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Philosophische Fragen

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Philosophische Fragen
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11/24/2011
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Die Natur philosophischer Fragen drei Fragen ein Schema für einige wichtige Gebiete der Phi-

losophie.

November 24, 2011

§1 Vorbemerkung Andere würden vielleicht die Philosophie durch ihre Me-

thode kennzeichnen, durch die Methode der Reflexion, der

Philosophische Fragestellungen entstehen aus "normalen" logischen Analyse oder der transzendentalen Phänomenolo-

Fragen des menschlichen Lebens. Sie zeichnen sich aber vor gie. Dabei vertreten sie natürlich jeweils ihren eigenen

den praktischen Fragen durch ihren hohen Grad von Allge- Standpunkt; sie beschreiben Philosophie als das, was sie ei-

meinheit aus. Das gilt in gewissem Sinne auch für jederlei gentlich sein sollte. Die Philosophie der jeweils anderen

wissenschaftliche Problemstellung (jedenfalls solange wir Richtung ist dann einfach gar nicht existent, da sie mit einer

Wissenschaft im Sinne von englisch "science" verstehen, als anderen Methode arbeitet. Sie ist dann nur Gerede, das sich

Gesetzeswissenschaft). Der Physiker interessiert sich nicht für Philosophie ausgibt.

dafür, ob dieses Schiff vor ihm im Hafen eine bestimmte La-

dung wird tragen können, sondern im allgemeinen z. B. für Nun läßt sich sicher nicht abstreiten, daß es so etwas wie

die Gesetzes des Auftriebs. Philosophie war historisch mit eine gewisse methodische Gemeinsamkeit des Philosophie-

den Gesetzeswissenschaften eng verbunden. Noch zu Beginn rens gibt. Philosophen verwenden in der Regel außer ihrem

der Neuzeit wurde zwischen Philosophie und Wissenschaft Verstand keine weiteren Hilfsmittel. Dennoch ist die

kein Unterschied gemacht. Die Naturwissenschaft hieß methodische Abgrenzung einer Wissenschaft nicht die Art,

"philosophia naturalis", auf englisch "natural philosophy", in der man üblicherweise Grenzen zwischen Wissensgebie-

und sogar noch heute gibt es in England eine Zeitschrift mit ten zieht. Es kann nämlich eine Frage, die lange Zeit mit der

dem Titel "Philosophical Magazine", die eigentlich eine Methode A angegangen worden ist, mit einem Male mit ei-

naturwissenschaftliche Zeitschrift ist. ner Methode B behandelt werden. Würden wir dann sagen,

daß dieses Problem von einer Wissenschaft in die andere

Wenn die Philosophie im Verständnis der gebildeten Men- überwechselt? Vielleicht ist es angemessener, das Verbin-

schen auch früher von der Wissenschaft nicht unterschieden dende der philosophischen Fragen in der Art der Pro-

war, so ist sie das aber für uns heute, und wir müssen uns blemstellung zu suchen und nicht in der Art, wie man diese

fragen, was diesen Unterschied ausmacht. Es ist nicht von Probleme zu lösen versucht. Und da lautet dann die Antwort:

vornherein zu erwarten, daß wir bei allen Philosophen darauf Während wissenschaftliche (scientific) Fragen allgemeiner

eine einheitliche Antwort finden. Die einen würden viel- sind als praktische Fragen, sind die philosophischen Fragen

leicht einfach sagen: Philosophie ist der Teil der diejenigen von höchster Allgemeinheit.

ursprünglichen Wissenschaft der Menschheit, dem es nicht

gelungen ist, sich zu verselbständigen, eigene Methoden zu Es ist kennzeichnend für philosophische Fragen, daß sie

entwickeln, spezifische Methoden, die hintereinander einen alles überschreitenden höchst allgemeinen Charakter

