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									Das Deutsche Offizierskorps von der
 Reichsgründung bis zum Ende des
        Ersten Weltkrieges
                             Inhaltsverzeichnis


1   Einleitung                                                              2


2   Die Entwicklung des preußisch - deutschen Offizierskorps von den preußischen
    Reformen bis zur Reichsgründung                                         3


3   Das deutsche Offizierskorps 1871-1914 am Beispiel Preußens              11


    3.1   Das Offizierskorps in Verfassung und Politik                      12
    3.2   Quantitative Entwicklung und Sozialstruktur                       15
    3.3   Altes Selbstverständnis und neue Homogenität                      20
    3.4   Bildungsniveau und (Aus-)Bildungswesen der Armee                  22
    3.5   Der Ehrbegriff                                                    34
    3.6   Exkurse                                                           35
          3.6.1   Der Generalstab                                           36
          3.6.2   Das bayerische Offizierskorps                             37
          3.6.3   Das Seeoffizierskorps                                     40


4   Der Erste Weltkrieg                                                     43


5   Abschlußbetrachtung                                                     45


6   Anhang                                                                  47


    6.1   Abkürzungen                                                       47
    6.2   Quellen                                                           47
    6.3   Literatur                                                         48




                                                                                   1
1     Einleitung


Warum beschäftigt man sich mit der Geschichte des preußischen Offizierskorps ?
Oder allgemeiner:
Warum beschäftigt man sich mit der deutschen Militärgeschichte des ausgehenden
19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ?
Die Antwort ist vielleicht nicht auf den ersten Blick offenkundig, aber trotzdem
plausibel und nachvollziehbar wenn man mit ihr konfrontiert wird.
Wenn eine Untersuchung die Geschichte des preußischen Offizierskorps zum Thema
hat, dann beschäftigt sie sich – vielleicht zunächst unbewußt – auch mit dem
Kernelement des Deutschen Kaiserreiches. Dieses Kernelement, eine Art Fixpunkt
des im Übergang von der Standes- zur Klassengesellschaft befindlichen
Sozialgefüges des wilhelminischen Kaiserreiches, war das Militär, beziehungsweise
der Militarismus. Diese nahezu kritiklose Bewunderung alles militärischen seitens
weiter Teile der Bevölkerung war die logische Konsequenz der vor allem im
aufstrebenden Bürgertum schon lange erhofften deutschen Nationalstaatsgründung.
Nachdem aber weder Protest noch Revolution vermocht hatten, diesen Wunsch zu
erfüllen, war es sicherlich eine Ironie des Schicksals, daß die Revolutionäre von
1848/49 – und mit ihnen alle, die in eben jenen Traditionen dachten und fühlten -
ausgerechnet durch jene Waffen ans Ziel ihrer Träume gelangten, die etwas mehr als
zwanzig Jahre zuvor noch die demokratischen Kräfte besiegt und den Nationalstaat
in schier unendlich weite Ferne gerückt hatten. Und gerade weil viele Bürgerliche an
solch einen Nationalstaat nicht mehr zu hoffen gewagt hatten, nahmen sie im Gefühl
der nationalen Trunkenheit billigend in Kauf, daß die innere Entwicklung des neuen,
durch militärische Erfolge sozusagen künstlich erschaffenen Staates eine andere
Richtung nahm, als die 1848 angestrebte parlamentarisch-demokratische. Gerade
weil eben so viele nicht mehr mit der Einigung Deutschland gerechnet hatten,
brachten sie dem Militär, vor allem dem preußischen, einen Respekt entgegen, der
kritische Stimmen in der Folgezeit weitestgehend verstummen ließ.
Welche Entwicklung das Offizierskorps, in erster Linie das preußische, in der Zeit
genommen hatte, als es aufgrund seiner Rolle als Spitze der die Einigung des Staates
vollbracht habenden Armee ein schier unerschöpfliches Ansehen im größten Teil der
Bevölkerung genoß, wird auf den folgenden Seiten nachgezeichnet werden.




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    1       Die Entwicklung des preußisch–deutschen Offizierskorps von den
            preußischen Reformen bis zur Reichsgründung


    Bei der Betrachtung des Offizierskorps des deutschen Reichsheeres im Kaiserreich
    unter spezieller Berücksichtigung des preußischen Offizierskorps, ist es unerläßlich,
    die    unmittelbar     vorherige     Entwicklungsgeschichte        dieser     exponierten
    gesellschaftlichen Gruppe zu betrachten. Dabei bietet sich als Einstiegsdatum der
    Untersuchung die Frühzeit der preußischen Reformen an, weil zum einen die
    unmittelbar vorher erfolgte völlige Niederlage Preußens gegen Napoleon I. bei Jena
    und Auerstedt eine nachhaltige Zäsur in der preußisch-deutschen Geschichte
    darstellte, und weil zum anderen die sich dieser Niederlage anschließenden
    Reformen grundsätzlich das Ziel verfolgten, die Kräfte der Nation für einen
    Befreiungskampf gegen Napoleon I. zu mobilisieren und eine wichtige, wenn nicht
    in diesem Zusammenhang sogar die wichtigste, die Heeresreform, sei hier als
    Aufhänger genutzt.1
    Die Heeresreform hatte neben mehreren Schwerpunkten die Hauptintention, das
    Offizierskorps zu reformieren. Ohne eine grundlegende Reform des preußischen
    Offizierskorps schien eine nachhaltige Reform des Heeres, an deren Ende die
    siegreiche Erhebung gegen Napoleon I. stand, nicht möglich.2
    Die Reform lief auf zwei sich ergänzenden Ebenen ab. Auf der einen Seite stand die
    innere Erneuerung der Armee, im Zuge derer unter anderem ein neues
    Disziplinarrecht für Offiziere und ein neues Strafsystem für die Mannschaften
    eingeführt wurden. Letzteres sah in erster Linie die Abschaffung der körperlichen
    Strafen zugunsten eines abgestuften Systems von Arreststrafen vor. 3 Auf der
    anderen Seite wurden die Zulassungsbedingungen zum Offizierskorps grundlegend
    erneuert, dazu später mehr.
    Die zentrale Instanz, von der die einzelnen Impulse ausgingen, war die sogenannte
    “Militär-Reorganisationskommission”, die vom preußischen König, Friedrich



1
     Nipperdey, Thomas, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat,
    München 1998, S. 51 (zit. “1800-1866”).
2
    Messerschmidt, Manfred, Die preußische Armee, in: MGFA (Hg.), Handbuch zur deutschen
    Militärgeschichte 1648-1933, Bd. 2, Abschitt IV, Militärgeschichte im 19. Jahrhundert, Teil
    2, München 1979, S. 3-225, hier: S. 10 (zit. “Preuß. Armee”).; Black, Hans, “Die Grundzüge
    der Beförderungsordnungen”, in: Meier-Welcker, Hans (Hg.), “Untersuchungen zur
    Geschichte des Offizierskorps. Anciennität und Beförderung nach Leistung”, Stuttgart 1962
    (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 4), 65-152, hier: S. 119.
3
    Ebenda, S. 10; Craig, Gordon A., Die preußisch-deutsche Armee 1640-1945. Staat im Staate,
    Düsseldorf 1960, S. 67 (zit. “Armee”); Vgl. auch Messerschmidt, Manfred auf S. 65 der
    Einleitung zu: Meier-Welcker, Hans (Hg.), Offiziere im Bild von Dokumenten aus drei
    Jahrhunderten, Stuttgart 1964, (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 6) (zit. “Einleitung”);
    Jany, Curt, Geschichte der preußischen Armee vom 15. Jahrhundert bis 1914. Bd.4, Die

                                                                                             3
    Wilhelm III., am 25. Juli 1807 ins Leben gerufen worden war. Erstaunlicher Weise
    bestand die Führungsriege dieses Gremiums aus Männern, die überwiegend nicht aus
    Preußen stammten, sondern in der Mehrzahl aus den übrigen deutschen Staaten und
    die zudem in der Mehrzahl bürgerlich waren. Es ist anzunehmen, daß gerade die
    Tatsache, daß sie eben nicht aus Preußen kamen und mit den dortigen geistigen
    Traditionen nicht verhaftet waren, ihren Blick für die dringlich zu lösenden
    Probleme geschärft hatte.4
    Eine der ersten Taten der Reorganisationskommission war die Aufstellung von
    Offizierstribunalen, die sowohl auf der Ebene der einzelnen Regimenter als auch in
    Form einer zentralen Kommission in Berlin das Verhalten der Offiziere im Krieg
    von 1806/7 überprüfen sollten.5 Eine solche Untersuchung war nötig geworden, weil
    das am Vorabend des Krieges völlig überalterte Offizierskorps in Scharen desertiert
    war. Auch die greise6 Generalität hatte sich als den Anforderungen nicht gewachsen
    erwiesen und wurde ebenfalls einer Prüfung unterzogen.
    Die am Ende des Vorganges präsentierten Zahlen lassen zunächst den Eindruck
    entstehen, die Kommissionen habe das Offizierskorps überaus gründlich von
    unbrauchbaren Offizieren gesäubert. Von rund 7000 Offizieren, die vor Ausbruch
    des Krieges von 1806/7 Dienst in der Armee taten, waren lediglich 1683 im Dienst
    verblieben. Demnach seien also etwas mehr als 5400 Offiziere den Untersuchungen
    zum Opfer gefallen. Zieht man von der Zahl der 5400 Offiziere zunächst einmal jene
    ab, welche die Kriegshandlungen das Leben gekostet hatten (398) und außerdem
    jene große Zahl der Offiziere, die mit halbem Gehalt zur Reserve versetzt worden
    waren (3664), dann relativiert sich der erste Eindruck schnell. Lediglich 1338
    Offiziere wären somit mittels der Kommissionen und Tribunale aus der Armee
    entfernt worden. Doch sogar diese Summe muß noch einmal einer genaueren
    Betrachtung unterzogen werden, denn unter diese 1338 Offiziere, welche die Armee




    königlich-preußische Armee und das deutsche Reichsheer 1807 – 1914, Osnabrück 21967,
    hrsg. v. Eberhard Jany, S. 14f; Nipperdey, 1800-1866, S. 51f.
4
    Nipperdey, “1800-1866”, S. 51.; Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte,
    Bd. 1, Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der
    Reformära 1700-1815, München 1987, S. 464 u. 466 (zit. “1700-1815); Kitchen, Martin, A
    military history of germany. From the eighteenth century to the present day, London 1975, S.
    40.
5
    Jany, a. a. O., S. 15; Messerschmidt, Einleitung, S. 64f; Craig, Armee, S. 61.
6
    Angaben zum Alter der Offiziere, aufgeschlüsselt nach Rangstufen finden sich bei Demeter,
    Karl, Das Deutsche Offizierskorps in Gesellschaft und Staat 1650-1945, Frankfurt/Main
    3
     1964, S. 5 und Wehler, 1700-1815, S. 466. Demnach war ein ¼ der Regiments- und
    Bataillonskommandeure älter als 70 und immerhin 79 von 142 Generälen älter als 60, vier
    Generäle waren sogar mehr als 80 Jahre alt.

                                                                                              4
    nach 1808 verlassen haben, fallen auch solche, die selbst ihren Abschied genommen
    hatten, oder die sowieso fristgerecht in Pension gingen. Wirklich ausgestoßen
    wurden lediglich 208 Offiziere 7, vornehmlich Festungskommandanten, die sich dem
    Feind ergeben hatten, zum Teil ohne daß es zu Kampfhandlungen gekommen war.
    Die hohe Zahl der in die Reserve zurück gestuften Offiziere war wohl in erster Linie
    auf die Bestimmungen des Friedens von Tilsit zurückzuführen, nach denen Preußens
    Armee lediglich 42.000 Mann zählen durfte8. Diese Annahme wird auch dadurch
    gestützt, daß eben jene rund 3600 Offiziere zwar zur Reserve versetzt, aber im Zuge
    der Freiheitskriege wieder in den aktiven Dienst aufgenommen worden waren.9
    Nachhaltig bemerkbar gemacht hat sich die Tätigkeit der Kommission lediglich in
    den Generalsrängen. Denn mit Blücher und Tauentzien waren lediglich zwei
    Generale des Krieges 1806/7 noch 1813 im aktiven Dienst verblieben.10


    In etwa zeitgleich mit dem Beginn der Tätigkeit der Kommissionen zur Aufarbeitung
    der Verfehlungen des Offizierskorps im vorangegangenen Krieg, kam es zu der wohl
    langfristig folgenreichsten Neuerung im Rahmen der Heeresreform. Am 6. August
    1808 öffnete König Friedrich Wilhelm III. per Kabinettsordre die Offizierslaufbahn
    auch für bürgerliche Aspiranten. Wörtlich hieß es, im Frieden leitete sich aus
    “Kenntnisse[n] und Bildung” ein Anspruch auf eine Offiziersstelle ab, in
    Kriegszeiten berechtigten dazu auch “Tapferkeit und Überblick”.11 Außerdem wurde


7
   Zahlen finden sich bei Jany, a. a. O., S. 17 und bei Wehler, 1700-1815, S. 466. Die Zahlen
   differieren zum Teil, u.a. weil sie von den Autoren nicht nach identischen Kategorien
   geordnet werden. So differenziert Jany z. B. noch einmal die Gruppe der Getöteten in
   Gefallene und Gestorbene. Dafür schlüsselt er die bei sich aufgeführten 1421 tatsächlich ganz
   ausgeschiedenen Offiziere nicht weiter auf, ob es sich bei ihnen etwa um normale
   Pensionäre, Zwangspensionierte, Ausgestoßene oder gar freiwillig Ausgeschiedene handelt.
   Alles in allem widersprechen sich die Zahlen jedoch nicht, was die Tendenz betrifft. Die bei
   Nipperdey, 1800-1866, S. 52 genannte Zahl der entlassenen Offiziere (191) kommt den bei
   Wehler genannten 208 Entlassungen schon sehr nahe. Ferner interessant, wenn auch recht
   grob, ist die Aufgliederung der Entlassungen nach Rangstufe der betreffenden Offiziere. Laut
   Nipperdey stammten 141 Entlassene aus den niederen Rängen, die restlichen 50 aus den
   höheren Chargen. Dabei ist allerdings nicht definiert, wo die unteren Ränge enden und die
   höheren anfangen.
8
   Nipperdey, 1800-1866, S. 54.
9
   Jany, a. a. O.,S. 17; Wehler, 1700-1815, S. 46. Wehler beziffert die Zahl der reaktivierten
   Offiziere sogar auf rund 4000. Dies würde bedeuten, daß auch Offiziere wieder aktiven
   Dienst taten, die 1808 entweder pensioniert oder gar ausgestoßen worden waren. Auch wenn
   man berücksichtigt, daß die Armee in den Jahren 1813/4 nicht wählerisch sein durfte, was
   den Offiziersersatz betraf, so diskreditiert diese Tatsache die Tätigkeit der Kommissionen
   von 1808 völlig.
10
    Kitchen, Martin, a. a. O., S. 41.
11
    Messerschmidt, Manfred, Das preußisch-deutsche Offizierskorps 1850-1890; In: Hoffmann,
   Hans Hubert, Das deutsche Offizierskorps 1860-1960, Boppard am Rhein 1980, S. 2-38, hier:
   S. 22 (zit. “Offizierskorps”) ; Ders., Einleitung, S. 67; Ders., Preuß. Armee, S. 10; und 13;
   Wehler, 1700-1815, S. 467; Nipperdey, 1800-1866, S. 52; Jany, a. a. O., S. 14; Craig, Armee,
   S. 62f; Black, a. a. O., S. 119f und 131; Kitchen, a. a. O.,S. 41f; Demeter, a. a. O., S. 9;
   Boldt, Hans, “Deutsche Verfassungsgeschichte. Bd. 2, Von 1806 bis zur Gegenwart”,

                                                                                              5
  eine neue Verfahrensweise eingeführt, welche die Offiziersergänzung wie folgt
 regelte:
 Demnach konnte jeder junge Mann, der die oben genannten Bedingungen erfüllte,
 sich ab Vollendung seines siebzehnten Lebensjahres12 bei einem Regiment auf die
 Stelle     eines   sogenannten    “Portepeefähnrichs”      bewerben.     Dabei    war    für
 Infanterie-Regimenter ein Angebot von vierzehn, für Kavallerie-Regimenter
 lediglich von acht oder gar nur vier solcher Stellen vorgesehen. Um nun die Stelle zu
 erhalten, mußte jeder Bewerber mindestens drei Monate Dienst als Gemeiner
 versehen haben und eine Prüfung vor einer Kommission des jeweiligen Armeekorps
 ablegen. Hatte man diese bestanden, war man Portepeefähnrich. Notwendige
 Fertigkeiten, die man für diesen Rang vorweisen mußte, waren zum einem
 “erträgliches Schreiben” (Orthographie und Kalligraphie) und das Beherrschen der
 Arithmetik bis zur Bruchrechnung, sowie etwas Geometrie. An Charakterzügen
 wurden vor allem Geistesgegenwart, Pünktlichkeit, Ordnung und anständiges
 Betragen erwartet13. War nun die Stelle eines Secondelieutenant vakant, so wurde
 dieser Posten aus den Reihen der Portepeefähnriche des Regiments besetzt. Zunächst
 wurden durch alle Premier- und Secondelieutenants des Regiments die drei
 “vorzüglichsten” Portepeefähnriche ausgewählt, die dann zum Offiziersexamen
 zugelassen wurden. Die notwendigen Kenntnisse, die vorzuweisen waren, um
 Offizier werden zu können, umfaßten unter anderem die Fähigkeit, aus dem
 Französischen zu übersetzen, Kenntnisse der Mathematik bis hin zu Gleichungen
 zweiten Grades, Kenntnisse in Trigonometrie und Fortifikation, sowie in Welt- und
 Vaterländischer Geschichte.14
 Hatten die Examenskandidaten die Prüfung bestanden, so sollte dann durch die
 Kapitäne des Regiments aus der Gruppe der ältesten der Beste ausgewählt werden.
 Dieser wurde dann vom Regimentskommandeur zusammen mit den Stabsoffizieren
 dem König vorgeschlagen. Dieses Verfahren bot keine Möglichkeit, gegen die
 Entscheidung des Kommandeurs rechtlich vorzugehen oder auch nur wenigstens
                                   15
 eine Erklärung zu fordern.             Die Aussichten, mittels dieses an Kooptation


   München 1990, S. 71; Craig, Gordon A., Königgrätz 1866. Eine Schlacht macht
   Weltgeschichte, Lizenzausg, Augsburg 1997, S. 48f.
12
   Messerschmidt, Einleitung, S. 67; Ders., Preuß. Armee, S. 13f; Wehler, 1700-1815, S. 467;
   Craig, Armee, S. 63. Alle vorweg genannten Autoren sprechen davon, das die Einstellung
   erst ab dem siebzehnten Lebensjahr möglich war, lediglich Jany, a. a. O., S. 14 spricht von
   einem Höchstalter von siebzehn Jahren.
13
    Messerschmidt, Einleitung, S. 67. Laut Messereschmidt, Preuß. Armee, S. 13 war es sogar
   jungen Männern aus den Mannschafts- oder Unteroffiziersrängen möglich, sich auf eine
   solche Stelle zu bewerben, wenn ihnen durch ihren Kompaniechef bestätigt wurde, daß sie
   eine “gesittete und tadellose” Lebensführung pflegten.
14
    Messerschmidt, Einleitung, S: 67.
15
    Messerschmidt, Einleitung, S. 67; Ders., Preuß. Armee, S. 14; Jany, a. a. O., S. 14.

                                                                                            6
     grenzenden Verfahrens 16 vom Portepeefähnrich zum Offizier aufzusteigen, waren
     somit äußerst gering, zumal aufgrund der bereits erwähnten Auflagen des Friedens
     von Tilsit ohnehin bis zum Beginn der Freiheitskriege nicht viele Offiziersstellen zu
     besetzen waren.17
     Im März des Jahres 1809 wurde ein sogenanntes “Preußisches Kriegsministerium”
     ins Leben gerufen. Allerdings wurde zunächst noch kein Kriegsminister ernannt,
     sondern     diese    Aufgabe     wurde      kommissarisch        vom      Leiter     der
     Militär-Reorganisationkommission, Gerhard J. D: von Scharnhorst, wahrgenommen,
     der außerdem Leiter der ersten Abteilung, des sogenannten “Allgemeinen
     Kriegsdepartements”, im Kriegsministerium wurde. Die zweite Abteilung, das
     sogenannte “Militär-Ökonomie-Departement” wurde von dem reformfeindlichen
     General von Lottum geleitet.18
     Schon bald regte sich jedoch Widerstand gegen Scharnhorst. Zum einen machten
     sich die konservativen und reformfeindlichen Militärs Front gegen ihn, da sie den
     endgültigen Verlust ihres Einflusses auf die Armee kommen sahen, sollte
     Scharnhorst weiter im Amt bleiben. Zum anderen war Napoleon I. sich über die
     Konsequenzen der Reformen klar geworden und er sah darin eine so ernstliche
     Gefahr für Frankreich, daß er auf Scharnhorsts Entlassung drängte.19
     Als nach den Freiheitskriegen der Wiener Kongreß in Europa das Zeitalter der
     Restauration einläutete, verloren auch in Preußen die Reformen schnell an Wirkung.
     Zwar ist es in der Folgezeit des Sieges über Napoleon noch zu einer nicht
     unerheblichen Veränderung des Sozialgefüges des Offizierskorps gekommen, doch
     hat dies die Dominanz des Adels innerhalb des Korps noch nicht nachhaltig
     gebrochen. Die ab 1816 zunächst einsetzende Veränderung des Sozialgefüges rührte
     von der Übernahme als geeignet erscheinender ehemaliger Landwehroffiziere ins
     Offizierskorps der Linienregimenter her. Diese sogenannten “aggregierten”
     Offiziere, in der Mehrzahl ehemalige freiwillige Jäger, vor allem Studenten, die nach
     dem Krieg keinen Reiz mehr am akademischen Leben verspürten, wurden so lange
     als überzählige Offiziere angestellt, bis sie sukzessive in die frei werdenden
     Planstellen einrücken konnten.20 Der überwiegende Teil dieser Offiziere reihte sich
     im Bereich der Leutnantsrangstufen ein (868), lediglich fünf Offiziere wurden im
     Range eines Obersten übernommen. Diese Entwicklung brachte ein Verhältnis von

16
    Wehler, 1700-1815, S. 468; Kitchen, a. a. o., :S. 42f; Messerschmidt, Preuß. Armee, S: 14.
17
    Kitchen, a. a. O., S. 43.
18
    Craig, Armee, S. 70f; Messerschmidt, Einleitung, S. 68; Wehler, 1700-1815, S. 471;
   Kitchen, a. a. O., S. 46.
19
    Kitchen, a. a. O., S. 46.
20
    Unter den neu hinzugekommenen Offizieren sei “manch wundersamer Mutter Kind”
   gewesen, wie Prinz Friedrich Karl verlauten ließ. Vgl. Demeter, a. a. O., S. 11;
   Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 14f.

