Mit Wolff und Koch: Durch Doxologien 1,2 und 9,6 als ursprünglicher Abschluss des Buches ergibt sich ein weiterer
Rahmen. -> Es hat also mindestens 3 verschiedene Ausgaben des Am gegeben:
3-6             Amos-Schule I
1,2-9,6         Amos-Schule II
(1,1-9,15       exilisch-nachexilisch)
 3,1 und 5,1 im Vergleich weisen Gotteswort bzw. Prophetenwort aus; Anrede: „Israelisten“ (3,1)
meint das Volk bzw. „Haus Israel“ eher den Staat des Nordreiches um 722: geht dem Untergang
entgegen.
Inhaltliche Bestimmung: Der Prophet ist Bote Gottes; er verkündigt sein Wort, nachdem er es
selber gehört hat.
 3,3-8: „Überschrift“ für Am 3-4:
Ankündigung und Zusammenfassung des Gotteswortes (v 1.2); Legitimation des Propheten zum
Aussprechen des Wortes (v. 3-8).
Löwenbilder 3,4.8.12 haben das Motiv des „Todes“: Das Gericht Gottes für Israel bedeutet Tod.
 Leichenklage (5,1-17) beschreiben den Tod als vorherrschendes Thema von Am 5;6
 Suchen-Motiv)
Inhaltliche Bestimmung: Prophet soll als derjenige legitimiert werden, der Gottes Tod bringende
Gericht verkündigt.
-> Echte Amos-Worte nach Jeremias, Hosea und Amos, 149ff.:
 Am 5,4f.
        wegen analoge Gestaltung in 5,6; 5,14f. (vgl. Wolff)
        5,6; 5,14f. Hier geht es um die „letzte Chance“ (Haus Josefs, Rest), große Dringlichkeit.
        5,4f.: Wahre Gottessuche in der Wallfahrt; klagt gottesdienstliches Suchen an, dass nur auf
        Gewissensberuhigung zielt; ein hartes Wort des Prophet wurde in einer veränderten
        geschichtlichen Situation mit einer heilvollen Implikation gefüllt.
 3,9-4,3*39
        Diesmal: Tradenten verschärfen die Botschaft des Amos: So wie Samaria seine Armen
        unterdrückt, so richtet auch Israel eben nicht das Recht im Tor auf.
        aber auch gegenüber Amos: Hoffnung auf das „Vielleicht“ der Rettung stärker
        offengehalten: Israel könnte aufgrund seiner Erwählung (3,2) anders als Samaria enden.
 1./2. Vision

Während Fritz die echten Amos-Worte nach Kriterien festlegt (formgeschichtlich), tut es Jeremias
traditionsgeschichtlich: Wo zeigt sich im Am das Ordnungsprinzip der Amos-Schüler, wo in dieser
Schicht echte Amos-Traditionen?

Jeremias erklärt die Grenzen der Kompositionsgeschichte: Ein „Zurücktasten“ zur Überlieferung des historischen Amos
ist genau das Umgekehrte, das seine Tradenten taten: Sie haben den Text jeweils aktualisiert neu lebendig gemacht.
Dies herauszustellen ist wichtiger, als historische Fakten vom historischen Amos „auszugraben“ (156).

5.1.3 Exilisch-nachexilische Bearbeitung bzw. Konzeption der Endgestalt des
Am
nach Jeremias, Amos 3-6. Beobachtungen zur Entstehung eines Prophetenbuches, in: ders., ...143ff.
Die schriftliche Fixierung der Amos-Schule ist erweitert worden:
       Doxologien 1,2; 4,13; 5,8; 9,5.6
       dtr Redaktion: 1,1; 3,1b; 1,9-12, 2,4.5; 2,10-12; 3,7; 5,25.26
       nachexilische Heilsworte: 9,11-15
Jeremias: Doxologien hängen mit der Bußliturgie Am 4,6-12, und die setzt den Fall
Jerusalems voraus -> exilisch-nachexilisch (s.u.)!


39
     Gegen Samaria; vor allem Gericht über Samaria; Gegen schwelgerische Frauen).


                                                          15
Mit 4,6-13 und 5,1-17 wird die Botschaft des Amos aufgenommen (unverzichtere Gottesbegegnung
als Gericht), aber auch durch Parallelen zu aktuellen Texten (1Kön 8; Lev 26) neue Inhalte
eingebracht: Noch ist es vielleicht nicht zu spät, noch bleibt die Möglichkeit der letzten Umkehr.
(s.u.)

5.2     Das Amosbuch als Teil des Dodekapropheton
aus: Jeremias, Jörg, Die Anfänge des Dodekapropheton, Hosea und Amos, in: ders., Hosea und Amos, Tübingen 1996,
34-54




                                                      16
6         Theologie des Amosbuches
 das zentrale Thema des Amos: Tod
 Das Gericht (und das Wie des Gerichts)
 Die Kritik als „Warum des Gerichts“ (Schuldaufweis):
       Sozialkritik
       Kultkritik
       Rechtskritik (Recht und Gerechtigkeit)
       Mahnung und Umkehr in der Botschaft des Amos

6.1       Leben und Tod in Am 5,1-17
(Jeremias, 215ff.)
Zentrales Thema in der Mitte des Am: Tod (Leichklage in 5,1-17; Ankündigung der Verbannung,
5,21-27; 6,1-7)
Konstratierend dazu: Zusagen von Lebens im Aufruf zum Suchen JHWHs (5,4; 5,14f.) mitten in der
Leichenklage
Die Verhältnisbestimmung von Tod und Leben wird zu wesentlichen Problem von Am 5(6).40