Mathematik, Physik, Biologie, Soziologie und Psychologie haben. Ich könnte die Frage "Was kann ich wissen?" jeder-

auf den Weg gebracht haben, auf dem sie ihren "sicheren zeit in einen speziellen praktischen oder wissenschaftlichen

Gang" gehen (um den sie Kant beneidet hat - wobei er erst Kontext stellen. So kann ich fragen: "Was können wir über

die ersten zwei Wissenschaften anerkannte). Dementspre- die alten Ägypter wissen?" und erhalte damit die Antwort

chend konnte der verbleibende Rest nicht zu einem solch ge- von einem Ägyptologen, der mir berichtet, daß man die

waltigen corpus von positivem Wissen gelangen wie die Schrift der alten Ägypter lesen kann und bei archäologischen

genannten Natur- und Humanwissenschaften. Ausgrabungen meist in Gräbern viele Handschriften-

fragmente gefunden hat. Ich kann fragen: "Was können wir

Ein weiterer Ansatz zur Bestimmung des Wesens der Philo- über den Zustand eines Gases wissen?" und erhalte vom

sophie geht von der Unabweisbarkeit der drängenden philo- Physiker die Antwort, daß aus physikalischen Gründen das

sophischen Fragen aus, so hat Kant einmal formuliert, was er Wissen über die Geschwindigkeiten und Orte der Gasmole-

für die drei wichtigsten philosophischen Fragen hielt: küle begrenzt ist. Jede Messung stört das System und ändert

"Was können wir wissen?", den Zustand, den wir ermitteln wollen, und außerdem muß

"Was sollen wir tun?", das Meßresultat aufgeschrieben werden. Um aber die Ge-

"Was ist der Mensch?" schwindigkeiten und Örter der Moleküle eines Kubik-

zentimeter Gases aufzuschreiben, reicht das Papier der gan-

Diesen Fragen entsprechen dann drei Unterdisziplinen der zen Welt nicht aus. Diese Antwort beruht auf physikalischen

Philosophie: Tatsachen, hat aber bereits einen philosophischen Touch.

1. Die Erkenntnistheorie und die Logik (im alten Welche Fragen nach der möglichen Erkenntnis sind nun

Sinne), die die Wissenschaftstheorie mit umfaßt, philosophische Fragen? Was macht sie dazu und zeichnet

2. die Ethik, die philosophische Erkenntnistheorie vor innerwissenschaft-

3. die philosophische Anthropologie. lichen oder praktischen Erwägungen aus? Es ist die maßlose

Man mag darüber streiten, ob alle Fragen der Philosophie Allgemeinheit der philosophischen Frage, die nicht auf ir-

sich unter diese drei Oberfragen subsumieren lassen. Warum gendeinen speziellen Kontext wie ägyptische Archäologie

fragt Kant nicht: "Was ist die Natur?" Denn genau so gut oder statistische Mechanik bezogen ist, und die die Philo-

wie nach dem Menschen könnte man auch nach der Natur sophen in den zweifelhaften Ruf gebracht hat, Leute zu sein,

fragen. (Ich nehme einmal an, daß die Fragen "Was ist die die Rundumschläge lieben und sich nicht damit bescheiden,

Gesellschaft?", "Was ist die Sprache?", "Was ist die Seele?" auch einmal kleine Brötchen zu backen. Fragen allgemein

Teilfragen der Frage nach dem Menschen sind.) Ich will und grundsätzlich zu stellen, ist jedoch an und für sich kein

aber hier nicht erforschen, warum die Naturphilosophie von

Kant hier nicht genannt wird. Auf jeden Fall liefern Kants

2









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-

Es folgen einige Beispiele (in den Beispielen wird jeweils

pondierende philosophische Frage gegenübergestellt): einer praktischen oder wissenschaftlichen Frage eine korres-

Praktische oder wissenschaftliche Frage:

Wie beweist man den Satz des Pythagoras? Philosophische Frage:

Wie sind die Säugetiere entstanden? Wie beweist man überhaupt mathematische Sätze?