                                                                                            7
     adeligen zu bürgerlichen Offizieren von nahezu 50:50 mit sich. Die Zahlen beliefen
     sich im Jahre 1817 auf 4138 adelige und 3367 bürgerliche Offiziere, ein Jahr später
     war das Verhältnis sogar noch ausgeglichener, als nämlich auf 3828 adelige
     Offiziere nunmehr 3350 Bürgerliche kamen.21 Diese Entwicklung ließ jedoch wieder
     kaum Möglichkeit für Offiziersaspiranten auf dem Wege einer Anstellung als
     Portepeefähnrich Offizier zu werden.22 Die Konsequenz dieser Entwicklung war ein
     weiteres Ausufern der heftigen Kritik seitens der konservativen Adelskreise im
     Offizierskorps, die schon zu Beginn der Reformen aufgekommen war.23 Zwar blieb
     bis 1819 mit Hermann von Boyen ein den Reformen positiv gesonnener Offizier
     preußischer Kriegsminister24 , doch hatte sich die Situation nach 1819 schon bald
     wieder zugunsten des Adels verändert. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren
                                                                    25
     wieder rund zwei Drittel des Offizierskorps adelig                  , mit Ausnahme des
                                                        26
     Offizierskorps von Artillerie und Ingenieuren , daran hatte auch die 1810 von
     Scharnhorst unternommene Reform der Kadettenanstalten und des militärischen
     Bildungssystems überhaupt nichts geändert. Es war den konservativen Kreisen
     gelungen, vor allem die Kadettenanstalten vor einer Unterwerfung unter das
     Leistungsprinzip zu bewahren,27 indem sie massiv bei König Friedrich Wilhelm III.
     intervenierten. Ausgehend von diesen Hochburgen alter Gesinnung gelang es dem
     konservativen Adel, der zurecht fürchten mußte, bei rigoroser Umsetzung des
     Bildungsprinzips mit dem Bürgertum nicht mehr konkurrieren zu können, weil er
     aufgrund seiner durchweg bescheidenen materiellen Verhältnisse meist nicht in der
     Lage war, seinen Söhnen eine gymnasiale Bildung zu ermöglichen, die gewohnte
     Vormachtstellung im Offizierskorps zurückzugewinnen.28

21
    Demeter, a. a. O., S. 11f; Messerschmidt, Preuß. Armee, S: 10f; Ders., Offizierskorps, S. 22;
   Jany, a. a. O., S. 118.
22
    Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 11.
23
    Ebenda, S. 10; Ders., Einleitung, S. 63. Die Kritik machte sich vor allem an der Allgemeinen
   Wehrpflicht fest. Vgl. Kitchen, a. a. O., S. 47f.
24
    Messerschmidt, Einleitung, S. 71.
25
    Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 14f; Jany, a. a. O., S. 119.
26
    Vor allem das Artilleriekorps wurde von der Gruppe der übrigen Offiziere geringschätzig
   betrachtet, da es als Auffangbecken für die gescheiterten Offiziere der übrigen
   Waffengattungen galt. Auf der anderen Seite war aber gerade im Offizierskorps der Artillerie
   ein höheres Maß an Bildung von Nöten, was offensichtlich durch die stark auf mathematische
   Kenntnisse angewiesene Materie des Faches zu erklären ist. Die bereits erwähnte mangelnde
   Akzeptanz und Abqualifizierung des Korps wird besonders deutlich in der Anekdote, die
   Demeter, a. a. O., S. 14f zitiert. Demzufolge soll Prinz Karl von Preußen dem fortgesetzten
   Necken seiner Mutter und Schwestern ausgesetzt gewesen sein, er sei tief zur Artillerie
   gefallen, nachdem er zum Feldzeugmeister ernannt worden war. Außerdem: Messerschmidt,
   Preuß. Armee, S. 14.
27
    Messerschmidt, Einleitung, S. 69. Demnach verdoppelte sich die Zahl der vorwiegend
   adeligen Kadetten im Zeitraum von 1818 bis 1838.
28
    Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 12; Ders. Einleitung, S. 74f; Craig, Armee, S. 64f. U. a.
   gründete Scharhorst in Berlin eine “Höhere Kriegsschule”, Vorgängerin der späteren
   Kriegsakademie.       Messerschmidt,      Manfred,     Die     politische   Geschichte      der
   preußisch-deutschen Armee, in: MGFA (Hg.), Handbuch zur deutschen Militärgeschichte

                                                                                                8
 Auch das Schul- und Bildungssystem der Armee wird schon zu Beginn der 1820er
 Jahre wieder dem “neuen” alten Denken der verantwortlichen Militärs angepaßt. 29
 Zwar bleiben die Prinzipien von 1808 weiterhin in Kraft, doch die Aufweichung der
 Zulassungskriterien in puncto Bildung und die übermäßige Betonung der
 Wichtigkeit der charakterlichen Eigenschaften eines Offiziers ließen das Niveau der
 Bildung schon bald wieder sinken.30
 An diesen Rückschritten, die aus der Überzeugung erwuchsen, nur ein sozial
 homogenes Offizierskorps könne ein Eckpfeiler der monarchischen Staatsordnung
 sein, konnten weder die zweite Amtszeit des fortschrittlich gesinnten Hermann von
 Boyen als Kriegsminister Anfang bis Mitte der 1840er Jahre, noch die bald darauf
 ausbrechende Revolution von 1848/49 etwas ändern31, obwohl Boyen es 1844 noch
 einmal gelang, eine Verordnung durchzusetzen, welche die Anforderungen deutlich
 nach oben schraubte. 32 Erst die Heeresvermehrung von 1860, aus der sich der
 Verfassungskonflikt entwickelte und die Bismarck das höchste Amt des Staates
 eintrug, brachte die althergebrachten Verhältnisse ins Wanken. Die von Albrecht von
 Roon konzipierte Heeresvermehrung brachte allerdings mit sich, daß die Zahl der
 adeligen Offiziersaspiranten nicht in der Lage war, die Offiziersergänzungen
 sämtlich aus ihren Reihen zu bestreiten.33 Der Anfang war gemacht, von nun an



   1648-1933, Bd. 2, Absch. IV, Militärgeschichte im 19. Jahrhundert, Teil 1, München 1979,
   S. 9-380, hier: S. 323 (zit. “Polit. Geschichte”) nennt die Kriegsakademie auch die
   “Vorschule des Generalstabes. Spötter sprechen auch von der “Hochschule des persönlichen
   Ehrgeizes”. Diese Zitate beziehen sich allerdings auf die Zeit nach der Reichsgründung, als
   die Schule bereits dem Chef des Generalstabes unterstellt war.
29
    Messerschmidt, Einleitung, S. 71.
30
    Ebenda, S. 72; Messerschmidt, Offizierskorps, S. 22f.
31
    Meserschmidt, Einleitung, S. 68 u. 74; Ders., Offizierskorps, S. 25 berichtet von der
   Rücknahme solcher Neuerungen, die unter dem Druck der Revolution eingeführt worden
   waren. Black, Hans, a. a. O., S. 133. Demnach war eine der wenigen Konsequenzen, der
   Revolution, daß die sogenannten “Konduitenlisten”, die kommandierende Offiziere über die
   ihnen unterstehenden Offiziere anlegen mußten und die als Bemessungsgrundlage für
   Beförderungen dienten, abgeschafft und durch “Personal-Berichte” ersetzt wurden. Der
   entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Beurteilungsbögen lag darin, daß die
   “Personal-Berichte” von den beurteilten Offizieren selbst eingesehen werden durften, die
   Konduitenlisten dagegen waren geheim. Nachdem die innenpolitische Stabilität jedoch
   zurückgewonnen war, wurden die per KO vom 1. Mai 1849 zu “Personal- und
   Qualifikationsbögen” erweiterten Dokumente auch wieder als geheim eingestuft. Lt. Craig,
   Armee, S. 256, hatte sich nach Revolution und Verfassungskonflikt allgemein die Ansicht
   durchgesetzt, allein die Armee könne ein wirksames Bollwerk gegen sozialistische Umstürze
   sein.
32
    Messerschmidt, Einleitung, S. 74f; Ders., Offizierskorps, S. 24. Gefordert waren nunmehr
   Lateinkenntnisse und Prima-Reife, die Lehrpläne der Kadettenanstalten wurden geändert und
   an den Divisionsschulen wurde nur noch militärwissenschaftlich Relevantes unterrichtet.
   Doch an den Gymnasien mußten weiterhin Freistellen für Söhne des verarmten Landadels
   bereitgestellt werden. Die Betonung der Bildung sollte v. a. das Bürgertum an die Armee und
   damit an den Staat heranführen. Das war insofern überflüssig, als das Bürgertum sich
   bereitwillig anpaßte, wie im Folgenden zu zeigen sein wird.
33
    Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 14; Ders., Einleitung, S. 82; Demeter, a. a. O., S. 16;
   Geyer, Michael, Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980, Frankfurt/Main 1984, S. 25 u. 30.

                                                                                            9
      begann das Bürgertum Eingang in das Offizierskorps zu finden. Bei der Deckung
     des Personalbedarfs griff man zunächst auf jene Teile des Bürgertums zurück, die
     dadurch verläßlich schienen, daß sie dem Staat bereits in anderer Funktion dienten.
     Eine Auflistung der Offiziersaspiranten, die sich in den Jahren 1862/63, 1863/64 und
     1866/67 beworben hatten, belegt zwar auf der einen Seite, daß von insgesamt 2516
     Bewerbern lediglich 49 % adeliger Herkunft waren, doch wäre die Beschränkung
     allein auf diese Aussage der Statistik eine Verzerrung der damaligen Realität. Ordnet
     man nämlich die Bewerber in Gruppen, die an sozialer Stellung und Beruf ihrer
     Väter orientiert sind, so ergibt sich, daß 79 % entweder Söhne von Offizieren, von
     höheren Beamten oder von Gutsbesitzern sind. 34 Diese drei Kategorien machen
     zusammen das aus, was man als den “guten, altpreußischen Ersatz” und als
     “erwünschte Kreise” betrachtete.35 Aber auch der Anteil dieser Kategorie nahm bis
     unmittelbar vor der Reichsgründung weiter ab. Stellte er 1860 noch 89 %, so waren
     es 1869 lediglich noch 77, 8 %. Dagegen stieg der Anteil der Gruppe des “gut
     brauchbaren Ersatzes”, der vor allem Söhne von Geistlichen, akademisch gebildeten
     Lehrern und Ärzten umfaßte, weiter an. 36
     Das preußische Offizierskorps hatte zwar 1860 noch einen Adelsanteil von 65 %,
     aber die zur selben Zeit im Rahmen der Heeresreform einsetzenden Tendenzen der
     Verbürgerlichung setzen die soziale Homogenität des Korps in den folgenden Jahren
     außer Kraft. Die Überlegung, die Heeresvermehrungen zu stoppen, und statt dessen
     ein kleines, aber hundertprozentig loyales, weil rein adeliges Offizierskorps zu
     bilden, wurde zwar im Kaiserreich regelmäßig aufgeworfen, aber angesichts der
     Aufrüstung der übrigen europäischen Großmächte ebenso regelmäßig wieder
     verworfen.37
     Die in diesen Überlegungen zum Ausdruck kommende Angst, das Offizierskorps sei



34
    Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 62; Demeter, a. a. O., S. 18.
35
    Ebenda, S. 18; Bald, Detlef, Vom Kaiserheer zur Bundeswehr. Sozialstruktur des Militärs:
   Politik der Rekrutierung von Offizieren und Unteroffizieren, Frankfurt/Main u. a. 1981
   (Europ. Hochschulschriften, Reihe XXXI, Politikwissenschaft, Bd. 28), S. 16, (zit.
   “Kaiserheer”); Messerschmidt, Offizierskorps, S. 32.
36
     Demeter, a. a. O., S. 19; Bald, Detlef, Der Deutsche Offizier. Sozial- und
   Bildungsgeschichte des deutschen Offiziers im 20. Jahrhundert, München 1982, S. 41 (zit.
   “Offizier”). Bald fügt aber die Bedingung hinzu, daß Bewerber aus dieser Gruppe lediglich
   mit humanistischem Abitur wirklich Chancen hatten, zumindest in der Phase kurz vor und
   nach der Reichsgründung, bevor man auch dazu überging, sogar Söhne von Unteroffizieren
   ins Korps aufzunehmen. Ob die Bedingung, solche Bewerber sollten das humanistische
   Abitur besitzen, darauf zurückzuführen ist, daß die verantwortlichen Militärs glaubten, die
   Schule habe aus ihnen bereits “brauchbare”, d. h. monarchistisch-loyale Staatsbürger
   gemacht, wird nicht weiter erörtert. Vgl. auch Bald, Kaiserheer, S. 18.
37
    Demeter, S. 23; Dazu auch Wehler, Hans-Ulrich, Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918,
   Göttingen 61988, S. 149. Das “eiserne” Heeresgesetz von 1867 legte fest, daß die Armee stets
   1 % der Bevölkerung ausmachte, was bei der Bevölkerungsentwicklung ein kontinuierliches
   Anwachsen der Armee erwarten ließ.; Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 2,

                                                                                            10
 in Gefahr, von seinen ursprünglichen Traditionen entfremdet zu werden, ist insofern
 unbegründet, als es gelingt, die neu hinzukommende gesellschaftliche Gruppe des
 gehobenen Bürgertums im Bezug auf Weltbild und Selbstverständnis zu assimilieren
 und so die soziale Homogenität des Offizierskorps aus der ersten Hälfte des 19.
 Jahrhunderts zu ersetzen durch ein Offizierskorps, welches vor allem durch
 ideologisch-weltanschauliche Homogenität hervorsticht. 38 Inwiefern dieses System
 seinen Zweck erfüllt hat, wird in den folgenden Punkten zu erörtern sein. Fest steht
 jedenfalls, daß der Typus des Offiziers, der sich in der Phase unmittelbar vor der
 Reichsgründung        entwickelte      und    der    seine    Standesauffassung       und     sein
 Selbstverständnis auch für die Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges
 aufrechterhielt, nicht der Typ Offizier war, den die Reformer zu Beginn des 19.
 Jahrhunderts hatten erziehen wollen.39


 3        Das deutsche Offizierskorps 1871-1914 am Beispiel Preußens


 Betrachtet man allein die Bedeutung der Reichsgründung von 1870/71 für das
 Militär, speziell das Offizierskorps, so kommt man schnell zu dem Schluß, daß
 dieses    Datum      nicht    unbedingt      dazu    geeignet    ist,   ein   Meilenstein      der
 Entwicklungsgeschichte dieser gesellschaftlichen Gruppe zu sein. Die schon unter
 Punkt “2” zum Teil angeschnittenen Entwicklungen hatten ihren Ursprung bereits in
 den frühen 1860er Jahren und das Bild des einzelnen Offiziers oder auch des
 gesamten Korps in der Öffentlichkeit orientierte sich vornehmlich an dem Eindruck,
 den die Siege gegen Dänemark, vor allem aber gegen Österreich und Frankreich
 aufgebracht hatten. Die daraus resultierende Militarisierung der reichsdeutschen
 Bevölkerung hatte durchaus Konsequenzen für die politische Kultur des Reiches. 40
 Das maßlos übersteigerte Sozialprestige, was dem Offizier - oder vielleicht besser
 seiner Uniform – zuteil wurde, konnte erst mittels zweier verlorener Weltkriege


   Machtstaat vor der Demokratie, München 1998, S. 207 u. 218 (zit. “1866-1918”);
   Messerschmidt, Offizierskorps, S. 31 u. 38.
38
    Messerschmidt, Einleitung, S. 75 u. 82; Ders., Preuß. Armee, S. 16. Edwin v. Manteuffel,
   Chef des Militärkabinetts, sah z. B. in der Betonung des Leistungsprinzips bei der
   Offiziersergänzung eine Gefahr für den Geist des Korps. Vgl. auch Bald, Kaiserheer, S. 35;
   Craig, a. a. O., S. 261.
39
    Höhn, Reinhard, Die Armee als Schule der Nation. Das Ende einer Idee, Bad Harzburg
   1963, S. 95.
40
    Wehler, Kaiserreich, S. 156 u. 158; Nipperdey, 1866-1918, S. 201; Diese Entwicklung
   scheint aber nicht allgemeingültig gewesen zu sein, wie z. B. die Lebenserinnerungen, 2
   Bde., Leipzig 1910, S. 200ff u. 202f von Julius von Eckard belegen. Diese Auszüge,
   enthalten auch als Quelle 698 im Bd. 5, Das bürgerliche Zeitalter, der Reihe “Geschichte in
   Quellen”, bearb. v. Günter Schönbrunn, S. 793ff, berichten für die Zeit um 1870 davon, daß
   in den Kreisen des Hamburger Großbürgertums die Heirat eines preußischen Offiziers nicht
   als gute Partie galt. Es ist jedoch zu vermuten, daß diese Einstellung ein Einzelfall ist und mit
   der Tradition der Stadt Hamburg als Hanse- und freie Reichsstadt erklärt werden kann.

                                                                                                 11
                                                                             41
     wieder auf ein erträgliches Niveau zurückgefahren werden.                    Die genaue
     Entwicklung des Offizierskorps bis zur Mobilmachung von 1914 soll im Folgenden
     innerhalb einzelner Themenfelder erarbeitet werden.


     3.1    Das Offizierskorps in Verfassung und Politik


     Die Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867 diente als Grundlage der
     späteren Reichsverfassung von 1871. Die Gültigkeit war, von kleineren
     Konzessionsentscheidungen zugunsten Bayerns und Württembergs, lediglich auf alle
     deutschen Staaten übertragen worden.42
     Das Heer war zwar ein föderalistisches Organ, doch die preußische Hegemonie
     innerhalb des Reiches machte sich auch hier deutlich bemerkbar. Die Kontingente
     der Bundesstaaten, abgesehen von denen der Königreiche, wurden der preußischen
     Armee einverleibt. Dies sorgte, zusammen mit einheitlicher Wehrpflicht und
     Etatwesen, für eine unitarische Organisation des Militärapparates unter preußischer
     Dominanz.43
     Laut Verfassung war der Kaiser des Deutschen Reiches, der König von Preußen,
     Wilhelm I., Oberbefehlshaber der Armee und erster Soldat des Reiches. 44 Seine
     Anweisungen in Armeeangelegenheiten waren ursprünglich vom preußischen
     Kriegsminister – nicht seitens eines “Reichskriegsministers” – gegenzuzeichnen.
     Diese Regelung wurde aber im Laufe der Zeit zusehends eingeschränkt, um die
     extrakonstitutionelle Verfügungsgewalt des Monarchen über die Streitkräfte zu
     dokumentieren.45
     Der jeweilige preußische Kriegsminister hatte dagegen die überaus undankbare


41
    Messerschmidt, Manfred, Die Armee in Staat und Gesellschaft - Die Bismarckzeit, in:
   Stürmer, Michael, Das kaiserliche Deutschland. Politik und Gesellschaft 1870-1918,
   Düsseldorf 1970, S. 89-118, hier: 111, (zit. “Bismarckzeit”); Schmidt-Richberg, Wiegang,
   Die Regierungszeit Wilhelms II., in: MGFA (Hg.), Handbuch zur deutschen
   Militärgeschichte 1648-1933, Bd. 3, Absch. V, Von der Entlassung Bismarcks bis zum Ende
   des Ersten Weltkrieges, München 1979, S. 9-156, hier: S. 86f; Ostertag, Heiger,
   Bibliotheksbestände und literarische Interessen. Indikatoren für das Bildungsniveau im
   Offizierkorps im Kaiserreich 1871 bis 1918 ?, in: MGM 47 (1990), S. 57-72, hier: S. 57 (zit.
   “Bibliothek”); Ullrich,Volker, Die nervöse Großmacht. 1871-1918. Aufstieg und Untergang
   des Deutschen Kaiserreiches, Frankfurt am Main 1997, S. 277; Die dem typischen Offizier
   sprichwörtlich eigene Arroganz läßt sich erkennen aus: Vierhaus, Rudolf (Hg.), Am Hof der
   Hohenzollern. Aus dem Tagebuch der Baronin Spitzemberg 1865-1914, München 21979, S.
   200 (Eintrag vom 5. März 1901).
42
    Hildebrandt, Horst (Hg.), Die deutschen Verfassungen des 19. Und 20. Jahrhunderts, 14.
   Akt. u. erw. Aufl., Paderborn 1992, S. 54; Boldt, a. a. O., S. 170f.
43
    Nipperdey, 1866-1918, S. 202f.
44
    Messerschmidt, Polit. Geschichte, S. 228. Bei Wehler, Kaiserreich, S. 150 findet sich ein
   Hinweis auf die begrenzte Zugriffsmöglichkeit des Kaisers auf die bayer. Und württemb.
   Kontingente des Reichsheeres in Friedenszeiten.
45
    Messerschmidt, Polit. Geschichte, S. 293ff.