Ringkomposition
A (1-3; V16f.): Leichenklage
5:1 Höret, ihr vom Hause Israel, dies Wort; denn ich muß dies Klagelied über euch anstimmen: 5:2 Die Jungfrau Israel ist gefallen, daß sie nicht
wieder aufstehen wird; sie ist zu Boden gestoßen, und niemand ist da, der ihr aufhelfe. 5:3 Denn so spricht Gott der HERR: Die Stadt, aus der
Tausend zum Kampf ausziehen, soll nur Hundert übrig behalten, und aus der Hundert ausziehen, die soll nur Zehn übrig behalten im Hause Israel.
          B (V 4-6): „Leben suchen“
           5:4 Denn so spricht der HERR zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben.
           5:5 Suchet nicht Bethel und kommt nicht nach Gilgal und geht nicht nach Beerscheba; denn Gilgal wird gefangen weggeführt werden,
          und Bethel wird zunichte werden.
          5:6 Suchet den HERRN, so werdet ihr leben, daß er nicht daherfahre über das Haus Josef wie ein verzehrendes Feuer, das niemand
          löschen kann zu Bethel -
                     C (V. 7): Schuldnachweis
                     5:7 die ihr das Recht in Wermut verkehrt und die Gerechtigkeit zu Boden stoßt.
                                D (V. 8f.): Doxologie
                                5:8 _ Der das Siebengestirn und den Orion macht, der aus der Finsternis den Morgen macht und aus dem Tag die
                                finstere Nacht, der das Wasser im Meer herbeiruft und schüttet es auf den Erdboden - er heißt „HERR“ -, 5:9 der
                                über den Starken Verderben kommen läßt und bringt Verderben über die feste Stadt.
                     C’ (v. 10-12): Schuldnachweis II
                     5:10 _ Sie sind dem gram, der sie im Tor zurechtweist, und verabscheuen den, der ihnen die Wahrheit sagt. 5:11 _ Darum, weil
                     ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von
                     Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den freien Weinbergen gepflanzt habt. 5:12 Denn ich kenne
                     eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld
                     nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.
                     [5:13 Darum muß der Kluge zu dieser Zeit schweigen; denn es ist eine böse Zeit. ]
          B’ (V. 14.15): „Leben suchen“ II
          5:14 _ Suchet das Gute und nicht das Böse, auf daß ihr leben könnt, so wird der HERR, der Gott Zebaoth, bei euch sein, wie ihr rühmt.
          5:15 Hasset das Böse und liebet das Gute, richtet das Recht auf im Tor, vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth, doch gnädig sein
          denen, die von Josef übriggeblieben.
A’ (V. 16): Leichenklage II
5:16 _ Darum spricht der HERR, der Gott Zebaoth, der Herr: Es wird in allen Gassen Wehklagen sein, und auf allen Straßen wird man sagen:
„Wehe, wehe!“ Und man wird den Ackermann zum Trauern rufen und zum Wehklagen, wer die Totenklage erheben kann.
 5:17 In allen Weinbergen wird Wehklagen sein; denn ich will unter euch fahren, spricht der HERR.


 für die exilisch-nachexilische Bearbeitungsschicht: Doxologie 5,8 als Zentrum.
        Horst, 1929: Doxologie als Gerichtsdoxologie41:
                 5,8f. passt von seiner Form am besten in den (frühnach)exilischen Gottesdienst
                (Preis für JHWHs gerechtes Gericht)
                 Schuldaufweis und Leichenklage in Verbindung deuten darauf hin.

40
   Besonders dann, wenn in der heutigen Forschung die These Rudolphs steht, dass 9,8ff. und insbesondere 9,11-15 auf
Amos selber zurückgehen! Denn dann stellt sich auch die Frage, ob der „unerbitterlich harte Gerichtsprophet“ (Wolff)
wirklich ohne „helle Akzente“ in seiner Verkündigung ist.
41
   d.h. als rückblickende Anerkennung der Gerechtigkeit Gottes im Blick auf das erfahrende Gericht:


                                                                       17
        Dagegen Jeremias:
                Mahnung zum Suchen Gottes blickt nach vorne; ist mit Gerichtsdoxologie nicht im
               Einklang.
        Stellung zwischen Leichenklage und Schuldaufweis: durchbricht den Zusammenhang von
        Schuld und Tod; lässt den mit Schuld Beladenen im Angesicht des drohenden Todes (A)
        noch einen letzten Appell zur Rettung hören.
        -> Anspielung auf die exilische Situation: Rettung erst durch bei Befolgen des prophetischen
        Umkehrrufes42 -> Tod ist Erfahrung (Exil) und Möglichkeit (Gericht?) zugleich.
 für die Amos-Schülerschaft: Schuldaufweis als Zentrum
        Schuldaufweis hinsichtlich der Verkehrung des Rechts im Tor oder die Warnung vor
        Wallfahrten (V. 5) ist ganz untypisch für das Exil -> muss vorgelegen haben!
        Ältere Ordnung der Textstelle (nur hypothetisch): ohne Doxologie (5,8) mit Schuldaufweis
        (7.10-12) als ursprünglichem Zentrum)
        Betonung liegt auf Gegenwart und ihrer großen Schuld
        Große Schuld ist einzig und allein die Verfälschung des Rechts im Tor43

