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					                                         Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Graz



Thesen zum Vortrag: “Die Bildungskrise der Gegenwart” (1930/31)
Von Ernst Manheim (Leipzig)
Transliteration und Kommentar von Reinhard Müller*


Die Bildungskrise der Gegenwart ist ein Teil der Gegenwartskrise überhaupt. Die
Frage: welche Bildung ist in dieser kritischen Lage verpflichtend, ist eine zeitgebun-
dene Frage im doppelten Sinne. Sie wird näml[ich] in und von der Zeit gestellt, und
sie fragt andererseits nach der Zeit, nach ihrer Signatur; sie fragt nach der Zeitdia-
gnose, von der aus Inhalt und Funktion der Bildung bestimmt werden müssen.
In der Krise unserer Zeit wird der Uebergangscharakter der industriellen Gesell-
schaftsordnung akut. Das Hervorgehen neuer Ordnungen aus ihr bedeutet in einem
die Auflösung und den Zerfall alter Ordnungen. Insofern ist die historische Gegen-
wart eine kritische, eine negative Epoche. Sie ist nicht Ordnung, sondern Gesche-
hen, Bewegung, Umbildung.
Echte Bildung – und erst recht die Volksbildung – kann nicht Künftiges vorwegneh-
men, Generationen überspringen. Sie kann sich ihrer Aufgabe nach nur an den kon-
kreten Menschen der Zeit wenden. Mit der gesellschaftlichen Transformation haben
sich auch Gestalt und Ziele einer Bildungspädagogik gewandelt. Die überkommene
und noch nachwirkende klassische Bildung hat ihre verpflichtende Kraft für die heuti-
ge Generation verloren.
Der deutsche klassische Humanismus entspringt in einer historischen Zwischenlage:
in einer Gesellschaftssituation die noch diesseits der hochkapitalistischen Entwick-
lung und schon jenseits der alten ständischen Ordnung liegt. Die Voraussetzungen
für den Humanismus als einer geistigen Kultur der Persönlichkeit, bestehen nicht
mehr. Die Repräsentation der geistigen Welt in der gebildeten Individualität, die
Entfaltung ihrer natürlichen Anlagen zu einem in sich vollkommenen Mikrokosmos ist
undenkbar, ohne den gemeinsamen geistigen Horizont des klassischen Zeitalters,
ohne eine statische und unfragliche Ordnung und ohne den Glauben, dass in der
gemeinsamen gesellschaftlichen Welt ein Jeder Raum und Stoff findet für die Aus-
bildung seiner Individualität zu einer geschlossenen Ganzheit. – Die Welt der gebil-
deten und schönen Individualität ist heute aus einer öffentlichen zu einer Privatan-
gelegenheit geworden. Die humanistische Bildung ist heute im besten Fall eine ne-
ben anderen.
Die gegenwärtige Zeitlage trägt die Signatur der gesellschaftlichen Auseinanderset-
zung. In dieser Lage kann das Ganze nicht mehr repräsentiert werden. Die Ganzheit
ist fraglich geworden: die Intention auf sie ist nur möglich als Wille zur Synthese. Der
Wille zur Synthese realisiert sich in der Teilnahme an den Auseinandersetzungen
der Zeit. Damit hat sich das Bildungsziel aus dem Humanistischen ins Politische ver-
schoben. Echte Bildung bedeutet heute: Stehen in der Zeit auf bestimmtem Standort
mit wollendem Bewusstsein. Geistige Souveränität bedeutet nicht mehr Reichtum an
Bildung, sondern: eine Souveränität des Willens, der mit geschichtlichem Situations-
bewusstsein ausgerüstet ist.
In wesentlichen Teilen der modernen Volksbildungsbewegung wurde der Versuch
einer Zwischenlösung gemacht. Man hält nicht mehr fest an der klassischen Form
der Bildung, man weiss, dass Volksbildung nur noch im engen Kontakt mit der Le-
benssituation des Menschen möglich ist, dass sie nur von dem jeweiligen sozialen
Standort des Einzelnen, von seiner Gruppe, Klasse, von seinem Beruf her bestimmt
werden kann. Von hier aus wird nun eine Korrektur am Humboldtschen Bildungsbe-

