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Ernst Moritz Arndt

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Ernst Moritz Arndt
Ernst Moritz Arndt



Ernst Moritz Arndt verkündet 1813 in seiner Schrift Über Volkshaß und über den

Gebrauch einer fremden Sprache vor dem gleichen Hintergrund der Napoleonischen

Okkupation Deutschlands und mit gleicher Intention wie Fichte:



12. Weil jede Sprache das äußere Abbild des innersten Gemütes eines Volkes ist,

weil sie die Form ist, welche sich von Kind auf des ganzen Menschen, der sie

spricht, am gewaltigsten bemeistert und seinem Geiste und seiner Seele das

Gepräge gibt, womit er empfinden, denken, lieben und leben soll: sie ist der

erstarrte Geist der vergangenen Geschlechter, den die Lippe auftut, weil sie die

Worte erfaßt [...] Aus dieser Verschiedenheit der Sprachen und aus der

eigentümlichen Bildung, die mit einer jeden Sprache verknüpft ist, und aus

manchen teils sichtbaren, teils unsichtbaren früheren oder späteren Ursachen

erwächst der Widerwille und die Abneigung, welche die Völker in einzelnen

Punkten gegeneinander haben und welche ihre Unabhängigkeit und Freiheit

besser sichern als noch so viele befestigte Städte und gezückte Schwerter.1



Arndt ist mit Blick auf unmißverständlich nationalistische Losungen eine sehr

ertragreiche Quelle. Die folgenden Arndt-Passagen verdeutlichen recht gut den Geist der

Zeit, wie Arndts Hauptwerk um 1813 heißt, sowie die Richtung, die man von

Herderschen Positionen aus nehmen konnte. Was die Begrenzung durch die Sprache

betrifft, geht Arndt weit über Herder hinaus durch eine geradezu religiöse

Fundamentierung der nationalen Grenzziehung. Im Vorfeld der zitierten Passage heißt es:



13. [Gott] schuf verschiedene Klimate und senkte verschiedene Anlagen, Triebe,

Neigungen und Fertigkeiten in des Menschen Brust; damit dies bestehen könnte,

schuf er verschiedene Sprachen und stiftete Abneigungen, ja Feindschaften

zwischen den Völkern: doch so, daß es allgemeine Gefühle und Begriffe von

Tugend und Gerechtigkeit gibt, welche allen Völkern der Erde gemein sind und

wodurch in einer höheren Eintracht und Übereinstimmung das verbunden wird,

was man die Menschheit nennt. Jene Menschheit, jene heilige und göttliche

Gemeinschaft aller Völker und Länder, verehren und wollen auch wir [...]2



Auf der Grundlage dieser von Gott gegebenen Verschiedenheit postuliert Arndt die

Notwendigkeit der Nationenbildung, aber auch supranationaler „Gefühle und Begriffe

von Tugend und Gerechtigkeit“ als inter-nationale Verhandlungsbasis. Damit wird

bestätigt, was Gellner als das Gesetz jener Zeit sieht: die Unerläßlichkeit nationaler

Selbstbestimmung, um international Anerkennung zu finden.3 Arndts Anrufung einer

„göttlichen Gemeinschaft aller Völker und Länder“ ist allerdings noch kein Nachweis

einer liberalen Spielform des Nationalismus, der auf die Umgrenzung der Relata nur



1

Arndt, Ernst Moritz: Über Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache, in: Michael

Jeismann und Henning Ritter (Hgg.), Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus, Leipzig 1993, S.

326f.

2

Ebd., S. 325

3

Ernest Gellner, Nationalismus und Moderne, S. 80, S. 174 u. ö.

abzielt, um diese durch internationale Kontakte in eine Relation bringen zu können. Im

Gegenteil, Arndt betont wiederholt die Notwendigikeit der Grenzziehung und sogar des

Hasses als Voraussetzung der vorzunehmenden (ethnischen) Identitätsfindung:



14. Es ist eine unumstößliche Wahrheit, daß alles, was Leben und Bestand haben

soll, eine bestimmte Abneigung, einen Gegensatz, einen Haß haben muß, daß, wie

jedes Volk sein eigenes innigstes Lebenselement hat, es ebenso eine feste Liebe

und einen festen Haß haben muß, wenn es nicht in gleichgültiger Nichtigkeit und

Erbärmlichkeit vergehen und zuletzt mit Unterjochung endigen will. Ich könnte

traurig hinweisen, wodurch die letzten Jahre über Teutschland gekommen sind.