Was ist die Ursache der Alpen? Wie ist das Leben entstanden?

Sind Kinder im Alter von 12 bis 18 Jahren für ihre Straftaten Was ist die Ursache der Welt?

verantwortlich? Sind Menschen überhaupt für Straftaten verantwortlich?

Sind in meinem Zimmer Stühle, auf denen man sitzen kann?

Bin ich allein auf dieser Insel? Gibt es Dinge in der Außenwelt (d. h. außerhalb von mir)?

Ist mein Gedächtnis so gut, daß ich in eine Theatergruppe Bin ich allein in der Welt?

eintreten kann, wo ich eine Rolle auswendig lernen muß? Kann ich mich überhaupt auf das Gedächtnis verlassen?

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-

Verbrechen. Nur muß, wer viel erwartet, auch eher mit ei-

nem Mißerfolg rechnen, als der, der nur bescheidene An- Eine Menge aller Ereignisse E, die nicht zur Menge aller

sprüche stellt, und er wird darum getadelt, wenn er sich die- Ereignisse schlechthin gehört, diese aber dennoch erklärt, ist

sen Mißerfolg nicht eingesteht und eine Pseudoantwort auf leer, und damit ist es sinnlos, in dem angegebenen Sinne

seine Frage findet, die er stolz als Erfolg bucht. Leider haben nach der Ursache der Welt zu fragen.

viele Philosophen derartige Luftschlösser gebaut und damit

Die Absurdität einer solchen Frage wird deutlich am Bei-

den Ruf ihrer Zunft verdorben.

spiel der Urziege aus der Edda, die aus dem Eis, das vor der

Die Verallgemeinerung von Fragestellungen ist an sich ein Welt da ist, den Urriesen herausleckt. Der Urriese wird dann

ganz normales wissenschaftliches Unterfangen. Je allgemei- später von Wotan erschlagen. Aus seinem Schädel entsteht

ner eine Frage gestellt und beantwortet werden kann, desto das Himmelsgewölbe, aus seinem Blut das Meer und aus

souveräner beherrscht die betreffende Wissenschaft das Pro- seinem Fleisch die Erde. Irgendwie werden dann auch Tiere

blem. Und dennoch liegt in der hemmungslosen Verallge- - und das heißt, auch Ziegen - erschaffen. Da es Ziegen erst

meinerung eine Gefahr. Es kann sein, daß die Fragen in zu in der Welt geben kann, die durch diesen Weltschöpfungs-

starker Verallgemeinerung unbeantwortbar werden. Der mythos ja erklärt werden soll, kann die Welt mit Ziegen

Mann auf der Straße hegt ohnedies ein Mißtrauen gegenüber darin nicht durch eine Ziege erklärt werden; darin liegt ein

Problemstellungen, die den Rahmen seines praktischen Zirkel. Auch die Schöpfungsgeschichte der Bibel enthält sol-

Interessenkreises überschreiten - und dennoch stellt auch er che Zirkularitäten. Aber der mythische Mensch war viel-

Fragen, die er oft religiös zu beantworten sucht. Doch wir leicht mit dieser Antwort zufrieden. Sein Erklärungsbedürf-

wissen auch, daß dieses Mißtrauen gegenüber der Theorie nis war vielleicht nicht das nach einer Kausalerklärung im

oft unberechtigt war und daß der Wissenschaftler, der so modernen Sinne, sondern mehr die religiöse Frage nach dem

weltfremde Dinge trieb, wie nach den Sternen Ausschau zu Woher und dem Wohin des menschlichen Daseins. Andere

halten, wenn andere Menschen schlafen, sehr wohl wußte, hier aufgeführte Fragen haben durchaus einen Sinn, z. B. die

was er tat. Von Thales, der beim Betrachten des Himmels in Frage nach dem Ursprung des Lebens. Diese Frage gehört

einen Brunnen fiel (worüber sich eine Magd lustig machte) daher auch in die Naturwissenschaft. Dennoch ist auch dies

bis Einstein, der angeblich keinen Nagel in die Wand schla- nicht so ganz offensichtlich. Es bleibt die Aufgabe bestehen,

gen konnte (aber Roosevelt auf die Gefahren der Atom- zu klären, wann philosophische Fragen einen Sinn haben.