                                                                                            12
     Aufgabe, sich vor dem Reichstag für die Militärpolitik zu verantworten. Da er rein
     rechtlich   aber   nur   für   Dinge   belangt   werden    konnte,    die   in   seinem
     Zuständigkeitsbereich lagen, war die Führung der Streitkräfte bestrebt, den
     Aufgabenbereich des Kriegsministers derartig einzuschränken, daß er nahezu keine
     Kompetenzen mehr besaß und folglich auch nicht vor dem Reichstag in delikaten
                                                                    46
     Angelegenheiten Rede und Antwort stehen mußte.                      Dabei wurde die
     Kompetenzfrage auch noch dadurch erschwert, daß die jeweiligen Kriegsminister in
     der Regel Generale der preußischen Armee waren, und die Armee erwartete, daß die
     Minister sich dieser Tatsache wohl bewußt waren, wenn sie in die Verlegenheit
     kamen, sich entscheiden zu müssen, welcher Pflicht sie genügen wollten.47
     Die besondere Stellung des Offiziers und der Armee allgemein wird auch dadurch
     erkennbar, daß alle im aktiven Dienst befindlichen Armeeangehörigen, also auch die
     Offiziere, nicht im Besitz des aktiven Wahlrechts waren. Dies galt sowohl für
     Reichstagswahlen, wie auch in der überwiegenden Zahl der Reichsländer für die
     Wahl der Parlamente auf Länderebene.48 Außerdem war es Offizieren nicht erlaubt,
     parteipolitisch tätig zu sein, wenn es sich bei der Partei nicht um eine dem Kaiser
     und seiner Politik wohl gesonnene handelte. Wollte er trotzdem für eine solche nicht
     standesgemäße Vereinigung tätig werden, so mußte er vorher seinen Abschied
     nehmen. Dagegen war es ihm sogar ausdrücklich gestattet, politisch tätig zu sein,
     wenn er mit seiner Arbeit Kaiser und Monarchie stützte.49 Offiziere, die gegen diese
     Auflagen verstießen, hatten in der Regel mit ihrer Entlassung aus dem Offizierskorps
     zu rechnen. Beispielsweise wurden zwei Abgeordnete des Reichstages, der eine
     Major der Reserve, der andere Rittmeister à la suite, entlassen, weil sie eine nicht mit
     dem Selbstverständnis des Korps als Träger der monarchischen Staatsidee vereinbare
     Ansicht vertreten hatten. Der eine war als Mitglied der Freisinnigen Partei in den
     Reichstag eingezogen, der andere hatte bei einer Abstimmung im Reichstag mit den
     Abgeordneten der Freisinnigen Partei gestimmt.50
     Oftmals kam es vor, daß die Reichskanzler ehrenhalber zu Offizieren ernannt
     wurden. In der Regel trugen sie dann die Uniform des Regiments, in dem sie
     ursprünglich ihren Dienst getan hatten, mit den Rangabzeichen der ihnen jeweils
     zuerkannten Charge. Unter anderem erschien Theobald von Bethmann-Hollweg


46
    Ebenda, S. 295; Kitchen, a. a. O., S. 151; Deist, Wilhelm, Zur Geschichte des preußischen
   Offizierskorps 1888-1918, In: Hoffmann, Hans Hubert, Das deutsche Offizierskorps
   1860-1960, Boppard am Rhein 1980, S. 39-57, hier: S. 43 (zit. “Preuß. Offizierskorps”).
47
    Messerschmidt, Polit. Geschichte, S. 294.
48
    Hildebrandt, a. a. O., S. 37f; Nipperdey, 1866-1918, S. 497. In Preußen hatte erst das
   Militärgesetz von 1874 das aktive Wahlrecht, analog zum Reichstagswahlrecht, für Militärs
   aufgehoben, das passive allerdings ebenso wie auf Reichsebene, aufrechterhalten.
49
    Craig, Armee, S. 261.
50
    Ebenda; Demeter, a: a. O., S. 154.

                                                                                          13
     1909 als Reichskanzler im Reichstag in Majorsuniform und er wurde 1914 bei
     Kriegsausbruch als Generalleutnant à la suite in der Rangliste der Armee geführt.51
     Bei kaiserlichen Banketten waren die Reichskanzler dann gemäß ihres militärischen
     Ranges der anwesenden Generalität in der Sitzordnung bei Tisch nachgeordnet. Von
     dem preußischen Finanzminister von Scholz ist ferner überliefert, daß er den
     glücklichsten Moment seines Lebens verspürte, als ihm der Rang eines Leutnants
     zuerkannt wurde, nachdem er vorher in der Zeit seines aktiven Dienstes lediglich
     Vizefeldwebel hatte werden können.52
     Beachtung verdient auch die Rolle, die Offiziere, meist ausnahmslos höherer
     Chargen, als extrakonstitutionelle Berater des Monarchen gespielt haben. Ihr Einfluß
     auf Fragen der Tagespolitik kann sicher nicht überschätzt werden, allerdings fällt es
     schwer, ihren Einfluß konkret abzuschätzen, da ihre Stellung ja eben nicht an
     Kompetenzbereiche eines politischen Amtes gebunden war.53
     All diese Beispiele machen eindrucksvoll deutlich, daß der Soldat und Offizier des
     Kaiserreiches eben nicht der “Staatsbürger in Uniform” war, den die Reformer zu
     erschaffen hofften, 54 sondern daß vor allem das Offizierskorps seine Interessen
     vollständig mit denen des Monarchen gleichsetzte. 55 Trotzdem kam es in der
     Regierungszeit Wilhelms II. zu Spannungen zwischen dem Monarchen und dem
     Offizierskorps, die allerdings nicht die Loyalität des Korps erschüttern konnten,
     obwohl das Verhalten Wilhelms II. durchaus Ärger vor allem in der Generalität
     hervorrief. Die Art und Weise aber, in welcher der Monarch selbstherrlich über
     Ausbildungsbestimmungen, Uniformordnungen oder ähnliche Regelungen entschied
     und dabei die hohen Offiziere immer wieder durch unverschämtes Benehmen vor
     den Kopf stieß, ließ eine Distanz zwischen Krone und Korps aufkommen, die durch
     Wilhelms II. Vorliebe für die Flotte und die damit verbundene Vergünstigung des
     Seeoffizierkorps noch gefördert wurde. Diese Entwicklung mag ein Grund für die
     letztendliche Entmachtung des Monarchen durch die dritte OHL, Hindenburg und

51
    Wehler, Kaiserreich, S. 158; Schmidt-Richberg, a. a. O., S. 86f; von Krockow, Christian
   Graf, Unser Kaiser. Glanz und Sturz der Monarchie, München 1996, S. 26f; Nipperdey,
   1866-1918, S. 231.
52
    Wehler, Kaiserreich, S. 158f. Dabei ist vor allem interessant, daß Wehler als Begründung für
   die Tatsache, daß von Scholz lediglich Vizefeldwebel geworden war, angibt, er, von Scholz,
   hätte als Bürgerlicher nicht mehr erreichen können. Folglich muß Herr von Scholz mit großer
   Wahrscheinlichkeit wohl nobilitiert worden sein, um sich von Scholz nennen zu können. Daß
   die Ernennung zum Leutnant für ihn trotzdem schwerer wiegt, als seine Nobilitierung, ist
   bezeichnend für die Rolle und das Sozialprestige, welches der Armee zugesprochen wurde.
   Auch Ullrich, a. a. O., S. 278.
53
    Papke, Gerhard, Offizierkorps und Anciennität, in: “Offizierkorps und Anciennität”, in:
   Meier-Welcker, Hans (Hg.), “Untersuchungen zur Geschichte des Offizierskorps. Anciennität
   und Beförderung nach Leistung”, Stuttgart 1962 (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 4),
   177-206, hier: S. 191; Nipperdey, 1866-1918, S. 205.
54
    Kitchen, a. a. O., S. 45.
55
    Papke, a. a. O., S. 191.

                                                                                             14
     Ludendorff, im Jahre 1916 gewesen sein. 56 Wie wichtig das Offizierskorps aber
     trotzdem für die Bewahrung der alten ständischen Staatsorganisation war, wird aus
     einem Ausspruch Bismarcks deutlich, welchen dieser anläßlich des letzten Besuches
     Wilhelms II. vor Bismarcks Tod in Friedrichsruh, Bismarcks Alterssitz, im Jahre
     1897 tat: “Majestät, solange Sie dieses Offizierskorps haben, können Sie sich freilich
     alles erlauben, sollte das nicht mehr der Fall sein, so ist es ganz anders.”57 Nicht
     umsonst hat auch Hans-Ulrich Wehler im dritten Band seiner “Deutschen
     Gesellschaftsgeschichte” vom Militär als dem “fünften Machtzentrum” des Staates
     gesprochen, welches mit seinem Verhalten in der “Zabern-Affäre” 1913 noch einmal
     seine überragende Stellung im Staat unter Beweis gestellt hat.58


     3.2     Quantitative Entwicklung und Sozialstruktur


     Wie bereits im Abschnitt 2 angesprochen, nahm die Veränderung der Sozialstruktur
     des Offizierskorps - vor allem des preußischen Kontingents - des Reichsheeres mit
     der Heeresvermehrung von 1860 seinen Anfang. Insofern hingen quantitative
     Entwicklung und die Veränderungen der Sozialstruktur des Korps eng miteinander
     zusammen, ja bedingten einander in gewisser Weise. Bei der Betrachtung der
     Sozialstruktur soll im Folgenden aber nicht nur berücksichtigt werden, ob der
     überwiegende Teil der Offiziere adelig oder bürgerlich war, sondern es soll auch die
     Religionszugehörigkeit und das Verhältnis zur Religion behandelt werden, ebenso
     wie auch weitere demoskopische Daten und Entwicklungen.
     Die in den Jahren 1870 bis 1913 erfolgte Verdopplung der Heeresstärke machte eine
     adäquate Aufstockung des Offizierskorps unumgänglich.59 Die Offiziersstellen des
     Reichsheeres wurden infolgedessen von 17.000 im Jahre 1874 auf 30.000 im Jahre
     1913 erhöht. Da die Zahl der adeligen Offiziersaspiranten aber nahezu konstant blieb



56
    Deist, Preuß. Offizierskorps, S. 41ff; Nipperdey, 1866-1918, S. 225. Nipperdey berichtet,
   daß die Eitelkeit des Kaisers so weit ging, daß die jährlich veranstalteten “Kaisermanöver”
   nicht etwa den Sinn hatten, taktische und technische Optionen im Gefecht zu erproben,
   sondern die Manöver waren grundsätzlich so konzipiert, daß der vom Kaiser befehligte
   Verband immer die “Schlacht” gewann.
57
    Bismarck, Gesammelte Werke, Bd. 9, S. 489, zitiert nach: Schmid-Richberg, S. 85.
58
    Deist, Preuß. Offizierskorps, S. 46; Zur Zabernaffäre ausführlich: Wehler, Hans-Ulrich, Der
   Fall Zabern von 1913/14 als Verfassungskrise des Wilhelminischen Kaiserreiches, in: Ders.
   (Hg.), Krisenherde des Kaiserreiches, Göttingen 1970, S. 65-84.
59
    Wehler, Kaiserreich, S. 151; Deist, Wilhelm, Die Armee in Staat und Gesellschaft
   1890-1914, in: Stürmer, Michael, Das kaiserliche Deutschland. Politik und Gesellschaft
   1870-1918, Düsseldorf 1970, S. 312-339, hier: S. 324, Anm. 49 (zit. “Armee”);
   Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 61; Ostertag, Heiger, Bildung, Ausbildung und Erziehung
   des Offizierskorps im deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918. Eliteideal, Anspruch,
   Wirklichkeit, Frankfurt/Main u. a. 1990 (Europ. Hoschschulschriften, Reihe III Geschichte
   und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 416), S. 39 (zit. “Bildung”).

                                                                                            15
     oder nur unter Durchschnitt stieg, nahm die Zahl der bürgerlichen Offiziere in allen
     Rangstufen zu.60
     Das preußische Offizierskorps wuchs stets um den nahezu selben Faktor wie das
     Reichsheer. Der prozentuale Anteil lag in den Jahren 1874, 1888/89 und zu Beginn
     des Krieges 1914 bei jeweils rund ¾ der Gesamtstärke.61 Wilhelm II. nahm am 29.
     März 1890 per Kabinettsordre eine Neubestimmung der “erwünschten Kreise” vor.
     Demnach sollte neben dem sowieso stets im Offizierskorps willkommenen “Adel der
     Geburt” nun auch der “Adel der Gesinnung” nun verstärkt als Rekrutierungsbecken
     dienen, falls der Personalbedarf dies erforderlich machte. Der Kaiser verstand unter
     der Gruppe des “Adels der Gesinnung” die Söhne jener “ehrenwerten bürgerlichen
     Häuser, in denen die Liebe zu König und Vaterland, ein warmes Herz für den
     Soldatenstand und christliche Gesittung gepflegt und anerzogen werden”.62
     Der “Adel der Gesinnung” umfaßte natürlich jene “erwünschten Kreise”, die sich
     vor allem aus den bürgerlichen Oberschichten (Söhne von höheren Beamten,
                                         63
     Offizieren, Akademikern, usw.)           Die immer noch praktizierte Wahl oder
     Kooptation der Offiziersergänzung stellte ein standespolitisch bedeutsames
     Machtmittel zur Aussiebung nicht erwünschter Elemente im Offizierskorps sicher.64
     Der Anteil des Bürgertums am Offizierskorps verlief nahezu umgekehrt proportional
     zur Rangstufe. In den Chargen Leutnants, Oberleutnants und Hauptleute lag der
     Anteil der bürgerlichen Offiziere 1913 bei 73 %. Nimmt man für diese Ränge nur die
     Infanterie, allerdings ohne die Garderegimenter, als Bemessungsgrundlage, so ergab
     sich bereits für das Jahr 1873 ein Anteil von 62 % Bürgern am Offizierskorps. Dieser
     Anteil stieg bis 1909 auf 78 %.65 Dagegen finden sich aber oberhalb des Ranges des
     Majors relativ wenig Bürgerliche. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als die
     bürgerlichen Offiziere in den Rängen von Leutnants, Oberleutnants und Hauptleuten
     zunächst einmal befördert werden mußten, also quasi den “Marsch durch die
     Institutionen” antreten, um dann, natürlich mit der entsprechenden zeitlichen
     Verzögerung, auch die Verhältnisse in den höheren Chargen zu beeinflussen. Dies


60
    Nipperdey, 1866-1918, S. 220; Demeter, a. a. O., S. 20; Schmid-Richberg, a. a. O., S. 89.
61
    1874 lag der Anteil bei 77,5 %, 1888/89 sogar bei 77,8 %. Messerschmidt, Offizierskorps, S.
   31f, Jany, a. a. O., S. 270 u. 287. Die Zahlen von 1914 bewegen sich auch in diesem Rahmen.
   Schmid-Richberg, a. a. O., S. 90f.
62
    Der Erlaß ist abgedruckt in: Meier-Welcker, Hans (Hg.), Offiziere im Bild von Dokumenten
   aus drei Jahrhunderten, Stuttgart 1964 (Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte, Bd. 6), S.
   197f (Dok. Nr. 59); Schmid-Richberg, a. a. O., S. 85f; Demeter, a. a. O., S. 21; Deist, Armee,
   S. 322; Ders., Preuß. Offizierskorps, S. 48; Nipperdey, 1866-1918, S. 221; Messerschmidt,
   Einleitung, S. 82; Ders., Preuß. Armee, S. 18; Bald, Kaiserheer, S. 16; Ostertag, Bildung, S.
   40.
63
    Bald, Kaiserheer, S. 17; Nipperdey, 1866-1918, S. 221.
64
    Schmid-Richberg, a. a. O., S. 88; Bald, Kaiserheer, S. 17; Ders., Offizier, S. 40; Nipperdey,
   1866-1918. S. 222.
65
    Demeter, S. 26; Nipperdey, 1866-1918, S. 220.

                                                                                              16
     belegt zum Beispiel die Entwicklung des Anteils Bürgerlicher in den Rängen
     beginnend mit dem des “Oberst”. Der Adelsanteil in dieser Gruppe betrug in den
     1860er Jahren noch rund 80-85 %. Im Jahre 1900 war der Adelsanteil bereits auf 61
     % zurückgegangen, am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren es noch 52 %
                                               66
     adelige Offiziere in diesen Chargen.           Wichtig festzustellen ist in diesem
     Zusammenhang, daß von den 230 zwischen 1871 und 1914 bürgerlichen Offizieren,
     welche Dienst als Kommandierende Generale getan haben, immerhin 131 nobilitiert
     wurden, was es schwierig macht, diese Gruppe den Statistiken einwandfrei
                   67
     zuzuordnen.        Auch in der Gruppe der Regimentskommandeure waren bürgerliche
     Offiziere nicht stark vertreten, wenn man einmal von der Artillerie absieht, bei
     welcher der Anteil Bürgerlicher bereits 1855 33 % ausmachte und bis Mitte der
     1880er Jahre auf rund 50 % anstieg. In der Infanterie hatte sich der Anteil von 1865
     (5 %) bis 1885 (24 %) zwar annähernd verfünffacht, aber in der Kavallerie war er
     dagegen, gemessen an den Zahlen von 1855 (11 %), sogar zurückgegangen. 1885 lag
     der     Anteil         bürgerlicher   Offiziere      an       der      Gruppe        der
     Kavallerieregiments-kommandeure nur noch bei 7 %. 68 Ähnlich wie in der
     Kavallerie war auch die Entwicklung der Garderegimenter. Zwar stieg dort der
     Anteil der bürgerlichen Offiziere an - 1908 gehörten vier bürgerliche Offiziere, 1913
     53 der Garde an69 - doch lag dieser Trend unter dem Durchschnitt der Gesamtarmee.
     Trotz dieser also nur scheinbar parallel zur gesamten Armee sich vollziehenden
     Entwicklung ist die Situation der Garde und Kavallerie eine durchaus andere. Die
     Garde- und Kavallerieregimenter waren nun die Refugien, in die sich der Adel
     zurückziehen konnte, um in standesgemäßer, das heißt rein adeliger, Umgebung den
     Dienst versehen zu können. Deshalb waren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg
     noch in 16 Kavallerie- und 49 Infanterieregimentern die adeligen Offiziere in der
     Überzahl und einige Regimenter nahmen bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges


66
    Die Betrachtung der Entwicklung im Generalstab erfolgt unter Punkt 3.6.1, Anm. d. Verf.
   Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3, Von der "Deutschen
   Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges: 1849-1918, München 1995, S.
   1124f (zit. “1849-1918); Deist, Armee, S. 322; Nipperdey, 1866-1918, S. 219; Demeter, a. a.
   O., S. 26 Demeter rechnet in diesem Punkt die nobilitierten Offiziere zur Gruppe der
   Bürgerlichen, ansonsten wäre das Verhältnis etwas besser zugunsten des Adels ausgefallen,
   nämlich 56 % Adel zu 44 % Bügerlichen.; Schmid-Richberg, a. a. O., S. 86; Ostertag,
   Bildung, S. 45.
67
    Wehler, 1849-1918, S. 1124f. Demnach war der Anteil der bürgerlichen Offiziere am
   höchsten in der Gruppe der Divisionsgeneräle, wo sie mit 182 Offizieren rund 33 % der
   Belegschaft stellten. Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 61 nennt es eine Besonderheit, daß
   bürgerliche Offiziere, die den Generalsrang erreichten, nicht nobilitiert wurden. Außerdem:
   Euler, Friedrich W., Die deutsche Generalität und Admiralität bis 1918, in: Hoffmann, Hans
   Hubert, Das deutsche Offizierskorps 1860-1960, Boppard am Rhein 1980 (Deutsche
   Führungsschichten in der Neuzeit, Bd. 11), S. 175-210, hier: S. 210.
68
    Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 64.
69
    Demeter, a. a. O., S. 29.

