Goethe_ Maifest

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					Interpretation von Lyrik - J.W. v. Goethe                                             S. 1

Goethe, Maifest
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)
Maifest

1   Wie herrlich leuchtet                          O Mädchen, Mädchen,
    Mir die Natur!                                 Wie lieb' ich dich!
    Wie glänzt die Sonne!                          Wie blinkt dein Auge,
    Wie lacht die Flur!                            Wie liebst du mich!

5   Es dringen Blüten                         25 So liebt die Lerche
    Aus jedem Zweig                              Gesang und Luft,
    Und tausend Stimmen                          Und Morgenblumen
    Aus dem Gesträuch                            Den Himmelsduft,

   Und Freud und Wonne                           Wie ich dich liebe
10 Aus jeder Brust.                           30 Mit warmem Blut,
   O Erd', o Sonne,                              Die du mir Jugend
   O Glück, o Lust,                              Und Freud und Mut

   O Lieb', o Liebe,                             Zu neuen Liedern
   So golden schön                               Und Tänzen gibst.
15 Wie Morgenwolken                           35 Sei ewig glücklich,
   Auf jenen Höhn,                               Wie du mich liebst.

   Du segnest herrlich                                                  (1771)
   Das frische Feld -
   Im Blütendampfe
20 Die volle Welt!




Interpretation in Schritten (nach dem 3-Phasen-Modell in “Blickfeld Deutsch”, S. 136 ff.)

1. Phase
Erwartungen in bezug auf den Titel, Freude an der erwachenden Natur, Lust an Leben und
Gesamteindruck                      Liebe , überschäumende Lebenslust, Jubel

Auffälligkeiten, Befremdendes,       kurze Strophen, kurze Verse, nur Schönes, viel “i”
Unverständliches

Notizen                              Verbindung Natur – Freude – Mädchen – Liebe – Glück



2. Phase (Textbeschreibung)
Interpretation von Lyrik - J.W. v. Goethe                                             S. 2
Autor, Titel, Erscheinungsdatum,   J.W. Goethe, “Maifest”; entstanden vermutlich 1771,
-ort und –jahr                     erschienen 1775; abgedruckt in :
                                   Johann Wolfgang von Goethe, Werke.
                                   Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Herausgegeben von
                                   Erich Trunz, Band 1, München 1974, S. 30

zum Autor                          Goethe studierte 1770/71 in Straßburg und liebte in
                                   dieser Zeit Friederike Brion, Pfarrerstochter aus Sesen-
                                   heim; gleichzeitig wurde er mit Herders Natur- und
                                   Kunsttheorie bekannt; aus dieser Verbindung entstan-
                                   den die Sesenheimer Lieder, von denen das Mailied
                                   eines ist.

Thema                              Thema ist das Glücksgefühl, das das lyrische Ich
                                   durchdringt angesichts des erwachenden Lebens in der
                                   Natur und aufgrund der Liebe mit einem Mädchen.

Textzusammenfassung                Das lyrische Ich bejubelt die sonnendurchflutete Natur,
                                   beschreibt, wie Leben und Jubel überall hervordringen,
                                   wie die Liebe die Welt mit Leben beschenkt; es
                                   bejubelt die gegenseitige Liebe mit einem Mädchen
                                   und vergleicht dies mit der Lebenssphäre von Lerche
                                   und Morgenblume; und in den letzten beiden Strophen
                                   erklärt das lyrische Ich seinem Mädchen, dass sie, die
                                   Angesprochene, Quell all seiner Lebensfreude sei.

Erzählperspektive, Blick-          Ich-Erzähler, läßt den Hörer/Leser intensiv und eng an
führung                            seinem Empfinden teilnehmen

Erzählzeit, erzählte Zeit          beides: die erlebte und beschriebene Gegenwart

Charakteristik der Hauptperson     eins mit der Natur, jubelnd vor Liebe und Glück


Anlaß                              Maifest, offensichtliche Freude und Erfüllung

Medium, Adressatenkreis            ursprünglich nur für Friederike Brion bestimmt, später
                                   veröffentlicht

Intention des Autors               erkennbar Ausdruckstext, Vermittlung des eigenen
                                   Lebensgefühls und der Freude über die Liebe

Einordnen des Gedichts in          eines der ersten Werke der Sesenheimer Lyrik, die
das Gesamtwerk                     Goethe in seiner Studienzeit verfasste; Sturm und Drang

Textform                           9 Strophen, je vier Verse, Jambus, strenge Ordnung,
                                   trotz des Charakters des Naturhaften, Ursprünglichen,
                                   vital Kreativen; in jeder Strophe zwei Hebungen; je
                                   zwei (Halb-)Verse bilden eine Einheit (Reim);
Interpretation von Lyrik - J.W. v. Goethe                                          S. 3
                               Viele Ausrufe (“O Erd, o Sonne, ...); Wechsel zwischen
                               Ausrufen und Aussagesätzen = Ausdruck der Empfin-
                               dung (zweimal eine ganze Strophe) und Darstellung in
                               drei Phasen, z.T. strophenübergreifend; heller Klang

Wirkung                        einheitlicher seelischer Ton des Glücks, der Liebe und
                               der Freude ohne Brechung oder Beeinträchtigung;
                               Einheit von liebendem Ich und Natur