        Anders als die prophetische Sozialkritik (im Anschluß: Gerichtsankündigung, Astrafansage:
        Erdbeben, Verbannung etc.) erfolgt hier eine ultimative Vermahnung: 5,14f.: Suchet das
        Gute, nicht das Böse. Vorsichtig wird Heil verkündet für „einen Rest Josefs“ und mit einem
        „vielleicht“ belegt (v. 15).
        -> Die Hoffnungstöne in der prophetischen Rede liegen beim Thema Recht.
        Eine ähnliche Betonung des Rechts auch
        - in 6,12: „Ihr aber wandelt Recht in Gift“
        - in 5,24 (im Kontext der Kultkritik): Kult erreicht nicht mehr JHWH; das Gottesverhältnis entscheidet sich
        somit nicht mehr primär an seinem Kult, sondern im Alltag 44
        -> Amos-Schülerschaft: Wiederherstellung einer unbeeinflussbaren, insbesondere den
        Armen zu ihrem Recht verhelfenden Torgerichsbarkeit schützt vor dem Tod..
        Suchen JHWH = Suchen des Guten = Suchen des Lebens (konkrete Gestalt: im Praktizieren
        des Rechts).45
 für die mündliche Rede des Amos
        rhetorische Einheit: C und C’ (aber ohne V. 11.13) und A’ wegen des „darum“; V. 14 als
        schriftlicher Text der Schüler46
        V. 6 als „Zitat“: kommentierende Einschärfung des vorher Gesagten.
        Am 5,1-17 hat drei rhetorische Einheiten: 5,2f.; 5,4f.; 5,7.10.12.16f.
        Leichenlied mit besonders schockierender Wirkung:
         „Leiche“ ist ein Kollektiv
         zum Zeitpunkt der Klage noch lebendig
        Hier Leichenklage mit zweifachem Anlass:
                 Mit der „Verwandlung von Recht in Wehrmut“ und dem „Zu-Boden-Stoßen“ der
                Gerechtigkeit“ (5,7, vgl. 6,12) hat sich das Gottesvolk seiner Existenzgrundlage
                beraubt, ist doch nach 5,21-24 jeder Gottesdienst nur Selbstfeier Israel („eure Feste“,
                „eure Opfer“ etc.), die JHWH nicht mehr erreichen.
                 Das Gottesvolk sieht so lange seinen eigenen Tod nicht, wie Gott noch an ihm
                „vorbeischreitet“ ( 7,8; 8,2)
        Warum kann Amos noch zum Leben aufrufen (5,4f.)?
                 Tod ist vorrangiges Thema, auch in 5,4f., weil „Suchen“ in Verbindung mit Gilgal
                und Bethel (dortiges Suchen führt unweigerlich zum Tod47!) steht.

42
   Wichtiger Unterschied zwischen prophetischem Gerichtsverständnis gegenüber priesterlichem.
43
   Einzelbeispiele von Missbrauch des Luxus (2,6-8; 3,9-4,3) hat seinen Grund darin, dass dies bei einer intakten
Gerichtsbarkeit nicht geschähe.
44
   Bzw. am Kult, sofern und solange er mit dem Alltag übereinstimmt!
45
   Vgl. Fortwirken des Gedankens. Jer 21,12: Suchen des Guten geschieht in der Gestalt des praktizierten Rechts.
46
   Damit gegen Wolff: rhetorische Einheit mit V 14.


                                                          18
                    -> Kritik an Wallfahrten: Solche Gottesdienste wecken nicht keine Kräfte zur
                    Umkehr auf, sondern verhindert Schulderkenntnis
                     „Suchen JHWHs“ ist dem „Auf-Suchen“ der Heiligtümer entgegengesetzt.
                     Hier: Verbindung von Kultkritik und Rechts-Thema: Ohne Gerechtigkeit und
                    Recht ist „Suchen Gottes“ bzw. rechte Gemeinschaft mit ihm undenkbar. Alles
                    andere „Suchen“ führt in den Tod. „Suchen“ mit „Recht und Gerechtigkeit“
                    ermöglicht das „Vielleicht“ (V. 25) Der Rettung für einen „Rest“.

Amos                                Schülergeneration:                exilische Tradenten:
Schuldbekenntnis als                Aufruf, das Recht als das         Aufruf (Schüler) +
konstitutive Voraussetzung das      „Gute“ zu praktizieren; Recht     doxologische Anerkennung der
Leben                               als conditio sine qua non eines Gerechtigkeit Gottes im
                                    möglichen Überlebens.             folgenden Gericht
alle Trandenten und weitere Propheten:
Ein Volk, dem Gott sein Heil schenkte (3,2: Erwählung), kann es verspielen, wo es Gottesdienste
feiert, die keinerlei Impulse für den Alltag haben, sondern fördern, dass Israel „Recht und
Gerechtigkeit“ mit Füßen tritt. Für Amos gilt: „Sein Eintreten für die ‚Menschenrechte’ ist ein
einziges Engagement für Gott und das ‚Gottesrecht’.“ (Deissler)

6.2        Gericht und „Gottesbegegnung“

6.2.1 Das „Wie des Gerichts“
(siehe auch HW Wolff, 552!)
Erdbeben: 2,13; 9,1; vgl. 1,1; 3,14f' 8,8; 9,5
Krieg: 2,14ff; 3,11; 5,3;6,8.14; 9,4; vgl. 7,11 Mit Deportation: 4,3; 5,27; 6,7; vgl. 7,11.17