                                                                                           17
                                                              70
     überhaupt      keine   bürgerlichen   Offiziere   auf.        Der   Eintritt   bürgerlichen
     Offiziersersatzes ins Korps veränderte zwar auf der einen Seite die Sozialstruktur,
     doch andererseits gelang es dem Adel offensichtlich nicht ohne Erfolg, sich im
     Offizierskorps selbst in eine Art “innere Emigration” zurückzuziehen. Diese
     Entwicklung wurde zudem dadurch begünstigt, daß die einströmenden Bürgerlichen
     vor allem Stellen in den für die neuen Waffen- und Fernmeldetechniken ausgelegten
     Einheiten besetzten.71 Wie schon angesprochen, standen vor allem die Offiziere der
     Artillerie und der Pioniere in dem Ruf, nicht wirklich gleich geachtet werden zu
     können.72
     Betrachtet man abschließend die Entwicklung des Anteils der “erwünschten
     Kreise”   73
                    über die Dauer des Kaiserreiches, so lassen sich daraus einige
     Rückschlüsse auch auf die Veränderung des politischen Klimas im Kaiserreich
     ziehen. Die “erwünschten Kreise” hatten am Offiziersnachwuchs einen konstanten
     Anteil von mindestens 70 %. 1903 waren es sogar 79 %, 1911 immerhin noch 73 %.
     Wichtig, vor allem auch im Hinblick auf die im Folgenden noch zu behandelnde
     Frage des Bildungsniveaus, ist der stetig ansteigende Anteil der Akademikersöhne an
     der Gruppe des Offiziersaspiranten.74 Dagegen nahm der Anteil der Offizierssöhne
     am Ersatz leicht aber stetig ab und lag spätestens seit 1909/10 hinter der Gruppe der
     Akademikersöhne. 75 Inwieweit diese “Verbürgerlichung” ein rein soziologisches
     Phänomen war oder ob sie auch die Maßstäbe des Selbstverständnisses des Korps
     verändert hat, soll im Folgenden Gegenstand der Betrachtung sein.



70
    Deist, Preuß. Offizierskorps, S. 50f; Ders., Armee, S. 322; Demeter, a. a. O., S. 27 Demeter
   berichtet weiter, daß besonders in Fürstenresidenzen stationierte Regimenter bei adeligen
   Offizieren beliebt waren.; Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 61; Ostertag, Bildung, S. 50. In
   vier Regimentern waren sogar 100 % der Reserveoffiziere adelig.
71
    Deist, Preuß. Offizierskorps, S. 50f. Mehr zu dieser Entwicklung unter Punkt 3.4, wenn das
   Bildungsniveau des Offizierskorps Gegenstand der Betrachtung ist.
72
    Vgl. dazu Anm. 26; Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 64. Wie unbegründet dieses Urteil im
   Grunde genommen war, offenbart die Tatsache, daß gerade in diesen Waffengattungen
   anspruchsvolle Prüfungen z. B. im Beförderungsfalle zu bestehen waren, was in der übrigen
   Armee (ohne Marine) nicht die Regel war.
73
    Der Begriff der “erwünschten Kreise” bedarf einer genaueren Erläuterung. Die Teile des
   Bürgertums, die vor Wilhelms II. Erlaß vom März 1890 zur Gruppe der “erwünschten
   Kreise” gerechten wurden, schlossen einige Berufsgruppen aus, die in Folge eben jenes
   Erlasses vom März 1890 dann doch als erwünscht angesehen wurden. Dies gilt u.a. für die
   Gruppe der Söhne aus Akademikerfamilien, die vor 1890 zwar als “gut brauchbarer” Ersatz
   galten, aber nach 1890 zu den “erwünschten Kreisen” gerechnet wurden. Anm. d. Verf.
74
    Nipperdey, a. a. O., S. 220; Demeter, a. a. O., S. 23f u. graph. Darstellung S. 22.
75
    Demeter, a. a. O., S. 22; Bald, Offizier, S. 45; Nipperdey, 1866-1918, S. 220. Die z. T.
   differenzierenden Zahlen sind v. a. auf die verschiedene Einteilung der Gruppen des
   Offiziersnachwuchses zurückzuführen. Demeter faßt die Söhne der höheren Beamten mit
   denen der Geistlichen, der Anwälte usw., also den Akademikern zusammen, wohingegen
   Nipperdey dieser Gruppe noch die Offizierssöhne beifügt und Bald sich wiederum an
   Demeters Vorbild orientiert, aber anfügt, Demeters Daten seien z. T. korrekturbedürftig.
   Außerdem: Schmid-Richberg, a. a. O., S. 86.

                                                                                             18
     Interessant jedoch ist, daß Wilhelm II. sich trotz des konstant hohen Anteils der
     “erwünschten Kreise”, wie er sie 1890 selbst definiert hatte, dazu gezwungen war,
     mittels mehrerer Kabinettsordres darauf hinzuweisen, daß von der Möglichkeit der
     Aussiebung durch Offizierswahl noch sorgfältiger Gebrauch gemacht werde.76
     Im Zuge des verstärkten Eintritts Bürgerlicher ins Offizierskorps kam es auch zu
     einer weiteren Neuerung. Betrachtet man die Herkunft des Offiziersnachwuchses
     einmal rein geographisch, so fällt auf, daß sich der Schwerpunkt der Rekrutierung
     immer mehr gen Westen verschob.77 Diese Entwicklung ist wohl vor allem damit zu
     begründen, daß die nun zahlenmäßig überwiegende Gruppe der Bürgerlichen ihren
     Siedlungsraum vornehmlich in den westlichen Provinzen Preußens hatte,
     wohingegen     die   ostelbischen   Gebiete    traditionelle   Heimat   des   adeligen
     Rekrutierungsreservoirs des Junkertums waren.
     Betrachtet man die Religionszugehörigkeit der Offiziere, ist grundlegend
     festzuhalten, daß es bei der Kooptation des Offiziersnachwuchses neben Herkunft,
     Charakter und Bildung außerdem in entscheidendem Maße darauf an kam, einer
     christlichen Religionsgemeinschaft anzugehören. 78 Dabei war die Bedingung der
     Zugehörigkeit rein pro forma, kein Vorgesetzter erwartete von einem Offizier
     Glaubensfestigkeit und regelmäßige Kirchgänge. Das Verhältnis des Offizierskorps
     zur Religion war ohnehin schlechter, als man vielleicht vermuten könnte. Im Kasino
     über Religion zu sprechen war verpönt und die Militärgeistlichen im Offiziersrang
     galten gemeinhin als Offiziere zweiter Klasse.79
     Der überwiegende Teil des deutschen Offizierskorps war protestantisch, 1903 belief
     sich die Quote auf 83 %. Dies ist schlichtweg durch die preußische Dominanz und
     den traditionellen preußischen Protestantismus zu erklären. Katholiken hatten trotz
     ihres christlichen Glaubens mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen, da man ihnen
     fortgesetzt Illoyalität und ultramontane Sympathien unterstellte.80
     Freikirchlich-christliche Vereinigungen wurden nicht toleriert, ebensowenig Juden,
     die in Offiziers- und Reserveoffizierskorps alles andere als erwünscht waren. Bis
     1910 gab es in der gesamten Armee keinen jüdischen Offizier und auch 1911 taten
     die dann immerhin 21 jüdischen Offiziere nicht aktiven, sondern Reservedienst. Der
     latente Antisemitismus des Offizierskorps war offenkundig.81


76
    Bald, Offizier, S. 39.
77
    Nipperdey, 1866-1918, S. 220.
78
    Schmid-Richberg, a. a. O., S. 88; Bald, Offizier, S. 74f.
79
    Kitchen, a. a. O., S. 166; Höhn, a. a. O., S. 217f; Ostertag, Bildung, S. 147.
80
    Nipperdey, 1866-1918, S. 221. Dazu auch die Lerninhalte der Kadettenkorps in: Ostertag,
   Bildung, S. 127.
81
    Wehler, Kaiserreich, S. 161f; Craig, Armee, S. 260; Nipperdey, 1866-1918, S. 220.
   Demeter, a. a. O., S. 198f vertritt allerdings die Ansicht, daß der Antisemitismus vor dem
   Ersten Weltkrieg weder im Offizierskorps noch in der deutschen Gesellschaft eine wirkliche

                                                                                          19
 Wenn unter Punkt 3.3 auch die Frage der Entwicklung der inneren Haltung des
 Korps zur Gesellschaft und die Reaktion der traditionellen Kreise auf die Neulinge
 betrachtet werden wird, wird die Frage nach der integrativen Kraft der weitgehenden
 religiösen Homogenität noch geklärt werden müssen.82
 Die Entwicklung der Sozialstruktur während des ersten Weltkrieges wird unter
 Punkt 4 im Zusammenhang erörtert werden.


 3.3      Altes      Selbstverständnis          und      Entwicklung          einer      neuen
          Homogenität


 An der Vorstellung, daß die Armee die “Blüthe des Volkes” und das Offizierkorps
 darüberhinaus die “Seele der Armee” sei, hat auch die “Verbürgerlichung” des
 Offizierskorps nichts geändert. Bestimmend für die Haltung des Offizierskorps war
 und blieb das mehr oder weniger persönlich Treueverhältnis des einzelnen Offiziers
 zum Kaiser, auch wenn der altpreußische Kern des Offizierskorps diese Bindung
 zeitweilig in Gefahr sah.83
 Die     soziale     Homogenität       war     zwar     verloren     gegangen,      aber     die
 ideologisch-weltanschauliche, die sich zu entwickeln begann, erwies sich als
 mindestens ebenso haltbar. Der Kaiser legte zudem per Kabinettsordre vom 26.
 November 1900 fest, daß allen Veränderungen der inneren Haltung des
 Offizierskorps konsequent entgegenzutreten sei und daß den neuen Kreisen im
 Offizierskorps die Standespflichten in “Fleisch und Blut” überzugehen haben. Diese




   Rolle gespielt habe, wenn man einmal absähe von “einigen Teilen der Intelligenzschicht, in
   denen Richard Wagner, Friedrich Nietzsche oder H[ouston]. St[ewart]. Chamberlain gelesen
   wurden [...]”. Dies erscheint absurd und es seien hier stellvertretend für die immense Zahl an
   Publikationen zur Antisemitismusforschung nur einige genannt: u. a. Mosse, George L., Die
   Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt/Main 1990; Claussen, Detlev, Grenzen der
   Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Frankfurt/Main
   1994; Zmarzlik, Hans-Günter, Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich 1871-1918, in:
   Martin Bernd u. Schulin, Ernst, Die Juden als Minderheit in der Geschichte, München 21982,
   S: 249-270; Interessant außerdem die von Röhl, John C.G., Wilhelms seltsamer Kreuzzug, in:
   Die Zeit 42/1998, S. 30-39 geschilderte Episode. Ferner die betreffenden Abschnitte bei
   Wehler, Kaiserreich, S. 110ff und Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 1,
   Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1998, S. 396ff. Internationale Vergleichszahlen
   finden sich bei: Herwig, Holger, H., Das Offizierskorpsder kaiserlichen Marine vor 1918, in:
   Hoffmann, Hans-Hubert (Hg.), Das deutsche Offizierskorps 1860-1960, Boppard am Rhein
   1980 (Deutsche Führungsschichten der Neuzeit, Bd. 11), S. 139-161, hier: S. 146 (zit.
   “Marine”).
82
    Bald, Offizier, S. 75.
83
    Ostertag, Bildung, S. 197; Messerschmidt, Einleitung, S. 83; Schmid-Richberg, a. a. O., S.
   89; Deist, Armee, S. 324. Wie unbegründet die Angst des Adels war, das Offizierskorps
   könnte aufgrund des bürgerlichen Ersatzes der monarchischen Gesinnung verlustig gehen, ist
   an der Kritik der SPD zu erkennen, die gerade in der monarchischen Gesinnung ein
   Kernelement des neuen Offizierskorps erblickt. Schmid-Richberg, a. a. O., S. 87.

                                                                                              20
     Pflichten sollten sowohl den Dienst als auch das Privatleben eines jeden Offiziers
     bestimmen.84
     Die Kontinuität des Selbstbildes oder besser gesagt der Werte des Offizierskorps war
     allein schon dadurch begünstigt, daß es dem Bürgertum nicht gelang, ein eigenes




84
     Messerschmidt, Einleitung, S. 82f.

                                                                                       21
     Klassenbewußtsein zu entwickeln, mit dem sich sowohl Wirtschafts- als auch
     Bildungsbürgertum gleichermaßen identifizieren können. Insofern waren die in das
     Offizierskorps eintretenden Bürgerlichen noch auf der Suche nach einer Sinn
     stiftenden Ideologie der eigenen Existenz und griffen dabei gern auf die Werte
     zurück, die sie seitens ihrer adeligen Kameraden vorgelebt bekamen. 85 Um ihre
     aufrechte Gesinnung zu dokumentieren, war es unter den bürgerlichen Offizieren
     Usus, die Verhaltensweisen des Adels im Korps zu adaptieren und zum Teil maßlos
     zu übersteigern. Die Ursachen für dieses Verhalten sind wohl in erster Linie das
     Erstarken der Arbeiterbewegung und die damit sowohl für Adel und Bürgertum
     verbundene Angst vor einem sozialistischen Umsturz und die mit dem Eintritt ins
     Offizierskorps verbundene Hoffnung der Bürgerlichen auf den sozialen Aufstieg.86
     Diese “konservativ-bürgerliche Interessenharmonie”          87
                                                                      machte es letztendlich
     möglich, die bürgerlichen Offiziere vollständig mit dem althergebrachten
     Standesdenken zu durchdringen und markiert gleichzeitig den Übergang von der
     Standes- zur Klassengesellschaft. Das Offizierskorps repräsentierte nun nahezu
     spiegelbildlich die Oberschicht der Gesellschaft des Kaiserreiches und stand für eine
     innenpolitische Ordnung, die gleichbedeutend war mit Privilegien für Beamtentum,
     Grundbesitz und Schwerindustrie.88 Das Rollenbewußtsein des Korps als Ausdruck
     der überkommenen Sozialordnung, des Drei-Klassen-Wahlrechts in Preußen und der
     feudalen Traditionen der ostelbischen Junker mutete in der sich entwickelnden
     Industriegesellschaft nicht selten anachronistisch an und zog eine scharfe Trennlinie
     zwischen der Exklusivität des Korps und dem Rest der Gesellschaft.89
     Das Bild, was das Offizierskorps von sich selbst hatte, hatte unter der Veränderung
     der Sozialstruktur nicht gelitten. Jeder Offizier versuchte in seinem Handeln dem
     Ideal des “Helden” nahezukommen und es herrschte im allgemeinen die
     romantisierende und die Wirklichkeit des technisierten Krieges leugnende
     Vorstellung vom Offizierskorps als dem “modernen Ritterthum” vor.90 Jedem dieser
     Gruppe Zugehörigen wurde eine Vornehmheit zugeschrieben, die ursprünglich als
     angeboren betrachtet wurde, was aber nach der Veränderung der Sozialstruktur so
     nicht mehr vertretbar erschien. Die Orientierung an einem streng festgelegten
     Tugendbegriff war eine grundlegende Eigenschaft des Korps, beziehungsweise
     seiner einzelnen Mitglieder. Zu diesen Tugenden zählten unter anderem die Treue,
     der Gehorsam, die Pflichterfüllung, die Entschlossenheit aber auch die Würde und

85
     Bald, Kaiserheer, S. 35.
86
     Craig, Armee, S. 262f; Schmid-Richberg, a. a. O., S. 87; Deist, Armee, S. 322.
87
     Messerschmidt, Offizierskorps, S. 34; Bald, Kaiserheer, S. 35.
88
     Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 18f; Demeter, a. a. O., S. 24.
89
     Messerschmidt, Bismarckzeit, S. 102 u. 109; Papke, a. a. O., S. 191.
90
     Ostertag, Bildung, S. 197f.

                                                                                          22
     die Sittlichkeit.91 Nur wer sich diesem Tugendbegriff vorbehaltlos unterwarf, konnte
     in der Gemeinschaft verbleiben. Die Konsequenz einer solchen Abgrenzung gegen
     die übrige Umwelt, die sich nicht diesen Idealen verpflichtet fühlte, läßt sich am
     ehesten mit den Worten Albrecht von Roons ausdrücken, der davon sprach, daß “das
     Heer [...] jetzt unser Vaterland [ist], denn hier allein sind die unreinen, gärenden
     Elemente [...] noch nicht eingedrungen”.92
     Sichtbares Zeichen dieser privilegierten Stellung ist die Uniform und der gerade in
     der wilhelminischen Epoche des Kaiserreiches immer stärker werdende Hang zu
     einem   aufwendigen,    exklusiven    Lebensstil,    der    oftmals    die   materiellen
     Möglichkeiten vor allem der unteren Chargen überstieg, von dem man sich aber
     nicht ausschließen konnte, ohne im Ansehen der Kameraden zu sinken.93
     Die einheitliche Kleiderordnung wiederum hatte im Inneren den integrativen Zweck
     der Beschwörung des “Esprit de Corps”. Die Gruppe der Offiziere erschien als
     gleichberechtigte Kriegergenossenschaft, deren höchstes Gut es war, dem
     Monarchen treu bis in den Tod zu dienen.94


     3.4     Bildungsniveau und (Aus-)Bildungswesen der Armee


     Die Entwicklung der Bildungsanforderungen und des Bildungsniveaus ist bereits am
     Ende des Abschnittes 2 für die Phase nach den Reformen bis zur letzten Dekade vor
     der Reichsgründung dargelegt worden. Die im Zuge der Reformen erhöhten
     Anforderungen an Offiziersaspiranten sind in der Restaurationszeit wieder revidiert
     worden.95 Auch die kurz vor der Revolution nochmals verordnete Verschärfung des
     Offiziersexamens blieb ohne nachhaltige Wirkung.
     Entscheidend für das Kaiserreich war letztlich die “Verordnung über die Ergänzung
     der Offiziere des stehenden Heeres” vom 31. Oktober 1861. Gemäß dieser
     Verordnung, die wegen des im Folgenden genannten Inhalts lange umstritten96 war

91
    Ebenda, S. 200; Messerschmidt, Einleitung, S. 80.
92
    Wehler, Kaiserreich, S. 160; Messerschmidt, Bismarckzeit, S. 93. Der Richtigkeit halber ist
   zu sagen, daß dieses Zitat in einem anderen zeitlichen Zusammenhang getätigt wurde und der
   Verfasser hier lediglich deshalb darauf zurückgreift, weil es symptomatisch für die innere
   Haltung des wilhelminischen Offizierskorps erscheint. Anm. d. Verf.
93
    Schmid-Richberg, a. a. O., S. 89; Nipperdey, 1866-1918, S. 223f.
94
     Ostertag, Bildung, S. 199f. Die trotz der viel zitierten konservativ-bürgerlichen
   Interessenharmonie bestehenden Differenzen werden u. a. ersichtlich aus: Braun, Lilly,
   Gesammelte Werke, hrsg. v. Julie Vogelstein, 5 Bde., Berlin 1923, hier: Bd. 2, S. 164ff,
   abgedruckt in: Geschichte in Quellen, a. a. O., S. 805f (Quelle 712); Zu erwähnen sei ferner
   der Aspekt des notwendigen “Heiratskonsenses” als Mittel der Bewahrung
   derstandesgemäßen Einheit. Nipperdey, 1866-1918, S. 225.
95
     Zum Bildungsbegriff der Reformer und dem sich dann vollziehenden Wandel des
   Bildungsbegriffes siehe Ostertag, Bildung, S. 90ff und Bald, Offizier, S. 101ff.
96
    Siehe vor allem die Protestnote, die aus Kreisen des preußischen Landadels lanciert wurde.
   Ostertag, Bildung, S. 96. Erwin von Manteuffel, Chef des Militärkabinetts, fürchtete, daß

                                                                                            23
 und erst per Kabinettsordre vom 5. Mai 1870 für gültig ab dem 1. April 1872 erklärt
 wurde, konnte nun jeder 17 – 23jährige für eine vakante Portepeefähnrichstelle
 vorgeschlagen werden, wenn er vorher sechs Monate Dienst, davon auch zeitweilig
 als Gemeiner, geleistet hatte und er außerdem ein Dienstzeugnis vorweisen konnte,
 welches ihm Würde bescheinigte, Offizier zu werden, und von den Offizieren seiner
 Einheit und seinem Batallions- und Kompaniechef unterzeichnet war. Seine geistige
 Qualifikation hatte er durch Ablegen der Fähnrichsprüfung zu beweisen, wenn er ein
 Abiturzeugnis nicht vorweisen konnte. Die 1872 letztendlich in Kraft getretene
 Verordnung hatte einige Modifikationen über sich ergehen lassen müssen. Nun sollte
 es allen jungen Männern, die vor ihrem 25. Lebensjahr mindestens ein halbes Jahr
 als Portepeefähnriche patentiert waren, möglich sein, sich nach erfolgreichem
 Besuch der Kriegsschule zum Offiziersexamen melden zu lassen, dessen Prüfung nur
 auf militärischem Gebiet erfolgte. Bei bestandenem Examen mußte das
 Offizierskorps des jeweiligen Regiments dem betreffenden Examenskandidaten noch
 die Würde aussprechen, als Offizier zu dienen. Die einzige Möglichkeit, ohne den
 Besuch der Kriegsschule zum Offiziersexamen zugelassen zu werden, bestand darin,
 als Student mit mindestens einem Jahr Studium ein Dienstzeugnis und mindestens
 sechs Monate Dienst vorgewiesen zu haben, um dann als überzähliger
 Portepeefähnrich weitere sechs Monate verstreichen zu lassen, ehe dann die
 Zulassung zum Examen erfolgte.97 Gemäß derselben Verordnung sollten die besten
 Zöglinge der Kadettenanstalten in die Selekta (oberste Klasse der Kriegsakademie)
 eingestuft werden und dann nach einem Jahr das Offiziersexamen absolvieren.
 Bestünden sie dies, sollten sie umgehend als Leutnants vorgeschlagen werden
 können.98
 Abitur war aber nicht gleich Abitur. Die “Matura” konnte entweder auf einem
 traditionellen, - humanistischen - Gymnasium abgelegt werden, beziehungsweise auf
 einem     Realgymnasium       oder    einer   Oberrealschule.     Die    Absolventen      des
 humanistischen und des Realgymnasiums waren von der Fähnrichsprüfung befreit,
 der Abiturient der Oberrealschule hatte sich der Prüfung zu stellen. Wie wenig in
 diesem Zusammenhang die Bildung von Bedeutung für die Entscheidung war,


   aufgrund dieses Erlasses ein “ganz anderer Geist” ins Offizierskorps einzöge. Messerschmidt,
   Bismarckzeit, S. 103.
97
    Messerschmidt, Einleitung, S. 76; Ders., Preuß. Armee, S. 17; Ostertag, Bildung, S. 94f. Es
   gab noch eine ganze Zeit Widerstand gegen die Vergünstigungen, die den Studenten
   eingeräumt wurden. Außerdem erschien die Portepeefähnrichszeit – auch für die
   Nicht-Studenten – als eine Art Probezeit, in der sie ihre Gesinnung im Sinne der Verordnung
   vom März 1890 zu beweisen hatten. Bald, Kaiserheer, S. 17f.
98
    Eine andere Möglichkeit Offizier zu werden, ergab sich für Kadetten durch die Erlangung
   des Abiturs oder das Erreichen der Prima-Reife. Ferner war es sogar Kadetten möglich,
   Offizier zu werden, wenn sie nach der Obersekunda die Schule verließen und als Fähnriche
   in ein Regiment eintraten. Messerschmidt, Einleitung, S. 76; Ostertag, Bildung, S. 94f.