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griff versucht. Man bemüht sich um eine Bildung, die dem Menschen und seinem
Standort lebensnah ist. Anstelle des klassischen Altertums tritt die Gegenwartskun-
de. Von hier aus versucht man den Einzelnen zu einem vertieften und sinnhältigen
Erlebnis seiner partikularen Lebenslage heran zu bilden.
Hier wird die klassische Bildungspädagogik stofflich gewandelt – die Form und Funk-
tion der Bildung bleibt die klassische. Denn die wesentlichen Voraussetzungen des
alten Humanismus werden beibehalten: dass näml[ich] die einzelnen sozialen Le-
benskreise zusammen immer noch ein Ganzes, eine Ordnung bilden – wenn man
nur zu einem vertieften Erlebnis seines partikularen Daseins im Zusammenhang des
sozialen Ganzen kommt. Man nimmt an, dass dieser, nur eben ins modern-
Sachliche übersetzte Humanismus dem Menschen noch eine Bindung an eine be-
reits fraglich gewordene Welt sein kann. – Die Voraussetzungen für diesen sozialen
Optimismus sind aber mit der humanistischen Situation vorbei.
Echte Bildung soll keine Neutralisierungssphäre sein. Das Schweben zwischen den
Standorten, zwischen den Trägern der gegenwärtigen Auseinandersetzung ist nicht
die Aufgabe der heutigen Bildungspädagogik.
Auch die “Mitte” ist ein Standort, allerdings. Aber wenn sie auf einer persönlichen
Entscheidung gegen die Entscheidungen der Zeit überhaupt beruht, so ist sie ein
negativer Standort.
In diesem Sinne hat auch die freischwebende Intelligenz keinen positiven Willens-
standort: denn sie wird ihrer geistigen Souveränität ledig, wenn sie aufhört von be-
stimmten Positionen her wollendes Bewusstsein zu sein.
Allerdings schafft echte Bildung eine Atmosphäre des Verständnisses auch des
Gegners. Verständnis des Gegners bedeutet nicht Erlöschen des eigenen Willens,
sondern Klarheit über die wesenhaften und generellen Grundlagen der eigenen und
gegnerischen Positionen; es bedeutet Unbefangenheit gegenüber zufälligen und
partikularen Formen der Gegnerschaft.
Der Gebildete ist als solcher kein Funktionär, obwohl er es auch sein kann, ebenso
wie der Funktionär auch gebildet sein kann. – Der Horizont des Funktionärs ist be-
stimmt durch die taktische Perspektive auf den nächsten und übernächsten Schritt,
den er als Glied seiner Bewegung zu vollziehen hat. Er ist – in dieser idealtypischen
Reinheit gedacht – reiner Wille, orientiert an der taktischen Vernunft. Als solcher be-
darf er nur einer persönlichen Willensentscheidung, keiner geistigen Souveränität,
keines historischen Situationsbewusstseins. Die Bemühung darum ist Aufgabe des
Gebildeten.
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* Das Original befindet sich im Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Graz,
  Nachlass Ernest Manheim, Signatur 31/5. Zuerst abgedruckt in: Ernő – Ernst – Ernest
  Manheim. Soziologe, Anthropologe, Komponist. Zum 100. Geburtstag. Katalog zur Aus-
  stellung anläßlich des 100. Geburtstags an der Universitätsbibliothek Graz vom 3. März bis
  14. April 2000. Herausgegeben von Reinhard Müller. Graz: Universitätsbibliothek Graz
  [2000], S. 37-38.
  Hektografiertes Thesenpapier zu einem Vortrag im Rahmen der Leipziger Volkshoch-
  schule. Anm. R.M.




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posted:10/26/2011
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