6.2.2 Jeremias, Die Mitte des Amosbuches
in: ders., Hosea und Amos, 198ff.
Wolffs „Bethel-Interpretation zur Josiazeit“: Alle 3 Doxologien des Am schließen an Texte an, die
Bethel verurteilen. Eine Redaktion hat die Doxologien dorthin placiert. (Problem: 5,6 -> 5,8 als
Abschreibefehler zu deklarieren)
Jeremias: exilisch-frühnachexilische Tradition
Mitte des Amosbuches: Kultkritik (4,4-13; 5,1-17) mit Doxologie 5,8 in der Mitte.
        äußerer Rahmen zu 3-6: 1-2 gegenüber 7-9
        innerer Rahmen zum Leichenlied 5,1-7: Samaria(-Frauen) (3,9-4,3) gegenüber Samaria (6)
Hier: Doxologie 5,8 als „neue Mitte“ der Ringkomposition
Kritik am Gottesdienst im Mittelpunkt des Am: Form- und liturgiegeschichtliche Parallelen zu
1Kön 8,33ff. (Tempelweihgebet) und literarkritische Parallelen zu Lev 26 (Schluss des
Heiligkeitsgesetzes).
1Kön 8,33ff.                       Am 4,3-13                                 Lev 26
liturgisches Ritual für                                                      Verlässlichkeit und Güte Gottes lassen
Bewältigung der Nöte                                                         auf Umkehr hoffen
- Hoffnung auf Umkehr wird         Am 4 treibt Geschichtstheologie. (Durch größte Schuld Israels ist im Gottesdienst
in einen liturgischen Ablauf       Erwähnung von Sodom und Gomorra
eingebunden.                       muss die Zerstörung Jerusalems (586),
1Kön 8 ist an Liturgie von         nicht Samarias (722) vorausgesetzt
Fastentagen orientiert.            sein.)
                                   größte Schuld Israels ist im Gottesdienst

- Es werden Plagen genannt         Bei Am sind die Plagen nicht die          Fluch in einem Stufenschema, es flogt

47
     Verdeutlicht dadurch, dass priesterliche Aufrufe zur Wallfahrt parodiert werden.


                                                             19
für den Fall, dass Umkehr       mögliche Alternative, sondern             jeweils die nächste Plage.
nicht erfolgt. Sie sollen mit   unabwendbare Strafe Gottes.               Satz: „Dann werde ich meinerseits euch
Ritual vermieden werden.                                                  dies antun
- vorausgesetzte                Die Umkehr ist ausgeblieben, nun steht    Geschichte als pädagogische Einrichtung
Geschehensabfolge:              Israel vor der Begegnung mit Gott.        Gottes, der Bund nicht verstösst, sondern
Verschulden Israels – Strafe    Nach den Plagen ruft Amos zu einer        seiner gedenkt.
JHWHs – Umkehr – Lobpreis       entscheidenden Gottesbegegnung bis        -> Ziel: Umkehr
JHWHs – Bitte um Erbarmen,      hin zur tödlichen Zornesbegegnung:        Treue Gottes
verbunden mit                   Holzscheit (nicht Treue Gottes)
Sündenbekenntnis                beharrliche Umkehrverweigerung

- In 1Kön 8,33 ist              (für nachexilische Gemeinde)              frühestens exilisch
durchgehend das Exil
vorausgesetzt


v 1348:
Anklang an Sinai-Tradition: Bereitschaft zur Begegnung wird gefordert (wie in Theophanie, Ex 19).
Das am Sinai begründete Gottesverhältnis steht auf dem Spiel.
Der Hymnus preist Gott und schweigt von Schuld und Vergebung. Aber die inhaltliche Anspielung
auf den Sinai führt das drohende Gericht vor Augen.

Die exilisch-frühnachexilischen Tradenten verfolgten mit Am 4,4-13 eine doppelte Intention:
   1.) Schuldaufweis mit unerbitterter Härte (~ historischer Amos):
       - Ende Israels (8,2) wird aufgegriffen in 4,12; 5,6)
       - Entscheidung fällt in einer Gottesentscheidung.
   2.) Eröffnung eines Neubeginns des Gottesverhältnisses Israels durch Rückgriff auf liturgische
       und geschichtstheologische Texte der jüngsten Vergangenheit ( ~ aktuelle Hilfe durch
       Aufnahme bekannter Inhalte 1Kön 8; Lev 26, nicht nur Amos treu sein)
       - Beth-El als Innbegriff der Gottesferne (seit Exil)
   - dazu diametral entgegen: Doxologien als Gegenteil zu „Bethel“
   - Rückkehr zu Gott ist Rückkehr zur Gottesbegegnung am Sinai

Zentrum des Amos-Buches: zwei Texte49, die eng aufeinander bezogen sind. Genetisch ist 5,1-17*
(ohne v. 8) die Vorlage für 4,4-13; literarisch ist 5,1-17 von der Perikope 4,4-13 zu deuten. Beide
Texte rufen Israel nach 587 mit tiefen Ernst auf, seine letzte Chance zur Entscheidung für das Leben
nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.


6.3     Sozialkritik des Amos
Kritik an der Gesellschaft (Sozialkritik): 2,6-8; 3,10; 4,1; 5,7.10.11.12; 6,12; vgl. 8,4-6
  Beugung des Rechts, insbesondere durch Bestechung: 2,7; 5,7.10.12; 6,12
  Luxus auf Kosten anderer: 3,10; 4,1; 5,11


6.3.1 Soziale Krise: trotz / wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs
(nach Albertz, Religionsgeschichte)
Die Wurzeln zur sozialen Krise liegen bereits in der Staatenbildung. Erste Zuspitzung: 8.Jhd.
    - Donner: neues Bodenrecht (Bestechung der Beamten mit Krongut)
    - Lorentz: „Rentenkapitalismus“ (s.u.)
    - Plemnath: Übergang von Subsistenz50- zur Marktwirtschaft
48
   4:13 Denn siehe, er ist's, der die Berge macht und den Wind schafft; er zeigt dem Menschen, was er im Sinne hat. Er
macht die Morgenröte und die Finsternis, er tritt einher auf den Höhen der Erde - er heißt „HERR, Gott Zebaoth“.
49
   Konzentrische Figuren/Ringkompositionen eignen sich besonders, unterschiedliche (konträre) Gedanken zu
vereinigen: leidenschaftlicher Appell zum „Suchen Gottes“ sowie „tödliche Begegnungen“.
50
   Lebensunterhaltwirtschaft.