                                                                                            24
     welche Abiturienten letztlich zugelassen wurden und welche nicht, läßt sich daran
     ermessen, daß die Oberrealabiturienten eigentlich für den Offiziersberuf am
     geeignetsten erschienen, insofern, als sie bessere Kenntnisse in modernen Sprachen
     vorweisen konnten als die traditionell altsprachlichen Humangymnasiasten. Der
     Grund für ihre notorische Nicht-Berücksichtigung war schlicht das soziales Umfeld,
     dem sie entstammten. Allein für diese Gruppe wurde 1898 eine kaiserliche
     Entscheidung erwirkt, wonach die wissenschaftlichen Bildungsstandards nicht
     abgemildert werden könnten. Erst 1902 wurden Oberrealabiturienten von der Pflicht
     der Fähnrichsprüfung entbunden, nachdem die Schulkonferenz von 1900 bereits die
     Gleichstellung aller neunstufigen Bildungsanstalten beschlossen hatte.99
     Um den Bildungsapparat der Armee besser erfassen zu können, scheint es sinnvoll,
     die einzelnen Bildungseinrichtungen einmal genauer zu betrachten. Zunächst wären
     die Institute der militärischen Nachwuchsbildung zu nennen. Dazu gehörten die
     Kadettenvoranstalten und die Hauptkadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde, ferner die
     Kriegsschulen, in denen die Offiziersaspiranten auf die Prüfungen vorbereitet
     wurden.100
     Für die Offiziere selbst gab es die Möglichkeit, die Militärtechnische Akademie oder
     die Kriegsakademie aus Gründen der Weiterbildung zu besuchen. Letztere galt, wie
                                                                                   101
     bereits erwähnt, als bevorzugtes Rekrutierungsbecken des Generalstabes.             Für die
     jeweilige waffen- und fachspezifische Weiterbildung standen die einzelnen
     Militärfachschulen   zur   Verfügung.    Solche    Fachschulen    gab   es     für     alle
     Waffengattungen. Ironischerweise hatte die Militärfachschule der Artillerie die
     längste Tradition aller Fachschulen überhaupt, und dies trotz des allgemein
     schlechten Rufes, den die Artillerie innerhalb des Offizierskorps genoß.102
     Sieht man sich einmal die Situation der Kadettenanstalten an, so muß man
     feststellen, daß die Lage des einzelnen Kadetten überaus unbefriedigend war. Zum
     einen waren die Kadetten in vielen Fällen überaus ungebildet, was in erster Linie
     daran lag, daß Obersekundawissen von den konservativen Offizierskreisen als
     ausreichend für den Ersatz angesehen wurde und der Lehrplan der Anstalten auch
     dieser Meinung Rechnung trug. In der Tat entsprach der Lehrplan der
     Kadettenanstalten seit 1877 dem der Realgymnasien, doch blieb das Niveau der
     Schüler im allgemeinen hinter dem der Realgymnasiasten zurück, vor allem weil die

99
    Messerschmidt, Offizierskorps, S. 36f. Das Beharren auf den fixierten Standards bei
  Bewerbern von Oberrealschulen steht in krassem Mißverhältnis zu der nicht unerheblichen
  Zahl der Dispensionen, in denen Offiziersaspiranten mit einwandfreier Herkunft von den
  Prüfungspflichten entbunden wurden, obwohl ihr Bildungsniveau um ein Vielfaches
  schlechter war als jenes der Oberrealschüler.
100
    Ostertag, Bildung, S. 92; Schmid-Richberg, a. a. O., S. 88.
101
    Vgl. Anm. 28; Ostertag, Bildung, S. 92.
102
    Ostertag, Bildung, S. 92; Demeter, a. a. O., S. 71; Vgl. Anm. 26.

                                                                                             25
  Tagesabläufe in den Kadettenanstalten den Schülern überhaupt nicht die Zeit ließen,
  sich mit Erfolg auf den Unterricht vorzubereiten. Der Schwerpunkt des
  Fächerkanons lag in Obersekunda (30 Wochenstunden Unterricht) im Bereich der
  Neusprachen, der Mathematik und der Geschichte. Zusammen machten sie etwas
  mehr als die Hälfte der Schulstunden aus, insgesamt sechzehn. In der Oberprima,
  ebenfalls 30 Wochenstunden Unterricht, eröffnete sich ein ähnliches Bild. Auch hier
  standen Neusprachen und Mathematik eindeutig im Vordergrund, Geschichte hatte
  ein wenig an Boden verloren (drei statt vier Stunden Unterricht). Trotzdem bleibt
  dieser Themenkomplex der zentrale Bereich des Lehrplans mit nunmehr auch
  sechzehn Wochenstunden Unterricht bei allerdings etwas anderer Aufteilung.103 Die
  Art   der   Wissensvermittlung       fand    nahezu     ausschließlich    in   Form     von
  Frontalunterricht statt und die Lehrkräfte waren nicht selten für den Beruf des
  Lehrers völlig ungeeignet und lediglich deshalb in einer Kadettenanstalt beschäftigt,
  weil sie sich dort für anderweitige Verfehlungen rehabilitieren mußten. Der
  Lernstoff forderte nicht zum selbständigen Denken auf, sondern allein zum
  “Pauken”. Versetzungen wurden “in dubio pro reo” für den Schüler entschieden,
  aber nur, weil allgemein die Ansicht vorherrschte, die Bildung sei ohnehin nicht das
  ausschlaggebende Kriterium zur Einschätzung, ob ein Kadett für den Offizierstand
  geeignet sei oder nicht. Der Charakter galt als Maßstab für die Würde des einzelnen
  Offiziersaspiranten.104
  Ein weiterer Aspekt, der sich negativ auf das Leistungsniveau des Korps auswirkte
  war die Situation des einzelnen Kadetten, der in der Regel zumindest in den ersten
  Jahren seiner Kadettenzeit überaus schlecht war. Vor allem die Angehörigen der
  jüngeren Jahrgänge wurden gezielt Opfer der Inkorporationsriten der älteren
  Kadetten. Die “Frischlinge” hatten unter anderem ihre Essensrationen abzutreten und
  wurden auch durch die Erzieher nicht sanfter behandelt. Der gänzliche Verlust der
  Privatsphäre und das ständige Auf-der-Hut-sein vor Regelübertretungen, welche
  unerbittlich physische Strafe nach sich zogen, hatten nachhaltige Folgen für die
  psycho-soziale Entwicklung der Kadetten.105
  Die Aufnahme eines Kadettenanwärters war in erster Linie von seiner Herkunft
  abhängig. Obwohl nach den Einigungskriegen immer mehr bürgerliche Kadetten


103
    Messerschmidt, Einleitung, S. 76f; Ders., Offizierskorps, S. 36; Ostertag, Bildung, S. 102,
  113ff u. 118; Nipperdey, 1866-1918, S. 220.
104
    Ostertag, Bildung, S. 119f, 123; Bald, Offizier, S. 104f.
105
    Ostertag, Bildung, S. 106ff. Nicht wenige Offiziere, die im Laufe ihrer Karriere in höhere
  Verantwortung kamen, haben am Ende von Laufbahn und Leben Erinnerungen verfaßt, die
  sich in erster Linie mit ihrem militärischen Werdegang beschäftigten. Dabei fällt durchweg
  auf, daß die Kadettenzeit im Regelfall in überaus verklärtem Licht erscheint und die Autoren
  die Quälereien der Mitschüler und den Sadismus ihrer Vorgesetzten als für das spätere Leben
  nutzbringende Härte abtaten.

                                                                                            26
  Eingang in die Anstalten fanden, blieb der überwiegende Teil der Kadetten auch bis
  in die 1890er Jahre hinein adelig. 106 Die geistigen Voraussetzungen des Eintritts
  waren gebunden an die jeweilige Klasse, in die man eingestuft werden sollte. Für die
  Sexta war es zum Beispiel gefordert, ein Diktat ohne größere Fehler zu schreiben
  und außerdem die Grundrechenarten zu beherrschen. Allerdings schien es nicht
  unbedingt schwer, die Prüfung mit Erfolg zu absolvieren. Im Zuge der folgenden
  Kadettenlaufbahn ließ sich jedoch oftmals erkennen, daß der einzelne Schüler nicht
  die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten mitbrachte.107
  Die Ausbildungsinstanzen der Armee hatten also den Bildungsbegriff wie ihn das
  Bürgertum kannte, nicht übernommen. Schon hier klingt an, was in den
  Weiterbildungseinrichtungen, vor allem der Kriegsschule, noch viel deutlicher
  hervortritt, die Deformierung der Bildung zu einem schlichten Aneignen von
  Fachwissen, ohne daß der vermittelte Lernstoff zu selbständigem Denken anregte.
  Wie wenig die Bildung in der Regel ins Gewicht fiel, wird deutlich, wenn man sich
  die Zahlen der Offiziersaspiranten ansieht, die in die Gruppe der “Dispensierten”
  fielen., das heißt, die von den Prüfungen freigestellt wurden, und vor allem warum es
  geschah. Solche Dispensionen wurden in der Regel dann gewährt, wenn es um die
  Versorgung eines Sprößlings einer Offiziers- oder Adelsfamilie ging, der sonst kein
  standesgemäßes Dasein mehr zu erwarten hatte. Allein 1890 belief sich die Zahl der
  so zu den Offiziersrängen Zugelassenen auf 134 Fälle, in der ersten Dekade des
  neuen Jahrhunderts waren es auch noch über 1000 Dispense, die erteilt wurden.108
  Erklärt wurde diese Praxis mit der im Vorfeld dieser Entscheidungen geprüften
  fachlichen Kompetenz und der charakterlichen Eignung des jeweiligen Bewerbers.
  Immer wieder wurde von Seiten der Verantwortlichen die Wichtigkeit der
  praxisorientierten Fachbildung gegenüber der Theorie betont.109
  In   ähnlicher     Weise     funktionierten     die   jeweiligen     Kriegsschulen      und
  Militärfachschulen, aber auch die Kriegsakademie. Es ist nicht von der Hand zu
  weisen, daß eine gewisse Spezialisierung nicht nur im Trend der Zeit lag, sondern
  auch insofern notwendig geworden war, als eine nicht unerhebliche Zahl neuer
  Technologien Einzug in die Armee und ihre Waffengattungen gehalten hatten. Das


106
    Nipperdey, 1866-1918, S. 219; Ostertag, Bildung, S. 102.
107
    Ostertag, Bildung, S. 104 u. 119.
108
    Messerschmidt, Offizierskorps, S. 36; Bald, Kaiserheer, S. 42. Bald siedelt die im Text
  genannten 1000 Fälle sogar alle im Bereich der Jahre 1901 und 1902 an. Ferner sollen einige
  dieser Bewerber schon in Tertia, bzw. sogar Quarta abgegangen sein. Schmid-Richberg, a. a.
  O., S. 88; Nipperdey, 1866-1918, S. 220.
109
    Bald, Kaiserheer, S. 42; Wohlfeil, Rainer, Die Beförderungsgrundsätze, in: Meier-Welcker,
  Hans (Hg.), “Untersuchungen zur Geschichte des Offizierskorps. Anciennität und
  Beförderung nach Leistung”, Stuttgart 1962 (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 4), S. 15-64,
  hier: S. 50, Wohlfeil verweist vor allem auf Albrecht von Roon und dessen Forderung, schon

                                                                                            27
 Gros der Offiziere, das sich aber jenen Technologien widmete, war bürgerlich,
 wohingegen der Adel, wie bereits erwähnt, in den traditionell prestigeträchtigeren
 Regimentern von Garde, Infanterie und Kavallerie den Dienst versah.110
 In den Kriegsschulen, an deren Ende die Offiziersprüfung stand, gingen neben den
 eigentlichen “schulischen” Leistungen noch Aspekte wie etwa die “Befähigung” in
 die Beurteilung des jeweiligen Kandidaten ein. Wichtigste prüfungsrelevante
 Themenfelder waren die Taktik, die Waffenlehre, Terrainkunde, Heeresorganisation
 und praktische Ausbildung an der Waffe.111 Die Kriegsschulen waren so organisiert,
 daß sie neben der fachlichen Ausbildung auch eine Standardisierung aller
 Kontingente des Reichsheeres erzielten und letztendlich einen integrativen und
 nivellierenden Einfluß auf das Korps hatten, dessen soziale Homogenität ja vor
 allem in Preußen, wie bereits geschildert, mehr oder weniger aufgelöst worden war.
 Dies mag zwar mit einem gewissen Erfolg beschieden worden sein, aber die
 Allgemeinbildung der angehenden Offiziere ist dabei offenkundig zu kurz
 gekommen. Unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges traten verstärkt
 Klagen auf, die nahezu gleichlautend die mangelhafte Beherrschung der
 Muttersprache, die kindliche Ausdrucksweise und generelle Unfähigkeit der
 zukünftigen Offiziere bemängelten, sich ein beliebiges Thema eigenständig zu
 erschließen.112
 Die Entwicklung der Kriegsakademie schien dagegen zunächst einen anderen Gang
 zu nehmen. Orientiert an den Ideen des Reformers des Militärbildungssystems,
 General von Peucker, spielte hier die Allgemeinbildung der abkommandierten
 Offiziere eine überaus große Rolle. Eine solche Abkommandierung erfolgte in der
 Regel für befähigt und talentiert erscheinende Offiziere, welche durch den Besuch
 der Kriegsakademie für eine besondere Verwendung qualifiziert werden sollten.
 Normalerweise verbarg sich hinter einer solchen Verwendung Dienst im
 Generalstab, dessen Chef die Kriegsakademie seit 1872 unterstellt war.113
 Die Aufnahme in die Akademie, die einen dreijährigen Kursus in der
 Reichshauptstadt bedeutete, war von dem Ergebnis einer Eignungsprüfung abhängig,
 ohne dabei jedoch körperliche und charakterliche Eignung zu vernachlässigen. Inhalt



  in den Kadettenanstalten müssen diese “realistisch-utilitaristische” Bildung Einzug halten.
  Schmid-Richberg, a. a. O., S. 88; Bald, Offizier, S. 105.
110
    Vgl. Anm. 26, 71, 72; Schmid-Richberg, a. a. O., S. 89f; Deist, Preuß. Offizierskorps, S.
  51; Papke, a. a. O., 197.
111
    Ostertag, Bildung, S. 138f.
112
    Ebenda, S. 140f. Demnach war auch die pädagogische Ausbildung, die Offiziere auf ihre
  zukünftige Verantwortung als Vorgesetzte vorbereiten sollte, entweder gar nicht gegeben
  oder höchst mangelhaft von den entsprechenden Konsequenzen begleitet.; Wohlfeil, a. a. O.,
  S. 51f.
113
    Ostertag, Bildung, S. 153f; Messerschmidt, Polit. Geschichte, S. 323.

                                                                                          28
  der Prüfung war neben üblicherweise verlangten militärspezifischen Kenntnissen
  auch Wissen aus dem Bereich der Allgemeinbildung. Dem Niveau der Prüfung
  wurde das Maß an Kenntnissen zugrunde gelegt, welches Kadettenkorps und
  Kriegsschule ihren Absolventen bis dahin eigentlich vermittelt haben sollten. Da die
  Anforderungen in diesen beiden Vorfeldinstitutionen der Kriegsakademie jedoch
  ständig unterlaufen wurden, war es für die Prüflinge in der Kriegsakademie
  unerläßlich, sich eingehend auf diese Prüfung vorzubereiten.114
  Die ursprünglich praktizierte Wahl der Themenschwerpunkte, denen sich der
  Besucher der Akademie zu widmen gedachte, wurde schon bald drastisch
  eingeschränkt. Die in den übrigen Bildungszentren der Armee übliche Tendenz zur
  Spezialisierung auf rein militärische Kenntnisse trat nun auch in der Kriegsakademie
  immer mehr zu Tage.115
  Während der dreijährigen Ausbildungszeit steigerte sich das Arbeitspensum der
  Lernenden von anfangs 25 Wochenstunden auf 32 im letzten Jahr. Der Anteil der
  allgemeinbildenden Fächer, welcher im Jahre 1868 noch bei 54 % gelegen hatte,
  nahm dagegen kontinuierlich ab. 1890 hatten noch 49 % der Fächer
  allgemeinbildenden Charakter, 1910 waren es lediglich ganze 36 % des Unterrichts,
  für die diese Aussage zutraf. Die daraus resultierenden Klagen ähnelten denen, die
  im Zusammenhang mit dem Niveau der Bildung in Kadettenanstalten und
  Kriegsschulen erhoben wurden. Schlechte Auffassungsgabe und mangelndes
  Denkvermögen wurden ebenso häufig bemängelt, wie vor allem schlechte
  Kenntnisse in Mathematik.116 Vortragsreihen, die zusätzlich zum Pflichtprogramm
  ausgerichtet wurden, etwa in Philosophie, erfuhren nicht übermäßigen Zuspruch
  seitens der Lernenden. Derartige Bildung spielte nur in dem Maß eine Rolle, wie der
  einzelne Besucher der Akademie sie brauchte, um in der Gesellschaft der
  Reichshauptstadt mit ihren vielen Konversationszirkeln nicht unangenehm
  aufzufallen.117
  Auch die Lehrenden entsprachen nicht mehr dem Format der Clausewitz und Roons,
  die ehedem selbst einen Lehrauftrag an der Akademie innehatten. Die meisten

114
    Ostertag, Bildung, S. 155.
115
    Messerschmidt, Polit. Geschichte, S. 323; Ostertag, Bildung, S. 155; Bald, Offizier, S. 105;
  Ders.; Kaiserheer, S. 39f; Schmid-Richberg, a. a. O., S. 90; Wohlfeil, a. a. O., S. 51f.
116
    Vgl. Anm. 95; Ostertag, Bildung, S. 156f; Deist, Preuß. Offizierskorps, S. 44f. Dieser nennt
  auch die zahlreichen überaus kritischen Publikationen, die seit Ende der 1880er Jahre
  kursierten und in der Öffentlichkeit großes Interesse erregten, aber ohne Einfluß auf die
  Verhältnisse im Militär selbst blieben. Stellvertretend für die vielen Schriften dieser Art seien
  nur diejenigen des ehem. Bayer. Oberleutnants Krafft, der mehrere Bücher zu den realen
  Zuständen in der Armee veröffentlichte. Bekanntestes Werk war das “Glänzende Elend”.
  Dazu auch: Ostertag, Bibliothek, S. 67 und Corvin, Otto von, Ein Leben voller Abenteuer,
  hrsg. v. Hermann Wendel, 2 Bde., Frankfurt 1924, S. 136f u. 148. Abgedruckt in Geschichte
  in Quellen, Bd. 5, a. a. O., S. 803f (Quelle 707).
117
    Ostertag, Bildung, S. 159.