bombe aufmerksam machte) reicht die Reihe der lebens- Bei der hemmungslosen Verallgemeinerung des Fragens ste-

unpraktischen Genies. Aber nicht jeder, der sich für ein hen wir stets vor dem Abgrund der Sinnlosigkeit.

solches hält, ist auch eines, und so könnten zu allgemein

gestellte Fragen zu leeren oder sinnlosen Fragen werden. Es

ist daher wichtig, die Grenzen zwischen Wissenschaft und §3 Die Frage, wie man etwas wissen kann

sinnloser Metaphysik zu erkennen.

Oben war Kants Frage: "Was kann ich wissen?" der Frage:

"Was können wir über die alten Ägypter wissen?" konfron-

tiert worden. Die zweite speziellere Frage wird uns der

§2 Die Frage nach der Ursache der Welt

Ägyptologe beantworten. Wer beantwortet die erste? Und

Als erstes Beispiel kann uns hier die Frage nach der Ursache wie könnte eine Antwort darauf aussehen? Scheitert die

der Welt dienen. Wenn gilt Welt = Menge aller Ereignisse Frage vielleicht auch an ihrer hoffnungslosen Überallge-

und Ursache von x = Menge aller Ereignisse y mit y  x, aus meinheit wie die nach der Ursache der Welt? Ich glaube, daß

denen x mit Hilfe der Naturgesetze abgeleitet werden kann, hier die Situation eine andere ist. Denn die Antwort kann in

dann existiert keine Ursache für die Welt. In der Frage steckt der Aufzählung von speziellen Typen von Fragen bestehen,

eine leere Kennzeichnung 1 und das macht sie sinnlos. die sich beantworten lassen. So läßt sich etwa die Summe

zweier gegebener Zahlen wissen; die Zugverbindungen von

1 ) Kennzeichnungen sind Ausdrücke der Form: “dasjenige x für Düsseldorf nach Genua sind wißbar und das Atomgewicht

welchen P(x) gilt”, z. B. derjenige x, der gegenwärtig in Frankreich

von Selen ebenfalls. Kant wäre allerdings mit einer solchen

König ist.” Kennzeichnungen spielen in der Wissenschaft eine Antwort nicht zufrieden gewesen. Er denkt wohl eher an viel

wichtige Rolle. z. B. in der Mathematik: “dasjenige x, für das gilt allgemeinere Klassen von Fragen, die man stellen kann, und

x2 = a.”

3









mit "Wissen" verbindet er so etwas wie berechtigte völlige Zuverlässigkeit des Gedächtnisses grundsätzlich in Zweifel

Gewißheit, absolut strenges Wissen. Ihn interessiert nicht die zieht, dem bleibt nur der Strick, um sich daran aufzuhängen.

Summe zweier Zahlen, sondern die Mathematik als Ganzes. Nur so ist dem Philosophen nicht beizukommen. Er

Können wir mathematische Sätze wissen, und wenn ja auf bezweifelt vielleicht auch die Wirksamkeit des Strickes und

welche Weise? Können wir grundsätzlich wissen, daß die hängt sich allein deswegen nicht auf. Eine alte Geschichte

Dinge der Alltagswelt (zu denen ja die Züge von Düsseldorf mag das illustrieren:

nach Genua gehören) existieren? Können wir physikalische

In Indien lebt einst ein Weiser, der lehrte, alles sei Schein.

Gesetze wissen?