                                                          20
Die vorstaatliche tribale Gesellschaft geht auseinander: soziale Zugehörigkeit nach Grundbesitz
   - Überschusswirtschaft statt Subsistenzwirtschaft
   - finanzieller Druck auf Bauern durch expandierende Oberschicht
   - antikes Kreditwesen: hohe Pfände, Zinse; Personalhaftung:51
-> Verlust der Solidarität: Entstehung von Armen (ebjon), Schwachen (dal), Elenden (ani).

Sozialkritik der Propheten des 8. Jhd.:
- gegen hemmungslose Expanisionen
- gegen Verdrängung aus Erbbesitz (Mi 2,1)
- gegen Pfand und Kreditwesen (ist Plünderei, Am 5,11)52
- gegen Schuldknechtschaft (ist Terror und Unterdrückung, Am 3,9f., Am 4,1)
- gegen sorglose Luxusleben (am 3,10.15) und ausartenden Feste (Am 6,1-7)
- Oberschicht behindert Rechtsfindung (Am 5,10):
    - Ansprüche der Bauern werden abgewiesen (Am 2,7)
per Kaution kann man sich gar vom Todesurteil freikaufen (Am 5,12)

6.3.2 „Frühkapitalismus“, „Rentenkapitalismus“ oder „Tributarismus“?
nach: Kessler, Rainer, Ev. Theol. 54, 1994, 413ff.
 W. Dietrich: Frühkapitalismus
Bis in die 70er-Jahre: Rede vom „Frühkapitalismus“53 im alten Israel (analog zum Frühkapitalismus
des frühen 19. Jhd., England?) basierend auf dem Dualismus Israel-Kanaan54 (nach Albrecht Alt,
1968).
Gefahr: Man hat eine Vorstellung von dem, was Kapitalismus ist, demnach hat man auch eine
Vorstellung davon, wie die Gesellschaft war: bekannte Elemente von Armut, Reichtum,
Ausbeutung und Unterdrückung usw. -> Kritiker stehen schon immer auf der richtigen Seite.

O.Loretz55, Rentenkapitalismus
Gegen den Ideologieverdacht des Altschen Dualismus formulierte er den Begriff des
„Rentenkapitalismus“.
gut:
      Versuch, das „Fremde“ der damaligen Wirtschafts- und Sozialordnug zu erfassen mit dem
     komplexen ganzem Schuldenwesen (Kredit, Zinsen, Pfändungen, Schuldknechtschaft):
     - z.B. die Besitzverteilung: denn die Produzenten/Bauern verfügten über die
     „Produktionsmittel“! (Rentenkapitalisten: sind diejenigen, bei denen die Produzenten
     verschuldet sind. -> möglichst viele Bauern in Dauerschulden verstricken!
     - Es geht nicht darum, dass die Kapitalisten Produktionsmittel in ihre Hand bringen wollen.
     Landwirtschaftliche Produktion bleibt in der Hand der Bauern: kein Risiko und größere
     Sicherheit für Kapitalist (Missernte, Schuldenschraube -> höhere Einnahmen!)
schlecht:
     - Theorie basiert auf falschem Gegensatz zwischen Stadt (Angehörige der herrschenden Klasse)
     und Land (produzierende Bauern). Aber auch als Städter blieben Israeliten eher Bauern (kein
     sekundärer und tertiärer Sektor; Jesaja: heftige Kritik am Landadel (3,14f.)
     - keine biblische Belegung.
     - begriffliche Problem des „Kapitalismus“: Er wird als schon immer entwickelte Wirtschaftsfrom vorausgesetzt,

51
   Kredit -> dann ggf. Missernte – Darlenen auf Acker. Nächste Ernte: Missernte -> Schuldknechtschaft der Familie –
des Landwirts selber – danach: Dauerskalve/Fremdsklaverei/Tagelöhner ohne Besitz
52
   Beim Gottesdienst (Solidarität?) wird entzogenes Pfandgut zur Schau gestellt! (Am 2,8)
53
   z.B. W. Dietrich, Jesaja und die Politik (BevTg 74), München 1976: Reichen reisse den Besitz an sich, erhöhen den
Umfang ihres Produktivvermögens und Anzahl an Arbeitskräften, verbessern ihre Liquidität und machen dem
landwirtschaftlichen Familienbesitz den Gar aus.
54
   Alles,was genuin israelistisch ist, ist gut, alles Kannaanäische ist schlecht. -> König Omri kauft ein Grundstück, dann
muss er wohl kanaanäischer Großgrundbesitzer gewesen sein.“
55
   Die prophetische Kritik des Rentenkapitalismus, 1975.


                                                           21
     dabei muss im Interesse der Möglichkeit auf eine nachkapitalistische Zeit (21. Jhd.) auch die Möglichkeit einer
     vorkapitalistischen Zeit in Erwägung gezogen werden.

F. Houtart -> C.A. Dreher, Israel als tributäres System:
Der Wandel (Transformationsprozess) von der tribalen zur tributären, feudalen Gesellschaft und
Produktionsweise. (Erste Anfänge unter David und Salomo schon)
gut: Große Ähnlichkeit zum „Rentenkapitalismus“, aber begrifflicher Vorteil: Israel wird als
vorkapitalistische Gesellschaft beschrieben.
Houtart: identifiziert „tributäre Produktionsweise mit Marx’ asiatischen Produktionsweise56.