                                                                                                29
  Lehrenden zur Zeit des Kaiserreiches waren nicht aufgrund ihrer herausragenden
  Qualifikationen auserwählt worden, in der Akademie Dienst zu tun, sondern weil sie
  in ihren alten Positionen schlicht abkömmlich waren. Auch das Bild der Lehrenden
  entsprach also in etwa dem der Kadettenanstalten und Kriegsschulen. In den bereits
  an anderer Stelle erwähnten Lebenserinnerungen hoher Militärs, die in jener Zeit zu
  den Absolventen der Akademie gehörten, finden sich häufig auch negative
  Äußerungen über Lehrpersonal und Niveau der Lehre.118
  Der Adel war in der Gruppe der Lernenden der Akademie deutlich überrepräsentiert,
  ebenso der Anteil der Protestanten. Anzumerken sei noch, daß die Aufnahme in die
  Kriegsakademie      nicht   gleichbedeutend     mit    einer   automatisch     erfolgenden
  Abkommandierung zum Generalstab am Ende der Ausbildungszeit war. Lediglich
  ein Drittel der Absolventen wurde für qualifiziert erachtet, größere Verantwortung in
  der kommenden Laufbahn zu übernehmen. Wer nun tatsächlich zum Generalstab
  kommandiert wurde, hatte dort zusätzlich eine zweijährige Probezeit zu überstehen,
  der nochmals die Hälfte der Aspiranten zum Opfer fielen. All diese Entscheidungen
  waren ebenso wie die Offizierswahl weder nachvollziehbar noch anfechtbar. Daß die
  Bildung der ausschlaggebende Grund für Auswahl der Kandidaten war, darf
  aufgrund des bereits Erwähnten stark in Zweifel gezogen werden.119
  Diese Ausbildung der kommenden Führungsschichten des Militärs hatte letztendlich
  zur Folge, daß sich die militärische Aggression von der “ultima ratio” der Politik zur
  scheinbar einzigen Kategorie der Konfliktlösung im Weltbild der Militärs
  entwickelte. Wie verhängnisvoll dieser Glaube, gepaart mit der völligen
  Überschätzung der militärischen Kräfte des Reiches, in letzter Konsequenz war, läßt
  sich an der Art und Weise erahnen, in welcher der Schlieffenplan als das
  Allheilmittel der deutschen Politik und Kriegführung gepriesen wurde.120
  Wie wenig Beachtung dem Anfang der 1870er Jahre eingeführten Primat der
  Bildung bei der Offiziersergänzung Rechnung getragen wurde, wird deutlich, wenn
  man sich die Zahl der Offiziersaspiranten betrachtet, die über das Abitur verfügten.
  1890 besaßen lediglich 35 % der Aspiranten in Preußen, Sachsen und Württemberg
  das Abitur, obwohl es 1870 vom preußischen Kriegsministerium für die
  Offizierslaufbahn verpflichtend eingeführt worden war. Immerhin 18 % derselben


118
    Ebenda, S. 160f.
119
    Ostertag, Bildung, S. 162f; Bald, Offizier, S. 105.
120
    Hermann, Carl Hans, Deutsche Militärgeschichte, Eine Einführung, Frankfurt/Main 1966,
  S. 289. Er betont besonders den “Cannae-Gedanken”, der sich seit Sedan und Königgrätz in
  den Köpfen der deutschen Generalität festgesetzt hatte. Außerdem: Ostertag, Bildung, S. 162;
  vgl. auch: Mommsen, Wolfgang J., Der Topos vom unvermeidlichen Krieg: Außenpolitik
  und öffentliche Meinung im Deutschen Reich im Letzten Jahrzehnt vor 1914, in: Ders., Der
  autoritäre Nationalstaat. Verfassung, Kultur und Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich,
  Frankfurt/Main 1992, S. 380-406.

                                                                                           30
  Gruppe wurden nicht nur vom Abitur, sondern auch noch von der Prima-Reife
  dispensiert. Bis 1912 stieg der Anteil der Abiturienten auf rund 65 %, der Anteil der
  Dispense der Prima-Reife fiel auf rund 4 %.121 Ursache dafür, daß immer noch 30 %
  der Fähnriche nicht im Besitz des Abiturs waren, war, wie bereits erwähnt, die
  zunehmende Wichtigkeit des Charakters bei der Entscheidung der Frage, ob ein
  Aspirant geeignet sei, Offizier zu werden oder nicht. Diese Beurteilungspraxis war
  die Antwort der altpreußisch-adeligen Kreise im Offizierskorps auf die befürchteten
  Folgen der Verbürgerlichung des Korps nach 1890.122
  Das Gewicht des Bildungsprinzips im Beförderungsfall blieb ebenso beschränkt, wie
  bei der Offiziersergänzung. Zwar hatte es in der Folge der Preußischen Reformen
  eine an Bildung orientierte Beförderungsordnung ergeben, jedoch hatte sich diese
  Neuerung - wie die meisten Entwürfe jener Zeit -, nicht über die Restaurationszeit
  retten können. Nach und nach wurde das alte System der Beförderung nach
  Dienstalter wieder eingeführt, jedoch nicht, ohne den Tendenzen der Zeit Rechnung
  tragen zu müssen. Statt einer reinen “Anciennität” wurde nun nach dem System der
  “bedingten Anciennität” befördert, was in der Praxis hieß, daß nicht die
  Allgemeinbildung, sondern nur die militärische Fachbildung des Offiziers
  Berücksichtigung fand. Diese Verengung des Bildungsbegriffes entsprach völlig
  dem üblichen Verständnis von Bildung, welches dem gesamten Bildungssystem der
  Armee zugrunde lag und wie es im Vorhergehenden ausführlich geschildert worden
  ist.123
  Die Tatsache, daß das Niveau der vermittelten Bildung den Offizier meist nicht in
  die Lage versetzte, den Anforderungen der Praxis gerecht zu werden, läßt sich auch
  am Versagen in seiner Rolle als Erzieher der Mannschaften erkennen. Völlig
  überfordert schien der durchschnittliche Offizier mit der Erfüllung seiner Aufgaben
  als Pädagoge. Eine fachliche Schulung in diesem Bereich fand nicht statt und bereits
  in dieser Hinsicht vorgebildetes Personal war im Offizierskorps nicht zu finden. 124
  Da die Erziehung der Mannschaften nachvollziehbarer Weise von den Leutnants
  erledigt werden mußte, da sie den unmittelbaren Kontakt zu den Gemeinen hatten,
  kam die ohnehin oft bemängelte Allgemeinbildung der unteren Offiziersränge
  erschwerend hinzu.
  Der erklärte Feind des Offizierskorps blieb die Sozialdemokratie, denn mit ihr
  verband sich die Angst vor sozialen Umwälzungen, die den Verlust der Privilegien
  des Offizierskorps und letztlich den Untergang des ganzen monarchischen

121
    Vgl. Anm. 96; Nipperdey, 1866-1918, S. 220; Deist, Armee, S. 323; Messerschmid,
  Einleitung, S. 83.
122
    Bald, Offizierskorps, S. 102ff.
123
    Messerschmidt, Preuß. Armee, S. 19ff; Black, a. a. O., S. 119ff.
124
    Ostertag, Bildung, S. 143f.

                                                                                    31
  Staatssystems zur Folge hätten haben können.125 Das Problem war, daß der Offizier
  verstärkt in Kontakt mit Rekruten kam, die städtischem, also gemeinhin
  sozialistischem Milieu entstammten und insofern nicht mehr vorschnell vor der
  Autorität des Offiziers kapitulierten. Die Offiziere selbst verkörperten dagegen die
  Gesellschaftsvorstellungen, wie sie noch lange in den ostelbischen Gebieten
  Preußens vorherrschten. Rekruten, die diesem patriarchalisch – agrarischen Milieu
  entstammten,     waren     daher    auch     wesentlich    einfacher     zu   treuen    und
  aufopferungsvollen Befehlsempfängern der Krone zu erziehen als ihre städtischen
  Kameraden. 126 Bemerkenswert bei dieser Konstellation ist, daß sich die durch
  Parteiarbeit zum Teil rhetorisch geschulten Gemeinen oftmals als dem jeweiligen
  Offizier überlegen entpuppten, da die Offiziere sich in der überwiegenden Zahl der
  Fälle mit der Materie der “Sozialen Frage” überhaupt nicht oder nicht gründlich
  genug befaßt hatten, um in einer Debatte bestehen zu können. Wenn ein Offizier
  dennoch seine Untergebenen behandelte, als habe er es nicht mit erwachsenen
  Menschen zu tun, so belegt dies nur die Arroganz und Überheblichkeit, die aus dem
  unzeitgemäßen Standesdenken des Korps resultierten.127 Die Tatsache, daß man die
  christliche Gesittung des einzelnen Gemeinen “väterlich” ansprechen und ihn so an
  die alten Werte von Gottesfurcht und Vaterlandsliebe wieder heranführen sollte,
  klingt weltfremd, wenn man sich vor Augen hält, daß diese Indoktrination insofern
  unnütz war, als die städtischen Rekruten schon vorher und auch viel nachhaltiger
  durch die sozialdemokratische Weltanschauung geprägt worden waren. Neben der
  religiösen    stand   gleichauf     die    vaterländisch-historische     Aufklärung      der
  Mannschaften. Die Treue zum Kaiser durch die Betonung der heroischen
  militärischen Leistungen des Hauses der Hohenzollern stärken zu wollen, erschien
  auch nicht unbedingt vielversprechender als die religiöse Beeinflussung. Es erscheint
  naiv zu glauben, bei “[...] Bier und Zigarren die aus der realen sozialen Lage der
  unteren Schichten resultierende sozialdemokratische Überzeugung “heilen” zu
  können”.128
  Als sich abzeichnete, daß die Offiziere sich auch für diese Aufgabe als nicht
  geeignet erwiesen, zog der Kaiser die Konsequenz und verbot kurzerhand die

125
    Wehler, 1849-1914, S. 1123.
126
    Schmid-Richberg, a. a. O., S. 89; Wehler, 1849-1914, S. 1123. Wehler merkt an, daß trotz
  Allgemeiner Wehrpflicht ein Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land bestand. 1911 lebten
  lediglich noch 40 % der Bevölkerung in ländlichen Gemeinden, trotzdem stellten Rekruten
  aus eben jenen Gebieten aber noch mit 64 % der Wehrdienstleistenden den Löwenanteil.;
  Meserschmidt, Bismarckzeit, S. 98.
127
    Ostertag, Bildung, S. 143, 145, 151f. Ostertag nennt als nahezu einzige Anleitung, sich mit
  sozialdemokratischen Irrlehren in den Mannschaften auseinanderzusetzen, lediglich
  Schriften, die u. a. den Titel trugen: “Wie ist der Sozialdemokratie im Heere
  entgegenzuwirken ?” oder “Eideshart und treuefest”.
128
    Ostertag, Bildung, S. 148 u. 151; Nipperdey, 1866-1918, S. 227.

                                                                                            32
  Diskussion sozialpolitischer Fragen.129 Zu betonen, daß dies keine Lösung, sondern
  eine Flucht vor den Ursachen des Problems war, ist obsolet.
  Ein sehr interessanter Ansatz, das Bildungsniveau und auch die Tendenzen zur
  eigenständigen Weiterbildung der Offiziere zu untersuchen, scheint der Versuch
  Heiger Ostertags zu sein, ausgehend vom Sortiment der Militärbibliotheken
  Rückschlüsse auf das Leseverhalten und damit letztlich auf das geistiges Niveau der
  Offiziere zu wagen. Ostertag vergleicht dabei die noch erhaltenen Bestandslisten der
  großen Militärbibliotheken und systematisiert die aufgelisteten Titel nach
  Sachgruppen. Dabei fällt auf, daß vor allem in den großen Bibliotheken 130 unter
  anderem von Generalstab und Allgemeiner Kriegsschule naturgemäß der Teil der
  Bücher     überwog,      der    sich     mit    historischen,     militärhistorischen     und
  militärtechnischen Themen befaßte. Besonders preußische Bibliotheken stachen
  durch eine überaus große Zahl von Publikationen zu Detailfragen der
  Wehrwissenschaften hervor. Diese Tatsache überrascht allerdings angesichts der
  geschilderten Zustände an den militärischen Bildungsinstituten keineswegs. Im
  Gegenteil. Auffälliger ist da schon, daß die Bayerische Armeebibliothek im direkten
  Vergleich mit dem Bestand der Bibliothek des Großen Generalstabes in Berlin von
  1912 zwar auch ein Schwergewicht auf Militärwissenschaft legt, darüber hinaus aber
  war in der bayerischen Bibliothek eine größere Zahl von Themen behandelt, die
  nicht unmittelbar mit militärischen Belangen in Zusammenhang standen.131
  Die privaten Lesegewohnheiten der Offiziere lassen sich aus diesen Katalogen
  allerdings nicht ersehen, da gemäß Bibliotheksverwaltungsordnung von 1890 keine
  Belletristik in diesen Großbibliotheken enthalten sein durfte. 132 Um diese zu
  ermitteln ist es nötig, die Bestände der mehr oder weniger “privaten” Bibliotheken


129
    Ostertag, Bildung, S. 152. Interessant ist die bei Ostertag, Bibliothek, S. 64 erwähnte Liste
  mit Literaturempfehlungen des Militär-Wochenblattes für die Mannschaftsbibliothek. Diese
  enthielt in erster Linie Werke, die durchaus im Sinne der Erziehung hin zur Achtung
  historischer Größe und heldenmütigem Verhalten wirken konnten. Unter den Autoren waren
  u. a. J. F. Cooper, A. Dumas, F. Gerstäcker, Ch. Dickens, W. Scott usw.
130
    Ostertag, Bildung, S. 167; Ders., Bibliothek, S. 59. Er führt deren neun auf, in Klammern
  angegeben die Zahl der Bände und das Jahr der Erstellung des jeweiligen Kataloges. 1)
  Bibliothek des Großen Generalstabes Berlin (74.000/1901); 2) Bibliothek des Preußischen
  Kriegsministeriums (44.600/1914); 3) Hauptbibliothek der Reichsmarine (51.108/1914); 4)
  Bibliothek der Allgemeinen Kriegsschule (104.898/1914); 5) Bibliothek der Artillerie- und
  Ingenieurschule in Metz (35.466); 6) Bayerische Armeebibliothek ( rd. 100.000/1914); 7)
  Bibliothek des sächsischen Generalstabes (12.300/1893); 8) Bibliothek der königlichen
  Generalinspektion des Ingenieur- und Pionierkorps (25.000/1914); 9) Bibliothek des
  Reichsmilitärgerichts (12.497/1914). Dazu kamen noch rd. 210.000 Bände, die sich in den 46
  Militär- und Kriegsschulbibliotheken der 17 Armeekorps und des Gardekorps befanden.
  Insgesamt belief sich die Zahl der Bücher auf ca. 670.000 Bände. Daneben existierten rd. 70
  Militärfachzeitschriften,    die     wohl     bekannteste      darunter    das     halbamtliche
  “Militär-Wochenblatt”, welches sich im Offizierskorps großer Beliebtheit erfreute.
131
    Ostertag, Bibliothek, S. 60f; Ders., Bildung, S. 178.
132
    Ostertag, Bibliothek, S. 63.

                                                                                              33
  der einzelnen Regimenter zu betrachten. Für die Erweiterung und Instandhaltung
  dieser Bibliotheken war jeder Offizier verpflichtet, einen monatlichen Beitrag zu
  entrichten, der seinem jeweiligen Rang und Sold entsprach. Es oblag dann einer
  Kommission, bestehend aus Offizieren des Regiments, die Anschaffungen zu
  tätigen. Mittels eines “Wunschbuches” war es den übrigen Offizieren möglich,
  Einfluß auf die Anschaffungen zu nehmen. Ironischerweise waren die dort
  verzeichneten Wunschtitel der Auflage unterworfen, daß es sich dabei um bleibende
  literarische Werte handelte, die darüber hinaus dazu noch den Anspruch erfüllen
  mußten, den Leser zu bilden.133
  Die Bestandslisten der einzelnen Regimentsbibliotheken verblüffen insofern, als sie
  eine Vielzahl von Titeln nennen, die man aufgrund ihres Inhaltes zunächst nicht in
  einer solchen Bibliothek vermutet hätte. Die französischen Literaturbestände, unter
  denen sich unter anderem auch Emil Zola (“J´accuse”) und Guy de Maupassant
  (“Mademoiselle Fifi”) befanden, lassen sich noch dadurch erklären, daß sie der
  Vorbereitung der Dolmetscherprüfung dienten, die Offiziere im Beförderungsfalle zu
  leisten hatten. 134 Wenn sich aber in der Regimentsbibliothek des kgl. bayer.
  Infanterie-Regiments 15 eine Ausgabe von Bertha von Suttners “Die Waffen nieder”
  befand, verwundert dies durchaus. Allerdings legt die Tatsache, daß diese Ausgabe
  nur in einer Bibliothek zu finden war, nahe, daß es sich bei dieser Schrift nicht um
  ein Werk handelte, welches den breiten Geschmack der Offiziere traf. Das
  Verzeichnis derselben Bibliothek führte außerdem Werke von Autoren wie Balzac,
  Byron, Dickens, Dostojewski, Dumas, Flaubert, Gogol, Kipling, Ibsen, Lagerlöf,
  Maupassant, Puschkin, Shakespeare, Tolstoi, Tschechow, Twain, Wilde und Zola.
  Von den deutschen Literaten seien genannt, Börne, Chamisso, Droste-Hülshoff,
  Freytag, Hauptmann, Hebbel, E. T. A: Hoffmann, Keller, Lessing, Heinrich Mann,
  Nietzsche, Jean Paul, Schiller, Schnitzle, Stifter, Storm, Eichendorff, Wedekind und
  Wieland.135 Diese Auswahl scheint durchaus repräsentativ zu sein, auch wenn hier
  der Name Goethes nicht genannt wird, was aber wohl eher darauf zurückzuführen
  ist, daß die Anwesenheit der Werke des “Dichterfürsten” in allen deutschen
  Bibliotheken als so selbstverständlich erachtet wurde, daß es keiner ausdrücklichen
  Erwähnung dieser Tatsache bedurfte.
  Ein mit dem bekannten Militärkritiker nicht zu verwechselnder Offizier namens Karl
  Krafft veröffentlichte sogar eine Liste mit Literaturempfehlungen für Offiziere.

133
    Ostertag, Bibliothek, S. 63f; Ders., Bildung, S. 181f. Ein Secondelietenante hatte demnach
  rund 0,50 bis 1,00 Mark zu zahlen, ein Regimentskommandeur dagegen in etwa 8,45 Mark.
  Interessant ist, daß die hier genannten Regimentsbibliotheken samt und sonders nicht in
  Preußen, sondern in den süddeutschen Reichsländern zu finden sind.
134
    Ostertag, Bibliothek, S. 65; Messerschmidt, Einleitung, S. 67.
135
    Ostertag, Bibliothek, S. 65.

                                                                                           34
  Diese legte besonders den Konsum historischer Romane nahe und nannte
  beispielhaft Felix Dahns “Kampf um Rom”, Bulwers “Die letzten Tage von
  Pompeii”, Sienkiewicz “Quo vadis ?”, Freytags “Die Ahnen” aber interessanterweise
  auch militärkritische Romane wie etwa Fontanes “Schach von Wuthenow” und
  Werke von Thomas Mann. Neben diesen durchaus anspruchsvollen Titeln wurden
  allerdings auch solche empfohlen, wie etwa Peter Rosseggers “Als ich noch ein
  kleiner Waldbauernbub war”. Die Auswahl umfaßte also eine breite Angebotspalette
  bis hin zu trivialen Werken mit Titeln wie etwa “Parademarsch” oder
  “Regimentswalküren”, die nahezu jedem Geschmack etwas anzubieten vermochte.136
  Nicht angeraten wurde die Beschäftigung mit der zeitgenössischen Malerei oder dem
  Theater. Gerade die Werke der französischen Impressionisten und jener von ihnen
  beeinflußter Maler erschien “im tiefsten Wesen undeutsch”. Konzertbesuche waren
  eher selten und wenn man ins Theater ging, handelte es sich dabei in erster Linie um
  Trivialunterhaltung mit Titeln wie “Amor in Uniform”, “Amordragoner”,
  Blondinette”, Ein fideles Korps” oder “Guste auf Posten”. Es ist nicht schwer zu
  erkennen, daß hier der Aspekt der Unterhaltung eindeutig im Vordergrund stand.137
  Die Untersuchung der Bibliotheksbestände bestätigt also im wesentlichen das Bild
  des Offiziers und seiner Bildung, welches sich bereits vorher abgezeichnet hat. Die
  Masse war nicht an selbständiger Bildung egal welcher Art interessiert, die
  Ausnahmen führen zwar dazu, daß die Bibliotheksbestände zum Teil ein anderes
  Bild vermitteln, aber allein die Anwesenheit der Werke von Lord Byron bis Thomas
  Mann und von Fontane bis Zola ist nicht Beweis dafür, wie häufig solche Werke
  tatsächlich gelesen wurden.


  3.5        Der Ehrbegriff


  Die “Ehre” im Sinne der preußisch-soldatischen Tradition beinhaltete nicht nur den
  Anspruch auf ein bestimmtes Maß an moralischer und sozialer Achtung, welches
  sich in bestimmten Formen der Ehrenbezeugung niederschlug, sondern auch die
  überdurchschnittliche Erfüllung der dienstlichen Anforderungen. Neben der
  persönlichen Ehre war es ferner die Pflicht des Offiziers, auch die Standesehre zu
  verteidigen, wie es die ersten beiden Kriegsartikel für das Heer von 1902
  formulierten.138 Diese Ehre spiegelte sich wider in einer bestimmten Lebensführung,
  die auf unehrenhafte Betätigungen wie etwa Spiel- und Trinkleidenschaft verzichtete
  und einer “sittlichen Würde” entsprechen mußte.

136
      Ebenda, S. 65.
137
      Ostertag, Bildung, S. 194; Ders., Bibliothek, S. 68.
138
      Messerschmidt, Einleitung, S. 79; Ostertag, Bildung, S. 202.