Sprachebene und Sprachform     ausgeprägte Ausdruckssprache, gefühlshaft, unreflektiert
                               wirkend; z.T. stammelnd, ohne Satzbau, eruptiv

Satzbau, -längen,              z.T. Sätze unterschiedlicher Länge, z.T. unvollständig,
Wirkung der Sätze              hervorquellende Gefühle

Wortwahl                       Wörter und Begriffe zum Wortfeld “Licht”, “Natur”,
                               “neu”, “Leben”, “Freude” und “Liebe” in Verbindung
                               zueinander; nur wenig unterschiedliche Verben

Analyse wichtiger Wörter       “dringen” = neues Leben drängt mit nicht beherrsch-
                               barer Kraft aus Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt;
                               Liebe = vergoldet und segnet Mensch und Welt
                               “lieben” = Innigkeit der Beziehung zwischen dem
                               lyrischen Ich und dem Mädchen sowie als lebens- und
                               freudenspendende Kraft wie auch innerhalb der belebten
                               Natur (Lerche – Luft, Blume – Himmelsduft)

rhetorische Mittel             die Freude und das Lebensgefühl werden deutlich in
                               Sprachbildern: dem lyrischem Ich erscheinen Freude,
                               Leben und Sonne überall her hervorzudringen (Zweig,
                               Gesträuch, Brust), Liebe wie Morgenwolken auf Höhn;
                               Liebe als segnende Kraft, die Leben urgewaltig hervor-
                               bringt (“Im Blütendampfe die volle Welt”) etc. sowie in
                               Vergleichen, die das Empfundene sagbar und begreifbar
                               machen sollen (z.B. ... so golden schön wie Morgen-
                               wolken ..., So liebt die Lerche ... , etc.
                               Anaphern und Verdoppelungen betonen das Gewicht der
                               Empfindung.

Erkenntniswert und Stellung-   Die Beschreibung des Lebensgefühls umfasst für das
nahme zum Text                 lyrische Ich, für den Leser nachvollziehbar, die umgeben-
                               de Natur und die ganze Welt, sie füllt sein Inneres aus
                               und schenkt seinem Leben Kraft und Freude. Sie bildet
                               in seiner Wahrnehmung (“Wie herrlich leuchtet mir die
                               Natur ...”) eine Einheit der Welt aus Natur, Tier- und
                               Pflanzenwelt, aus dem lyrischen Ich und seinem gelieb-
                               ten Mädchen. Diese subjektive Wirklichkeit wird erlebt
                               als Welt, die von einer allmächtig wirkenden und alles
                               beherrschende Macht erfüllt ist: der Kraft des Lebens,
                               für die Menschen zueinander erlebt als Macht der Liebe.
Interpretation von Lyrik - J.W. v. Goethe                                                S. 4
                                      Diese Liebe vereint das lyrische Ich mit seinem Mäd-
                                      chen und der Natur zu einer Einheit, die als Wonne er-
                                      lebt wird und an der der Leser teilhaben kann und dieses
                                      Erlebnis mit eigenen Empfindungen vergleichen kann.
                                      Unabhängig von persönlicher Bewertung durch den
                                      Leser wird in diesem Gedicht Denken und Fühlen der
                                      Epoche des Sturm und Drang deutlich, der dieses
                                      Gedicht Goethes entstammt. Es wirkt so echt, dass es
                                      wohl wahrem Gefühl Ausdruck verlieh.

        (Verhältnis Inhalt – Form)
Aufbau des Gedichts, Sinnabschnitte Str. 1-3 Vers 2: Freude an der äußeren Natur
                                    Str. 3, Vers 4 bis Str. 5, Ende: Wirkung der Liebe
                                    Str. 6 bis Schluss: Liebe zu seinem Mädchen.
                                    Diese Abschnitte werden jeweils eingeleitet durch
                                    Aus- oder Anrufe, und das Gedicht schließt mit der
                                    Hinwendung zu dem Mädchen (“du”) mit dem Wunsch
                                    für ihr ewiges Glück.
                                    Verdoppelungen, Anaphern und strophenübergreifende
                                    Sätze bilden einen inneren Zusammenhang und eine
                                    Intensität, die das Gefühlte und Gesagte betont und
                                    verstärkt. Sie bilden das sprachliche Element, das das
                                    lyrische Ich in seinem Sehnen und Verlangen mit der
                                    Natur und mit seinem Mädchen vereint.

versch. Interpretationsansätze        autorenbezogen: Goethes Liebe zu Fr. Brion
                                      epochebezogen: Sturm-und Drang-Lyrik
                                      geistesgeschichtlich: Rokoko, Naturmystik
                                      soziologisch: Zweierbeziehung ohne Gesellschaftsbezug
                                      psychologisch: Verliebtheit, Gefühlsüberschwang
                                      etc.

Nach dieser Vorarbeit folgt die Ausführung des fertigen Aufsatzes (nach einer einleitenden
Vorstellung des Gedichtes, des Autors und der Herkunft des Gedichts) in drei Teilen:
- Thema und Inhalt, - Form und Sprache (Hauptteil) und - Stellungnahme und Urteil

				
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posted:11/7/2011
language:German
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