Entsprechend diesem Entwicklungsmodell zeigt Hans Kippenberg den Übergang zur antiken
Klassengesellschaft: Transformation von der Stammes- zur antiken Klassengesellschaft:
    aufgrund
    1 politisch und wirtschaftliche privilegierte Familien haben ein Interesse, selber über den
    Anbau und Austausch der Bauern zu bestimmen.
    2 Schulden werden aus dem Familien- nicht mehr dem Dorfverband gezahlt.
 Transformation des Eigentums
    Neuverteilung des Landes nicht mehr über Erblichkeit allein, sondern durch – aufgrund von
    Überschuldung – erzwungene Verpfändungen
 Transformation der Abhängigkeiten
    Von der Sachhaftung zur Personenhaftung (oder sogar bis zur Schuldknechtschaft)
Transformation der Zirkulation („Globalisierung“)
    Zunahme und Ausweitung des Handelns (internationaler Austausch; handel mit Wein, Olivenöl)
-> Damit ist die Sozialkritik der Propheten nicht eine „Dauernörgelei“, sondern eine
Katstrophenprognose: Den Wandel vor Augen sieht der Prophet, dass es in die falsche Richtung
geht und es zum – gottgewirkten – Zusammenbruch kommen muss.

6.3.3 Sozialkritisch relevante Amos-Texte
(folgende Punkte nach: M. Fendler57, Zur Sozialkritik des Amos, 1974)

6.3.3.1          Ausbeutung und Unterdrückung
1. Abgaben und Pfände
       Grundsätzlich galten Wertabschöpfungen in Form von Dalehenszinsen und Abgaben als
       „Wucher“ und „Betrug“: Borgen und Rückererstatten galt als Ehrensache.
       Realität sieht anders aus: Nötig ist Zinsverbots (Ex 22,24; Lev 25,36f.; Dtn 23,20f.)
       a.) Pfändungen
              „Gepfändete Kleider breiten sie aus...“ (2,8a)
              Pfänden von Kleidungsstücken: eigentlich sollen gepfändete Kleider bis zum
              Sonnenuntergang zurückgegeben werden (nicht nackt schlafen müssen) (Ex 22,25f.;
              Dtn 24,12); Witwen-Kleider dürfen gar nicht gepfändet werden (Dtn 24,17)
              -> Pfändung treffen Arme
               „... und Wein aus Eintreibungen trinken sie.“ (2,8b)
              Gläubiger treiben Schulden ein, indem sie Weinernte beschlagnahmen
              -> Pfändungen treffen größere Wertobjekte von Besitzenden
b) Pacht- und Steuerabgaben

56
   Marx: drei Formen des Grundeigentums: 1. asiatische Form = natürliche Gemeinwesen zur gemeinschaftlichen
Nutzung von Grund und Boden; 2. antike Form = der Einzelne wird Privateigentümer (Bearbeitung in der eigenen
Familie); Voraussetzung der Fortdauer dieses Gemeinwesens ist die Erhaltung der Gleichheit; 3. germanische Form.
Kapitalismus: Trennung von Arbeiter und Eigentum. (Marx selber rechnet antikes Israel zur 2. Form, anders als
Houtart.
57
   Vorsicht: Fendler spricht hins. der sozialen Umbrüche im 8. Jhd. von „kanaanäisch geprägten Verhätlnissen“ in den
Städten; verwehrt sich aber gegen die Begriffe „kapitalistisch“, „bürgerlich“ (35).


                                                           22
         „Weil ihr Pachtzins vom  (Schwachen) erhebt und Getreidesteuer von ihm einzieht“ (5,11)
             Große Verschuldungen führten in größere Abhängigkeiten: Der Schritt vom
             Vollbürger zum Tagelöhner (oder gar Schuldsklave, s.u.) ist nicht mehr groß, wenn
             nicht ein Sippenmitglied für den Verschuldeten aufkommt.58
             Für Pacht und Pächter gibt es keine atl. Begriffe-
             Der hat den Vollbürger-Status, der Hinweis auf die „Quaderhäuser“ (5,11)
             dürfte den Steuereintreiber in Samaria vermuten.
             Dritte und letzte Konsequenz einer hoffnungslosen Verschuldung: Pfändung des
             Schuldners selbst:
2. Schuldsklaverei
         Weil sie den Gerechten für Geld verkaufen und den Armen wegen eines Paar Sandalen. (2,6b)
         Schuldsklaverei: Pfändung des Schuldners selbst.
         Wirkungsgeschichte von Schuldsklaverei
                Bis zur Exilszeit ist Schuldsklaverei nicht als Unrecht bekannt.
                - Töchterverkauf (ex 21,7)
                - Verkauf eines Diebes zur Tilgung einer Schuld (Ex 22,3)
                - Verbot des Menschenraubes (Ex 21,16; Dtn 24,7) nur als „Eigentumsdelikt“, nicht
                als Menschenverkauf verstanden
                Zur Zeit des Amos wie Szene 2Kön 4,1ff: Wenn der Schuldner zahlungsunfähig ist,
                haftet er mit seiner ganzen Familie. Elisa ficht Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs nicht
                an, verschafft Witwe vielmehr das Geld, die Schulden zu begleichen.
                Aus Gesetzescorpora wird deutlich: Sch. erfasste breite soziale Schicht und
                dezimierte die Zahl der Voll- und freien Bürger:
                 Bundesbuch: Ex 21,2ff59                Deuteronomium: Dtn 15,12ff.       Heiligkeitsgesetz (Lev
                                                                                          25,39ff.)
                  kennt bereits Tatbestand der Sch.     Ausweitung der Sch. auf Israel.  Erleichterung der Sch.:
                  im 7. Jahr muss der hebräische       (aus Hebräern sind „verarmte      Schuldsklave wird
                 Sklave60 freigelassen werden           Brüder“ geworden.)               Lohnarbeiter gleichgestellt;
                  Sklave kann auf Freilassung           Abfindung des Sklaven: aber sein Preis festgesetzt.
                 verzichten -> Sklave auf               Startkapital kaum ausreichend!     Freilassung im Erlassjahr
                 Lebenszeit61