                                                                                   35
  Der Begriff der Ehre steht insofern in direktem Zusammenhang mit dem Duell als
  dem     gebräuchlichsten     Verfahren,      die   vermeintlich     beschädigte       Ehre
  wiederherzustellen. An dieser Tatsache änderte sich nichts bis zum Ende des Ersten
  Weltkrieges. 139 Die Tendenz, die Ehre des einzelnen Offiziers durch sogenannte
  Ehrengerichte zu regeln, kam verstärkt im Rahmen der preußischen Reformen auf,
  nachdem es zuvor zwar auch Ehrengerichte gegeben hatte, diese aber in der Regel
  nicht tätig wurden, da die Vorstellung vorherrschte, der Offizier sei für den Schutz
  seiner Ehre allein verantwortlich.140
  Im Laufe der Zeit kamen mehrere Modelle der Ehrengerichte und Ehrenräte zum
  Einsatz, die alle zum Ziel hatten, die Zahl der Duell zu mindern, ohne sie aber
  gänzlich abstellen zu können oder dies auch zu wollen, denn das Festhalten an
  derartigen, im bürgerlichen Zeitalter anachronistisch anmutenden, Verhaltensweisen
  dokumentierte auf Aufsehen erregende Art den Kastengeist des Korps.141
  Nachdem den Ehrengerichten zwischenzeitlich das Recht zugebilligt worden war,
  Offiziere, die sich ehrverletzendes Verhalten gegenüber Offizierskameraden hatten
  zu    Schulden     kommen    lassen,    zu    strafen,   indem    unter     anderem    die
  Beförderungsfähigkeit der betreffenden Offiziere für eine bestimme Zeitspanne
  ausgesetzt wurde oder der Delinquent in schlimmeren Fällen sogar aus dem Dienst
  entlassen oder ganz aus dem Stand entfernt wurde. In einer später erlassenen
  Verordnung wurde auch der Zweikampf unter Offizieren mit disziplinarrechtlichen
  Konsequenzen belegt. Da Wilhelm I. allerdings in den Ehrengerichten und
  Ehrenräten       eine   Beschränkung         der    Kompetenzen       des      jeweiligen
  Regimentskommandeurs sah, wurden die Kompetenzen der beiden Einrichtungen
  sukzessive geschmälert. Letztlich war die Rolle des Ehrenrates auf die Funktion
  eines Kampfgerichtes reduziert, welchem zwar oblag, vor dem Zweikampf einen
  Sühneversuch durchzuführen und zu prüfen, ob Pardon geübt werden könnte, das im
  Falle des Duells aber nicht mehr die Aufgabe hatte, eben dieses zu unterbinden,
  sondern nur darauf achten sollte, ob während des Zweikampfes die Standessitten
  gewahrt blieben. Wenn möglich, war es ebenfalls Aufgabe des Ehrenrates, den
  Regimentskommandeur noch vor Beginn des Zweikampfes über die Tatsache zu
  unterrichten, daß eine Herausforderung zum Duell unmittelbar ergangen und was der
  Auslöser für diesen Konflikt war.142
  Die Tatsache, daß der Begriff der “Ehre” aus heutiger Sicht ein wenig diffus und
  undurchsichtig anmutet, ändert nichts an dem Stellenwert, den dieser in der

139
    Wehler, Kaiserreich, S. 163; Ders., 1849-1914, S. 1125. Dabei war es gemäß des
  Allgemeinen Strafrechts verboten, sich zu duellieren. Nipperdey, 1866-1918, S. 225.
140
    Messerschmidt, Einleitung, S. 77.
141
    Nipperdey, 1866-1918, S. 224f; Messerschmidt, Einleitung, S. 77f.
142
    Messerschmidt, Einleitung, S. 78.

                                                                                          36
  damaligen Gesellschaft einnahm. Es war für das Selbstwertgefühl der Offiziere von
  entscheidender Bedeutung, ob man als satisfaktionsfähig galt oder nicht. Von
  großem Gewicht war die Tatsache, daß eine Ehrverletzung in der Regel zu einem
  “Duellzwang” führte, der bei Nichtbeachtung auch den Ausschluß aus der Armee
  nach sich ziehen konnte.143
  Eine ehrengerichtliche Verhandlung konnte aber auch dann anberaumt werden, wenn
  ein Offizier gegen den Verhaltenskodex des Korps – und damit gegen die
  Standesehre - verstoßen und sich in irgendeiner Weise “unsittlich” benommen hatte.
  In solchen Fällen mußte entschieden werden, wie schwer der jeweilige Fehltritt wog
  und welche Konsequenzen dem Beschuldigten daraus erwuchsen.144
  Die Ehre, vor allem die Standesehre, war letztendlich auch ein Instrument, mittels
  dessen man die ideologische Geschlossenheit, den “Esprit de Corps”, zu stärken
  gedachte. Diese Bestrebungen gewannen an Gewicht, als zu befürchten stand, die
  Öffnung für Bürgerliche und der daraus resultierende enge Kontakt mit liberalen
  Ideen könnte die Bindung zur Krone lockern.145 Daß diese Befürchtungen mehr als
  unbegründet waren, ist bereits hinlänglich dargelegt worden.


  3.6     Exkurse


  Die folgenden Exkurse haben zum Ziel, die spezifischen Eigenheiten der
  preußischen Entwicklung zu konterkarieren und offenzulegen, welche Aspekte in
  welchem Maße letztlich Einfluß auf den Gang der Entwicklung genommen haben.
  Die drei Bereiche sind dabei nicht willkürlich gewählt worden, sondern haben sich
  quasi als Gegenpart aufgedrängt, da zum einen Bayern traditionell als Widerpart zur
  preußischen Entwicklung bemüht wird und zum anderen die Reichsmarine insofern
  eine Betrachtung wert ist, weil sie zur Zeit des Kaiserreiches noch nicht ähnlich
  lange Tradition besitzt wie das preußische Heer. Der Generalstab schließlich findet
  deshalb Beachtung, weil sich in seiner inneren Struktur einige markante Differenzen
  zur Entwicklung des sonstigen Offizierskorps auftun.


143
    Wehler, 1849-1914, S. 1125; Nipperdey, 1866-1918, S. 224f. Demnach war es lediglich
  Katholiken unter Berufung auf ihren christliches Glauben erlaubt, eine Duellforderung
  auszuschlagen oder selbst auf eine Duellforderung zu verzichten.
144
     Welch strenges Maß an Reglementierung auch des Privatlebens dieser Standesehre
  zugrunde lag, läßt sich abschätzen anhand der Fälle, die aufgeführt sind bei: Rumschöttel,
  Hermann, Das bayerische Offizierskorps 1866-1918, in Hoffmann, Hans-Hubert (Hg.), Das
  Deutsche Offizierskorps 1860-1960, Boppard am Rhein 1980 (Deutsche Führungsschichten
  der Neuzeit, Bd. 11), S. 75-98, hier: S. 90 (zit. “Hoffmann”). Allerdings muß berücksichtigt
  werden, daß es sich bei den zitierten Verfahren um solche gegen Reserveoffiziere handelte,
  die noch dazu in der bayerischen Armee dienten. Trotzdem erscheinen sie symptomatisch für
  strengen Maßregelungen des Lebens eines Offiziers im Kaiserreich.
145
    Messerschmidt, Einleitung, S. 80.

                                                                                           37
  3.6.1 Der Generalstab


  Der Generalstab genoß während des ganzen Kaiserreiches eine herausragende
  Stellung in der Armee, die in erster Linie auf den legendären Chef, Helmuth von
  Moltke, den Sieger von Königgrätz und Sedan, zurückzuführen war.
  Die dort Dienst leistenden Offiziere galten unter den “einfachen” Offizieren als
  “Halbgötter” und “Intelligenzbestien”.146
  Der wichtigste Unterschied zum herkömmlichen Offizierskorps bestand beim
  Generalstabskorps in der vorbehaltlosen Gültigkeit des Leistungsprinzips. Dies war
  jedoch, wie im gesamten Offizierskorps, nicht mit einem Bildungsverständnis
  verbunden, welches ursprünglich von den Reformern angedacht gewesen war,
  sondern auch hier herrschte, wenn man so will, das “Fachidiotentum”, das heißt die
  Dominanz militärspezifischer Wissenschaften, wie etwa der Ballistik. Jedoch allein
  der Primat der Leistung im Generalstab hatte für die Homogenität des gesamten
  Offizierskorps eine viel zersetzendere Wirkung als die notgedrungene Aufnahme
  bürgerlichen Ersatzes ins “gemeine” Offizierskorps.147
  Charakteristisch für die Entwicklung des Generalstabes war der Dualismus zwischen
  militärischen Traditionalisten und Modernisten. Während die Traditionalisten allen
  technischen Neuerungen überaus skeptisch gegenüberstehen, versuchen die
  Modernisten um Ludendorff die Kriegführung den neuen Gegebenheiten
  anzupassen. 148 Symptomatisch erscheint in diesem Zusammenhang die Tatsache,
  daß die Mobilmachungsabteilung des Generalstabs, die Ludendorff leitete, nicht
  einen einzigen adeligen Offizier in ihren Reihen hatte.149
  Allein diese kurzen Beispiele machen deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen
  Generalstabskorps und gemeinem Offizierskorps letztendlich waren. Problematisch
  an dem durch reine Fachbildung erschaffenen Typus des Generalstabsoffiziers war
  vor allem der Glaube an seine umfassende Bildung. Der Anspruch der
  Kriegsakademie eine solche zu vermitteln war nicht der Realität der Ausbildung
  angepaßt worden. Gerade im Hinblick auf den kommenden Ersten Weltkrieg
  erscheint es fatal, daß die Führungsriege der Armee sich qualifiziert sah, jegliche
  Entscheidung selbst zu treffen und sich dabei maßlos überschätzte. Jedoch gerade
  das fehlende Maß der Erkenntnis und Selbsteinschätzung des eigenen Wissens –frei



146
    Messerschmidt, Bismarckzeit, S. 106; Ders., Polit. Geschichte, S. 321; Wehler, 1849-1914,
  S. 1124f.
147
    Deist, Offizierskorps, S. 52.
148
    Ostertag, Bildung, S. 276ff; Nipperdey, 1866-1918, S. 226; Schmid-Richberg, a. a. O., S.
  90.
149
    Wehler, 1849-1914, S. 178.

                                                                                          38
  nach Sokrates, “Ich glaube, daß ich alles weiß” – offenbart, wie es wirklich um die
  Allgemeinbildung und Urteilsfähigkeit bestellt war.150


  3.6.2 Das bayerische Offizierskorps


  Etwas überspitzt könnte man formulieren, daß das bayerische Offizierskorps nach
  der Niederlage von 1866, als es gemeinsam mit der österreichischen Armee dem
  preußischen Heer unterlegen war, eine durchaus vergleichbare Entwicklung
  genommen hat, wie es die preußische Armee seit den Reformen getan hatte. Im
  Angesicht der Niederlage sah man sich jeweils in beiden Fällen gezwungen,
  tiefgreifende Reformen durchzuführen, die allerdings von unterschiedlichen
  Verhältnissen ausgingen.
  Der wohl wichtigste Unterschied der Ausgangslage der bayerischen Armee im
  Vergleich zu Preußen war die in Bayern schon seit Ende des 18. Jahrhunderts
  gegebene Dominanz des Bürgertums im gesamten Offizierskorps. Lag der Anteil des
  Adels im Offizierskorps 1799 noch bei rund 50 %, fiel er bis 1872 auf ein Viertel,
  um 1915 bei 15 % zu stehen. Dennoch gab es, wie auch in Preußen, Regimenter, in
  denen sich die verbliebenen adeligen Offiziere abschotteten, um unter sich zu
  bleiben.151 Es war jedoch, wie auch in Preußen, keine Seltenheit, daß gerade die
  höheren Chargen des Offizierskorps nobilitiert wurden. 152 Interessant ist, daß der
  Anteil der Protestanten im Offizierskorps durchweg höher lag, als der Anteil der
  Protestanten in der Gesamtbevölkerung. Diese Überrepräsentierung steigerte sich in
  manchen Kriegsschuljahrgängen bis auf 50 %, im Gesamtkorps lag die Quote bei
  etwa 40 %.153 Die Einstellung gegenüber Juden war in bayerischen Offizierskreisen
  ebenso vorurteilsbeladen wie in Preußen, was sich aus der Tatsache entnehmen läßt,
  daß 1913 lediglich ein Offizier jüdischen Glaubens als Arzt dort Dienst tat.
  Im Gegensatz zu Preußen gewann die Bildung in Form des Abiturs, ab 1872 als
  Vorbedingung für eine Offizierslaufbahn unerläßlich, in der Folgezeit ein starkes
  Gewicht. Dies ist vor allem dadurch zu erklären, daß weite Teile der Generalität




150
    Ostertag, Bildung, S. 162.
151
    Rumschöttel, Herrmann, Das bayrische Offizierskorps 1866-1914, Berlin 1973, S. 64 (zit.
  “Offizierskorps”); Ders., Hoffmann, S. 83; Ders., Bildung und Herkunft der bayerischen
  Offiziere 1866 bis 1914. Zur Geschichte von Mentalität und Ideologie des bayerischen
  Offizierskorps, in: MGM 8 (2/1970), S. 81-132, hier: S. 96(zit. “MGM”); Demeter, a. a. O.,
  S. 37. Preußen war im übrigen das einzige Reichsland, in welchem zur Zeit der
  Reichsgründung der Adel noch das Gros der Offiziere stellte. Wehler, 1849-1914, S. 178.
152
    Rumschöttel, Hoffmann, S. 85.
153
    Ebenda, S. 80f.

                                                                                         39
  schon vor der Niederlage von 1866 den Zustand der Armee allgemein und in Sachen
  Bildung im Besonderen kritisiert hatten.154
  In der Folgezeit rekrutierte das Korps etwa ein Viertel seines Nachwuchses aus dem
  Kadettenkorps, ansonsten existierte analog zum preußischen Vorbild, dessen Einfluß
  als Sieger des Krieges von 1866 vor allem auf dem Gebiet der Militärorganisation
  sehr groß war und der nach der Reichsgründung logischerweise noch mehr zunahm,
  die Portepeefähnrichsprüfung, mittels der es möglich war, den Ersatz des Korps
  weitgehend zu regulieren. Der Lehrplan der Kadettenanstalt entsprach in etwa dem
  eines Realgymnasiums, der Lehrplan der Pagerie, einer exklusiven Erziehungsanstalt
  des Adels in München, sogar dem eines humanistischen Gymnasiums.155
  Stellt man die Bevölkerungsgruppen gegenüber, aus denen sich in der
  Reichsgründerzeit der Nachwuchs des Offizierskorps rekrutierte, so stellt man fest,
  daß, im Gegensatz zu Preußen, das Gros in Bayern aus den gehobenen Schichten des
  Bildungs- und Besitzbürgertums kam und sogar ein Teil des Nachwuchses mittleren
  und unteren sozialen Schichten entstammte. Die Beteiligung möglichst aller Stände
  am Offizierskorps sollte eine Distanzierung des Korps von der Gesellschaft
  verhindern, wie man sie in Preußen erleben konnte. Bayern hatte jedoch vor, nicht
  das gesamte preußische Militärsystem zu kopieren, sondern wollte die Regelungen,
  die auf die typisch bayerischen Verhältnisse zugeschnitten waren und die sich in der
  Praxis bewährt hatten, beibehalten.156
  Die Einführung des Abiturs als Zugangsvoraussetzung zum Offizierskorps hatte aber
  bald den Effekt, daß die mittleren und unteren sozialen Schichten verdrängt wurden,
  da sie die geforderte Schulbildung ihrer Kinder nicht finanzieren konnten und sich
  dafür eine soziale Homogenität innerhalb des Korps einstellte, die im Bereich des
  gehobenen Bürgertums und der Offiziers- und Beamtensöhne anzusiedeln war. Hatte
  der Anteil der mittleren und unteren Schichten am Offizierskorps vor 1866 zum Teil
  über 40 % gelegen, so fiel er im Zuge der bürgerlichen Homogenisierung stark ab
  und konnte unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg als nicht mehr relevant angesehen
  werden. Die zwischen 1872 und 1881 beförderten 790 Fähnriche verfügten zu 81 %
  (666) über das Abitur, die restlichen 19 % (124) hatten die Fähnrichsprüfung
  abgelegt.157 Noch deutlicher werden die Verhältnisse, wenn man die Schulbildung
  der Majore des Korps im Jahre 1880 mit jener der Majore von 1911 vergleicht. Die
  1880 im Majorsrang befindlichen Offiziere waren alle vor Beginn der Reformen in

154
    Rumschöttel, MGM, S. 84f; Ders. Hoffmann, S. 76.
155
    Rumschöttel, Hoffmann, S. 79; Ders., MGM, S. 91; Ders., Offizierskorps, S. 47; Demeter,
  a. a. O., S. 37.
156
    Rumschöttel, MGM, S. 87; Ders., Hoffmann, S. 78 u. 80; Dazu auch das Dokument Nr. 7
  auf S. 123f im Anhang von Rumschöttel, MGM.
157
    Rumschöttel, MGM, S. 91; Ders., Hoffmann, S. 80.

                                                                                        40
  die Armee eingetreten. Von ihnen besaßen lediglich 15 % das humanistische Abitur,
  45 % hatten eine andere schulische Laufbahn genossen und die restlichen 40 %
  entstammten dem Kadettenkorps. 1911 gab es lediglich einen Anteil von 2 % der
  Majore, der nicht das Abitur vorweisen konnte. Symptomatischerweise waren diese
  2 % samt und sonders Angehörige des bayerischen Hochadels. Von der
  überwältigenden Zahl der Abiturienten hatten 30 % ihre “Matura” in der
  Kadettenanstalt erworben. Verglichen mit Preußen waren die wissenschaftlichen
  Anforderungen also durchweg höher, die Fähnrichsprüfungen war durchweg
  schwerer und die Vorteile für die Kadetten durchweg geringer.158
  Die Gemeinsamkeiten mit Preußen, dabei nicht zuletzt die in beiden Fällen
  extrakonstitutionelle Stellung der Armee, sind nicht von der Hand zu weisen, doch
  die Unterschiede und Besonderheiten in Entwicklung und Struktur des bayerischen
  Offizierskorps sind zu markant, als daß sich noch behaupten ließe, alleine die
  wirtschaftlichen Gegebenheiten Bayerns seien dafür verantwortlich. Die gezielt hohe
  Festlegung der Bildungsvoraussetzung läßt auf ein grundsätzlich anderes Eliteideal
  schließen, das dem Bild des Offizierskorps in den beiden Ländern zugrunde lag. Es
  sollte dabei auch an die Bücherbestände in bayerischen Regimentsbibliotheken
  erinnert werden, die aufgrund des höheren Niveaus und der breiteren Palette der
  angebotenen Werke Rückschlüsse auf ein in den süddeutschen Ländern tiefer
  liegendes Interesse an Kultur und Bildung zulassen. Die Tendenzen der bayerischen
  Entwicklung waren im Reich keine Ausnahme, im Gegenteil. Allein die
  Verharrungskraft Preußens stand abseits mit ihrem Festhalten an adeligen
  Traditionen, die übrigen deutschen Teilstaaten hatten sich von diesen Vorstellungen
  bereits weitestgehend gelöst, was auch die Entwicklung der Adelsquote in diesen
  Ländern belegt.159


  3.6.3 Das Seeoffizierskorps


  Ebenso wie das bayerische Offizierskorps war auch das Seeoffizierskorps auf der
  einen Seite durch das Vorbild des preußischen Offizierskorps geprägt aber auf der
  anderen Seite durchaus darum bemüht, sich sichtbar abzugrenzen und nicht in
  hemmungslose Nachahmung zu verfallen.



158
   Rumschöttel, MGM, S. 92; Ders., Hoffmann, S. 80f.
159
   Herwig, Marine, S. 141f. Dennoch gab es auch in Bayern das Phänomen, daß parallel zur
  Charge der prozentuale Anteil des Adels stieg. Sogar 1914 waren noch alle Generäle von
  Adel, bei den Generalmajoren waren es noch 74,5 % und den Generalleutnants noch 40 %.
  Auch wenn die höheren Posten der Armee dem Adel reserviert blieben, ändert dies nichts an
  der ansonsten wesentlich von Preußen differierenden sozialen Situation.

