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interw_capra_ta_2010

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					Tages-Anzeiger – Montag, 18. Januar 2010                                                                                                                                                                                    27

Kultur & Gesellschaft                                                                                                                                                    Bildung & Chancen Nicht mehr
                                                                                                                                                                         nur für die Jungen: Das Angebot für
                                                                                                                                                                         Sprachreisen ins Ausland ist heute
                                                                                                                                                                         breiter und exotischer. 31

                                                                                                                                                                                      Das «Du» scheitert
«Die Katastrophen werden sich                                                                                                                                                         an Suhrkamp

häufen und verschlimmern»                                                                                                                                                             Der Suhrkamp-Verlag ist von Frankfurt
                                                                                                                                                                                      nach Berlin gezogen. Warum? Darauf
                                                                                                                                                                                      gibt es zwei Antworten: die idealistische,
                                                                                                                                                                                      von der Verlagsleitung selbst propa-
Der Physiker und Systemtheoretiker Fritjof Capra (70) ist der Vordenker der alternativen Bewegungen.                                                                                  gierte (in Berlin gehts intellektuell und
                                                                                                                                                                                      politisch ab, da muss man dabei sein
                                                                                                                                                                                      etc.), und die materialistische (so konnte
                                                                                                                                                                                      man ohne grossen arbeitsgerichtlichen
Mit Fritjof Capra sprach                        Tragen die Institutionen die Schuld?         Parallelen zwischen Mystik und Physik,       Eine ökologische Tiefenpsychologie?         Ärger viele Angestellte loswerden). Das
Guido Kalberer in Luzern                        Ja, diese sind erstarrt und haben einen      zwischen Spiritualität und Wissen-           Nein. Der Begriff setzt sich ab von einer   aktuelle Heft der Kulturzeitschrift «Du»
                                                zu kleinen Horizont. Die langfristigen       schaft geschrieben habe. Als das Buch        seichten Ökologie, die die Umwelt           mit dem Suhrkamp-Schwerpunkt mag
In den frühen 80er-Jahren musste                Folgen unserer Abhängigkeit von fossi-       Mitte der 70er-Jahre erschien, wurde         nur als Ressourcenquelle wahrnimmt          sich da nicht entscheiden. Die zweite
man Ihre Bücher gelesen haben,                  len Brennstoffen und die damit ver-          ich belächelt. Mittlerweile sind meine       und die Tiere bloss als Nutztiere. Die      Antwort wird verschämt zitiert, die erste
wollte man sich die Aussichten als              bundene Umweltverschmutzung wer-             Thesen breit akzeptiert.                     Tiefenökologie bezieht die Werte nicht      brav nachgebetet.
Bewerber auf ein WG-Zimmer                      den viel zu wenig beachtet. Die Kata-                                                     auf den Menschen, sondern sieht die            Im Zentrum steht nämlich ein
nicht verderben. Heute ist es still             strophen, die mit der Erwärmung des          Sie schreiben, dass der Westen von           Lebewesen als an und für sich wertvoll      Interview mit der Verlagschefin Ulla
geworden um Sie.                                Klimas einhergehen, werden sich              der östlichen Lebensweise lernen             an. Der Mensch ist nur ein Strang in        Unseld-Berkéwicz, das zwar nicht so
Im deutschsprachigen Raum mag das               häufen und verschlimmern. Der Grund          sollte. Heute ist es vielmehr so, dass       einem lebenden Gewebe. Eine solche          groteske Antworten enthält wie das
zutreffen, in den USA und in Asien,             dafür liegt darin, dass wir schon zu         der Osten den Westen kopiert.                Weltsicht entspricht am ehesten der         schon legendäre aus der «Berliner Zei-
aber auch in Italien sind meine Bücher          viele Treibhausgase in die Atmosphäre        Ich habe meine Einstellung auch etwas        östlichen Philosophie.                      tung» («Die Strassen der Hauptstadt
nach wie vor im Gespräch. Der Fi-               ausgestossen haben. Das lässt sich           geändert. Es geht nicht so sehr um                                                       sind breiter, dort kann man nebenei-
scher-Verlag ist schuld daran, dass dies        nicht mehr rückgängig machen.                Osten oder Westen. Auch in China und         Ist die Welt weiblicher geworden?           nandergehen, dort kann man vielleicht
hier nicht der Fall ist. Im Unterschied                                                      Japan steht das Moderne im Vorder-           Eher nicht. Die Welt ist nach wie vor       sogar ein Stück weit aufrecht gehen und
zu meinem früheren Verlag, dem                  Bleiben Sie trotzdem optimistisch?           grund. Die Tiefenökologie des Norwe-         äusserst materialistisch, und Gewalt        geradeaus, mal sehn»). Aber verquast,
Scherz-Verlag in Bern, kümmert man              Ich bleibe Optimist am Montag und            gers Arne Naess sehe ich als das west-       und Krieg werden als Lösungsmittel für      preziös und unkonkret ist es auch. Fra-