          Alternatives Verständnis von 2,6b möglich:
           Korrupte Rechtspflege wird vermutet: Wegen der Geringfügigkeit von 1 Paar Schuhen
          (minimale Schuld) entscheidet ein bestochener Richter bereits die Schuldknechtschaft.
           Dagegen Fendler: 2,6b beschreibt einen wirtschaftlich-sozialen Vorgang: Den Richter wird
          nicht genannt; Amos redet auch anders von Bestechung (5,12).
          Auch Amos (wie Elisa): Keine Kritik an der Institution der Sch., sondern
                  Blick auf sozialen und wirtschaftlichen Abstieg der Gerechten und Armen.
     3. Profitstreben und Handelsbetrug
         „Indem ihr sagt: Wann ist der Neumond vorbei, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir
         Korn anbieten und dass wir Epha verkleinern und den Schenkel vergrößern und mit gefälschten
         Waagen betrügen?“ (8,5)
         Man kann davon ausgehen, dass Außenhandeln von Krone, Binnenhandel (besonders nahrungsmittel) von
         Großbauern und Latifundenbesitzer beherrscht wurde.
          Der Feiertag ist eine unangenehme Unterbrechung der Geschäfte.
          Händler bieten Abfall, nicht gutes Getreide an.
          Maße werden verfälscht62


58
   Manchmal will der Gläubiger gar nicht, dass der Verschuldete sein Vollbürger-Status verliert, weil er ihn so als
Strohmann für die Torgerichte erhalten kann.
59
   Vorsicht: Womöglich andere Datierung als z.B. Albertz (hiskianische Reform).
60
   Hebräischer Sklave heisst: aus der untersten Schicht der sozialen Hirarchie.
61
   -> Existenzgrundlage für Freie (Besitzlose) dürfte kaum besser gewesen sein!
62
   Das Trockenhohlmaß (Epha, ca .40 l.) wird (z.B. durch doppelten Boden) verkleinert.


                                                           23
4. Verfall des Familienethos
        „Ein Mann und sein Vater gegen zu demselben Mädchen.“ (2,7b)
       Es geht nicht um die Einmaligkeit des Liebeserlebnisses oder um Monogamie, sondern um
       Minderung des Schutzes der Sklavin:
       - Sklavin ist Konkubine ihres Herren (Ex 21,7ff.) und auch des Sohnes.
       Damit ist aber eine erforderliche materielle und soziale Aufwertung verbunden (kein Sklave
       nimmt sie mehr zur Frau)
       -> Verfall alter Familienordnung und des Familienethos (Zerfall des „Hauses “)
       -> Sklavin zur „Familienhure“ abgestempelt.
5. Korrupte Rechtspflege
        „Wehe denen, die die Mischba in Wermut verwandeln und Zedeka zu Boden stoßen.“ (5,7)
        „Sie hassen im Tor den, der zurechtweist, und verabscheuen den, der aufrichtig redet.“ (5,10)
        „Ich kenne eure zahlreichen Verbrechen und eure kräftigen Verfehlungen, die ihr den Zedaka bedrängt,
        Bestechungsgelder nehmt und die Abawnim im Tor niederstreckt.“ (5,12)
        Höhepunkt der Kritik, weil auch das Instrument: Auch das Korrektiv des gesellschaftlichen
        Fehlverhaltens versagt.
        Grundsätzlich: Zeugen kommt große Bedeutung zu: Justizmord an Naboth (1Kön 21,9ff.);
        zwei oder drei Zeugen reichen (Dtn 19,15)
        Richter sind Laienrichter, Ortsälteste; wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse wirken sich
        negativ auf Angeklagte und Zeugen aus: Angst vor Repressalien.

6.3.3.2          Reichtum und Luxus
       Nirgends im AT finden sich die Ächtung genießerischen Wohllebens und Reichttums. Auch
       hier nicht. Es ist darauf zu achten, wogegen Amos wirklich ist.
1. Reichtum
       Reichtum zeigt sich an und in den Häusern63.
       Gegensätze: Luxusbetten (6,4) - pfänden den Mantel, den man eigentlich abends
       zurückgeben soll, damit man nicht nackt schlafen muss.
2. Luxus
       - genussreiches Leben (4,1; 6,4-7)
       - Selbstsicherheit
       -> bisher ungekanntes Maß an Prestigeluxus; Machtentfaltung durch Reichtum
       -> Anklage der Destruktion des sozialen Gleichgewichts

6.3.3.3   Zusammenhang von Ausbeutung und Unterdrückung (A) mit
Reichtum und Luxus (B)
„Hört dieses Wort, ihr Basanskühe auf dem Berge Samaria, die Galim unterdrücken, Abawnim schinden, die zu
ihrem Herrn sprechen: Schafft her, dass wir trinken!“ (4,1)
Frauen64 umgeben sich mit Luxus.
 Der Luxus ist nur dadurch möglich, dass Galim unterdrückt und Abawnim geschunden werden.
-> Es sind indirekte Vorgänge: Nur durch die unterdrückende Tätigkeit ihrer Männer können sie
Luxusleben führen und sind so für die Unrechtsverhältnisse mitverantwortlich.
 Nur durch die Unterdrückung geschehen Raub und Mord (Tun-Ergehens-Zusammenhang (3,9f.65)