Davon erfuhr der König und interessierte sich für diesen

Wir dürfen also zunächst ruhig mit der allgemeinen Frage seltsamen Mann. Er lud ihn zu sich an seinen Hof, und dis-

beginnen, vielleicht auch nur, um sie gleich anschließend in kutierte mit ihm. Als er den Weisen nicht von der Realität

Unterfragen aufzugliedern: "Auf welche Weise können wir der Welt überzeugen konnte, ärgerte sich der König, ließ den

zu Wissen gelangen?", "Wie genau können wir dieses oder Philosophen in einen Innenhof seines Palastes sperren und

jenes wissen?", "Wie können wir die wichtigsten einen Elefanten auf ihn hetzen. Der Philosoph rannte um

Voraussetzungen unseres Handelns beweisen?" Die erste sein Leben und verbarg sich hinter einer Säule. Daraufhin

Frage ist die nach den Methoden der Forschung, nach der ließ der König den Weisen wieder zu sich holen und fragte

Methodologie. Wir erfahren, daß wir zwischen empirischem ihn: "Du bist gerannt. Offenbar war der Elefant für dich

und mathematischem oder apriorischem Wissen zu wirklich. Du bist also gar nicht in der Lage, deine These in

unterscheiden haben, daß wir für das empirische Wissen der Praxis aufrechtzuerhalten." Der weise Mann antwortete

Methoden zur Verallgemeinerung brauchen (induktive indessen: "Mein Rennen, oh König, was ebenso sehr Schein

Methoden), daß wir sowohl in der Mathematik als auch in wie der Elefant."

den empirischen Wissenschaften die Logik brauchen usw.

Die Geschichte zeigt, daß man einen wahren Skeptiker nicht

Derartige Aussagen rechnen wir zur allgemeinen

widerlegen kann. Das konnte der König genauso wenig wie

Wissenschaftstheorie. Auch die Frage nach der erzielbaren

die Studenten, die Fichte die Fensterscheiben einwarfen, um

Genauigkeit oder Sicherheit gehört in diesen Bereich. Wie

ihn an die Realität zu erinnern. Aber sie zeigt, daß des Philo-

steht es nun mit der dritten Unterfrage, nach den wichtigsten

sophen These keine Konsequenzen für sein Handeln hatte,

Voraussetzungen unseres Handelns und der Wissenschaft?

und das macht die These in der Tat verdächtig. Zwei Aussa-

Dazu gehören vor allem die sogenannte Existenz der Außen-

gen, die absolut stets die gleichen Folgen für unser prakti-

welt und die von Mitmenschen, aber auch die Frage nach der

sches Handeln haben - so haben einige Philosophen behaup-

grundsätzlichen Verläßlichkeit unseres Gedächtnisses (der

tet - sind äquivalent und haben den gleichen Sinn. Andere

Berechtigung des Erinnerungsvertrauens).

Kritiker der Skeptiker haben die Voraussetzungen unserer

Wiederum sind diese Fragen von ganz grundsätzlicher Natur Weltkenntnis, die er bezweifelt, als praktisch evidente Wahr-

und die Gefahr der Überallgemeinheit droht auch hier heiten angesehen oder es einfach abgelehnt, darüber zu dis-

wieder. Ich greife drei Fragenpaare aus der obigen Liste auf: kutieren, weil die Überlegungen der Skeptiker schließlich

Wir fragen nicht "Sind in meinem Zimmer Stühle, auf denen reichlich irrelevant sind. Es hat auch nicht an Stimmen ge-

man sitzen kann?", sondern: "Sind überhaupt Dinge in der fehlt, die Skepsis als psychische Krankheit ansehen und den

Welt außer mir selbst?" Wir fragen nicht mit Robinson: "Bin Skeptiker statt in ein philosophisches Seminar einfach zum

ich allein auf dieser Insel? Bekomme ich hier vielleicht ein- Psychotherapeuten schicken wollen. wollen.2

mal erwünschten oder unerwünschten Besuch?" sondern:

Aber die Unwiderlegbarkeit der Skeptiker, wenn sie sich er-

"Bin ich allein in der Welt?" Wir fragen nicht: "Ist mein

härtet, läßt uns doch auch mißtrauisch werden. Ich will das

Gedächtnis so gut, daß ich in eine Theatergruppe eintreten

anhand des berühmten Fries'schen Trilemmas zeigen. Es

kann, wo ich eine Rolle auswendig lernen muß?" Sondern:

lautet wie folgt: Jeder Beweis geht von irgendwelchen Vor-

"Kann ich mich überhaupt auf das Gedächtnis verlassen?"

aussetzungen aus. Entweder wird eine Beweiskette bei er-

Die Fragen sind offenbar auch unter einem merkwürdigen sten Voraussetzungen, evidenten Axiomen enden, oder sie

Blickwinkel gestellt. Denn es liegt doch nahe, zu antworten: wird im Kreise laufen, zirkulär sein oder sich bis ins Unend-

"Was sind das für dumme Fragen. Daß ich von Dingen um- liche zu immer weiteren Voraussetzungen zurück verfolgen

geben bin, das sehe ich doch. Daß es Mitmenschen gibt, er- lassen. Für Aristoteles, der diese Überlegung auch schon

fahre ich doch täglich, wenn ich mich mit ihnen herumär- anstellte, war das ein klarer Beweis dafür, daß es erste Vor-

gere. Daß mein Gedächtnis im Prinzip in Ordnung ist, er- aussetzungen gibt, Prinzipien, aus denen wir alles ableiten

fahre ich doch jedesmal dann, wenn sich Erwartungen erfül- müssen in einer Wissenschaft. Für Popper ist keine der drei

len, die auf meinen Erinnerungen beruhen." Aber diese Ant- Alternativen akzeptabel, und er schließt daraus, daß es im

worten befriedigen den Philosophen nicht. Er zweifelt ganz strengen Sinne ein Wissen nicht gibt. Es gibt nur Hypo-

(vielleicht nicht für alle Zeiten) an der Gültigkeit der Metho- thesen, mit denen wir unsere bisherigen Erfahrungen zu er-

den, mit denen er das alles feststellt. Vielleicht enthalten klären versuchen.

diese Methoden eine petitio principii, setzen das zu Bewei-

Für uns folgt aus dem Fries'schen Trilemma, daß man keinen

sende bereits voraus.

Skeptiker widerlegen kann, der nicht bereit ist, irgendwelche

Aber wenn das der Fall ist, ist das Unterfangen des Philo- Voraussetzungen anzuerkennen, die man zur Grundlage der

sophen ziemlich aussichtslos. Denn wie will er etwas be-

weisen, wenn er alle Methoden, die ihm dafür zur Verfügung 2 ) Wir müssen unterscheiden zwischen dem dogmatischen Skep-

stehen, bereits anzweifelt? Es hat daher nicht an sogenannten tiker, der alles leugnet, und dem problematischen, der alles of-

Widerlegungen der Skeptiker gefehlt, die alle darauf fenläßt. Der problematische Skeptiker ist viel weniger leicht

hinauslaufen, denselben eine Inkonsequenz vorzuwerfen. anzugreifen, als der dogmatische, der ja immerhin etwas behauptet,

Wer die Existenz von Mitmenschen, der Außenwelt oder die oder vorgibt, etwas zu behaupten.

4









eigenen gegen ihn gerichteten Argumentation machen kann. keit, wenn es sich nicht um Vorgänge astronomischen Aus-

Gerade das macht den Skeptiker suspekt. Wer leben will, maßes handelt. Wir haben daher ein lebenspraktisches Inter-

muß erkennen. Wer erkennen will, muß irgendwelche Me- esse an der Erforschung von Ursachen und die Antwort auf

thoden der Gewinnung von Erkenntnis anerkennen und eine Warum-Frage befriedigt uns in dem Sinne, daß wir ir-

irgendwelche ersten Sätze, von denen er ausgeht. Er muß gendwie das Gefühl haben, die Welt besser in den Griff zu

den Sprung ins kalte Wasser wagen und der Welt einen bekommen. Die Frage nach der Ursache der Welt kann aber