                                                                                        41
  Das Offizierskorps der Kaiserlichen Marine war insofern nur schwerlich mit dem
  Offizierskorps des preußischen Heeres oder dem eines anderen deutschen Teilstaates
  zu vergleichen, als es ein Korps war, daß reichsweit organisiert und nicht, wie etwa
  das Offizierskorps des Reichsheeres, aus einzelnen Kontingenten zusammengesetzt
  war.160 Dafür war das Korps der Marine unterteilt in einzelne, streng von einander
  getrennte Offizierskorps, wie etwa das Seeoffizierskorps, das Deckoffizierskorps,
  das Marineingenieurkorps, das Torpedooffizierkorps und nicht zuletzt das
  Offizierskorps der Marineinfanterie.161
  Grundlage der Betrachtung wird das Seeoffizierskorps sein. Interessant ist, daß
  dieses Korps sich immer stark am Vorbild der Garderegimenter der Armee
  orientierte und für sich ein ähnliches Eliteideal beanspruchte. Dies wurde durch die
  Marinebegeisterung Wilhelms II. nur noch verstärkt und das Offizierskorps des
  Heeres war deswegen zum Teil erheblich verstimmt.162
  Besieht man sich die Sozialstruktur des Seeoffizierkorps, dann fällt auf, daß der
  Adelsanteil niemals mehr als 15 % betragen hat, und es stellt sich die Frage, woher
  dann die feudal-aristokratische Gesinnung herrührte, aber es scheint, als könne man
  die Frage mit der Praxis der regelmäßigen Nobilitierung der höheren Chargen der
  Marine erklären. Andererseits war die Feudalisierung breiter Teile des Bürgertums
  ein gesamtgesellschaftliches Phänomen dieser Zeit.163
  Es scheint in diesem Zusammenhang bezeichnend, daß die Marine die einschlägigen
  Erlasse     für    das     Heer      bezüglich      Ehrengerichten,       Offizierswahlen,
  Beförderungsordnungen, Dispensen von Eintrittsbedingungen und Duellwesen
  übernahm und auch eine ablehnende Haltung gegenüber den technischen
  Fachoffizieren eingenommen wurde, ebenso wie ein vorbehaltloses Bejahen der
  Verteidigung der Ehre der Person und des Standes mit der Waffe.164
  Der Zugang zur Seeoffizierslaufbahn war allerdings in höherem Maße als im Heer
  von wissenschaftlicher Qualifikation abhängig und die Zahl der Dispense in der
  Marine blieb auch hinter der im Heer zurück. Verlangt wurde von der Kaiserlichen
  Marine ursprünglich die Sekunda- ,später die Primareife und letztlich das Abitur.165
  Die weiterhin niedrige Zahl der Dispense ließ die Zahl der Abiturienten demzufolge

160
    Ebenda, S. 139.
161
     Herwig, Holger H., Soziale Herkunft und wissenschaftliche Vorbildung des
  Seeoffizierskorps der Kaiserlichen Marine vor 1914, in: MGM 10 (2/1971), S. 81-111, hier:
  S. 82. (zit. “MGM”); Ders., Marine, S. 159.
162
    Deist, Armee, S. 323; Papke, a. a. O., S. 194; Herwig, MGM, S. 82f; Ders., Marine, S. 140.
  Wilhelm II. kündigte seine persönliche Verbundenheit mit der Marine erst auf, als er sich von
  ihr in den Tagen der Matrosenrevolte von 1918 schmählich verraten glaubte. Herwig,
  Marine, S. 156.
163
    Herwig, Marine, S. 141f; Ders., MGM, S. 82.
164
    Herwig, Marine, S. 160.
165
    Herwig, MGM, S. 83 u. 85; Ders., Marine, S. 145 u. 148f.

                                                                                            42
  auf 90 % der Seekadetten im Jahre 1914 ansteigen, nachdem die Quote zehn Jahre
  vorher noch bei 40 % gelegen hatte.166
  Diese Regelungen führten zwar zu heftiger Kritik, 167 die sich vor allem des
  Argumentes bediente, die Anforderungen vergraulten den erwünschten Ersatz und
  förderten das Eindringen weniger erwünschter Kreise. Dies ist insofern richtig, als
  die Söhne von Akademikern, die mit 48 % Anteil an den Seekadetten im Jahre 1910
  vertreten waren, ebenso zu den weniger Erwünschten gezählt wurden, wie die Söhne
  von Pastoren und Fabrikbesitzern.168 Da aber gerade diese Gruppen zur selben Zeit
  bereits den Löwenanteil der Offiziersergänzung des Heeres stellten und dort vor
  allem   durch   bereitwillige   Annahme      der   gültigen   Wertvorstellungen     und
  Standestraditionen auffielen, erscheint der Einwand überflüssig. Die Voraussetzung
  des Abiturs wirkte letztlich genau wie in Bayern auf eine soziale Abschottung nach
  unten hin, wobei dies noch dadurch verstärkt wurde, daß auch die notwendige
  finanzielle Unterstützung der Seeoffiziersanwärter (jährlich rund 2000 Mark) die
  finanziellen Möglichen weiter Kreise des Kaiserreiches überstieg.169
  Interessant ist ferner, daß die Zahl der jährlichen Bewerber den Bedarf bei Weitem
  überschritt und dann trotz der vorherrschenden Ressentiments Bewerber jüdischen
  Glaubens eingestellt wurden, allerdings mit der Auflage, daß sie sich taufen
  ließen.170
  Das Seeoffizierskorps stellte sich zwar in die Tradition des Offizierskorps der
  preußischen Armee, andererseits setzte sich aber auch eine Stück weit die Bildung
  gegenüber dem Kriterium des Charakters durch. Aufgrund der bereits geschilderten
  opportunistischen Verhaltensweise des Bürgertums – auch jener Bürger, die auch in
  der Armee zunächst nur als bedingt erwünscht galten - beim Eintritt ins
  Offizierskorps und bei Vergegenwärtigung der Tatsache, daß sowieso der größte Teil
  des Seeoffizierskorps dem Bürgertum entstammte, stellt sich die Frage, warum die
  Verantwortlichen immer noch glaubten, den Bestand des Offizierskorps schützen zu
  müssen, obwohl das Bürgertum sich schon längst an dessen Wert- und
  Ehrvorstellungen ausgerichtet hatte.




166
    Herwig, MGM, S. 89 u. 92; Ders. Marine, S. 149.
167
    Vgl. dazu Dokument Nr. 9 auf s. 106ff des Anhangs von Herwig. MGM.
168
    Herwig, Marine, S. 149; Ders., MGM, S. 89. Im gleichen Zeitraum lag der Anteil der
  Offizierssöhne gerade einmal bei 14, 5 % in der Marine selbst, im Heer immerhin noch bei
  rund einem Viertel.
169
    Herwig, Marine, S. 150f. Zur Orientierung sei angemerkt, daß das durchschnittliche
  Jahreseinkommen eines deutschen Industriearbeiters im Jahre 1913 bei rd. 1300 Mark lag.
170
    Herwig, Marine, S. 147.

                                                                                       43
  4       Der Erste Weltkrieg


  Zu Beginn des Krieges standen 22.122 aktive Offiziere in Diensten des preußischen
  Kontingents des Reichsheeres. Dem gegenüber standen 24.371 Planstellen. Die
  Differenz ergab sich aus der Behauptung, man habe keinen geeigneten Ersatz finden
  können. Diese Form der Ergänzungspraxis konnte während des Krieges nicht
  aufrechterhalten werden. Die verantwortlichen Stellen weigerten sich zwar, im Laufe
  des Krieges verdiente Unteroffiziere zu Offizieren zu befördern, statt dessen schuf
  man     eine    Zwischenstufe,       die    sogenannten      Offiziersstellvertreter    und
  Feldwebelleutnants. Diese taten dauerhaft Offiziersdienst, allerdings meist in
  Garnison und Etappe. Ferner wurde nun auch Juden der Eintritt ins Offizierskorps
  gestattet, insgesamt rund 2000, die nun, als es ans Sterben ging, plötzlich die
  “Würde” besaßen, dem Kaiser zu dienen.171
  Zu den rund 22.000 aktiven Offizieren des preußischen Kontingents, welches in etwa
  drei Viertel des Reichsheeres ausmachte, kamen noch 29.230 Reserveoffiziere. Von
  diesen Offizieren waren bis zum 15. November 1915 bereits 5633 aktive und 7565
  Reserveoffiziere gefallen. Um diese Ausfälle zu kompensieren kam es zur
  Neubeförderung von 7537 aktiven und 52.181 Reserveoffizieren. Insgesamt hatten
  im preußischen Kontingent während des ganzen Krieges 46.000 aktive Offiziere
  gedient, von denen 11.000 gefallen waren.172
  Doch nicht nur die Verluste an Menschenleben machten dem Offizierskorps zu
  schaffen. Die Gegebenheiten der “ersten totalen Krieges”173 zerstörten auch viele der
  Illusionen, die der einzelne Offizier mit einem “Kampf” verband. Zum einen mußten
  sich die Führungsgremien fragen lassen, ob sie sich der Konsequenzen bewußt
  waren, die ein Konflikt unter den damaligen technischen Gegebenheiten mit sich
  bringen mußte. Des weiteren änderte sich die Rolle der einzelnen Waffengattungen
  dramatisch. Die Kavallerie, vor dem Krieg hoch angesehen, verlor nahezu völlig an
  Bedeutung, weil sie im Stellungskrieg beschäftigungslos war. Die vormals verpöhnte
  Artillerie erschien nun als die mit Abstand wichtigste Waffe des Sitz- und
  Grabenkrieges.174



171
    Deist, Offizierskorps, S. 47; Schmid-Richberg, a. a. O., S. 90f; Herwig, Marine, S. 154f.
172
    Schmid-Richberg, a. a. O., S. 90f; Demeter, a. a. O., S. 47. Aufgrund der hohen Verluste
  ging man in der zweiten Kriegshälfte dazu über, die verbliebenen aktiven Offiziere in den
  Stabsdienst zu versetzen.
173
    Wehler, Hans-Ulrich, Der erste totale Krieg. Woran das deutsche Kasierreich zugrunde
  ging – und was daraus folgte, in: Die Zeit 35/1998, S. 66 (zit. “Krieg”).
174
    Deist, Offizierskorps, S. 51; Ostertag, Bildung, S. 274 u. 276ff; Ulrich, Bernd u. Ziemann,
  Benjamin, Das soldatische Kriegserlebnis, in: Wolfgang Kruse (Hg.), Eine Welt von Feinden.
  Der große Krieg 1914-1918, Frankfurt/Main 1997, S. 127-158, hier: S. 127 u. 132.

                                                                                            44
  Trotz dieses tagtäglichen Grauens ist es mit der viel beschworenen klassenlosen
  Frontgesellschaft nicht weit her. Wenn auch die unteren Offiziersränge im Sterben
  gleich waren mit den Mannschaften, so waren die Offiziere aber wenigstens vorher
  privilegiert versorgt und bezahlt. 175 Wie tief die Wut der Gemeinen angesichts
  solcher Ungleichheiten sitzt, dokumentiert sich in den zahllosen Fällen, in denen im
  Zuge der Erhebungen der Arbeiter, Matrosen und Soldaten in den wirren
  Novembertagen des Jahres 1918 den Offizieren die Rangabzeichen und Orden der
  alten Armee heruntergerissen wurden.176




175
   Wehler, Krieg, S. 66; Ulrich/Ziemann, a. a. O., S. 127 u. 144.
176
   Mommsen, Hans, Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar 1918-1933, Berlin
  1998, S. 41.

                                                                                   45
5       Abschlußbetrachtung


Sicherlich wird bei der Bearbeitung eines solchen Themas, welches, wie ja schon in
der Einleitung betont, den Wesenskern des Kaiserreiches berührt, deutlich, daß viele
Dinge, welche den Verlauf der weiteren deutschen Geschichte im 20.Jahrhundert
beeinflußt haben, schon im Kaiserreich angelegt gewesen sind. Man denke nur an
die Warnung an die Offiziere, sich nicht mit “undeutscher” Kunst zu beschäftigen.
Wie weit der dann folgende Schritt von der “undeutschen” zur “entarteten” Kunst
letztlich ist, möchte ich mir an dieser Stelle nicht erlauben, zu beurteilen.
Des weiteren lassen sich Geistestraditionen aufzeigen vom Antiparlamentarismus,
Antirepublikanismus,     Antiliberalismus,    der    Antimodernität    und      auch   der
Antiintellektualität der konservativen Kreise der Weimarer Republik zurück zur
vehementen Bekämpfung von zuviel Bildung im Offizierskorps.
Wie sehr der verhaßte “Diktatfrieden” von Versailles, die Folge des “Dolchstoßes”,
in Wirklichkeit dem Sozialprotektionismus des Adels entgegenkam, wird nirgendwo
eingestanden. Die laut Vertrag zugestandene Hunderttausend-Mann-Armee,
ursprünglich waren 200.000 angedacht gewesen, machte es mit einem Schlage
wieder möglich, die soziale Homogenität des Offizierskorps wiederherzustellen.
Die maßlose Überschätzung der Leistungsfähigkeit und auch des Ansehens der
Armee kann aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollzogen werden, aber die
Militarisierung nahezu allen gesellschaftlichen Lebens läßt heute das Gefühl
aufkommen, die Gesellschaft des Kaiserreiches habe einem einzigen Heerlager
geglichen.
Vielleicht sollte man sich aber auch einmal versuchen, von der heutigen Perspektive
zu lösen und die Dinge aus ihrer Zeit heraus zu beurteilen suchen. Was für Ängste
mögen einen adeligen Offizier gequält haben, der nicht wußte, wie sich die
Geschichte des Kaiserreiches entwickeln würde ? War es für jeden Zeitgenossen
klar, daß es eine womöglich blutige Revolution der Arbeiterschaft nicht geben
werde, wie uns die Geschichte gelehrt hat ?
Auch wenn es unwissenschaftlich erscheint, sich die Frage zu stellen, “Was wäre
wenn ?”, sollte man sich dabei aber doch vor Augen halten, daß der Gang der
Geschichte unter Umständen auch ein anderer hätte sein können. Die Art und Weise,
wie also während des Kaiserreiches versucht wurde, das Offizierskorps als
Kampfinstrument im Inneren zu nutzen, war vielleicht dilettantisch – man denke nur
an die damals übliche Art und Weise der Mannschaftserziehung – aber aus der Zeit
heraus durchaus zu verstehen. Auch der Vorwurf, das Offizierskorps habe die
Herrschaft der Krone nach besten Kräften gestützt, ist meiner Ansicht nach in der


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Form nicht haltbar, denn jeder Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland wird
gleiches in heutiger Situation auch von der Bundeswehr und ihrem Offizierskorps
verlangen. Die wichtigste Rolle von Streitkräften in einem jeden Staatswesen ist die
auf der Möglichkeit der Gewaltsamkeit beruhende Legitimierung und Festigung der
Macht des Staates. Ob man dies goutiert oder aber kritisiert, hängt schlichtweg von
der eigenen Einstellung zum gesamten System ab.
Daß unser heutiges Bild des Kaiserreiches natürlich in weiten Teilen – auch nicht zu
Unrecht – überschattet wird von der Zäsur des Jahres 1933, ist nur folgerichtig. Daß
aber eine dauernde Betrachtung des Kaiserreiches durch die “Brille von 1933” – so
wichtig die Berücksichtigung der vorhergehenden Entwicklungen für das
Verständnis des Nationalsozialismus auch ist – das Begreifen dieser Zeit als eigener
Epoche erschwert und den Blick auf ihr eigentümliche Charakteristika verstellt, kann
nicht geleugnet werden.
Trotzdem sollen diese spekulativen Schlußüberlegungen nicht den Auftakt zu einer
völligen Absolution der Fehler der herrschenden Schichten des Kaiserreiches
werden, im Gegenteil. Die Schuld für die kommende Entwicklung haben diese
Kreise voll zu verantworten, aber wichtig sollte sein zu berücksichtigen, daß jenes
vor allem in den Jahren der Weimarer Republik beschworene Bild des kommenden
“Dritten Reiches”, nicht schon implizit den Nationalsozialismus in sich getragen hat.
Die Sehnsucht nach einem “starken Mann” und einem neuen “autoritären
Nationalstaat” der konservativen Republikfeinde ist nicht zu leugnen, doch ist es zu
bezweifeln, daß ihnen der Nationalsozialismus als Erfüllung dieser Wünsche
erschienen ist.




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6         Anhang


6.1       Abkürzungen


In alphabetischer Ordnung:


KO                                     Kabinettsordre


MGFA                                   Militärgeschichtliches        Forschungsamt
                                       (Potsdam, ehemals Freiburg im Breisgau).


MGM                                    Militärgeschichtliche Mitteilungen


6.2       Quellen


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“Soziale Herkunft und wissenschaftliche Vorbildung des Seeoffiziers der
Kaiserlichen Marine vor 1914”, in: MGM 10 (1971), S. 81-111.


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(Hg.), “Die deutschen Verfassungen des 19. Und 20. Jahrhunderts”, 14. Akt. u. erw.
Aufl., Paderborn 1992.


Lautemann, Wolfgang; Schlanke, Manfred
(Hg.), “Geschichte in Quellen, Bd. 5, Das bürgerliche Zeitalter 1815-1914”, bearb.
von Günter Schönbrunn, München 1980.


Meier-Welcker, Hans
(Hg.), “Offiziere im Bild von Dokumenten aus drei Jahrhunderten”, Stuttgart 1964
(Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 6).


Rumschöttel, Hermann:
“Bildung und Herkunft der bayerischen Offiziere 1866-1914. Zur Geschichte von
Mentalität und Ideologie des bayerischen Offizierskorps”, in: MGM 8 (1970), S.
81-132.


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Vierhaus, Rudolf:
(Hg.) “Am Hof der Hohenzollern. Aus dem Tagebuch der Baronin Spitzemberg
1865-1914”, München 21979.


6.3     Literatur


In alphabetischer Ordnung:


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“Der deutsche Offizier. Sozial- und Bildungsgeschichte des deutschen Offiziers im
20. Jahrhundert”, München 1982.


“Vom Kaiserheer zur Bundeswehr. Sozialstruktur des Militärs: Politik der
Rekrutierung von Offizieren und Unteroffizieren”, Frankfurt/Main u.a. 1981 (Europ.
Hochschulschriften, Reihe XXXI, Politikwissenschaft, Bd. 28).


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“Die Grundzüge der Beförderungsordnungen”, in: Meier-Welcker, Hans (Hg.),
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nach Leistung”, Stuttgart 1962 (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 4), 65-152.


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“Deutsche Verfassungsgeschichte. Bd. 2, Von 1806 bis zur Gegenwart”, München
1990.


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1997.


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“Zur Geschichte des preußischen Offizierskorps 1888-1918”, in: Hoffmann, Hans
Hubert, Das deutsche Offizierskorps 1860-1960, Boppard am Rhein 1980 (Deutsche
Führungsschichten in der Neuzeit, Bd. 11), S. 39-57.


Beide hier genannten Aufsätze auch in:
Ders.: “Militär – Staat – Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen
Militärgeschichte”, München 1991 (Beiträge zur Militärgeschichte , Bd. 34,
Festschrift Wilhelm Deist zum 60. Geburtstag).


Demeter, Karl:
“Das Deutsche Offizierskorps in Gesellschaft und Staat 1650-1945”, 3. Aufl.,
Frankfurt/Main 1964.


Euler, Friedrich Wilhelm:
“Die deutsche Generalität und Admiralität bis 1918”, in: Hoffmann, Hans Hubert,
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Führungsschichten in der Neuzeit, Bd. 11), S. 175-210.


Geyer, Michael:
“Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980”, Frankfurt am Main 1984.


Herwig, Holger H.:
“Soziale Herkunft und wissenschaftliche Vorbildung des Seeoffiziers der
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“Das Offizierskorps der Kaiserlichen Marine vor 1918”, in: Hoffmann, Hans Hubert,
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(Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 6).


(Hg.), “Untersuchungen zur Geschichte des Offizierskorps. Anciennität und
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Messerschmidt, Manfred:
“Die Armee in Staat und Gesellschaft – Die Bismarckzeit”, in: Stürmer, Michael
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Militärgeschichte 1648-1933, Bd. 2, Absch. IV, Militärgeschichte im 19.
Jahrhundert, Teil 2, München 1979, S. 3-225.


“Das preußisch-deutsche Offizierskorps 1850-1890”,in: Hoffmann, Hans Hubert,
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Verfasser der Einleitung zu: Meier-Welcker (Hg.), Offiziere im Bild von
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Bd. 6).


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“Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd.2, Machtstaat vor der Demokratie”, München
1998.


Ostertag, Heiger:
“Bibliotheksbestände und literarische Interessen. Indikatoren für das Bildungsniveau
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“Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierskorps im deutschen Kaiserreich
1871-1918. Eliteideal, Anspruch, Wirklichkeit”, Frankfurt/Main u.a. 1990 (Europ.
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zugl. Univ.-Diss. Freiburg/Breisgau 1989).


Papke, Gerhard:
“Offizierkorps und Anciennität”, in: Meier-Welcker, Hans (Hg.), “Untersuchungen
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Rumschöttel, Hermann:
“Das bayrische Offizierskorps 1866-1914”, Berlin 1973 (Beiträge zu einer
historischen Strukturanalyse Bayerns im Industriezeitalter, Bd. 9).


“Das bayerische Offizierskorps 1866-1918”, in: Hoffmann, Hans Hubert, Das
deutsche   Offizierskorps   1860-1960,    Boppard      am   Rhein     1980   (Deutsche
Führungsschichten in der Neuzeit, Bd. 11), S. 75-98.


“Bildung und Herkunft der bayerischen Offiziere 1866-1914. Zur Geschichte von
Mentalität und Ideologie des bayerischen Offizierskorps”, in: MGM 8 (1970), S.
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Schmid-Richberg, Wiegang:
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“Das soldatische Kriegserlebnis”, in: Kruse, Wolfgang (Hg.), Eine Welt von
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Ullrich, Volker:
“Die nervöse Großmacht 1871-1918. Aufstieg und Untergang des deutschen
Kaiserreiches”, Frankfurt am Main 1997.


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“Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1 Vom Feudalismus des Alten Reiches bis
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“Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3 Von der “Deutschen Doppelrevolution”
bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914”, München 1995.


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Wohlfeil, Rainer:
“Die Beförderungsgrundsätze”, in: Meier-Welcker, Hans (Hg.), “Untersuchungen
zur Geschichte des Offizierskorps. Anciennität und Beförderung nach Leistung”,
Stuttgart 1962 (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 4),S. 15-64.




                                                                                53

								
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