sich in Frankfurt nicht mehr um mein            Dienstag, nicht so sehr am Mittwoch          liche Pendant der östlichen Spirituali-      Probleme angesehen. Selbst Obama,           gesteller Julian Schütt ist nicht der
Werk.                                           und Donnerstag. Die Situation ist schon      tät. Ein tiefes ökologisches Bewusst-        der viele Qualitäten des vernetzten Den-    Erste, der an Unseld-Berkéwicz geschei-
                                                sehr auf der Kippe.                          sein ist ein Bewusstsein der Zugehörig-      kens verkörpert, hat in Afghanistan         tert ist. In Begleittexten wird die Ver-
Nur «Das Tao der Physik» ist noch                                                            keit zu einem grösseren Ganzen – und         auf militärische Lösungen gesetzt. Die-     lagschefin dann als «deutsche Winkel-
erhältlich, der Bestseller «Wende-              Ihre Postulate sind zum Teil ja auch         diese Zugehörigkeit ist das zentrale Er-     ser Rückschritt in die Bush-Ära zeigt,      riedin» bezeichnet und gegen das «deut-
zeit» nicht. Schmerzt das nicht?                Wirklichkeit geworden.                       lebnis der Spiritualität oder Religion.      dass das Yin-Prinzip einen schweren         sche Feuilleton» Stellung bezogen, das
Doch, das tut weh. Meine alten Bücher           Das stimmt nur hinsichtlich dessen, was      Die Tiefenökologie ist eine Brücke zwi-      Stand hat gegen das dominierende,           den Abgang fast des kompletten Füh-
werden nicht wieder aufgelegt, und              ich in «Das Tao der Physik» über die         schen Wissenschaft und Religion.             auf Ausbeutung setzende Yang-Prinzip.       rungspersonals aus dem Verlag in den
wenn ein neues von mir in Deutschland                                                                                                                                                 letzten Jahren kritisch begleitet hatte.
auf den Markt kommt, legt man mir,                                                                                                                                                    Auf die «Suhrkamp-Soap» will das «Du»
der ich Englisch schreibe, nicht mal die                                                                                                                                              natürlich auch nicht verzichten, lässt
Übersetzung vor. So siehts leider aus.                                                                                                                                                dieses Kapitel aber von einem Autor
                                                                                                                                                                                      schreiben, der eingestandenermassen
Sie forderten vor 30 Jahren eine ge-                                                                                                                                                  alles nur aus der Zeitung weiss.
sellschaftspolitische Wende – weg                                                                                                                                                        Nichts Neues also? Einiges lohnt die
von dem einseitig auf den Nutzen                                                                                                                                                      Lektüre doch. Ein Auszug aus Friederike
ausgerichteten, mechanistischen                                                                                                                                                       Mayröckers im Frühjahr erscheinen-
Denken hin zu einem vernetzten,                                                                                                                                                       dem neuem Buch, Briefe zwischen Max
nachhaltigen Denken. Ist die Welt                                                                                                                                                     Frisch und Peter Suhrkamp, die Bilanz
inzwischen besser geworden?                                                                                                                                                           des Schweizer Ex-Suhrkamp-Autors
In mancher Hinsicht ist dies in der Tat so.                                                                                                                                           Gion Mathias Cavelty und eine Bemer-
Heute gibt es eine wirkliche Alterna-                                                                                                                                                 kung von Jürgen Habermas zum schwie-
tive zum mechanistischen Denken. Es                                                                                                                                                   rigen Umfeld der Geisteswissenschaften
gibt wissenschaftlich fundierte Ideen                                                                                                                                                 (Habermas schreibt vom «Unterbie-
und Werte, die sich zu einem ganzheit-                                                                                                                                                tungswettbewerb der Feuilletons um
lich-ökologischen Weltbild verbin-                                                                                                                                                    die Palme im Kampf gegen den ‹Ernst-
den. Vor 30 Jahren war dies bloss in An-                                                                                                                                              diskurs›»). Dazu eine Bilderstrecke, die
sätzen vorhanden. Seither hat sich                                                                                                                                                    suggeriert: Die alten Zeiten waren doch
das vernetzte Denken stark verbreitet.                                                                                                                                                die besseren. Was also will dieses unent-
                                                                                                                                                                                      schiedene Heft uns eigentlich sagen?
Das alles ist ja sehr erfreulich.                                                                                                                                                     Martin Ebel
Ja, die zentrale Metapher unseres Welt-
bildes hat sich gewandelt: Hat man                                                                                                                                                    Du. Januar/Februar 2010, 20 Fr.