 Die Gewichtseinheit (Schenkel, ca. 11,5g) wird vergrößert, d.h. die Gewichte für die Waage manipuliert (-< Käufer
muss mehr Silber auflegen).
 Waage an sich wird manipuliert: z.B. führende Arm verbogen („gekrümmt“) zugunsten einer besseren Hebelwrikung.
63
   Sommer- und Winterhäuser (3,15), Wohntürme (mehrstöckige Häuser, Turm von Babel?); Quarderbautechnik (5,11,
~ Salomos Bauweise; aufwendig, teuer); teures Mobilar (6,4: Luxusbetten, ~ feudale Gesellschaft), Verzierungen des
Hauses mit Elfenbeinarbeiten (3,15)
64
   Bezeichnet als Basanskühe, d.h. von außergewöhnlicher Fruchtbarkeit: Frauen wollen auf Festen prassen. Aber nicht:
Matriachat, gerade nicht, s.o.!
65
   3:9 Verkündigt in den Palästen von Aschdod und in den Palästen im Lande Ägypten und sprecht: Sammelt euch auf
den Bergen um Samaria und sehet, welch ein großes Zetergeschrei und Unrecht darin ist! 3:10 Sie achten kein Recht,
spricht der HERR; sie sammeln Schätze von Frevel und Raub in ihren Palästen.


                                                         24
Wohntürme als Symbol der „hochgefahrenen“ Herrschaftsansprüche .
-> Das soziale Gleichgewicht ist zerrüttet, der vorfeudalistische Stämmebund ist in eine vertikal
hierarchische Gesellschaft verwandelt. Das hereinbrechende Unheil nimmt durch das Verhalten der
„Oberen“ seinen Lauf.

6.3.4 Die Sozialkritik des Amos
Will Amos die Durchsetzung des Rechts der Geringen gegen das Macht- und Besitzstreben der
Mächtigen? - Dagegen Fendler: Amos hat kein Programm, sagt nicht eindeutig, was „das“ Richtiger
ist. Er hat nicht eine bestimmte Zielgruppe (auch wenn er im Zweifelsfall die „Opiton für die
Schwächeren“ wählt); die angesprochene Gesellschaftsschicht ist nicht homogen.

1. Die angesprochene Gesellschaftsschicht und die Botschaft des Amos
Keine homogene Gruppe, kein gesellschaftlicher Antagonismus66.
2,6 (Schuldk.. wg. 1 Paar Schuhe): Schuldner und Gläubiger in relativ bescheidenen Verhältnissen.
        Unter schweren Bedingungen kämpft eine Mittelschicht gegen eigene wirtschaftliche
        Vernichtung.
2,8a (Kleiderpfändung): völlig Verarmte
2,8b (Pfandeintreibung bei Weinbauern): Besitzende, besser Situierte
8,4 (Vernichtung der Armen und Elenden im Lande): Täter: Großbauern oder Latifundienbesitzer,
die zur Bearbeitung Sklaven brauchen, beuten Arme aus.
5,12 (Bestechung im Tor): Vollbürger, Acker Besitzender, politische und wirtschaftliche Macht.
 Ober- und Unterschicht stehen sich nicht gegenüber, sondern finden in der Mittelschicht ihre
Vermittler. Hier finden sich Ausbeuter und Ausbeutende (teilweise in una persona: verschuldeter
Kleinbauer leidet unter Last der Steuern und Schuldzinsen und gibt den ökonomischen Druck in
Form rigoroser Schuldeneintreibung nach unten weiter!).
-> zwar trifft am stärkersten die Kritik die Oberschicht Samarias, grundsätzlich richtet sie sich aber
„an ganz Israel mit dem Ziel, die allgemeine ‚heillose Zerrüttung’ als Grund für das kommende, von
Jahwe gewirkte totale Unheil kenntlich zu machen“ (Fendler, 52).
 Recht und Gerechtigkeit in der Botschaft des Amos:
        mischba als „rechte Ordnung“
        zedeka als „rechtes (d.h. dieser Ordnung entsprechendes und derartige Ordnung schaffendes)
        Verhalten“ (H.H. Schmidt, Gerechtigkeit als Weltordnung, 1968)
        Amos ist noch im Selbstverständnis der vorfeudalistischen israelitischen Sippenverbände
        und in ihrem Ethos verwurzelt (Fendler, 53).
        Sein Ideal ist die gegeliederte Gesellschaft freier, grundbesitzloser, wehr- und rechtsfähiger
        Bauern als Oberhäupter über Familie. Nur im Kriegsfall setzen sie sich einen
        charismatischen Heerführer (Richterzeit).
 Die Sozialkritik des Amos zielt
- nicht auf revolutionäre Veränderung
- auf restaurative Kulturkritik
- auf ein Krisenbewusstsein und eine detaillierte Gesellschaftsbeschreibung.
„Er kommt über die Negation des Beschriebenen nicht hinaus, erreicht aber gerade damit seine
analytische und angreifende Schärfe.“ (Fendler, 53)


6.3.5 Die Kultkritik
Kritik am Gottesdienst (Kultkritik)
  Die Vision 9,1; 5,5; vgl. 7,9; 3,13f
  3,14; 4,4f' 5,4f' 5,21-27; vgl. 7,9; 2,8
Kritik des religiösen Bewusstseins
  Wider das (falsche) Erwählungsbewusstsein: 3,1f' vgl. 6,2; 9,7

66
     Gegensatz, Gegnerschaft, Widerstreit


                                                 25
  Fremdvölkersprüche 1,3-2,16 vgl. 9,7
  Wider falsche Sicherheit: 6,1ff
  Wider dem Hochmut: 6,8.13; vgl. 8,7


6.3.6 Rechtskritik



6.3.7 Mahnung und Umkehr
Mahnung und Umkehrruf im Rahmen der Botschaft des Amos
Mahnung ohne Ausweg: 5,4f
„Leben": Nur ,,vielleicht" und nur ,,ein Rest" (5, 14f)
Umkehr: die nicht ergriffene Möglichkeit (4,6-13)
,,Gerechtigkeit und Recht": der nicht beschrittene Weg (5,24)




                                               26

								
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