Wir liebten und erkannten das Eigene nicht mehr, sondern buhlten mit dem

Fremden.4



Gerade die Vermischung mit dem Ungleichen – das ist der Tod der großen Tugend und

die Geburt der Eitelkeit. Auch diejenigen Menschen werden nichtig, schwächlich und

eitel, welche sich nicht aus ihren eigenen Anlagen herausarbeiten wollen, sondern

welchen es leichter deucht, andern nachzuahmen und sich in fremde Naturen gleichsam

hineinzuleben. Ebenso ist es mit den Völkern. Jedes Volk behalte das Seine und bilde es

tüchtig aus, hüte sich aber vor aller Buhlerei mit dem Fremden, weil es die Tugenden der

Fremden dadurch nicht gewinnen kann, die eigenen Tugenden aber schwächt und

verdunkelt.5



Die Bildung eines Vielvölkerstaates ist, so Arndt mit Blickj auf den bewaffneten

„Völkervereiniger“ Napoleon, Gotteslästerung:



15. Wer also von Einer Religion, von Einem Staate, von Einer Sprache, von

Einem gebietenden Volke spricht, der spricht gegen Gott und seinen ewigen

Willen. Wer alle Völker vereinigen, wer allen Völkern gebieten, wer die

Verschiedenheiten, die Gott geschaffen hat, vertilgen will, der tut wider Gottes

Willen [...]6



Angesichts dieser entschiedenen Abgrenzung verschiedener ethnischer Einheiten

voneinander, entsteht recht bald die Frage nach ihrer Relationen. Hier ist das

gleichberechtigte Miteinander denkbar und in vielen Fällen auch von Politikern

intendiert. Es ist allerdings auch ein Allgemeinplatz der Psychologie, daß der Aufbau

einer eigenen Identität sich oft mittels Abwertung einer anderen vollzieht. Nimmt man

Arndt selbst beim Wort, so muß Liebe (seiner selbst) Haß (des Fremden) voraussetzen,

wenn man nicht „in gleichgültiger Nichtigkeit und Erbärmlichkeit vergehen“ will, in

weniger krassen Worten heißt dies: es muß eine Rangordnung geben, auf der das Eigene

möglichst an der Spitze steht.









4

Arndt, Über Volkshaß, S. 328f.

5

Ebd., S. 331

6

Ebd., S. 326.

Spürt man nun Arndts Text in dieser Hinsicht nach, stößt man erstaunlicherweise auf die

Erklärung, zu keiner Qualifizierung der entstandenen nationalen Einheiten greifen zu

wollen:



16. Im allgemeinen ist die Frage töricht, welches Volk besser sei, der Engländer

oder der Spanier, der Teutsche oder der Franzose, weil die Vergleichungen

gewöhnlich einen lächerlichen Streit der Eitelkeit geben, so wie es töricht ist,

wenn ich frage: Ist die Eiche besser als der Dornstrauch, das Veilchen als der

Schierling, die Distel als der Rosenbusch? Aber wie? Wenn es den Disteln

einfiele, sich mit den edlen Kindern des Rosenbusches vermählen zu wollen?

Sollte der Rosenbusch da seine Dornen nicht gebrauchen? Wie, wenn wir der

Rosenbusch wären und die Franzosen die Disteln?7



Eine solche Bekundung gehört freilich auch zur Rhetorik eines nationalen Diskurses und

besagt nicht viel. Unter der Oberfläche verrät sich allerdings die wahre Haltung anhand

der benutzten botanischer Topoi: Eiche und Dornstrauch, Distel und Rosenbusch



Es sei an dieser Stelle daran erinnert, daß die Erfahrung der Fremdherrschaft, die

Entmündigung der Deutschen und z.B. die Ohnmacht angesichts der Plünderung

deutscher Kunst durch ungebildete Soldaten der Grande Nation, nicht eben dazu

geschaffen waren, die Liebe zu dieser zu erhöhen.



Arndt hat auch als Demokrat gegen die Fremdherrschaft aufbegehrt, und er hat als

Demokrat und Fürstenkritiker und somit als ‘Demagoge’ nach 1813 die Haussuchungen

seiner eigenen Landsleute und die Suspendierung aus dem Staatsdienst zu ertragen

gehabt.



Aber Arndts verständliche Wut im Angesicht der französischen Besetzung hat, darum

geht es hier, eine gefährliche Denkweise etablieren helfen, die nach 1813 fortwirken

konnte. Wie untergründig die Ressentiments dabei unabhängig von der beschriebenen

Situation wirken, offenbaren mitunter gerade die unscheinbaren Textstellen, die

Passagen, in denen von Blumen die Rede ist.









7

Ebd., S. 331


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