Vertrauensvorschuß geben. Anders ist Leben nicht möglich. von vornherein keinerlei solchen Nutzeffekt anstreben. Das

Gefühl der Befriedigung bei irgendeiner Antwort auf diese

Angenommen, wir wären uns einig, daß die Skepsis weder

Frage ist also sicherlich irgendwie fehlgeleitet.

in ihrer dogmatischen noch in ihrer problematischen Va-

riante eine haltbare Position ist. Dann bleiben aber immer Ich fasse zusammen: Wir haben ein Interesse an der Lösung

noch verschiedene Möglichkeiten des Vertrauensvor- philosophischer Fragen, das aus dem Interesse an der

schusses an die Welt offen. Für das praktische Leben reicht Lösung lebenspraktischer Fragen von ähnlicher Art

es vielleicht aus, wenn wir an die Wirklichkeit der sinnlich abgeleitet ist. Wir müssen für jede philosophische Frage

wahrnehmbaren Dinge glauben. Wer wird an einem kühlen untersuchen, ob ein solches legitimes Interesse an einer

Glase Bier oder an einem Schweineschnitzel zweifeln? Wer Antwort noch vorhanden ist, oder ob die bei der Antwort

zweifelt an den Klängen einer schönen Musik oder an dem empfundene Befriedigung nicht auf einer Täuschung beruht.

Charme einer reizvollen Frau? Wer zweifelt an der Wirkung Eine Antwort auf die Frage nach der Ursache der Welt

von Zyankali oder an der von Kernwaffen? Aber dazu brau- dürfte uns eigentlich nicht befriedigen. Tut sie es dennoch,

chen wir noch nicht an die Existenz der Dinge zu glauben, so ist irgend etwas schiefgelaufen.

die in den physikalischen Theorien vorkommen, an elektri-

Betrachten wir eine andere Fragen: "Sind diese Äpfel vor

sche Felder oder Atome. Hier bleibt eine Streitfrage auch

mir wirklich rot, oder sehen sie nur rot aus?" Diese Frage

dann noch offen, wenn wir gegenüber der Skepsis einen

scheint zunächst nicht von extremen Allgemeinheitscharak-

pragmatischen Standpunkt einnehmen. Auch in der Mathe-

ter zu sein. Denn sie bezieht sich ja auf diese Äpfel hier vor

matik sind wir nicht durch das Leben gezwungen, alles zu

mir. Der Satz, so wie er eben formuliert wurde, kann auch in

glauben, was in den Büchern dieser Wissenschaft steht. Man

bestimmten Lebenssituationen sehr sinnvoll sein, z. B. wenn

kann ganze Zweige der Mathematik zu puren Hirngespinsten

Äpfel von einer roten Lampe in einem Laden bestrahlt wer-

erklären, ohne daß das praktische Konsequenzen hat. Natür-

den - ich habe das noch nicht erlebt - um sie besser ver-

lich werden wir ohne das Einmaleins nicht auskommen. Ob

kaufen zu können. Aber so ist die Frage des Philosophen

es aber überabzählbare Mengen gibt, ist eine Frage, die für

nicht gemeint. Im lebenspraktischen Kontext wird nach der

die Anwendungen der Mathematik letztlich ganz irrelevant

Wirklichkeit im Gegensatz zum Schein gefragt, der sich in

ist.