Fritjof Capra                                                                                                                                                                         Filmpreis für «Kater»
Pionier des ökologischen Denkens
Am 1. Februar 1939 in Wien geboren, wuchs                                                                                                                                             München – Die Verfilmung von Thomas
Fritjof Capra in Innsbruck auf. Er studierte                                                                                                                                          Hürlimanns «Der grosse Kater» ist beim
Physik in Wien, Paris, Santa Cruz und London.                                                                                                                                         Bayerischen Filmpreis in München mit
Danach lehrte er in Berkeley, wo er auch                                                                                                                                              dem Produzentenpreis für den besten
heute noch lebt. Bekannt geworden ist er mit                                                                                                                                          Film ausgezeichnet worden. Die deut-
seinem Buch «Das Tao der Physik» (1977),                                                                                                                                              schen Produzenten der schweizerisch-
in dem er Physik und Mystik verband. In                                                                                                                                               deutschen Koproduktion von Regisseur
«Wendezeit» (1983) plädierte er für ein ver-                                                                                                                                          Wolfgang Panzer teilen sich den mit
netztes ökologisches Denken. (TA)                                                                                                                                                     200 000 Euro dotierten Preis mit den
                                                                                                                                                                                      Produzenten von «Wüstenblume». Der
                                                                                                                                                                                      Film mit Bruno Ganz in der Hauptrolle
früher unter dem Einfluss von Newton                                                                                                                                                  startet am Donnerstag in den Schweizer
und Descartes von der Maschine ge-                                                                                                                                                    Kinos. (SDA/TA)
sprochen, so spricht man heute vom
Netzwerk. Das Netzwerk ist nicht nur
das zentrale Organisationsmuster aller                                                                                                                                                Lieblingsorte
lebenden Systeme, sondern auch al-
ler gesellschaftlichen Institutionen und
Unternehmungen. Unsere Jugend,
rund um die Uhr vernetzt, wächst heute
                                                                                                                                                                                      Central
in Netzwerken auf.                                                                                                                                                                    Es ist ein Unding. Kein Platz, sondern
                                                                                                                                                                                      ein Knotenpunkt von öffentlichem
Gibt es denn überhaupt noch Grund                                                                                                                                                     und privatem Verkehr. Sechs Tram-
zur Sorge?                                                                                                                                                                            linien, zwei Buslinien und sechs Ver-
Das ökologische Denken hat sich zwar                                                                                                                                                  kehrsachsen für Autofahrer laufen hier
ausgebreitet, in Handlungen hat es                                                                                                                                                    zusammen und wieder auseinander
sich aber noch kaum niedergeschlagen.                                                                                                                                                 (nicht zu vergessen die herzige Poly-
Politiker und Manager agieren immer                                                                                                                                                   bahn). Über 20 000 Fahrgäste stei-
noch kurzfristig: in der Politik macht-                                                                                                                                               gen hier ein und genauso viele aus, je-
orientiert, in der Wirtschaft gewinn-                                                                                                                                                 den Tag. Hier bleibt man nicht, hier
orientiert. Dies ist den Führern in Poli-                                                                                                                                             strebt man weg, so schnell wie möglich.
tik und Ökonomie wichtiger als die                                                                                                                                                    Wahrscheinlich braucht unsere mo-
Verantwortung der Menschheit und der                                                                                                                                                  bile Welt solche Menschenstromvertei-
Erde gegenüber. Deshalb stehen wir                                                                                                                                                    leranlagen. Wer kann sich vorstel-
nach wie vor in einer schweren globalen                                                                                                                                               len, dass hier einst ein echter Platz lag,
Krise. Der stärkste Ausdruck davon                                                                                                                                                    nämlich der Leonhardsplatz? Be-
ist der Klimawandel. Da wir es mit mit-                                                                                                                                               nannt nach einer Kapelle, die längst ab-
einander zusammenhängenden Pro-                                                                                                                                                       gerissen ist. Der heutige Name rührt
blemen zu tun haben, kann es auch nur                                                                                                                                                 von einem Hotel her und gilt offiziell
systemische Lösungen geben, die                                                                                                                                                       seit 1950. Er hält das Undinghafte
verschiedene Probleme zugleich lösen.                                                                                                                                                 des Ortes auch sprachlich fest: «Cen-
Obwohl wir wissen, woran das Sys-                                                                                                                                                     tral» als Substantiv, als Hauptwort,
tem krankt, fehlt es an der Umsetzung –                                                                                                                                               gibt es nicht. Es ist und bleibt ein Adjek-
und am politischen Willen.                      Am Montag und Dienstag ist Fritjof Capra jeweils Optimist, am Mittwoch und Donnerstag schon weniger. Foto: Basso Cannarsa (Opale)     tiv. Nur nicht in Zürich. (ebl)

				
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