irgendeiner Art erweisen kann. So könnten die besagten Äp-

So gibt es also doch eine ganze Reihe von Problemen, die fel im Tageslicht vielleicht nicht mehr rot sein. Der Käufer

von dem dem Leben sich nicht verschließenden Philosophen dieser Äpfel sieht sich genarrt und betrogen. Der Philosoph

verschieden gelöst werden können. Aber auch hier ist Vor- aber will mehr, und darin zeigt sich dann doch wieder die

sicht am Platze. Offenbar sind die verschiedenen Stand- von ihm angestrebte absolute Allgemeinheit. Er fragt nicht

punkte gegenüber der Existenz von Atomen oder überab- danach, wie die Äpfel aussehen, wenn gewisse verzerrende

zählbaren Mengen jeweils lebenspraktisch äquivalent. Damit Bedingungen nicht vorhanden sind, sondern, ob sie

sind sie vielleicht Stellungnahmen zu Scheinproblemen. Vor unabhängig von allen denkbaren Bedingungen und allen

einigen Jahrzehnten war daher eine starke Tendenz spürbar, denkbaren Sinnesorganen tatsächlich rot sind. In den unter-

die Diskussion über Existenzfragen solcher Art aus der strichenen Wörtern "allen" drückt sich die angestrebte Su-

Philosophie zu verbannen. perallgemeinheit aus. Er möchte vor einem Schein bewahrt

werden, der grundsätzlich nicht aufdeckbar ist - eine müßige

Sorge, denn den Betrug, auf den kein böses Erwachen folgt,

§4 Die Berücksichtigung des Interesses an der Beantwor- braucht man nicht zu fürchten. Vielleicht weiß der Philosoph

tung einer philosophischen Frage das auch, dennoch redet er weiterhin mit Wörtern wie

Schein und Wirklichkeit, welche die falschen lebensprak-

Diese Überlegungen zeigen, daß wir erkenntnistheoretische

tischen Assoziationen wecken können.

Fragen nicht stellen können, ohne zu klären, welches Inter-

esse wir an ihrer Beantwortung haben. Der philosophische Sicherlich können wir auch kein lebenspraktisches Interesse

Skeptiker befaßt sich offenbar gar nicht mit den wichtigen an empirisch nicht wahrnehmbaren Eigenschaften der Dinge

Fragen. Daher sind seine Antworten auch möglicherweise haben. Frage ich: "Ist dieser Apfel an sich rot oder erscheint

sinnlos. Alle Probleme, die uns auf den Nägeln brennen, er mir nur rot dadurch, daß das an ihm reflektierte Licht

müßten eigentlich auch sinnvoll sein, so vermuten wir. Um meine Netzhaut in entsprechender Weise reizt?", so hat die

das zu klären, müssen wir sie zunächst sprachlich analy- Antwort auf diese Frage sicher keinen Einfluß darauf, ob ich

sieren. Denn alle philosophischen Fragen und Antworten ihn nun an den Weihnachtsbaum hänge oder nicht, ob ich

werden sprachlich formuliert. Es ist daher stets zu un- ihn zu Saft verarbeite oder zu Kompott oder ihn verzehre, so

tersuchen, was die Wörter in diesen Formulierungen bedeu- wie er ist. Nur empirisch relevante Eigenschaften der Dinge

ten und ob die Bedeutungen dieser Wörter noch mit den um- können für mein Wohlbefinden von Bedeutung sein. Diese

gangssprachlichen Bedeutungen übereinstimmen oder ob sie Tatsache ist ein wichtiges Motiv für alle Versuche, ein soge-

sich demgegenüber verschoben haben. Es kann dann sein, nanntes empiristisches Sinnkriterium zu formulieren. Die

daß das Interesse an der Antwort ein vorgebliches ist. Neh- Sprache sollte sogar im Idealfall so beschaffen sein, daß em-

men wir wieder das Beispiel der Frage nach der Ursache der pirisch nicht feststellbare Eigenschaften der Dinge darin

Welt. In der Regel bedeutet die Kenntnis der Ursachen eines überhaupt nicht ausgedrückt werden können und daß empi-

Geschehens die Möglichkeit einer technischen Beeinflußbar- risch nicht unterscheidbare Eigenschaften der Dinge darin

5









nicht mit verschiedenen Prädikaten bezeichnet werden. In

einer solchen idealen Sprache könnten solche unsinnigen

und nutzlosen Fragen gar nicht mehr formuliert werden.


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